Kategorien
Alle Beiträge

Den Widerstand finanzieren: Banditentum, Enteignung und Diebstahl im 21. Jahrhundert

Via Abolition Media

Um unsere Bewegungen in diesem kritischen Moment der Geschichte zu finanzieren, ist die Enteignung von Geld von bestimmten Zielen die „ethischste“ Option. Es gibt viele Möglichkeiten, dies zu tun.

Mindestens schon im ersten Jahrhundert n. Chr. sagten sich die Shifta am Horn von Afrika von Kaiser, Regierung und Gesetz los und zogen in die Wildnis, wo sie durch die Störung der üblichen Geschäfte und des Handels als Geächtete und Gesetzlose überleben konnten. Jahrhundertelang zogen die Haiduks des Balkans durch ihre Länder und bestahlen ihre osmanischen Besatzer. Yi-Räuber und andere aus dem chinesischen Grenzgebiet stützten ihre Ökonomien zu einem großen Teil durch Raubzüge im frühen 20. Jahrhundert. Von 1917-1937 führten peruanische Frauen Banden von Scharfschütz_innen zu Pferd an, um die Reichen zu berauben und den Armen zu geben.

Trotz begrenzter Forschung und der folkloristischen Fiktionalisierung der Robin Hoods unserer Vergangenheit, scheint soziales Banditentum überall dort vorhanden zu sein, wo selbst die ursprünglichsten Formen der Zivilisation Klassenungleichheiten geboten haben. Das Phänomen des sozialen Banditentums — Diebstahl zum Wohle der Armen — überschreitet Geschichte, Geographie und Kultur.

Der industrielle Kapitalismus und die neoliberale Ökonomie haben veränderte Methoden für Bandit_innen notwendig gemacht. Die Reichen fahren nicht mehr auf den Highways, auf der Hut vor den Pirat_innen der Wildnis. Nur etwa 8 Prozent des weltweiten Geldes zirkuliert heute in Form von Bargeld. Informationen über die Reichen werden durch obskure Steuerparadiese geschützt. Die Aufgabe der Bandit_innen ist heute eine grundlegend kreative, und die historischen Schleier des Machismo und des Busch-Ruhmes bieten nicht mehr die gleiche Hebelwirkung des Terrors, die sie einst hatten.

Gruppen der radikalen Linken und Antiautoritären auf der ganzen Welt haben Wege gefunden, Geld und Vermögen zu beschlagnahmen und an ihre Verbündeten und unterdrückten Gemeinschaften umzuverteilen. Ein bemerkenswertes Beispiel aus jüngster Zeit ist die Beschlagnahmung eines Sheraton-Hotels in Minneapolis während der George-Floyd-Proteste, als die Teilnehmenden es in das Share-a-Ton umwandelten. Historisches soziales Banditentum mag Inspiration bieten, aber die radikalen Linken und Antiautoritären von heute bahnen sich ihren Weg in eine Zukunft, in der der Volkskampf die nötigen Ressourcen hat, um sich über sporadische revolutionäre Momente hinaus zu erhalten.

Warum jetzt Banditentum?

Nie zuvor stand unsere Spezies vor einer existenziellen Krise wie der des globalen Klimachaos. Das Ausmaß und das Tempo, in dem wir konkrete Veränderungen vornehmen müssen, muss das historische Ausmaß und Tempo der Industrialisierung und Kolonialisierung bei weitem übertreffen. Zur Veranschaulichung: Wir haben sechs Jahre und fünf Monate, um die Nutzung fossiler Brennstoffe komplett zu beenden und 100 Prozent des Energieverbrauchs unseres Planeten auf erneuerbare Energien umzustellen, oder wir erwärmen den Planeten um 1,5 Grad Celsius und verursachen katastrophale Schäden in unvorstellbarem Ausmaß.

Offensichtlich ist die wichtigste Notabkürzung, die wir nehmen können, die Macht der Menschen. Der Kampf der Bevölkerung hat bewiesen, dass drastische Veränderungen tatsächlich beschleunigt werden können. Die Bewegung für Klimagerechtigkeit ist wohl die größte und vielfältigste Bewegung der Weltgeschichte, und ihre Mitglieder — von denen eine beträchtliche Masse viel zu jung ist, um diese kolossale Last tragen zu müssen — erhöhen den Einsatz.

Um dieses kurze Zeitfenster zu nutzen, müssen wir dringender einen drastischen Wandel herbeiführen. Geld kann helfen, dies zu erreichen. Da die Weltwirtschaft in den Händen eines Bruchteils von einem Prozent der Weltbevölkerung liegt, brauchen wir kreativere Strategien, um die Umverteilung von Geldern in die Kassen unserer mächtigsten Bewegungen und ihrer Syndikate zu beschleunigen.

Diejenigen, die das meiste Geld haben, wurden oft von denjenigen mit der größten Volksmacht besiegt. Ultra-reiche Diktatoren sind bei vielen Gelegenheiten dort gestürzt, wo sich die Bevölkerung zum Widerstand erhoben hat. Aber diejenigen, die im Zentrum von Widerstandsbewegungen stehen, brauchen Ressourcen, um ihr Leben und ihre Arbeit aufrechtzuerhalten und um die Infrastruktur für ihre Kämpfe aufzubauen und zu stärken. Moderne Bewegungen finanzieren sich oft durch Sachspenden, Freiwillige, Beiträge von Mitgliedern und Verbündeten, Partnerschaften mit Non-Profit-Organisationen und Unternehmen sowie philanthropischen Institutionen und ähnlichen Spender_innen (die oft mitte-liberale Werte vertreten und ihre Unterstützung an Bedingungen knüpfen können).

Dies sind nicht die einzigen Optionen für die Finanzierung der Bewegung. Es gibt eine weitere Option: Stehlen.

In diesem historischen Moment ist es weniger ethisch, Geld von bestimmten Zielen nicht zu enteignen, als stückchenweise weiter zu kratzen. Es gibt viele Wege, wie das geschehen kann.

Raub

Der intuitivste Weg, Geld zu stehlen, ist der Raub, und der naheliegendste Ort, um zu rauben, ist eine Bank. Aber das bedeutet nicht, dass die Bandit_innen mit Waffengewalt durch die Vordertür eindringen müssen.

Im Jahr 2008 veröffentlichte der katalanische Aktivist Enric Duran eine Erklärung über eine halbe Million Euro, die er durch die Beschaffung von 68 Bankkrediten zur Finanzierung von Volkskämpfen gestohlen hatte. Duran suchte Unterschlupf, nachdem er sich der Autorität des Justizsystems losgesagt hatte. Er forderte die Gefährt_innen auf, keine Zeit mit der Kampagne für seine Amnestie zu verschwenden, sondern aus seiner Taktik der falschen Kredite zu lernen und ähnliche Raubzüge in größerem Maßstab durchzuführen.

Durans Betrugsstrategie erweiterte das moderne katalanische Erbe des aktivistischen Banditentums. Im Jahr 2002 nutzte die aus Barcelona stammende Bewegung Yomango („Ich klaue“) die Talente von Ladendieb_innen, um öffentlich und schamlos gegen die Austerität und die dahinter stehenden Unternehmen zu kämpfen. Ihre Bewegung des offenen Diebstahls verbreitete sich schnell über Europa und Lateinamerika.

In Dänemark hatte die Crew, die als Blekingegade Gang bekannt wurde, in den 70er und 80er Jahren eine große Anzahl von Raubüberfällen durchgeführt, um die Aktivitäten der Volksfront zur Befreiung Palästinas zu finanzieren. Bei einem ihrer berühmten Überfälle gaben sie sich als Cops aus und fuhren einen Ford Escort.

Kurz vor dem Aufstieg der Blekingegade Gang stahlen die Young Lords, puertoricanische Revolutionär_innen, einen zu wenig genutzten LKW, der mit einem Tuberkulose erkennenden Röntgengerät ausgestattet war. Sie brachten ihn nach East Harlem, wo sie Tests für die Bewohnenden durchführten, während sie eine puertoricanische Flagge über dem Fahrzeug hissten.

Soziales Banditentum ist Klassenkampf insofern, als dass es der Bande — marginal sogar in Gesellschaften, in denen sie populäre Unterstützung haben — ermöglicht, sich langfristig zu erhalten. Die Armen und die Bauernschaft werden mit einem „Kuchen im Fenster“ besteuert — oder ähnlichen kleinen Zugeständnissen, die den lokalen Bandit_innen angeboten werden. Von den Bandit_innen wird wiederum erwartet, dass sie die Bauernschaft vor den Machthabenden schützen und, sollten sie eine gute Beute machen, einen Teil ihrer Beute teilen.

Zum Beispiel versteckte sich John Kepe in den 1950er Jahren in den Boschberg-Höhlen des Ostkaps und plünderte die Häuser und Farmen der Buren (Weißafrikaner_innen). Obwohl ihm die Beute sein eigenes Überleben sicherte, verteilte er nützliche Haushaltswaren und Gegenstände an andere Schwarze Südafrikaner_innen weiter. Dies half, seinen Aufenthaltsort geheim zu halten. Man könnte sagen, seine passiven Allianzen mit der Mainstream-Gesellschaft boten ihm günstigere „Arbeitsbedingungen“.

Der verstorbene marxistische Historiker Eric Hobsbawm — vielleicht der maßgebliche Autor über soziales Banditentum — beobachtet eine ähnlich pragmatische Ökonomie und Politik bei den historischen Bandit_innen. Sie unterstützen die Revolution, sind aber selten selbst die Revolution. Ihr Nischenbeitrag zum Kampf der unteren Klasse bietet selten eine skalierbare Infrastruktur für, sagen wir, einen landesweiten Bauernaufstand. Sie sind jedoch großzügig in ihren wirtschaftlichen Gefühlen gegenüber jeder Bewegung der Armen. Es wurde gesagt, dass Brasiliens berühmter Bandit Lampião Vorräte zum dreifachen des üblichen Preises von Händler_innen kaufte. Solche „Banditengroßzügigkeit“ drückt Sympathien für die Massenrebellion und für ein freies Leben außerhalb der unmittelbaren Schranken des Reiches und seiner Grundherren aus.

Geldwäscherei

Einfacher Raub — also der Transfer von Geld oder Vermögenswerten von Partei X zu Partei Y durch Diebstahl — ist nicht das einzige Mittel zur Befreiung von Geldern. Geldwäsche — täglich von Milliardär_innen ungestraft praktiziert — kann auch für Gutes eingesetzt werden.

Eine Gruppe, die für diesen Artikel interviewt wurde, bewirbt sich um Zuschüsse von großen Institutionen. Die Gelder, die sie erhalten, werden über Quittungen abgerechnet, die in Mülleimern an Bushaltestellen oder wo auch immer sie zu finden sind, gesammelt werden. Der Betrag, der über falsche Quittungen abgerechnet wird, wird dann an verbündete Basisaktivist_innen oder Gruppen der direkten Aktion verteilt, deren Aktivitäten nicht bequem unter die Zuschussvereinbarungen fallen können. „NGOs machen ständig schmutzige Dinge, um ihre Eigeninteressen voranzutreiben“, sagte ein Mitglied dieser Gruppe. „Warum sollten wir nicht ähnliche Ansätze für radikalere Ziele nutzen?“

Die modernen Bandit_innen sind nicht auf solche kleinen Geldwäschereien beschränkt. In einigen Fällen kann eine gemeinnützige „Mantelgesellschaft/Briefkastenfirma“ wie eine NGO gegründet werden, um um große — und meist politisch gemäßigte — Spendengelder zu werben. Wenn Zuschüsse gewährt werden, können die Gelder an eine radikalere Gruppe — d.h. einen „Partner“ — verteilt werden, der die geteilte Summe in Rechnung stellt. Auf diese Weise kann der offizielle Zuschussempfänger, in diesem Fall die „NGO-Mantelgesellschaft“, finanzielle Rechenschaft ablegen, die Rechnungsprüfenden zufriedenstellen und trotzdem über ihre scheinbar moderaten Aktivitäten berichten, während es einen Puffer zwischen dem Spender und der radikalen Gruppe schafft, was der radikalen Gruppe größere Autonomie verschafft.

Eine Jugendorganisation „reinigt“ ihre Zuschussgelder, indem sie große Veranstaltungen ausrichtet — Aktivitäten, die aus der Sicht der Spender kulturelle Vielfalt und Inklusion fördern sollen. Die Community-Aktivitäten, die sie organisieren, sind genau die Aktivitäten, die sie in ihren Anträgen und Berichten zu tun behaupten. Sie verlangen jedoch eine Gebühr für die Teilnahme und nehmen auf diese Weise mehr Geld zurück, als sie ausgegeben haben. Die Rechenschaft über die Gelder wurde bereits durch die Ausgabe des erhaltenen Kapitals abgelegt. Der Erlös aus ihren „vorgeschlagenen Spenden“ wird dann an antifaschistische Gruppen verteilt.

Manchmal muss das Einfordern von Geldern von rechts nicht so umständlich sein. „Normalerweise brauchen wir so etwas nicht zu machen“, erklärte mein Informant. „Es ist wirklich ziemlich einfach, eine große Menge Geld von einem rechtsstehenden Spender zu bekommen, vor allem, wenn du eine offiziell registrierte Organisation mit einem Vorstand und einer Mitgliedschaft hast, die ‚mit drin‘ ist, während du eine gut aussehende Fassade aufrechterhältst.“

„Von Bandit-Held_innen wird nicht erwartet, dass sie eine Welt der Gleichheit schaffen. Sie können nur Unrecht korrigieren oder beweisen, dass Unterdrückung manchmal auf den Kopf gestellt werden kann.“

Hobsbawm