Freiraum schaffen: Welten außerhalb von Staat und Kapital bauen

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Durch die Sicherung von Land und den Aufbau von Infrastruktur, die unsere kollektive Selbstversorgung erhöht, können wir Welten am Rand der kapitalistischen Ordnung schaffen.

Verfasst von Dennis Schep im RoarMag

In dem Film „Network“ von 1976 droht ein Nachrichtensprecher, der kurz davor ist, seinen Job zu verlieren, damit, sich live im Fernsehen umzubringen. Die Einschaltquoten schießen in die Höhe, er bekommt seine eigene Talkshow als Experte und sein Slogan „I’m mad as hell and I’m not gonna take this anymore!“ geht viral. Im Kontext einer Ölkrise, einer wirtschaftlichen Depression und politischer und racialer Auseinandersetzungen hallt es zwischen den Wohnhäusern wider, bis es erst New York und dann die gesamten Vereinigten Staaten erfasst. Der Satz verkörpert sowohl die Wut als auch die Ohnmacht und Isolation: getrennt in ihren Wohnungen sind die Menschen, die es wiederholen, nicht in der Lage, ein produktiveres Ventil für ihre gemeinsame Unzufriedenheit zu finden.

Heute, wo viele sich in ihren Wohnungen selbst isolieren, fühlt sich der Satz zeitgemäß an. Wenn sich die 1990er Jahre wie das Ende der Geschichte anfühlten und die 2000er Jahre vom sogenannten Kampf gegen den Terror dominiert wurden, dann waren die 2010er Jahre ein Jahrzehnt des Protests. Aber wohin hat uns dieser Protest gebracht?

Mittlerweile verstehen die meisten Menschen, dass der Kapitalismus den Planeten zerstört und unsere Hirne fickt, aber wir sind trotzdem strukturell eingefügt und triebhaft in ihn investiert. Das Kapital hat unsere Wünsche geformt, und nun arbeiten diese Wünsche für seine Reproduktion. Dennoch gerät diese Reproduktion ins Wanken. Die Auswirkungen der letzten Finanzkrise sind kaum abgeklungen, doch die nächste Krise – die jetzt bequemerweise dem Coronavirus und nicht der systemischen Instabilität zugeschrieben wird – hat bereits begonnen.

Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie werden zweifelsohne in einer neuen Runde der Prekarisierung und staatlich unterstützten Umverteilung von unten nach oben bestehen. Wir alle wissen das. Wir haben die Zahlen gesehen. Aber wir können nicht einfach aufgeben. Schließlich müssen wir die Rechnungen bezahlen.

Zeichen aus Blut und Feuer

Diese Notwendigkeit, die Rechnungen zu bezahlen, kann als Kurzform für die Ausbeutungsregime dienen, in die wir kollektiv hineingesteckt werden und die uns allmählich ersticken. Mit wenig bis keinen Ersparnissen leben Millennials von Monat zu Monat, belastet von Studentenkrediten, Kreditkartenschulden und einem prekären Arbeitsmarkt. Unter diesen Bedingungen ist es klar, dass nach dem Bezahlen der Rechnungen nicht mehr viel an Geld oder Energie übrig bleibt, um die persönliche Situation zu verbessern, geschweige denn eine Familie zu planen oder für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten.

Während die Prekarität als individueller Kampf oder sogar als persönliches Versagen erlebt wird, ist sie ein systemisches Problem. Der Kapitalismus hat nie existiert, außer indem er sich von seinem nicht-kapitalistischen Außen ernährt hat. Heute, nachdem er den gesamten Planeten besetzt und die intimsten Aspekte unseres Lebens unterjocht hat, ist ihm das unberührte Territorium ausgegangen und er hat begonnen, sich selbst zu fressen.

Es gab eine Zeit, in der wir keine Rechnungen zu bezahlen brauchten. Bis zum Aufkommen des industriellen Kapitalismus war das meiste Land in Gemeinbesitz. Die Bäuer:innen bearbeiteten das Land und ernährten sich von den Ressourcen, die sie umgaben. Das war kein Eden: Die Arbeit war hart, das Leben war eintönig und ein Großteil der Ernte wurde von der herrschenden Klasse angeeignet. Dennoch waren die Menschen ziemlich autark (eigenständig) und daher autonom.

Das änderte sich zur Zeit der industriellen Revolution, als die Mittel zum Lebensunterhalt in Kapital verwandelt wurden. Gemeindeland wurde in einem massiven Akt des staatlich unterstützten Klassenraubs enteignet, Nutzungsrechte wurden aufgekauft oder einfach annulliert und ein großer Teil der Landbevölkerung war gezwungen, in die Stadt zu ziehen, um sich entweder der neu entstandenen Arbeiterklasse anzuschließen oder als Bettler:innen und Vagabunden zu leben.

Der Kapitalismus versprach Fortschritt und technologische Innovation – und für eine lange Zeit hielt er dieses Versprechen auch ein. Aber die Geschichte von Enteignung und erzwungener Mobilität, die diesem Fortschritt zugrunde liegt, ist, wie Marx im letzten Abschnitt des Kapitals sagt, „mit Zeichen aus Blut und Feuer geschrieben.“

Heute produziert der Kapitalismus keine sinnvollen Innovationen mehr, so wie er es einst tat. Angespornt durch die Globalisierung und den Aufstieg des Internets, hat ein unorganisiertes Prekariat von Gigworkern das Industrieproletariat mit seinen Parteien und Gewerkschaften ersetzt. Viele schlagen sich mit Jobs durch, die nur existieren, weil wir in einer Wirtschaft gefangen sind, die Müßiggang nicht duldet, Positionen, die David Graeber „Bullshit-Jobs“ nannte.

Der Gesamtwert der Finanzprodukte ist mittlerweile um ein Vielfaches größer als der Wert aller Produkte und Dienstleistungen zusammen. Diese Finanzialisierung der Wirtschaft hat den Staat auf eine leere Hülle reduziert, deren Hauptziel es ist, die Börse zu besänftigen. Vor zwei- oder dreihundert Jahren zwang uns der Kapitalismus, einen Deal zu akzeptieren: Ihr gebt uns das Land, das euch ernährt, wir geben euch den Fortschritt. Heute verbrennt dieser „Fortschritt“ den Globus, und der andauernde Krieg gegen unsere Autonomie macht es fast unmöglich, sich etwas anderes vorzustellen.

Ländliche Wohnsitzprojekte

Doch es gibt sie, die Nischen der Freiheit, und sie zu erweitern und zu verbinden scheint ein grundlegender Teil jeder radikalen Politik zu sein, die ihren Namen verdient. Eine erschöpfende Darstellung aller Versuche, Autonomie außerhalb von Staat und Kapitalismus zu erweitern, würde den Rahmen dieses Textes sprengen; ich werde mich auf Projekte konzentrieren, in denen gelebt werden kann.

Im de-industrialisierten Westen ist die Miete zu einer der Säulen eines Kapitalismus geworden, der immer weniger produktiv ist und immer mehr darauf angewiesen ist, das Einkommen von den Arbeiter:innen direkt an die Eigentümer:innen von finanziellem, intellektuellem und materiellem Eigentum zu kanalisieren. In vielen Städten geben die Menschen mittlerweile rund 30 Prozent ihres Gehalts für die Miete aus – eine Zahl, die weiter steigt und das Wohnen sowohl zu einem lukrativen Geschäft als auch zu einem wichtigen Ort des Kampfes macht. Neben vielen Initiativen – darunter Mietobergrenzen, Mietergewerkschaften, Hausbesetzungen und informeller Wohnraum – die sich mit Wohnungsproblemen in der Stadt auseinandersetzen, gibt es eine wachsende Zahl von Initiativen auf dem Land, die Lebensformen schaffen, die nicht die Rentierklasse bereichern.

In den letzten Jahren haben die niedrigen Immobilienpreise auf dem Land, die zunehmende Prekarität in der Stadt und das Auftauchen von Technologien, die es Menschen ermöglichen, von überall aus zu arbeiten, zur Entstehung einer Reihe von Wohnsitzprojekten in ländlichen Gebieten geführt. Viele von ihnen könnten als Künstlerresidenzen oder Ökodörfer bezeichnet werden, aber einige teilen eine Sensibilität, die über die konventionelle Bedeutung dieser Begriffe hinausgeht.

Grob gesagt, halten sie sich an die folgenden Kriterien:

1) Es gibt kein Bewerbungsverfahren, und obwohl sie eher Arbeits- als Freizeiträume sind, gibt es keinen engen Fokus auf die Produktion von Kunstwerken.

2) Sie sind selbstorganisiert und haben in der Regel kein Personal. Die Richtung, die diese Räume einschlagen, wird weitgehend von der Gemeinschaft bestimmt, die sie nutzt.

3) Sie sind nicht gewinnorientiert. Da niemand in der Lage ist, Geld aus dem Projekt zu nehmen, liegen die Unterkunftsgebühren (falls zutreffend) weit unter dem Marktwert von vergleichbarem Wohnraum.

4) Sie schließen keine Person aufgrund ihrer Identität aus, es sei denn, dies wird als notwendig erachtet, um die Sicherheit und den Komfort der anderen Teilnehmenden zu gewährleisten (d.h. Cis-Männer können von bestimmten feministischen Zusammenkünften ausgeschlossen werden).

Innerhalb dieser Kriterien gibt es eine Menge Variationen. Die meisten Projekte funktionieren ohne staatliche Finanzierung, vielleicht wegen eines anarchistischen Ethos, oder vielleicht wegen einer allgemeinen Abneigung gegen Papierkram und Gutachten. Viele haben keine ständigen Bewohner:innen: diese Projekte sind keine Kommunen und die meisten sind offen für kurze Besuche. Einige, wie Kerminy oder Massia, legen den Schwerpunkt auf Gartenarbeit und landwirtschaftliche Produktion. Andere, wie PAF, Konvent, Bidston Observatory oder Calafou, haben einen Fokus auf Kunst und Forschung. The Foundry in Galicien macht ein bisschen von beidem und hat kürzlich einen Fokus auf Selbstversorgung entwickelt.

Sie alle bauen Infrastruktur, um eine Lebensform zu erhalten, die nicht die Systeme nährt, die uns zerstören. Sie befreien den Raum von der Besetzung des neoliberalen Kapitalismus, beackern den Boden und pflanzen etwas Neues.

Während der Standort dieser Projekte viel mit der relativen Zugänglichkeit ländlicher Grundstücke zu tun hat, bieten Stadt und Land auch unterschiedliche politische Potentiale. Es versteht sich von selbst, dass viele wichtige Kämpfe in Städten stattfinden, aber in einer Stadt zu leben bedeutet auch, in ein System des Austausches eingefügt und von ihm abhängig zu sein, das dein Leben benutzt, um seine Reproduktion zu sichern. Das schränkt jedes Bemühen um mehr Autonomie stark ein.

Auf dem Land lebt man von den Produktionsmitteln, was die Nahrungs- und Energiesouveränität viel einfacher macht. Im Vergleich zur Stadt ist das Land ein ruhiger Raum, in dem nicht jeder Quadratmeter von der Staatsmacht überwacht wird oder in den Bilanzen irgendeiner Briefkastenfirma auf den Bahamas verbucht wird. Während eine radikale Organisation darauf abzielen sollte, die Trennung zwischen Stadt und Land zu überwinden, macht die Position des ländlichen Raums im Hinterland des Kapitals ihn zu einem privilegierten Ort für die Konstruktion einer anderen Art von Welt.

Infrastruktur

Diese Residenzprojekte sind in ihrem Umfang und ihrer Skalierbarkeit begrenzt, aber sie sind Teil einer größeren Anstrengung, den Raum zu befreien. Wenn die Befreiung des Raumes große Teile des Territoriums einschließt, ist sie oft auf bewaffnete Selbstverteidigung angewiesen: Weitreichende Experimente der Autonomie an Orten wie Chiapas und Rojava wären ohne bewaffneten Widerstand gegen staatliche Unterdrückung nicht möglich gewesen. In anderen Gebieten ist der Antagonismus weniger offenkundig, und einfache Oppositionen werden den vielen Grauzonen, die in den Zwischenräumen des Kapitals existieren, nicht gerecht.

In urbanen Kontexten gehören zu den Versuchen, den Raum schrittweise von den Interessen von Staat und Kapital zu befreien, Hausbesetzungen und Mietervereinigungen, aber auch innovative Rechtsmodelle, die das Eigentumsrecht gegen sich selbst verwenden. Das deutsche Mietshäuser Syndikat hat eine Rechtskonstruktion entwickelt, die den Wiedereintritt von Wohnungsbauprojekten in den Markt verhindert, die überwiegend städtischen Grundbesitz vom Spekulationsobjekt zum Menschenrecht macht und den Bewohner:innen preiswerten Wohnraum sichert. In anderen Ländern nutzen Community Land Trusts unterschiedliche rechtliche Mittel, um die gleichen Ziele zu verfolgen.

In ländlichen Kontexten gehen Initiativen wie die brasilianische Bewegung der Landlosen (Movimento dos Trabalhadores Sem Terra, MST) gegen die Landungleichheit vor, indem sie unproduktives Land besetzen, um es von ihren 1,5 Millionen Mitgliedern bearbeiten zu lassen. Diese Besetzungen sind rechtlich genehmigt, da die brasilianische Verfassung, wie auch die vieler anderer Länder, das Recht auf den Besitz verlassener Ländereien anerkennt und somit Hausbesetzungen zu einer legalen Möglichkeit macht. In Frankreich gibt es eine Reihe von Gruppen, die sich außerhalb des Bereichs der gesetzlichen Genehmigungen bewegen und zukünftige Bauplätze besetzen, um die Bauarbeiten in den sogenannten ZADs (zones à défendre) physisch zu blockieren.

Viele andere Gruppen, die über einen gewissen Zugang zu Kapital verfügen, haben Flächen gekauft, um dauerhafte Projekte zu bauen, die außerhalb der Koordinaten des Kapitalismus funktionieren. Unterschiedliche Bedingungen und Rechtssysteme erfordern unterschiedliche Strategien, aber diese Projekte strömen in ihrem Versuch zusammen, Geld und Energie von der Reproduktion des Kapitals auf die Produktion von nachhaltigeren und egalitären Lebensformen umzuleiten.

Sich diesen Bemühungen anzuschließen bedeutet, aus unserer kollektiven Ohnmacht herauszutreten, die Sklerose unserer politischen Vorstellungskraft zu beenden und von der Äußerung von Wut zum Aufbau von Welten überzugehen. Indem wir Land und Infrastruktur sichern und unsere kollektive Selbstversorgung steigern, können wir eine Kraft am Rand der kapitalistischen Ordnung bilden – eine Kraft, die diese Ordnung eines Tages ihrer Unvermeidlichkeit berauben kann.

Ein wichtiges Element dieser Bemühungen ist der Aufbau von Netzwerken, um Wissen, Menschen und Ressourcen zu teilen und unsere gemeinsamen Kapazitäten zu erweitern. Während die meisten Vernetzungsbemühungen informell sind, gibt es neue Webseiten für diejenigen, die sich engagieren möchten. Das Museum of Care, Teil des Vermächtnisses für David Graeber, wird im Oktober 2021 als globales Netzwerk von Wohnsitzen seine Arbeit aufnehmen. Eine andere ist freeingspace.com, die bald als strategische Weltkarte veröffentlicht wird, die Gebiete markiert, die von Staat und Kapital befreit sind.

Duale Macht

Im Jahr 1917, zwischen zwei Revolutionen, verfasste Lenin einen Text, in dem er die Idee der dualen Macht propagierte. Auf der einen Seite gab es das etablierte System der bürgerlichen Regierung. Auf der anderen Seite gab es die Sowjets oder Arbeiterräte, die die russische Gesellschaft auf eine andere Art und Weise organisierten und die angesichts ihrer wachsenden Macht eines Tages das Land übernehmen würden.

Heute hat die duale Macht eine andere Bedeutung. In unserem Kontext bezieht sie sich auf den Aufbau von befreiten Räumen und selbstverwalteten Institutionen und den Ausbau von Netzwerken zwischen ihnen, bis sie die Vorherrschaft von Staat und Kapital herausfordern können.

Ein Protest ist die Eröffnung eines Möglichkeitsraumes, und die bloße Tatsache, gemeinsam auf der Straße zu sein, gibt einem das Gefühl, dass eine andere Welt möglich ist – aber die Regierung um Veränderung zu bitten, bedeutet, ein Gebilde zu bestätigen, das strukturell inegalitär ist. Auch das Schreiben wird uns nicht retten: Solange die Abhandlung nicht die materiellen Bedingungen der Existenz beeinflusst, ist die Öffentlichkeit keine Bedrohung für die Macht. Wie Friedrich II. einst gesagt haben soll: „Du darfst so viel denken, wie du willst und über jedes Thema, das du willst, solange du gehorchst!“

Während Protest und Debatte essentiell für die Demokratie sind, geht die Strategie der dualen Macht weiter und zielt darauf ab, eine freiere und demokratischere Welt zu schaffen. Als Teil dieses Prozesses können wir wieder lernen, für unsere Bedürfnisse zu sorgen, ohne uns auf das Kapital zu verlassen, indem wir das Land, auf dem wir leben, kollektiv bewirtschaften, unsere eigene Nahrung und Energie produzieren oder auch nur die Fähigkeiten dazu erwerben. Im Einklang mit dem Ursprung des Wortes radikal, das sich vom lateinischen Wort für Wurzel ableitet, muss die heutige radikale Politik einen botanischen Ansatz verfolgen: Unsere Aufgabe ist es, das System, das uns zerstört, nicht länger zu nähren und eine Lebensform zu kultivieren, aus der die herrschende Ordnung ihren Lebensunterhalt nicht beziehen kann.

Aus dieser Perspektive ist das Bewohnen der oben beschriebenen Wohnsitzprojekte kein Rückzug aufs Land. Vielmehr kann die Trennung zwischen Stadt und Land das Produkt von Ausbeutungsverhältnissen sein. Der Anthropologe Pierre Clastres hat einmal gesagt, dass der Gegensatz zwischen Stadt und Land erst mit der Entstehung des Staates auftaucht, weil Despoten ein Zentrum wollen, in dem sie leben können. Bevor die politische Macht in proto-staatlichen Formationen zentralisiert wurde, gab es keine müßigen Aristokraten, keine Armeen und Priester, die sich um sie versammelten, und keine bäuerlichen Tribute, die sie am Leben hielten. Ohne den Staat gibt es kein Zentrum, nur eine heterogene Menge von Welten.

Den befreiten Raum zu bewohnen bedeutet, Welten außerhalb von Staat und Kapital zu errichten. Wenn diese autonomen Zonen und die Allianzen zwischen ihnen eine kritische Masse erreichen, bedeutet das Verlassen der Metropole nicht mehr, dass man auf kapitalistische Annehmlichkeiten oder die kulturelle Intensität des städtischen Lebens verzichten muss. Noch wichtiger ist, dass das „Bezahlen der Rechnungen“ keine Selbstausbeutung mehr erfordert.

The Foundry

Seit 2018 verbringe ich einen Großteil meiner Zeit in der Foundry, die ursprünglich als Heterotopie für Künstler:innen, Akademiker:innen und Kunsthandwerker:innen gedacht war, aber offen für alle ist, die außerhalb der institutionellen Grenzen von Staat und Markt arbeiten wollen. Die Foundry befindet sich in einem winzigen Dorf in der Nähe der galizischen Küste, das in den 1970er Jahren aufgegeben wurde. Bis jetzt ist die meiste Arbeit in die Restaurierung der Gebäude und die Erhöhung der Selbstversorgung geflossen.

Galicien ist ein ungewöhnlicher Ort, da 25 Prozent seines Territoriums als Gemeindeland klassifiziert ist und somit Ressourcen für die lokalen Gemeinschaften bereitstellt. Gleichzeitig ist dieses Land von skrupellosen Bergbauunternehmen bedroht, die Flüsse verschmutzen und Wälder abbrennen, um an die Bodenschätze unter der Oberfläche zu gelangen. Wir helfen manchmal dabei, das Gemeingut von invasiven Arten zu befreien und verwandeln unseren eigenen Obstgarten in einen bescheidenen Lebensmittelwald. Als Schriftsteller hat mich an diesem Projekt am meisten beeindruckt, dass sich das Fällen von Eukalyptusbäumen, die Renovierung eines verlassenen Hauses und das Anpflanzen von Gemüse genauso politisch anfühlt wie das Schreiben von Texten wie diesem.

In der Foundry gibt es Platz für etwa 20 Leute, und die monatlichen Kosten liegen bei etwa 800 Euro. Wenn der Platz voll belegt ist und Garten und Wild ausreichen würden, um alle zu ernähren – und wenn wir die Kosten für den Kauf und die Renovierung ignorieren – würde das auf etwa 40 Euro pro Person und Monat hinauslaufen. Dieses Geld könnte man mit dem Verkauf von Brettern oder Wildschwein-Dörrfleisch verdienen. Diese Berechnungen mögen lächerlich klingen, und natürlich wachsen nicht alle unsere Bedürfnisse in einem Garten, aber der Punkt ist, dass wir, wenn die bloße Tatsache, am Leben zu sein, nicht die Taschen von jemand anderem füllt, kaum einen festen Job oder staatliche Unterstützung brauchen, um zu überleben.

Auf diese Weise befreit Raum auch Zeit: Ohne Meister, die den Wert unseres Lebens und unserer Arbeit an sich reißen, haben wir zwangsläufig mehr Zeit, um die Fähigkeiten zu entwickeln, die eine weniger entfremdete Existenz ausmachen. Außerdem kann diese Zeit genutzt werden, um unsere gemeinsamen Fähigkeiten zu steigern: indem wir Gemüse anbauen, Bier brauen, lernen, Eisen zu bearbeiten, oder endlich die Bücher schreiben, die wir schon immer schreiben wollten. Zwar mag nicht jede Person den Luxus haben, ihren Job zu kündigen, aber jede Energie, die in die Befreiung von Raum investiert wird, wird nicht in die Reproduktion von Kapital investiert – und die dabei erworbenen Fähigkeiten und Erfahrungen bleiben für immer bei uns.

Welten bauen

„Die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Stadt und Land ist nicht mehr und nicht weniger utopisch als die Aufhebung des Gegensatzes zwischen Kapitalist:innen und Lohnarbeiter:innen“, schrieb Engels in Die Wohnungsfrage. Nach Jahrhunderten der Verstädterung kämpfen viele ländliche Gebiete in Europa heute mit Entvölkerung. Aber sie bieten auch potentiell wertvollen Raum und Ressourcen, um Autonomie aufzubauen.

Wenn das Ersatzheer von Künstler:innen aufhören würde, sich um Stipendien für Projekte in Zentren für zeitgenössische Kunst zu bewerben und anfangen würde, Welten zu bauen, könnten sich vielleicht kulturelle Sensibilität und ökologische Nachhaltigkeit in einer Ökonomie verbinden, die sich um Freiheit und Fürsorge statt um Produktion und Konsum dreht.

Wir sind es leid, zu hören, dass es keine Alternative zum Kapitalismus gibt. Wir haben keine Geduld für die Selbstgefälligkeit einer Unzufriedenheit, die sich in Protesten und Stellungnahmen erschöpft. Unsere intimsten Hoffnungen und Sehnsüchte mögen vom Kapital formatiert worden sein, aber die Vorstellung, dass es kein Außen gibt, ist eine Beleidigung für die tausend kleinen Auswanderungen, die jeden Tag passieren.

Es mag unmöglich sein, dem Kapitalismus gänzlich zu entkommen, aber während die Welt zerbröckelt, wächst etwas von innen. Und wenn wir das kultivieren, was uns erhält, anstatt das, was uns zerstört, kann dieses Etwas eines Tages Staat und Kapital als den dominanten Rahmen, in dem sich unser Leben entfaltet, ersetzen.

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