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Porträt der unsichtbaren Frau vor ihrem Spiegel

Als Kind träumte ich davon, die Unsichtbare Frau zu sein. Ich schwor mir, dass Unsichtbarkeit der einzige Wunsch sein würde, den ich tätigen würde, wenn ich einmal an einer Wunderlampe reiben würde. Ich müsste mich am Morgen nicht mehr anziehen, um in die Schule zu gehen – ich bräuchte nicht einmal zur Schule gehen! –, ich müsste nicht mehr zum Friseur gehen, nicht mehr sauber und hübsch sein, müsste nicht mehr gefallen und höflich sein … Im Klassenzimmer an meinem Tisch sitzend sagte ich mir, dass ich als Unsichtbare Frau maximal von meinem Geschenk profitieren würde, mir alle meine Sehnsüchte erfüllen würde. Ich stellte mir vor, wie ich mich straffrei aus den Süßigkeitenregalen im Supermarkt bedienen, alle Filme im Kino sehen und all diese mysteriösen Orte besuchen würde, die kleinen Mädchen verboten wurden, etwa das Zimmer meiner Mutter oder die Umkleideräume der Jungen.

Während ich aufwuchs, lernte ich auf die harte Tour, dass es nicht nur keine Unsichtbarkeit gab, sondern auch dass sichtbar zu sein ein Fluch ist. Gesehen zu werden, benannt zu werden, bedeutet, dass dir dein Leben genommen wird.

Als erstes wurde ich gezwungen ein „Mädchen“ zu sein, eines dieser minderwertigen und schwachen Wesen, das nur in Beziehung zu anderen existieren darf, das um jeden Preis verführen muss und auf alle achtgeben und dabei ständig lächeln muss, das ordentlich sein muss, keine schmutzigen Worte sagen darf, ihr Kleid nicht dreckig machen darf und in jeder Hinsicht perfekt sein muss, während es vor allem nicht zu clever sein darf, weil keine*r ein Mädchen mag, das zu gerissen war.

Dann erfuhr ich mit Verblüffung, dass ich „Chinesisch“ wäre, ein Objekt der Kuriosität, des Exotizismus und Misstrauens, das beständig gefragt wird, wo sie her kommt, ob sie gerne Katzen isst, ob sie wegen ihrer komisch geneigten Augen schlecht sieht, ob sie irgendwelche schmutzigen Worte auf „Chinesisch“ kennt, wenn man sie nicht an ihrem Pferdeschwanz zieht oder sich ihr nur annähert, um sie im Anschluss von sich zu stoßen, um eventuell eine Fäulnis-Rauchwolke oder Chow-Mein festzustellen; Wenn man nicht ohne Umschweife als Verkörperung der Gelben Gefahr angesehen wird, die das Überleben der Weißen und Christlichen Nation gefährdet.

Später wurde ich zu meiner großen Verzweiflung eine „Lesbe“, eine „Muschi-Leckerin“, ein Objekt der sexuellen Phantasie innerhalb des Spielraums dessen, in dem solch ein Zustand dazu dient, den Träger des Phallus (da jede Lesbe nur eine solche ist, weil sie schlecht gefickt wurde und sich eigentlich heimlich danach sehnt, die wahre Ekstase zu erfahren, die ihr ein Schwanz verschaffe) zu erregen, wenn sie nicht ein perverses Wesen ist, das durch ihre Laster die schieren Grundlagen der Familie und der Zivilisation bedroht. Als ich später in den Armen eines Mannes gesehen wurde, wechselte ich sofort in ein anderes Lager, in das der unentschlossenen „Bisexuellen“, der flatterhaften, ungebundenen, Paare trennenden HIV-Überträgerin, die unfähig ist, ihre Homosexualität einzugestehen und folglich jedes Vertrauens unwürdig ist.

All das ist nur das Vorspiel dessen, was mich erwartete, als die Zeit kam, mein Überleben zu sichern. Ich wurde zuerst zu einer „menschlichen Ressource“, einem verachtenswerten Wesen, der Definition nach unproduktiv und selbstsüchtig wegen seiner Forderung angemessen bezahlt zu werden, um überleben zu können, ein Wesen, das beständig verdächtigt wird, ein*e Dieb*in zu sein, ein*e Betrüger*in, die*den wir auf die Ebene eines Untermenschen herabsetzen können, indem wir ihr diktieren, wie sie sich selbst beschäftigen solle, aussuchen, mit wem sie zusammen sein darf und Gehorsam verlangen, sowie Zeichen der Unterwürfigkeit gegenüber ihren Vorgesetzten und Kunden.

In einem unbeholfenen Versuch, der Hölle der Arbeit zu entfliehen, endete ich als „Hure“ und „Pornodarstellerin“, also sozusagen entweder als eine Bedrohung für die öffentliche Gesundheit, Ordnung und Sitten, oder als ein Opfer (allzu oft zu entfremdet und dumm, um sich dessen bewusst zu sein) des Patriarchats und der jahrhundertealten männlichen Unterdrückung, die angeblich die Ausbeutung des Systems unterstützt, indem sie sich weigert, ein bereitwilliges Opfer zu sein und sich von den großen karitativen Seelen retten zu lassen, die besser als sie wissen, was gut für sie ist.

Schließlich erfuhr ich mit Verblüffung, dass ich eine „Intellektuelle“ sei, was in dem Winkel der Erde, in dem ich lebe, bedeutet, dass ich ein verachtenswertes Wesen sei, das die Verbindung zur Realität verloren hat und dessen parasitäre Aktivitäten eine Pest für die Wettbewerbsfähigkeit und den Wohlstand der Nation ist.

Das ist der Grund, warum ich „Anarchist*in“ wurde, in der mehr oder weniger bewussten Anstrengung, denjenigen, die mich betrachteten, ein Bild in ihre Gesichter widerzuspiegeln, das mehr zu dem passte, was ich für mein wahres Selbst hielt. Zu meinem Unglück wurde ich als „Anarchist*in“ zu einer*m Terrorist*in, einer*m Apostel der Gewalt, einem Fenster-Zertrümmerer gepaart mit einer Bombenlegerin, während ich zugleich ein*e klägliche*r und naive*r Träumer*in war, unwissend gegenüber den historischen Gesetzen, irgendein*e unreife*r und nicht ernst zu nehmende Rebell*in – wenn nicht eine Ignorantin beschränkter intellektueller Fähigkeiten, die in der Gesellschaft niemals etwas verändern würde und der öffentlichen Debatte nur schade.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine andere Wahl, als „Scheiß drauf“ zu schreien und zu meinem Kindheitstraum zurückzukehren, indem ich zu „Anabraxas“, der*dem unsichtbaren Mann/Frau wurde.

Du wirst Anabraxas niemals im Fernsehen sehen. Du wirst ihre Stimme niemals im Radio hören. Weil sie weder im Personenstandsregister steht, noch in dem der Steuerbehörde und erst recht nicht auf Wahllisten, da ihr Name nicht einmal auf irgendeinem Plastikausweis steht oder auf einem Grabstein. Anabraxas ist niemand in den Augen von Leviathan. Sie ist ein tot geborenes Kind, die Braut des unbekannten Soldaten, ein Gespenst, eine leere Hülle, ein Mantel mit Löchern, die die Luft durchdringen lassen. Wenn die*derjenige, der*die hinter Anabraxas versteckt ist, so mysteriös ist, wenn sie darauf besteht, unsichtbar zu bleiben und außerhalb der Reichweite, dann liegt das daran, dass das der Preis dafür ist, in einem gebührenden Abstand von den Fleisch-zerfetzenden Zahnrädern und Rädern der Gesellschaft zu bleiben.

Anabraxas konzentriert sich auf eine einzige Aufgabe: Mein Leben zu erschaffen und meine Beziehung zur Welt und zu anderen gemäß meiner eigenen Vorstellung zu gestalten – in anderen Worten, mir meine Existenz im Hier und Jetzt im Rahmen meiner eigenen Möglichkeiten wiederanzueignen. Anabraxas ist ein Werkzeug, das es mir erlaubt, alle Identitäten anzufechten, die sie mir, seit ich geboren bin, aufzuzwingen versuchen. Ich kenne nur eine Sache: Meine Eigene. Offenbar wünsche ich mir mit ganzem Herzen, dass jeder das gleiche tut, denn wenn Individuen gegen ihre eigene Unterdrückung revoltieren und aufbegehren, dann nennt man das was dabei herauskommt „Aufstand“.

Wenn Anabraxas unsichtbar ist, dann liegt das daran, dass ich mir die Taktik des Aufstands zueigen gemacht habe, die darin besteht zu verschwinden. Aufstand ist die Befreiung eines Raumes, einer Zeit durch Individuen, die ihre Ausbeutung, ihre Unterwerfung und die Institutionen, die sie ausüben, verweigern. Er kann strategisch verschiedene Formen annehmen, so wie die Temporäre Autonome Zone, Nomadismus, Wege der Umgehung. Er kann von kleinem oder großem Ausmaß sein, nur wenige Minuten andauern oder ein ganzes Leben. Er ist sowohl der Schlag gegen die Institutionen als auch das direkte Experimentieren mit einem Leben, wie es gelebt werden sollte, das heißt, ohne Beschränkungen und Hindernisse.

Aufstand ist das Gegenteil von Aufopferung und Moral. Die*der Aufständische handelt nicht für das Gemeinwohl, für die Befreiung aller, für die Errichtung einer besseren Welt, sondern um uns selbst die Mittel zu verleihen, vom Überleben zum Leben überzugehen, zu schmecken – und sei es nur für wenige Sekunden –, was es wahrhaft heißt lebendig zu sein, bevor wir in die kalten Hände des Todes geworfen werden. Zeit und Raum des Aufstands werden gelebt wie eine sexuelle Begegnung – nicht als Austausch, sondern nur als ein Geben; eine temporäre Vereinigung um auf ein gemeinsames und konkretes Ziel hinzuarbeiten; kein anderer Zweck, keine andere Bedeutung der Handlung, als das Vergnügen, daran teilzunehmen; die Erschaffung von Begierde und die Verwirklichung von uns selbst durch die egoistische Lust nach dem anderen. Und es ist die Vervielfachung und die Summierung der aufständischen Erfahrungen, die die Apparate der Macht schließlich niederreißen werden.

Aufstand entschlüpft dem öffentlichen Raum, den Orten der Schlichtung und Verdinglichung, den Räumen, die der Freiheit durch die Macht eingeräumt wurden. Das Individuum, das an ihm teilnimmt, nimmt sich der Apparate der Macht an, lebt, begehrt und kehrt dann zurück ins Unsichtbare. In einer Gesellschaft, die danach strebt, alles zu enthüllen, in der gesehen zu werden gleichbedeutend ist mit wahrgenommen, integriert und kontrolliert zu werden, in der der Gipfel des sozialen Erfolgs die Berühmtheit ist – was anhaltende Schlichtung ohne irgendeinen anderen Zweck als den der Verwandlung des Individuums in eine Ware bedeutet – gibt es keinen anderen Ausweg als die Ausflucht, das Verschwinden in die Unsichtbarkeit.

Bis es endlich möglich sein wird zu leben, heilsam und frei im hellen Tageslicht.


[Übersetzung aus dem Englischen. Anne Archet. Portrait of the Invisible Woman in Front of Her Mirror in Return Fire Vol. 3]

Die deutsche Übersetzung dieses Textes wurde erstmals in Zündlumpen #085 veröffentlicht.