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[Wiederentdeckte Dokumente] Pro Familia – Zwischen Zwangsberatung und Hilfestellung

[Ohne einen besonderen thematischen Zusammenhang und in loser zeitlicher Abfolge will ich in der Reihe Wiederentdeckte Dokumente einige vergessene, jedoch für aktuelle Debatten und Analysen relevante Texte in Erinnerung rufen.]

Vorbemerkung zum Text

Die unter den Slogans „No Fundis“ und „Pro Choice“ in den letzten Jahren geführten Kämpfe gegen Abtreibungsgegner*innen, an denen sich hier und da auch Anarchist*innen beteiligt haben und beteiligen, haben mancherorts eine befremdliche RIchtung eingeschlagen. Nicht nur wird im Rahmen der Forderung nach sofortigen Lösungen ein vielfach reformistischer Weg eingeschlagen, der nach Gesetzesänderungen ruft, nach staatlichen Beschränkungen der Demonstrationen von christlichen Fundamentalist*innen und nach einem Ausbau des medizinischen Systems rund um Schwangerschaftsabbrüche, sondern teilweise wird auch positiv Bezug auf reformistische und sozialdemokratische Organisationen genommen, die schon vor Jahrzehnten einsprangen, um die staatlich verordneten Schwangerschaftskonfliktberatungen zu übernehmen. Eine dieser Organisationen ist Pro Familia. Der folgende Text erschien 1984 in der Broschüre „Materialien gegen Bevölkerungspolitik“ aus Hamburg und kann vielleicht auch heute dazu beitragen, reformistische, sozialdemokratische und zum Teil sogar eugenische Tendenzen innerhalb dieser Kämpfe zu erkennen.

Pro Familia – Zwischen Zwangsberatung und Hilfestellung

Viele von uns, zumindest in den Großstädten, haben mit der Pro Familia positive Erfahrungen gemacht. Forderungen aus der Frauenbewegung, z.B. nach einer selbstbestimmten Sexualität, werden in der Pro Familia respektiert und unterstützt. Auch öffentlich wird Kritik geübt an der herrschenden Frauenheilkunde, und die Frauen werden in ihrem Selbstbewusstsein gegenüber bevormundenden Gynäkologen gestärkt. Ebenso wie die Frauenbewegung tritt auch die Pro Familia für ein Recht auf Abtreibung und die Streichung des § 218 ein. Dies sollte aber nicht über den Doppelcharakter ihrer Aktivitäten hinwegtäuschen.

In der Praxis nämlich trägt sie z.B. in bezug auf den § 218 den staatlichen Auftrag zur Zwangsberatung und hat auch weitgehend die Indikationsstellung übernommen. Dies bedeutet einerseits eine Festschreibung der gesetzlichen Indikationsregelung, gleichzeitig ist damit sicher auch der § 218-Bewegung die Spitze genommen worden, denn „jetzt ist ja alles in guter Hand und geregelt“.

Je freundlicher eine Beratung ausfällt, umso leichter wird vergessen, dass die Macht über die Entscheidung „Kind ja oder nein“ nicht bei uns liegt, sondern bei einer Institution, deren Existenz und damit auch Politik von staatlichen Geldern abhängt. Diese Politik entspricht sozialdemokratischer Tradition: Die Forderungen radikaler Bewegungen werden aufgegriffen, entschärft und integriert.

Der Bundesverband der Pro Familia wird vom Bundesminister für Familie, Jugend und Gesundheit und von der Bundesminister für Familie, Jugend und Gesundheit und von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit ca. 800.000 DM pro Jahr finanziert, die Landesverbände zu großen Teilen durch die Landesregierungen. Vor kurzem wurden in diesen Behörden Aufklärungsmappen zur Sexualität eingestampft und auf den Index gesetzt, weil sie der neuen Regierung zu liberal erschienen.

In der Presseerklärung zu der von der Bundesregierung vorgesehenen Stiftung „Mutter und Kind“ nimmt die Pro Familia zwar auch eine ablehnende Haltung ein. Sie kritisiert u.a., dass beim Mutterschaftsgeld 350 Mio. DM gekürzt werden und andererseits für die Bundesstiftung 50 Mio. bereitgestellt werden für Leistungen, auf welche keine Frau einen Rechtsanspruch hat.

Geht es aber darum, ob die Pro Familia ggf. unter Druck von Regierungsseite – z.B. mit Drohung, die Gelder zu entziehen, – sich bereit erklären würde, diese Gelder „gerecht“ zu verteilen, so haben sich schon jetzt die Landesverbände Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein dazu bereit erklärt, diesen Auftrag zu übernehmen und so geäußert, dass sie diesem Druck nachgeben würden.

Die bevölkerungspolitischen Ziele, nämlich Frauen mit Hilfe dieser Stiftung zum Kinderkriegen zu animieren, werden in der Presseerklärung nicht kritisiert. Stattdessen heißt es dort nur: „Pro Familia lehnt den … Versuch der Bundesregierung ab, ihre bevölkerungspolitischen Zielsetzungen durch untaugliche familienpolitische Maßnahmen zu erreichen.“

Aber auch die Geschichte der Pro Familia, ihre internationalen Verflechtungen und die Forschungsprojekte zeigen einen Zusammenhang auf, der mit Selbstbestimmung nichts zu tun hat.

Pro Familia wurde 1952 gegründet, kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges, in einer Zeit, in der feste familiäre Bindungen häufig nicht mehr bestanden. Die Politik des damaligen Familienministers Würmeling zielte in allen Maßnahmen dahin, kinderreiche Familien zu fördern, sie es durch den „Würmeling-Pass“ bei der Bahn, durch Steuererleichterungen, die besonders Familien der Mittelschicht zugute kamen, durch ein rigides Scheidungsrecht oder das strenge Verbot von Abtreibung.

Auch die Gründer der Pro Familia entsprachen diesem Motto. Zitat aus der Satzung von 1952:

Pro Familia will für die gesunde Familie mit dem verantwortungsbewussten Willen zum Kinde wirken. Sie fördert die Volksgesundheit durch Bekämpfung der Abtreibung, durch Ehe- und Familienplanung, insbesondere durch Sexualerziehung, Hilfe zur Empfängnisregelung und Beratung bei Kinderlosigkeit.

Satzung von Pro Familia von 1952.

Mitbegründer der Pro Familia war Hans Harmsen (s. Kasten).

Harmsen und die Kontinuität von Bevölkerungspolitik
Hans Harmsen war Mitbegründer der „Pro Familia“. In der Weimarer Republik im diakonischen Werk und im „Zentralausschuss der Inneren Mission“ führend tätig, war er einer der ersten Befürworter der Zwangssterilisation. Später im Nationalsozialismus sorgte er wie kein anderer dafür, dass die Fürsorgeeinrichtungen und Anstalten der Evangelischen Kirche bruchlos in der nationalsozialistischen „Ausmerze“- und Vernichtungspolitik aufgingen. Gleichzeitig stieg er zu einer bedeutenden Funktion bei der Planung der bevölkerungspolitischen Unterjochung der Bevölkerung Osteuropas unter dem nazistischen „Generalplan Ost“ auf.
Nach 1945 machte Harmsen ungebrochen Karriere. In Hamburg wurde er zum Leiter einer „Staatsmedizinischen Akademie“ ernannt und für die Ausbildung von Nachkriegs-Amtsärzten zuständig. Hier sorgte er u.a. dafür, dass die Zwangssterilisationen der NS-Zeit nicht entschädigt wurden, und er setzte sich aktiv für eine Neuauflage des Zwangssterilisationsgesetzes vor allem gegen „asoziale Jugendliche“ ein.
Zu Beginn der 50er Jahre gründete Harmsen an der Hamburger Universität eine „Deutsche Akademie für Bevölkerungswissenschaft“, das entscheidende Zentrum, in dem die nazistischen Vernichtungsutopien gegen abweichende Minderheiten weiterlebten. Als Leiter dieser Akademie wurde Harmsen in die Leitung der IPPF aufgenommen, er wurde Chef ihrer Finanzabteilung, und er hat für die Übertragung der nazistischen Methoden in die US-STrategien zur Bekämpfung der „Bevölkerungsexplosion“ in der Dritten Welt gesorgt. Zu Beginn der 70er Jahre konnten die in die Dritte Welt ausgewichenen NS-Sozialrassisten wieder in die BRD zurückkehren: auch hier hat Harmsen, inzwischen Ehrenpräsident der Pro Familia noch für die entscheidenden Weichenstellungen, nämlich für die Gründung eines „Bundesinstitutes für Bevölkerungswissenschaft“ in Wiesbaden, gesorgt.

Alle Fragen zur Sexualität waren auf Heterosexualität ausgerichtet, was auch den heutigen Schwerpunkten entspricht. Zwar wendet sich die Pro Familia gegen jegliche Diskriminierung, aber nur vereinzelt wird einer Arbeit mit homosexuellen Frauen und Männern mehr Raum gegeben. Selbst in der verbandseigenen Literatur wird dieses Thema nur selten angesprochen.

Auch die Machtverhältnisse in der Pro Familia zeigen traditionelle patriarchalische Strukturen. Während die leitenden Positionen fast ausschließlich von Männern besetzt sind, machen die Arbeit an der „Basis“ die Frauen. Davon arbeiten ca. 35% ohne Vertrag als sog. „freie“ Mitarbeiterinnen. Nur knapp 50% sind fest angestellt. Auch davon haben nicht alle Verträge über 20 oder mehr Stunden und damit Anspruch auf Arbeitslosengeld oder Sozialversicherung. Noch immer gibt es 2% ehrenamtliche Mitarbeiterinnen, die unbezahlte Arbeit leisten.

Die Pro Familia war auch eine der Gründerorganisationen der IPPF, die ebenfalls 1952 in Bombay entstand und vor allem für Geburtenkontrolle in der sog. Dritten Welt sorgen sollte. Mit finanzieller Unterstützung des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (!) förderten sie Anfang der 70er Jahre ein eigenes Familienplanungszentrum in Tunesien, das auch heute noch besteht. Sie trug also einen Teil des internationalen Bevölkerungskontrollprogramms, das heute von der tunesischen Regierung fortgesetzt wird. Und wie in anderen Ländern werden Frauen auch hier vorrübergehend oder auf Dauer unfruchtbar gemacht, ohne dass sie es wissen oder gar wünschen. Man setzt ihnen z.B. nach einer Abtreibung gleich eine Spirale ein.

Eine verbandsinterne Auseinandersetzung über die immer noch bestehende Mitgliedschaft in der IPPF hat bisher nicht zu einer klaren Stellungnahme zu dieser „Mutterorganisation“ geführt. Der bis 1983 amtierende Präsident der Pro Familia ist seit Jahren auch Präsident der Europa-Region der IPPF. In diesem Gremium werden z.T. fortschrittlich klingende Statements z.B. zum Selbstbestimmungsrecht der Frau abgegeben. Zu den Aktivitäten in der 3. Welt bleiben konkrete Stellungnahmen aus.

Hier in der BRD erforschen Pro Familia Mitarbeiterinnen mit fortschrittlichem Anspruch in Hausbesuchen das Gesundheitsverhalten von Ausländerinnen in der Hoffnung, damit Beratungen zu ermöglichen, die den besonderen Bedürfnissen dieser Frauen gerecht werden. Was sie damit übersehen ist, dass diese Forschung im Auftrag vom Bundesministerium durchgeführt wurde und im Zusammenhang mit der konkreten Politik steht, die von Regierungsseite auf die Ausländer angewandt werden soll.

In einigen Städten der BRD findet eine enge Zusammenarbeit mit den Sozialämtern statt, die häufig zu gemeinsamen Hausbesuchen in sog. „sozialen Brennpunkten“ führen. Auch in Hamburg finden regelmäßig „Sprechstunden“ in vier sog. Sozialsiedlungen statt, „denn die Frauen gehen ja sonst nicht zum Arzt“ und „es ist ja besser wenn sie die Pille nehmen, als laufend in diese schlechten Bedingungen noch mehr Kinder zu setzen.“ Für eine Veränderung der Menschenunwürdigen Bedingungen bleibt dabei keine Zeit, denn die Sprechstunden finden alle 2 bis 4 Wochen für jeweils zwei Stunden statt. Die Arbeit beschränkt sich auf Untersuchungen und Pillen-Verteilen. Weitergehende Aufklärung oder gar eine umfassende Gesundheitsberatung sind nicht vorgesehen.

Ebenso wie in der 3. Welt wurde auch in diesen „Lagern“ die Dreimonatsspritze als adäquates Verhütungsmittel bis vor kurzem häufig eingesetzt. Noch vor wenigen Jahren konnte man in den Notizen lesen: „Frau M. muss immer zur Dreimonatsspritze von zu Hause geholt werden.“

Aber auch Frauen, die die Chance haben, sich besser zu informieren, können nicht damit rechnen, dass Pro Familia immer eine frauenfreundliche Haltung einnimmt. In einem Faltblatt zur Sterilisation, was jahrelang verbreitet wurde, und teilweise noch immer nicht zurückgezogen ist, forderte die Pro Familia die Frauen auf, sich als Versuchsobjekte zur Verfügung zu stellen. Es wurde dort u.a. genau die Methode propagiert, die Lindemann mit seinen menschenverachtenden Versuchen ausprobiert hat. Besonderer Vorteil in den Augen der Verfasserin: „Die Klebemethode ist noch im Stadium der Erprobung und wird von der Weltgesundheitsbehörde finanziert. Der Frau entstehen also keinerlei Kosten.“