6. Januar: Eine Massenbasis für den Faschismus?

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Während die Republikaner:innen zerbrechen, entsteht eine neue politische Mitte – weiter nach rechts

Erstmals veröffentlicht auf CrimethInc


Als Folge der Besetzung des Kapitols in Washington durch Donald Trumps Anhänger:innen nach einer Kundgebung, auf der er seine unbegründeten Behauptungen des Wahlbetrugs verkündete, zersplittert die Republikanische Partei und bereitet die Bühne für die Vertiefung einer neuen überparteilichen politischen Mitte – wenn auch viel weiter rechts als zuvor. Doch dies ebnet auch den Weg für große Teile von Trumps Basis, sich von der repräsentativen Demokratie zu verabschieden und eine explizit faschistische Alternative anzunehmen. Die Ereignisse des 6. Januar bieten ihnen Märtyrer:innen und ein revanchistisches Narrativ, das ihnen für die kommenden Jahre dienen wird und einen internen Mythos für die Rekrutierung und eine Rechtfertigung liefert, wann immer sie Gewalt anwenden müssen.

Die Ereignisse vom 6. Januar werden Trump-Anhänger:innen in den Augen der Zentrist:innen diskreditieren und einige Republikaner:innen dazu zwingen, ihre Loyalität zur Mitte zu verlagern, aber sie werden auch die Grenzen dessen verschieben, was akzeptabel ist. Dies kann der Far Right helfen, landesweit zu rekrutieren und könnte ähnliche Aktionen in der Zukunft normalisieren.

Dies ist eigentlich ein sehr altes Problem, das nie verschwunden ist.

Aber das ist nicht die einzige Gefahr, die uns bevorsteht. Im Namen eines Krieges gegen den Extremismus werden die Zentrist:innen fordern, die gleiche Maschinerie der staatlichen Repression auszubauen, die der nächste Trump unweigerlich gegen uns einsetzen wird. Das ist im Wesentlichen das, was in der Weimarer Republik geschah und die Bühne für den Aufstieg des Dritten Reiches bereitete. Ebenso war Trumps Hauptwaffe im Jahr 2020 das Ministerium für Heimatschutz, das unter Bush als Antwort auf die Anschläge vom 11. September geschaffen wurde, und er hat auch von der weiteren Zentralisierung unter Obama profitiert. Zentristische Appelle, das „Chaos“ zu bekämpfen, werden dazu dienen, viele unserer ehemaligen Verbündeten von der Straße zu holen, während sie neue Razzien rechtfertigen, die sowohl uns als auch die Far Right ins Visier nehmen werden.

Das staatliche Vorgehen danach wird die Freiheiten auf der ganzen Linie unterdrücken und alle Formen des Dissenses ins Visier nehmen. Als Erdoğan in der Türkei einen rechten Militärputsch niederschlug, ebnete das den Weg für ihn, jede Form von Protest zu unterdrücken. Die staatliche Unterdrückung der Rechten wird dem Drehbuch folgen, das sie gegen unsere Bewegungen verwenden – reformistische Elemente einbinden und „extremistische“ Elemente isolieren und zerstören. Wenn der einzige Druck auf die Regierung von der Far Right ausgeht, wird der Staat ihnen Zugeständnisse machen.

Wir sehen bereits, wie sich unsere ehemaligen Verbündeten bei den Ereignissen am 6. Januar von der Straße zurückziehen. Die Liberalen drängten die Menschen dazu, nicht nach DC zu gehen, da sie sich darauf verließen, dass die Behörden mit den Trump-Anhänger:innen umgehen würden. Dies war eine Fehlkalkulation. Die Sicherheitskräfte sind nicht besonders geneigt, dem Teil der Bevölkerung, mit dem sie am meisten sympathisieren, die Stirn zu bieten – und selbst wenn sie sich dazu entscheiden, sind ihnen durch die tief verwurzelten institutionellen Gewohnheiten, konservative Weiße viel respektvoller zu behandeln als People of Color, Arme und Antikapitalist:innen, effektiv die Hände gebunden.

Kurz gesagt, niemand wird kommen, um uns zu retten. Wir müssen uns auf die Möglichkeit vorbereiten, dass eine ermutigte faschistische Bewegung weiterhin Anschläge in den USA verüben wird, während ein neuer zentristischer Konsens in der Regierung Maßnahmen ergreift, die sowohl uns als auch sie ins Visier nehmen. Wenn unsere Bewegungen überleben sollen, wird dies die Organisierung von Gemeinschaften und Solidarität in einem Ausmaß erfordern, wie wir es noch nicht gesehen haben.

Wir haben bereits Anzeichen für eine parteiübergreifende Verschiebung hin zur Unterdrückung von Anarchist:innen und Antifaschist:innen gesehen. Zum Beispiel kündigte der Bürgermeister von Portland, Ted Wheeler, ein Demokrat, nach seiner Wiederwahl neue Bemühungen an, Antifaschist:innen und Anarchist:innen ins Visier zu nehmen, zu diskreditieren und zu unterdrücken, wobei er die gleiche Sprache wie Trump verwendet. Die New York Times hat vor drei Monaten dasselbe mit uns gemacht und Trumps Reden fast wortwörtlich nachgeplappert.

Trump selbst bedrohte Antifaschist:innen vor dem 6. Januar, indem er sie aufforderte, sich aus Washington, DC fernzuhalten, damit sie nicht die Show stören, die er zu inszenieren gedenkt. Die Far Right hat die Gegnerschaft zur „Antifa“ fast zur Gesamtheit ihres Programms gemacht – nicht nur, weil negative Punkte zur Einheit in einer Zeit der politischen Polarisierung am sinnvollsten sind, sondern auch, weil Antifaschist:innen bis zu diesem Zeitpunkt so viele Siege errungen haben, was ihr eigenes Wachstum bremst. Am 5. Januar kündigte ein Memo des Weißen Hauses, das direkt aus dem faschistischen Drehbuch kopiert wurde, an, dass sie versuchen, den Anarchist Exclusion Act von 1903/1918 wieder aufleben zu lassen, der darauf abzielt, Menschen aus den USA auszuschließen, die sich dem Faschismus widersetzen. Eine solche Politik, die unter Trump begonnen wurde, könnte unter Biden fortgesetzt werden – zum Beispiel, wenn seine ehemaligen republikanischen Unterstützenden sich der politischen Mitte anschließen, unter der Bedingung, dass diese die Punkte ihrer bereits bestehenden Agenda übernimmt.

„Die Tradition der Unterdrückten lehrt uns, dass der ‚Ausnahmezustand‘, in dem wir leben, die Regel ist. Wir müssen zu einem Geschichtsbegriff kommen, der dem entspricht. Dann wird klar werden, dass die Aufgabe, die vor uns liegt, die Einführung eines wirklichen Ausnahmezustandes ist; und unsere Position im Kampf gegen den Faschismus wird sich dadurch verbessern.“

-Walter Benjamin, On the Concept of History


Die Ereignisse des 6. Januars: Eine grobe Timeline

Der Nachwelt zuliebe haben wir einige der wichtigen Szenen, die sich an dem Tag abgespielt haben, dokumentiert. Später, wenn diese Erzählung angefochten wird, kann es hilfreich sein, diese alle an einem Ort zu haben.

Dieses Filmmaterial zeigt den Beginn des Einmarsches. Berichten zufolge waren viele derjenigen, die an der Spitze des Angriffs standen, langjährige Faschist:innen:

Einige haben übertrieben, wie bereitwillig die Polizei die Tore für die Trump-Anhänger:innen öffnete. Hier ist ein weiterer Blick auf die anfänglichen Zusammenstöße:

Es entwickelten sich verwirrende Szenen, als einige Trump-Anhänger:innen versuchten, die Beamt:innen vor anderen Trump-Anhänger:innen zu schützen, während sie die Polizei weiter zurückdrängten:

Diese Luftaufnahme zeigt eine Reihe von Polizist:innen, die versuchen, eine viel größere Anzahl von Trump-Anhänger:innen zurückzuhalten:

Trump-Unterstützende stürmen die Nordseite des Kapitolgebäudes:

Sie drangen vom ersten Stock in das Gebäude ein und drangen bis zur Außenseite der Senatskammer vor:

Hier sehen wir sie in der Rotunda ankommen. Wie viele Leute bemerkten, hielten diese Samtseile sie effektiver zurück als die Polizei es getan hatte:

Trump-Anhänger:innen setzten einen Feuerlöscher im Kapitol ein und stießen dann weiter mit der Polizei zusammen.

Die Polizist:innen zogen ihre Waffen, um das Stockwerk des Repräsentantenhauses zu verteidigen.

Die Trump-Anhänger:innen, die den leeren Senat betraten, fanden ein Vakuum im Epizentrum der Macht vor – sie hatten den Tempel eingenommen, nur um Gott abwesend vorzufinden. Macht ruht nicht an fetischisierten physischen Orten; sie besteht vielmehr aus all den verschiedenen Arten, wie wir gewohnt sind zu gehorchen, den zahllosen gedankenlosen Gesten, mit denen wir jede Stunde, jeden Tag unsere Macht an die Autoritäten abtreten.

Währenddessen berichtete die New York Times, dass Sprengsätze in den Hauptquartieren der Republikaner:innen und Demokrat:innen gefunden wurden.

Eine „dem Weißen Haus nahestehende Quelle“, die in Kontakt mit den in das Gebäude eingedrungenen Trump-Anhänger:innen stand, verbreitete die Nachricht, dass die Teilnehmenden beabsichtigten, die ganze Nacht über im Kapitol zu bleiben. Zusammenstöße mit der Polizei im Inneren des Gebäudes machten dies jedoch unmöglich. Es scheint, dass die Teilnehmenden weiter gekommen waren, als sie erwartet hatten, und – überrascht von ihrem anfänglichen Erfolg – nicht in der Lage waren, ihren Vorsprung zu festigen, um das Territorium zu halten.

Agent:innen des Secret Service hatten eine Tür verbarrikadiert; als Trump-Anhänger:innen versuchten, diese zu durchbrechen, gab einer von ihnen einen einzigen Schuss auf eine Person in der Front ab – Ashli Babbitt, eine ehemalige Polizistin – und tötete sie. Die Polizei war auf der anderen Seite der Tür, direkt hinter Babbitt. Dieses verstörende Video fängt den Moment ein, als die Polizei sie erschoss.

Hier ist ein weiterer Blickwinkel auf die Erschießung. Auch hier ist der Inhalt extrem verstörend.

Hier ist ein Interview mit dem Trump-Unterstützer, der neben Babbitt stand, als sie erschossen wurde:

Wenn man sich dieses Interview anschaut, ist es schwer zu sagen, wie viel davon Naivität und wie viel ein Kunstgriff ist. Es wirkt gleichzeitig wie ein Werk selbstbewusster Propaganda und gleichzeitig seltsam naiv.

„Elizabeth war nicht bereit für die Revolution.“

Berichten zufolge setzte die Polizei zu diesem Zeitpunkt bereits Tränengas ein:

Die Zusammenstöße gingen weiter, als die Polizei versuchte, die Rotunda zurückzuerobern:

Hier verlässt eine große Anzahl von Trump-Anhänger:innen mit entblößtem Gesicht das Capitol:

Währenddessen spielten sich ähnliche Szenen in anderen Hauptstädten des Landes ab:

Vizepräsident Mike Pence hat den Einsatzbefehl für die Nationalgarde genehmigt, nicht Trump. Dies scheint die Spekulationen zu untermauern, dass Trump oder seine Unterstützenden dafür gesorgt haben könnten, dass die Sicherheitskräfte nicht ausreichend vorbereitet waren oder die Reaktion anderweitig verzögert wurde. In Teilen Mexikos heißt es, wenn die Polizei oder das Militär auffällig abwesend sind, dann deshalb, weil Paramilitärs kommen, um die Drecksarbeit für sie zu erledigen. Das bleibt Spekulation, aber es ist sicher, dass Trump im letzten November veranlasste, langjährige Beamt:innen aus dem Verteidigungsministerium und anderen Behörden zu entfernen und sie durch Loyalist:innen zu ersetzen, sobald seine Niederlage gegen Biden bestätigt wurde und die Befehlskette umstrukturierte, um die Macht direkt in seinen Händen zu konzentrieren. Auf die Gefahr hin, eigene Verschwörungstheorien zu verbreiten, erinnern wir uns daran, wie er am 18. November in Fort Bragg, als der amtierende Verteidigungsminister Christopher C. Miller verkündete, dass von nun an die Special Operations direkt an ihn berichten würden, sich selbst unterbrach, um zu sagen: „Das ist ein Omen„:

„Während wir die Befehle des Präsidenten umsetzen, erkennen wir auch, dass Übergänge und Kampagnen mit Risiken und unerwarteten Herausforderungen und Gelegenheiten behaftet sind. Deshalb bin ich heute hier, um dies zu verkünden – dies ist ein Omen… Ich bin heute hier, um zu verkünden, dass ich die zivile Führung der Special Operations angewiesen habe, direkt an mich zu berichten, anstatt über die derzeitigen bürokratischen Kanäle.“

Wie auch immer, am 6. Januar, nach Einbruch der Dunkelheit, wurde schließlich eine große Anzahl von Beamt:innen eingesetzt:

In der Dunkelheit verfolgte die Polizei einige Trump-Unterstützende mit etwas, das eher mit der Art von Gewalt vergleichbar ist, die sie üblicherweise gegen Black Lives Matter-Demonstrationen einsetzen.

Einem Augenzeugenbericht zufolge wurden 15 Fahrzeugen mit Trump-Stoßstangenaufklebern, die auf einem Parkplatz im Stadtteil Fort Totten in DC geparkt waren, die Reifen aufgeschlitzt – zwei pro Fahrzeug, so dass Ersatzreifen das Problem nicht lösen würden.

Danach, im Inneren des Kapitols:

(Eigentlich sind alle Statuen im Kapitol in Blut getränkt – aber die Kameras zeigen nur das Blut, das von Weißen vergossen wurde.)


Das Social-Media Schlachtfeld

Trump seinerseits gratulierte den Teilnehmenden, ohne den Einmarsch explizit zu billigen, um eine plausible Bestreitbarkeit zu bewahren: „Das sind die Dinge und Ereignisse, die passieren, wenn ein heiliger [sic] Erdrutsch-Wahlsieg so kurzerhand und bösartig von den großen Patriot:innen weggenommen wird, die so lange schlecht und unfair behandelt wurden.“ Er fügte eine Nachricht hinzu, in der er das Ereignis als einen grundlegenden Schritt bezeichnete, der die Entstehung einer neuen politischen Strömung bestätigte: „Erinnert euch für immer an diesen Tag!“

Als Reaktion darauf verhängten Twitter und Facebook schließlich Sperren für Trumps Accounts. Auch die Moderator:innen eines der Online-Organisationsräume für die Kundgebung gerieten unter Druck:

Facebook hat bereits vor Monaten viele Anarchist:innen gesperrt – doch während jedes Unglück, das Trump widerfährt, ein willkommenes Hindernis für seine totalitären Bestrebungen ist, ist es unvermeidlich, dass dies letztendlich auch zu mehr Zensur von Anarchist:innen und anderen Teilnehmenden sozialer Bewegungen führen wird. Umso dringender ist es, dass wir jetzt Alternativen aufbauen und fördern. (Anm. d Übers.: Eine sehr gute Alternative zu Twitter ist das dezentrale Social Media-Netzwerk Mastodon – wir haben übrigens auch unsere eigene Instanz unter AntiNetzwerk.de)

Werden sich die Republikaner:innen spalten?

Als Ergebnis dieses Ereignisses haben sich die Republikaner:innen bereits effektiv in zwei Lager gespalten, die radikale Rechte, die Trump unterstützt, und die „Zentrist:innen“, die endlich gezwungen sind, mit Trump zu brechen, obwohl sie die letzten vier Jahre an seinem Rockzipfel hingen.

Eine von Trumps bedrohlichsten Errungenschaften beim Vorantreiben der reaktionären Sache ist, dass heute Republikaner:innen, die durch seinen Einfluss weit nach rechts gerückt sind, von einer überparteilichen Basis als Held:innen der Demokratie gefeiert werden können – einfach weil sie sich entschieden haben, ihn bei einem explizit antidemokratischen Putschversuch nicht zu unterstützen. Während Demokrat:innen und Republikaner:innen, die Trump ihre Unterstützung entziehen, einen neuen parteiübergreifenden politischen Zentrismus vertiefen, wäre die Mitte dieses Zentrismus noch vor wenigen Jahren als extrem rechts angesehen worden. Obamas republikanischer Gegenkandidat bei der Wahl 2008, John McCain, ist nun von Trumps Basis gehasst, aber für viele Demokrat:innen ein Held.

In dieser Hinsicht vertieft Trumps Exodus aus der Mitte der Republikanischen Partei nur die Zugewinne von rechtsaußen auf breiter Front und reinigt sie von jeglicher Assoziation mit seinem polarisierenden Charakter. Wenn die Far Right nun von wütenden Neonazis in „Camp Auschwitz„-Utensilien repräsentiert wird, die sich in einem offenen bewaffneten Aufstand engagieren, wird es für Kapitalist:innen, die Millionen von Menschen abschieben und zig Millionen vertreiben wollen, einfacher sein, sich als eminent vernünftige Verfechter von Mainstream-Standpunkten zu präsentieren. Das gestrige Chaos in Washington hat es rechten Parteien in Europa bereits ermöglicht, sich als bestürzte Verteidiger:innen der Demokratie zu positionieren.

Es ist durchaus möglich, dass einige Trump-Anhänger:innen die Ereignisse des 6. Januars als Weckruf erleben werden. Aber es ist unwahrscheinlich, dass diese Veränderung eine Verbesserung sein wird. Einige von ihnen könnten beschließen, dass sie doch an die staatliche Demokratie und den Rechtsstaat glauben; in diesem Fall werden sie ihre Loyalität zu Leuten wie Lindsay Graham wechseln und bestenfalls ein hartes Durchgreifen gegen Faschist:innen wie auch Antifaschist:innen fordern. Andere werden – nachdem sie endlich erfahren haben, wie es ist, von der Polizei unterdrückt zu werden – zu dem Schluss kommen, dass sie die Demokratie und die Bullen auch hassen, aber aus genau den gegenteiligen Gründen wie die Anarchist:innen, und sich explizit faschistischen Gruppen anschließen.

Dieser Bruch mit anderen Republikaner:innen wird Trump-Anhänger:innen unangenehm sein, da er sie von einem Großteil ihrer Macht und vermeintlichen Legitimität trennt; aber es ist ein notwendiger Schritt für diejenigen, die eine Massenbasis für den offenen Faschismus aufbauen wollen. Sie haben einen faschistischen Pol in der US-Politik etabliert – komplett mit Märtyrer:innen und einem revanchistischen Narrativ – der ihnen für die nächsten Jahre dienen wird und einen internen Mythos zur Rekrutierung und eine Rechtfertigung liefert, wann immer sie Gewalt anwenden müssen. Wie wir argumentierten, als Trump an die Macht kam, wenn der Staat nicht in der Lage ist, die Probleme zu lösen, mit denen die normalen Menschen heute konfrontiert sind, dann könnte es für sie strategisch sein, sich als Feinde der bestehenden Regierung zu positionieren, um aus verzweifelten und entrechteten Weißen zu rekrutieren, deren raciales Privileg sie zu der Überzeugung brachte, dass sie nicht diejenigen sein sollten, die vom Staat im Stich gelassen und von der Wirtschaft ausgebeutet werden.

Wie wir an anderer Stelle argumentiert haben, haben sich Trump und seine Unterstützenden als Reaktion auf den George-Floyd-Aufstand aus dem Gesellschaftsvertrag zurückgezogen und effektiv erklärt: „Wenn wir unsere Privilegien nicht behalten, gibt es Bürgerkrieg.“

Ein Standbein an der Macht

Gleichzeitig ist es, wie wir letzten Monat argumentiert haben, ein Fehler, die Far-Right-Milizen als Rebell:innen gegen den Status Quo zu verstehen, obwohl sie sich selbst als Gegner:innen des Staates selbst bezeichnen. Im Gegenteil – paradoxerweise haben die Teilnehmenden der Bewegung um Trump versucht, sich sowohl als Feind:innen des „tiefen Staates“ als auch als Befürworter:innen der Staatsmacht zu bezeichnen. Folglich haben sie Unterstützung aus dem Inneren des Staates, selbst wenn sie vorgeben, ihn anzufechten.

Sieben Senator:innen und ganze 121 Republikaner:innen im Repräsentantenhaus – mehr als die Hälfte der Republikaner:innen im Repräsentantenhaus und weit mehr als ein Viertel des Repräsentantenhauses insgesamt – unterstützten die Anfechtung der Wahlbestätigung nach dem gestrigen Einmarsch, obwohl klar wurde, dass sie damit absichtlich einen extrem plumpen Putschversuch oder die Gründung einer neuen faschistischen Partei erzählerisch deckten. Mindestens ein gewählter Amtsinhaber, ein Mitglied des Abgeordnetenhauses von West Virginia, nahm an der Erstürmung des Kapitols teil. All dies ist Beweis genug dafür, dass die Bewegung um Trump nicht so schnell verschwinden wird und es für die Behörden sehr schwierig sein wird, die Art von Gewalt gegen sie einzusetzen, die nötig wäre, um ihren Schwung zu stoppen.

Der Abgeordnete Matt Gaetz und andere Republikaner:innen haben eine Seite aus Trumps Drehbuch übernommen und die absurde Behauptung verbreitet, dass die unruhigen Aktivitäten im Kapitol irgendwie das Werk von „Antifa“-Akteur:innen unter falscher Flagge waren. Natürlich gibt es jede Menge an Beweise, die bestätigen, dass der Übergriff von erklärten Trump-Anhänger:innen ausging. Indem sie dreist unverschämte Lügen verbreiten, bauen Gaetz und seinesgleichen eine Basis auf, die absichtlich Unwahrheiten glaubt und verbreitet, um ihre Loyalität zu demonstrieren und altmodischen Politiker:innen und Journalist:innen, die Glaubwürdigkeit noch ernst nehmen, in die Augen zu spucken. Sie zielen darauf ab, die Ankunft eines Tages zu beschleunigen, an dem das, was die Menschen für die Wahrheit halten, nur noch ein Faktor ihrer politischen Zugehörigkeit sein wird und nicht mehr umgekehrt.

Unglücklicherweise ist Gaetz nur einer von vielen Menschen aus verschiedenen Positionen des politischen Spektrums, die versuchen, die politische Identität der Trump-Anhänger:innen, die in das Kapitol eingedrungen sind, zu verschleiern. Die Expert:innen Erin Burnett und Dana Bash schlossen sich Fox News und Vanity Fair sowie den Politiker:innen Marco Rubio und Elaine Luria an, indem sie die Trump-Anhänger:innen als „Anarchist:innen“ bezeichneten – und damit dem unvermeidlichen Versuch vorauseilten, „beide Seiten“, Faschist:innen und Antifaschist:innen, gleichermaßen für die Probleme der Vereinigten Staaten verantwortlich zu machen.

Und Anarchist:innen?

Aus den letzten beiden Versammlungen von Trump-Anhänger:innen in DC haben Anarchist:innen und Antifaschist:innen, die sich in Bezugsgruppen in der Innenstadt von DC bewegen, gelernt und waren in der Lage, brutale Angriffe auf Aktivist:innen of Color und andere zu verhindern, die Gefahr laufen, von Faschist:innen und anderen Trump-Anhänger:innen wahllos angegriffen zu werden. Aber es gab nur sehr wenige gute Nachrichten an diesem düsteren Tag.

Anarchist:innen befinden sich in einer Zwickmühle, wenn sie auf die Ereignisse des 6. Januar reagieren. Es macht keinen Sinn, unser Leben zu riskieren, um die Institutionen zu verteidigen, die über die staatliche Unterdrückung herrschen, noch Faschist:innen eine einfache Möglichkeit zu geben, uns zu töten oder zu verletzen. Gleichzeitig wird der politische Horizont klein werden, wenn wir das gesamte Terrain des Konflikts an eine aufständische radikale Rechte und einen repressiven Polizeistaat abtreten, egal wie viel Schaden sie sich gegenseitig zufügen.

Es wird für Trumps Unterstützenden wahrscheinlich nicht möglich sein, dasselbe zweimal zu tun. Am 20. Januar, wenn Joe Biden zum Präsidenten vereidigt wird, rechnen wir mit einer enormen Polizei- und Militärpräsenz in Washington, DC. Auf der anderen Seite könnten die Trump-Anhänger:innen versuchen, das, was sie in DC getan haben, in den Hauptstädten der Bundesstaaten im ganzen Land zu wiederholen. Diejenigen, die sich sowohl gegen Faschismus als auch gegen staatliche Unterdrückung stellen, müssen vielleicht zurück ans Reißbrett, um die strategischsten Ziele in diesem neuen Szenario zu ermitteln.

Ein Fehler, den wir nicht machen dürfen, ist anzunehmen, dass alle Figuren bereits auf dem Spielbrett sind. Das ist nicht wahr – es gibt immer noch massive Teile der Gesellschaft, die sich noch nicht für die eine oder andere Seite entschieden haben. Die Eile, in Richtung Bürgerkrieg zu eskalieren, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass wir an diesem Punkt ankommen, bevor wir bereit sind. Der Bürgerkrieg mag unvermeidlich sein, aber wenn er es ist, ist das ein Grund mehr, sich auf den Aufbau von Netzwerken zu konzentrieren und diejenigen anzusprechen, die sich noch nicht für eine Seite entschieden haben, solange noch Zeit ist.


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