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„Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen“: Ein Kommentar zur Jugend, die eine Revolution über soziale Medien sieht

Die 17-jährige Ell May reflektiert über die Rolle der sozialen Medien bei der Radikalisierung einer Generation junger Menschen.

Via Freedom News

„Es wird keine Bilder von Bullen, die Brüder erschießen, in der Wiederholungsschleife geben.“

Gil Scott-Herons Hit aus dem Jahr 1971 löste einen massiven sozialen Kommentar aus, der die Unstimmigkeiten zwischen den veröffentlichten Medien und der wahren Revolution, die damals auf den Straßen Amerikas stattfand, aufzeigte. Heute hat sich natürlich nicht viel geändert; seit der Bürger_innenrechtsbewegung gibt es einen Zustand ständiger Revolution, aber die Mainstream-Medien genießen es immer noch, die Wahrheit zu verschleiern, und Cops behandeln immer noch People of Colour brutal am helllichten Tag. Es ist jedoch ein neuer Faktor im Spiel, seit Scott-Herons Gedicht aufgetaucht ist: soziale Medien.

Als junge weiße Person, die mit jeder Form von sozialen Medien aufgewachsen ist, bin ich Zeugin der Wunder und Schrecken des Internets gleichermaßen geworden. Lange Zeit saß ich, wie viele andere auch, mit dem immensen Privileg da, dass die Revolution zu Ende war, als ich mich ausloggte. Ich hatte keine Ahnung, in welchem Ausmaß es in der Gesellschaft vorherrschte — ich war ein Kind. Um 2018/19, als der Schulabschluss näher rückte, fing ich an, darauf zu achten und mich ab 2020 zu engagieren. Ohne das Internet und die sozialen Medien bin ich mir nicht sicher, wann ich auf die wahre Ungerechtigkeit in der Gesellschaft aufmerksam geworden wäre, auch wenn ich sie immer bis zu einem gewissen Grad wahrgenommen habe — als jemand aus der Arbeiter_innenklasse ist das ein fester Bestandteil meiner Lebenserfahrung. Am 16. März 2020 ging das Vereinigte Königreich in einen landesweiten Lockdown, was dazu führte, dass alle zwischenmenschlichen Verbindungen und die Kommunikation digital wurden. Ich begann den Großteil meiner Tage damit zu verbringen, endlos zu scrollen.

Am 25. Mai erschien ein Video in meinem Feed. Es zeigte einen unbewaffneten Schwarzen Mann, der um sein Leben bettelte, während ein bewaffneter weißer Mann neun Minuten und neunundzwanzig Sekunden lang auf seiner Kehle kniete. Ich sah zu, wie George Floyd getötet wurde, und eine Welle der Machtlosigkeit, wie ich sie noch nie zuvor gespürt hatte, überflutete meine Sinne. Hier bin ich, frisch 16, ein Kind. Eine Zeugin, ich war wie betäubt und unfähig, etwas dagegen zu tun. Wenn ich mich so angewidert und verstört fühlte, konnte ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, wie sich ein Schwarzer Mensch, vor allem ein Schwarzer Mensch in meinem Alter, fühlen würde.

„Es wird keine Bilder von Bullen, die Brüder erschießen, in der Wiederholungsschleife geben.

Es wird keine Bilder von Bullen, die Brüder erschießen, in der Wiederholungsschleife geben.“

Aber ich habe es gesehen. Tagelang konnte ich mich den Nachrichten nicht entziehen; sie wiederholten sich in meinem Kopf. Ich war gezwungen, mich der Realität zu stellen.

Nach dem Mord an George Floyd versuchte ich, mein Gefühl der Hilflosigkeit in etwas Produktiveres zu verwandeln. Ich begann, wie viele andere Menschen meines Alters, bunte Infografiken über Polizeigewalt und weiße Vorherrschaft zu teilen. Was konnte ich sonst tun? Unfähig zu wählen, ein Lockdown, der Proteste verbietet — junge Menschen sind heute radikal, aber wir sind machtlos. Ich fing an, die systemische Natur des Rassismus zu erforschen, und meine Rolle darin als weiße Person. Mir wurde klar, dass die bunten Infografiken und schwarzen Quadrate nichts bewirken. Was konnte ich sonst tun? Jeden Tag tauchten Videos von Revolten auf den Straßen Amerikas in meinem Feed auf, die von den Medien als Riots bezeichnet wurden und mich immer wütender machten. Ich las Theorie und begann zu erkennen, welche Rolle der Kapitalismus bei der Aufrechterhaltung der systemischen Unterdrückung spielt, und die Geschichte des Kolonialismus. Aber ich saß innerlich fest.

„Es war ein bisschen verrückt, denn auf dem Höhepunkt war man eingeschlossen und man hatte einen verzerrten Sinn für die Realität, weil man sein Haus nicht verlassen konnte und dann ein Video sah, in dem Leute brutal zusammengeschlagen wurden.“ Sophie Phillips, 17

„Die häufige Nutzung von Social Media hat mich wirklich paranoid gemacht, denke ich. Ich bin besessen von Dingen, die ich früher nie gehabt hätte. […] Es fühlt sich irgendwie herzzerreißend an, all das Zeug zu sehen, das passiert und ich bin nicht direkt involviert.“ Ellie Brown, 17

„Besonders das letzte Jahr war so seltsam, weil es so viele Proteste und Unruhen gab, aber wegen des Lockdowns musste ich mich einfach hinsetzen und zusehen, wie es passiert. Und die Handhabung dieser Lockdowns war eine weitere Sache, gegen die wir machtlos waren, weil wir die Verantwortlichen so viele falsche Entscheidungen treffen sehen. […] So ziemlich ALLE meine Freund_innen sind seit Jahren politisch engagiert, aber immer wenn es irgendeine Wahl oder ein Referendum gibt, können wir nur die Daumen drücken… und dann unweigerlich zusehen, wie die Macht an alte, rechte Leute geht und das ist scheiße, weil ich weiß, dass das nicht das widerspiegelt, was junge Leute wollen.“ Evan Firman, 17

Es ist mir klar, dass ich mit meiner Frustration nicht alleine bin. Ich bin umgeben von Freund_innen und Kolleg_innen, die sich verzweifelt nach Veränderungen sehnen, aber machtlos sind, diese zu bewirken. Während ich mich meinem 18. Geburtstag nähere, freue ich mich darauf, endlich meine Stimme abgeben zu können, meine Stimme zu nutzen. Aber ich fühle mit den Menschen, die jünger sind als ich, die die Revolution durch ihre Handys beobachten.

„Ich meine, ich bin froh, dass die Dinge leicht an Bewusstsein gewinnen und die Leute mehr Ressourcen haben, um sich zu bilden […], aber es tut weh, so viel performativen Aktivismus und eine andere Seite des Internets zu sehen, wo die Leute sich frei fühlen, ihre bösartigen Meinungen zu teilen und dadurch sogar an Popularität gewinnen.“ Nafisa Ahmed, 17

Es ist nicht alles verloren.

„Es macht mich sehr aufgeregt!!! Ich habe das Gefühl, dass die Art und Weise, wie wir soziale Medien nutzen, uns als Generation eine große Macht gibt und wir haben Zugang zu so viel mehr Informationen, was bedeutet, dass wir viel mehr tun können. Außerdem habe ich das Gefühl, dass unsere Generation schon von klein auf ein politisches Bewusstsein hat.“ Olive Bridgers, 18

Wir müssen optimistisch sein, dass es uns inspiriert, wenn wir sehen, wie unsere Älteren durch unsere Handybildschirme protestieren und für unsere Zukunft kämpfen. Wir haben endlose Informationen an unseren Fingerspitzen und man kann nur hoffen, dass Webseiten und vielleicht Artikel wie dieser, junge Menschen, besonders junge Weiße, anspornen können, sich zu bilden. Um die Veränderung zu sein, die sie sehen wollen. In einem Interview von 1990 sagt Gil Scott-Heron: „Die erste Veränderung, die stattfindet, ist in deinem Kopf. Du musst deinen Geist ändern, bevor du die Art, wie du lebst und dich bewegst, änderst.“ Die Revolution kann gefilmt werden, aber sie existiert vor allem im Kopf — ich hoffe, dass Social Media ein Werkzeug sein kann, das diese Veränderung in der Jugend auslöst, so wie es bei mir der Fall war.

(Namen aus Gründen der Privatsphäre geändert)

Ell May