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Knast & Abolitionismus Teil 9: Neue Antworten auf Verbrechen mit Opfern: Umgang mit Vergewaltigung

Es folgt der neunte Teil aus unserer Knast-Serie mit Beiträgen zum Thema Gefängnis, Abschaffung und Alternativen. Hier geht es zum vorherigen Teil: Institution Familie als Einstieg in die Kriminalität. Der nachfolgende Beitrag ist wieder aus Instead of Prisons übersetzt, der „Abolitionismus-Fibel“.

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Wenn Abolitionist_innen auf Alternativen zur Haftstrafe drängen, wird immer der Ruf laut: „Aber was ist mit dem Vergewaltiger*? Was ist mit den Straßenverbrecher_innen? Was würdet ihr mit ihnen machen?“

Da Abolitionist_innen sich der Herausforderung stellen müssen, nicht inhaftierende Lösungen für brutale und schädliche Verbrechen zu finden, werden wir sie hier betrachten. Unsere Studie hat uns davon überzeugt, dass echte Lösungen für das Problem der Vergewaltigung und anderer Gewaltverbrechen in keiner Weise mit der Inhaftierung von Straftäter_innen zu tun haben. Gefängnisse bestrafen lediglich einzelne Sündenböcke, gehen aber nicht auf die kollektive Verantwortung für kulturell oder wirtschaftlich bedingtes Verhalten ein. Stattdessen müssen die Bemühungen zur Verhinderung von Verbrechen mit Opfern darauf abzielen, die sozialen Bedingungen zu verändern, die Kriminalität begünstigen, und die Opfer zu befähigen, sich gegen die Viktimisierung zu wehren.

Die Mehrheit der Straßenkriminalität wird zum Beispiel von Armen gegen Arme begangen — eine machtlose Klasse. Straßenkriminalität ist in erster Linie Wirtschaftskriminalität, die auf die Ungerechtigkeiten des Systems zurückzuführen ist und mit steigender Arbeitslosigkeit und Inflation zunehmen wird. Lösungen sind an systematische Veränderungen gebunden: Es wird keine Verbrechen der Armen mehr geben, wenn es keine Armen mehr gibt.

Ebenso haben wir festgestellt, dass die Wurzeln der kriminellen Gewalt gegen Frauen und Kinder tief in der Kultur dieser Gesellschaft liegen. Daher muss die Prävention von Vergewaltigungsverbrechen darauf ausgerichtet sein, die gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern, die Gewalt und Sexismus begünstigen. Auch wenn die Opfer von Vergewaltigungen zu Recht wütend sind, sollte der Fokus dieser berechtigten Wut nicht auf der (Nicht-)Lösung liegen, die Vergewaltiger* in den Käfig zu sperren. Vielmehr sollten die Energien auf echte Lösungen für dieses hässliche Gemeinschaftsproblem gerichtet werden. Dazu gehören eine Änderung der Werte und Einstellungen gegenüber Mädchen und Frauen und die Schaffung von Alternativen in der Gemeinschaft, die Möglichkeiten zur Umerziehung und Resozialisierung von Vergewaltigern* und anderen potenziellen Sexualstraftätern* bieten.

Alle physischen Gewaltandrohungen müssen sowohl von der Gemeinschaft als auch von Einzelpersonen ernst genommen werden. Es ist inakzeptabel, von einer anderen Person körperlich verletzt zu werden, egal ob die Gewalt von einem Vergewaltiger*, einem Cop, dem organisierten Verbrechen oder der Regierung ausgeht. Opfer wurden als machtlose Wesen angesehen, die darauf warten, ausgebeutet zu werden. Doch das ändert sich langsam: Die Opfer weigern sich, länger Opfer zu sein. Die Opfer sorgen für eine neue Reaktion, und zwar nicht durch ein Strafverfolgungs-/Kriegsmodell, sondern durch ein Modell der Opferermächtigung — ein Befreiungsmodell. Auf der Grundlage einer authentischen Analyse ihrer Situation und gestärkt durch konkrete gewaltfreie Handlungen lernen die Opfer, dass sie ihre Situation ändern können.

Aus der Entwicklung der feministischen Vergewaltigungskrisen- und Kinderrechtsbewegungen lassen sich beispiellose Lehren für die Opferermächtigung ziehen. Diese Klasse von Opfern bewirkt allmählich einen Wandel. Weil ihre Erfahrungen ein Beispiel für neue Reaktionen auf andere Verbrechen mit Opfern sein sollten, haben wir uns entschieden, das Verbrechen der Vergewaltigung näher zu untersuchen. Die Analyse der Vergewaltigung und der Straßenkriminalität auf den folgenden Seiten erfolgt aus der Perspektive der Opfer — einer wütenden Perspektive, die in der Öffentlichkeit selten gehört wird.

Wenn wir das Verbrechen der Vergewaltigung untersuchen, sind wir überwältigt von der Vielfalt unserer Entdeckungen und davon, wie viel sie über die gegenwärtige Realität und die zukünftigen Hoffnungen auf Gerechtigkeit aussagen. Wir entdecken das Ausmaß der Gewalt in unserer Kultur. Wir entdecken das komplizierte Netz von Mythen, das die Machtlosen umgibt. Wir entdecken die Vorurteile in Strafgesetzbüchern und Rechtsverfahren, die die Mächtigen begünstigen. Wir entdecken die Ideologie der „Schuldzuweisung an das Opfer“. Wir entdecken die Anfänge einer Bewegung für Opfer, die sich selbst ermächtigt und selbst definiert. Wir entdecken Antworten, die Opfern und Täter_innen ein ganz neues Spektrum an Dienstleistungen bieten. Und wir entdecken, wie groß die Aufgaben sind, die vor uns liegen.

Vergewaltigung: Mythen und Realitäten

Die Daten in diesem Abschnitt beruhen nicht nur auf wissenschaftlichen Untersuchungen, sondern auch auf Berichten von Vergewaltigungsopfern und Mitarbeiter_innen von Vergewaltigungskrisenzentren aus erster Hand.

Mythos: Ein Vergewaltiger* ist ein sexuell unerfüllter Mann, der von einer plötzlichen, unkontrollierbaren Welle sexuellen Verlangens mitgerissen wird.

Die Realität: Ein Vergewaltiger* ist ein Mann, dessen Sexualität ihren Ausdruck in der Beherrschung, Kontrolle und Erniedrigung eines Opfers findet. Die Mehrheit der Vergewaltigungen wird im Voraus geplant.

Dieser Mythos rationalisiert Vergewaltigung und entschuldigt den Vergewaltiger*, indem er behauptet, dass Vergewaltigung ein impulsiver Akt ist, der angeboren und universell ist — ein Aspekt der „tierischen Natur“, der durch sexuelle Bedürfnisse motiviert ist, die nicht unerfüllt bleiben dürfen. Dies wird durch kulturübergreifende Studien nicht bestätigt; sie legen nahe, dass männliche Aggression und Feindseligkeit, die sich in der Sexualität ausdrücken, kulturell bedingte, erlernte Verhaltensweisen sind und nicht der „natürliche“ Instinkt des Menschen.

Sowohl die Erfahrungen der Opfer als auch unabhängige Befragungen von Vergewaltigern* deuten stark darauf hin, dass der Wunsch, zu kontrollieren, zu demütigen und zu verletzen, ein Hauptmotiv für Vergewaltigungen ist. Diese Theorie deckt sich teilweise mit den Ergebnissen begrenzter Studien, die in Gefängnissen und psychiatrischen Einrichtungen durchgeführt wurden. Von den untersuchten verurteilten Vergewaltigern* scheinen die meisten durch Gefühle der Verachtung und Feindseligkeit gegenüber Frauen und durch eine Vielzahl von wutauslösenden Umständen in ihrem Leben motiviert zu sein.

In einer Kultur, in der Männlichkeit mit Kontrolle, Gewalt, Dominanz, Macht, Stärke und Konkurrenzdenken gleichgesetzt wird, ist Vergewaltigung eine extreme Ausprägung dieser Eigenschaften. Da Sex ein Bereich ist, in dem diese Einstellungen zur Männlichkeit am intensivsten zum Ausdruck kommen, spielt die Sexualität eine Rolle bei der Aggression des Vergewaltigers*.

Mythos: Vergewaltigung ist ohne die Zustimmung der Frau unmöglich.

Die Realität: Frauen stimmen einer Vergewaltigung nicht zu.

Dieser Mythos wird von Ärzt_innen, Strafverteidiger_innen, Cops und Staatsanwält_innen verbreitet und von den Medien aufrechterhalten. Er wird in „Witzen“ ausgedrückt: „Eine Frau mit hochgezogenem Rock kann schneller rennen als ein Mann mit heruntergelassener Hose.“

Dieser Mythos wird benutzt, um der Frau die Schuld zuzuschieben, indem man ihr unterstellt, dass sie in irgendeiner Weise ihrer Viktimisierung zugestimmt oder sie eingeladen hat. Die Opfer werden bewusstlos geschlagen, überraschend angegriffen, mit dem Tod oder schweren körperlichen Schäden bedroht, unter Drogen gesetzt, mit Pistolen und Messern bedroht, körperlich zur Unterwerfung geprügelt und psychisch in die Passivität getrieben. Häufig ist die größte Angst eines Vergewaltigungsopfers, dass sie getötet wird.

Mythos: Frauen, die vergewaltigt werden, haben den Angriff meist provoziert.

Die Realität: Ein Vergewaltigungsopfer ist nicht dafür verantwortlich, dass sie angegriffen wird.

„Dem Opfer die Schuld geben“ wird als Argument verwendet, um die Schuld vom Vergewaltiger* auf das Opfer zu schieben, was bedeutet, dass es die sexuelle Begegnung provoziert haben muss.

Aus dieser Sichtweise heraus wird argumentiert, dass sich Opfer und Nicht-Opfer von Vergewaltigungen psychologisch unterscheiden. „Gute Mädchen werden nicht vergewaltigt.“ „Was hattest du an?“ „Warum bist du in sein Auto/seine Wohnung gegangen/allein nach Hause gegangen?“ Mit diesen Fragen wird im Wesentlichen die Schuld des Opfers begründet. „Du hast ihn dazu verleitet und es herausgefordert.“

Kinder aller Altersgruppen, Männer und Jungen in Gefängnissen und Jugendheimen, Babys und schwangere oder behinderte Frauen sind ebenso Opfer von Vergewaltigungen geworden wie junge Frauen, die nach männlicher Definition „attraktiv“ oder „schön“ sind. Vergewaltiger* sagen selbst, dass die Verfügbarkeit und Verletzlichkeit des Opfers sie zu einem Hauptziel macht, nicht ihre individuelle „Schönheit“ oder ihr „aufreizendes“ Verhalten.

Mythos: Vergewaltiger* sind pathologisch kranke und perverse Männer.

Die Realität: Männer, die eine Frau zu einer ungewollten sexuellen Begegnung zwingen, unterscheiden sich nicht von der allgemeinen männlichen Bevölkerung.

Dieser Mythos wurde benutzt, um die Tatsache zu verschleiern, dass unsere Kultur männliche Aggression fördert, insbesondere sexuelle Aggression. Darüber hinaus dient die Typisierung des Vergewaltigers* als „mörderischer Sexfanatiker“ dazu, dass Frauen verängstigt und unterwürfig bleiben, ohne die häufigste Gefahrenquelle zu erkennen — die Männer in ihrer Nachbarschaft und in ihrem Zuhause.

Bis vor kurzem haben soziologische und psychologische Untersuchungen von verurteilten Vergewaltigern* diesen Mythos eher bestätigt, indem sie sich auf die psychologischen Merkmale, den familiären Hintergrund und die „kriminelle Subkultur“ des Vergewaltigers* konzentrierten und nicht auf die vorherrschenden kulturellen Faktoren und Normen, die sexuelle Aggressionen gegen Frauen fördern könnten.

Die spärlichen Informationen, die uns zur Verfügung stehen — Statistiken des FBI, der UCR, neuere soziologische Studien, Statistiken und Informationen von Vergewaltigungskrisenzentren sowie Interviews mit Opfern und Vergewaltigern* — widerlegen jedoch alle den Mythos des psychisch gestörten Vergewaltigers*. Den psychotischen Vergewaltiger* gibt es zwar, genauso wie den psychotischen Mörder, aber er ist die extreme Ausnahme. Wenn wir den Opfern und den wenigen Vergewaltigern* zuhören, die sich geäußert haben, stellen wir fest, dass es keinen „typischen“ Vergewaltiger* gibt, sondern dass er mit geringerer Wahrscheinlichkeit ein „abartiger sexueller Psychopath“ ist als ein verheirateter Geschäftsmann, ein straßengewandter Teenager oder ein Verbindungsbruder.

Mythos: Die meisten Vergewaltigungen passieren auf der Straße oder bei Frauen, die trampen.

Die Realität: Etwa die Hälfte der gemeldeten Vergewaltigungen findet im Haus des Opfers statt.

Die Studie „The Crime of Rape in Denver“ des Denver Anti-Crime Council hat ergeben, dass das Opfer in 41,2 Prozent der untersuchten Fälle entweder zu Hause war oder schlief, als die Vergewaltigung stattfand; in 26 Prozent der Fälle nahm sie an einer Freizeit- oder Sportaktivität teil und in weniger als fünf Prozent war sie per Anhalter unterwegs.

Mythos: Der typische Vergewaltiger* ist ein Fremder für das Opfer.

Die Realität: Opfer werden von Bekannten, Nachbarn, Freunden der Familie, Dates, Freunden, Liebhabern, Vätern, Brüdern und Onkeln sowie von Fremden vergewaltigt.

„Schatten“-Statistiken, die Fälle dokumentieren, die nicht bei der Polizei, sondern bei Vergewaltigungskrisenzentren, Freund_innen, Privatärzt_innen, Psychiater_innen und psychiatrischen Zentren angezeigt wurden, sind in den offiziellen Studien nicht enthalten. Fälle von Vergewaltigungen an Ehefrauen zum Beispiel tauchen in den offiziellen Statistiken nie auf, weil nach der gesetzlichen Definition von Vergewaltigung ein Ehemann seine Frau nicht vergewaltigen kann. Frauen, die von Freunden oder Ex-Ehemännern vergewaltigt werden, zögern aufgrund der weit verbreiteten Unsensibilität und Schikanen von Polizei und Gerichten, Anzeige zu erstatten.

Trotz dieser Hemmnisse zeigen die meisten Studien über die Beziehung zwischen Opfer und Täter*, dass der Vergewaltiger* genauso wahrscheinlich ein Mann ist, den das Opfer kennt, wie eine fremde Person.

Mythos: Eine Frau kann nicht von ihrem Mann vergewaltigt werden.

Die Realität: Frauen können von ihren Ehemännern vergewaltigt werden und werden es auch häufig.

Jeder Akt der erzwungenen sexuellen Penetration ist eine Vergewaltigung, unabhängig von der Beziehung des Opfers zum Angreifer*. Das Gesetz der „ehelichen Immunität“ ist eine direkte Folge des patriarchalen Konzepts der Frau als „Eigentum“ ihres Mannes.

Durch die Definition, dass Vergewaltigung in der Ehe nicht möglich ist, impliziert das Gesetz, dass der Ehevertrag eine generelle Zustimmung zu sexuellen Beziehungen zu jeder Zeit beinhaltet und dass ein Ehemann das Recht hat, mit seiner Frau gegen ihren Willen zu kopulieren. Frauen, ob verheiratet oder ledig, haben das verfassungsmäßige Recht auf Freiheit und Selbstbestimmung, aber einige Strafgesetze verweigern verheirateten Frauen und Frauen, die mit Männern „zusammenleben“, diese Rechte.

Mythos: Frauen genießen es, vergewaltigt zu werden.

Die Realität: Vergewaltigung ist ein brutaler Gewaltakt, bei dem das Opfer gedemütigt, erniedrigt, psychisch terrorisiert und oft mit dem Tod bedroht wird. Kein Vergewaltigungsopfer — ob Frau, Mann oder Kind — hat Spaß an einer Vergewaltigung.

Die Vorstellung, dass Frauen sexuelle Gewalt durch Männer genießen, ist eine männliche Vorstellung von weiblicher Sexualität. Freud war der erste, der die Theorie aufstellte, dass Vergewaltigung etwas ist, das Frauen begehren und dass Frauen von Natur aus masochistisch sind.

Die meisten Vergewaltigungsopfer haben in erster Linie Angst — Angst vor körperlichen Verletzungen, Verstümmelung und Tod. Sie erleiden ein breites Spektrum an körperlichen und emotionalen Reaktionen. Die Vergewaltigung stört das normale Leben des Opfers erheblich. Schlaflosigkeit, Albträume, Appetitlosigkeit, Angst vor dem Alleinsein, Angst davor, das Haus zu verlassen, Abhängigkeit von Beruhigungsmitteln, körperliche Schmerzen, gebrochene Rippen und innere Verletzungen sind einige der Nachwirkungen einer Vergewaltigung.

Die Viktimisierung von Frauen

In den 1960er Jahren wurde das Bewusstsein für die soziale, wirtschaftliche und politische Unterdrückung von Frauen wieder wach. Dieser Prozess fand vor allem durch Frauengruppen statt, die sich im Rahmen der Frauenbewegung informell in Wohnungen trafen. Bewusstseinsbildung ist der Prozess der Umwandlung der verborgenen, individuellen Ängste von Frauen in ein gemeinsames Bewusstsein für die Bedeutung dieser Ängste als soziale Probleme, die Freisetzung von Wut und Angst, der Kampf, das Schmerzhafte zu verkünden und es in etwas Politisches zu verwandeln.

Die Frauen begannen zu erkennen, dass die Bedrohung durch Vergewaltigung und sexuelle Belästigung ihren gesamten Lebensstil eingeschränkt hatte. Außerdem entdeckten sie, dass ihre persönliche Viktimisierung kein Beispiel für ein isoliertes soziales Problem war, sondern Teil eines einheitlichen Musters. Viele Frauen hatten sich so sehr an die sexuelle Ausbeutung und den Missbrauch gewöhnt, dass sie sich selbst nicht als Opfer eines Verbrechens erkannten.

Am 24. Januar 1971 sprachen Frauen auf der New Yorker Radical Feminist Speak Out on Rape zum ersten Mal öffentlich über sexuelle Gewalt gegen sie und leiteten damit den Beginn der Vergewaltigungspräventionsbewegung ein. Bis 1972 gab es in zahlreichen Städten Krisen- und Präventionsprogramme für Vergewaltigungen. Landesweit entstanden unabhängig voneinander Bewusstseinsgruppen, Krisenhotlines, Selbstverteidigungskurse, Anti-Vergewaltigungs-Workshops, Gerichtsbeobachtungen und gesetzgeberische Aktionsgruppen. Die Ziele: Frauen und Kinder zu stärken, damit sie nicht länger Opfer von Vergewaltigern* und polizeilichen, medizinischen und juristischen Verfahren werden; die Öffentlichkeit über die Problematik sexueller Übergriffe aufzuklären und grundlegende Veränderungen in gesellschaftlichen Institutionen herbeizuführen, die die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern entweder ignorieren, tolerieren oder stillschweigend fördern.

Das Patriarchat

Um die gegenwärtigen Praktiken der Vergewaltigung, der sexuellen Belästigung, der Übergriffe auf Kinder und Frauen zu verstehen, ist es wichtig, den historischen und kulturellen Kontext zu untersuchen, in dem sie stattfinden. Wie andere moderne Kulturen auch, ist unser Land patriarchal geprägt. Es ist eine Kultur, deren soziale Organisation von der Vorherrschaft der Männer über die Frauen geprägt ist.

Wie gedämpft sie auch sein mag, die sexuelle Herrschaft ist dennoch die vielleicht allgegenwärtigste Ideologie unserer Kultur und ihr grundlegendes Konzept von Macht. Das ist so, weil unsere Gesellschaft ein Patriarchat ist. Das wird sofort klar, wenn man sich vor Augen führt, dass das Militär, die Industrie, die Technologie, die Universitäten, die Wissenschaft, die politischen Ämter und die Finanzen — kurz gesagt, jeder Weg der Macht innerhalb der Gesellschaft, einschließlich der Zwangsgewalt der Polizei, vollständig in männlicher Hand liegt. Da das Wesen der Politik Macht ist, kann eine solche Erkenntnis nicht ohne Wirkung bleiben.

Historisch gesehen waren Frauen in patriarchalen Gesellschaften Eigentum der Männer: Frauen wurden als Ware gekauft und verkauft — als Konkubinen, Sklavinnen, Prostituierte, Ehefrauen.

Als erste dauerhafte Errungenschaft des Mannes, sein erstes Grundstück, war die Frau tatsächlich der erste Baustein, der Grundstein des „Hauses des Vaters“. Die gewaltsame Ausdehnung der Grenzen des Mannes auf seine Partnerin und später auf deren Nachkommen war der Beginn seiner Vorstellung von Eigentum. Die Konzepte von Hierarchie, Sklaverei und Privateigentum entstanden aus der anfänglichen Unterwerfung der Frauen und konnten nur auf dieser basieren.

Der Ehemann hatte das alleinige Recht auf die Sexualorgane der Frau und auf ihre Kinder; sie waren Teil seines Eigentums.

Jeder Mann, der sich an diesen Eigentumsrechten zu schaffen machte, wurde hart bestraft, und im Falle von Untreue wurde auch die Frau hart bestraft. Ein Mann konnte seine Frau bestrafen, indem er sie tötete oder ihre Nase, Ohren oder Haare abschnitt; und er konnte den Mann, der seine Eigentumsrechte verletzte, töten, entmannen, verstümmeln oder auspeitschen. Mit der vollen Entfaltung des Privateigentums und der patriarchalen Familie verloren die Frauen die Kontrolle über ihr Leben, ihr Schicksal und ihren eigenen Körper. Die Ehefrauen wurden auf die wirtschaftliche Abhängigkeit von ihren Ehemännern reduziert. Als sich die Schlinge der Ehe um den Hals der Frauen enger zog, wurden sie wie Vieh in den Häusern ihrer Ehemänner eingesperrt und standen unter deren voller Herrschaft.

Auch wenn die patriarchale Herrschaft in der heutigen Gesellschaft weniger offensichtlich ist, werden die männliche Vorherrschaft und die Zustimmung der Opfer nach wie vor durch Systeme von Bestrafung und Belohnung, starre Geschlechterrollenstereotypen und systematische, institutionalisierte physische und psychische Gewalt durchgesetzt.

Es gibt eine Vielzahl von Belohnungen und Bestrafungen, die teils subtil und teils zwangsweise eingesetzt werden, um Frauen in die „weibliche“, d.h. machtlose Rolle zu sozialisieren. Frauen, die sich nicht an das akzeptierte Modell anpassen, werden mit einer Reihe von sozialen Strafen belegt. Dazu gehören Spott, soziale Ächtung, Etikettierung und Belästigung, wirtschaftliche Benachteiligung und im Extremfall die Inhaftierung in psychiatrischen Anstalten und Gefängnissen.

Geschlechtsrollensozialisation

Die Sozialisierung der Geschlechterrolle ist wie das Sexualverhalten ein erlerntes Verhalten. In patriarchalen Gesellschaften lernt ein Mann, dass Macht, Gewalt und Aggression mit seiner Sexualität verbunden sind. Dies ist das Stereotyp der „männlichen“ Rolle. Opferrolle, Machtlosigkeit und Unterwürfigkeit werden als „weibliche“ Rolle stereotypisiert.

Die Programmierung der Sexualisierung in unserer Gesellschaft umfasst die Bereiche Wirtschaft, Politik und Kultur. Männer und Frauen lernen durch Fernsehen, Schulbücher, Spielzeug, Märchen, Legenden, Radio, Werbung, Zeitschriften, Musik, Romane, Filme, Cartoons, Comics, Gesetze, Berufe, Lehrpläne und Pornografie, durch die ständige subtile Kommunikation von Eltern und Peers und durch die politischen und wirtschaftlichen Realitäten unseres Alltags, was es heißt, männlich und weiblich zu sein.

Eine Hauptquelle für Geschlechterstereotypen sind die Medien. Die Objektivierung des weiblichen Körpers und die Erotisierung von Gewalt in den Medien wiederholen ständig die Ansicht, dass Frauen sexuelle Objekte für die männliche Befriedigung sind und dass die Beherrschung einer Frau durch einen Mann, vor allem in sexueller Hinsicht, „anregend“ ist.

Männliche Aggression und männliches sexuelles Vergnügen sind untrennbar miteinander verbunden und werden von Generation zu Generation als die männliche Norm verstärkt. Unsere Gesellschaft erwartet, dass der Mann in heterosexuellen Beziehungen der Aggressor ist, und ein gewisses Maß an körperlicher Gewalt und Zwang ist folglich akzeptabel und vielleicht sogar gesellschaftlich notwendig.

Mary Daly, feministische Philosophin, und andere feministische Theoretiker_innen haben die direkten Verbindungen zwischen männlicher sexueller Gewalt, Krieg, Rassismus und Genozid aufgezeigt. Daly hat die amerikanische patriarchale Kultur als eine „unheilige Dreifaltigkeit“ von Vergewaltigung, Genozid und Krieg beschrieben. Vergewaltigung, die Psychologie und Politik der Herrschaft, führt zur Objektivierung, zum Missbrauch und zur Ausbeutung aller machtlosen Menschen.

Übergriffe auf Ehefrauen

Die gleiche Ideologie der männlichen Vorherrschaft und der weiblichen Unterlegenheit, die in der „Psychologie der Vergewaltigung“ zum Ausdruck kommt, ist auch die Rechtfertigung für Übergriffe auf Ehefrauen im Haushalt. Sowohl Vergewaltigung als auch Übergriffe auf Ehefrauen werden traditionell als „opferverursacht“ angesehen, d. h., Frauen haben es irgendwie „gewollt“, ja sogar „verdient“.

Wie die Vergewaltigung ist auch die Körperverletzung in der Ehe ein eklatantes Beispiel für ein Verbrechen gegen Frauen, das bisher nicht als Gewaltverbrechen anerkannt wurde, obwohl Millionen von Frauen davon betroffen sind.

Es wird geschätzt, dass Übergriffe auf Ehefrauen zu den am wenigsten gemeldeten Verbrechen in den USA gehören, und es ist wahrscheinlich, dass Ehefrauen und Kinder die größte einzelne Klasse von kriminellen Opfern in den Vereinigten Staaten bilden. Der erschreckende Mangel an Untersuchungen über Straftaten gegen Frauen und Kinder hängt damit zusammen, dass das Rechtssystem ständig die Vorstellung bekräftigt, dass ein Mann das Recht hat, seine Frau und Kinder zu „disziplinieren“, wenn nötig mit Gewalt. Für eine Ehefrau ist es praktisch unmöglich, rechtlichen Schutz vor einem brutalen Ehemann zu erhalten.

Obwohl die meisten Mädchen von Geburt an in die Rolle des unterwürfigen Opfers hineingesozialisiert werden, weigern sich viele Frauen und Mädchen heute, an ihrer eigenen Opferrolle teilzuhaben. Sie verlassen brutale Ehen und häusliche Situationen und suchen Hilfe bei anderen Frauen. In England, Frankreich, Schottland, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten organisieren Frauen und Mädchen Zufluchtsorte für die Opfer von Übergriffen auf Ehefrauen, Vergewaltigungen und Kinderprügeln; sie beraten und unterstützen sich gegenseitig.

Vergewaltigung und die Straf(un)rechtssysteme

Wie bei anderen Verbrechenskategorien sind die nationalen Statistiken über gemeldete Vergewaltigungen nur ein oberflächlicher Hinweis auf die tatsächliche Zahl der Verbrechen. Nur Fälle, die den engen rechtlichen und gesellschaftlichen Definitionen von angezeigter Vergewaltigung entsprechen, werden in den Statistiken erfasst. Fälle von Vergewaltigung nach dem Gesetz, bei denen das Opfer noch nicht volljährig ist, werden nicht berücksichtigt. Vergewaltigungen von Ehefrauen durch Ehemänner, „Date-Vergewaltigungen“, Vergewaltigungen von Prostituierten und Anhalter_innen und in vielen Staaten auch anale und orale Vergewaltigungen sowie Vergewaltigungen, bei denen das Opfer männlich ist, werden nicht erfasst.

Die offiziellen Schätzungen der Vergewaltigungen liegen in der Regel fünf- bis zehnmal höher als die gemeldete Zahl; und einige Experten sind der Meinung, dass nur einer von zwanzig sexuellen Übergriffen überhaupt gemeldet wird.

Die Gründe, warum die Opfer keine Anzeige erstatten, sind vielfältig. Sie reichen von flüchtigen Gefühlen wie Angst und Scham bis hin zu eher praktischen Gefühlen der Sinnlosigkeit. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie das Fehlen persönlicher Gründe für die Anzeige einer Vergewaltigung nahelegen. Die Opfer, die sich dafür entscheiden, Anzeige zu erstatten, geben nur einen einzigen zwingenden Grund an: den Vergewaltiger* daran zu hindern, andere Frauen und Kinder in ähnlicher Weise zu vergewaltigen.

Das Versagen unserer Justiz ist bei sexuellen Übergriffen ausgeprägter als bei allen anderen Gewaltverbrechen. Das zeigt sich deutlich an der unglaublich niedrigen Verhaftungs-, Strafverfolgungs- und Verurteilungsquote bei Vergewaltigungen. Die Strafverfolgungsbehörden weisen darauf hin, dass die Opfer ihren Angreifer* nicht identifizieren können und dass es generell keine Zeug_innen am Tatort gibt, die die Vergewaltigung bezeugen. Die Unfähigkeit der Staatsanwaltschaft, Verurteilungen zu erwirken, ist jedoch weitaus komplizierter.

Das Opfer vor Gericht stellen

„Vor etwa einem Jahr hatte ich das Pech, herauszufinden, wie die Polizei in Vergewaltigungsfällen vorgeht. Ich wurde von einem völlig Fremden vergewaltigt, der sich in meinem Auto versteckt hatte …. Arapahoe County (Polizei) hat den Fall bearbeitet. Zuerst brachten sie mich ins Krankenhaus, um festzustellen, ob ich vergewaltigt worden war (die Kosten dafür wurden mir später in Rechnung gestellt). Dann brachten sie mich zur Befragung ins Polizeigebäude. Sie baten mich, eine Erklärung über den Vorfall aufzuschreiben und dann — Die erste Frage, die sie mir stellten …. „War er Mexikaner?“ Dann: „Hattest du einen Orgasmus? Nimmst du Verhütungsmittel? Warum nimmst du Verhütungsmittel? Wann hast du angefangen, sie zu benutzen? Warst du zu der Zeit mit einem Mann zusammen?“ Ich habe den Eindruck, dass das meiste davon für die Tatsache der Vergewaltigung irrelevant ist.“

Ein Vergewaltigungsopfer aus Denver, zitiert in June Bundy Csida und Joseph Csida, Rape, How to Avoid It and What to Do About It If You Can’t (Chatsworth, California, Books for Better Living, 1974) S. 97-98.

Trotz der staatlichen Verantwortung, die Rechte von Opfern und Angeklagten zu schützen, liegt das Hauptaugenmerk der Justiz eindeutig auf den Rechten der Angeklagten in Vergewaltigungsprozessen. Die Rechte des Vergewaltigungsopfers wurden weitgehend ignoriert. Das zeigt sich deutlich in den Beweisregeln, die die sexuelle und persönliche Vorgeschichte des Opfers stärker in den Vordergrund stellen als den Angeklagten: Ein Vergewaltigungsprozess wird für die Frau zu einer Belastungsprobe. Ihre Glaubwürdigkeit als Zeugin wird in Frage gestellt, während ihr privates Sexualleben offen in Frage gestellt wird.

Um zu verdeutlichen, warum die meisten Vergewaltigungsopfer es vorziehen, keine Anzeige zu erstatten, stellen wir uns vor, dass ein Raubopfer die gleiche Art von Kreuzverhör durchläuft wie ein Vergewaltigungsopfer:

„Mr. Smith, Sie wurden an der Ecke First and Main mit vorgehaltener Waffe überfallen?“

„Ja.“

„Haben Sie sich gegen den Räuber gewehrt?“

„Nein.

„Warum nicht?“

„Er war bewaffnet.“

„Dann haben Sie sich bewusst dafür entschieden, auf seine Forderungen einzugehen, anstatt sich zu wehren?“

„Ja.“

„Haben Sie geschrien?“

„Nein. Ich hatte Angst.“

„Ich verstehe. Haben Sie jemals Geld verschenkt?“

„Ja, natürlich.“

„Und Sie haben es freiwillig getan?“

„Worauf wollen Sie hinaus?“

„Nun, sagen wir es mal so, Mr. Smith. Sie haben in der Vergangenheit schon Geld verschenkt. Sie haben einen guten Ruf für ihre Menschenfreundlichkeit. Wie können wir sicher sein, dass Sie nicht vorhatten, sich ihr Geld gewaltsam wegnehmen zu lassen?“

„Hören Sie, wenn ich…“

„Vergessen Sie es. Um wie viel Uhr fand der Überfall statt?“

„Ungefähr um 23 Uhr.“

„Sie waren um 23.00 Uhr auf der Straße? Und was haben Sie gemacht?“

„Nur spazieren gehen.“

„Nur spazieren? Sie wissen, dass es gefährlich ist, so spät nachts noch auf der Straße zu sein. War Ihnen nicht bewusst, dass Sie überfallen werden könnten?“

„Darüber habe ich nicht nachgedacht.“

„Was hatten Sie an?“

„Mal sehen – einen Anzug. Ja, einen Anzug.“

„Einen teuren Anzug?“

„Nun – ja. Ich bin ein erfolgreicher Anwalt, wissen Sie.“

„Mit anderen Worten, Mr. Smith, Sie sind spät nachts in einem Anzug durch die Straßen gelaufen, der praktisch dafür geworben hat, dass Sie ein gutes Ziel für leichtes Geld sein könnten, nicht wahr? Ich meine, wenn wir es nicht besser wüssten, Mr. Smith, könnten wir sogar denken, dass Sie es so gewollt haben, nicht wahr?“

Wiederholung des Gewaltkreislaufs

Sexuelle Übergriffe auf Gefangene durch Wärter und andere Gefangene wurden lange Zeit geheim gehalten und durch Fehlinformationen vertuscht, aber die Inhaftierung politischer Aktivist_innen in den 1960er Jahren und die Notlage von Frauen wie Joanne Little, die sich zu Wort melden, haben nun die Tür zu einem Thema aufgestoßen, das früher „unaussprechlich“ war.

Bob Martin wurde an einem Wochenende in einem Gefängnis in Washington, D.C., 60 Mal vergewaltigt.

Ralph Gans wurde während einer „politischen“ Revolte von 17 Männern angegriffen. Er lag monatelang im Krankenhaus.

Tico Gonzalez wurde an Heiligabend von drei Wärtern in einem Stadtgefängnis vergewaltigt.

Harvey Masters war sieben Jahre alt, als er in ein Heim für unerwünschte Jungen kam und von vier doppelt so alten Kindern überfallen wurde.

Mehr als ein Dutzend Insassen missbrauchten einen verhassten Gefängniswärter während eines öffentlichkeitswirksamen Gefängnisaufstandes sexuell.

Die öffentliche Anerkennung des epidemischen Ausmaßes sexueller Übergriffe im Gefängnis hat die Situation jedoch nicht verändert und es gibt nur wenige Statistiken oder Studien über Vergewaltigungen im Gefängnis. Das Ausleben von Machtrollen in einem autoritären Umfeld gedeiht weiterhin und entspricht der strafenden gesellschaftlichen Haltung gegenüber Gefangenen. Sexuelle Gewalt in Gefängnissen ist unvermeidlich. Sexuelle Gewalt und Missbrauch sind das Ergebnis eines gewalttätigen und missbräuchlichen Systems.

Ermächtigung der Opfer von Vergewaltigung

Vergewaltigung ist ein Angriff auf die Selbstbestimmung, die Sexualität und die Psyche des Opfers. Nach einer Vergewaltigung erleben die Opfer:

  • Angst vor der Rückkehr des Angreifers*.
  • Angst, allein zu sein.
  • Angst, erneut angegriffen zu werden.
  • Angst vor Geschlechtskrankheiten und Schwangerschaft.
  • Angst, dass Verwandte und Freund_innen es herausfinden.
  • Angst davor, sich bei der Polizei oder im Krankenhaus zu melden.
  • Angst davor, was passieren könnte, wenn es gemeldet wird.
  • Angst davor, zur Arbeit oder in die Schule zurückzukehren.
  • Angst davor, wieder Beziehungen zu Männern aufzunehmen.
  • Angst davor, einfach die Straße entlang zu gehen.

Bis vor kurzem gab es für die Opfer sexueller Übergriffe keine Anlaufstelle, um Verständnis zu erfahren, Hilfe im Umgang mit medizinischen und juristischen Einrichtungen zu finden oder über das Thema sexuelle Übergriffe und deren Prävention aufgeklärt zu werden. Krankenhäuser, Polizei und Gerichte sind meist sexistisch und rassistisch voreingenommen, was die Opfer sexueller Übergriffe oft zusätzlich traumatisiert. Auch Verwandte und Freund_innen sind nicht immer hilfsbereit; sie reagieren häufig mit Entsetzen und Missbilligung des Opfers und geben ihr die Schuld an dem Übergriff. Es hat sogar oft den Anschein, dass das Opfer selbst vor Gericht gestellt wird. Bis vor kurzem musste das Vergewaltigungsopfer ihre Demütigungen und Verletzungen allein ertragen.

Vergewaltigungs-Krisenzentren

Diese Situation hat sich durch das Aufblühen der feministischen Bewegung dramatisch verändert. In den frühen 70er Jahren wurde die Einrichtung und Unterhaltung von Krisenzentren für Vergewaltigungsopfer ausschließlich von besorgten Frauen übernommen, meist unter der Schirmherrschaft von feministischen Gruppen oder Frauenzentren. Die meisten der frühen Anti-Vergewaltigungshelfenden waren politische Aktivistinnen, Anwältinnen oder Gemeinschaftsorganisatorinnen, und viele waren selbst Vergewaltigungsopfer. Heute gibt es mehr als 200 Kriseninterventionsprogramme für Vergewaltigungsopfer, vor allem in städtischen und vorstädtischen Gebieten.

Die Zentren bieten Opfern von sexuellen Übergriffen Unterstützung an und fungieren gleichzeitig als Puffer zwischen den Opfern und den sexistischen Praktiken der Institutionen. Zu den Programmaktivitäten gehören:

  • Hotline-Beratung.
  • Begleitservice zu Krankenhäusern, Polizeistationen und Gerichten.
  • Aufklärung der Öffentlichkeit und der Fachleute, die mit Opfern zu tun haben, über das Thema Vergewaltigung.
  • Reformierung der Gesetze gegen sexuelle Übergriffe.
  • Aufklärung und Sensibilisierung des Personals der Massenmedien, damit sie realistische Informationen über Vergewaltigung liefern.
  • Die Erstellung von Handbüchern, Flyern und anderer Aufklärungsliteratur zum Thema Vergewaltigung.
  • Entwicklung von Musterverfahren für Polizei, Staatsanwält_innen, private Ärzt_innen und Krankenhäuser.
  • Bereitstellung von Selbstverteidigungskursen für Frauen und Kinder.
  • Gerichtsbeobachtung bei Vorverhandlungen und Vergewaltigungsprozessen, um das Opfer zu unterstützen und die Taktiken der Verteidiger_innen zu lernen.
  • Sensibilisierung von Institutionen für die Bedürfnisse und Rechte von Opfern sexueller Übergriffe.

Vergewaltigung in einer sexistischen Gesellschaft abschaffen

Das langfristige Ziel der Anti-Vergewaltigungsarbeit ist die Abschaffung von Vergewaltigungen in unserer Gesellschaft. Letztlich kann dies nur durch die Ausrottung des Patriarchats und seiner Bastion, dem Sexismus, erreicht werden. Werte, Sitten und Gebräuche sowie politische, wirtschaftliche und soziale Institutionen müssen sich grundlegend ändern, wenn Frauen frei von sexueller Gewalt und Ausbeutung sein sollen. Massive Aufklärungskampagnen sind notwendig, um das öffentliche Bewusstsein zu schärfen.

Der erste Schritt zur Veränderung des öffentlichen Bewusstseins besteht in der Anerkennung von Vergewaltigung als Gewaltverbrechen. Strategien zur Vergewaltigungsprävention müssen mit der Veränderung der gesellschaftlichen Bedingungen, die Gewalt begünstigen, verbunden sein. Die Verantwortung für die Veränderung gewalttätiger Einstellungen und Verhaltensweisen sollte von allen Institutionen übernommen werden, die Einfluss auf Einstellungen, Wissen und Verhalten haben — das Elternhaus, Schulen und Universitäten, Medien, Sozialdienste, das Rechtssystem und staatliche Stellen.

Zweitens sollten sich Aufklärungskampagnen an potenzielle Vergewaltiger* — Männer, die in einer sexistischen Kultur sozialisiert wurden — und potenzielle Opfer — Frauen, die in einer sexistischen Kultur sozialisiert wurden — richten. Die Programme sollten so gestaltet sein, dass sie entdeckte und unentdeckte Vergewaltiger*, sexuelle Kinderschänder*, einschließlich Väter, die ihre Kinder sexuell missbrauchen, Voyeure* und Exhibitionisten* erreichen. Konzertierte Kampagnen sollten sich auf die Opfer — gemeldete und nicht gemeldete Kinder, Jugendliche und Erwachsene — und ihre Familien konzentrieren.

Basisorganisation & Professionalität

Vergewaltigungspräventionszentren haben verschiedene Formen und arbeiten mit unterschiedlichen Philosophien. Einige sind selbsttragende, feministische Zentren, deren politische Überzeugungen und Autonomie für die von ihnen erbrachten Dienstleistungen entscheidend sind. Andere Zentren werden von Fachleuten bei der Polizei, der Staatsanwaltschaft, in Krankenhäusern, Kirchen, psychiatrischen Kliniken und anderen etablierten Organisationen organisiert und betrieben.

Der Kampf gegen sexuelle Gewalt, egal auf welcher Ebene, ist verstreut und unzureichend. Feministische oder professionelle Anti-Vergewaltigungsgruppen kratzen bei ihren Versuchen, den Opfern zu helfen, unmenschliche Institutionen zu verändern und den vergewaltigungsfördernden Sexismus in der Bildung, den Medien und anderswo zu bekämpfen und auszumerzen, kaum an der Oberfläche.

Obwohl alle Bemühungen dringend notwendig sind, unterstützen Abolitionist_innen vor allem Vergewaltigungskrisen- und Präventionsprogramme, die von den Betroffenen initiiert und geleitet werden. Auf lange Sicht dienen Programme, die von „Fachleuten“ entworfen werden, eher den Interessen der Straf(un)rechtssysteme als den Interessen der Opfer und potenziellen Opfer. Solche Programme stärken keine Bewegung, die zum Vehikel für die so dringend benötigten massiven Aufklärungskampagnen werden kann.

Neue Antworten auf sexuelle Gewalt

Als Abolitionist_innen sind wir mit dem Kampf zwischen zwei gegensätzlichen Kräften für Veränderungen konfrontiert. Wir sind uns mit feministischen Anti-Vergewaltigungsgruppen und anderen sozialen Akteur_innen einig, dass alles getan werden sollte, um sexuelle Gewalttäter* zu erfassen und ihnen entgegenzutreten. Wir teilen die Empörung der Vergewaltigungsopfer und sind der Meinung, dass wiederholte Vergewaltiger* davon abgehalten werden müssen, weitere Gewalttaten zu begehen. Auf der anderen Seite unterstützen wir nicht die Reaktion der Inhaftierung. Wir stellen die Grundannahmen in Frage, dass Strafen, harte Urteile und Vergeltungsmaßnahmen den Schmerz der Opfer lindern, Vergewaltiger* umerziehen oder die Gesellschaft wirklich schützen können.

Da Vergewaltigungen immer mehr in der Öffentlichkeit bekannt werden, wird mehr Geld und Energie für die Verfolgung und Verurteilung von Vergewaltigern* ausgegeben. Wie hilft uns Frauen dieses nachträgliche Handeln? Die Vergewaltigungsrate scheint zu steigen. Wenn alle Männer, die jemals vergewaltigt haben, morgen ins Gefängnis kämen, würde es sowohl außerhalb als auch innerhalb der Gefängnisse weiterhin Vergewaltigungen geben. Die Inhaftierung ändert nichts an der gesellschaftlichen Einstellung, die Vergewaltigungen fördert. In einer Gesellschaft, die sich mit den Symptomen und nicht mit den Ursachen von Problemen beschäftigt, sind Gefängnisse absolut sinnvoll. Die Auseinandersetzung mit den Ursachen von Vergewaltigungen würde die Grundstruktur der Gesellschaft bedrohen.

Das Gefängnis ist rachsüchtig — es geht nicht um Veränderung, sondern um Bestrafung. Und seine eigentliche gesellschaftliche Funktion ähnelt der der Vergewaltigung — es fungiert als Puffer, als eine unterdrückende Institution, in der einige wenige Sündenböcke für die Missstände in der Gesellschaft bezahlen.

Die Straf(un)rechtssysteme verurteilen vor allem arme, Schwarze und „Dritte-Welt“-Männer für ein Verbrechen, das von Männern jeder Race, Klasse und sozialen Stellung begangen wird. Die Gefängnisse sind also für die weniger Mächtigen reserviert und werden als Kontrollmittel gegen sie eingesetzt. Ein weißer Vergewaltiger* aus der Mittelschicht wird bei diesem selektiven Verfahren nur selten erwischt.

Wenn ein sexuell gewalttätiger Mann in einem Gefängnis untergebracht ist, setzt er seine aggressiven Handlungen innerhalb der Mauern fort. Dieses Mal sind seine Opfer jüngere, verletzlichere Männer. Wenn der Vergewaltiger* kleiner, leichter oder jünger ist als die Allgemeinbevölkerung, kann er selbst zum Vergewaltigungsopfer werden.

Neuere Daten zeigen, dass die Mehrheit der inhaftierten Vergewaltiger* als Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht wurde. Gefängnisse bieten die Möglichkeit, den Kreislauf der Gewalt zu wiederholen.

Wenn ein sexuell gewalttätiger Mann gefasst, verurteilt und ins Gefängnis gesteckt wird, ist er im Durchschnitt nach 44 Monaten wieder auf der Straße. Im Gefängnis wurde er beherrscht, erniedrigt, gedemütigt und möglicherweise selbst sexuell missbraucht; seine Wärter haben die Kontrolle über seinen Körper und sein Leben übernommen. Nach seiner Rückkehr in die Gesellschaft kann er seine Wut auf das verletzlichste, verfügbare Opfer lenken: jede Frau.

Sexualstraftäterprogramme in Gefängnissen und psychiatrischen Kliniken werden hauptsächlich von Männern geleitet und stellen nur selten die grundlegenden kulturellen Ursachen sexueller Gewalt in Frage. Vielmehr fördern sie oft sexistische Vorurteile und bieten dem Sexualstraftäter* weitere Gründe für seine Gewalt gegen Frauen.

Den Kreislauf der Gewalt durchbrechen

Sexualstraftäter* müssen während ihres Umerziehungs-/Resozialisierungsprozesses nicht eingesperrt werden. Die derzeitigen Alternativen zum Gefängnis beweisen dies und bieten die benötigten Modelle. Aber es müssen noch viel mehr Gemeinschaftsprogramme für Sexualstraftäter* entwickelt werden, bevor der Glaube an Alternativen ohne Gefängnisaufenthalt akzeptiert wird.

Leider verwenden einige lohnenswerte Programme für Sexualstraftäter* weiterhin die Sprache des „medizinischen Modells“. Umerziehungs- und Resozialisierungsprozesse werden zum Beispiel oft als „Behandlung“ bezeichnet. Trotz der sprachlichen Ausrichtung stehen diese Programme im Einklang mit abolitionistischen Überzeugungen. Sie beruhen im Wesentlichen auf dem Konzept, dass sexuelles Verhalten und Beziehungen durch den Prozess der Sozialisation erlernt werden und dass neue Verhaltensmuster erworben werden können. Es liegt in der Verantwortung des Einzelnen, die kulturelle und soziale Konditionierung von sexueller Gewalt zu überwinden, bis diese ursächlichen Faktoren verändert sind.

Ein Beispiel um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen: Häftlingsselbsthilfe

PAR, Prisoners Against Rape, Inc. ist ein gefängnisbasiertes Anti-Vergewaltigungsprogramm. Es wurde im September 1973 von zwei Gefangenen im Lorton Correctional Complex, Virginia, gegründet. Die Gruppe besteht aus Gefangenen in Lorton und Occoquan, Virginia, und dem Gefängnis von Washington, D. C. (einige von ihnen sind ehemalige Sexualstraftäter*), Feminist_innen aus Anti-Vergewaltigungsgruppen und anderen interessierten Gemeindemitgliedern.

Das erste Jahr von PAR war der Bewusstseinsbildung der inhaftierten Mitglieder gewidmet. Sie setzten sich mit ihren Beweggründen für die Vergewaltigung, der Politik der Vergewaltigung, der Einstellung zu Frauen und Sexualität und den Mythen und Realitäten der Vergewaltigung auseinander. Sie sind der Meinung, dass Gefängnisse keine Vergewaltigungen verhindern, sondern bestenfalls heterosexuelle Vergewaltigungen verhindern, während sie homosexuelle Vergewaltigungen begünstigen und bestehende Perversionen verstärken.

Von Anfang an hat PAR als Selbsthilfegruppe ohne Unterstützung durch die Gefängnisbehörden gearbeitet. Heute ist sie eine gemeinnützige Organisation, die sich ausschließlich durch Spenden und Fundraising finanziert.

Ziele: Eine Analyse der Ursachen von Vergewaltigungen entwickeln. Umerziehung von sexuell gewalttätigen Personen mit dem Ziel, Vergewaltigungen abzuschaffen. Als Umerziehungsprogramm innerhalb der Gefängnisse zu fungieren, Informationen auszutauschen und mit Anti-Kriminalitäts- und feministischen Gruppen, Vergewaltigungskrisenzentren und Sexualstraftäterprogrammen in anderen Gefängnissen zusammenzuarbeiten.

Aktivitäten: Wöchentliche Aufklärungssitzungen für interessierte Gefangene werden abgehalten. Freitagsabends finden im Lorton-Gefängnis kollektive, öffentlich zugängliche Kurse statt. Gemeinsam mit dem D.C. Rape Crisis Center hat PAR einen Lehrplan für Vergewaltigungsaufklärungsseminare für Junior High Schools und High Schools erarbeitet.

Selbsthilfe-Initiativen, sowohl von und mit Opfern als auch Tätern*, bieten uns eine Perspektive den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, um auf Vergewaltigung auf andere Weise als mit einer Einsperrung zu reagieren. Das langfristige Ziel sollte es sein, die Ursachen der Vergewaltigung selbst zu beheben.

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[Anmerkung der Übersetzerin: Ich habe mich entschieden, einige Wörter wie ‚Sexualstraftäter‘ nicht zu entgendern. Auch wenn nicht alle Cis-Männer sind, so ist es die überwiegende Mehrheit. Leider ignoriert der Text auch die extreme Gewalt, die nicht nur Frauen, sondern auch Queers erfahren.]
SchwarzerPfeil

Von SchwarzerPfeil

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