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Intersektionaler Klassenkampf: von geteilter Unterdrückung zu vereintem Widerstand

Die Geschichte und Praxis des intersektionalen Klassenkampfes birgt eine reiche Tradition des Widerstands der Arbeiter_innenklasse gegen weiße Vorherrschaft, Patriarchat und Imperialismus.

Via RoarMag

Inmitten ein Fünftel des 21. Jahrhunderts ist unsere Welt von Konflikten und Katastrophen zerrissen und COVID-19 beschleunigt unsere Krisen. Die globale Pandemie hat Millionen von Menschen getötet, wobei Race, Armut und Geschlecht die führenden Determinanten der Sterblichkeit sind. Die globale Einkommenskluft wächst weiter, während ein winziger Sektor von Finanziers und Industrie-Titanen beispiellosen Reichtum auf dem Rücken der Arbeiter_innen anhäuft.

Eine einzelne Person, Jeff Bezos von Amazon, kontrolliert mehr als 200 Milliarden Dollar und die US-Milliardärsklasse hat während der Pandemie kollektiv über 1,8 Billionen Dollar gewonnen und mehrere neue Milliardär_innen hervorgebracht — viele aus der Pharmaindustrie. Die Wall Street hat durch eine Reihe von Spekulationen den Reichtum einiger weniger Tech- und Logistikfirmen aufgebläht, während „essentielle Arbeiter_innen“ in diesen Industrien mit erhöhtem Risiko arbeiten, dem Virus ausgesetzt zu sein und schnell sterben. Gesundheitspersonal, Landarbeiter_innen, Fleischverpackende und Lebensmittelarbeiter_innen sind besonders hart betroffen.

Mit der COVID-19-Pandemie starrt uns die intersektionale Natur von Ungleichheit und Klassenkampf ins Gesicht, aber wir kämpfen darum, diesen Moment zu erkennen und ihm gerecht zu werden. Tatsächlich scheitert sogar der linke Diskurs daran, die vielfältige und komplexe Natur des Klassenkampfes des 21. Jahrhunderts zu erfassen, wie sie in der Pandemie zum Vorschein kommt.

Um Befreiungsbewegungen angesichts einer solch beispiellosen globalen Krise voranzutreiben, brauchen wir Arbeiter_innenbewegungen, die sich direkt mit der Macht des Eigentums und den sich überschneidenden Unterdrückungen auseinandersetzen, mit denen alle unsere Kämpfe gemeinsam konfrontiert sind. Die globale Pandemie ist ein Weckruf, um die Natur unserer Welt zu erkennen und intersektionale Bewegungen der Volksmacht aufzubauen, um das Blatt zu wenden.

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COVID-19, RACE UND KLASSE

Die COVID-19-Pandemie hat die bestehenden Krisen der Ungleichheit verschärft, in denen sich Klasse und Race gegenseitig verstärken. Betrachte diese Zahlen: In Großbritannien haben Schwarze etwa ein Achtel des Vermögens von Weißen, während weniger als die Hälfte der Schwarzen Bewohner_innen der Karibik, Afrikas und Bangladeschs über 1000 Pfund an Ersparnissen verfügen. In den USA beträgt das durchschnittliche Gesamtvermögen Schwarzer Familien 17.150 $ — ein Zehntel so viel wie das weißer Familien. In Brasilien haben die sechs reichsten Milliardär_innen des Landes — alle weiß — so viel Vermögen wie die untersten 50 Prozent der Bevölkerung, etwa 100 Millionen Menschen, wobei die Armutsrate der Afrobrasilianer_innen doppelt so hoch ist wie die der Weißen. Als die Pandemie ausbrach, hatten diejenigen, die als „unverzichtbare Arbeitskräfte“ galten, kaum eine andere Wahl, als durch das Risiko hindurch zu arbeiten und sich der Krankheit in Service- und Logistik-Jobs auszusetzen.

Wir können sehen, dass Armut, Race und COVID-19-Sterblichkeit korrelieren. Die Armen der Welt leben auf engstem Raum, haben einen schlechteren Zugang zur Gesundheitsversorgung, kaum Krankheitszeiten und weniger Ressourcen für Notfälle. Dies alles führt zu einer höheren Sterblichkeit. In Lateinamerika sind Menschen afroamerikanischer Abstammung überproportional von COVID-19 betroffen: Nehmen wir noch einmal das Beispiel Brasilien, wo Schwarze 30 Prozent häufiger sterben als Weiße. In den USA ist die Sterberate bei indigenen, Schwarzen und pazifischen Inselbewohnenden eineinhalb bis zwei Mal so hoch wie bei weißen und asiatischen Menschen. In Großbritannien sind Schwarze und POC-Gemeinschaften einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt.

Aber es gibt vielleicht keine größere Überschneidung von Klasse, Race und der Pandemie als bei den Eigentumsrechten an Impfstoffen und der Aufrechterhaltung globaler Patente. Während westliche Länder wie Deutschland, Frankreich und die USA einen Übervorrat an Impfstoffen horten und große Impfgegner_innenbewegungen erleben, kämpft ein Großteil der Entwicklungsländer damit, auch nur ein Prozent ihrer Bevölkerung zu impfen. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent ist nur ein Prozent der Bevölkerung geimpft und es wird schwierig sein, das bescheidene Ziel der Afrikanischen Union von 20 Prozent bis Ende des Jahres zu erreichen. Tschad, Burkina Faso und die Republik Kongo haben Impfquoten von einem Prozent. Anderswo auf der Welt liegt Pakistan bei 2 Prozent, Jamaika bei 4 Prozent und in Indien sind nur knapp über 7 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Diese Verteilungskrise wird zum Teil von Pharmakonzernen in Deutschland und den USA verursacht, die sich weigern, Patentbeschränkungen für die Produktion aufzuheben. Die Welthandelsorganisation hat keine Einigung über den Verzicht auf Patente erzielt, während die Unternehmen in der Zwischenzeit Profite in unvorstellbarem Ausmaß einfahren.

Pfizer prognostiziert Dutzende von Milliarden Dollar an zusätzlichen Einnahmen — ihre Zahlen für das erste Quartal 2021 liegen bereits bei mehr als 14 Milliarden Dollar, eine Steigerung von 45 Prozent gegenüber 2020. Die Industrie hat seit Beginn der Pandemie sieben neue Pharma-Milliardär_innen geschaffen und Unternehmen wie Pfizer und Moderna werden nun die Kosten für COVID-19-Impfstoffe für europäische Länder erhöhen. OXFAM International berichtet, dass die Impfstoffprofite die globalen COVID-Gesundheitsinitiativen um das Fünffache verteuert haben.

Unzählige Menschen im Globalen Süden werden für Eigentumsrechte und privaten Profit sterben.

Wenn wir über diesen Moment nachdenken und darüber, was uns hierher gebracht hat, ist es klarer denn je, dass Klasse ein wichtiger Faktor in der Gesellschaft und eine Hauptursache für unsere aktuellen Krisen ist. Doch die Ideen über Klasse in der internationalen Linken lassen uns im Stich, weil die Klasse als soziales Phänomen nicht gut verstanden wird.

Mainstream-Ideen über Klasse bringen sie mit Einkommen oder Bildung in Verbindung, während einige linke Denker_innen sie strikt an eine Beziehung zu „den Produktionsmitteln“ binden. In einigen zeitgenössischen Aktivist_innenkreisen wird Klasse als eine Identität und „Klassismus“ als eine Form der Diskriminierung, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus, angesehen.

Diese Ideen über Klasse sind nicht falsch, aber sie sind unvollständig. Sie beleuchten nur einen Teil des komplexen sozialen Phänomens, das Klasse ist.

Auf der Linken neigen viele dazu zu argumentieren, dass Klasse im Grunde eine „materielle“ Bedingung ist, die sich von anderen Formen des sozialen Kampfes unterscheidet und grundlegender ist als die anderen. Indem sie Klasse strikt an materielle Bedingungen, eine Beziehung zu den Produktionsmitteln, binden, grenzen diese Ideen den Kampf der Arbeiter_innenklasse unnötigerweise ein.

Wie der britische Historiker E.P. Thompson vor 60 Jahren gezeigt hat, ist Klassenkampf nicht ausschließlich materiell, sondern ein Produkt des Klassenbewusstseins, das aus vielen verschiedenen Vektoren von Identität, Erfahrung und Konflikt entstehen kann.

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INTERSEKTIONALER KLASSENKAMPF

Direkt vor unseren Augen liegt eine andere Tradition der Klassenpolitik — eine, die ich „intersektionaler Klassenkampf“ nenne — die sowohl in den Arbeiter_innenbewegungen als auch in den aus diesen Kämpfen geborenen Ideen präsent ist. Ganz einfach — intersektionaler Klassenkampf ist eine Tradition der antikapitalistischen Arbeiter_innenbewegungen gegen weiße Vorherrschaft, Patriarchat, Imperialismus und andere Formen sozialer Unterdrückung.

Angesichts der Vektoren von Race, Geschlecht, Sexualität, Fähigkeiten, Staatsbürger_innenschaft, Ethnie usw., die in unseren Gesellschaften und an unseren Arbeitsplätzen vorhanden sind, wäre es schockierend, wenn der Kampf der Arbeiter_innenklasse nicht auf diese Weise intersektional wäre.

Wenn wir uns den Anti-Apartheid-Kampf in Südafrika, den Arabischen Frühling 2011 oder den chilenischen feministischen Aufstand 2019 anschauen, sehen wir, dass alle nachweislich intersektionale Klassenkämpfe sind, was die Zusammensetzung der Bewegung, die Art ihrer Forderungen und die Kräfte, die ihnen entgegenstehen, betrifft. Die Geschichte und die aktuellen Formen des Arbeiter_innenkampfes zeigen, dass wenn wir Widerstand leisten, dieser notwendigerweise intersektional ist.

Beim intersektionalen Klassenkampf wird die marxistische Material- und Strukturanalyse modifiziert, um Kultur, Geschlecht, Race, soziale Unterdrückung und Macht mit einzubeziehen. Intersektionaler Klassenkampf bringt feministisches, antirassistisches und antikapitalistisches Denken zusammen und ist eine Synthese all dieser Ideen, die sich in der Praxis der Arbeiter_innenbewegung zeigt.

Aus den kombinierten Traditionen von Arbeiter_innenkämpfen und einer Vielzahl von Gesellschaftstheorien kommend, beleuchtet der intersektionale Klassenkampf sowohl die materielle als auch die kulturelle Zusammensetzung der Klassenpolitik. Er zeigt, dass Individuen in einem Prozess kollektiver sozialer Konflikte und in Beziehung zu zentralen Säulen der sozialen Struktur, wie Eigentum, weißer Gewalt und Patriarchat, geformt werden. Es sagt, dass wir trotz aller Unterschiede gemeinsame kollektive Interessen haben, die gegen Kapital und Unterdrückung kämpfen.

Schließlich zeigt intersektionaler Klassenkampf einen Weg des Widerstands und einen Weg, sich zu organisieren und für eine menschlichere und befreiende Zukunft zu kämpfen. Auf diese Weise kann intersektionaler Klassenkampf uns besser dabei helfen, befreiende soziale Kämpfe zu verstehen — und was noch wichtiger ist, sie zu ermöglichen.

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VON KOLUMBIEN NACH ALABAMA

Das vielleicht beste zeitgenössische Beispiel für intersektionalen Klassenkampf ist der nationale Generalstreik in Kolumbien. Das südamerikanische Land wurde von COVID-19 heimgesucht, mit sprunghaft angestiegener Zahl der Todesopfer Anfang Juli, und die Armut stieg um 7 Prozent im Jahr 2020. Als die Regierung unter Präsident Duque versuchte, eine Steuerreform zu verabschieden, die normale Kolumbianer_innen stark belasten würde, gingen Militante in Cali auf die Straße, wo sie auf eine brutale Polizeireaktion trafen, die daraufhin 53 Menschen im ganzen Land tötete.

Als sich ein massiver Generalstreik abzeichnete, wurde der Steuervorschlag schnell zurückgezogen und die Minister zum Rücktritt gezwungen. Der Streik ging jedoch weiter und forderte eine Gesundheitsversorgung für alle, ein universelles Zahlungspaket, ein Ende der Polizeigewalt und andere Reformen.

Am beeindruckendsten ist, dass das Koordinationsgremium des Generalstreiks aus Gewerkschaften, Student_innengruppen und Organisationen der sozialen Bewegung besteht, mit Beiträgen von Schwarzen, Indigenen, ländlichen und jungen Menschen. Als sich indigene Selbstverteidigungsgruppen meldeten, um den Streik zu unterstützen, erkannten sie, dass ihre Interessen, den Umweltkollaps und die staatliche Gewalt gegen indigene Völker zu stoppen, mit denen der Streikenden übereinstimmten. Beide kämpften gegen den Staat und das Kapital, und deshalb waren die indigenen Bewegungen untrennbar mit den Kämpfen der Arbeiter_innen gegen Steuererhöhungen und für eine sozialisierte Medizin verbunden.

Während die Bewegung an Stärke gewinnt, spiegelt sich die intersektionale Natur des Kampfes sowohl in den Forderungen als auch in der Zusammensetzung der Bewegung wider.

Ein weiteres aktuelles Beispiel kommt von den globalen Streiks gegen Amazon, da das Unternehmen die Arbeiter_innen während der Pandemie in Gefahr brachte. In Bessemer, Alabama, einer mehrheitlich Schwarzen Stadt im amerikanischen Süden, scheiterte in diesem Frühjahr eine Kampagne für gewerkschaftliche Organisation am entschiedenen Widerstand von Amazon, einschließlich offensichtlicher Gesetzesverstöße. Im Kern der Kampagne ging es um Würde und raciale Gerechtigkeit für die überwiegend Schwarze Belegschaft. 85 Prozent der Amazon-Beschäftigten in Bessemer sind Schwarze.

Während der Kampagne wurden die Gewerkschaftsorganisator_innen mit rassistischen Beleidigungen beschimpft und die Arbeiter_innen sahen die Kampagne für die gewerkschaftliche Organisierung als eine Möglichkeit, am Arbeitsplatz menschlich behandelt zu werden.

Zur gleichen Zeit, als sich die Bessemer-Arbeiter_innen organisierten, streikten auch die Amazon-Arbeiter_innen in Italien. In einem eintägigen Streik und Boykott machten sie sich die gleiche Sache zu eigen, forderten eine „humane Arbeitszeit“ und betonten den internationalen Charakter ihres Kampfes, indem sie Schilder trugen, auf denen zu lesen war: „Von Piacenza bis Alabama — eine große Gewerkschaft.“ Trotz der anfänglichen Niederlage in Alabama und der begrenzten eintägigen Aktion in Italien, geht der Kampf für Würde und Selbstbestimmung am Arbeitsplatz bei Amazon weiter.

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IM KRIEG MIT DER UNTERDRÜCKUNG

Was diese aktuellen Kämpfe zeigen, ist die intersektionale Natur des Klassenkampfes. Wenn arbeitende Menschen in Konflikt mit dem Staat und dem Kapital treten, werden die Konflikte intersektional. Kämpfe gegen die Bosse werden zu Kämpfen gegen Grenzen, gegen Rassismus und andere Formen der Unterdrückung. Und wenn Bewegungen voranschreiten, müssen sie notwendigerweise gegen mehrere Formen von Macht gleichzeitig kämpfen.

Ein Beispiel aus der Vergangenheit mit relevanten Ideen stammt von Clarence Coe, einem Schwarzen Arbeiter während der Großen Depression. Coe wuchs im ländlichen Tennessee auf, wo er rassistischer Gewalt ausgesetzt war. Um zu entkommen, zog er nach Memphis, wo er unter schlechten Bedingungen in Matratzen- und Reifenfabriken arbeitete. Als er gewerkschaftliche Aktionen organisierte, wurde er von weißen Rassisten ausgesondert und angegriffen — sowohl wegen seiner gewerkschaftlichen Aktivitäten als auch weil er Schwarz war.

Sein Organisieren war damals gleichzeitig gegen Rassismus und gegen kapitalistische Ausbeutung. Indem er Gewerkschaften gegen die weiße Vorherrschaft gründete, versuchte er, alle Arbeiter_innen zusammenzubringen. „Alle saßen im selben Boot und waren sich dessen bewusst“, sagte er einem Interviewer. Coe zeigt, dass wir ein gemeinsames, kollektives Interesse haben, die weiße Vorherrschaft zu bekämpfen und die Macht der Arbeiter_innen aufzubauen.

Ein anderes Beispiel sind die Arbeiterinnen von Lowell, Massachusetts, während der Ursprünge des industriellen Kapitalismus. Die „Fabrikmädchen“, wie sie sich selbst nannten, arbeiteten 12-Stunden-Tage, mit immer höheren Produktivitätsanforderungen und sinkendem Lohn. Um sich überhaupt zu Arbeitsfragen äußern zu können, mussten sie gegen patriarchale Normen kämpfen, die die Stimmen der Frauen zum Schweigen brachten und sie in die häusliche Sphäre verwiesen. Die Fabrikmädchen erkannten, dass „wir eine Gruppe von Schwestern sind“ und „Sympathien für die Nöte der anderen haben müssen.“

Sie organisierten Streiks, Petitionen und öffentliche Vorwürfe gegen die Schnittpunkte ihrer Ausbeutung — Kapitalismus und Patriarchat. In der Tat erkannten ihre militanteren Stimmen dies explizit an und zogen in den „Krieg mit Unterdrückung in jeder Form.“ Obwohl sie in den 1840er Jahren an der Spitze des Klassenkampfes standen, wurden sie von vielen der männerdominierten Gewerkschaften nicht unterstützt. Sie sahen sich dem Spott ausgesetzt, weil sie politisch aktive Frauen der Arbeiter_innenklasse waren und gleichzeitig gegen das Patriarchat und den Kapitalismus kämpfen mussten.

Obwohl diese Kämpfe aufgrund von Race, Geschlecht, nationaler Herkunft und anderen Faktoren unterschiedlich sind, sind sie alle Teil des Klassenkampfes. In den 1860er Jahren nannte der amerikanische Arbeiter_innenorganisator William Sylvis die entstehende Gesellschaftsordnung einen „nie endenden Antagonismus“ zwischen Arbeit und Kapital. Für ihn wurde der Klassenkampf über das Eigentum ausgetragen; ob Reichtum und Eigentum einigen wenigen gehören — und nur diesen wenigen zugutekommen — oder ob die Besitzlosen sich effektiv organisieren können, um den Reichen die Kontrolle im Interesse einer kollektiven, fortschrittlichen Menschheit zu entreißen.

Im 21. Jahrhundert klingt Sylvis‘ Vorhersage über einen permanenten Antagonismus im Kapitalismus immer noch wahr. Wir haben Jahrzehnte, Jahrhunderte der Missachtung des menschlichen Lebens und des Schicksals des Planeten durch die Unternehmen in ihrem Streben nach individuellem, kurzfristigem Profit erlebt. Seine Einschätzung war damals wie heute klar: Wir leben in einem permanenten Antagonismus, in dem das Kapital „in allen Fällen der Aggressor ist.“ Obwohl er der Aggressor ist, ist der Kapitalismus nicht der einzige Vektor des Kampfes. Seit seiner Zeit haben die Bewegungen und Theoretiker_innen der Arbeiter_innenklasse gelernt, dass die weiße Vorherrschaft, das Patriarchat und der Staat alles Formen sind, die gleichzeitig bekämpft werden müssen.

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DIE ORGANIZING-TRADITION

Das Erkennen von intersektionalem Klassenkampf ist ein Schritt, aber wir müssen uns auch fragen, wie wir am besten Bewegungen aufbauen, die auf diesen Verbindungen basieren. Meistens werden die Unterschiede von Race und Geschlecht, Sexualität und Fähigkeiten, Nationalität und Ethnie benutzt, um Arbeiter_innen zu spalten, anstatt uns zusammenzubringen.

Die heutige Linke spielt zu oft mit diesen Unterschieden und scheint verbissen auf Spaltung und Marginalisierung zu setzen. Solidarität über Unterschiede hinweg aufzubauen ist etwas ganz anderes als zu versuchen, von der einen oder anderen Position der Entmachtung aus zu sprechen und diejenigen anzugreifen oder auszurufen, die nicht ausreichend zustimmen.

Ebenso schlimm ist, dass ein anderes Lager der Linken die rein materiellen und ökonomischen Aspekte der Klasse über andere Formen des Kampfes stellt und sich damit von der Arbeiter_innenklasse isoliert, für die dies entscheidende, alltägliche Themen sind. In vielen zeitgenössischen sozialen Bewegungen ist eine linke Tradition der Klassenorganisation zum Aufbau von Solidarität über diese Unterschiede hinweg in Vergessenheit geraten.

Aber es gibt eine Alternative, auch in unserer unmittelbaren Geschichte. Im US-amerikanischen Kontext nennt Charles Payne sie die „Organizing-Tradition“. Entwickelt von normalen Menschen über ein Jahrhundert oder mehr des Kampfes, ist die Organizing-Tradition eine, die Menschen mit gemeinsamen Interessen zusammenbringt, mit Arbeiter_innen von Angesicht zu Angesicht spricht und kämpferische Organisationen unterstützt. Ihr Kern ist der Aufbau von Verbindungen zwischen Themen und Menschen, um die Macht der Arbeiter_innenklasse zu stärken.

Diese Tradition betont die langsame und geduldige „Kleinarbeit“, wie es die Bürger_innenrechtsorganisatorin Ella Baker nannte; Volksbildung, die Schaffung von Kampforganisationen, Gespräche mit Menschen über Unterschiede hinweg, um Solidarität aufzubauen.

Die von Schwarzen, Indigenen, Student_innen und Arbeiter_innen geführte Bewegung in Kolumbien zeigt uns die Kraft, auf diese Weise zusammenzukommen. Der landesweite Generalstreik dort drängt auf Siege der Bewegung, die der kolumbianischen Arbeiter_innenklasse gegen die Reichen zugutekommen und überproportional den am meisten Unterdrückten dienen. Und sie schaffen Solidarität über Unterschiede hinweg und bauen die Volksmacht auf, um dies effektiv zu tun.

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INTERSEKTIONALER WIDERSTAND

In diesen Erfahrungen gibt es nicht die eine Arbeiter_innenklasse oder ein singuläres Interesse der Arbeiter_innenklasse. Stattdessen erlebt eine multiple und vielfältige Arbeiter_innenklasse Race, sexuelle Orientierung, Fähigkeit, Geschlechterdarstellung, Arbeit und andere Faktoren unterschiedlich. Aber Differenz und Vielfalt bedeutet nicht, dass wir nicht auch gemeinsame Interessen als Klasse haben. Zum Beispiel der Widerstand gegen die Löhne, ein Ausbeutungssystem, das uns für den Profit anderer arbeiten lässt. Oder unbezahlte Hausarbeit, die dem Kapitalismus hilft, uns auszubeuten, während sie gleichzeitig die Hausarbeit, die vor allem von Frauen geleistet wird, fesselt und entwertet.

Wir alle haben Erfahrungen mit Kapitalismus und Unterdrückung und wir alle erleben sie auf unterschiedliche Weise. Intersektionaler Klassenkampf zeigt, dass die Arbeiter_innenklasse aus uns selbst besteht, in all unseren vielfältigen, unterschiedlichen und widersprüchlichen Erfahrungen. Er zeigt uns, dass wir kollektiv gegen die Kräfte kämpfen können, die uns spalten und unterdrücken.

In den heutigen Bewegungen von Amazon-Arbeiter_innen, Arbeiter_innen im Gesundheitswesen, Landarbeiter_innen, prekären Akademiker_innen und Arbeiter_innen in der Gig-Economy sind die Kämpfe nicht dieselben, aber wenn wir zuhören, tragen sie tiefe und vertraute Echos in sich. Intersektionaler Klassenkampf zeigt uns nicht nur die Verflechtung unserer Unterdrückungen, sondern auch die Wege, um erfolgreich gegen sie zu kämpfen.

In Kolumbien, in Italien und in Alabama zeigen die Kämpfe der Arbeiter_innenklasse, dass unser Widerstand notwendigerweise intersektional ist. Außerdem sind unsere Kämpfe stärker, wenn wir uns sektorübergreifend organisieren — mit Arbeiter_innen, Studierenden und unterdrückten Gemeinschaften. Es liegt an uns, diese Überschneidungen zu erkennen.

Es gibt keine Umgehung der Kernprobleme, die unsere Gesellschaften seit Jahrhunderten plagen; der einzige Weg nach vorne ist der gegen Kapitalismus, weiße Vorherrschaft und Patriarchat. Und wie bei der aktuellen Pandemiekrise muss die Heilung uns alle zusammen einschließen, wenn wir überleben wollen.