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Die Ermordung von Daunte Wright: Kooptation und Revolte — Ein Jahr nach dem George-Floyd-Aufstand: Was hat sich geändert?

Von CrimethInc

  1. April 2021, Brooklyn Center, ein Vorort von Twin Cities: Der 20-jährige Schwarze Daunte Wright wird von einem Cop wegen angeblich abgelaufener Kennzeichen kontrolliert und ermordet. Mitten im Prozess gegen den Polizisten, der im vergangenen Mai George Floyd in Minneapolis ermordet hat, zeigt dieser Mord, dass sich die Situation für Schwarze Menschen, die von Polizeigewalt bedroht sind, seit Mai 2020 kaum verändert hat. Daraus lassen sich wichtige Schlüsse ziehen.

Kim Potter, die Polizistin, die Daunte Wright ermordet hat, war die Präsidentin der Brooklyn Center Police Officer’s Association; sie arbeitet seit fast 25 Jahren für die Abteilung. Obwohl der Bürgermeister von Brooklyn Center versucht hat, den Mord als Unfall darzustellen, ist auf den Aufnahmen der Body Cam zu sehen, wie sie mehrere Sekunden lang mit der Waffe hantiert, bevor sie ihn erschießt. Der Mord an Daunte Wright ist nicht das Ergebnis eines Mangels an Training, Erfahrung oder richtigen Protokollen. Es ist das vorhersehbare Ergebnis der Entsendung bewaffneter Söldner_innen, die ungestraft Gemeinschaften terrorisieren.

Officer Kim Potter und der Polizeichef von Brooklyn Center, Tim Gannon, sind heute zurückgetreten, aber das ändert nichts an der Wahrscheinlichkeit, dass sich solche Morde wiederholen werden. Es handelt sich hier nicht lediglich um einige faule Äpfel.

Die Demonstrationen des letzten Sommers gegen Polizeimorde wurden teilweise durch die Versprechen von Politiker_innen entschärft, Mittel für die Polizei zu kürzen. Keines dieser Versprechen hat zu einer wirklichen Veränderung geführt. Heute müssen diejenigen, die sich gegen Polizeimorde wehren, erkennen, dass der lehrreiche Präzedenzfall der Bewegungen von 2020 die tatsächliche Zerstörung des Dritten Reviers durch die Bewegung von unten war, nicht irgendeine der reformistischen Bemühungen, die folgten. Die Abschaffung der Polizei wird nicht über die gleichen Kanäle erfolgen, die die Polizei überhaupt erst aufrechterhalten.

Die anarchistische Nachrichtenquelle It’s Going Down (deutsche Übersetzung hier) bietet einen Überblick über die Solidaritätsdemonstrationen, die im ganzen Land als Reaktion auf den Mord an Daunte Wright stattgefunden haben. Während sich die unmittelbaren Bedingungen, die Zehntausende dazu veranlassten, im Mai und Juni 2020 in den offenen Kampf gegen die Polizei zu ziehen, mit dem Ende der Trump-Administration und dem Rückgang der Pandemie verschoben haben, hat sich die konfrontative Herangehensweise, die die Menschen im letzten Sommer anwandten, normalisiert und die Bandbreite der Taktiken, die weithin als legitim angesehen werden, erweitert. Dies stellt eine neue Basis für Kämpfe gegen weiße Vorherrschaft und Polizeigewalt dar.

Im folgenden Bericht aus Minneapolis lassen wir die Ereignisse der letzten 48 Stunden Revue passieren, darunter auch die Mahnwache zum Gedenken an Daunte Wright.


Ein kalter, regnerischer Frühling in Minnesota. Ein junges Paar geht aus, eine Verkehrskontrolle, ein Leben. Daunte Wright, 20 Jahre alt, angehalten wegen abgelaufener Kennzeichen, ermordet vom Staat. Auf der offiziellen Pressekonferenz, zusätzlich zur Veröffentlichung der Bodycam-Aufnahmen, behauptet Mike Elliot, der erste afroamerikanische Bürgermeister des Vororts Brooklyn Center, dass die Beamtin, Kim Potter, einen „tragischen“ Fehler gemacht hat, indem sie beabsichtigte, ihren Taser abzufeuern, aber stattdessen ihre Pistole in einer „versehentlichen Entladung“ abfeuerte. Ein weiterer Unfall für die Polizei – und ein weiterer Tod für die Bevölkerung.

Jamar Clark, 16. November 2015
Philando Castile, 6. Juli 2016
George Floyd, 28. Mai 2020
Daunte Wright, 12. April 2021

Alles junge Schwarze Männer, alle aus Minnesota, alle aus Hennepin County, alle von der Polizei ermordet.

Während Daunte Wright seinen Tag verbrachte, ohne zu wissen, dass es sein letzter sein würde, verfolgten Menschen im ganzen Land den Prozess gegen den Mörder von George Floyd. Als die Polizistin ihn anhielt, war die Staatsanwaltschaft unter der Leitung des Generalstaatsanwalts von Minnesota, Keith Ellison, gerade dabei, ihren Fall vor den Geschworenen abzuschließen.

Als erster Muslim, der in ein nationales Amt gewählt wurde, repräsentiert Keith Ellison das Bestmögliche, was das Wahlrecht zu bieten hat und gehört zum progressivste Teil der Demokratischen Partei. Sein Sohn, Jeremiah Ellison, führt die Forderung im Stadtrat von Minneapolis an, der Polizei die Mittel zu kürzen; seine Ex-Frau sitzt im Schulausschuss und setzt einen neuen Plan durch, um die Leistungslücke in Minnesota anzugehen. Ellison ist ein Freund der Arbeiter_innenschaft und wird von der Farmer Labor Partei, Minnesota DFL, unterstützt. Die Democratic Socialists of America unterstützten ihn bei seiner Bewerbung um den Vorsitz der Demokratischen Partei im Jahr 2017.

Die Gemeinschaft erhob sich als Reaktion auf den Mord. Viele Menschen gingen am Sonntagabend auf die Straße, allen voran Ortsansässige und junge Leute. Die Polizei reagierte mit harter Hand: Sie griff die Demonstrierenden mit Tränengas, Gummigeschossen und Schlagstöcken an und feuerte wahllos in Richtung der Wohnungen und einkommensschwachen Häuser rund um die Polizeistation in Brooklyn Center. Die Anwohnenden wehrten sich, wütend über diese eklatante Missachtung ihrer Sicherheit. Bis in die Nacht hinein tobten erbitterte Kämpfe, die örtlichen Geschäfte brannten. Am nächsten Morgen verbreitete sich die Nachricht, dass die Familie von Daunte Wright eine Mahnwache für 19 Uhr am Montagabend an der Kreuzung Kathrene Drive und 63rd einberufen hatte, wo die Polizei Daunte vor den Augen seiner Freundin niedergeschossen hatte.

Der Staat reagierte mit einer Ausgangssperre, die um 19 Uhr begann und bis 6 Uhr morgens dauerte. Die Mahnwache wurde auf 18 Uhr verlegt.

Seit 2020 haben Gegner_innen von Polizeigewalt eine autonome Zone am George Floyd Square aufrechterhalten. In den Tagen nach der Ermordung von George Floyd errichteten Menschen eine hölzerne Skulptur einer erhobenen Faust auf dem Platz, als dieser der Brennpunkt des Widerstandes war. Seitdem wird die George Floyd Square Autonomous Zone von der Community und anderen Gruppen als Raum für die Organisierung vor Ort und in ganz Minnesota verteidigt. Die Verteidiger_innen der George Floyd Square Autonomous Zone brachten die Skulptur der Faust zur Mahnwache in Erinnerung an Daunte Wright mit, die für die kollektive Verteidigung aller Schwarzen Leben und den Widerstand gegen das System, das sie nimmt, steht.

Die Faust vom George Floyd Square.

Trauernde versammelten sich aus dem gesamten Großraum der Twin Cities und strömten zur Polizeistation in Brooklyn Center. Anwohner_innen, die über die Tränengaseinsätze der Polizei und die Beschießung ihrer Häuser mit Gummigeschossen wütend waren, gingen trotz des eisigen Regens zu Hunderten auf die Straße. Der Protest schwoll bis 20 Uhr auf über 1000 Teilnehmende an; das Polizeirevier wurde umstellt. Hunderte weitere Demonstrierende umkreisten das Gebiet in ihren Autos, hupten, blockierten den Verkehr und behinderten die Polizei beim Aufmarsch ihrer Kräfte. Die Menge zündete Feuerwerkskörper; die Behörden befürchteten einen weiteren totalen Kontrollverlust.

Der Bürgermeister Mike Elliot forderte den demokratischen Gouverneur von Minnesota auf, die Nationalgarde und Beamt_innen aus anderen lokalen Zuständigkeitsbereichen hinzuzuziehen. Im Vorfeld des Urteils im Mordprozess um George Floyd war ein Notfallplan ausgearbeitet worden, der den Einsatz von über 1000 Soldat_innen der Nationalgarde vorsah. Nun, als die Nacht herein brach und die Bewohner_innen der überwiegend Schwarzen Gemeinschaft mit niedrigem Einkommen ihrer Trauer und Wut Luft machten, beschlossen die progressiven Staatsdemokrat_innen, die volle Macht und Wut der Nationalgarde und einer Armee von lokalen Beamt_innen zu entfesseln.

Menschen versammeln sich zur Mahnwache für Daunte Wright.

Mit Schlagstöcken marschierend, griff die Polizei Trauernde und Presse gleichermaßen an, feuerte Gas und Gummigeschosse ab und schlug Köpfe mit methodischer Wut ein, um die Demonstrierenden zu zerstreuen, während gepanzerte Fahrzeuge eine Absperrung errichteten. Hunderte wurden auseinandergetrieben. Demonstrierende in ihren Autos wurden verfolgt und verhaftet. Immer , wenn die Polizei ein Auto anhielt, umzingelten sie es und richteten Sturmgewehre in das Gesicht des Fahrers*der Fahrerin.

Inmitten des Chaos tauchten gegen 23 Uhr Bürgermeister Mike Elliot und Generalstaatsanwalt Keith Ellison auf, um sich an die Menge zu wenden.

Flankiert von Gardist_innen, Bereitschaftspolizist_innen und privaten bewaffneten Sicherheitsleuten, wandten sich die Vertreter des Staates an die Demonstrierenden. „Wir hören euch, bitte geht nach Hause“, flehte Bürgermeister Mike Elliot, der einen Helm in Militärqualität trug und im eiskalten Regen schwitzte.

„Schafft eure Schweine von den Straßen!“, antworteten wütende Trauernde.

„Das geht nicht, wir müssen – alle müssen – nach Hause gehen. Wir hören euch!“, flehte Elliot.

Keith Ellison schaltete sich ein. „Ihr wisst, wo ich heute war. Ihr wisst, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werden wird.“

„So wie die Gerechtigkeit, die du für Floyd bekommst? Wir haben hier draußen gerade einen weiteren Mann verloren!“, kam die Antwort.

„Hört zu, der Gerechtigkeit wird Genüge getan, die Ausgangssperre wurde ausgerufen und ihr müsst alle wieder nach Hause gehen! Wir wollen keine weiteren Opfer, wir wollen keine weiteren Märtyrer_innen, wir wollen nicht, dass hier draußen heute Nacht noch jemand verletzt wird!“ Ellison zog sich hinter die Polizeikette zurück.

„Wir brauchen nicht noch mehr Märtyrer_innen.“ Eine subtile Drohung von Generalstaatsanwalt Keith Ellison.

Wir brauchen nicht noch mehr Märtyrer_innen. In diesem Austausch hat Generalstaatsanwalt Ellison alles gesagt, was man über elektoralen Reformismus und den Staat wissen muss. Er möchte uns glauben machen, dass er selbst als Generalstaatsanwalt, der an der Seite des Bürgermeisters steht, keine Autorität über die Polizei oder die Nationalgarde hat. Seine Aussage war eine Drohung, die andeutete, dass tödliche Gewalt angewandt werden würde, um die Ausgangssperre durchzusetzen, wenn es nötig ist und dass er nichts tun kann, um es zu stoppen – oder aber, dass er sich entscheidet, es nicht zu tun.


Dies hilft zu erklären, warum Demonstrierende weiterhin Taktiken anwenden, die selbst im Angesicht von koordinierter staatlicher Gewalt Druck ausüben können. Am Abend des 11. April waren mindestens 52 Geschäfte im gesamten Gebiet der Twin Cities von Vandalismus oder Plünderungen betroffen. In der Nacht zum 12. April wurden erneut Dutzende von Geschäften verwüstet und geplündert, darunter eine Target-Filiale, ein Handyladen, ein Dollar Tree in einer Strip Mall, in der alle Läden geplündert wurden, sowie mehrere andere Ziele in Uptown Minneapolis und weitere Strip Malls.

Am Ende sind nur wir die Gerechtigkeit. Wir sind diejenigen, die bestimmen müssen, womit die Polizei davonkommt und welche Konsequenzen sie und die Regierung, die sie bezahlt, zu tragen haben – nicht die Gerichte, die von demselben System geleitet werden, das sie aussendet, um uns anzugreifen.

Wir erheben uns in Brooklyn Center. Wir erheben uns auf dem George Floyd Square. Wir erheben uns überall.

Das Urteil im Mordfall George Floyd ist gefallen – genau wie im Fall von Jamar Clark, Philando Castile und Daunte Wright. Dies waren keine Unfälle, sondern das unvermeidliche Ergebnis der rassistischen Gewalt im Kern der regierenden Institutionen dieser Gesellschaft. Wir müssen diese Institutionen und die Ordnung, die sie aufrechterhalten, abschaffen. Jede Person, die sich dem in den Weg stellt, macht sich mitschuldig am Mord.