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Wir tragen eine neue Welt in unseren Riots – Über die Plünderungen und Unruhen im Juli 2021 in Südafrika

Via CrimethInc

Als der Oberste Gerichtshof am 9. Juli 2021 in Pietermaritzburg die Verurteilung des ehemaligen südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma bestätigte, brachen in zwei Provinzen Südafrikas neun Tage lang Plünderungen und Unruhen aus. Die Unruhen wurden auf einen Machtkampf zwischen Fraktionen der herrschenden Klasse und auf die Wut über den Umgang mit der COVID-19-Pandemie zurückgeführt; außerdem wurde Angst über ethnische Gewalt in Verbindung mit den Unruhen geschürt. Sicher ist zumindest, dass sie eine Reaktion auf die weit verbreitete Armut und Verzweiflung waren. Die folgenden Überlegungen erscheinen im Dialog mit dieser Einschätzung der Ereignisse durch Abahlai baseMjondolo, einer Bewegung der Landlosen, die auf direkter Demokratie basiert. Wir wollen dazu aufrufen, die oben genannte Einschätzung und den folgenden Text gemeinsam zu lesen, um ein differenziertes Verständnis der Sachlage zu kommen.

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Der folgende Text ist ein Beitrag zum laufenden Dialog über die heftigste Welle der Revolte, die Südafrika seit dem offiziellen Ende der Apartheid getroffen hat. Der Autor ist aus Südafrika und lebt zur Zeit in Spanien. Er hat mit der Landlosenvereinigung Abahlai baseMjondolo in Kapstadt zusammengearbeitet und ist der Produzent des (jetzt todgeweihten) Love Letters Journal und hat zuvor am Südafrika-Teil von Dialectical Delinquents mitgearbeitet.

Wir tragen eine neue Welt in unseren Riots

„Wir können das Genick der Gewohnheit brechen.“

-DH Lawrence, Einleitung zur ersten amerikanischen Ausgabe von New Poems

Juli ist mitten im Winter auf der Südhalbkugel, wo Billie Hollidays Zeile in You Go To My Head — „Like a summer with a thousand Julys“ — etwas seltsam klingt. Trotzdem gab es in diesem Winter reichlich Feuer, um die Menschen warm zu halten. Mehr als eine Woche lang standen die beiden bevölkerungsreichsten Provinzen Südafrikas, Gauteng und KwaZulu Natal (KZN), die zusammen auch mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaften, in Flammen. Mehr als 200 Einkaufszentren und 100 Malls wurden geplündert oder niedergebrannt, mindestens 1400 Geldautomaten beschädigt und 300 Banken und Postämter demoliert – und allein in KZN elf Lagerhäuser, acht Fabriken und insgesamt 90 Apotheken „unwiederbringlich“ zerstört. Die Gesamtzahl beider Provinzen zusammen ist wesentlich höher, mit mehr als 330 Toten und über 40.000 geplünderten, verbrannten oder zerstörten Geschäften. Laut Präsident Cyril Ramaphosa gibt es „praktisch keinen Teil der Wirtschaft, der nicht von der Gewalt betroffen ist.“ Da die Polizei zahlenmäßig unterlegen und überwältigt war, brauchte es den Einsatz von 25.000 Soldat_innen mit Maschinengewehren und Panzern in den Straßen, um den Aufstand niederzuschlagen.

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Der Tod ist nicht laut

Abgesehen von rund einem Dutzend Menschen, die bei den Plünderungen offenbar zu Tode getrampelt wurden, ist es fast sicher, dass die bei diesen Ereignissen Getöteten vom Staat ermordet wurden. Die Tatsache, dass innerhalb weniger Tage Hunderte unbewaffnete Zivilist_innen getötet wurden, höchstwahrscheinlich fast alle durch die Hand von schwer bewaffneten Polizei- und Armeeeinheiten, die eher zur Verteidigung von Privateigentum als von Menschen handelten, wird in der spektakulären Darstellung der Ereignisse völlig ausgeblendet. Abgesehen von den oben genannten Fällen wird in den Medienberichten, die ihrerseits lediglich die Aussagen der Polizei unkommentiert wiedergeben, niemals eine Todesursache genannt. Doch ein Blick unter die Oberfläche offenbart ein exemplarisches Beispiel für die durch verlogene Statistiken verdeckte Realität. Aus einer aktuellen Stellungnahme der Landlosenorganisation Abahlali basMjondolo :

Am Donnerstag letzter Woche (29. Juli) wurde Zamekile Shangase, eine 33-jährige Frau aus Asiyindawo in Lamontville, vor ihrem Haus von der Polizei erschossen. Zamekile war Mutter von zwei Kindern im Alter von 6 und 11 Jahren. Sie wurde 2018 in den lokalen Abahlali-Rat gewählt und saß ein Jahr lang im Rat. Zamekile wurde erschossen, als die Polizei im Rahmen der Operation Show Your Receipt eine Razzia in der Siedlung durchführte.

Dies ist das zweite Mal, dass die Polizei die Siedlungen in dieser Gegend durchsuchte und den Menschen ihre Lebensmittel weg nahm. Am Donnerstag gingen sie von Tür zu Tür, brachen Schlösser auf, bedrohten und beschimpften die Menschen und nahmen ihnen Essen weg. Die Menschen wurden wütend und begannen zu schreien. Einige Leute fingen an Steine auf die Polizei zu werfen und schlugen auf den Polizeiwagen ein. Die Polizei wurde daraufhin wütend und begann zu schießen.

Ein Cop stand auf der Straße und schoss wahllos den Hügel hinauf Richtung Asiyindawo. Nachdem Zamekile erschossen wurde, fuhr die Polizei mit ihrer Aktion fort, beschlagnahmte weiter mit vorgehaltener Waffe das Essen der Leute, während ihr Körper noch auf dem Boden lag.

Wir waren sehr besorgt, als wir einen Artikel in einer großen Zeitung lasen, in dem berichtet wurde, dass die Polizei aus allen Richtungen von Kriminellen beschossen wurde. Die Kugeln hatten sie angeblich bei den Unruhen erbeutet. Die Polizei sei gezwungen gewesen , das Feuer zu erwidern und „eine 33-jährige Frau sei getötet worden.“ Ein anderer Artikel desselben Journalisten berichtete, dass Zamekile „ins Kreuzfeuer geraten“ sei. Der Autor sah keine Notwendigkeit, Zamekiles Namen auch nur zu erwähnen.

Die Polizei hat gelogen, um die Tatsache zu vertuschen, dass sie eine unbewaffnete Person ohne Grund getötet hat. Es besteht kein Zweifel, dass niemand auf die Polizei geschossen hat. Hätte der Journalist nicht einfach das, was die Polizei gesagt hat, als Wahrheit genommen und mit den Bewohnenden von Asiyindawo, den Bewohnenden anderswo in der nahegelegenen Sisonke-Siedlung (früher Madlala) und den Bewohnenden im Township (Lamontville), die in der Nähe von Asiyindawo leben, gesprochen, hätte er herausgefunden, dass sie alle darin übereinstimmen, dass nur die Polizei geschossen hat.

Trotz der Tatsache, dass überall über die Todesfälle berichtet wird, als ob es sich um eine Naturkatastrophe handelt, als ob die Opfer in einer Flut oder einem Hurrikan ums Leben gekommen wären, wird jede Person, die direkte Erfahrungen mit Polizeieinsätzen hat, ohne den geringsten Zweifel zustimmen, dass dies die wahrscheinlichste Art und Weise ist, wie die 330 ungenannten Menschen „bei den Riots getötet wurden“. Sogar die wenigen, die niedergetrampelt wurden, waren wahrscheinlich indirekte Opfer des Staates, da die fragliche Massenpanik wahrscheinlich ein Ergebnis der gewaltsamen Polizeiaktion war. Es zeichnet sich ab, dass dies das Jahr mit der höchsten Anzahl an vom Staat getöteten Zivilist_innen in der Geschichte des Landes sein wird — mehr als jedes andere Jahr während der Rebellionen der 1970er und 80er Jahre. Während „die offizielle Wahrheit die Wahrheit über die Beamt_innen verschleiert“, ist die Gewalt des neokolonialen Staates weder neu noch außergewöhnlich. Wie ich in „Another Man Done Gone“ über den Tod eines weiteren afrikanischen Migranten durch die Hände der Polizei fragte:

„Unter der Demokratie werden mehr Schwarze in Polizeigewahrsam getötet, als in den Gefängnissen der Apartheid-Sicherheitskräfte während der Ausnahmezustände der 1970er/80er Jahre ermordet wurden. Wie viele mehr schaffen es nie in die Zellen, ermordet von den Verteidigenden der Zivilisation in Ausübung ihrer Pflicht? Wie viele ermorden die Hüter von Recht und Ordnung mit vermeidbaren Krankheiten und Hunger? Wie viele werden gezwungen, auf der Flucht zu sterben oder in den Wahnsinn und Selbstmord getrieben? Wie viele Opfer der modernen Sklaverei sind Tag für Tag zu einem lebenden Tod verurteilt, zu einer Existenz des geplanten Elends in einem Sarg der Verlustzeit, der jeden wachen Moment umfasst? Inwiefern war der Tod von Mido Macia eine Ausnahme?“

Cops stehen am 12. Juli 2021 in einem Einkaufszentrum im Township Alexandra in Johannesburg vor Festgenommenen, die der Plünderung verdächtigt werden.

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Das Proletariat als Subjekt und als Falschdarstellung

Manche Frauen wollten einfach nur, dass das alles ein Ende hat. „Es muss alles weg , verstehst du, einfach so!“ Sie sagen dann: „Aber das ist schwierig. Wie kannst du das machen?“ Das ist es, was die Frauen sehr wütend macht. Wenn du sagst, es gibt etwas, das du nicht tun kannst, musst du sagen, warum.

-Gladys Manzi, zitiert in von Ian Sinclair in Cato Manor, Juni 1959

Ich wurde gebeten, dies als Antwort auf ein kürzlich veröffentlichtes Kommuniqué von Abahlali baseMjondolo, die ich für die vorbildlichste und radikalste Massenorganisation des Landes halte, bezüglich der Unruhen zu schreiben. Bei allem Respekt für meine Gefährt_innen in der AbM, die Haltung und Sprache, die sich hier widerspiegelt, scheint mir eine vereinfachende Falschdarstellung dessen zu sein, was vor sich geht. Viele von denen, die sich für einen grundlegenden Wandel in dieser Welt engagieren, äußern oft viele ähnliche Missverständnisse bezüglich der „negativen“ Seite der sozialen Bewegungen, und es ist im Interesse eines Beitrags zu mehr Kohärenz, dass der vorliegende Text angeboten wird. Hier einige Beispiele.

Plündernde mit Maden zu vergleichen [was auch, nicht zufällig, die wahren Ursachen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs in Simbabwe genauso simpel und in ähnlichem Tonfall wiedergibt, wie diejenigen, die behaupteten, dass „inkompetente“ und „gesetzlose“ Schwarze, die in weiße Farmen eindrangen, daran schuld seien]—

„Wir befürchten, dass die wirtschaftliche Situation wie in Simbabwe wird, und dass die Würmer, wenn sie den Kadaver aufgefressen haben, sich gegenseitig auffressen werden.“

Die Rebell_innen als kurzsichtig und selbst-sabotierend zu denunzieren—

„Was wird mit den Arbeitsplätzen der Menschen passieren, wenn jetzt Fabriken und andere Arbeitsstätten verbrannt werden? Das ist keine Revolution. Es ist eine Zerstörung, die die Armen noch ärmer macht.“

Und so weiter — das ist genau die Art von Rhetorik und Perspektive, die immer und immer wieder von der herrschenden Klasse und ihren Vertretenden genutzt wird, wenn die Unterdrückten zu Taktiken greifen, die nicht mit dem übereinstimmen, was sie für „produktiv“ und „moralisch“ halten. Eine Rhetorik die auf Landlose angewandt wurde, die Land besetzen, auf Demonstrierende, die Straßen blockieren und die staatliche Infrastruktur angreifen, auf Student_innen und Arbeiter_innen, die ihre Schulen und Arbeitsplätze sabotieren, und es scheint mir völlig inkonsequent, um es milde auszudrücken, dass diejenigen, die sich an solchen Kämpfen beteiligen, sie rechtfertigen und unterstützen, sich umdrehen und die Teilnehmenden des gegenwärtigen Aufstandes verurteilen.

Riots und Plünderungen in einem vergleichbaren Ausmaß, wie wir es gerade in Südafrika erlebt haben, waren immer Teil revolutionärer Befreiungsbewegungen. Das Maß an sozialer Amnesie, das diesen Aspekt der Bewegung ausgelöscht hat — die zufällig einige der egalitärsten und unvermitteltesten Organisationsformen beinhaltete, die während des Kampfes entwickelt wurden — ist ein großes Hindernis für die Überwindung einiger der Einschränkungen, die in diesem Kommuniqué beklagt werden. Die Zersplitterung und Trennung zwischen den Menschen, die sich in solchen direkten Aktionen engagieren, denjenigen, die sich in Landbesetzungen engagieren, denjenigen, die sich in Kämpfen am Arbeitsplatz engagieren, den Kämpfen der Jugend in/gegen Schulen und dem ländlichen Widerstand gegen imperialistischen Ressourcenabbau muss in einem noch größeren Ausmaß als in den 1980er Jahren überwunden werden, wenn es eine Chance geben soll, dass grundlegende soziale Veränderungen entstehen. Selbstverständlich sind sowohl die soziale Amnesie als auch die Spaltungen ein Symptom der großen Schwäche der heutigen Arbeiter_innenklasse, und obwohl voluntaristische Mahnungen zur Einheit nicht zielführend sind, scheint es doch etwas übertrieben zu sein, wie Anton Pannekoek zu sagen, dass „die Arbeiter_innenklasse nicht schwach ist, weil sie gespalten ist; sie ist gespalten, weil sie schwach ist.“ Sicherlich ist das Versagen, die grundlegende Einheit zwischen den verschiedenen Ausdrucksformen des Klassenkampfes zu erkennen, ein Faktor, der dazu beiträgt, uns schwach zu halten.

Selbstverständlich stimme ich zu, wenn sie sagen, dass dies (an sich) keine Revolution ist, wenn sie die Desorganisation und Begrenztheit bedauern, die von denen demonstriert wird, die so unelegant plündern, dass sie sich ein Dutzend Mal gegenseitig zu Tode trampeln. Andererseits ist auch der totale Sturz des Personals innerhalb einer bestimmten Regierung an sich keine Revolution, solange nicht auch die zugrundeliegenden sozialen Verhältnisse, denen dieses Personal dient und die es schützt, gestürzt und grundlegend verändert werden.

Es ist auch nicht wahr, dass die gegenwärtige Bewegung ein reiner Ausdruck von Verzweiflung, Desorganisation und Egoismus ist. Ein Beispiel, von dem ich nicht glaube, dass es ein Einzelfall ist, wurde mir kürzlich von einer Frau erzählt, deren Tante in KwaZulu Natal eine Art Wohltätigkeitsorganisation für eine Gruppe Kinder betreibt, die verlassen wurden oder deren Eltern es sich einfach nicht leisten konnten, Kinder zu haben. Sie bieten Kinderbetreuung, Bildung, Essen und ähnliches an. Sie waren von der Plünderung ziemlich betroffen, weil sie mitten im Geschehen waren. Aber die Plündernden rührten das Grundstück, auf dem sie sich aufhielten, nicht an — sie plünderten nur die Geschäfte in der Umgebung. Ihre Tante wurde angewiesen, im Haus zu bleiben und machte sich Sorgen um die Essensvorräte für die Kinder und Mitarbeiter_innen. Wie sich herausstellte, ließen einige Plünderer_innen am Ende eine große Menge an Lebensmitteln für sie zurück, nachdem sich alles beruhigt hatte.

Meine Bewunderung und mein Respekt für die Gefährt_innen der AbM ist so groß, dass ich keinen Zweifel daran habe, dass wir viele der gleichen grundlegenden Perspektiven bezüglich des Kampfes für eine bessere Welt teilen, dass ihr Kampf mein Kampf ist und dass die Absichten hinter dieser Aussage gut sind. Deshalb denke ich, dass es für uns alle so wichtig ist, uns daran zu erinnern, dass unser eigener Kampf nur möglich wurde, weil unsere Gefährt_innen aus der Vergangenheit kühne und mutige Schritte im Kampf gegen ihre eigene Unterdrückung unternommen haben, deren Konsequenzen viel unmittelbares Leid verursachten, die aber auf lange Sicht durch das Urteil der Geschichte gerechtfertigt wurden. Anstatt einer gedankenlosen unmittelbaren Befriedigung stellten ihre Handlungen ein bewusstes Opfer für die Zukunft dar.

Nach der Rebellion im Vaal-Dreieck 1984 zum Beispiel, als die Unruhen und Plünderungen während eines Mietstreiks in den Townships Sharpeville, Sebokeng, Evaton, Boipatong und Bophelong kaum ein einziges Geschäft oder Regierungsgebäude stehen ließen, machte ein junger Bewohner, der die Ereignisse in seinem Ort miterlebte, die folgenden Beobachtungen:

Wir kamen dann in die Zone 7. Hier verriet uns die Atmosphäre, dass die Streiks nicht so gravierend gewesen waren. Wir liefen eine lange Strecke, ohne irgendwelche Schäden zu sehen. Das beunruhigte mich sehr. Es schien, als ob in dieser Zone, während in anderen Zonen protestiert wurde, Partys und andere Dinge abgehalten wurden. Die Menschen hier schienen Feiglinge zu sein. Nur einige Kinder waren auf den Straßen zu sehen, während ihre Mütter und Väter sich in ihren Höfen eingeschlossen zu haben schienen. Nur in der Nähe des Einkaufszentrums gab es ein Anzeichen von Gewalt, aber immer noch im Verborgenen. Die Geschäfte und andere Dinge waren nicht wie in anderen Zonen verbrannt worden, sondern nur das Büro der Verwaltungsbehörde und eine Tankstelle.

Bedeutet es, dass sie ihre Bedürfnisse von morgen sichern wollten, indem sie die Läden ausließen? Waren die Mietpreiserhöhungen nicht auch eine Last für sie? Lachen sie über die anderen Zonen, die alles verbrannt haben? Wenn sie sich über die Mieterhöhungen geärgert haben, hätten sie das Gleiche tun sollen wie alle anderen an jenem Tag.

Brüder, wenn die Zeit zum Kämpfen gekommen ist, dann sollten wir auch kämpfen. Es gibt keinen Grund zu beobachten, wie der Partner kämpft. Ich unterstütze nicht die Zerstörung von Geschäften und Büros, da sie eine Rolle in meiner täglichen Existenz spielen, aber wenn alles zerstört werden soll, dann lasst uns zerstören und nicht einmal eine einzige Sache ausnehmen. Lasst uns nicht Gottes Unterstützung verlieren, indem wir Unrecht tun; das heißt, den einen Schaden zufügen und die anderen schützen, obwohl sie alle auf der gleichen Stufe der Schuld stehen. Lasst uns nicht wie König Saul sein, der durch den Schutz von König Hagat gegen Gott verstieß, obwohl er von ihm beauftragt wurde, alles auszurotten.

Wir sind Afrikaner und Brüder in der Liebe, und sollten die Schmerzen der Bitterkeit und die Früchte der Freude teilen.

-Johannes Rantete, The Third Day of September

Dies soll keine Romantisierung solcher Aktionen sein. Wie er betonte:

„Die folgenden Tage waren die Tage des Hungers. Die Menschen können nirgendwo etwas zu essen bekommen. Sie müssen weite Wege in die Außenbezirke zurücklegen, um Nahrung und andere Güter zu suchen. Einige Leute schnitten sogar Fleischstücke von einer lebenden Kuh ab, die entkommen war. Sie lief ohne einige Teile herum…“

Auch wenn es wahr ist, dass die Menschen nach den Riots hungrig sein werden, ist es ebenso wahr, dass sie schon vorher hungrig waren. Das Leiden an sich kann nicht vermieden werden. Was zählt, ist die Bedeutung dieses Leidens, und diese Bedeutung ist das, was wir aus dem Kontext, in dem es ertragen wird, daraus machen. Wie uns unsere Geschichte zeigt, können die schlimmsten Nöte standhaft ertragen werden, wenn dieser Kontext die langfristige Vision einer Suche nach einem guten Leben, erfüllt von Liebe und Gerechtigkeit, Mitgefühl und Gemeinschaft, beinhaltet.

Es ist erwähnenswert, dass im Fall der Vaal-Rebellion und während des Befreiungskampfes im Allgemeinen, Brandstiftungen und Plündern eine taktische direkte Aktion waren, die bewusst mit einer koordinierten Bewegung verbunden war — mit anderen Worten, sie fand im Kontext einer selbstorganisierten Arbeiter_innenklasse statt, die zur Verteidigung ihrer eigenen Interessen handelte. Ich würde es so sehen: das wirklich Bedauerliche an den gegenwärtigen Ereignissen ist nicht die Not und Zerstörung, die sie mit sich bringen mögen, sondern genau diese fehlende Verbindung zu irgendeiner Art von bewusster kollektiver Strategie.

Überall auf der Welt und im Laufe der Geschichte haben die Verdammten der Erde Brände und Plünderungen als Schlüsselwerkzeuge in ihrem Kampf um Befreiung eingesetzt. Wie Vicky Osterweil nach dem Aufstand in Ferguson hervorhob:

„Die Bürgerrechtsbewegung war nicht rein gewaltfrei. Einige ihrer mutigsten und inspirierendsten Aktivist_innen arbeiteten im Rahmen disziplinierter Gewaltlosigkeit. Viele ihrer mutigsten und inspirierendsten Aktivist_innen taten dies nicht. Es brauchte Monate weitgehend gewaltfreier Kampagnenarbeit in Birmingham, Alabama, um JFK zu zwingen, seine Rede zu halten, in der er ein Bürgerrechtsgesetz forderte. Aber in dem Monat, bevor er dies tat, war die Kampagne in Birmingham entschieden nicht-gewaltfrei geworden… es ist auch die aufkommende Bedrohung durch Aufstände, die JFK dazu brachte… Während der gesamten Bürgerrechtsära wurden massive gewaltfreie Kampagnen zivilen Ungehorsams mit massiven Riots gepaart. Der berühmteste von ihnen war die Watts-Rebellion 1965, aber es gab sie in Dutzenden Städten im ganzen Land. Zu argumentieren, dass die Bewegung das, was sie erreicht hat, trotz und nicht als Ergebnis der Mischung aus gewaltfreien und gewaltlosen Aktionen erreicht hat, ist bestenfalls fadenscheinig.“

In Defense of Looting, The New Inquiry, 21. August 2014

Aufrufe zur Vorsicht, Anprangerungen der Zerstörung, Vorträge in wohlüberlegter Sprache über die praktische Unmöglichkeit, eine Welt der Sklaverei sofort abzuschaffen, die Notwendigkeit von Geduld, Disziplin und Organisation, haben lange dazu gedient, soziale Bewegungen in „verantwortungsvolle“ und „unverantwortliche“, „selbst-kontrollierte“ und „unkontrollierbare“, „respektable“ und „kriminelle“ Elemente zu unterteilen– während real immer eine gemeinsame Einheit spürbar war.

In Bezug auf Watts lohnt es sich, an die Worte der Situationistischen Internationale zu erinnern, die schon vor langer Zeit auf den engen Zusammenhang zwischen Plünderungen und der Abschaffung einer von Armut und Rassismus geprägten Welt hingewiesen hat:

Die Revolte von Los Angeles ist eine Revolte gegen die Ware, gegen die Welt der Waren und die Welt des den Maßnahmen der Ware hierarchisch Unterworfenen Arbeiter-Konsumenten. Ähnlich den Banden von jugendlichen Erstverbrechern aller industrialisierten Länder, nehmen die Schwarzen von Los Angeles die Propaganda des modernen Kapitalismus, seine Werbung des Überflusses beim Wort – nur auf eine radikalere Weise, nach dem Maßstab einer global zukunftslosen Klasse, eines Teils des Proletariats, der an bedeutende Beförderungs- bzw. Integrierungschancen nicht glauben kann. Sie wollen sofort alle gezeigten und abstrakt zur Verfügung stehenden Gegenstände, weil sie sie gebrauchen wollen. Dadurch lehnen sie ihren Tauschwert und die Warenwirklichkeit ab, welche ihre Form, ihre Rechtfertigung und ihr letzter Zweck ist und durch welche alles gewertet worden ist. Durch Diebstahl und Geschenk finden die Schwarzen wieder zu einem Gebrauch, der die unterdrückende Rationalität der Ware sofort Lügen straft, ihre Verflechtungen und selbst ihre Herstellung als willkürlich und nicht notwendig erscheinen lässt.

Die Ausplünderung des Wattsviertels macht die kürzeste Verwirklichung des abartigen Prinzips „Jedem nach seinen falschen Bedürfnissen“, den vom ökonomischen System, welches die Plünderung gerade verwirft, bestimmten und fabrizierten Bedürfnissen, deutlich. Aber durch die Tatsache, dass dieser Überfluss beim Wort genommen, unmittelbar eingeholt und nicht mehr durch das Nachrennen hinter entfremdeter Arbeit und der Erhöhung der verschobenen sozialen Bedürfnisse unbestimmt lange Zeit fortgesetzt wird, drücken sich schon die echten Bedürfnisse aus: in der ‚Fete‘, der spielerischen Behauptung und dem Potlatch der Zerstörung.

Derjenige, der die Waren zerstört, zeigt dadurch seine menschliche Überlegenheit gegenüber den Waren. Er wird nicht in den willkürlichen Formen, welche das Bild seines Bedürfnisses angenommen hat, gefangen bleiben. Der Übergang von der Konsumtion zur Vernichtung ist in den Feuerflammen von Watts realisiert worden. Die großen Kühlschränke, die von Leuten gestohlen worden sind, welche keine Elektrizität zuhause hatten oder bei denen der Strom abgeschaltet war, sind das beste Beispiel dafür, wie die Lüge innerhalb des Überflusses zur Wahrheit im Spiel geworden ist. Sobald die Ware nicht mehr gekauft wird, wird sie kritisierbar und kann in allen ihren besonderen Erscheinungsformen verändert werden. Nur dann, wenn sie mit Geld als einem Zeichen der Hierarchiestufe im Überleben bezahlt wird, wird sie wie ein bewundernswerter Fetisch geachtet.

Die Gesellschaft des Überflusses findet in der Plünderung ihre natürliche Antwort, obwohl sie keineswegs eine Gesellschaft des natürlichen und menschlichen Überflusses, sondern bloß des Warenüberflusses ist. Die Plünderung aber, die die Ware als solche augenblicklich zusammenbrechen lässt, zeigt auch ihre ultima ratio – und zwar: die Gewalt, die Polizei und die anderen spezialisierten Einheiten, die das Monopol der bewaffneten Gewalt im Staat besitzen. Was ist also ein Polizist? Der tätige Diener der Ware, ein der Ware total unterworfener Mensch, durch dessen Tätigkeit jedes beliebige Produkt menschlicher Arbeit eine Ware bleibt, deren magischer Wille es ist, gekauft zu werden, und nicht bloß ein Kühlschrank oder ein Gewehr, d.h. ein blindes, passives und gefühlloses Ding, das dem ersten Besten zur Verfügung steht, der es gebrauchen will. Noch hinter die Unwürde, von einem Polizisten abhängig zu sein, weisen die Schwarzen diejenige zurück, von Waren abhängig zu sein. Die Jugend von Watts, für die die Warenwelt keine Zukunft bietet, hat eine andere Qualität der Gegenwart gewählt, und die Wahrheit dieser Gegenwart war so unwiderleglich, dass sie die ganze Bevölkerung, Frauen und Kinder, selbst die dort anwesenden Soziologen mitriss. Eine junge schwarze Soziologin dieses Viertels, Bobbi Hollon, erklärte im Oktober in ‚Herald Tribune‘: „Früher haben sich die Leute geschämt zu sagen, dass sie aus Watts kommen. Es bereitete ihnen Unbehagen. Jetzt aber sagen sie es sogar mit Stolz. Junge Leute, die immer ein bis zum Gürtel offenes Hemd trugen und einen in einer halben Sekunde zerlegt hätten, sind jeden Morgen um 7 hier angetreten und haben die Lebensmittelverteilung organisiert. Natürlich hatten sie, mache man sich keine Illusionen, alles gestohlen… Dieses ganze christliche Bla-Bla ist viel zu lange gegen die Schwarzen angewandt worden. Diese Leute könnten wohl 10 Jahre lang plündern, dann hätten sie noch nicht einmal die Hälfte des Geldes zurück, das ihnen in diesen Läden während all dieser Jahre gestohlen worden ist…“ Bobbi Hollon, die beschlossen hat, das Blut, das ihre Schuhe während der Meuterei befleckt hat, nie auszuwaschen, sagt weiter, dass „die ganze Welt jetzt auf das Wattsviertel sieht“.

Situationistische Internationale, Niedergang und Fall der spektakulären Warenökonomie (http://magazinredaktion.tk/docs/heft3.pdf)

Genauso wie die Handlungen derer, die keine Zukunft für sich in dieser Welt sehen, nicht laut Definition unüberlegt sind —ganz im Gegenteil —, so sind die Handlungen derer, die durch das Elend ihrer Verhältnisse verzweifelt sind, nicht laut Definition selbst elend — wiederum ganz im Gegenteil. Dies wurde anschaulich von Thomas Pynchon dargestellt, der einen Bericht aus erster Hand zu diesem Thema — A Journey into the Mind of Watts — im Magazin der New York Times veröffentlichte:

„Andere erinnern sich daran in einem musikalischen Bezug; durch einen Großteil der Ausschreitungen schien, so sagen sie, eine bemerkenswerte Empathie zu laufen, oder was auch immer es ist, was Jazzmusiker_innen in bestimmten Nächten fühlen; jede_r wusste, was zu tun war und wann es zu tun war, ohne dass man ein Wort oder ein Signal brauchte: ‚Du konntest zu jedem*r hingehen, die Tanzenden konnten mitten dabei sein, einen Laden niederzubrennen oder so, aber sie würden dir sagen, ganz ruhig erklären, was sie gerade taten, was sie als nächstes tun würden. Und das ist es, was sie tun würden; Mensch, niemand muss Befehle geben.'“

Es gibt Hinweise darauf, dass dieses Element der Kreativität und des Spiels, das von den vorherrschenden Darstellungen solcher Ereignisse immer unterdrückt wird, bei den jüngsten Riots präsent war – laut einem Leitartikel in New Frame waren sie „an manchen Orten zunächst von einer Karnevalsatmosphäre geprägt.“

Allzu oft dient die Anprangerung von Gewalt vor allem denjenigen, die die systematischsten Formen von Gewalt anwenden.

Die dritte Gewalt oder der dritte Polizist?

Es sei wieder der Anfang des Unvollendeten, die Wiederentdeckung des Vertrauten, die Wiedererfahrung des bereits Erlittenen, das erneute Vergessen des Unerinnerten. Die Hölle dreht sich im Kreis. In ihrer Form ist sie kreisförmig und von Natur aus ist sie endlos, sich wiederholend und fast unerträglich.

-Flann O’Brien, Der dritte Polizist

So wie die schöne Aurora ihr himmlisches Antlitz im Osten aufblitzen lässt, das Auge mit tausend funkelnden Juwelen auf den taugetränkten Motorhauben geparkter Autos erfreut und das Ohr mit dem lieblichen Lärm der Müllwagen, die ihre morgendlichen Runden drehen, beglückt; so wie die unerschütterliche Gaia (sie, deren egozentrisches und revolutionäres Wirbeln um ihre eigene Achse uns mit dem ewigen Tanz von Tag und Nacht segnet) sich unermüdlich in ihrem unaufhörlichen kosmischen Wirbel dreht; so finden auch wir Sterblichen der unteren Klassen uns, wann immer wir uns unverschämt über den uns zugewiesenen Stand erheben, in einem immerwährenden Zyklus (von ehrwürdigem Altertum, wenn auch von zweifelhaftem Ruf) der Verurteilung und Herablassung wieder, in dem wir immer wieder — saecula saeculorum — die Rolle von bloßen geistlosen Marionetten spielen, die von höheren Mächten manipuliert werden.

Es überrascht nicht, dass die gefürchtete dritte Kraft, die laut den Apartheid-Behörden angeblich hinter der revolutionären Bewegung in den 1970er/80er Jahren stand, die kriminellen Elemente und Agitator_innen von außen, die der ANC seit 1994 ständig für alle Formen der sozialen Unruhe verantwortlich macht, wieder hervorgeholt wurde, um die jüngsten Unruhen zu erklären. Dieses Mal gab es eine bessere Ausrede, um das alte Feindbild wieder zu beleben als bei den meisten Gelegenheiten, da die ersten Aktionen tatsächlich als Reaktion auf die Inhaftierung des ehemaligen Präsidenten Jacob Zuma durchgeführt wurden. Doch die Intensität und das Ausmaß der Rebellion widerspricht einem so bequemen Sündenbock. Wie jede Person, die die südafrikanische Gesellschaft aufmerksam beobachtet hat, feststellen konnte, und wie AbM in ihrem Kommuniqué feststellt:

„Die Riots, die stattgefunden haben, haben nichts mit Zuma zu tun. Armut und Hunger waren eine Bombe und der von Zumas Leuten verursachte Zusammenbruch der Ordnung zündete die Lunte. Überall sagten Menschen, die anfingen, Essen aus den Läden zu nehmen, dass sie hungern und nichts mit Zuma zu tun haben und nichts für ihn tun. Auch Migrant_innen nahmen Essen mit. Jede Person, die in Südafrika lebt, nahm Essen mit, denn es ging um Hunger und Armut.“

Doch es sind nicht nur die willentlich unwissenden Autoritäten und die bequemen Klassen, die solche bösartigen Anschuldigungen wiederholen. Viele wohlmeinende Linke waren trotz des heilsamen Einflusses von Rosa Luxemburg und Michail Bakunin nie in der Lage, die spontane Selbstaktivität der Arbeiter_innenklasse — vor allem wenn sie einen besonders überschwänglichen und wilden Charakter annimmt — mit ihren eigenen Vorstellungen von Organisation, Gegenmacht und Klassenbewusstsein in Einklang zu bringen.

So schreibt etwa der Anarchist Shawn Hattingh in der „Internationalen Zeitschrift für sozialistische Erneuerung“ folgendes:

„Der Zusammenhang zwischen den groß angelegten Plünderungen und den zwei sehr offensichtlichen Machtkonflikten der herrschenden Klasse, die derzeit im Lande herrschen, ist unbestreitbar. Die Behauptung, dass die Macht von der Arbeiterklasse ausgeübt wurde, bedeutet, die Kräfte, die im Spiel sind, grundlegend misszuverstehen und sich zu täuschen wo der Ort der Macht an diesem Punkt der Geschichte tatsächlich liegt.“

Zu behaupten, dass Sabotage und Enteignung keine Machtausübung der Arbeiter_innenklasse ist, bedeutet, die Natur der Macht insgesamt sowie die historische Rolle, die solche Taktiken in unzähligen unterschiedlichen Kontexten spielen, grundlegend misszuverstehen. So schreibt auch Richard Pithouse, ein langjähriger enger Mitarbeiter von Abahlali, in New Frame:

„Es gibt einen laufenden, gut organisierten, weit verbreiteten und strategisch ausgeklügelten Angriff auf die Infrastruktur. Mobilfunktürme, Umspannwerke, Stauseen, LKWs, Einkaufszentren, Lagerhäuser, Treibstofflager, Fabriken und vieles mehr. Diese wurden und werden ungestraft zerstört. Diese Art von Angriffen sind überhaupt nicht typisch für spontane Riots. Sie sind eher typisch für einen gut organisierten Putschversuch oder einen Bürgerkrieg.“

Im Gegenteil, in der Geschichte dieses Landes gibt es viele Begebenheiten, bei denen spontane Aufstände strategisch auf die Infrastruktur abzielten. Der oben erwähnte Vaal-Aufstand zielte systematisch auf Postämter, Tankstellen und Regierungsgebäude aller Art. Während der Unruhen 1959 in Cato Manor, Durban, wurden die meisten städtischen Gebäude abgefackelt, ebenso wie alle vom Staat an Händler_innen vermieteten Geschäfte, Wohlfahrtsorganisationen (die mit dem „weißen Beamt_innentum“ assoziiert wurden) und städtische Busse.

Diejenigen, die wie die Frauen von Cato Manor oder die Leute von Watts gehandelt haben, um dem Ganzen ein sofortiges Ende zu setzen, haben nie mehr als herablassende und fromme Predigten darüber erhalten, warum das nicht möglich ist –weil es keine andere Erklärung gibt als die, dass die meisten ihrer Gefährt_innen sich ihnen nicht anschließen wollen.

Ein Abschied von Leid

Meine Mutter arbeitete in diesem Gebäude (Regierung des Kantons Tuzla, in Brand gesetzt). Dort habe ich während des Krieges gelernt, auf einer Maschine zu tippen, das war ’92. Als das Gebäude in Flammen stand, sagte ich zu ihr: „Mama, dort hast du all die Jahre gearbeitet!“ Sie sagte mir: „Oh, scheiß auf das Gebäude, lass es brennen. Verbrennt sie alle! Warum sollte man Emotionen für ein Gebäude haben. Diese Arbeiter_innen haben es gebaut, sie haben es abgefackelt, sie werden es wieder bauen. Das Gebäude ist nicht wichtig. Was wichtig ist, ist, dass sie nichts zu essen haben. Sie hätten es schon vor 15 Jahren in Brand stecken sollen und mit ihm alle anderen.“

-Teilnehmende Person der Bosnien-Herzegowina-Rebellion, März 2014

Die Macht der Besitzlosen, zu zerstören, ist selbstverständlich nur die Schattenseite einer noch größeren schaffenden Macht: eine Macht, die entführt, als Geisel gehalten, eingesperrt, versklavt, sabotiert, gelähmt, unterdrückt wird von den heutigen dominanten sozialen Verhältnissen. Um diese schöpferischen Kräfte zu befreien, müssen die Hindernisse, die ihrer Entfaltung im Wege stehen, beseitigt werden — eine Abrissarbeit, die unweigerlich zu einem Haufen unordentlicher Ruinen führt.

Da ich in den letzten Jahren als eingewanderter Landarbeiter in Spanien gelebt habe, ist es vielleicht nicht verkehrt, eine der berühmtesten Reden eines unserer berühmtesten Gefährt_innen aus der Vergangenheit zu zitieren, der auf einen Journalisten, der während des Spanischen Bürgerkriegs darauf hinwies, dass selbst wenn er und seine Gefährt_innen gewinnen würden, „ihr auf einem Haufen von Ruinen sitzen werdet“, antwortete:

›Wir haben immer im Elend gelebt, und wir werden uns dazu bequemen, es noch ein wenig länger auszuhalten. Aber vergessen Sie nicht, daß die Arbeiter die einzigen Produzenten allen Reichtums sind. Wir, die Arbeiter, sind es die die Maschinen in der Industrie am Laufen halten, die Kohle und die Mineralien aus den Minen zutage fördern, wir sind es, die die Städte bauen… Warum also sollten wir nicht alles, was zerstört wird, wiederaufbauen, und das unter besseren Bedingungen? Ruinen machen uns keine Angst. Wir wissen, daß wir nichts als Ruinen erben werden, denn die Bourgeoisie wird in der letzten Phase ihrer Geschichte versuchen, die ganze Welt in Ruinen zu verwandeln. Aber ich sage Ihnen noch einmal, uns, den Arbeitern, machen die Ruinen keine Angst, denn wir tragen eine neue Welt in unseren Herzen‹, murmelte er mit rauer Stimme. Und dann fügte er hinzu: ›Und diese Welt wächst in diesem Augenblick.‹

-José Buenaventura Durruti: „2,000,000 Anarchists Fight for Revolution Says Spanish Leader„, The Toronto Daily Star, 18. August 1936 – zitiert aus ›Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten.‹, Abel Paz

Wie die oben von der leidenschaftlichen Mutter ausgedrückten Gefühle deutlich machen, tragen überall auf der Welt gewöhnliche Menschen weiterhin diese neue Welt in unseren Herzen, genauso wie es unsere Vorgänger_innen taten. Wenn es heutzutage oft schwierig erscheint, irgendeine Spur davon zu erkennen, die im Schatten des Todes wächst, den die alte Welt so tief wirft, während sie düster auf ihren Untergang zurollt, können wir uns mit dem Gedanken trösten, dass für diejenigen, die aufmerksam zuhören, sogar Ruinen lebendige Sprache sprechen.

Durch die Linse der Medien sehen wir die Ereignisse unweigerlich aus der Perspektive der Polizei.

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