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Erste Protokolle der queeren Goëtie

Eingereichte Übersetzung von First Protocols of Queer Goetia, Originalveröffentlichung auf Contagion Press

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[1. QUEER: „komisch, seltsam, exzentrisch.“ Vom deutschen quer, welches wiederum vom Althochdeutschen Wort für „schief“, twerh, abstammt, dieses kommt von der Wurzel terkw-, „sich drehen, wenden“, wie in „das Labyrinth dreht und wendet sich“

2. GOËTIE: „die Beschwörung von Dämonen oder Geistern“ vom Altgriechischen goeteia, „Zauberei“, von goes „Zauberer, Magier“, letztendlich abgeleitet von goao „zu jammern, zu weinen“ wie in Trauer oder einem Beerdigungs Ritual]

Diese Toten sind hungrig. Fick, tanz, lauf, küss, stiehl, iss dekandent, sing, zerstöre, kreiere. Die Energie des Lebens, eksatischem Lebens, bringt sie näher, nährt.

Lass dich von deinem küssen, tanzen, ficken, kreieren, zerstören in eine Trance bringen.

Gib ihnen Platz und schmücke ihn überschwänglich. Sprich dort mit ihnen, wo sie es gemütlich haben und zuhause sind.

Die Toten, vor allem die queeren Toten, sind unorganisiert, chaotisch. Erwarte keine Organisation. Suche stattdessen Knoten, Affinitäten, Kontakte zwischen ihnen. Sie werden untereinander koordinieren.

Lern ihre Namen, alle ihre Namen, auch die geheimen. Umso besser sie damit zu rufen.

Recherchiere wie besessen, recherchiere hektisch, recherchiere ekstatisch.

Lerne ihre Codes, verpflichte dich diesem Slang, den Zeichen, öffne dich gegenüber verschleierten Nachrichten.

Sei Aufmerksam gegenüber subtilen Vorzeichen – im Radio, in Thrift Shops, Büchereien, beiläufigen Gesprächen – sie funktionieren durch Synchronität.

Es gibt so etwas wie Zufall nicht.

Achte besonders auf Ausgestoßene, Schimpfende, Verrückte, Säufer*innen.

Experimentiere mit Wahrsagerei: praktiziere Bibliomantie, achte auf Vögel, hellsehe in Wein, beruhige deinen Geist.

Ändere deinen Bewusstseinszustand mit Drogen, mit Fasten, mit Tanz, mit Gesang.

Halte Mahnwachen, besuche Erinnerungsstätten, schenke Trankopfer ein, entzünde Kerzen.

Feiere Geburtstage, Sterbetage, feiere Errungenschaften, feiere Feste.

Skizzier eine Karte mit heiligen Orten, eine verzauberte Geographie.

Gehe die alten Wege ab: Bars und Parks und Cruisingorte. Nimm dort ihre Spur auf.

Manche reisen in Rudeln und Häusern, andere sind einsamer. Lern mit
ihnen gemeinsam und alleine umzugehen.

Unter ihnen werden mehr oder weniger erhobene Geister sein, mehr oder weniger weise, mehr oder weniger von ihrem Trauma gefesselte.

Suche Rat von den weisen, und werde nicht vom Schmerz und der Angst der anderen ertränkt.

Du wirst dich vielleicht fühlen als würdest du sterben, du wirst dich vielleicht in Panik und Angst verfallen fühlen. Das sind Kosten der Arbeit. Lerne zu unterscheiden was deines ist und was nicht.

Teil der Arbeit wird es sein die zu unterstützen, die Heilung brauchen. Ihnen beizubringen sich selbst zu heilen.

Heilung kann auch ekstatisch sein.

Kultiviere Empathie. Lerne sie zu regulieren.

Empathie kann als Verlangen, Krankheit, Terror, Freude registriert werden.

Häng dich in deine Ängste und Manien rein, in deine Höhen und Tiefen. Oft findest du die Geister am anderen Ende.

Gleichgewicht ist notwendig. Während du dich mit dem Tot umgibst, lade in gleichem Maße Leben ein.

Reinige dich. Die Toten sind an sich miasmisch.

Reinige mit Blumen, Bädern, Perfums.

Reinige die Türen der Wahrnehmung.

Lerne Türen zu öffnen und zu schließen, baue und verbrenne Brücken.

Sing, vor allem wenn das nie tust, sing für sie und sie allein.

Kultiviere spezielle Qualitäten – ekstatisch, kathartisch, extravagant, chtonisch – in allen Dingen.

Übe automatisches Schreiben, besessenden Tanz und andere Methoden des Channelings.

Reise in die Unterwelt und finde deinen Weg hinaus.

Nimm dir Pausen, nimm dir Platz, nimm dir Zeit, nimm dir Freiheiten.

Die Freaks kommen in der Nacht raus.

Alles tanzt.

Experimentiere mit Arbeit in Gruppen, verstärke Energie und Klarheit. Andere könnten können etwas bemerken das du übersiehst.

Baue Langzeitbeziehungen auf, leiste Eide, ziehe Grenzen.

Schreib Liebesbriefe an die Toten. Achte auf ihre Antworten.

Überwache deine Träume, zeiche sie auf wenn du wachst.

Schreib alles auf, vor allem wenn es anfangs unverbunden scheint.

Lege exzessive Opfergabe dar, Wein und Mixgetränke, Zigaretten, Drogen, Wasser, Süßigkeiten, Kaffee, Licht. Was die Toten im Leben liebten, werden sie darüber hinaus willkommen heißen.

Putze dich heraus um sie zu treffen so wie du es für ein Date tun würdest.

Bring ihnen Blumen. Trag sie in deinem Haar um dich an deine Zukunft unter der Erde zu erinnern.

Erwarte nicht, dass die Toten ihre Verabredungen einhalten. Manche kommen ungünstig früh, andere modisch spät.

Komm trotzdem pünktlich.

Geh raus, und nimm sie mit.

Bleib drinnen, und habe sie zu Besuch.

Erlaube dir zu wandern, in Städten und der Wildnis. Lass die Toten nebenher schweben.

Trag Kostüme, trag Drag, trag Masken. Lass sie die Leere dahinter füllen.

Übe verschiede Masken für verschiedene Situationen zu kreieren.

Schönheit, Intention und Anmut in allen Dingen.

Immer mit Musik, immer mit Stil.

Beschmiere dein Gesicht mit Lippenstift, Asche, Wein.

Zersetze deine Identität. Öffne Löcher durch die Andere eintreten kann.

Diese Geister verschmieren Grenzen, zwischen Geschlechtern, zwischen Selbst und Anderen, zwischen lebend und tod. Lerne dich diesem zersetzen zu ergeben und trotzdem auf der anderen Seite hinauszukommen.

Übe Einsicht in allen Dingen.

Doch spiel mit Undeutigkeit.

Der Unterschied zwischen Leben und Tod kann für die Toten willkürlich erscheinen. Halte dich und deine Freund*innen am Leben. Die Geister werden es nicht.

Wenn die Toten dich lieben, könnten sie dich immer unter ihnen wollen. Lebe dennoch kraftvoll. Du wirst dich ihnen sowieso eines Tages anschließen.

Tod ist ein Initiation.

Tod ist kein Ende.

Fixiere dich nicht auf Grenzen oder Kategorien. Pietät und Verehrung können für diese Geister anders aussehen.

Diese Geister sind immer die Ausnahme.

Bleib flexibel. Passe dich an. Protokolle, wie alles andere, verändern sich.

Gib dich Festen der Sinne hin.

Dein Hirn ist ein fleischiges Organ deines Körpers. Nähre und pflege deine sinnlichen Kapazitäten.

Geist ist dem materiellem innewohnend, lehne falsche Gegensätzlichkeit ab.

Joissance, der kleine Tod wo Schmerz und Vergnügen ungetrennt werden, ist ebenfalls eine Türöffnung.

Lerne die Rüstung abzunehmen.

Lass deine tägliche Routine zu Ritualen gerinnen, lass sie Kraft aufbauen.

Oszilliere zwischen Formalität und Informalität, gib beidem was ihnen zusteht, und erfreue dich an den besonderen, unterschiedlichen Vergnügen.

Geistesbeschwörer*innen Echtheit, Hellseher*innen Echtheit, Geistermedium Echtheit.

Wende dich an Psychopomps.

Widme dich den Kompliz*innen von Eros und Thanatos.

Verbringe Zeit in Küchen, Gärten, Bibliotheken.

Verbringe Zeit mit Nichtstun.

Verbringe Zeit in Stille.

Denke nach über ihre Leben, denke nach über deines.

Denke nach über Nichts, denke nach über die Leere.

Schau in die Sterne. Schau auf den Mond. Schau in die Leere.

Suche Prüfungen heraus die dich näher bringen könnten.

Praktiziere Gegenseitigkeit in allen Dingen. Ein Geschenk erfordert ein Geschenk.

Teil dein Essen und deinen Wein, teil deinen Platz, teil die Sonne. Den Toten fehlt es an sinnlicher Kapazität, aber sie erfreuen sich an unserer.

Schrei deinen Kummer, schrei deine Wut, schrei deine Freude. Die exzessive Qualität der Emotionen wird mit ihnen am klarsten resonieren.

Manchmal erfordern die Toten Blut um zu sprechen.

Was sie brauchen, mehr als alles andere, ist das Geschenk der Erinnerung. Erzähl ihre Geschichten, nenn ihre Namen, bestätige ihre Wahrheiten.

Die Toten werden shaden und tea spillen, pass auf brutalste Wahrheiten auf.

Rezitiere ihre Gedichte, sing ihre Lieder, lies ihre Texte. Lass ihre Wörter in deinen Werken und deiner Sprache weiterleben.

Was erinnert wird lebt.

Das sind Vorfahren zertrennter Linien. Viele wurde im Leben abgeschnitten, wenige haben biologische Nachfahren. Falls du ihr echter Nachfahre bist, ist dein Wohl in ihrem Interesse.

Frag nach Unterstützung in deinen Projekten und Bemühungen, komm zu ihnen für Inspiration und Einsicht.

Un allem was du tust, ehre sie und erkenne diese Unterstützung.

Diese Geister, im Leben, fürchteten sich davor alleine zu sterben. Sichere gegen ihre Isolation im Tod.

Sie starben in Gefängnissen und Camps und Irrenanstalten, durch die Händen von Inquisitoren, Gaybashern und Cops.

Rache ist auch für sie süß.

Die größte Rache ist es in ihrem Namen freudig zu leben.

Sei bereit, dass alte Schulden fällig werden.

Die Toten sind selten von menschlicher Moral eingeschränkt, sie sind furcheinflößende Verschwörer*innen und Verteidiger*innen.

Krieg breitet sich auf alle Ebenen aus, es gibt ebenfalls feindliche Kräfte. Behalte deine Freund*innen nah.

Von Anonym

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