Cherán: Demokratie ohne Parteien und Polizei

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Übergeordneter Artikel: Eine Welt ohne Polizei

Seit 2011 ist das Munizipium Cherán in Mexiko eine semi-autonome Gemeinde, frei von Parteien und Polizei. Die in dieser Region einzigartige Form der Regierungsführung lässt sich als staatenlose Demokratie einer selbstregierenden indigenen Gemeinschaft bezeichnen, welche weitestgehend frei von staatlichen Eingriffen ist.

Kriminalität und die Avocado-Mafia
Cherán liegt im mexikanischen Bundesstaat Michoacán, der im zentralen westlichen Teil Mexikos liegt und sich nach Westen bis zur Pazifikküste erstreckt. Die Gemeinde hat etwa 20.000 Einwohner:innen.

Wie viele andere Gemeinden in Michoacán litt Cherán unter organisierter Kriminalität, bestochenen Politiker:innen und korrupter Polizei. Entführung, Erpressung, Mord und illegale Abholzung des örtlichen Waldes – das Lebenselixier der Gemeinde – gehörten zum täglichen Leben.

Michoacán ist eine der gefährlichsten Zonen Mexikos. Grund ist unter anderem auch die Avocado-Produktion. Etwa 65 Prozent der mexikanischen Avocodas werden in der Heimat des indigenen Volks der Purépechas angebaut. Das organisierte Verbrechen der Drogenkartelle hat das lukrative Geschäft mit der grünen Superfrucht für sich entdeckt, rodet dafür Wälder und terrorisiert die Bevölkerung.
Die steigende Nachfrage nach der als Superfood bezeichneten Frucht hat nicht nur den Preis in die Höhe getrieben, sondern auch die organisierte Kriminalität auf den Plan gerufen. Unter den Kartellen ging es nicht mehr nur um Kontrollen der Routen für den Drogenschmuggel, sondern auch um die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen.

Allein in Cherán wurden 20.000 Hektar Kiefernwald abgeholzt und abgebrannt, damit auf dieser Fläche eine neue Avocado-Plantage entstehen konnte. Nur noch 7000 Hektar Wald waren übrig. Damit zerstörten die Kartelle nicht nur fast den gesamten Wald, sondern auch die Fauna und die Tierwelt.
Die Anwohner:innen litten unter Angst. Ladenbesitzer:innen mussten Schutzgelder zahlen und Anwohner:innen wurden bedroht, verschleppt oder tot aufgefunden. Von vielen fehlt bis heute jede Spur. Frauenhandel und Prostitution waren an der Tagesordnung.
Hilferufe bei der Regierung blieben erfolglos. Weder Politiker:innen noch die Sicherheitskräfte unternahmen etwas gegen das Geschehen, stattdessen machten sie mit der Mafia gemeinsame Sache.

Der Aufstand
Die indigene Bevölkerung von Cherán wollte sich das nicht mehr gefallen lassen. Am 15. April 2011 nahm eine Gruppe mutiger Frauen, bewaffnet mit Steinen und Schaufeln, ihr Schicksal selbst in die Hand. Im Morgengrauen, begleitet von den Kirchenglocken und Böllern, mobilisierten sie die Nachbarschaft, blockierten die Durchfahrtsstraße und stellten sich den Kartellen zu Wehr.

In der Dokumentation „Cherán: Tierra para soñar” (Cherán: Land unserer Träume) beschreibt eine der Frauen, die am Aufstand beteiligt war, die Ereignisse an diesem Tag wie folgt:
„Wir machten uns im Morgengrauen auf den Weg, gegen 6:30 Uhr am Morgen. Es war noch dunkel. Die Kirchenglocken läuteten gerade zur Messe. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass wir viel erreichen würden. Wir waren doch nur fünf Frauen von hier, aus diesem Viertel, eine Gruppe älterer Frauen. Männer waren nicht dabei oder vielleicht nur ein paar Männer. Es waren vor allem Frauen. Wir liefen hinter den Autos her und warfen mit Steinen. Eine der Frauen wurde von einem rückwärtsfahrenden Auto angefahren und schürfte sich das ganze Knie auf.“

Fünf Mitglieder:innen der Mafia wurden mit Schals geknebelt und in der Kirche eingesperrt. Deren Transporter wurde abgefackelt.
Gemeinsam mit der Polizei und einigen schwerbewaffneten Mafia-Mitglieder:innen wollte der Gemeindepräsident diese fünf Verbrecher:innen befreien. Die Bürger:innen waren außer sich vor Wut und schlugen sie in die Flucht. Wenig später wurden die fünf Mitglieder:innen der Mafia doch der Polizei übergeben, welche sie umgehend wieder auf freien Fuß setzten.
Diese Ereignisse rüttelten die Gemeinde wach. Es wurden Barrikaden errichtet und eine Nachbarschaftswache patrouillierte in der Stadt und in den Wäldern um zu kontrollieren wer in das Gebiet kam.

Beginn der Selbstverwaltung
Die Regierung schwieg über den Aufstand. Auf ausdrücklichem Wunsch der Gemeinde von Cherán sagte das Bundeswahlgericht von Mexiko die Kommunalwahlen in Cherán im November 2011 ab. Die Grundlage der Selbstverwaltung der indigenen Bürger:innen war geboren.

Die Bevölkerung gründete den Rat der K’eris, den Ältestenrat, und führten ein System der Selbstverwaltung ein, welches ohne Wahlen funktioniert und unabhängig von den politischen Parteien ist. Das ganze bisherige System wurde revolutioniert – raus mit den politischen Parteien, raus mit dem Rathaus, raus mit der Polizei.
Neben dem Ältestenrat, bestehend aus 12 Personen, gibt es zudem einen Jugendrat, einen Frauenrat, Nachbarschaftsräte und einen kommunalen Gebietsrat, welcher sich auf die Unternehmensentwicklung konzentriert. Politische Parteien wurden verboten und die Ronda Comunitaria, Cheráns eigenem Sicherheitsdienst, beschützen die Gemeinde und den Wald. „Für Gerechtigkeit, Sicherheit und die Wiederherstellung unseres Territoriums“ steht auf ihrer Kleidung.

In Cheráns einzigartiger Regierungsform liegt die wahre Macht vollständig beim Volk. Es gibt keine einzige Entscheidung, die ohne Konsens getroffen wird, angefangen bei der Frage, wer einen lokalen Arbeitsplatz im Baugewerbe erhält, bis hin zur Zuweisung der öffentlichen Dienstleistungen und der Überwachung der Ausgaben des Haushalts. Die Autorität der Gemeindeversammlung steht über allen anderen lokalen Regierungsorganen.

Nach langen Auseinandersetzungen mit der mexikanischen Regierung wurde Cherán letztlich 2014 als eine legale, selbstverwaltete indigene Gemeinschaft anerkannt. Die Verfassung Mexikos erlaubt Selbstverwaltung und Selbstkontrolle durch indigene Gemeinschaften.
Die Gemeinde Cherán ist seitdem ein semi-autonomes Gebiet. Zwar nehmen die Bürger:innen nicht an politischen Wahlen im Land teil und stehen unter einer Selbstverwaltung, doch sie führen auch Steuern an den Staat ab und bekommen dadurch auch Investitionen für den Aufbau der Gemeinde zurück. Eine Fachhochschule ist gerade im Bau. Vier Kommunalbetriebe (Forst, Sägewerk, Steinbruch und Harzdestillation) geben der Bevölkerung gesicherte Arbeit.

Der Regierung in Mexiko ist Cherán dennoch ein Dorn im Auge. Immer wieder versuchen Parteien und Behörden in Cherán Fuß zu fassen. Auch die eigene Sicherheitseinheit soll in die staatliche Polizei integriert werden. Doch die Gemeinde wehrt sich und beharrt darauf unabhängig zu bleiben. Politiker:innen und Polizei sollen draußen bleiben.

Ende der Gewalt
Cheráns Unabhängigkeit und Vertreibung von Parteien, Polizei, Drogenkartellen und der Avocado-Mafia hat nicht nur den Wald gerettet, sondern auch Frieden gebracht.
Gewaltdelikte ereignen sich nur noch selten, während Michoacán und andere Teile Mexikos weiterhin von hohen Kriminalitätsraten und Morden geprägt sind. Inmitten einer der gefährlichsten Zonen Mexikos haben die Bürger:innen von Cherán eine sichere Insel geschaffen. Dies verdanken sie vor allem, weil sie sich mit denjenigen anlegten, welche die Macht in ihrer Region haben.

Eine Ehrenschlichtungsstelle sorgt für Streitbeilegung unter den Bewohner:innen und bestraft kleine Delikte, wie Alkohol am Steuer, vorzugsweise mit Sozialarbeit. Größere Delikte werden an das Distriktsgericht in Zamora verwiesen – beziehungsweise sollten. Doch das ist mangels größerer Verbrechen nicht notwendig.

Öko-Revolution
Die Gemeinde hat mit Stand Ende 2019 mehr als die Hälfte des Kiefernwaldes, das abgeholzt und abgebrannt wurde, wieder aufgeforstet. Der Anbau von Avocados ist illegal.
Die Entscheidung, den Anbau und die Ernte von Avocados aus ihrem Territorium zu verbannen, haben die Bürger:innen gemeinsam getroffen. Avocado-Bäume sind zu ressourcenintensiv und verbrauchen zu viel Wasser. Der Leiter der kommunalen Baumschule, Miguel Macias, sagt „Die Avocado ist das Gegenteil von der Kiefer. Kiefern geben uns Wasser und Sauerstoff.“

Die Gemeinde verfügt zudem über ein Recycling-Zentrum. Die Mitarbeiter:innen dieses Zentrums haben zwar nur begrenzte Sicherheitsausrüstung und verrostete Kompostieranlagen, dennoch sind sie stolz auf eine weitere Umsetzung ihrer Umweltpolitik: null Abfall. Cherán trennt den Müll in sechs Kategorien, während es in Mexiko-Stadt nur drei sind. Das Ziel ist es alles zu recyceln, wiederzuverwenden oder zu kompostieren.

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