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Kubanische Anarchist_innen über die Proteste vom 11. Juli

Um die Ursachen und Auswirkungen der Protestwelle, die am 11. Juli in Kuba ausbrach, zu erforschen, präsentieren wir ein Interview mit zwei kubanischen Anarchist_innen und eine Stellungnahme einer anarchistischen Initiative in Kuba. Via CrimethInc.

Einleitung: Es ist größer als Kuba

Wir haben eine breite Palette von Erklärungen für die Proteste in Kuba gehört. Rechte Anhänger_innen des Kapitalismus geben der kubanischen Regierung die Schuld und behaupten, dass die Proteste auf das Versagen des Einparteien-Sozialismus zurückzuführen sind. Selbsternannte Antiimperialist_innen beschuldigen die Regierung der Vereinigten Staaten und behaupten, dass diese Proteste auf eine verdeckte US-Intervention hindeuten. Andere geben den US-Sanktionen gegen Kuba die Schuld und behaupten, dass diese hauptsächlich für die wirtschaftlichen Bedingungen verantwortlich sind, die die Proteste ausgelöst haben. Jede dieser Erzählungen enthält ein Körnchen Wahrheit, aber alle greifen zu kurz, um das Ganze zu erfassen.

Wie sehen die Menschen in Kuba die Proteste? Wenn wir nicht einfach unsere eigenen Annahmen auf die Ereignisse projizieren wollen, sollten wir als erstes die Kubaner_innen fragen, wie sie das Geschehen verstehen. Natürlich gibt es unzählige verschiedene Perspektiven unter den Teilnehmenden einer populären Protestbewegung — aber wir können damit beginnen, diejenigen zu befragen, deren Politik der unseren ähnlich ist.

Eine der sichtbareren kubanischen anarchistischen Gruppen ist der Alfredo López Libertarian Workshop (Taller Libertario Alfredo López), eine anarchistische, antiautoritäre und antikapitalistische Initiative, die 2012 entstanden ist. Sie sind Teil der Anarchistischen Föderation der Karibik und Zentralamerikas und einer der Gruppen aus dem ABRA Sozialzentrum und der Libertären Bibliothek.

Das ABRA Sozialzentrum und die Libertäre Bibliothek.

Anfang Januar 2021, lange vor dem Beginn der jüngsten Protestbewegung, veröffentlichte der Alfredo López Libertarian Workshop eine Erklärung, in der sie ihre politischen Positionen darlegten. Sie begannen damit, ihren Widerstand gegen die von den USA verhängten Handelssanktionen zum Ausdruck zu bringen:

1.) Wir verurteilen jegliches Embargo gegen die kubanische Bevölkerung, egal ob es von außen oder von innen, von irgendeinem Staat, ob USA oder nicht, verhängt wird. Wir unterstützen radikal die volle Entfaltung der schöpferischen Fähigkeiten unserer Bevölkerung — ihre Selbstorganisation, Subsistenz und Selbstbefreiung — in einer Welt, die mehr Solidarität und Kooperation braucht.

Zweitens bezweifelten sie, dass die plötzliche Eskalation der sozialen Unruhen in Kuba zwangsläufig zu positiven Ergebnissen führen würde, wenn den Arbeiter_innen und armen Menschen Strukturen zur Selbstorganisation fehlen:

2.) Wir unterstützen keine Provokationen, die auf eine soziale Explosion abzielen. Dies wäre unter den gegenwärtigen Umständen des organisatorischen Rückgangs der Arbeiter_innenklassen und der prekärsten Segmente der Gesellschaft tragisch.

Diese Position löste eine Kontroverse aus — siehe z.B. diese Antwort des exilkubanischen Anarchisten Gustavo Rodríguez, der die Gründe untersucht, warum Anarchist_innen eine „soziale Explosion“ [explosión social] wie die jüngsten Aufstände in Chile und Kolumbien unterstützen könnten.

Nichtsdestotrotz veröffentlichte der Alfredo López Libertarian Workshop vor wenigen Tagen eine Erklärung, die die jüngsten Proteste in Kuba bekräftigte. Es ist bezeichnend, dass eine Organisation, die sich skeptisch über „Provokationen, die auf eine soziale Explosion abzielen“ geäußert hat, das Narrativ zurückgewiesen hat, dass die Proteste das Ergebnis von Manipulation sind:

Jetzt geopolitische Argumente über den Platz Kubas in der imperialen globalen Strategie vorzubringen, zu argumentieren, dass die regierungsfeindlichen Proteste in Kuba zwangsläufig von der kubanischen Rechten in Miami bezahlt werden, dass die Demonstrierenden einfache Kriminelle sind, die plündern wollen, dass die wahren Revolutionär_innen in der Regierung sind — das sind alles Argumente, die einen bedeutenden Teil der Realität beschreiben, aber sie gehen an einem Punkt vorbei. Die Menschen in Kuba haben genauso das Recht zu protestieren wie die in Kolumbien und Chile. Was ist der Unterschied? Dass es Oligarchien mit anderen Ursprüngen sind? Mit mehr oder weniger brutalen Praktiken? Mit mehr oder weniger unterscheidbaren Tarnungen? Mehr oder weniger unterwürfige Haltungen gegenüber der US-Regierung? Mehr oder weniger erhabene Ideen, um ihre Privilegien zu rechtfertigen?

Der Punkt hier ist einfach, aber er ist wesentlich. Arme Menschen in Kuba, wie arme Menschen überall, haben das Recht, für sich selbst einzutreten. Wer könnte besser als sie wissen, wann es für sie notwendig ist zu handeln?

„Wenn du protestierst, wird eine noch schlimmere Regierung an die Macht kommen.“ Dies ist ein Vorwand, den jede Regierung nutzen kann, um die Unterdrückung von Opposition zu rechtfertigen — und praktisch jede Regierung hat das getan. Wenn wir diese Ausrede legitimieren, stellen wir uns auf die Seite eines Teils der herrschenden Klasse gegen einfache Menschen wie uns und leugnen, dass sie wissen, was das Beste für sie ist. Wenn wir uns weigern, den Ausgebeuteten und Unterdrückten unsere Solidarität zu gewähren, werden sie unweigerlich nach rechts tendieren — so wie sie es im gesamten ehemaligen Ostblock getan haben. Wenn wir die einfachen Demonstrierenden an Orten wie Kuba im Stich lassen, geben wir der extremen Rechten eine einmalige Rekrutierungsmöglichkeit.

Wir sollten das, was in Kuba passiert, in einem globalen Kontext verstehen. Die Menschen protestieren nicht nur in einer Nation. Menschen protestieren in Frankreich, in Hongkong, in Katalonien, im Libanon, in Ecuador, in Chile, in den Vereinigten Staaten, in Belarus, in Russland, in Tunesien, in Brasilien, in Kolumbien. Zahllose Menschen in dramatisch unterschiedlichen geopolitischen Kontexten, unter dramatisch unterschiedlichen Regimen, haben ähnliche Taktiken angewandt, um ähnliche Missstände auszudrücken. Das deutet darauf hin, dass das, was hier vor sich geht, tiefer liegt als das Versagen der kubanischen Regierung oder die Manipulationen der US-Regierung.

Obwohl die Proteste in Kuba durch spezifische wirtschaftliche Entwicklungen ausgelöst wurden, können wir ein paar gemeinsame Fäden identifizieren, die praktisch alle der oben genannten Beispiele verbinden. Erstens sehen wir überall ein zunehmendes Wohlstandsgefälle und Sparmaßnahmen — vom unverhohlenen Kapitalismus der Vereinigten Staaten über die sozialdemokratischen Länder Nordeuropas bis hin zu autoritär sozialistischen Ländern wie China und Nicaragua. Zweitens investieren all diese Regierungen zur gleichen Zeit, in der sie Sozialprogramme und Schutzmaßnahmen kürzen, beträchtliche Ressourcen in die Intensivierung von staatlicher Gewalt und Überwachung. Folglich sind praktisch alle von ihnen mit Legitimitätskrisen konfrontiert, ob diese nun die Form von nationalen Unabhängigkeitskämpfen, populistischen Bewegungen, Forderungen nach „mehr Demokratie“ oder echten horizontalen sozialen Bewegungen annehmen.

Sowohl die Sparmaßnahmen als auch die verstärkte Polizeiarbeit treffen die am meisten unterdrückten und verarmten Bevölkerungsgruppen in jedem Land unverhältnismäßig stark — von den Schwarzen Gemeinschaften in den Vereinigten Staaten bis hin zu den südostasiatischen Gastarbeiter_innen im Nahen Osten — während sie gleichzeitig die Reaktionäre aufrütteln, die Angst haben, ihre Privilegien zu verlieren. Die COVID-19-Pandemie hat diese Situation nur noch verschlimmert und die Kluft zwischen Arm und Reich, Herrschenden und Beherrschten dramatisiert.

Was in Kuba passiert, ist also nicht einzigartig — und es ist nicht nur das Ergebnis von Fehlverhalten oder Intervention der Regierung.[1] Wenn wir die Dinge auf diese Weise sehen, wird unsere Verantwortung klar.

Es liegt nicht in der Macht von Anarchist_innen, autoritäre Regime aus dem 20. Jahrhundert zu unterstützen, noch sollten wir das versuchen. Unsere Hoffnungen an die wenig erfolgsversprechenden Aussichten eines staatlichen Projekts zu knüpfen und unser Streben nach Befreiung mit dessen Unzulänglichkeiten in Verbindung zu bringen, wird uns nur diskreditieren, genauso wie der Zusammenbruch der UdSSR den Sozialismus in Russland diskreditiert hat und das Scheitern von Syriza den Weg für die rechtsextreme Partei Neue Demokratie in Griechenland geebnet hat. Wir müssen eine neue Generation von Bewegungen aufbauen, die sich auf zeitgenössische Basiskämpfe stützen, um die Probleme, die der Kapitalismus auf globaler Ebene aufwirft, in Angriff zu nehmen. Unsere Verantwortung liegt bei den einfachen Menschen in Kuba, nicht bei denen, die sie regieren. Wir sollten mit denjenigen in Kontakt treten, die mit prinzipiellen Formen der Selbstverteidigung und Selbstbestimmung experimentieren, um in Solidarität mit ihnen zu handeln — unter den Regimen, die heute herrschen, und unter den Regimen, die ihnen morgen folgen könnten.

In diesem Sinne laden wir dich ein, das folgende Interview mit kubanischen Anarchist_innen über die kürzlichen Ereignisse zu lesen. Im Anschluss an das Interview folgt eine Erklärung vom Alfredo López Libertarian Workshop.

Jede_r Gelehrte bringt vorgefertigte Ideen in die Diskussionen über Kuba ein.

Interview: Zwei Anarchist_innen

Wir haben zwei kubanische Anarchist_innen interviewt. Der eine ist im Alfredo López Libertarian Workshop in Havanna tätig. Die andere ist in Projekte außerhalb Havannas, anderswo auf der Insel, involviert; Anarchist_innen aus den USA trafen sie und ihre Gefährt_innen im Frühjahr 2019. Beide bleiben zu ihrer Sicherheit anonym.

Wie würdest du dich selbst bezeichnen und wie bist du in der kubanischen Gesellschaft verortet?

Anarchistin von außerhalb Havannas (im Folgenden AAH): Ich bin eine arbeitende Frau. Ich gehöre zwei Organisationen an, einer Gewerkschaft und einer Vereinigung der kreativen Jugend.

Anarchist aus dem Alfredo López Libertarian Workshop (im Folgenden ALLW): Ich bin Anarchist und arbeite mit dem Alfredo López Libertarian Workshop. Ich bin auch Student an der Universität von Havanna und beteilige mich an verschiedenen Projekten und Arten von Aktivismus.

Was konntest du als Anarchist_in dort machen?

AAH: Die Anarchist_innen hier sind kleine Subkulturen, die vereint sind. Alle kommen miteinander aus und helfen sich gegenseitig. Als Anarchist_in kann man viel tun — was auch immer für das Wohl der Menschen im Allgemeinen notwendig ist.

ALLW: Ich habe mich hauptsächlich für die Befreiung der Universitätsstudent_innen eingesetzt, die während und nach dem 11. Juli verhaftet wurden. Wir konnten eine Gruppe von Student_innen und Ehemaligen zusammenstellen, die einen Beschwerdebrief an das Ministerium für Höhere Bildung schickten und Druck ausübten, die Verhafteten so schnell wie möglich freizulassen. Wir wurden in diesem Prozess nicht von Schikanen und Einschüchterungen verschont, da in Kuba die Reform der Universitäten vom Staat übernommen wurde, der die Universitätsverwaltung und die studentische Organisation (die Föderation der Universitätsstudent_innen, Federación de Estudiantes Universitarios, FEU) zusammen mit der Kommunistischen Partei dominiert. Um die Student_innen einzuschüchtern, damit sie sich nicht organisieren, hat der Staat denselben Vorwand benutzt, um die Proteste zu diskreditieren: dass wir verwirrt sind.“

Abgesehen von meiner Rolle in universitären Kreisen, habe ich auch getan, was ich konnte, um die Gesten der Solidarität zu unterstützen, die schon vor den Protesten stattfanden, um der Gesundheitskrise, die das Land erfasst hat, zu begegnen. Heutzutage ist das einer der relevantesten selbstorganisierten Prozesse in Kuba, und unser Kollektiv ist sich einig, dass es wichtig ist, daran teilzunehmen. Dies mit anderen aktuellen Bewegungen zu verbinden, wird auch ein wichtiger Schritt sein, um bedingte Solidarität zu überwinden, die am Ende verschwindet oder vom Staat verschlungen wird.

Ein von Anarchist_innen organisierter Guerilla-Garten — Teil des neuen Phänomens des Umweltschutzes in Kuba, der eine antiautoritäre Strömung in sich trägt. Dieser Garten wurde auf einer ehemaligen Müllhalde in der Nachbarschaft angelegt.

Wie haben die Proteste begonnen?

AAH: Die Krankenhäuser sind in schlechtem Zustand; es gibt nicht genug Medikamente und Geräte, damit die Ärzt_innen ihre Arbeit machen können und leider sterben die Menschen. Wenn man Lebensmittel finden kann, sind sie viel zu teuer, um sie sich leisten zu können. Es ist bekannt, dass die US-Blockade besteht und dass dies bedeutet, dass andere Länder keinen Handel mit Kuba treiben können, und deshalb sind die Dinge rar. Unter diesen Bedingungen ist es notwendig, jede humanitäre Hilfe zum Wohle der Menschen anzunehmen. Es gab eine Hilfslieferung, die nicht angenommen wurde. [Mehr Informationen hier].

Die Proteste begannen aufgrund des Versagens der Krankenhäuser in Matanzas und dem Mangel an Medikamenten. Durch die sozialen Medien begannen die Berichte der Provinz geistige Kraft zu geben. Andere Provinzen hatten die gleichen Probleme, nur weniger schwerwiegend, und würden sich bald in der gleichen Situation befinden. Es war ein Impuls, von dieser Situation und anderen, der die Menschen zum explodieren brachte, nicht nur auf sozialen Medien, sondern draußen auf der Straße.

Sie schalteten den Strom für sechs Stunden am Tag ab, weil ein thermoelektrisches Kraftwerk Probleme hatte. Am Sonntag, den 11. Juli, konnte man über soziale Medien wie Facebook sehen, wie die Menschen in den Provinzen auf die Straße gingen und die Welt um humanitäre Hilfe baten, um die Situation auf der Insel zu verbessern.

Das thermoelektrische Kraftwerk wurde noch am selben Tag repariert, so dass alle Kubaner_innen Strom in ihren Häusern haben konnten.

ALLW: Die Proteste begannen außerhalb von Havanna, in Gebieten, die von der Versorgungsknappheit, den exzessiven Quarantänen und den bis zu 12 Stunden andauernden Stromausfällen geplagt wurden. Zusammen mit der angesammelten sozialen Unzufriedenheit aus der gegenwärtigen Krise, die durch die Verschärfung des US-Embargos und die Misswirtschaft der Regierung hervorgerufen wurde — deren Höhepunkt die Umsetzung einer Reihe von Maßnahmen zu Beginn des Jahres war, die zu einer erhöhten Inflation und dem Wachstum des Schwarzmarktes führten — bedeutete dies, dass in einer Gemeinde wie San Antonio Hunderte von Menschen auf die Straße strömten, um ihre Unzufriedenheit auszudrücken. Nach der Wirkung dieser Demonstration in den sozialen Medien folgten weitere Proteste in Gegenden, die unter ähnlichen Problemen leiden. Gegen 16 Uhr breiteten sich die Demonstrationen landesweit aus.

Welche Formen der Organisation und des Protests hast du auf und außerhalb der Straßen gesehen?

ALLW: Der Protest in San Antonio war sehr heterogen. So wie ich es verstanden habe, startete eine Gruppe eine Karawane, die durch andere Städte zog, während eine andere Gruppe an Ort und Stelle blieb und an einem Punkt mit dem kubanischen Präsidenten zusammentraf, der sich auf dem Weg dorthin befand. Im Rest des Landes hatten sie einen ähnlichen Charakter; Berichten zufolge waren bis 16 Uhr alle friedlich. Erst nach Díaz-Canels Kommuniqué, in dem er seine „Revolutionär_innen“ zur Konfrontation mit den Demonstrierenden aufrief, kam es zu einer harten Repression gegen die friedlichen Demos und zu heftigen Zusammenstößen mit der Polizei. (Die Hauptstadt hatte bereits kurz zuvor den Polizeiknüppel rund um das Kapitol-Gebäude, den Sitz der Nationalversammlung, zu spüren bekommen.)

Darüber hinaus gab es nicht viel Organisation. Alle Demos waren spontan und endeten desorientiert und leicht zerstreut. Die Abschaltung des Internets reduzierte auch ihre Sichtbarkeit, während eine unmittelbare Flut von (Des-)Informationen vom Staat verkündete, dass die Proteste an vielen Orten beendet seien. Die Kommunikation erlitt während dieses ganzen Prozesses einen großen Schlag, da die einzigen Dinge, die durchkamen, die verzerrten Nachrichten der offiziellen Medien und viele Fake News waren, die über Messaging-Apps verbreitet wurden. Dies trug erheblich zum Abbau der Spannungen bei, aber die Rückkehr des Internets und die Veröffentlichung von Berichten über die Repression haben keine vollständige Rückkehr zur Normalität ermöglicht. In diesen Tagen konzentrieren sich die Hauptorganisationsräume auf den Kampf für die Freilassung der Verhafteten — laut einigen Listen mehr als 500 Personen.

Ein anarchistischer Infoladen in Kuba.

Was ist deine Analyse der Protestbewegung? Welche sozialen und politischen Tendenzen sind an ihr beteiligt? Wie groß ist die Unterstützung in der Bevölkerung?

AAH: Es gibt verschiedene Generationen in Kuba, einschließlich derer, die die Zeit des Kapitalismus erlebt haben, die unter den Folgen der Regierung von [Fulgencio] Batista gelitten haben und die geholfen haben, die Revolution zu machen, so dass wir eine kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung haben konnten. Dank dieser haben sie lesen und schreiben gelernt. Dieser Teil der Bevölkerung unterstützt die Regierung.

Dann gibt es die jüngere Generation, die über Internet verfügt und Wert auf ein „anständiges Leben“ legt — wir reden hier nicht von Luxus, sondern nur von dem Wunsch, dass man sich mit einem Job angemessen ernähren kann, denn auf dem kubanischen Tisch ist es schwierig, ein Frühstück mit Milch, ein Mittagessen mit einem Ei und, sagen wir, ein Abendessen mit einem kleinen Stück Fleisch oder Gemüse zu bekommen. Diese Generation ist an Gehälter gewöhnt, die kaum für die Ausgaben einer Woche reichen. Vor kurzem wurden die Gehälter erhöht, aber mit der Verknappung ist der Preis für alles in die Höhe geschossen und die Grundbedürfnisse sind unmöglich zu bezahlen. Der einzige Ort, an dem man Lebensmittel oder Reinigungsmittel, Haushaltsgeräte und ähnliches bekommen kann, sind Geschäfte, die nur Karten mit Dollar akzeptieren, die aus anderen Ländern geschickt werden müssen, weil Kuba sie nicht verkauft.

ALLW: Die Demonstrationen waren ohne Zweifel eine soziale Explosion. Die Krise und die Spannungen, die durch die Prekarität und den Zusammenbruch des Gesundheitssystems entstanden sind, haben sie ausgelöst. Nun, es war keine allgemeine Explosion in allen sozialen Schichten. Jenseits der Gebiete, in denen bedeutende Teile der Städte involviert waren, führten die ärmsten Teile der Bevölkerung den Großteil der Proteste durch. Die klassistische Voreingenommenheit, mit der der Staat und seine Verteidigenden an das Thema herangegangen sind, zeigt sich in der Kritik an den Demonstrierenden und ihrer Gewalt. Die soziale Ungleichheit ist in Kuba seit Jahrzehnten gewachsen und der Staat hat mit dieser Dynamik gespielt, um Allianzen zu schmieden und Loyalitäten zu sichern. In diesem Fall gab es einen Zusammenstoß zwischen den am meisten benachteiligten und privilegierten Sektoren. Dieser Konflikt spiegelt sich sogar im Diskurs der staatsloyalsten Teile der Linken wieder. Die Demonstrationen wurden als kriminelle Aktionen dargestellt (die von den USA aus instrumentiert wurden), wobei die Klassengrundlage ignoriert wurde.

Es wäre schwierig, eine politische Tendenz in den Demonstrationen zu definieren (jenseits der liberalen Slogans). Die Menschen gingen auf die Straße, um ihrer prekären Situation ein Ende zu setzen — das war ihre Hoffnung, ohne einen anderen Kompass als die Straße, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Was die Unterstützung für die Proteste angeht, würde ich es nicht wagen, einen Prozentsatz zu schätzen. Aber seit dem 11. Juli hören die Menschen nicht mehr auf, darüber zu sprechen, was passiert ist…

Wie hoch ist die Unterstützung in der Bevölkerung für die Regierung und gegen die Proteste? Welche sozialen und politischen Tendenzen spielen bei der Unterstützung des Staates eine Rolle?

ALLW: Es gibt definitiv einen großen Teil, der die Regierung unterstützt. Dieser Teil besteht hauptsächlich aus Menschen, die weniger arm sind und durch ihre Integration in das System privilegiert sind. Das waren die „Revolutionär_innen“, zu denen Díaz-Canel am 11. Juli gesprochen hat.

Der alte ideologische Apparat der Partei zeigt sich in der Unterstützung für die Regierung. Dieser ist nicht unbedingt in die wirkliche, verborgene Macht hinter dem Staat integriert, an deren Spitze Arturo López-Callejas steht, ein Militäroffizier und Präsident der GAESA [Grupo de Administración Empresarial SA, das kubanische Wirtschaftskonglomerat im Besitz der Revolutionären Streitkräfte], welches das größte Wirtschaftskonglomerat des Landes ist. Es sind die linken Kreise, die seit Jahren versuchen, mit einer halbherzigen Kritik an der Bürokratie und einer heftigen Kritik an Dissident_innen die Leiter der Macht zu erklimmen, und ein großer Teil der lateinamerikanischen und internationalen Linken, die sich auf die Seite des falschen antiimperialistischen Diskurses des Staates geschlagen haben. All dies wird in den offiziellen Medien ausgestrahlt — die jetzt aufgrund des fehlenden Internets besser verfügbar sind — und hat die Dinge vielleicht etwas auf die Seite des Staates gekippt. Aber um es noch einmal zu sagen: Es ist schwierig, in diesem Moment ein Gleichgewicht der Kräfte anzunehmen. In Wahrheit könnte es angesichts der objektiven Situation des Landes eher früher als später zu einem erneuten Bruch kommen, und diese Monate oder Wochen werden besser definieren, welchen Charakter er annehmen wird.

Die Geschichte steht für niemanden still — aber wir können uns dafür entscheiden, mit ihr Schritt zu halten, wenn wir wollen.

Wie ernst nimmst du den Vorwurf, dass die Proteste von Kräften koordiniert werden, die mit der Regierung der Vereinigten Staaten verbunden sind? Wer, denkst du, profitiert am meisten von den Protesten?

AAH: Ich glaube nicht, dass die Proteste mit der US-Regierung verbunden sind. Niemand, der auf die Straße ging, wurde von irgendeiner Institution bezahlt; sie gingen hinaus, um um Hilfe zu bitten. Viele sind keine Kriminellen oder Marginalisierte, sondern Arbeiter_innen und Student_innen.

Ich bin mit der Haltung der Polizei nicht einverstanden. Sie können nicht einfach eine Person misshandeln, nur weil sie eine andere Meinung hat. Es muss Meinungsfreiheit herrschen und es darf keine militärische Intervention geben: das ist Krieg. Ich stimme auch nicht mit dem Präsidenten überein, der zum Kampf aufgerufen hat, weil es keinen Bürgerkrieg geben darf.

In der Vergangenheit haben Gruppen aus anderen Ländern versucht, die Regierung zu stürzen, indem sie Leute in Kuba bezahlten. Aber das, was jetzt passiert, ist nicht so. Es war ein Anstoß zur schnellen Unterstützung des Gemeinwohls in diesem Land.

ALLW: Die nordamerikanische Einmischung ist hier schon eine alte Geschichte. Schon lange vor dem Sieg der Revolution war bekannt, welchen Stellenwert die Vereinigten Staaten auf Kuba haben. Vor allem seit den 1990er Jahren haben sie einen subversiven Plan entwickelt, der bereits in anderen Teilen der Welt angewendet wurde. Die Umsetzung dieses Plans hat in den letzten Jahren zugenommen, ist aber immer wieder gescheitert und hat eine nationale Debatte über die politische Zukunft des Landes angeregt. Jetzt zu sagen, dass diese Politik der Vereinigten Staaten gegenüber Kuba die soziale Explosion hervorgerufen hat, lässt außer Acht, dass die Gründe, aus denen die Menschen auf die Straße gegangen sind, eher mit dem schrecklichen Missmanagement der Krise durch die Bürokratie und der enormen Zunahme der Prekarität, die ihre Politik provoziert hat, zu tun haben. Die Menschen haben auch die breite Inkohärenz zwischen dem, was in den offiziellen Medien gesagt wird, und dem, was in der Realität passiert, gesehen, und das hat auch dazu beigetragen, den Staat zu diskreditieren.

Für die Menschen war die interventionistische Politik der Vereinigten Staaten nicht mehr als das irritierende Geräusch einer Mücke in ihren Ohren, im Vergleich zu dem ständigen Hämmern des staatlichen Unsinns.

Natürlich lehnen wir als Anarchist_innen eine solche imperialistische Politik gegenüber unserem Land ab, aber es ist nicht der Punkt, an dem wir die Verantwortung für die nationale Situation sehen.

Viele bezeichnen diese Proteste als die größten Anti-Regierungs-Mobilisierungen seit 30 Jahren. Scheinen diese Proteste in einem ähnlichen Zusammenhang zu stehen, oder sind sie unterschiedlich?

ALLW: Diese Explosion ist definitiv historisch. Ich weiß von nichts Vergleichbarem seit 1959. Der Unterschied ist durch mehrere Elemente gekennzeichnet: Erstens, die Wiederholung einer Situation wie in der Krise der 1990er Jahre, aber ohne die Hegemonie, die durch eine Persönlichkeit wie Fidel Castro verkörpert wird, oder die gleichen Kapazitäten für Solidarität wie vor Jahren, die jetzt alle durch die Kooptation vieler Initiativen durch den Staat aufgebraucht sind. Zweitens hat eine nationale Realität, die durch das Internet sichtbarer geworden ist, dazu beigetragen, dass die Nachrichten über die aufeinanderfolgenden Proteste die Angst überwunden haben, die die Demonstrationen vormals durchdrungen hatte. Das dritte Element ist die Erosion des Sozialpakts und des Projekts der „Revolution“, die bisher beispiellos war.

Irgendwelche abschließenden Gedanken?

AAH: Zum Abschluss… um einen Ausdruck zu verwenden und noch einmal zu lachen: Wir Kubaner_innen sind wie der Delfin: „Bis zum Hals im Wasser und immer lachend.“

Ein Lachen, das aus den Gesichtern der Delfine in einem Meer, das grau geworden ist, ohne das Blaugrün der Hoffnung, verschwunden ist.

Ein Song, den ich geschrieben habe:

A song that I wrote:


“MIEDO”


Desde que nací,
Estoy escuchando algo,
Algo que susurra y nadie hablando,
Shhh las paredes tienen oidos
Shhh las paredes tienen oidos,


Miedo en la escuela,
Miedo en la casa,
Miedo en la calle
Miedo en el aire,


Yo quiero gritar
Quiero respirar
Pero es imposible volver a soñar
Es un miedo que asfixia
Es un control social
Disturbio cerebral
Shhh las paredes tienen oidos
Shhh las paredes tienen oidos
Oyeeé no te calles
Oyeee no te calles

_Yo quiero gritar.…


Ever since I was born,
I’ve been listening to something,
Something that whispers and no one is talking,
Shhh the walls have ears
Shhh the walls have ears,


Fear in the school,
Fear in the house,
Fear in the street
Fear in the air,


I want to shout
I want to breathe
But it’s impossible to dream again
It’s a fear that suffocates you
It’s social control
A riot in the brain
Shhh the walls have ears
Shhh the walls have ears
Heyyy don’t shut up
Heyyy don’t shut up
I want to shout………


Jede Band, die diesen Song spielen will, sollte es tun – und bei jedem mal sagen, dass er für Kuba ist.

„Jede Regierung ist ein Feind ihrer Bevölkerung.“

Kuba: Das Ende des sozialen Zaubers der „Revolution“

Der folgende Text wurde vor Kurzem von der Alfredo López Libertarian Workshop veröffentlicht.

Der repressive soziale Bann, der die internationale Linke museal beschwichtigt hielt, ist gebrochen. Unter der „kubanischen Revolution“ ist der „kubanische Staat“ in all seiner Rohheit öffentlich in Erscheinung getreten. Derselbe kubanische Staat, der, um dem US-Imperialismus die Stirn zu bieten, eine omnipräsente politische Polizei geschaffen hat, um die von ihm kontrollierte Gesellschaft zu bekämpfen. Derselbe kubanische Staat, der im Namen des Sozialismus alle Basis- und Arbeiter_innenorganisationen zerstört hat, die dieses Wort zu einer täglichen Realität machten. Derselbe kubanische Staat, der Solidarität in eine internationale Marke verwandelt hat, während er uns in einem ständigen Zustand des Misstrauens und der Angst zwischen Nachbar_innen hält. Derselbe kubanische Staat, der inmitten der Verschärfung der US-Blockade mehr Hotels für ausländische Tourist_innen baut als Infrastrukturen zur Produktion von Milch und Obst. Derselbe kubanische Staat, der den einzigen Impfstoff in Lateinamerika gegen COVID-19 hergestellt hat, aber sein Gesundheitspersonal grundsätzlich als unbezahlte Hilfskräfte der politische Polizei sieht. Jener kubanische Staat, der in diesen Tagen des Juli 2021 bewiesen hat, was er ist: eine mafiöse Oligarchie in Reinkultur, eine vulgäre Kleptokratie mit dem Anschein von Humanismus und Erleuchtung. Eine Machtpyramide, die so massiv und überdimensioniert ist wie die einsamen Megalithen der Osterinsel.

Jetzt geopolitische Argumente aufrechtzuerhalten, über Kubas Platz in der imperialen globalen Strategie; zu argumentieren, dass die Anti-Regierungs-Proteste in Kuba zwangsläufig von der kubanischen Rechten in Miami bezahlt werden; zu argumentieren, dass die Protestierenden einfach Kriminelle sind, die auf Plünderungen aus sind, dass die wirklichen revolutionären Leute bei der Regierung sind, sind alles Argumente, die einen bedeutenden Teil der Realität beschreiben, aber einen Punkt nicht berücksichtigen: das Volk von Kuba hat genauso ein Recht und eine Pflicht zum Protest wie das kolumbianische und chilenische — wo ist der Unterschied? Dass es Oligarchien mit unterschiedlichen Ursprüngen sind? Mit Praktiken, die mehr oder weniger brutal sind? Mit mehr oder weniger unterschiedlichen ideologischen Ausrichtungen? Mit mehr oder weniger unterwürfigen Haltungen gegenüber der US-Regierung? Mit mehr oder weniger mächtigen Idealen, um ihre Privilegien zu rechtfertigen? All diese massiven Unterschiede zwischen den kolumbianischen, chilenischen und kubanischen Oligarchien reduzieren sich auf ein Nichts, wenn du an einem schönen Sonntagmorgen entdeckst, dass ebenso wie die mafiösen Oligarchien in Kolumbien und Chile auch die kubanische Oligarchie bis an die Zähne bewaffnet ist, ein bisschen mehr oder ein bisschen weniger, um dich und deine Geschwister, deinen Körper und deinen Geist zu zerquetschen, wenn du auch nur in Erwägung ziehst, die von ihnen kontrollierte Normalität in Frage zu stellen.

Alles, was der kubanische Staat getan hat, um den nationalen Impfstoff gegen COVID-19 herzustellen, all die Arbeitssubventionen, all die Gehaltsverbesserungen, die vielen Sektoren des kubanischen Staates mitten in der Pandemie angeboten wurden, haben sich plötzlich verflüchtigt, nicht nur wegen der Inflationsspirale und der endemischen Lebensmittelknappheit in Kuba, sondern auch, weil alles, was Teil des makaberen Rahmens der „repressiven Toleranz“ war, ans Licht kam, was jeder anständige Mensch herausfinden kann, ohne irgendwelche großartigen Bücher über Gegenkultur zu lesen. Wir können diejenigen, die jetzt ankommen, um die repressive Toleranz in diesem Land zu versüßen und das Trugbild einer militarisierten Harmonie darüber zu errichten, ruhig als das neue Gesicht dessen bezeichnen, was in unserer Zukunft keinen Platz hat. Diejenigen, die im Namen einer zukünftigen Demokratie oder des reibungslosen Funktionierens der Wirtschaft die Sympathien, die Gemeinschaft und die Energie, die in den Protesten aufblühten, in Misskredit bringen oder die Geschehnisse jener Tage auf „einfachen Vandalismus durch soziale Degenerierte“ reduzieren wollen, sprechen im Namen und in der Sprache der verkommenen Oligarchien, die in diesem Land wieder einmal schamlos ihre Stimme erheben.

Die „Massen“ sind wieder zu einem „Volk“ geworden, als sie aufhörten zu gehorchen und wieder anfingen, den Gefühlen, den Affinitäten und den grundlegenden Fähigkeiten zu vertrauen, gemeinsam zu tun und zu denken, die im Ungehorsam und der Solidarität unter Gleichen inmitten der Spirale der Pandemie und des Mangels wieder aufgetaucht sind. Das ist die neue Realität, die in Kuba in diesen Tagen im Juli 2021 geboren wurde und die neue Realität, von der wir als Anarchist_innen in Kuba ein Teil sein wollen.


[1] Sowohl der neoliberale Kapitalismus als auch die sozialistischen Regierungen, die auf ihn reagieren, machen uns alle zunehmend verwundbar gegenüber den Unbeständigkeiten der Märkte und globalen Lieferketten. In einem landwirtschaftlich produktiven Land wie Kuba ist der Mangel an erschwinglichen Lebensmitteln eine vom Kapitalismus geschaffene Absurdität, vermittelt durch eine sozialistische Regierung, die der Integration in die globale Wirtschaft Vorrang vor einer nachhaltigen Lebensmittelproduktion gegeben hat.