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Knast & Abolitionismus Teil 11: Eingeschlossen – Gedanken über das Gefängnis [Bonanno]

Es folgt der elfte Teil aus unserer Knast-Serie mit Beiträgen zum Thema Gefängnis, Abschaffung und Alternativen. Hier geht es zum vorherigen Teil, in welchen der Schwarze Anarchist und Langzeitgefangene Michael Kimble aufzeigt, wie sich Menschen außerhalb der Mauern diejenigen in den Käfigen unterstützen können. Der nachfolgende Beitrag von Alfredo Bonanno ist ein Text eines Vortrags über das Gefängnis, der im März 1993 im Laboratorio anarchico an der via Paglietta in Bologna gehalten wurde, auf deutsch erschienen bei Konterband Editionen, Zürich, Januar 2014.

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Der Diskurs über das Gefängnis ist ein Diskurs, den die revolutionäre Bewegung und die anarchistischen Gefährten schon lange führen, er kommt regelmässig wieder auf, weil er für viele von uns ein Problem darstellt, das uns direkt betrifft oder Gefährten betrifft, die uns nahe stehen, die uns am Herzen liegen.

Zu verstehen, wie das Gefängnis ist und wie so es existiert und funktioniert, oder wie es, je nach Blickwinkel, nicht mehr existieren, oder besser funktionieren könnte, ist zweifellos eine interessante Sache. In der Vergangenheit habe ich vielen Gesprächen, Vorträgen und Diskussionen über dieses Thema zugehört, besonders vor etwa zehn Jahren, zu einer Zeit, als eine analytische Betrachtungsweise der Realität vorherrschte, dominierte, die von einem gewissen Marxismus verwaltet wurde, der kulturell und praktisch Herr über die politische Szene war, und der zentrale Punkt dieser Debatten war die “Professionalität” von dem, der sich über das Gefängnis äusserte.

Normalerweise hörte man jemandem zu, oder bildete man sich ein, jemandem zuzuhören, der über das Gefängnis etwas zu sagen wusste. Nun, bei mir ist das nicht der Fall: ich weiss eigentlich nicht viel über das Gefängnis, ich habe nicht das Bewusstsein, viel über das Gefängnis zu wissen, denn ich bin keine Fachperson in den Fragen des Gefängnisses, und im Grunde genommen nicht einmal jemand, der wirklich viel darunter gelitten hat,… ein bisschen, das schon. Wenn ihr euch also für diese Betrachtungsweise, sprich für einen professionellen Blickwinkel interessiert, dann erwartet euch von diesem Vortrag über das Gefängnis nicht viel. Was ich sagen werde, besteht vor allem aus persönlichen Eindrücken und einigen kleinen Vertiefungen der geläufigen Thematiken rund um die Frage des Gefängnisses. Keine Professionalisierung, keine spezifische Sachkenntnis. Ich möchte gleich sagen, dass ich eine Art Abneigung, ein Gefühl von tiefer Abscheu gegenüber Leuten habe, die sich auf einem spezifischen Thema präsentieren und, während sie die Realität in Bereiche unterteilen, sagen: „Mit diesem Thema kenne ich mich aus, das werde ich euch jetzt zeigen.“ Diese Fachkompetenz habe ich nicht.

Sicher, ich habe meine Wehen gehabt, in dem Sinne, dass ich vor mehr als zwanzig Jahren zum ersten Mal das Gefängnis betrat, und, effektiv, als ich mich zum ersten Mal eingeschlossen in einer Zelle wiederfand, hatte ich grosse Mühe. Das erste, woran ich dachte, war, das Radio kaputtzumachen, weil es Drahtfunk auf sehr hohem Volumen aussendete und ich nach einigen Minuten, dort drinnen eingeschlossen, glaubte, verrückt zu werden. Ich zog mir einen Schuh aus und versuchte, den Gegenstand, wovon dieser unverschämte Lärm ausging, kaputtzuschlagen. Der Lärm kam aus einer gepanzerten Schachtel, die an der Zellen decke befestigt war, gleich neben einer Lampe, die immer an war. Wenige Minuten nach Beginn meiner Versuche tauchte ein Kopf vor dem Guckloch der Panzertüre auf und sagte zu mir: „Aber entschuldigen Sie, was machen Sie denn da?“, und ich antwortete ihm: „Ich versuche…“, „Nein, das ist nicht nötig. Es reicht, wenn sie mich rufen, ich bin der Putzmann, und somit schalte ich das Radio von aussen ab und alles ist in Ordnung“. In diesem Moment habe ich herausgefunden, was das Gefängnis war, und ist. Seht, darin liegt meine ganze spezifische Bildung über das Gefängnis. Das Gefängnis ist etwas, das dich zerstört, das absolut unerträglich scheint, – „Wie soll ich hier drinnen überleben, ich, mit diesem Ding, das meinen Kopf verstört, das meinen Körper verstört…“ – Tack, eine kleine Handbewegung, und alles ist vorbei. Dies ist meine Professionalität in Sachen Gefängnis. Und es ist auch ein bisschen meine persönliche Geschichte in Bezug auf das Gefängnis.

Sicher, es gibt viele Studien über das Gefängnis, aber ich kenne sie nur in sehr geringen Teilen. Bedenkt, dass manche Studien nicht nur von Spezialisten der Soziologie der Abweichung gemacht wurden, sondern, dass, auf Rechnung des Ministeriums, auch die Häftlinge selbst Studien gemacht haben. Eine dieser Studien fand im Gefängnis von Bergamo statt. Ich, der sie gesehen hat, habe darin unglaubliche Dinge gefunden, bestialische Grafiken, schreckliche statistische Angaben über die Häftlingsbevölkerung in diesem Gefängnis über eine Zeitspanne von, ich glaube, drei Jahren. Wie auch immer, diese Studien lassen zu wünschen übrig, sie sind kein ernsthaftes Material, in dem Sinne, dass es wirklich jemandem vorgelegt werden kann, der eventuell Entscheidungen treffen muss. Im Grunde sollte man, wenn ihr mich fragt, die Fähigkeit der wissenschaftlichen Instrumente und ihre Einsatzmöglichkeiten nicht überbewerten, gerade in diesem Bereich. Die sozialen Wissenschaften sind keine präzisen Wissenschaften, insofern es möglich ist, in der wissenschaftlichen Forschung von Präzision zu sprechen. Es gibt viele Instrumente, doch zumeist sind sie unwirksam. Das mathematische Instrumentarium, das man besitzt, ist immer mehr dabei, an Wert zu verlieren, man wird sich heutzutage bewusst, dass mit diesen Mitteln überhaupt nichts bewiesen werden kann. Es ist unmöglich, auf einen Schluss zu kommen. Man kann nicht sagen: da sich soundsoviele Personen im Käfig befinden, auf gleiche Weise, wie es mit den Mäusen geschieht, lasst uns schauen, was passiert. So einfach ist das nicht, die Menschen sind keine Mäuse, zum Glück. Und zudem ist die Wissenschaft, welche die Leute studiert, die Soziologie, in ihren grössten Teilen ein verworrenes Gebiet voller Scheisse, glücklicherweise.

Aber was sind die theoretischen Positionen bezüglich dem Gefängnis? Ich denke auf diese Frage kann ich, auch aufgrund von meiner Unwissenheit, antworten, dass es viele theoretische Positionen gibt, sie aber alle zu wünschen übrig lassen. Im Allgemeinen interessieren sie mich nicht gross. Es sind jene aus den Büchern, die verschiedenen Dissertationen der Philosophen über das Gefängnis, das Geschwätz der sogenannten Spezialisten. Einige theoretische Positionen sind vor, sagen wir, etwa zwanzig Jahren etwas wichtiger und bedeutender gewesen, verlieren aber heute an Gewicht. Es gibt da eine Konzeption des Gefängnisses, die es, als historische Entwicklung, in Zusammenhang mit einer bestimmten Evolution der spezifischen Produktionsformation des Kapitalismus stellte. So kann man einer etwas zusammengeflickten Rekonstruktion beiwohnen, die folgendermassen vorgeht: das antike Gefängnis, gekoppelt an die vor-kapitalistische, oder vor-merkantile Produktion, dann das merkantile Gefängnis, das kapitalistische Gefängnis, das imperialistische Gefängnis, das… nun, alles Quatsch, meiner persönlichen Meinung nach! Und es interessiert mich nicht im Geringsten, darüber zu diskutieren, ob man heute von einem post-industriellen Gefängnis sprechen kann, das scheint mir Blödsinn, aber es gibt Leute, die Wille und Kapazität haben, dies zu tun, und es dann schaffen, dieses Geschwätz als etwas wirklich wichtiges zu verticken. Ich glaube, dass diese theoretischen Ansichten, ausser auf der Ebene einer soziologischen Übung, nicht viel Wichtigkeit haben.

Die ersten Unterstützer des Gefängnisses sind mit Abstand die Häftlinge selbst, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, selbst verständlich, denn es ist wie beim Arbeiter, der sich mit der Fabrik, mit dem System der Fabrik, falls er ein Fabrikarbeiter ist, oder wesentlich mit der Kette identifiziert, an die er gebunden ist. Wie Malatesta sagte, merken wir nicht, da wir uns an die Kette gewöhnt haben, dass wir nicht dank der Kette, sondern trotz der Kette laufen, und dies geschieht uns, weil es sich hierbei um etwas handelt, das nicht so leicht zu verstehen ist. Wenn du mit einem Häftling sprichst, der zwanzig, dreissig Jahre Gefängnis hinter sich hat, stellst du oft fest, wie er dir zwar alle Wehen des Gefängnisses, usw., erzählt, aber siehst du auch, dass er eine Hass-Liebe-Beziehung zur Gefängnisinstitution hat, denn im Grunde ist diese letztere sein Leben. Und dies ist Teil des Problems. Du verstehst also, dass ausgehend von dem Denken, das aus dem Gefängnis kommt, ausgehend von der Erfahrung, die aus dem Gefängnis kommt, keine Kritik entwickelt werden kann, denn diese Erfahrung ist zwar eine negative Erfahrung von Abstossung und Ablehnung des Gefängnisses, aber wie alle Erfahrungen des Lebens ist sie stets ambivalent. Ich persönlich habe das erlebt, aber ich kann nicht erklären, wie ich es in mir heranwachsen spürte. Die Menschen sind keine Roboter, sie sehen die Dinge nicht in Schwarz-Weiss. Nun, es geschieht, dass du, in dem Moment, wo du das Gefängnis verlässt, das Gefühl hast, als würdest du etwas zurücklassen, das dir lieh ist. Und warum? Weil du weisst, dass du einen Teil von deinem Leben zurücklässt, weil du dort drinnen einen Teil von deinem Leben verbracht hast, der, wenn auch unter schlimmsten Bedingungen, noch immer ein Teil deines Lebens ist, und wie schlimm du ihn auch erlebt haben magst, zwischen den schrecklichsten Leiden, was ausserdem vielleicht nicht immer der Fall ist, so ist er noch immer besser als das Nichts, worauf sich dein Leben reduziert, in dem Moment, wo es nicht mehr ist. Also auch der Schmerz, jeglicher Schmerz, ist noch immer besser als das Nichts, ist noch immer etwas Positives, und vielleicht können wir es nicht erklären, aber wir wissen es, die Häftlinge wissen es. Daher sind die ersten Unterstützer des Gefängnisses die Gefangenen selbst.

Dann ist da der gesunde Menschenverstand, diese allergrösste Hürde, unüberwindlich, dem es nicht gelingt, zu begreifen, wie man ohne das Gefängnis auskommen könnte. Tatsächlich nimmt dieser gesunde Menschenverstand die Vorschläge zur Abschaffung des Gefängnisses in die Mangel und lässt sie manchmal lächerlich werden, denn im Grunde genommen will dieser Vorschlag Ziege und Kohl bewahren, während es ganz einfach wäre, zu sagen: „Das Gefängnis ist unersetzlich, solange die Dinge so bleiben, wie sie sind. Wie soll ich das Recht des Juweliers bewahren, sein Eigentum zu beschützen, gegenüber meinem Recht, ihm die Juwelen mit der Pistole wegzunehmen, ich, der ich kein Geld habe und nicht weiss, was ich essen soll?“ Das sind zwei Dinge, die miteinander in Widerspruch stehen. Wenn ich sie auf die Ebene eines universellen Vertrags, oder eines natürlichen Rechts, das von Gott, vom Teufel, von der Vernunft, oder auch von Kropotkin’s Animalität gewollt ist, wie soll ich da diesen Widerspruch überwinden? Die einzige korrekte Einschätzung ist die elementarste: Wenn es gut läuft, nehme ich das Geld, wenn es schief läuft, sitze ich die Knastjahre ab. Ich habe mit vielen Räubern gesprochen und einer der ersten, den ich getroffen habe, sagte mir folgendes: „Hör zu – sagte er mir – nimm dir ein Stück Papier, du, der du lesen und schreiben kannst, und mach dir die Rechnung. Wie viel kann ich verdienen, wenn ich drei Jahre in einer Fabrik arbeite?“ (Damals konnte man in einer Fabrik innert drei Jahren Arbeit etwa 15 Millionen Lira verdienen). Und er fuhr fort: „Wenn ich einen Raub mache und alles gut geht, nehme ich mir mehr als 15 Millionen Lira, ich nehme mir 20, vielleicht 30, wenn es schief geht, sitze ich drei Jahre Gefängnis ab und stehe wieder da, wo ich angefangen habe. Und zudem, selbst wenn es schief geht, verbringe ich die drei Jahre nicht damit, unter einem Boss zu arbeiten, der mich foltert, oder damit, in Deutschland in Containern zu schlafen, sondern bin ich im Gefängnis und hier werde ich wenigstens respektiert, hier bin ich ein Räuber, und wenn ich in den Hof gehe, werde ich als ernsthafte Person anerkannt, nicht als ein armer Teufel, der von seiner Arbeit lebt“. Ehrlich gesagt, mit all meiner Wissenschaft, ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Was er sagte, schien mir nicht falsch, auch auf der Ebene der reinen Geldrechnung. Und was sollte ich ihm sagen? „Aber, weisst du, man rührt das Eigentum nicht an“. Er hätte mir ins Gesicht gespuckt! Was sollte ich sagen? „Die Waage ist aus dem Gleichgewicht geraten, du musst sie wieder in Balance bringen“, aber für ihn haben sie die Waage ein für alle Mal aus dem Gleichgewicht gebracht. Wie Fichte sagte, der von Philosophie etwas verstand, so dachte zumindest er: „Wer um etwas betrogen wurde, das ihm aufgrund des sozialen Vertrages zu steht, hat das Recht, es sich zurückzuholen“, und das sagte jemand, der gewiss kein Revolutionär war, und nicht einmal ein Fortschrittler.

Die Hürde des gesunden Menschenverstands hält uns davon ab, an eine Gesellschaft zu denken, in der es keine Gefängnisse gibt, und das ist gut so, wenn ihr mich fragt, denn der gesunde Menschenverstand ist nicht immer etwas, worauf es herumzutrampeln gilt, da eine Gesellschaft mit solchen Bedingungen der Verteilung der Produktionsverhältnisse, mit solchen Bedingungen der kulturellen Verhältnisse und der politischen Verhältnisse, ohne das Gefängnis nicht auskommen kann. Und an eine mögliche Beseitigung des Gefängnisses aus diesem sozialen Kontext zu denken, ist eine schöne Utopie, die nur die Seiten der Bücher von jenen nähren kann, die an der Universität arbeiten und vom Staat bezahlt schreiben.

Das Übrige ist meiner Meinung nach wirklich Zeitverlust, zumindest soviel ich verstehen konnte. Es mag sein, dass ich diese Thesen über die Abschaffung des Gefängnisses falsch verstanden habe, es scheint mir aber, festgestellt zu haben, dass einige von jenen, die heute Verfechter des Abolitionismus sind, Leute, die ich persönlich kenne, dieselben sind, wie jene, die sich Gestern, ich sage nicht Stalinisten, aber jedenfalls Verfechter vom Gerede des historischen Materialismus über das Gefängnis nannten, das heisst, Verfechter der Analysen vom Gefängnis als ein Ort, der strikt an die Entwicklung der Produktionsformation gebunden ist, usw. Diese selben Leute sind heute für die Abschaffung des Gefängnisses, weil diese Hypothese von anarchistischer, oder zumindest von libertärer Natur ist, und nicht von autoritärer oder stalinistischer Natur ist. Ungeachtet der aussergewöhnlichen Fähigkeit zur politischen Evolution, womit diese Leute nie aufhören werden, mich zu erstaunen, beharre ich darauf, zu sagen, dass diese These des Abolitionismus so oder so immer Blödsinn ist, auch wenn sie sich als anarchistisch bezeichnet. Und wieso könnte sie das nicht sein? Reden Anarchisten etwa keinen Blödsinn? Das ist nichts Aussergewöhnliches. Ich kenne eine Menge Anarchisten, die Blödsinn reden. Wenn ihr mich fragt, gibt es keine Gleichung zwischen anarchistisch und intelligent, ein Anarchist muss nicht unbedingt intelligent sein. Ich kenne sehr viele dumme Anarchisten. Und ich kenne viele intelligente Polizisten. Was sollte daran falsch sein? Ich habe daran noch nie etwas aussergewöhnlich gefunden.

Ja. Das Konzept scheint nicht schwierig, denn die Abschaffung, zumindest soviel ich verstanden habe – was ich aber vielleicht falsch verstanden habe, und wir sind hier, um unsere Ideen allfällig zu klären – , die Abschaffung von einem Teil eines Kontexts ist eine Ablation. In anderen Worten: ich nehme einen Teil und entferne ihn. Ich müsste also aus der Gesellschaft, wovon das Gefängnis heute ein unersetzlicher Bestandteil ist, in diesem Moment, das Gefängnis nehmen und es entfernen, wie man es mit dem beschädigten Teil eines Ganzen macht, den man herausschneidet und auf den Müll wirft. Das ist das Konzept der Abschaffung. Das Gefängnis abschaffen und es durch eine andere Form von sozialer Organisation ersetzen, die, um nicht ein Gefängnis unter anderem Namen zu sein, keine Sanktion, keine Strafanwendung, kein Gesetz, kein Zwangsprinzip usw. vorsehen darf. Was man vielleicht nicht verstehen will, ist folgendes: die Abschaffung des Gefängnisses sieht die Umkehrung der normalen Situation vor, die rechtlich zwischen dem Opfer und dem, der das Delikt beging, dem sogenannten Täter, geschaffen wird. Heute wird für eine Entfernung zwischen Opfer und Täter gesorgt, die dann mit der Einsperrung zu einer klaren Trennung wird. Opfer und Täter werden sich nie wieder begegnen, im Gegenteil, sie werden sich für immer meiden. Ich werde bestimmt nicht nach Bergamo gehen, um den Juwelier zu treffen, bei dem ich einen Überfall gemacht habe. Er würde, wenn er mich sieht, sofort die Polizei rufen. Daran besteht kein Zweifel.

Was aber geschieht aus Sicht der Abschaffung? Die beiden Subjekte der Tat, die als “illegal” vorgesehen wird, entfernen sich nicht voneinander, sondern treten im Gegenteil durch Verhandlung miteinander in Kontakt. Beispielsweise werden sie in die Lage versetzt, gemeinsam festzulegen, was der Schaden ist, und der Verantwortliche der “illegalen” Tat, anstatt ins Gefängnis zu gehen, verpflichtet sich, den Geschädigten zu entschädigen, mit Geld, falls möglich, oder ansonsten mit Arbeit. Scheinbar gibt es beispielsweise Leute, die sich damit zufriedengeben würden, sich das Haus neu streichen zu lassen, keine Ahnung, solche Dinge. Diese Absurditäten gehen, meiner Meinung nach, von einem philosophischen Prinzip aus, das von anderer Art ist als jenes, welches das Gesetzbuch vorsieht.

Die Entfernung zwischen “Täter” und “Opfer” wird nicht nur von der Herrschaftsstruktur institutionalisiert, sondern auch von den einzelnen konkreten Situationen: abgesehen von jenen Fällen, in denen der Übergang zur sogenannten illegalen Situation von schwer kontrollierbaren Leidenschaften und Gefühlen ausgelöst wurde, sagen wir, in den meisten Fällen, versucht der Täter nicht nur, zu fliehen, um die Beute oder seine Haut zu retten, sondern versucht er auch, möglichst wenig Kontakt mit dem Opfer zu haben. Dann ist da auch der andere Aspekt der Entfernung, der jenige, der vom Eingreifen des Richters, des Anwalts, des Gerichts und des Gefängnisses institutionalisiert wird. Also eine Entfernung nicht nur vom Opfer, sondern auch von der Gesellschaft, mit dem Zusatz von jener besonderen Aufmerksamkeit, die dann aufgewendet wird, wenn der Täter wieder in die Gesellschaft zurückkehrt. Oft gibt es ganz bestimmte Polizeipraktiken, um einen allzu schlagartigen Kontakt zu vermeiden: Du kommst aus dem Gefängnis, und schon kommt die Polizeipatrouille, packt dich ein, nimmt dich auf den Posten mit und du wirst ein weiteres Mal identifiziert. Du bist jetzt ein freier Mann, denn die abzusitzende Strafe hast du beendet, aber sie sind nicht zufrieden. Daher die Ausweisungen aus einer bestimmten Stadt, und schliesslich alle Praktiken, die notwendig sind, um dich fernzuhalten.

Die Abschaffung sieht all das nicht vor. Das Konzept der Abschaffung ist ein Konzept, das komplexer ist, als ich es jetzt, hier, verständlich machen konnte. Es bleibt darin jedoch diese kuriose logische Anomalie: die Ablation ist in Theorie vorstellbar, aber praktisch, in einem sozialen Kontext, worin das Gefängnis offensichtlich ein essenzieller Bestandteil ist, nicht realisierbar.

Die Zerstörung des Gefängnisses hingegen ist klar an ein revolutionäres Konzept der Zerstörung des Staates gebunden und fügt sich daher in einen anderen Prozess der Intervention in die Kämpfe ein. Schliesslich muss das, was vorhin gesagt wurde, um in vollen Zügen verstanden zu werden, von jeglichem effizientistischen Hindernis entleert werden, das oft dafür sorgt, es falsch zu betrachten. Die Kämpfe, woran wir uns beteiligen, und auch die Konsequenzen dieser Kämpfe, können nicht immer der Überlegung unterstellt werden, im Austausch für das, was wir tun, etwas zu erhalten, aus dem, was wir aufs Tapet bringen, zwangsläufig Resultate zu erzielen. Im Gegenteil, sehr oft sind wir nicht in der Lage, die Konsequenzen der Kämpfe einzuschätzen, woran wir uns beteiligen. Es gibt eine relationale Ausbreitung, von sehr grosser Reichweite, deren äusserste Abschwächungsperipherien von uns nicht festgestellt werden können. Wir haben keine Kenntnis darüber, was auf der Ebene von Personen, die sich bewegen, von anderen Gefährten, die andere Dinge tun werden, passiert, Veränderungen von Beziehungen, Veränderun gen von Bewusstwerdung, all das, was nachher kommt, wenn wir denken, dass alles vorbei ist.

Heute Abend sind wir hier, beteiligen wir uns an dieser Diskussion, und für mich ist auch das ein Kampf, denn mir ist nicht danach, einfach zu diskutieren, um den Klang meiner Stimme zu hören. Ich bin überzeugt, dass ins Bewusstsein von jedem von euch Konzepte eindringen, ebenso, wie in mein Bewusstsein die Freude eindringt, hier zusammen mit euch zu sein, eure physische Präsenz in meiner Nähe zu spüren. Wir sind dabei, über etwas zu diskutieren, das mir am Herzen liegt, und diese Bereicherung, die ihr mir schenkt, wer de ich mit mir nehmen, ebenso wie ich, denke ich, euch etwas geben kann, das ihr mit euch nehmen werdet, und das Morgen, unvermutet, in einer anderen Situation, in einem anderen Kontext, seine Früchte tragen könnte. Dies sind die nicht quantitativen, nicht effizientistischen Resultate, die ihren Sinn für sich haben; die ihn in der Praxis, und nicht in der Abstraktheit der Utopie oder der Theorie haben. Die ihn in dem haben, was wir tun, in den Veränderungen, die es uns gelingt, zu realisieren. In diesem Sinne beabsichtige ich, von der Zerstörung des Gefängnisses zu sprechen. Denn, ab dem Moment, wo wir uns in diesen Blickwinkel stellen und kleine Kämpfe realisieren, vielleicht wie die Diskussion von heute Abend, oder wie andere Dinge, die wir hier nicht aufzuzählen brauchen, und die wir Morgen oder in den kommenden Jahren entwickeln könnten, beginnen wir, diese Realität zu verändern. Das Gefängnis wird dann zu einem der Bestandteile dieser Veränderung, und Veränderung, in diesem Kontext, heisst Zerstörung, partielle Zerstörung im Hinblick auf das, was die endgültige Zerstörung sein muss, die Zerstörung des Staates ist. Ich kann verstehen, dass dieses Konzept als allzu sehr an den Haaren herbeigezogen oder als allzu philosophisch betrachtet werden mag, aber wenn wir darüber nachdenken, wird es deutlich, denn es wird zu einem Verhaltensmodell für alle Handlungen, die wir tagtäglich begehen, für unsere Art und Weise, mit jenen in Beziehung zu treten, die uns nahe stehen, mit unseren Vertrauten, mit jenen, die uns jeden Tag ertragen, mit jenen, die wir nur ab und zu mal sehen.

Auch dies ist Teil des revolutionären Projektes. Denn es gibt nicht zwei Welten: Die Beziehung, die ich zu meiner Gefährtin habe, ist eine Sache, die Beziehung, die ich zu meinen Kindern habe, ist eine andere Sache, und die Beziehung, die ich zu den wenigen revolutionären Gefährten habe, die ich in meinem Leben angetroffen habe, um die Welt umzuwälzen, ist eine dritte Sache, alles völlig von einander getrennt. Das stimmt nicht, so ist das nicht. Wenn ich in meinen sexuellen Beziehungen ein Arschloch bin, kann ich kein Revolutionär sein, weil ich diese Beziehungen unmittelbar in einen breiteren Kontext übertrage. Ich mag einer, zwei, drei Personen etwas vormachen können, dann kommt die vierte, die mir die Rechnung präsentiert, und es gelingt mir nicht, ihr etwas vorzumachen. Es muss da zwangsläufig diese Einheit in den Absichten, diese Wahlverwandtschaft geben, die mich mit allen Handlungen verbindet, die ich, in egal welchem Kontext, in egal was ich tue, nicht voneinander trennen kann. Wenn ich ein Arschloch bin, wird das früher oder später dar in enden, offensichtlich zu werden.

Aber kommen wir auf unser Thema zurück, von dem wir uns, wie mir scheint, nicht unweit entfernt haben.

Kommen wir auf die ganze Theorie über das Gefängnis zu sprechen, auf die Frage, wieso die Strafe existiert, wieso die Gerichtsstruktur existiert, die die Strafe stützt und ermöglicht, und darüber, denke ich, wisst ihr alle, die ihr mir zuhört, mehr als ich.

Ich denke, es wäre gut, über einen sehr einfachen Gedankengang übereinzukommen: das Konzept der Strafe basiert auf einem grundlegenden Prinzip, sie ist ein Entzug, dem eine bestimmte Person unterzogen wird, weil sie sich nicht nach den Regeln verhalten hat, die im Voraus festgelegt wurden. Nun, wenn wir genau hinschauen, wird dieses Konzept auf sehr viele Dinge angewandt, auch auf die zwischen menschlichen Beziehungen, aber eine spezifische Sanktion erhalte ich nur dann, wenn ich vor einer richterlichen Struktur, vor einer staatlichen Struktur stehe, die in der Lage ist, dafür zu sorgen, dass diese bestimmte Sanktion gemäss gewissen Regeln, die im Voraus festgelegt wurden, oder zumindest im Umfeld dieser Regeln eingehalten wird.

Was will der Staat mit der Strafe erreichen? Nicht nur der Staat von heute, den wir in einem gewissen Rahmen kennen, sondern der Staat im Allgemeinen, als das, wie er sich im Verlaufe der letzten mindestens dreihundert Jahre entwickelt hat. Die Herrschaft, die sich früher einmal nicht Staat nannte, was will sie erreichen? Sie will in erster Linie den sogenannten Täter einer physischen Kontrollmassnahme unterziehen, die strikter ist als jene, die normalerweise in der sogenannten freien Gesellschaft angewandt wird.

Ich muss noch einmal sagen, dass ich in diesem Bereich kein spezifisches Fachwissen habe, aber soviel ich lesen konnte, was, ich wiederhole, nicht viel, und vielleicht nicht einmal aktualisiert ist, wurden die Kontrollprozesse heute grösstenteils den beträchtlichen Möglichkeiten der Telematik, der Datensammlung usw, anvertraut. Im Grunde genommen ist die allgemeine Fichierung, die im Gange ist (ich habe zum Beispiel gesehen, dass sie sogar mittels der Stromrechnung fichieren), sozusagen eine Einkreisstrategie, die früher oder später alle Fische fischt, weshalb diejenigen, denen es gelingen wird, zu entwischen, nur sehr wenige sein werden. Aber eine solche Fichierung ist nur eine Approximation. Es gibt Länder, die in diesem Bereich fortgeschrittener sind, mit äusserst effizienten Fichierungen, und selbst in diesen Ländern gibt es immer Spielräume für eine aussergesetzliche, wenn nicht sogar in konkreten Termen “gesetzlose” Aktivität.

Das Projekt der Herrschaft ist zweifellos ein allumfassendes Projekt, das heisst, es beabsichtigt, alle und jeden in diese Fichierung mit einzubeziehen. Je wirksamer die Kontrolle im präventiven Sinne wird, desto mehr wird der Staat Herr über das Territorium. Nicht per Zufall, zum Beispiel, wird heute über die Frage der Mafia debattiert, eine Angelegenheit an der Grenze zwischen Realität und Mythos, bei der man nicht genau weiss, wo das eine ins andere übergeht und umgekehrt. Ich weiss nicht, ob wir dieses Argument hier aufzugreifen brauchen, das, auch wenn es faszinierend ist, meiner Meinung nach wenig Konsistenz hat, jedenfalls besteht kein Zweifel daran, dass es sich um ein Argument handelt, das zurzeit auch für mysteriöse Zwecke zur Wiederherstellung der Gleichgewichte gegenüber gegnerischen politischen Parteien ausgenutzt wird… Wie dem auch sei, abgesehen von diesen Tatsachen, würde die

Errichtung einer starken und präventiven Kontrolle die Existenz des Gefängnisses viel weniger unersetzlich machen, zumindest als das, wie wir es heute kennen. Die Strafe erfüllt also auch eine Kontrollfunktion, und je mehr sich diese Funktion ausweitet, indem sie nicht nur sukzessiv, sondern auch präventiv wird, desto mehr neigt das Gefängnis dazu, sich zu verändern.

Halten wir uns bewusst, dass das Gefängnis von heute sehr anders ist als jenes von vor zwanzig Jahren. In den letzten zwanzig Jahren hat es sich viel mehr verändert als in den hundert Jahren davor. Dies sind die Fristen, in denen der Entwicklungsprozess der Gefängniswelt verläuft. Normale Gefängnisse, wie es die sogenannten Modellgefängnisse sind, unterscheiden sich heute nicht besonders von den Spezialgefängnissen[2]. Ich will hier keine Diskussion über überflüssige Dinge führen, aber es gab in den Spezialgefängnissen zwar tatsächlich die besonderen Kontrollen, doch diese stellten nicht das wesentliche Unterscheidungsmerkmal dar. Ich bin in einem Spezialgefängnis wie Fossombrone gewesen, zu der Zeit, als solche Gefängnisse in Betrieb waren, und ich hatte für mehrere Monate den Arikel 90[3] und ich weiss, was das heisst: jeden Morgen Durchsuchung, nackt, und so weiter, jeden Morgen dutzende Wärter vor der Tür, und der ganze Rest. All diese Aspekte sind zweifellos schrecklich, aber der zentrale Punkt liegt nicht hier. Ein besonders grausames Spezialgefängnis gibt es heute nicht. Auch in den sogenannten Spezialgefängnissen wird es heute, im Grunde genommen, vielleicht weniger Sozialitätsstunden geben, wird der Hofgang zu zweit oder zu dritt sein, irgend so etwas, während in Zukunft alles viel schlimmer sein könnte. Wieso?

Wenn diese Kontrolle über das Territorium einmal erreicht ist, würde sich die sogenann te spontane, spontan gekeimte Gefängnisbe völkerung stark reduzieren, es gäbe eine Art Depenalisierung vieler Delikte, ein anderes Funktionieren des Instituts der Untersuchungshaft (vielleicht kontrolliert von jenen elektronischen Systemen vom Typ “Trasponder”, die heute zum Beispiel in Amerika, in einigen Staaten ziemlich verbreitet, angewandt werden, elektronische Armbänder, die bemessen, ob jemand den zugewiesenen Perimeter verlässt, und all diese Dinge). Dann, ja, würde sich zwischen den wahren Gefängnissen und dem Rest der Gefängniswelt, der weiter hin bestehen würde, ein realer und absoluter Unterschied einrichten, da in den wahren Gefängnissen die Isolation, die psychologische Folter und die Weisskittel endgültig an die Stelle der Blutflecken an der Wand treten würden, und in ihnen die Wissenschaft angewandt würde, um die totale Zerstörung jener wirklichen “Gesetzlosen” zu erreichen, die nicht beabsichtigen, mit dem Staat auf eine Einigung zu kommen. In diese Richtung kann eine Evolution des Gefängnisses hypothetisiert werden. Und ich denke, dass die Studien, die fortlaufend gemacht werden, und von denen ich stets Kenntnis habe, so sehr ich auch eine Art Widerspenstigkeit habe, diese Dinge zu lesen, ich glaube, dass sie unter diesem Blickwinkel arbeiten, sprich: jene Kontrolle aufzubauen, die das Gefängnis im Grunde genommen unnötig machen würde, zumindest als das, wie wir es kennen. Tatsächlich wäre es nicht einmal mehr nötig, die Orte der physischen Zerstörung, der Vernichtung, die sie in Betrieb lassen würden, weiterhin “Gefängnissen“ zu nennen, sie könnten sich irgendwie nennen. Zum Beispiel genügt es, zu bekräftigen, dass jemand, wenn er sich auf eine gewisse Art und Weise verhält, verrückt ist, und dann wird er in eine Irrenanstalt eingesperrt. Und falls es dann das Gesetz verbieten sollte, diese Orte mit dem Namen Irrenanstalt zu benennen, wird man sie “Heilige Scheisse” nennen, und doch werden es Orte sein, in denen die Leute umgebracht werden.

Das Gesetz, wie ich vorhin sagte, will also kontrollieren, aber es will auch versuchen, den Straftäter, also denjenigen, der sich mit bestimmten schlechten Verhaltensweisen ausserhalb der Regel befleckte, in ein Konzept von Normalität zu führen oder zurückzuführen. Das heisst, auf jenen, der diese abweichenden Verhaltensweisen, diese anderen Verhaltensweisen aufwies, eine orthopädische Technik anwenden, in anderen Worten: es will ihn zurechtrücken, es will ihn ungefährlich machen, es will, dass sich dieses abweichende Verhalten von ihm nicht wiederholt, der Gemeinschaft nicht noch einmal den Schaden, oder den angeblichen Schaden zufügt, den es ihr zugefügt hat.

Aber gleichzeitig, und hier kommt der grösste Widerspruch zutage, der bis heute nicht überwunden wurde, gleichzeitig wird sich die staatliche Justizstruktur, mit all ihren Nuancierungen, obwohl sie eine orthopädische Ideologie akzeptiert – und wir werden sehen, in welchen Grenzen sie sie akzeptiert – , bewusst, dass jenes selbe Instrument, das die Möglichkeit der Strafe anwendet und realisiert, die Gefährlichkeit des Andersartigen anwachsen lässt, ihn also gefährlicher macht. Man hat daher diesen Widerspruch: einerseits will man den Abweichenden mit der Strafe in eine Dimension von Normalität zurückführen, und gleichzeitig erhöht diese Strafsituation – das Gefängnis in erster Linie, um uns richtig zu verstehen – seine Gefährlichkeit. Das heisst, sie präpariert das Individuum als ein Element, das besser geeignet ist, um in einen Prozess der Verschärfung der sozialen Gefährlichkeit einzutreten, die sich vorher auch auf zufällige Weise geäussert haben mag.

Die Unterscheidung, worauf ich mich bezogen habe, basiert auf der, sicherlich nicht klar identifizierbaren, aber ausreichend sichtbaren Existenz einer Minderheit von Rebellen, die im Innern der Gefängnisse die wahre Gemeinschaft von Gesetzlosen bildet. Diese unbeugsamen Individuen haben keineswegs die politischen Charakteristiken, die ihnen eine Debatte aus den 70er Jahren aufzunähen versuchte.

Ich denke, dass heute die Unterscheidung zwischen politischen Gefangenen und gewöhnlichen Gefangenen, die schon seit langer Zeit besteht und, meiner Meinung nach, Ursache so mancher Schäden ist, eine Unterscheidung, die manchmal auch von anarchistischen Gefährten vorgeschlagen und verteidigt wurde – ich spreche noch immer im Rahmen der 70er Jahre und der ersten Hälfte der 80er Jahre eine Unterscheidung, für die schliesslich auch die Macht eingetreten ist, um ihre Gleichgewichte zu verwalten, et cetera, nun, diese Unterscheidung hat keine Daseinsberechtigung. Im Knast, beispielsweise, wenn man den Gefängniswärter ruft, nennen ihn die Politischen “agente” und die Gewöhnlichen nennen ihn “guardia”. Natürlich, dieser Unterschied lässt sofort, bereits beim Ruf: “agente” verstehen, dass da ein Gefährte sein muss. Schaut, diese so nebensächliche, völlig harmlose Tatsache bewirkt bereits eine künstliche Unterscheidung, die, in andere Formalismenbereiche übertragen, von der Macht oft entlehnt und in ein Rekuperationsinstrument verwandelt wurde.

Wenn ihr mich fragt, hatte eine solche Unterscheidung, das heisst, jene zwischen politischen Gefangenen und gewöhnlichen Gefangenen, noch nie eine wirkliche Gültigkeit, ausser in der Perspektive, einen Teil der Gefängnisbevölkerung für quantitative Ziele zu instrumentalisieren: das Anwachsen der militanten Partei, der militärischen und militanten Partei, die Möglichkeit im Innern der Gefängnisse, gewisse Kräfteverhältnisse zu unterhalten, die Absicht, das Häftlingssubproletariat als Manövriermasse zu benutzen. Am äussersten Punkt sind, in gewissen Fällen, einzelne Elemente als Vollstrecker von niederträchtigen Justizwerken benutzt worden, in einfachen Worten: für Morde, um Leute zu töten, habe ich mich klar ausgedrückt? Dies ist getan worden. Das sind historische Verantwortungen, die einige führende Persönlichkeiten der alten kämpfenden Parteien nach marxistisch-leninistischem Muster, die heute auf freiem Fuss sind, auf sich genommen haben. Auch Gefährten von uns sind auf diese Weise getötet worden, nicht, weil diese Unterscheidung gemacht wurde, sondern indem die Auswirkungen einer solchen Unterscheidung instrumentalisiert wurden; weil diese Unterscheidung einigen, die sich als politische Gefangene selbstdefinierten, die Möglichkeit zur Verfügung stellte, das Instrument der sogenannten gewöhnlichen Gefangenen als Rangiermasse zu benutzen, um mit dem Gefängnis zu verhandeln, um mit dem Ministerium zu verhandeln, um gewisse Resultate zu erhalten, oft, um einen Sturm im Wasserglas zu machen. Dies korrespondierte, auf der einen Seite, mit einer militärischen Praxis der Verwaltung der Macht, oder der “Gegenmacht” (jeder nach seinem Geschmack), und, auf der anderen Seite, mit einer Zentralität der Arbeiterklasse draussen (als Gegenaltar zur Zentralität des sogenannten Gefangenenproletariats drinnen, angeführt von der Partei, welche die Arbeiterklasse zu ihrer künftigen Befreiung führen sollte). Meiner Meinung nach sind diese Thesen heute wahrhafte archäologische Fundstücke. Sie entsprechen nicht der Realität, oder zumindest hoffe ich, dass sie ihr nicht entsprechen, als das, wie ich sie verstehe, aber es kann sein, dass ich mich täusche.

Es scheint mir angebracht, hier einen Einschub zu machen, um das Problem von unserer Opposition gegen einen Kampf für die Amnestie zu klären, ein Problem, das vor einigen Jahren nicht wenige Vorwürfe hervorgerufen hatte, auch unter Anarchisten.

Heute hat sich die Situation verändert, was die Verhältnisse innerhalb des Gefängnisses betrifft, zwischen den Häftlingen, die auf Positionen beharren, die fälschlicherweise als unbeugsam bezeichnet wurden, und jenen, die in Verhandlung getreten sind. Damals, als mein Buch herauskam: E noi saremo sempre pronti a impadronirci un altra volta del cielo [Und wir werden immer bereit sein, den Himmel erneut zu stürmen] (Catania, 1984) – ein Buch, das, wie sich viele erinnern werden, eben darauf abzielte, die Möglichkeit eines Kampfes, “um Amnestie zu erlangen”, zu kritisieren, ich glaube zwischen 1985 und 1986 – , damals war die vorherrschende These jene, die im sogenannten Manifest von Scalzone enthalten war, das, eben, einen Vorschlag zum Kampf für die Amnestie verfocht. Die Kritik entwickelte sich daraufhin auch innerhalb der anarchistischen Bewegung, mit den üblichen Missverständnissen. Aber das war ein, sagen wir, nebensächlicher Effekt, das war nicht der Zweck des Buches. Wie auch immer, das Wichtige, und was auch heute wichtig bleibt, ist, dass sich niemand das Recht anmassen kann, zu sagen: „Gefährten, der Krieg ist vorbei.“ Zuallernächst, weil ihn niemand erklärt hat, und daher, bis zum Beweis des Gegenteils, wenn es niemanden gibt, der diesen Krieg erklärt hat, nicht einzusehen ist, wieso ihn jemand für beendet erklären können sollte. Es gibt da nicht einen Staat, der einen Krieg geführt hat, oder eine militärische Gruppe, die die Idee hatte, einen Krieg zu führen. Wenn man auf diese Weise argumentiert, bleibt man im Innern von einer militaristischen Logik, von einer Logik von Gruppen, die sich einander entweder gegenüberstellen, oder entscheiden, sich einander nicht gegenüberzustellen. Unserer Meinung nach kann niemand sagen: „Der Krieg ist vorbei“. Und noch viel weniger kann man es sagen, wenn die Erklärung bloss gemacht wird, um dem eigenen Ablassen ein Fundament zu geben.

Wenn mir nicht mehr danach ist, weiter zumachen, da schliesslich niemand verpflichtet werden kann, weiterzumachen, wenn ihm nicht mehr danach ist, dann sage ich: „Liebe Freunde, ein Mensch besteht aus Fleisch und Knochen, er kann nicht ewig weitermachen. In diesem Kontext ist mir nicht mehr danach, weiterzumachen, was soll ich tun? Soll ich ein Papier unterschreiben? Ich mache keine unsauberen Handlungen, ich lasse keine Gefährten verhaften, einfach ich auf meine Kappe unterzeichne eine Ablasserklärung“. Diesen Fall habe ich immer als legitim betrachtet, denn einer kann nicht verpflichtet werden, weiterzumachen, wenn ihm nicht mehr danach ist. Aber das Ablassen ist nicht mehr legitim, wenn ich, um ihm ein objektives Fundament zu geben, das heisst, um ihm für alle und auf dem Rücken von allen eine Gültigkeit zu geben, dies dadurch rechtfertige, dass ich behaupte: „Ich bin nicht in der Lage, weiterzumachen, da der Krieg vorbei ist“. Nein, hier bin ich nicht mehr einverstanden, denn was bringt das mit sich? Dass alle anderen, ausserhalb und innerhalb der Gefängnisse, für die es nicht wahr ist, dass der Krieg vorbei ist, oder dass jedenfalls jene, für die dieses Konzept von “den Krieg beenden” etwas Diskutables ist, sich veranlasst fühlen, selbst auch zu glauben, dass der Krieg vorbei ist, da alle sagen, dass der Krieg vorbei ist, und auch sie, ob sie abliessen oder nicht abliessen, zur selben Schlussfolgerung gelangen. Und wozu trägt das bei? Dass ich, um meine persönliche und subjektive Entscheidung, den Kampf nicht weiterzuführen, zu rechtfertigen, auch die anderen dazu antreibe, den Kampf nicht weiterzuführen, und das scheint mir etwas Unerhörtes.

Nun, heute haben sich die Bedingungen grundlegend verändert, meiner Meinung nach nicht in dem Sinne, dass es diese Unerhörtheit nicht mehr gibt, sondern in dem Sinne, dass sie ausser Mode gekommen ist, da nun andere Haltungen dazugekommen sind. Man sagt nicht mehr: „Der Krieg ist vorbei“, wozu es im Übrigen nicht einmal einen Grund gibt, das zu sagen, da man sagen müsste: „Der Krieg hat nie begonnen, der Krieg, den wir geführt haben, war, unter gewissen Gesichtspunkten, kein wirklicher sozialer Krieg“. Wie viele Überlegungen es zu machen gäbe. Aber der grösste Teil bevorzugt es, sich der Sterndeutung oder gelegentlich dem Gefangenen-Assistenzialismus zu widmen. Und doch, wenn sie wollen würden, könnten einige von ihnen sagen: „Vielleicht haben wir in gewissen Dingen Fehler gemacht, vielleicht hätten in gewissen Diskussionen, die ab den 70er Jahren geführt worden sind, andere Thesen angenommen werden sollen“. Was eine schöne kritische Überlegung wäre. Ich denke an eine der Diskussionen von Porto Marghera, wo unter anderem über den Tod von Calabresi[4] diskutiert wurde, eine sehr wichtige Diskussion, von der niemand spricht, weil fast niemand etwas davon weiss, in der sich, zum ersten Mal in Italien, zwei Leitgedanken über die Art und Weise zeigten, die Aktionen handzuhaben, aber hier geht es vielleicht um Fragen, die nicht alle interessieren.. Nun, zwischen der Sterndeutung und dem Assistenzialismus kann man also sehen, wie sich eine andere Hypothese in den Vordergrund schiebt: „Der Krieg muss wieder aufgenommen werden, aber mit anderen Waffen, nicht mehr mit der Kritik der Waffen, sondern mit den Waffen der Kritik“. Im Gerede werden sie wieder bereit, die Welt kaputtzuschlagen. Soviel ich weiss, wird dieses Gerede zu einer Verwaltung des Alltags. So kann man sehen, wie überall Zentren zur Ausarbeitung des Geredes entstehen, Zentren zur Verwaltung und zur Ausarbeitung der Information, Radios (speziell die Radios, die sehr wichtig sind, in denen zwischen mehr oder weniger abgefahrener Mukke und gleichemassen unfundierten pseudo-kulturellen Diskussionen, Konzepte zur Aneignung des Territoriums übermittelt werden), Besetzungen an der Grenze der Verhandlung und Besetzungen an der Grenze des Überlebens in einem miserablen und in sich selbst geschlossenen Ghetto. Man beginnt also wieder, von Ausbreitungen über das Territorium zu träumen. Gemeinsam mit dieser Tatsache, sich in alten Konzepten zurückzufinden, die neu überstrichen wurden, setzt sich die selbe Verwaltung wie immer wieder in Gang, die autoritäre, zentralisierte Verwaltung, eine mehr oder weniger militante Partei (so kann man es nicht einmal nennen), und ein neues Gefüge kommt hervor. Noch ist das alles Gerede; wenn es Rosen sind, werden sie blühen. Ich glaube, dass etwas in der Art am geschehen ist, wir brauchen keine präzisen Hinweise zu machen, wir alle wissen sehr gut, wovon ich spreche. Dieses Gerede bringt einige interessante Aspekte mit sich: die Rezyklierung von alten, ausser Gebrauch gekommenen Karyatiden… Sicher, auch ich bin eine alte Karyatide, um Himmels willen… aber ich habe noch immer Ideen, die mir interessant scheinen, das ist meine Meinung, vielleicht täusche ich mich auch.

Es bleibt ein Kern von Gefährten, die im Gefängnis sind, und die immer noch nicht bereit sind, in Verhandlung zu treten, gegenüber diesen Gefährten kann unsere Solidarität gehen. Aber das genügt nicht. Es kann nicht genügen für jemanden, der Jahrhunderte von Gefängnis am Hals hat. Man bräuchte detaillierte Vorschläge, Indikationen, die eine konkrete Zerstörung der Gefängnisse in die Wege leiten. Zum jetztigen Zeitpunkt, so scheint es mir zumindest, ist kein Befreiungsprojekt in Sicht, das sich selbst die Zerstörung der Gefängnisse zu Grunde legt. Man müsste wieder von vorne anfangen. Indem man auf einer Art Kohabitation mit der Macht beharrt, nährt man das Ablassen vom Kampf. Und es geht nicht einfach um ein Modell der Intervention in das Territorium, das ich nicht teile, das ich aber am beobachten bin, während ich andere Dinge tue, wenn ich dazu fähig bin. Es handelt sich leider um einen Mechanismus, der sich wieder in Bewegung setzt, und der seine Früchte tragen könnte, Früchte, die für uns nicht akzeptierbar sind, aber legitime Früchte. Darum ist die Situation heute anders und ich würde dasselbe Buch gegen die Amnestie nicht noch einmal schreiben, ohne etwas daran zu ändern. Andererseits gibt es in Sachen Solidaritätsbekundung, wie beispielsweise, was weiss ich, mit hunderttausend Postkarten, die an den Präsidenten der Republik gesendet werden, keine konkrete Möglichkeit, irgendetwas zu erreichen. Diese Dinge lassen in der Regel zu Wünschen übrig, sie haben noch nie viel bedeutet. Sicher, die Briefe, die Telegramme bedeuten etwas für die Gefährten, die sich dadurch vielleicht nicht alleine gelassen fühlen, denn dem, der im Knast sitzt, bereitet es Freude, Solidaritätsbriefe usw. zu erhalten. Ausserdem kann es, innerhalb gewisser Grenzen, auf die Gefängnisstruktur, auf den einzelnen Gefängniswärter Eindruck machen, der vielleicht, wenn er abends zur Kontrolle vorbeikommt, dein Licht nicht für drei Sekunden anschaltet, sondern es nur für eine Sekunde anschaltet, weil er erschrickt und sich sagt: „Dieser hier hat zwanzig Telegramme erhalten, vielleicht wartet da draussen jemand auf mich und schlägt mir den Kopf ein“. Äusserst wichtige Dinge, um Himmels Willen, das bestreite ich nicht. Es geht darum, etwas zu tun, einen Druck auszuüben, und sei er auch minim, eine Abschreckung in Gang zu setzen, die vielleicht wichtig ist, aber Realität ist, dass diese Gefähr ten leider, realistisch gesehen, noch sehr viele Jahre vor sich haben.

Die Debatte über das Problem der Amnestie war jedenfalls keine blosse theoretische Vertiefung. Sie wurde sehr bald zu einem Instrument, um einige praktische Aktionen zu realisieren, zu einem Versuch, eine gewisse Art und Weise vorzuschlagen, bezüglich dem Problem des Gefängnisses zu intervenieren, und sie hatte, und hat noch immer, ihre Wichtigkeit, um zu versuchen, das Problem vom Gefängnis aus einem revolutionären Blickwinkel anzugehen. Die Analysen, die auf die Akzeptierung ausgerichtet waren, konnten und könnten wieder dazu dienen, die Position von bestimmten politischen Entscheidungen gegenüber dem Gefängnis zu rechtfertigen. Der Fehler, der mit der Akzeptierung eines Kampfes für die Amnestie begangen wurde, war, wenn ihr mich fragt, riesengross, ein Kampf, der leider, unüberlegt oder ahnungslos, auch von nicht wenigen anarchistischen Gefährten vorgeschlagen wurde, die sich, da sie nicht wussten, was sie tun sollen, und sich der Risiken nicht bewusst waren, die eine solche Entscheidung mit sich bringt, entschieden haben, ihn zu unterstützen. Es handelt sich um einen schweren politischen und auch revolutionären Fehler, den ich, wie ich ganz ehrlich sagen muss, nie begangen habe.

Zum Beispiel erwies sich die Position bezüglich dem Gozzini Gesetz[5] anders, je nach den Analysen, welche die Entscheidung zu Gunsten des Kampfes für die Amnestie gerechtfertigt hatten. Eine folgerichtige Entscheidung für die Verfechter der revolutionären Autorität, da es offensichtlich ist, dass, wenn jemand sagt, dass das Gefängnis eine Äusserung ist, die sich in deterministisch festgelegter Abhängigkeit vom Wandel der Gesellschaftsformation verändert, mir die Vorschläge, die mir die Gegenparteimacht, um mein Verhalten an die historische Entwicklung der Realität anpassen zu können, zum Beispiel das Gozzini Gesetz, recht sind, und ich sie somit akzeptiere, im Hinblick auf eine Verschiebung des Kampfes in andere Bereiche. Dasselbe gilt für die gewerkschaftliche Verhandlung. Ich sehe also nicht ein, weshalb das bei der Gefängnisbedingung anders sein sollte. Was nach unschuldigen theoretischen Austüftelungen im soziologischen Bereich aus sieht, wird schliesslich zu Instrumenten ganz präziser politischen Entscheidungen, die das Leben, die Zukunft von tausenden Gefährten betreffen, die im Gefängnis sitzen. Wir haben immer bekräftigt, gegen die Amnestie zu sein, oder besser gesagt, gegen einen Kampf für die Amnestie (was zwei verschiedene Dinge sind; wenn sie uns eine Amnestie geben, nehmen wir sie natürlich an).

Um auf die Widersprüche zurückzukommen, die dem Konzept der Strafe und seinen unterschiedlichen Anwendungsformen inne wohnen, so bleibt der Rahmen, worin sich die theoretische Debatte über das Gefängnis heute noch immer bewegt, im vorhin betrachteten grundlegenden Widerspruch gefangen, der wahrlich unlösbar ist.

Nun, in der Tat hat sich dieser Widerspruch in jüngerer Zeit verschärft. Nicht, dass es ihn früher nicht gegeben hätte, nur, dass früher die Funktion der Strafe, die Funktion der Struktur, welche die Strafe anwandte, und die Funktion der Gefängnisstruktur – sagen wir jene, die wir als das antike Gefängnis definieren könnten, also um oder vor 1500 – , rein verwahrende Funktionen in Erwartung der Anwendung bestimmter Sanktionen oder reine Trennfunktionen waren, sprich beabsichtigten, bestimmte Personen von ihrem sozialen Kontext zu trennen. Ihr müsst wissen, dass beispielsweise das berühmte Gefängnis “I Piombi” von Venedig, im 17. Jahrhundert, wie man in den Memoiren von Giacomo Casanova lesen kann, ein von den Häftlingen selbstverwaltetes Gefängnis war, das heisst, es gab im Innern der Gefängnismauern keine Bewachung, nur ausserhalb gab es Bewachung, und es war eines der schlimmsten Gefängnisse dieser Zeit. Aber mit der Situation von “I Piombi” befinden wir uns bereits etwas später als 1500, wir befinden uns mitten im 17, Jahrhundert.

Das antike Gefängnis hatte also eine ande re Funktion. Das moderne Gefängnis hat die Funktion, zu “rekuperieren” – wir sprechen von theoretischer Funktion das Individuum in eine Bedingung von Normalität zurückzu führen. Zwischen diesen beiden Funktionen, der antiken, worin das Gefängnis bloss als ein Ort betrachtet wurde, an dem das Individuum geparkt werden kann, weil gegenüber ihm eine bestimmte Entscheidung ausgesprochen werden wird (die Todesstrafe, die Ausübung bestimmter Verstümmelungen am Körper, der Ausschluss aus dem sozialen Kontext, die Verurteilung zu einer einfachen Reise nach Jerusalem, was der Todesstrafe gleichkam, angesichts der Schwierigkeiten des Reisens um 1200-1300), und der modernen Funktion, zwischen diesen beiden Funktionen des Gefängnisses gibt es einen Übergang, der vom sogenannten Gefängnis der Arbeitshäuser gebildet wird, das Gefängnis von Anfangs 17. Jahrhunderts, als die ersten Gefängnisstrukturen aufkamen, die eine Funktion von Umerziehung zur Arbeit, von Wiederaufgleisung hatten.

Innerhalb von einem gewissen Rahmen von ausschliesslich kultureller Natur ist über dieses Thema eine theoretische Debatte am Laufen, die ziemlich uninteressant ist, und die wir jetzt nicht zu vertiefen brauchen. Ich kann nur sa gen, dass die Gefängnisstruktur, sagen wir, wie sie von Bentham mit seinem Panoptikum re alisiert wurde, diese architektonische Struktur des Gefängnisses, in der ein einziger Aufseher alle Flügel des Gefängnisses zur gleichen Zeit kontrollieren kann – und bedenkt, dass heu te noch immer, wenn auch etwas verändert, in sehr vielen Gefängnissen eine solche Struktur besteht – , diese Struktur sah im selben Moment das Licht wie die industrielle Revolution begann. Es gibt Leute, die zwischen diesen bei den Entwicklungen einen historischen Paralle lismus sehen: Der Arbeiter, sprich der Werktätige in den ersten Industrieanlagen taucht auf, und die moderne Figur des Gefangenen taucht auf. Die industrielle Bedingung entwickelt sich, und, mit ihren Veränderungen, entwickelt sich das Gefängnis. Dies ist eine der Thesen, die vertreten werden, die akzeptiert werden können oder nicht akzeptiert werden können. Ich sehe darin, hinter dieser Diskussion, welche die ganzen 70er Jahre durchdrungen hat, eine Art von zentralistischem Operaismus, betrachtet aus dem Blickwinkel einer Interpretation der Gefängniswelt als Gefängnisproletariat, usw. Ich weiss nicht, ob diese Worte für euch einen Sinn haben. Heute haben sie vielleicht keinen mehr, doch für uns war das tägliches Brot, sagen wir, vor zehn, fünfzehn Jahren, als wir mit nicht wenigen Diskussionen konfrontiert waren, in dem verzweifelten Versuch, zu erklären, dass es diese Zentralität des Arbeiters “draussen” nicht gab, und nicht einzusehen ist, wieso es sie “drinnen” geben sollte. Weshalb die Zentralität eines mutmasslichen und nie identifizierten “Gefängnisproletariats” innerhalb der Gefängnisse ein Phantasma war. Wie auch immer, dies gehört den Diskussionen der Vergangenheit an.

Machen wir einen kleinen Einschub, der vielleicht nützlich sein kann. Gleichzeitig mit diesem Diskurs über die Gefängnisse, hat sich ein Diskurs über das Recht entwickelt. Wieso die Verhaltensnorm? Wieso die Gesetzlichkeit der Norm? Selbstverständlich hat der Mensch immer versucht, die abstrakte Norm abgesehen von den Umständen des Momentes, abgesehen vom historischen Ereignis oder von den Bedingungen, worin sie angewandt werden mag, als gültig zu denken, und dies, um sie vor den menschlichen Einwänden zu schützen, die hervorkommen können. Und daher ist diese “Sakralität”, diese Heiligkeit des Rechtes, oftmals unterschiedlich gehandhabt worden.

Wir können sagen, dass die am breitesten diskutierte These jene ist, die sich auf ein natürliches Fundament der rechtlichen Norm beruft. Ein natürliches Recht, das im Gegensatz zu einem positiven Recht, das heisst, zum vom Menschen konstruierten und in den Gesetzen eingetragenen Recht steht. Das natürliche Recht ist jenes, das der Mensch als ein mit Vernunft ausgestattetes Wesen hat, es handelt sich also um ein natürliches Recht, das spezifisch der Mensch hat, und dies ist eine erste These der sogenannten Naturrechtslehre. Die zweite These spricht von einem natürlichen Recht, das alle Lebewesen als solche haben, und folglich handelt es sich um ein Recht, das die Natur allen Lebewesen verleiht. Die dritte These spricht von einem natürlichen Recht als einem von Gott gewollten Recht, und dies ist die ursprüngliche These der Naturrechtslehre, welche die alte These war, die in der berühmten Tragödie von Sophokles, dem Antigone, gelesen werden kann, worin Antigone sagt: „Ich trotze dem Staat, denn die familiäre Pietät ist ein natürliches Recht, das von Gott gewollt ist, und steht über den Gesetzen des Staates“. Diese Positionen wurden heute breiten, mehr oder weniger auflösenden Kritiken unterzogen, während die Konzeption des Naturalismus im Recht, also die Naturrechtslehre, als These, die die Heiligkeit der Norm stützt, fortbesteht.

Auf die eine oder auf die andere Weise, ob nun die Heiligkeit der Norm aus dem von der positiven Lehre gewollten rechtlichen Formalismus hervorgeht, oder stattdessen aus einer angeblichen ursprünglichen Heiligsprechung der Norm, die von Gott gewollt ist, die von der Tatsache gewollt ist, dass es ein in der Abwicklung der Geschichte der Lebewesen innewohnendes Gesetz gibt, oder von einem innewohnenden Gesetz gewollt ist, das es in der Abwicklung der Geschichte des Menschen, in der Abwicklung des Werdegangs der menschlichen Vernunft gibt (historischer Fatalismus), das ändert überhaupt nichts. In jenen, die diese Thesen verfechten, gibt es immer den Versuch, ein solides Fundament, einen festen Sockel zu finden, worauf die eigene Burg von Verhaltensweisen, die eigene Burg von Regeln aufgebaut werden kann. Wenn sie einmal realisiert ist, wenn die Burg einmal gebaut ist, werden sich jene, die ausserhalb von diesem gut umzäunten Bereich zu stehen kommen, dabei wiederfinden, legitim, je nach Fall, ein Kandidat für das Gefängnis, die Isolation, den Ausschluss oder den Tod zu sein.

Nun, die These, die uns am meisten interessiert, da sie noch heute auf dem Tisch ist, also noch heute Gegenstand von Debatte, von Vertiefung ist, das ist die These des Naturrechts, das heisst, jenes Rechts, das der Vernunft des Menschen, wie sie sich in der Geschichte realisiert, angeboren ist. Diese These ist wichtig, weil sie, innerhalb von sich selber, einige interessante Wandlungen erlaubt, das heisst, sie ist nicht eine im Willen Gottes kristallisierte, für immer gültige These, sondern sie ist eine These, die sich wandelt, da sie mit den Ereignissen der Geschichte zusammenhängt. Es handelt sich um eine These, die sich besonders im 17. Jahrhundert, mit der Aufklärung, in Fülle entwickelt hat, eine These, die alle Fehler und alle Grenzen der aufklärerischen philosophischen Interpretation hat, da sie eine These ist, die zwei essenzielle Elemente berücksichtigt: erstens die Geschichte, zweitens die Vernunft. Die Geschichte wird dabei als etwas verstanden, das in seinem Innern von einer Ordnung, von einer Entwicklung im fortschrittlichen Sinne, also im Sinne des Fortschritts, gestützt wird, und daher in der Lage ist, sich ausgehend von einer Situation von grösserem Chaos und grösserer Animalität, von grösserer Gefährlichkeit, in Richtung von einer Situation von grösserer Menschlichkeit, von geringerer Gefährlichkeit zu bewegen. Bovio sagte: „Die Geschichte geht in Richtung Anarchie“, und viele Anarchisten, zumindest von meiner Generatio n , haben das wiederholt. Ich habe einen derart geradlinigen Weg nie für möglich gehalten, weshalb ich über dieses Argument beträchtliche Polemiken hatte. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, dass die Geschichte in Richtung Anarchie geht. Parallel zu dieser Deutung der Geschichte im fortschrittlichen Sinne haben wir eine andere Aderung in diesem wunderschönen aufklärerischen, dann positivistischen, dann idealistischen, dann historizisti schen Diskurs, kurzum, alles in der Akademie der Macht, alles innerhalb der Universitäten, alles innerhalb der Säle, in denen Geschichte und Philosophie studiert werden, alles innerhalb von diesen Orten ausgearbeitet, wo die Zulieferer der vaterländischen Gefängnisse arbeiten. Und welches ist diese andere Äderung? Es ist die Äderung der Vernunft. Weshalb hat die Vernunft immer recht? Ich weiss es nicht. Sie hat immer recht, um alle zu verurteilen. Mit der Vernunft werden Leute zum elektrischen Stuhl verurteilt, es gibt nicht einen, der ohne Grund zum Tode verurteilt wird, es gibt tausend Gründe, um Leute zum Tode zu verurteilen, und es gibt immer einen Grund für diese Verurteilung, eine grundlose Verurteilung gibt es nicht. Ich bin schon oft ins Gefängnis gegangen, mit Grund, mit ihrem Grund[6] .

Es ist gesagt worden, dass der Nationalsozialismus, der in Deutschland in den 30er und 40er Jahren realisiert wurde, ein Ausbruch von Irrationalität, also von mangelnder Vernunft war. Nun, etwas solches habe ich nie geglaubt. Der Nationalsozialismus war die äusserst konsequente Anwendung der Vernunft, das heisst, der zu ihren natürlichen Konsequenzen gebrachten Vernunft, der hegelianischen Vernunft des objektiven Geistes, der sich in der Geschichte realisiert. Und der logischste Diskurs in diesem Zusammenhang wurde von einem italienischen Philosophen gehalten, von Gentile[7], in einem Vortrag, den er in Palermo hielt, worin er sich auf die moralische Kraft des Schlagstocks bezog. Der Schlagstock hat immer Recht, da er im Nam e n der Vernunft zuschlägt, und die Gewalt des Staates ist eine ethische Gewalt, denn der Staat ist ethisch.

Diese Gedankengänge mögen dumm erscheinen, aber sie sind nicht dumm, denn sie bilden den Sockel, worauf der sogenannte moderne Progressivismus sein Fundament aufbaut, wie wir ihn zum Beispiel in der Kommunistischen Partei, in der Arbeiterpartei, in den sogenannten revolutionären Bewegungen, die aus marxistischer Prägung entstanden, und auch in der Rechten, in den Bewegungen der Rechten gesehen haben. Nur, während sich die Rechte aus ihren eigenen Identitätsgründen in einen konventionellen Irrationalismus verpackte (Banner, Symbole, Diskurse über das Schicksal, das Blut, die Rasse, usw.), verpackten sich die anderen in einen anderen, ebenso konventionellen Rationalismus: der Fortschritt, die Geschichte, die Zukunft, das Proletariat, das letztendlich die Bourgeoisie besiegt, der Staat, der absterben wird – und ich erlaube mir, anzufügen, dass nicht wenige Anarchisten auf diesen Diskurs eingestiegen sind, während sie im Einklang mit einem solch groben metaphysischen und ideologischen Betrug mitreisten und nur spezifizierten, dass die Geschichte, falls sie nicht in Richtung Absterben des Staates geht, dennoch in Richtung Anarchie geht, und dass man den Staat heute auslöschen muss, um früher zur Anarchie zu gelangen. Eine ideologische Abstufung, die den Inhalt der Reise, die parallel zur marxistischen verläuft, nicht verschob, und dies, ohne dass es irgendwem in den Sinn kam, dass es innerhalb vom Diskurs der Vernunft einen Betrug geben kann, und dass dieser Diskurs der Vernunft als Grundlage und als Alibi dienen konnte, um die Einfriedung des Andersartigen aufzubauen.

Dies ist, weshalb man den sogenannten Optimismus der Anarchisten, zum Beispiel den Optimismus von Kropotkin, kritisch auf vertieftere Weise lesen müsste, um zu sehen, was die Grenzen dieser Argumentation sind, um zu sehen, wie sich das sogenannte Missverständnis des “Samens unter dem Schnee” ausgewirkt hat, auch innerhalb des anarchistischen Positivismus, spezifisch von Kropotkin, aber auch von anderen Gefährten. Dies sind alles Suggestionen, die ich hier am auslegen bin und die scheinbar weit vom Gefängnis entfernt scheinen, die aber das theoretische und philosophische Gebiet bilden, worin das Gefängnis heute seine Daseinsberechtigung findet.

Man müsste auch von der scheinbaren Gegenposition des malatestianischen Voluntarismus sprechen können, und davon, wie dieser keine Lösungen vorschlägt, ausser solche, die in die “objektiv” festgelegte Entwicklung der Geschichte in Richtung der Anarchie eingefügt sind. Ich mag meine Grenzen haben, meine persönliche Fähigkeit mag beschränkt sein, aber die Geschichte bewegt sich sowieso in Richtung Anarchie, und daher, so oder so, falls sie nicht heute kommt, kommt sie morgen. Gleichermassen müsste betrachtet werden, welches die Grenzen des stirnerianischen Individualismus sind, etwas, das wir auf dem letzten Treffen in Florenz zu tun versuchten [siehe Individuo e insurrezione. Stirner e le culture della rivolta, Dokumente vom Treffen, Bologna 1993]. Das heisst, man müsste überprüfen, ob es diese Grenzen gibt, und welche es sind, da es offensichtlich andere sind als die malatestianischen und die kropotkinianischen.

Nun dann, was ist die Zusammenfassung von diesem ersten Teil der Diskussion? Das Gefängnis ist kein Missbrauch, es ist keine Ausnahme, das Gefängnis ist die Normalität. Der Staat kann uns also, indem er Gefängnisse baut, ins Gefängnis stecken. Damit macht er nichts Sonderbares, er macht seine Arbeit, und er verrichtet sie nicht auf aussergewöhnl iche Weise, er macht schlicht seine Arbeit, gemäss dem, was die erforderlichen Bedingungen sind, damit sie wie vorgesehen getan wird. Der Staat ist kein Gefängnisstaat, er ist der Staat und fertig, als das, wie er sich in der ökonomischen Tätigkeit, in der kulturellen Tätigkeit, in der politischen Verwaltung, in der Verwaltung der Freizeit und in der Verwaltung des Gefängnisses ausdrückt. Diese Bestandteile sind nicht voneinander getrennt, es ist nicht möglich, einen Diskurs nur über das Gefängnis zu führen, das hätte keinen Sinn, denn das wäre, wie über einen Bestandteil zu sprechen, indem man ihn aus seinem Kontext reisst. Wenn dieser Bestandteil aber in den Kontext gestellt wird, der ihn beherbergt und der ihm Bedeutung gibt, dann wird der Diskurs anders, und eben das ist es, was der Spezialist nicht kann. Deshalb haben wir mit dem Diskurs über den Spezialisten begonnen, denn der Spezialist ist dazu veranlasst, nur über seinen Diskurs, nur über sein Thema zu sprechen: „In Anbetracht dessen, dass ich nur über das Gefängnis etwas weiss, sehe ich nicht ein, wieso ich mit euch über etwas anderes sprechen sollte“.

Ich glaube, dass die kollektiven Tatsachen – wenn dieser Begriff, der heute leider ausser Gebrauch und in Verruf geraten ist, noch immer einen Sinn hat – aus vielen individuellen Momenten gebildet werden, und wehe, wenn wir diese individuellen Momente in ihrer die Realität verändernden Kapazität herausstreichen müssten, um sie in einem übergeordneten Moment, in dem, was die Marxisten kollektive Subsumption, Subsumption der Gesellschaft nannten, zu annullieren, wehe. Das sind intellektuell terroristische Konzepte, die zu verurteilen sind. Das Individuum hat einen Moment, der ihm ist, und auch der Gefangene hat seinen Moment, und dieser ist durchaus nicht der gleiche wie jener eines anderen Gefangenen. Ich bin absolut nicht einverstanden mit dem, der sagt, dass ich, der im Knast gewesen bin, auf wirksamere Weise kämpfe als ein anderer, der nicht im Knast gewesen ist. Nein, weil ich anders kämpfe als ein anderer, der nicht im Knast gewesen ist, und genauso anders wie ein anderer, der mehr Knast gemacht hat als ich, und so weiter. Und umgekehrt könnte ich einem Gefährten begegnen, der fähig ist, mir eine andere Art Kampf anzuraten, sie mir verständlich zu machen, mich sie verspüren, erdenken oder erträumen zu lassen, auch wenn er nie im Knast gewesen ist. Keine Spezialisierung. Denkt an die ersten Dinge, die heute Abend gesagt wurden: es gibt keine Professionalität, niemand spricht als Professor, und noch weniger als Professor in Sachen Gefängnis. Zum Glück gibt es in diesem Bereich keine Spezialisierungen, wir befinden uns nicht an der Universität.

Ich nehme an, dass wir alle Individualitäten sind, die sich suchen, sich begegnen, sich voneinander entfernen und sich einander nähern, indem sie sich auf Basis von Affinitäten bewegen, auch von vorübergehenden Affinitäten, die verschwinden können, die sich intensivieren können. Wir sind wie eine Menge aus Gefügen von Atomen, die sich bewegen, und die eine sehr hohe Kapazität haben, gegenseitig durchdrungen zu werden. Es handelt sich nicht um Monaden ohne Fenster, wie Leibniz es sagte, wir sind nicht isoliert, aber wir haben alle eine individuelle Wertigkeit. Nur, wenn wir diesen nicht eliminierbaren Moment konstant berücksichtigen, kann man von Gesellschaft, oder von der Fähigkeit sprechen, zu handeln, sich zu bewegen, zusammenzuleben, ansonsten wird jegliche Gesellschaft immer ein Knast sein. Wenn ich einen, und sei es auch minimen Teil meiner Individualität im Namen der Aufhebung, im hegelianischen Sinne des Wortes, im Namen eines abstrakten Prinzips… und sei es auch die Anarchie, sei es auch die Freiheit, aufopfern muss, dann bin ich nicht einverstanden. Dies ist, weshalb ich denke, dass das Gefängnis zweifellos eine ex tremisierte Bedingung ist, und es daher, wie alle totalen Bedingungen, wie alle totalen Institutionen, besser vor Augen führt, aus welchem Stoff man ist. Es ist, als wenn du einen Stoff so fest es geht auseinanderziehst, wesh alb sich, bevor er zerreisst, das Gewebe zu zeigen beginnen. Genauso führt das Individuum, welches gewaltsamsten Bedingungen unterstellt wird, das Gewebe vor Augen, woraus es gestrickt ist. Vielleicht wird es auf diese Weise herausfinden, Teile in sich zu haben, die es sich unter anderen Bedingungen niemals erträumt hätte. Aber wichtig und fundamental bleibt immer jener Punkt, von dem es auszugehen gilt: dass es keinen Faktor, keine Idee, keinen Traum, keine Utopie geben können, die diesen individuellen Moment herausstreichen kann, im Namen von denen es diesen individuellen Moment aufzuopfern gilt.

Aber kommen wir auf unser Thema zurück. Das Gefängnis ist die Normalität des Staates, und wir, die wir unter einer Bedingung leben, die dem Staat unterstellt ist, da wir unter einer alltäglichen Lebensbedingung leben, die von den Rhythmen und Zeiten des Staates reguliert wird, wir leben in einem Gefängnis. Dieses Gefängnis ist auf eine, meiner Meinung nach unkorrekte, aber interessante Weise als immaterielles Gefängnis definiert worden, das heisst, als ein Gefängnis, das nicht als solches sichtbar ist, das uns nicht so direkt und störend umgibt wie die Mauern eines Gefängnisses, das aber genauso ein regelrechtes Gefängnis ist, da wir in unserem Leben gezwungen sind, Verhaltensmodelle über uns ergehen zu lassen, oder verpflichtet sind, sie aufzusetzen, über die wir nicht entschieden haben, die uns einfach injiziert werden, gegen die wir nicht viel ausrichten können.

Aber das Gefängnis ist gleichzeitig auch ein Gebäude, ein Ort, eine Ideologie, eine Kultur, ein soziales Phänomen. Das heisst, es hat eine eigene Identität, und daher, wenn wir es einerseits aus seiner Spezifität herausholen müssen, können wir es gleichzeitig auch nicht einfach in der Gesellschaft auflösen, können wir uns nicht darauf beschränken, zu sagen: „Wir leben alle in einem Gefängnis, meine Situation verändert sich nicht in dem Moment, wo ich jene verflixte Türe durchschreite und mich in einer fast völlig nackten Zelle wiederfinde, mit einem Radio, das auf höchstem Volumen aufgedreht ist“. Ich habe ein Trauma erlitten, als ich die Zellentüre durchschritt und hörte, wie sie jemand hinter meinem Rücken verschloss. Ich habe dieses Trauma erlitten. Dieses Trauma existiert, es ist nicht nur psychologisch, es besteht auch aus einem Typen, der einen Bund von Schlüsseln hat, die ständig klimpern, und deren Geräusch man für den Rest seines Lebens mit sich trägt. Dieses Geräusch vergisst man nie wieder, es ist etwas, das in deinem Kopf drin klimpert, auch in der Nacht, wenn du schläfst, dieses Geräusch der Schlüssel, ein Typ, der deine Türe verschliesst. Ich glaube, dass diese Tatsache des Ver schliessens der Türe etwas vom Grausamsten ist, was ein Mensch einem anderen Menschen antun kann. Für mich ist eine Person, die die Schlüssel in der Hand hält und ein menschliches Wesen hinter einer Türe verschliesst, was auch immer dieses letztere getan haben mag, für mich ist derjenige, der es sich erlaubt, die Türe zu verschliessen, eine absolut unwürdige Person, eine Person, gegenüber der es unmöglich ist, von menschlicher Brüderlichkeit, von menschlichen Zügen und so weiter zu sprechen. Und doch gibt es Momente, in denen du diesen Typen brauchst, in denen sich ein psychologischer Mechanismus auslöst, der mit der Einsamkeit zu tun hat. Wenn du alleine bist, in deinem Drecksloch, wenn du seit einem Monat, seit eineinhalb Monaten, seit zwei Monaten alleine bist, und die Tage vergehen und du siehst niemanden, manchmal hörst du unverständliche Geräusche und manchmal hörst du nichts, und dann hörst du Schritte, da draussen, du weisst, dass es seine Schritte sind, du bist absolut überzeugt, dass dies die letzte, die unwürdigste aller Personen ist, und doch stellst du dich ab einem gewissen Punkt hinter die Türe und wartest du auf ihn wie auf die Geliebte, denn wenn sie vorbeikommt, wirft dir diese unwürdige Person einen kurzen Blick zu, der dir in Erinnerung ruft, ein Mensch zu sein, denn auch sie hat zwei Beine, hat zwei Arme, zwei Augen, und ab einem gewissen Punkt siehst du sie anders, du siehst die Uniform nicht mehr, und du sagst dir: „Die Menschheit existiert also noch“.

Dies ist, wo dieses Loch, diese kleine Zelle hinführt, daher hat sie eine eigene Spezifität, sie kann nicht mehr als die Auflösung des Gefängnisses im alltäglichen Leben betrachtet werden. Dies ist, weshalb das Gefängnis nicht immateriell ist. Dies ist, wieso das Gefängnis ein spezifisches, architektonisch präzises Gebäude ist, aber zur gleichen Zeit auch etwas Diffuses. Wir befinden uns alle im Gefängnis, aber das Gefängnis ist auch noch etwas anderes. Dennoch dürfen wir es nicht nur als etwas anderes betrachten, denn ab dem Moment, wo wir es nur als etwas anderes betrachten, begreifen wir es nicht mehr.

Ich kann verstehen, dass das, was ich sage, auf den ersten Blick widersprüchlich scheinen mag. Aber so scheint es nur. Wenn wir gut darüber nachdenken, ist es nicht widersprüchlich, oder zumindest nur innerhalb von den Grenzen und den Einzelheiten, in denen alles widersprüchlich ist.

Die Strafe, haben wir gesagt, ist jener Mechanismus, den die sogenannten wichtigen Philosophen… Denkt daran, was Kant über die Strafe gesagt hat, dieser grosse Philosoph sagte etwas Abscheuliches, er sagte: „Wenn auf einer Insel, auf der es eine Gemeinschaft gibt, und sich diese Gemeinschaft auflöst und alle von dieser Insel Weggehen, der letzte Mensch, der auf dieser Insel zurückbleibt, ein Mörder ist, der letzte, der einen Menschen getötet hat, die Gemeinschaft hat sich bereits aufgelöst, es gibt absolut nichts mehr zu bewahren, das Gemeingut existiert nicht mehr, es gibt absolut nichts wiederherzustellen, dann muss dieser Mensch dennoch seine Strafe abbüssen“. Das ist, was Kant gesagt hat, der Philosoph, der die Perspektiven des modernen Historizismus eröffne te. Bah!…

Wie auch immer… Was also macht die Strafe? Laut den Theoretikern aller Färbungen stellt sie das gestörte Gleichgewicht wieder her, gleicht sie die Waage wieder aus. Aber was macht die Strafe wirklich? Sie macht etwas anderes. Zuallernächst stürzt sie das Individuum in einen Zustand von Ungewissheit. Das heisst, wer mit einer solchen Struktur, mit einem so effizienten Mechanismus konfrontiert ist, steht vor etwas, das grösser ist als er. Ein Mechanismus bestehend aus Anwälten, Richtern, Carabinieris, Polizisten, Durchsuchungen, He rumgeschubse, Beschimpfungen, nackt ausgezogen werden, die Beugungen, früher gab es die Analinspektionen, wer dem nicht unterzogen wurde, kann sich nicht vorstellen, was das heisst, die Haftbedingungen in den Polizeiposten… All das ist die Strafe. Aber wir befinden uns noch immer im einleitenden Teil der Strafe, noch bist du für nichts angeklagt, nur ein paar Worte auf einem Stück Papier, worauf ein Artikel aus dem Strafgesetzbuch geschrieben steht, von dem du nicht einmal weisst, worauf er sich bezieht, aber die Strafe dringt bereits in dein Blut ein und wird Teil von dir selbst. Und wie wird sie Teil von dir selbst? Indem sie dich in einen Zustand von Ungewissheit versetzt. Du weisst nicht, was mit dir geschieht, du magst der abgehärtetste Verbrecher sein, und dennoch findest du dich in diesem Zustand von Ungewissheit wieder, und ich weiss das, denn ich habe mit Leuten gesprochen, die sich scheinbar unter Kontrolle hatten, Leute, die, wenn sie das Gefängnis betreten, den Wachtmeister grüssen, diesen und jenen grü ssen, aber dann, wenn sie sich hinlegen, legen sie den Kopf auf das Kissen und beginnen, zu weinen. Denn das ist die Situation; wenn es einem geschieht, sich unter diesen Bedingungen wiederzufinden, ist es nicht leicht, vorauszusehen, wie es ausgehen wird.

Ich habe auch mit vielen Gefährten gesprochen, wir haben gemeinsam über die Situation des Gefängnisses gescherzt, aber wir konnten nicht leugnen, dass wir in einen Zustand von Ungewissheit versetzt wurden, in eine Situation, in der du nicht weisst, was dich morgen erwartet. Und dieser Zustand von Ungewissheit ist vielleicht der wesentliche Faktor, der Faktor, der den ersten Punkt aller Symptome, aller spezifischen Krankheiten, all dessen bildet, was aus einem Gefängnisaufenthalt hervorkommt. Du wirst dich während der ganzen Zeit, die du dort drinnen bist, in einer Situation von Ungewissheit befinden. Tatsächlich weisst du, bis drei Minuten bevor du aus der letzten Gittertüre heraustrittst – wovon es übrigens, angefangen von jener deiner Zelle bis zu jener des Ausgangs, etwa zwanzig gibt -, nicht, ob, genau zwei Meter vor dem letzten Schritt, da drinnen eine Revolte ausbricht, du in die Revolte verwickelt wirst und schon bist du verloren, du kannst in zwanzig Jahren nochmal darüber sprechen. Diese Ungewissheit ist also quasi in dir drin, du weisst, dass sie in dir drin ist, und du kannst nicht sagen: „Nun gut, schliesslich bin ich ein Revolutionär, diese Dinge berühren mich nicht: das Gefängnis, der Tod, zwanzig Jahre, zwei Monate…“, Gefährten, das ist Quatsch. Das ist Quatsch, den auch ich gesagt habe, um mir Mut zu machen, und auch, um den anderen, den Familienangehörigen, meiner Mutter und meinem Vater, die alt waren und niedergeschlagen zu den Besuchsstunden kamen, Mut zuzusprechen. Als ich zum ersten Mal ins Gefängnis kam, weinten sie, die Ärmsten. Das sind schwierige Situationen, und diese Ungewissheit, die strahlst du nach aussen aus, du strahlst sie auf jene aus, die dich gern haben, auf deine Kinder, auf eine ganze Situation, die mit dem Herabreden nicht verschwindet. Ich erinnere mich, wie ich, als ich mich vor fünfundzwanzig Jahren zum ersten Mal im Knast in Isolation befand, begann, anarchistische Lieder zu singen… und ich hasse die anarchistischen Lieder. Wie schaffte ich es, dort drinnen diese Lieder zu singen? Ich sang, um mir Mut zu machen, wie ein Kind, das, wenn es sich im Dunkeln befindet, vor sich hin pfeift oder sich Märchen erzählt, um sich Mut zu machen.

Ein anderer Faktor, den ich Gelegenheit hatte, auf greifbare Weise zu erfahren, ist die Verzerrung der Kommunikation. Es gelingt dir nicht, zu kommunizieren. Um etwas sagen zu können, nehmen wir an, um den Namen vom Anwalt zu wechseln, gibt es eine bürokratische Prozedur: Du musst Abends einen Papierzettel an die Panzertüre deiner Zelle hängen, worauf du geschrieben hast, dass du am nächsten Morgen zum Registrierbüro willst. Am Tag darauf rufen sie dich und bringen sie dich zur Registriation. Wenn du schätzt, dass es, nehmen wir an, fünfundsiebzig Meter sind, um dahin zu gelangen, rechnest du dir aus, dass du dafür ein paar Minuten brauchen wirst, aber nein, zehn Minuten bis eineinhalb Stunden können vergehen, um diese fünfundsiebzig Meter zurückzulegen, und wie ein Idiot beginnst du hinter jeder Türe darauf zu warten, dass ein Engel in Uniform kommt, um sie dir aufzumachen, tack-tack, und du durchschreitest das erste, das zweite, das dritte, das vierte Hindernis und den ganzen Rest. Das verändert deine Welt völlig. Was verändert es? Es verändert deine Wahrnehmung von Zeit und deine Wahrnehmung von Raum. Es scheint etwas simples zu sein, die Wahrnehmung von Zeit und Raum, denn wir behandeln sie wie gängige Währung, wie fünfzig oder hundert Lira Stücke, aber so einfach ist das nicht, denn die Zeit wird keineswegs von der Uhr signalisiert: das ist die absolute Zeit, die Zeit von Newton, die ein für alle Mal festgelegt wurde, aber neben dieser Zeit gibt es jene, die ein anderer Philosoph, ein französischer Philosoph, die reale Dauer nannte, sprich, gibt es auch die Zeit in dem Sinne, wie sie St. Augustin darstellte, die Zeit als unser Bewusstsein, als Dauer unseres Bewusstseins. Sie ist das Warten. Und das Warten, das bemessen wir mit dem Taktschlag unserer Empfindungen, es ist eine Dauer, die durchaus nicht gleich ist wie jene der absoluten Zeit, wie jene, die von der Uhr signalisiert wird.

Früher waren die Uhren im Knast verboten, heute, seit 1974, seit der Gefängnisreform, sind sie erlaubt, und das ist schlimmer, wenn ihr mich fragt, denn damals wusste man nicht, was für Zeit es war, man orientierte sich an der Sonne, oder an den Rhythmen des Gefängnisses, die eine “natürliche” Uhr, eine Uhr der Institution darstellen, weshalb man weiss, dass die Panzertüre um halb acht geöffnet wird und der Tag beginnt. Das Geräusch, das sie beim Öffnen der Panzertüre machen, hat seine eigene, historisch nachweisbare Funktion, die sich in verschiedenen Epochen unterschiedlich entwickelte. Bei einigen Nachforschungen über die Inquisition habe ich in einem Handbuch von 1600 eine Beschreibung davon gefunden, wie die Panzertüre in jenen Fällen zu öffnen ist, wo die Brüder der Compagnia dei Bianchi – diejenigen mit den weissen Kapuzen, um uns richtig zu verstehen – einen zum Tode Verurteilten abholen mussten, um ihn zum Schafott zu führen. In Sizilien gab es die spanische Inquisition, sie waren also gut organisiert. Die Mitglieder dieser Bianchi Bruderschaft hatten die Aufgabe, die zum Tode verurteilten während der drei Tage vor der Exekution zu betreuen. Eine ihrer Aufgaben war es, sich zu versichern, dass die Verurteilten reif waren, um hingerichtet zu werden. Und wie taten sie das? Sie erfanden eine besondere Technik: Sie taten so, als würden sie den Verurteilten zur Hinrichtung führen, sie weckten ihn früh Morgens auf, machten einen grossen Lärm, marschierten in Gruppe mit allen Zuständigen für die Hinrichtung, mit den Hellebarden, et cetera. Aber es war nicht echt, es war alles nur eine schreckliche Inszenierung, nur um zu sehen, wie dieser arme Kerl reagiert. Wenn er dem Bedarf angemessen reagierte, das heisst, wenn er keinen Tobsuchtsanfall bekam, hielten sie ihn für bereit zur definitiven Prozedur. Eine Panzertüre zu öffnen, ist also nicht etwas so simples wie eine Türe zu öffnen. Diese stattlichen jungen Männer, die im Gefängnis von Parma instruiert wurden, haben präzise Anweisungen erhalten: die Panzertüre muss mit sehr kräftigen Schlägen geöffnet werden, der Häftling muss im Schlaf in die Luft springen, und von diesem Moment an muss er denken: „Jetzt ist es soweit, die Welt der Träume ist vorbei, jetzt beginnt die Institution, jetzt werden sie mir sagen, was ich zu tim habe…“ Man geht nicht um halb acht hinaus, man geht um halb neun hinaus, also die ganze Geschichte, die sich aus dem Gefängnisrhythmus ergibt, der selbstverständlich der von ihnen gewollte ist.

Zum Beispiel, ich weiss nicht, etwas Wichtiges, die Bemessung der Zeit wird auch von anderen Dingen signalisiert: Morgens bekommst du die Milch (über diese kleinen Dinge habe ich viel nachgedacht, im Knast gibt es sowieso nichts zu tun, also was tust du? Du denkst nach), dann um zehn bringen sie dir ein oder zwei Eier, dann um zehn Uhr dreissig oder um elf eine Frucht, dann Mittags die Pasta, dann um zwei bringen sie dir irgendetwas anderes, ich weiss nicht, die Marmelade, und weshalb das Ganze? Weil sie dir dadurch die Zeit taktieren, regulieren. Die Ankunft der Nahrung ist ein Ereignis und du ordnest sie in den Absonderungskontext ein und dein Leben passt sich an diesen Kontext an.

Das scheint alles Gerede zu sein, aber wenn ihr mich fragt, ist das Wissenschaft, wahre Gefängniswissenschaft. Was wissen schon die sogenannten Gefängnisarbeiter davon, die sich dennoch für qualifiziert halten? Zunächst einmal, um anzufangen, ist der Universitätsprofessor noch nie im Knast gewesen. Normalerweise wissen jene, die sich für das Gefängnis interessieren, nicht einmal, was das Gefängnis ist. Lassen wir die Rechtsphilosophen beiseite, diese armen Kerle wissen gar nicht erst, wovon sie sprechen. Wir sprechen von den Gefäng nisarbeitern, die dem Innern des Gefängnisses näher scheinen und vielleicht weniger davon verstehen. Die Anwälte und die Richter ja, die sind im Knast gewesen, aber wo? Im Aussenbereich, in den Besucherzimmern. Abgesehen von Ausnahmefällen, in denen ein Überwachungsrichter die Gänge betritt (aber es sind immer die Gänge, die er betritt, und nur die Gänge, nicht die Zellen), wissen Anwälte und Richter normalerweise nicht einmal, was ein Gefängnis ist. Ich will noch mehr sagen: nicht einmal die Gefängnisarbeiter, die Psychologen, die Sozialarbeiter, die Polizisten aller Art wissen, was das Gefängnis ist. Denn, was ist ihre Aufgabe? Sie betreten die Zimmer, die für sie reserviert sind, lassen den Häftling rufen, unterhalten sich mit ihm in einem netten Gespräch und gehen dann zum Essen wieder nach Hause. Selbst die Gefängniswärter, um weiter zu machen, auch sie wissen nicht, was das Gefängnis ist, und das sag ich euch aus persönlicher Erfahrung. Zum Beispiel befand ich mich in Bergamo und organisierte ich, gemeinsam mit anderen Häftlingen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, nennen wir es nicht eine Revolte, aber eine Art Beschwerde, weil sie unsere Verstopfungen abmontierten, womit wir versuchten, die Löcher zu verschliessen, welche die Gefängniswärter auf dem Klo angebracht hatten, um uns auch an diesem Ort noch zu kontrollieren. Alle Gefangenen verstopften diese Löcher womit sie gerade konnten, unter Anwendung aller möglichen Mittel; Papier, Holzstücke, aufgehängte Handtücher und hundert andere Dinge. In der Regel wurden diese Schutzvorrichtungen in Ruhe gelassen, aber jenes Mal, in Bergamo, hat der Direktor Befehl gegeben, sie zu entfernen, und so haben sie die Wärter mit einem Stift herausgenommen. Auf unsere Beschwerde antwortete mir der Direktor: „ Aber was macht ihr denn für ein Theater wegen einer solchen Kleinigkeit, es passiert ja nichts, wir sind doch unter Menschen“. Wie, wir sind doch unter Menschen? „Du bist Direktor und ich bin Häftling, und mir passt es nicht, dass mir der Wärter zuschaut, wenn ich auf dem Klo bin“. Er betrachtete das Problem also als etwas, das im Grunde nicht schlimm ist. Aber diese Kasernenkameraderie zeigte auf, dass er, obwohl er Gefängnisdirektor war, nicht wusste, was das Gefängnis ist. Denn mit meinem Zellengenosse, einem Gefangenen wie ich, einem Gefährten von mir, den man in Sachen Menschlichkeit, Freundschaft und persönlicher Beziehung sicherlich nicht mit einem Gefängnisdirektor vergleichen kann, das ist offensichtlich, gehe ich nicht zusammen aufs Klo, das scheint mir selbstverständlich. Und wenn das Klo einmal in der Zelle war, fanden sich tausend Tricks, um getrennt aufs Klo zu gehen. Früher gab es nämlich kein abgetrenntes Klo, sondern befand es sich in der Zelle. Vor fast einem viertel Jahrhundert, als ich zum ersten Mal im Gefängnis von Catania arbeitete, haben sie mich damit beauftragt, die Einkäufe der Häftlinge zu registrieren, und so habe ich festgestellt, dass in den Zellen mit mehreren Häftlingen eine sehr grosse Menge Magnesia S. Pellegrino konsumiert wurde. Als ich nach dem Grund dafür fragte, erklärten sie mir, dass es, wenn man dieses Abführmittel jede Woche nimmt, nicht stinkt, oder zumindest weniger stinkt, wenn man aufs Klo geht. Was zeigt uns das auf? Dass der Direktor und die Wärter nicht wissen, was das Gefängnis ist. Denn um das Gefängnis zu verstehen, muss man auf der anderen Seite der Türe stehen, wenn sie von der Wache verschlossen wild. Den Schlüssel braucht es, ohne den Schlüssel ist alles nur Theorie.

Daher, um auf unsere Spezifität zurückzukommen: sicher, das Gefängnis besteht aus den Mauern, dem Aufseher mit dem Maschinengewehr dort drüben, dem Hofgang, dem Nebel, der sich auf den Innenhof senkt, und du weisst nicht, wo du bist, auf welchem Planeten du dich befindest, im Exil, auf dem Mond, man weiss es nicht, usw. Aber im Grunde ist das Gefängnis die Zelle. Und in der Zelle kannst du alleine oder mit anderen sein, und das sind zwei verschiedene Bedingungen und zwei verschiedene Leiden. Denn ja, wir sind stark, usw., aber ich habe das Gefängnis alleine gemacht, und es ist hart. Das letzte Mal bin ich fast zwei Jahre alleine gesessen, und es war hart. Mit anderen ist es vielleicht noch härter, oder jedenfalls auf eine andere Weise hart, denn unter der Bed ingung des Eingeschlossenseins hat das Tier Mensch merkwürdige Verhaltensweisen und somit… Dies ist nur eine Andeutung der Probleme bezüglich dem Gefängnis, etwas auf die Schnelle gemacht, etwas dahergesagt, und ich lasse die anderen Argumente bleiben.

Mir haben sich auch andere Probleme gezeigt, aber so interessant sind sie nicht. Nur ein paar von ihnen will ich erwähnen, als erstes den Geruch. Das Gefängnis hat einen besonderen Geruch, den man nie wieder vergisst. Man riecht ihn am Morgen. Ich erinnere mich, dass es der Geruch ist, den drei Dinge haben: Bars, wenn sie früh Morgens öffnen, Billardhallen und Bordelle. An den Orten, wo sich das Tier Mensch unter Bedingungen besonderen Leidens befindet, gibt es einen bestimmten Geruch, und das Gefängnis hat diesen Geruch und du wirst ihn nie wieder vergessen. Man nimmt ihn vor allem Morgens wahr, wenn sie deine Panzertüre öffnen, fragt mich nicht weshalb, ich weiss es nicht. Ein anderes Problem ist der Lärm, der Lärm ist wirklich etwas Schreckliches, es ist unmöglich, sich daran zu gewöhnen. Es ist nicht nur die Musik, die napolitanischen Lieder, die dich foltern. Man kann es nicht beschreiben, es ist etwas Grauenvolles. Während ein Problem von zweitrangiger Wichtigkeit, zumindest soviel ich verstehen konnte, und nicht nur aus meinem persönlichen Blickwinkel, das Problem des sexuellen Verlangens ist. Dies ist wirklich nicht das zentrale Problem, wie es von aussen scheinen könnte. Ich habe die Antwort gesehen, die vor etwa fünfzehn Jahren auf eine Umfrage gegeben wurde, die vom Ministerium verschickt wurde, über die allfällige Möglichkeit, in Italien ein System von sogenannten Liebesstunden, zum Beispiel mit dem legitimen Partner, einzurichten, und diese Antwort war fast gänzlich negativ.

Schauen wir nun den letzten Teil des Vortrags an, falls ihr noch nicht zu betäubt seid. Welches können die Perspektiven des Gefängnisses sein? Beziehungsweise, wie versucht die Macht, die Gefängnisbedingung umzustrukturieren, die offenbar nie ein stabiles Phänomen ist? Das Gefängnis ist, per Definition, etwas Ungewisses, man weiss also nie, was passiert. Die Ungewissheit liegt nicht nur in der Wechselhaftigkeit der Regiemente. Es gibt ein Gesetz, das besagt, dass der Häftling beim Eintritt das Reglement des Gefängnisses erhalten muss, um es lesen zu können und es respektieren zu können, wenn er will. In einigen Gefängnissen, wie im Dozza von Bologna beispielsweise, geben sie einem einen dreiseitigen Auszug, das Reglement ist aber ein Monster von 150 Seiten. Weshalb unglaubliche Dinge geschehen. Wenn sich jemand das Reglement verschafft und es sich gut durchliest, wird er darin enden, einige Aspekte des Kontrollme chanismus in Schwierigkeiten zu bringen.

Ich habe gesagt, dass das Gefängnis eine Realität ist, die immer in tiefem Wandel ist, und wenn ihr mich fragt (das ist eine persönliche These), geht das Gefängnis einer Öffnung entgegen, das heisst, neigt es dazu, sich zu öffnen und partizipieren zu lassen. Unter den Haftbedingungen von Anfangs 70er Jahre brauchtest du, um dir in deiner Zelle ein gebratenes Ei oder einen Kaffee zu machen, sagen wir, etwa eine Stunde, denn man musste mit den leeren, in das Stanniolpapier der Zigaretten gehüllten Zündholzschachteln eine Art Gerüst bauen, dann das verfestigte Gas, das sogenannte “Meta”, darunter stellen, dann dieses Ding anzünden, dann zum Kochen bringen, während man mit dieser Alchemie stets nah beim Klo herumhantiert, denn es gab keine Tische, es gab keine Stühle. Das Bett musste man am Morgen schliessen, zusammenklappen, und so kam eine Art Vorsprung hervor, auf den man sich setzen konnte. Zwischen diesen urzeitli chen Bedingungen und den Gefängnisbedingungen von heute, unter denen wir Strukturen zur Verfügung haben, in denen du sogar kochen kannst – auch in den Untersuchungsgefängnissen und nicht nur in den Strafgefängnissen (während diese letzteren sogar noch besser ausgestattet und etwas “offener” sind), gibt es einen beträchtlichen Unterschied.

Es ist zur Reform gekommen. Diese Reform hat die Gefängnisbedingungen verbessert, sie hat sie zweifellos im Rahmen der Gebäudemauern des Gefängnisses verbessert, das ist logisch, sie hat ein paar neue Sozialitätsbedingungen geschaffen, hat andere verschlechtert, hat extreme Ungleichheiten von Gefängnis zu Gefängnis geschaffen. Das Dozza zum Beispiel ist ein Modellgefängnis, das als Spezi algefängnis gebaut wurde und heute als ein normales Untersuchungsgefängnis verwendet wird, und es ist unendlich viel schlimmer als das alte San Giovanni. Ich, der in beiden gewesen bin, kann leicht den Beweis dafür liefern, dass das Dozza schlimmer ist. Aber während es im San Giovanni die Gitterstäbe, dann das Metallgitter vor den Gitterstäben, und dann (zum Teil) die kleinen Kippfensterchen gab, gibt es im Dozza nur die vertikalen Stangen und man scheint frei zu sein, aber trotz all dem sind die gesamtheitlichen Einsperrungsbedingungen schlimmer, unmenschlicher. Während man im San Giovanni die Zelle nicht verlassen konnte, um frei im Gang herumzuspazieren (natürlich stets zu den Zeiten, die von der Leitung festgelegt werden), steht dir das im Dozza frei, es gibt da also Unterschiede… Aber diese Veränderungen sind sozusagen Pulsierungen im Innern des Gefängnissystems. Die grösste Freizügigkeit im Gefängnis schrumpft sofort zusammen, es reicht, dass etwas nicht funktioniert, es reicht, dass sich, anstatt alle 15 Tage, ein Gefangener pro Woche erhängt, und schon ändern sich die Dinge. Oder es reicht, wie es Ende 1987 in eben diesem Dozza geschah, ein simpler Protest, auf den das Wachpersonal mit einem bewaffneten Angriff antwortet, wie jener, der vom Nazimarschall, vom Militärkommandant des Dozza gegen die Krankenstation befehligt wurde. In solchen Fällen ändert sich das Gefängnis sofort.

Diese Pulsierungen innerhalb der einzelnen Gefängnisse stehen jedoch in ihrem Zusammenhang mit der Entwicklungs- und Veränderungspulsierung der ganzen Gefängniswelt, die sich auf eine Öffnung zubewegt. Wieso bewegt sie sich auf eine Öffnung zu? Weil die Öffnung dem entspricht, was die Bedingungen für die Entwicklung des Gefängnissystems, für die Verbreiterung der Peripherität seiner Strukturen und, im Allgemeinen, der Strukturen des Staates, von jeglicher Art von Struktur des Staates, das heisst, für eine grössere Partizipation sind. Dieses Konzept verdient es, vertieft zu werden.

Bedenkt, dass das Konzept der Partizipation, aufgrund von jener Überlegung über den Widerspruch, die wir vorhin angestellt haben, keineswegs vom Konzept der Trennung, der Separation losgelöst ist. Ich beteilige mich und in einer ersten Phase dieser Partizipation fühle ich mich dem anderen, der sich gemeinsam mit mir, zur gleichen Zeit beteiligt, nahe. Aber derselbe Partizipationsprozess, gleichzeitig, wie diese Partizipation zunimmt, isoliert mich und lässt mich anders werden als der andere, denn jeder verfolgt seinen eigenen Weg in der Partizipation. Versuchen wir, dieses Konzept besser zu veranschaulichen, denn es ist gar nicht so einfach. Zum Beispiel geschieht diese Partizipation überall, in der Schule, in den Fabriken, in der Funktion und den verschiedenen Strukturen der Gewerkschaft, in den verschiedenen Strukturen der Schul- und Betriebsräte, in einem Wort: in der ganzen Produktionswelt. In gewissen Situationen geschieht diese Partizipation anders. Die Strukturen der Ghettoviertel sind etwas anderes. Nehmen wir zum Beispiel das Viertel von San Cristoforo in Catania [Sizilien], eines der bedeutendsten unter den Ghettovierteln mit einer sehr hohen Dichte an sozialen Problemen, heute weht da ein anderer Wind, es gibt Familienberatungsstellen, während es früher nicht einmal der Polizei gelang, es zu betreten. Wie hat diese grössere Partizipation das Viertel verändert? Hat sie es den anderen Vierteln von Catania näher gebracht oder hat sie es von ihnen entfernt? Das kann man sich fragen. Wenn ihr mich fragt, hat sie es von den anderen Vierteln entfernt, und hat sie es noch spezifischer gemacht. Wenn ihr mich fragt, ist das Ziel der Partizipation die Trennung.

Das Gefängnis öffnet sich der Partizipation. Es gibt diese Strukturen für einen Dialog zwischen Drinnen und Draussen, wie “Carce re-Territorio” beispielsweise. Banden von Betrügern, von ideologischen Quaksalbern, von Vertretern der Gemeinderäte, der Stadtteilräte und der Gewerkschaften, von Abgesandten des Bischofs und Vertretern der Schulen. Diese ganze Sippschaft tut nichts anderes, als auf Basis des Artikels 17 über Autorisierungen zu verfügen, um das Gefängnis zu betreten, sich mit dem Häftling in Verbindung zu setzen und so einen Kontakt zwischen Drinnen und Draussen herzustellen. Der Häftling hat hundert, tausend Probleme, er ist wie ein Kranker. Wenn ihr ein Spital betretet und mit einem Kranken sprecht, wird dieser alle Leiden der Welt haben. Wenn ihr einen Knast betretet und mit einem Gefangenen sprecht, wird er hundert Probleme haben. Zuallernächst ist er immer unschuldig, hat er nichts getan, und vor allem ist seine Familie immer hilfsbedürftig, die Dinge halt, worüber die Gefangenen nunmal so reden. Andererseits leitet jeder Wasser auf die eigene Mühle und, so oder so, im Knast, wehe, wenn sich da jemand erlaubt, zu sagen: „Ich.., mir fällt das Gefängnis überhaupt nicht schwer, das ist doch Quatsch, das ist doch Blödsinn…“, nein, er würde nicht gern gesehen.

Die Partizipation realisiert eine bessere Trennung, eine bessere Unterteilbarkeit im Innern des Gefängnisses, damit jene wenigen Personen, die eine effektive und bewusste illegale Veranlagung haben, das heisst, diejenigen, die wirklich “gesetzlos” sind und die im Knast auszumachen sind, damit, bei einer Gefängnisbevölkerung von, sagen wir, hundert Häftlingen, diese bereits beim Hofgang gesehen werden, und hier erkennt man, unterscheidet man die seriöse Person leicht von der unseriösen Person, das erkennt man anhand vieler Verh altensweisen, anhand vieler Signale, die sie aussendet. Es gibt einen ganzen Diskurs, der sich da drinnen abwickelt, aufgrund von dem, wie du den Hofgang machst, aufgrund der Entscheidungen, die du triffst, der Worte, die du sagst. Ich weiss… viele dieser Diskurse können falsch gelesen werden. Ich bin hier nicht dabei, ein Sträflingsverhalten zu rühmen, ich bin dabei, zu sagen, dass es eine Spezifität innerhalb des Gefängnisses gibt, dass es den Häftling gibt, der sich über seinen Beruf als Häftling, über seine Qualifizierung als Häftling bewusst ist, und den Häftling, der sich aus Versehen im Knast befindet, den Häftling, der ganz gut auch Bankdirektor oder einfach ein armer Dummer sein könnte, also den Häftling, der im Knast seine vorübergehende Unterkunft gefunden hat, der das Gefängnis als ein vorübergehendes (möglichst kurz andauerndes) Unglück oder als eine Sozialhilfe betrachtet. Ich habe Leute gesehen, die sich absichtlich in der Weihnachtszeit verhaften liessen, weil sie einem an Weihnachten Panettone geben (und das scheint euch wenig?), oder um sich einmal eine Reinigung zu geben, wie es sich gehört, oder um. sich behandeln zu lassen, denn für viele gibt es keine Möglichkeit, sich behandeln zu lassen, ausser im Knast, und das sind nicht ein oder zwei Fälle, sondern hunderte.

Aber es gibt auch noch eine andere Gefängnisbevölkerung, eine, die stolz darauf ist, “gesetzlos” zu sein, die stolz darauf ist, gewisse Strukturen des Staates angreifen zu können, wenn auch auf ihre Weise. Diese Bevölkerung ist natürlich nicht bereit, sich in diesem Partizipationskontext zu beteiligen, und wird daher einer spezifischen Identifizierung, einer spezifischen Trennung unterzogen. Dies ist, weshalb das partizipative Gefängnis ein Gefängnis der Trennung ist, weshalb es separiert. Nicht jeder kann sich auf derselben Ebene beteiligen, nicht jeder akzeptiert denselben Dialog mit der Macht. Es gibt verschiedene Stufen der Einwilligung und abhängig von dieser unterschiedlichen Einwilligungsstufe kreiert die Partizipation Trennungen. Und je intensiver diese Partizipation ist, desto mehr wird sie sektori alisiert, je grösser die Anzahl Signale ist, die eintreffen, desto mehr wird die Häftlingswelt in Bereiche unterteilt.

Über das Problem, eine lockerere Beziehung zur Gefängnisinstitution zu akzeptieren, gäbe es noch ganz viel zu sagen, etwas, das ich hier als gegeben voraussetze, da ich in der Vergangenheit schon oft darüber gesprochen habe. Aber sprechen wir über das Beispiel vom offenen Vollzug. Es gibt keinen direkten Übergang zwischen Haft und offenem Vollzug. Es handelt sich daher nicht um die Entscheidung eines Moments, der sich in einer direkten Beziehung zwischen Gefängnis und Häftling zusammenfasst. Bevor ein offener Vollzug gewährt wird, gibt es eine ganze Prozedur, die “Behandlung” genannt wird – die Wahl des Wortes ist nicht zufällig, da man den Häftling wie einen Kranken betrachtet. Die Behandlung ist eine Folge von verschiedenen Entscheidungen, die der Häftling treffen muss. Sie beginnt mit einem Gespräch bei einem Psychologen, dann kommt die Annahme einer Arbeit in der Gefängnisstruktur, und weiter geht es mit der Tatsache, dass du im Gefängnis keine Probleme gemacht haben darfst, es handelt sich also um eine Angelegenheit, die mindestens zwei oder drei Jahre dauert. Das heisst, man muss sich rechtzeitig für den Weg entscheiden, mit der Macht zu verhandeln. Eine legitime Entscheidung, um Himmels willen, aber stets in der Perspektive jenes Ablassens, aufgrund von dem man sagt: „Mir ist nicht mehr danach, weiter zu machen. Ich schade niemandem, und ich schlage diesen Weg ein“. Falls sich die Wache dann auf eine bestimmte Weise verhält, tue ich so, als würde ich die Wand anschauen, die mich interessant dünkt; wenn es ein Problem gibt, ich sage nicht eine Revolte, sondern ein schlichtes Problem, bleibe ich in der Zelle und gehe ich nicht auf den Hof hinaus. All diese Momente bringen eine Entscheidung mit sich, es gibt keine trockene Alternative zwischen Haft und offenem Vollzug, das ist reine Theorie, in der Praxis ist das nicht so. Praktisch gesehen besteht dieses Problem für jene Häftlinge, die ihre Kohärenz in revolutionären Entscheidungen haben. Aber der Häftling im Allgemeinen, der Häftling, der sich aus seinen eigenen Gründen im Gefängnis befindet und sich zu keiner “politischen” Identität bekannt hat, so sehr dieses Konzept heute auch nachgelassen haben mag, macht seine Überlegung in Sachen Praktizierbarkeit einer Entscheidung und stellt sich ein solches Problem nicht im Entferntesten. Unter Berücksichtigung seiner persönlichen Geschichte, des Kontexts, in den sie sich einschreibt, und der praktischen Realisierung von dem, was ihm das Gesetz in Sachen rechtlicher Möglichkeiten bietet. Es handelt sich um eine Prozedur, die zwei, drei Jahre dauert, es ist nicht die Entscheidung eines Moments.

Natürlich wird das Gefängnis der Zukunft, das, wie ich denke, viel offener sein wird als jenes von heute, für jene Minderheit, die die Verhandlung nicht akzeptiert, die sich nicht beteiligen will und jeglichen Partizipationsdiskurs verweigert, eine grössere Aufmerksamkeit aufwenden, und somit gegenüber ihr viel repressiver, viel geschlossener, völlig geschlossen sein. Darum habe ich vom Zusammenhang gesprochen, der zwischen Partizipation und Trennung besteht, ein Zusammenhang, der auf den ersten Blick alles andere als offensichtlich scheinen mag. Zwei Dinge, die so fern voneinander sind, erweisen sich als nahe: Die Partizipation kreiert die Trennung.

Also, was können wir tun? Diese Frage haben wir uns in Bezug auf das Gefängnis oft gestellt. Ich habe eine kleine Broschüre gelesen. Über das Gefängnis lese ich, aus Prinzip, fast nie etwas, weil es mich anwidert, Texte zu lesen, die vom Gefängnis sprechen. Aber, da ich von Gefährten darum gefragt worden bin, habe ich es angenommen, eine Rede in, sagen wir, “familiärem Kreise” zu halten. Aber, ich sagte, ich habe diese Broschüre gelesen. Es handelt sich um eine kleine Broschüre, die von den Gefährten von Nautilus publiziert wurde, die einen abolitionistischen Text über das Gefängnis enthielt und dann ein Schlusswort von Riccardo D’Este, ein interessanter Artikel, auch wenn es mir nicht gelang, ganz genau zu verstehen, was er sagen will, beziehungsweise, ob er eine Kritik an der abolitionistischen Position übt oder nicht, oder ob es ihm nicht gelingt, sie bis zu Ende zu führen, angesichts der Tatsache, dass er trotz allem diesen Text präsentiert. Aber in diesem Text gibt es etwas, das mir nicht passt, und das will ich sagen, und wenn ich Riccardo sehe, werde ich es ihm sagen. Er hat ohne Widerruf, geradezu absolut, diejenigen verurteilt, die in der Vergangenheit Angriffe gegen die Gefängnisse theoretisiert und praktiziert haben. Dieses Urteil scheint mir falsch. Er sagt folgendes… Berücksichtigt, dass Riccardo ein sehr tüchtiger Gefährte ist, den ihr vielleicht bei einem seiner Vorträge hier in Bologna kennengelernt habt. Er sagt folgendes: „Diese Angriffe waren wertlos, sie hatten keinen Sinn, und wie man sehen kann, haben sie die Gefängnisse ja dennoch gebaut“. Wie bitte, lieber Gott! Du, der sonst in allem Anti-effizientist bist, erzählst mir so etwas, das durch und durch effizientistisch ist. Was soll das heissen, „die Gefängnisse haben sie ja dennoch gebaut“? Etwa, dass alles, was wir tun, wenn es nicht die gewünschte Wirkung erzielt oder das vorgenommene Ziel nicht erreicht, keinen Scheiss Wert ist!? Entschuldigt, wenn ich es zu vereinfachend darstelle, aber der Diskurs des Angriffs gegen die Gefängnisse interessiert mich besonders. Und nein! Die Gefängnisse müssen angegriffen werden. Das heisst nicht, dass es keine Gefängnisse mehr geben wird, nachdem einmal entschieden wurde, die Gefängnisse anzugreifen. Oder, dass wir uns, weil wir sie einmal angegriffen haben, zufrieden geben und nichts mehr tun können, um sie zu zerstören. Ich erinnere hier an den Versuch, die Gefängnisse von Sollicciano [Florenz] zu zerstören, als sie sich in Bau befanden. Den Versuch gab es, aber die Gefängnisse von Sollicciano haben sie dennoch gebaut. Aber will das etwa heissen, dass dieser Angriff keinen Sinn gehabt hat? Ich denke nicht. Denn, falls wir zu dieser Schlussfolgerung gelangen müssten, zu der, denke ich – aufgrund eines Schreibausrutschers, wie ich mir gerne einre- den will – Riccardo gelangt ist, müssten wir alles verurteilen, was wir tun; denn nichts, was die revolutionären und anarchistischen Gefährten tun, hat irgendeine Garantie, unweigerlich das Ziel zu erreichen, das Resultat hervorzubringen, das sich jene vornehmen, die es durchführen. Wenn dem so wäre, sässen wir wahrlich in der Patsche.

Was die These von Riccardo D’Este betrifft, sollte gesagt sein, dass ich sie nicht nur kenne, weil ich diese Broschüre über das Gefängnis gelesen habe, sondern auch, weil ich mit ihm darüber gesprochen habe. Riccardo ist eine faszinierende Person, aber wenn man ihm zuhört, oder ihn liest, tut man gut daran, in dem, was er schreibt, und in dem, was er sagt, die Spreu vom Weizen zu trennen, um festzustellen, was zur Faszination von dem gehört, wie er es sagt, und was zur Fundiertheit von dem gehört, was er sagt.

Meiner Meinung nach stimmt es nicht, was er über eine mögliche Ergänzung zwischen Reformen und Extremismen sagt, eine solche Trennung gibt es in der Realität nicht. In der Realität gibt es nicht Kämpfe, die reformistisch sind, und Kämpfe, die revolutionär sind. Was zählt, ist die Art und Weise, wie du einen Kampf realisierst. Wie man in der Diskussion, die vorhin geführt wurde, sehen kann, zählt auch die Art und Weise, wie man sich gegenüber den anderen verhält, sehr viel: wenn ich mich gegenüber meiner Gefährtin auf eine gewisse Art und Weise verhalte, bin ich dann Reformist oder Revolutionär? Nein, dies ist nicht die Alternative, sie besteht vielmehr darin, zu verstehen, ob ich ein Arschloch bin oder nicht. Und wenn ich eine Unterscheidung mache zwischen meiner Art und Weise, zu sein, und meiner Art und Weise, zu handeln, meiner “politischen“ Art und Weise, aufzutreten, und meiner Art und Weise, in der Intimität meiner Beziehungen gegenüber denjenigen zu sein, die mir näher stehen, dann ja, wird die Unterscheidung zwischen Reformismus und Extremismus wieder gültig, im entgegengesetzten Falle ist es absurd, diese Konzepte auf eine reine Weise zu hypothetisieren.

Es stimmt nicht, dass aus dieser Ergänzung zwischen einem angeblichen Reformismus und einem angeblichen Extremismus etwas hervorkommt, dem es möglich wäre, auf die Realität einzuwirken. Mir scheint es nicht, dass dem so ist. Ich habe das alles anders gesehen. Ich habe das so gesehen, dass ein Individuum, bei allem, was es tut, auch abwägen muss, was seine grundlegenden Entscheidungen sind, und diese Entscheidungen bedeuten, dass sich das Individuum in das, was es tut, miteinbezieht, denn wenn es sich nicht miteinbezieht, wenn es sich ständig ausserhalb davon versteht, dann ist klar, dass es nur im Gerede revolutionär sein kann; oder es kann auch die Welt erobern, aber um was zu tun? Um daraus ein neues griechisches Tragödientheater zu machen? Was sagt eine solche These aus? Absolut nichts. Die Überlegung, die gemacht werden muss, sieht etwas anders aus. Diese Unterscheidung gibt es nicht. Wenn wir sie aber als Unterscheidung wirken lassen, wenn wir in einer Welt des Politischen wirken, in einer Welt des Spektakels, der Repräsentation (im Sinne von Schopenhauer), wenn wir die Welt auf diese Repräsentation reduzieren (vergessen wir nicht, dass Schopenhauer sein Fernglas einem preussischen Offizier auslieh, damit er besser auf die Aufständischen schiessen kann, und dieser Mann ist es, der uns von der “Weit als Repräsentation” erzählt, und nicht jener, den sich einige anarchistische Leser seines Buches erträumten), wenn wir uns also die Well: als Repräsentation vorstellen, dann, ja, ist eine Unterscheidung zwischen Reform und Revolution durchaus möglich, aber auch dann handelt es sich um Gerede. In der Realität gibt es diese abstrakten Ideen nicht, sondern gibt es den Menschen, mit seinen gesamten Beziehungen, und mit diesen Beziehungen trägt er dazu bei, die Realität zu verändern, es ist also unmögl ich, diese Unterscheidung in den Dingen, die er tut, genau zu ermitteln. Diese schulmeisterliche Unterscheidung zwischen Reform und Revolution hat für mich den ganzen Sinn, den man ihr in der Vergangenheit geben wollte, nicht.

Natürlich – und das sei hier in Klammer gesagt – , auch ich habe diese Begriffe manchmal gebraucht, beispielsweise habe ich den Begriff “reformistisch” oder “sozialdemokratisch” auch gebraucht, um die Praxis irgendeiner anarchistischen Gruppe zu bezeichnen, zumeist, um mit diesen Begriffen die vis pole mica aufzuladen, die mir, an einem gewissen Punkt, notwendig schien. Oft ist man gut im Reden aber schlecht in der Umsetzung. Aber das ist nicht der Punkt. Man muss sich jedoch den Kontext vor Augen halten, in den sich diese Polemik einschreibt, die Vorstellung der Konsequenzen gewisser Positionen des Gegners und die Notwendigkeit, den kürzesten Weg zu finden, um ein Ziel zu erreichen, das eben jenes der laufenden Polemik ist. In einem Kontext, in dem es von allgemeinem Gebrauch wird, einem Begriff wie sozialdemokratisch eine gewisse Bedeutung zuzuschreiben, und du hingegen jemanden kritisieren, ihn angreifen willst für etwas, das dieser Jemand getan hat, sagst du ihm, dass er sozialdemokratisch ist. Es geht um die Funktionalität des Gebrauchs von einem Begriff, und nicht um die Vertiefung einer Analyse. Tatsächlich habe ich mehrmals einen Teil der italienischen anarchistischen Bewegung kritisiert, indem ich ihn als sozialdemokratisch bezeichnete, aber ich habe nie eine vertiefte Analyse des Warum geliefert. Es gab eine Begründetheit des Gebrauchs des Begriffs, da sozialdemokratisch für uns etwas bestimmtes bedeutet, und zwar Reformismus, Anpassung der Macht, usw.

Ein paar weitere kritische Worte über das Problem des Effizientismus.

Das ist eine Frage, die jeder für sich selbst beurteilt. Ich komme aus einer Kultur und aus einer Denkweise, die man als effizientistisch bezeichnen kann, ich bin in einer effizientisti schen Atmosphäre aufgewachsen, ich komme aus den Schulen des Effizientismus. Dann habe ich mich davon überzeugt, dass der Effizientismus überhaupt nirgendwo hinführt. Ich habe mich davon überzeugt… theoretisch, in der Praxis bin ich vielleicht noch immer effizientis tisch, aber zumindest in Theorie gelingt es mir, den Unterschied zu begreifen, und zwar, dass nicht alle Handlungen, die ein Mensch begeht, zwangsläufig eine unmittelbare Entlohnung in Sachen Wirkung haben müssen. Dies ist fundamental. Eine solche Frage zu begreifen, ist aus vielen Gründen fundamental, denn, zuallererst, besonders bei den Revolutionären, gibt es die Tendenz, die Rechnung zu präsentieren, und vergessen wir nicht, dass die Revolutionäre gewinnsüchtig sind, sie sind sehr gewinnsüchtige Kreditoren… Sie stellen sofort die Guillotine auf, warten keine Sekunde, das ist etwas Schreckliches. Denn was ist die Guillotine des Revolutionärs? Sie ist die Auswirkung des Effizientismus, denn er erreicht gewisse Prozesse und beginnt dann zu… Ich habe vor Kurzem etwas über das Erstaunen gelesen, das von gewissen Dokumenten von Lenin ausgelöst wurde. Viele waren verblüfft, da Lenin anordnete und dazu anspomte, die besitzenden Bauern zu töten. Mich hat das nicht verwundert. Im Namen des revolutionären Effizientismus ist es völlig normal, die besitzenden Bauern zu töten. Entweder wundert man sich ab allem , was den Effizientismus betrifft, oder man kann sich ab einem solchen Brief nicht wundern, denn es handelt sich um etwas Normales, etwas Notwendiges, um eine logische Konsequenz aus den zuvor getroffenen Entscheidungen. Wenn jemand bestimmte Ziele erreichen will, muss er bestimmte Kosten tragen, das ist das Konzept des Effizientismus.

Der Diskurs über den Effizientismus betrifft die Frage, wie ein korrekter Kampf, beispielsweise gegen die Institution der Gefängnisse, die etwas über uns allen schwebt, angegangen werden kann. Mein Grossvater sagte: „Wir alle besitzen einen Stein der Gefängnisse. Einem jeden von uns steht ein Stein zu“, sagte er. Es ist nicht so, dass er viel vom Gefängnis verstand, aber dies war ein sizilianisches Sprichwort, das damals sehr verbreitet war. Wir müssen das Gefängnis also in alle Prozesse der Intervention in die Realität einbringen, in das, was wir vor vielen Jahren intermediäre Kämpfe nannten. Dabei geht es um all jene Interventionen, die wir in die Realität machen, auch wenn wir uns sicher sind, dass daraus kein gewaltiges Resultat, keine Auswirkung hervorkommen wird, da sie vielleicht rekuperiert werden, oder weil sie ihnen innewohnende Zielsetzungen haben, die beschränkt sind. Wenn diese Kämpfe korrekt angegangen werden, haben sie immer einige Resultate. Zuallererst haben sie sie in Sachen Effizienz des Kampfes selbst, in einem Sinne, der sich vom Effizientismus unterscheidet. Das heisst, die sozialen Kämpfe, wenn sie korrekt angegangen werden, reproduzieren sich. Und wie können sie korrekt angegangen werden? Zuallererst, indem sie von den Delegationen anderer Realitäten, von der Hypothek eventueller Unterstützungen losgekoppelt werden, in anderen Worten: indem sie selbstverwaltet werden. Ausserdem dürfen sie, selbstverständlich, nicht von klaren Fristen abhängig gemacht werden, die in den Laboratorien der Macht festgesetzt wurden, das heisst, müssen sie auch von einer anderen Mentalität, von einer Logik von permanenter Konfliktualität ausgehen, da wir diese Kämpfe nicht abhängig von dem klaren Zeitplan aufschalten können, der uns von der Macht festgesetzt wird. Diese beiden Konzepte, jenes der Selbstverwaltung und jenes der permanenten Konfliktualität, vereint mit dem dritten Konzept, nämlich jenem, das auf der Zurückweisung von einer notwendigen und nicht eliminierbaren unmittelbaren, sichtbaren Effizienz basiert, gehen nicht von einer utopischen Konzeption der Realität aus, sondern beruhen auf der konkreten Möglichkeit, die sozialen Kämpfe auf eine Weise anzugehen, die einen Ausgang ablehnt, der unmittelbar in Quantität, in quantitative Resultate übersetzbar ist.

Dies ist möglich, ja, wenn wir gut überlegen, ist es sogar ständig möglich. Nun, sehr oft begehen wir den Fehler, den Kampf einschränken zu wollen, um besser verständlich zu sein, weshalb wir vielleicht, wenn wir in einen spezifischen Kontext, wie beispielsweise die Fabrik, intervenieren, leicht sehen können, was seine Charakteristiken sind: der Lohnkampf, die Verteidigung des Arbeitsplatzes, der Kampf gegen die Schädlichkeit der Arbeit, und viele andere Dinge. Aber wir schaffen es nicht, wirklich zu verstehen, wie das Gefängnis da hineing etragen werden könnte, und so bringen wir es nicht ein, um diesen spezifischen Kontext nicht zu verunreinigen, weil wir denken, dass uns die Leute weniger verstehen, wenn wir den Diskurs ausweiten.

An und für sich ist der Kampf, beispielsweise in einer Fabrik, immer ein intermediärer Kampf, Was könnte der Ausgang einer solchen Intervention sein? Im besten Falle wird das gewünschte Resultat erreicht, das heisst, dass die Arbeiter dieser Fabrik den Arbeitsplatz bewahren, und dann wird alles rekuperiert. Der Kampf wird rekuperiert, die Bosse finden eine Alternative zur Cassa Integrazione [Arbeitslosenkasse], finden eine Alternative zur Schädlichkeit der Arbeit, weitere Investierungen, um den Kontext zu verbessern, et cetera. Eine solche Situation erweist sich für uns bereits als zufriedenstellend, und tatsächlich ist sie das auch aus einem revolutionären Blickwinkel, wenn jene anfänglichen Bedingungen, das heisst, die permanente Konfliktualität bewahrt wurde, wenn wir die Frist gewollt haben und sie uns nicht auferlegt wurde, wenn die Selbstverwaltung des Kampfes und der ganze Rest bewahrt wurde. Aber er wird nicht mehr zufriedenstellend, wenn wir uns, im Namen des Effizientismus, die Möglichkeit verwehren, auch den Moment des Gefängnisses darin einzubringen. Denn meiner Meinung nach muss der Diskurs über das Gefängnis, wie jeder andere Aspekt des revolutionären Diskurses, in alle Kämpfe eingebracht werden, die wir unternehmen. Und wenn wir gut darüber nach denken, ist es möglich, etwas solches zu tun. Wenn wir es nicht tun, dann nur im Namen des Effizientismus, weil wir denken, nicht verstanden zu werden oder gefährlich zu wirken, weshalb wir das Problem des Gefängnisses für etwas halten, das in gewissen Fällen besser zu vermeiden ist. Noch ein paar Worte über die abolitionisti sche Position. Berücksichtigt, dass ich keineswegs korrekt über das Thema dokumentiert bin, ich könnte also auch parteiische Dinge sagen, in erster Linie, weil ich, soviel ich verstanden habe, die abolitionistische Position nicht teile, dann, eben, aufgrund von einem Mangel an Dokumentation. Sollte sich mein Diskurs als parteiisch erweisen, nun, dann korrigiert mich. Ich teile die abolitionistische Position nicht, sagte ich, nicht, weil ich die Gefängnisse will, das scheint mir selbstverständlich, ich teile sie nicht, weil ich keine Position teile, die beabsichtigt, einen Teil von einem Ganzen abzuschaffen, das schlichtweg nicht in seine Bestandteile aufgeteilt werden kann. Entschuldigt meine ungenaue Ausdrucksweise. Um es in anderen Worten zu sagen: ich bin nicht damit einverstanden, dass die Abschaffung hypothetisiert werden kann, nicht der Angriff, sondern die Abschaffung, das heisst, dass eine Plattform vorgeschlagen werden kann, um einen Aspekt von einem Kontext abzuschaffen, der organisch nicht in seine Einzelteile aufgeteilt werden kann. Ich bin nicht damit einverstanden, dass ein Vorschlag gemacht wird, um das Justizwesen abzuschaffen, weil ein solcher Vorschlag für mich keinen Sinn hat, oder auch um die Polizei abzuschaffen. Das will nicht heissen, dass ich für das Justizwesen oder für die Polizei bin. Auf dieselbe Weise bin ich nicht für die Abschaffung des Staates, sondern einzig für seine Zerstörung. Und ich bin nicht nur einverstanden damit, sondern ich bin auch bereit, im Hinblick auf ein solches Ziel zu handeln, egal wann es ist, auch wenn es in nächster Zeit extrem unwahrscheinlich ist. Ich bin also bereit, etwas zu tun, und ich kann darüber diskutieren, was in Sachen Angriff gegen diesen oder jenen spezifischen Aspekt des Staates, und somit auch gegen das Gefängnis, getan werden kann.

In anderen Worten: der Diskurs muss meiner Meinung nach umgekehrt werden. Es geht nicht um die Abschaffung von einem Teil des Staates, wie beispielsweise, um auf unser Argument zurückzukommen, der Gefängnisse, sondern es geht um die Zerstörung des Staates, welche, offensichtlich, nicht unmittelbar total sein kann, sonst würden wir dieses Ereignis auf den Sankt-Nimmerleins-Tag hinausschieben. Es wäre wie das Warten auf jene berühmte Linie in der Geschichte, die sich bewegt und die so oder so in Richtung Anarchie geht, und so würde man darin enden, gar nichts zu tun, während man darauf wartet, dass sich diese Anarchie von alleine realisiert. Im Gegensatz dazu bin ich bereit, heute, sofort etwas zu tun, auch in dem spezifischen Kontext von einem Teil der Gesamtinstitution “Staat”, und somit auch gegen das Gefängnis, oder gegen die Polizei, oder gegen das Justizwesen, oder gegen alle tragenden und wesentlichen Bestandteile des Staates, in Erwartung darauf, den Staat endgültig zu zerstören. Dies ist das Konzept, das; ich klären wollte.

Aber womit korrespondieren diese Diskurse eigentlich? Wenden wir ein paar weitere Worte auf, werdet nicht nervös, ich verspreche euch, dass ich euch nicht mehr lange anöden werde. Wenn ihr gut darüber nachdenkt, entsteht das Konzept der Abschaffung der Gefängnisse in einem ganz bestimmten theoretischen Kontext, wovon ich euch, ganz ehrlich gesagt, nicht sagen könnte, welcher es ist, aber es entsteht parallel zu etwas, das ich etwas besser kenne, und das ist folgendes. In Amerika gibt es zurzeit, im Rahmen des allgemeinen philosophischen Denkens, aber auch im soziologischen Bereich, verschiedene Universitäten, die am Problem vom Wandel der Demokratie arbeiten. In diesem Kontext gibt es verschiedene amerikanische Wissenschaftler – worunter der berühmteste sich Robert Nozik nennt, von dem ein paar Bücher auch auf Italienisch erschienen sind die sich mit dem Problem einer Situation von gemeinschaftlichem Leben ohne Sanktion, ohne Strafe und ohne Repressionsinstrumente auseinandergesetzt haben. Wieso stellen sie sich dieses Problem? Weil sich diese aufgeklärten Personen offensichtlich bewusst werden, dass die demokratische Struktur, so, wie wir sie kennen, nicht in der Lage ist, noch lange weiterzubestehen, und sie eine andere Lösung finden müssen; sie müssen herausfinden, wie gemeinschaftliche Strukturen ohne bestimmte Elemente wie eben das Gefängnis, die Polizei, die Kontrollstruktur des Staates usw. hervorkommen können, Elemente, die für uns der Existenz des Staates angeboren sind. Diese Debatte ist keine periphere Angelegenheit, sie ist zentral im politischen und philosophischen Denken der amerikanischen Universitäten. Und meiner Meinung nach, korrigiert mich, wenn ich falsch hege, könnte die Abschaffung auf diese Bewegung zurückgeführt werden, aber dabei handelt es sich um ein Argument, das besser von jemandem vertieft werden sollte, der mehr darüber weiss als ich, ich will dazu nicht mehr sagen.

Sagen wir, dass diese Art von Problem, besonders bei Denkern wie Nozik – aber es gibt auch andere, die mir jetzt entgehen, die sich mit demselben Argument auseinandersetzen – nur ein Hinweis auf ein theoretisches Interesse ist, das auf gewissen praktischen Notwendigkeiten der Verwaltung der Macht beruht. Offensichtlich ist das historische Modell der Demokratie, zum Beispiel das Buch von Alexis de Toequevil- le, heute nicht mehr akzeptierbar. Dies ist nicht die Demokratie, wovon wir sprechen. Heute braucht es andere Strukturen. Denkt an ein Land wie China. Wie soll man die zukünftige Demokratie von China verwalten, indem man sich auf ein Modell wie jenes von Tocqueville stützt? Wie soll zum Beispiel ein Parlament mit sie benundzwanzigtausend Abgeordneten funktionieren? Unmöglich. Sie müssen einen anderen Weg finden. Und in diese Richtung sind sie am arbeiten. Es handelt sich um diese Signale, die wir, auf andere Weise, auch in Italien erkennen können. Institutioneile Wandlungen, wie sie es nennen, die Ausdruck eines generalisierten Missbehagens sind, das die Demokratie erfasst.

Aber auch Wissenschaftler, die von demokratischen Überstrichen fern scheinen mögen, wie Michel Foucault, haben ihren Beitrag zu einer Perfektionierung des Gefängnisses, und somit zu einer Rationalisierung der Institutionsstruktur geliefert. Was Foucault betrifft, können wir sagen, dass es, zumindest soviel ich erkennen kann, in Anbetracht dessen, dass ich seine Schriften über die Geschichte des Wahnsinns besser kenne, in seiner Überlegung die Entwicklung von zwei grundlegenden Gedanken gibt: einen gebunden an die Überwindung und der andere an die Bewahrung eines laufenden Prozesses. Dies veranlasst diesen Denker dazu, in allem, was er denkt, ständig etwas nicht ausreichend Definiertes zu lassen. In all seinen Vorschlägen, auch im Vorschlag bezüglich der Homosexualität, die zur gleichen Zeit als Verschiedenheit und als Normalität betrachtet wird, ist nie klar, welche Entscheidung er treffen will. Die Ambivalenz ist übrigens typisch bei diesem Denker, und nicht nur bei ihm, sondern bei all den Leuten, die versuchen, sich im Gleichgewicht zu halten. Im Grunde ist die Frage des Gefängnisses für ihn das Problem von einem Instrument, von dessen Gebrauch er nicht überzeugt ist, er möchte gerne ohne es auskommen, aber er kann sich nichts anderes vorstellen, als es auszuklammern. Tatsächlich macht er, an einem gewissen Punkt, das Beispiel vom Narrenschiff, das Gefängnis, Irrenanstalt, Waisenhaus und Altersheim für alte Prostituierte war, alles in einem. Er schreibt, dass das Narrenschiff innert sehr weniger Tage in Praxis umgesetzt wurde, dass es sehr wenig Zeit brauchte, um es zu realisieren. Zur Zeit, als die Gesellschaft die andersartigen Individuen aus der Stadt auswies (er spricht wirklich nicht von den Homosexuellen), stellte sie diese ausserhalb des Mauerrings. Und diese, nicht wissend, was sie tun sollen, wandelten von Stadt zu Stadt, weshalb man sie, zu einem bestimmten Zeitpunkt, aufgriff und auf ein Schiff steckte, auf das Narrenschiff. Dieses Schiff begann, von Hafen zu Hafen zu segeln, weil es niemand wollte. Ein Schiff, das immer in Umlauf war. In diesem Moment begann man, das Gefängnis, die Irrenanstalt, das Waisenhaus und das Altersheim für alte Pros tituierte zu erschaffen, weil die Gesellschaft in diesem Moment diese Präsenzen nicht mehr dulden konnte. Es sind, sozusagen, einige soziale Funktionen verschwunden: jene des Wahnsinnigen, der in der mittelalterlichen Gesellschaft auch als der von Gott Berührte betrachtet wurde, und jene des Bettlers, der in den katholischen Ländern das Subjekt war, gegenüber dem es Nächstenliebe zu üben galt, das fundamentale Prinzip, vergessen wir das nicht, des katholischen Christentums. Mit der Entwicklung des protestantischen Denkens wurde der Bettler ein Aufgreifobjekt, muss er also beiseite gestellt werden. Da die Gesellschaft sie nicht mehr braucht, wird die Figur des Bettlers überflüssig, der Bettler verschwindet als Objekt der Nächstenliebe und wird zum Gefangenen. Heute, da die Gesellschaft das Gefängnis nicht mehr braucht, müsste das “Objekt” Gefangener verschwinden. Wie kann es zum Verschwinden gebracht werden? Nehmen wir ein Schiff und stecken wir alle Gefangenen auf ein Schiff. Aber so verschwindet das “Objekt” Gefangener nicht, da das Schiff zu einem Gefängnis wird, wie es die Franzosen mit den Deportierten der Pariser Kommune taten: sie steckten sie in Pontons, in die Kahne, die in Le Havre vertäut waren, und da drinnen blieben die Leute für 4 oder 5 Jahre, als Gefangene in einem schwimmenden Gefängnis. Jetzt, da die Gesellschaft das Gefängnis nicht mehr braucht, sagen einige aufgeklärte soziale Denker, lasst uns die Gefangenen in eine andere soziale Institution verlegen. Was dann das Projekt der abolitionistischen Position wäre. Und hier gereicht der Diskurs von Foucault zur Perfektion.

Dies war es, was ich sagen wollte. Kommen wir nun, für einen Augenblick, auf den Diskurs über den Angriff zurück. Ich bin immer für den spezifischen Angriff. Der spezifische Angriff ist wichtig, nicht nur für das Resultat, das er hervorbringt, nicht nur für die Auswirkungen, die er verursacht, die wir vor unseren Augen sehen können. Niemand von uns kann den Anspruch haben, funktionalistisch zu sein, denn falls wir diesem Missverständnis verfallen, tun wir überhaupt nichts mehr. Die Gefängnisse müssen also erst verstanden werden, denn man kann nichts tun, wenn man nicht erst die Rea lität versteht, die man bekämpfen will, dann müssen sie verständlich gemacht werden, und dann müssen sie angegriffen werden, eine andere Lösung gibt es nicht. Sie müssen in ihrer Spezifität angegriffen werden. Diese Angriffe haben nichts zu tun mit den grossen militärischen Operationen, die sich mancher vorstellt. Ich bin immer der Meinung gewesen, dass diese Angriffe wie ein Ausflug aufs Land sind: jemand sagt: „Heute fühl ich mich in diesen anarchistischen Räumen eingeschlossen (die auf mich ehrlich gesagt etwas deprimierend wirken), und ich möchte etwas spazieren gehen“, bleiben wir nicht immer in diesen Räumen eingeschlossen, unternehmen wir ein paar Schritte. Mit dieser, ich sage nicht goliardischen Haltung, weil das Wort dumm ist, aber mit dieser, sagen wir, entdramatisierenden Haltung, ist es immer möglich, einen Ausflug aufs Land zu machen, es handelt sich um nichts, das der Gesundheit schadet. Und dies, ohne daraus eine grosse Geschichte zu machen, ohne einen Ausflug aufs Land in eine Art Kreuzzug gegen die Unterdrücker von heute, von gestern und von immer zu verwandeln. Nein, eine angenehme Sache, eine Tätigkeit, die uns auch Freude bereiten soll, ein Ausflug aufs Land, aber auch eine spezifische Sache. Dennoch müssen die Gefängnisse auch in einem allgemeinen Kampfkontext angegriffen werden, das heisst, im Laufe von jeglichen Kämpfen, die es uns zu entwickeln gelingt. Und dies ist ein Diskurs, den wir seit mindestens zehn Jahren führen. Wir müssen das Gefängnis, bei was auch immer wir tun, wovon auch immer wir sprechen, einbringen, denn das Gefängnis ist ein wesentlicher Bestandteil von jeglichem Diskurs. Führen wir einen Diskurs über das Viertel, über die Gesundheit, usw., müssen wir einen Weg finden, und den gibt es, um den Diskurs über das Gefängnis als repressive Struktur einzubringen, während wir alle Versuche anprangern, die Potenzialität des Gefängnisses als Störelement des sozialen Gleichgewichts zu besänftigen. Bedenkt, dass das Gefängnis, wie wir gesehen haben, ein Element ist, das sich in Bewegung befindet, es ist keine bereits versiegelte und definitive Sache. Für sie ist das Gefängnis ein Störelement. Sie sind alle ständig daran, darüber nachzudenken, was getan werden kann, um das Problem des Gefängnisses zu lösen. Nun, ihr Problem des Gefängnisses muss unser Problem des Gefängnisses werden, und dieses Problem müssen wir in den Kämpfen widerspiegeln, die wir realisieren, falls wir sie realisieren. Und dies, natürlich, in Erwartung des nächsten Aufstands, denn dann, im Falle eines Aufstands, wird es reichen, die Gefängnisse zu öffnen und sie endgültig zu zerstören. Danke.

***

[2] Die Carceri speciali w aren „M aximumsicherheits-Gefängnisse“, die Ende der 70er Jahre als Reaktion auf die starken sozialen Konflikte eingeführt wurden, um Personen mit hohem Ausbruchsrisiko einzusperren (hauptsächlich Revolutionäre, aber nicht nur). Auch heute noch werden Anarchisten oder Kommunisten in Italien meistens in jeweiligen spezifischen Gefängnissen eingeschlossen.

[3] Siehe Fussnote 5

[4] Calabresi war der Chef der politischen Polizei, verantwortlich für den Tod des Anarchisten Giuseppe Pinelli, der 1969 aus dem Fenster des 4. Stocks der zentralen Polizeistation in Milano gestossen wurde. Calabresi wurde am 17. Mai 1972 vor seinem Haus von anonymen Personen erschossen.

[5] Infolge der sozialen Kämpfe in Italien in den 70er wurden etwa 5 0 0 0 Gefährten eingesperrt und viele andere Gefangenen entwickelten durch dieses Zuammentreffen revolutionäre Ideen. Alleine zwischen 1970 und 1971 kam es zu etwa 80 Revolten in den italienischen Gefängnissen. Die Revolten drinnen wurden von den Gefährten draussen kräftig unterstützt und der italienische Staat sah sich gezwungen, eine Lösung zu suchen, indem er das Strafgesetzbuch reformierte, das seit der Zeit von M ussolini praktisch unverändert blieb.
Mit der Gefängnisreform von 1975 sind bedeutende Veränderugen eingeführt worden, namentlich ein Versuch, die Verurteilung in Fällen von kurzen Strafen in soziale Arbeit unter strikter Überwachung umzuwandeln. Die Rolle des Überwachungsrichters, gemeinsam mit dem Verwaltungspersonal des Gefängnisses, den Gefängniswärtern, den sozialen Diensten und dem Polizeidepartement wurde erstrangig, um die Strafen der Gefangenen zu verwalten, die nicht m ehr nur auf dem „Verbrechen“ basieren.
1986 wurde das „Gozzini-Gesetz“ angenommen, welches mehr Gewicht auf die spezifischen politischen Entscheidungen und Verhaltensweisen legte, anstatt nur auf die Beweise, die während des Prozesses verwendet wurden. 1980 wurde das „Cossiga Dekret“ angenommen, das in strafrechtlichen Verfolgungen und Prozessen, die den bewaffneten Kam pf betreffen, die Figur des Kollaborateurs einführte. 1982 wurde ein Gesetz über die Dissoziierung angenom m en und 1987 taucht ein noch komplexeres Gesetz im Bezug auf Kollaborateure auf. In diesem Zusammenhang gesehen, dient das Gozzini-Gesetz dazu, die Distanz zwischen Belohnung und Bestrafung zu vergrössern.
Ein weiterer Gesetzesartikel, der in diesem Bereich eingeführt wurde und der heute noch immer nach Laune des Überwachungsrichters eingesetzt wird, ist der Artikel 90, eine Möglichkeit, nicht nur alle Vorteile der Reform, sondern auch Grundrechte zu beseitigen, wann immer ein Gefangener als „gefährlich“ betrachtet wird (für den Staat natürlich): Sie können ihre Rechte und Vorteile erst nach einer Einschätzung der Situation und einer Berücksichtigung des vorhandenen Gefährlichkeitsgrades gemessen. In einigen Fällen werden sie während ihrer ganzen Strafdauer in völliger Isolation gehalten.
Das Gozzini-Gesetz wird eingesetzt, um die Situation zu rationalisieren: 40 bis 90 Tage Ermässigung pro Jahr bei gutem Verhalten, zugängliche soziale Arbeit auch für Gefangene mit langen Verurteilungen, spezielle Genehmigungen von bis zu 40 Tagen pro Jahr aus speziellen Gründen, soziale Arbeit, usw.
Dieser Trend wurde 1991 durch das Gesetz 203 verstärkt, welches gegenüber all jenen, die nicht kollaborieren, alle Vorteile, die im Gozzini-Gesetz enthalten sind, verweigert.
Dann erschien 1992 das Gesetz 356, das den „Art. 18 bis“ des Gozzini-Gesetzes einführte, der zeigt, wie die Gerichte dabei sind, zu Abzweigern des Gefängnissystems zu werden, und wie die Gefängnispolitik die gerichtlichen Angelegenheiten beeinflusst. Beamte der Anti-Mafia-Abteilung werden rechtlich autorisiert, Verhöre ohne Protokoll durchzuführen. Diese und andere Artikel, welche die Rechte der Gefangenen einschränken, sind deutlich eine Form von Druck, die darauf abzielt, Kollaborateure zu kreieren.

[6] Grund oder Recht wird im Italienischen mit demselben Wort wie Vernunft bezeichnet (ragione), eine Mehrdeutigkeit, die in diesem Abschnitt etwas verloren geht.

[7] Giovanni Gentile war einer der wichtigsten Philosophen des italienischen Faschismus.

SchwarzerPfeil

Von SchwarzerPfeil

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