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„Bis in ihre inneren Gemächer“

Mit großem Interesse habe ich kürzlich die beim Schwarzen Pfeil veröffentlichte, Neunteilige Artikelreihe „Fluchtpunkte einer radikalen Kritik an der Genetik“ gelesen. Die Genetik spielt auch eine große Rolle bei der sogenannten Pränatalen Diagnostik, bei der neben Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft auch zunehmend genetische Tests eingesetzt werden, um mögliche Be_hinderungen bereits vor der Geburt eines Kindes festzustellen. Solche Tests, insbesondere ist beispielsweise ein entsprechender Bluttest auf Trisomie 21 verbreitet, ermöglichen allerdings keine „heilenden“ medizinischen Eingriffe. Wird durch sie die Möglichkeit einer Be_hinderung des zukünftigen Kindes festgestellt, bleibt als einzige Option der Intervention eine Abtreibung, die von Ärzt*innen, Beratungsstellen und den Humangenetischen Berater*innen, die sich in diesen Fällen anbiedern, tatsächlich oft nahegelegt wird. Solche selektiven Pränataltests müssen also als ein Mittel einer positiven Eugenik betrachtet werden, wie sie schon seit jeher von all jenen Eugeniker*innen vertreten wurde, die statt auf repressive Strategien und stattliche Regulierung auf Humangenetische Beratungen setzten, um ihre Ziele zu erreichen. In Deutschland soll zukünftig ein Bluttest auf Trisomie 21 von der Krankenkasse bezahlt werden, was auch die letzten Türen für eine flächendeckende Selektion und pränatale Auslese von Menschen mit Trisomie 21 öffnen würde.

Derartige eugenische Methoden sind dabei in einen Kontext einer Reproduktionstechnologie eingebettet, die über die Jahre die Kontrolle über die Reproduktion zunehmend in medizinisch-technologische Hände gegeben hat. Eine Technologie, die einerseits das Geboren-Werdens des Menschen in ein Produziert-werden zu verwandeln droht und die andererseits, was bei einer solchen Verdinglichung ja naheliegt, auch eine Auslese vornimmt, in der Absicht zukünftige Menschen nach den Idealen der Gesellschaft zu züchten. Hier erfährt die Eugenikbewegung vom Beginn des 20. Jahrhunderts eine Wiederbelebung. Aber nicht nur sie. Der folgende Text bettet diese Technologie auch in den Kontext einer Technokratie-Bewegung ein und arbeitet anhand ihrer historischen Entstehung die dahinterstehenden Ideologien, Absichten und Ziele heraus.

Ich schlage ihn daher als eine Ergänzung zu der Artikelreihe „Fluchtpunkte einer radikalen Kritik an der Genetik“ vor.

Die folgende Übersetzung wurde von der Webseite des „Zündlumpens“ kopiert: https://zuendlumpen.noblogs.org/post/2021/06/03/bis-in-ihre-inneren-gemaecher/

„Bis in ihre inneren Gemächer“

Es wird oft angenommen, dass die Ideale der Aufklärung, des Rationalismus, des Liberalismus und der Fortschritt durch die Wissenschaft mit der Befreiung von Frauen verbunden sind. Auch Reproduktionstechnologien als Teil der Medizin werden als reiner Vorteil für Frauen betrachtet, die ihnen reproduktive Wahlfreiheit und Kontrolle über ihr Leben verleihen. Auch wenn darin eine gewisse Wahrheit liegt, so gibt es doch eine Schattenseite der liberalen Agenda, die bis zu den Ursprüngen der modernen Wissenschaft in der Wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Diese Revolution markierte einen Wandel der grundlegenden Weltanschauungen in der gesamten europäischen Gesellschaft und die Begründung der technokratischen, kapitalistischen Moderne.

Die mittelalterliche Welt

[Die mittelalterliche Weltanschauung Europas] betrachtete die Erde/Natur als weiblich und als ein an sich lebendiges  und vernetztes Ganzes. Es gab unterschiedliche Ausprägungen dieser Philosophie, einschließlich der Betrachtung der Alchemist*innen, die die Welt als eine Einheit gegensätzlicher und gleichwertiger männlicher und weiblicher Prinzipien betrachteten. Während das männliche Prinzip das aktive war, wurde das weibliche als das passive und fürsorgliche betrachtet. Zum Beispiel wurde geglaubt, dass der Himmel männlich war und die Erde durch Regen (Samen) befruchtete. […] Die mittelalterliche Weltanschauung spielte eine bedeutende Rolle darin, die uneingeschränkte Ausbeutung natürlicher Ressourcen zurückzuhalten. Zum Beispiel existierte in der mittelalterlichen Weltanschauung unsere Unterscheidung zwischen organischen und anorganischen Substanzen nicht: Man glaubte, dass Metalle von den Aussonderungen des erdlichen Mutterleibes gebildet wurden. Als die Marktwirtschaft aufkam und mit ihr der Bedarf an Mineralien, gab es im 16. Jahrhundert große Debatten um die Akzeptanz von Bergbau, wobei die Gegner*innen ihn nicht nur als die Sünde der Gier beschrieben, sondern auch als Vergewaltigung von Mutter Erde. Die Befürworter*innen antworteten darauf, indem sie die Natur als böse Stiefmutter darstellten, die sich weigere, ihre Kinder zu ernähren.

Organische Metaphern durchdrangen auch das politische Denken, wobei das Bild des „Staatskörpers“ sehr wörtlich genommen wurde. Während der Adel hierarchischen Philosophien anhing, die die aktive Rolle des Kopfes betonten, betrachteten Vitalist*innen wie Paracelsus Aktivität und Veränderung als der Natur innewohnend, was sich in einer [radikalen] Politik äußerte, die zu seiner Verfolgung durch verschiedene Staaten in Europa führte. In der Übergangsperiode, in der die Stabilität der mittelalterlichen Ordnung unter der Last des aufkommenden Marktkapitalismus zusammenbrach, hatten die Beziehungen zwischen metaphysischen Vorstellungen von Natur, Geschlecht, Politik und Fragen der politischen Macht eine große Bedeutung. Der Zusammenbruch der alten Ordnung und der damit einhergehende soziale Aufruhr lösten eine weitverbreitete Existenzangst aus, inklusive Ängsten vor Chaos, Anarchie und selbst einem Zerfall der Gesetze der Natur. Die destruktive Seite der Natur (Plagen, Hungersnöte, Unwetter) wurde in den Vordergrund gestellt und mit der männlichen Angst vor der widerspenstigen und gefährlichen Kraft weiblicher Sexualität verknüpft.

Folglich begann die jüdisch-christliche Vorstellung der Herrschaft des Mannes über die Natur und die Frauen Anhänger*innen zu finden und wurde von einem Backlash gegen Frauen begleitet, die versuchten ihren mittelalterlichen Rollen zu entfliehen und sich einen Platz in der neuen kommerziellen Wirtschaft zu suchen. Diese Politik kann sehr deutlich beispielsweise in Miltons Paradise Lost beobachtet werden. Auf der politischen Ebene der Eliten wurde der Konflikt in John Knox‘ First Trumpet Blast Against the Monstrous Regiment of Woman ausgetragen, einer Polemik gegen die drei katholischen Königinnen Marys von Schottland und England, die die aristotelische Orthodoxie unterstrichen, dass das männliche Prinzip des Geistes über das weibliche herrschen solle, um die Ordnung im Kosmos aufrechtzuerhalten. Für Frauen der niedrigeren Klassen nahm der männliche Backlash die gewaltsamere Form der Hexenverfolgungen an, die ein Angriff der Hierarchie der Kirche gegen [das Heidentum] waren.

Die Geburt der Technokratie

Die aufkommende mechanistische und wissenschaftliche Philosophie des 17. Jahrhunderts kristallisierte sich erstmals in den Schriften von Francis Bacon [1], der als Generalstaatsanwalt von England persönlich in die Hexenprozesse verwickelt war. Bacons größter Beitrag war die Idee der empirischen Methode der Wissenschaft und ein striktes Beharren auf induktiver Argumentation, d.h. auf das Argumentieren ausgehend von Beobachtungen in der Natur und den Ergebnissen von Experimenten statt der abstrakt-logischen Theorienbildung, die die Philosophie des Mittelalters ausgemacht hatte. Bacon, der ein großer Enthusiast der neuen „Handwerkskünste“ war, drückte als erster die Leitlinie der Technokratie aus – „Wissen ist Macht“. Indem er Aristoteles‘ Ansatz der Naturgeschichte hinsichtlich der Entdeckung von Erkenntnissen über die Natur kritisierte, betonte Bacon, dass die Natur die in ihrem Mutterleib und Schoß verborgenen Geheimnisse nicht preisgeben würde, außer wenn man sie durch die Interventionen der Wissenschaft „dazu bringe“, was er oft mit den Techniken der Staatsanwälte und Inquisitoren verband. Er bezieht sich auf die Natur oft als eine Hure, die durch die Wissenschaft gewaltsam gebändigt werden müsse. In seiner Utopie New Atlantis beschreibt er eine voll entwickelte politische Technokratie (z.B. eine Gesellschaft, die von Wissenschaftlern regiert wird), die vom Vater ihres wissenschaftlichen Instituts, das „Haus Salomons“, beherrscht wird.

Bacons Philosophie fand bei den aristokratischen Gründern der Royal Society [ein naturwissenschaftlicher Verein; Anm. d. Übers.] Anklang. 1664 beispielsweise verkündete Henry Oldenburg, der Vorstand der Gesellschaft, dass es seine Absicht sei, eine „maskuline Philosophie aufzustellen … wobei der Verstand des Mannes mit dem Wissen der verlässlichen Wahrheiten geadelt werden soll.“ Ungeachtet ihrer Betrachtung der Natur als bloße tote Materie fuhren solche Schreiber fort, die Natur als weiblich zu identifizieren. Robert Hooke beispielsweise betrachtete Materie als das „weibliche oder mütterliche Prinzip„, das „ohne Leben oder Bewegung, ohne Form und leer, dunkel und Macht, die von sich aus vollkommen inaktiv ist, bis sie vom zweiten Prinzip, das den Pater repräsentiert, befruchtet wird.

Diese Wissenschaftler waren eindeutig darin, dass der wissenschaftliche Ansatz gegenüber der Natur kraftvoll sein müsse und ihre Schriften sind voller sexueller Metaphern. Bacon behauptete, dass die Männer Frieden untereinander schließen müssten, um ihre „vereinten Kräfte gegen die Natur der Dinge“ zu wenden, „um ihre Burgen und Festungen zu erstürmen und zu besetzen.“ Anstatt in den „äußeren Höfen der Natur“ zu verbleiben, hielt Bacon seine Anhänger dazu an, „weiter einzudringen … bis in ihre inneren Gemächer.“ John Webster, ein etwas späterer Autor, argumentierte, dass ein solcher Ansatz nötig sei, um „ihre Kammer zu entriegeln“ und Oldenburg wiederholte diesen Tonfall, indem er argumentierte, dass Wissenschaftler „vom Vorzimmer der Natur bis in ihre innere Toilette eindringen“ müssten. Obwohl sich moderne Wissenschaftler*innen nicht offen in solchen Begrifflichkeiten ausdrücken, können auch in den Schriften von Wissenschaftler*innen des gesamten 19. und 20. Jahrhunderts Beispiele dafür gefunden werden.

Während dieser Periode unternahmen männliche Ärzte die erste von vielen Wellen der Verdrängung weiblicher Hebammen von der Begleitung der Geburten. Allerdings war ihr wissenschaftliches Selbstbewusstsein nicht im Einklang mit ihrem Verständnis davon, wie menschliche Reproduktion funktionierte. Indem sie die vom Patriarchat übernommene Annahme wiederholten, dass das aktive Prinzip im männlichen „Samen“ liege, bestanden diese Autoren darauf, dasss das Ei und der Mutterleib nichts anderes als passive Behältnisse für den Samen seien, die keinerlei Beitrag zu den Eigenschaften des Kindes leisten würden. Es ist geradezu ironisch, dass mein Exemplar von Carolyn Merchants The Death of Nature, der klassischen Beschreibung der misogynen Philosophie der Wissenschaftlichen Revolution, von seinen Herausgeber*innen als eine „fruchtbare“ [spermatische] (anstatt einer ovularen) Arbeit beschrieben wird.

In Bacons Vorstellung der Natur, sowie in der des anderen Schlüsselphilosophen der Wissenschaftlichen Revolution, René Descartes, ist Materie grundsätzlich passiv und bewegt sich oder verändert sich nur als Resultat einer äußeren Kraft, die als das Prinzip oder der Geist von Gott identifiziert wird. Das folgt den früheren aristokratischen Vorstellungen der Gesellschaft und des Kosmos: Es war kein Zufall, dass die erste wissenschaftliche Körperschaft den Namen „Royal Society“ [dt. etwa königliche Gesellschaft] trug. In der Mitte des 17. Jahrhunderts entwickelte sich mit der Arbeit von Isaac Newton und den Gründern der Royal Society ein „Billardkugel“- oder ein Uhrwerk-Modell der Natur zur dominanten Vorstellung des wissenschaftlichen Denkens, das im Einklang mit Descartes und Bacons mechanistischem Modell des Universums stand. Es war diese „Entzauberung“ der Natur, die den technokratischen Trieb nach vollständiger Kontrolle und die kapitalistischen Projekte der grenzenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen legitimierte.

Die Grundlage der wissenschaftlichen Haltung zur Natur liegt in der Distanzierung des wahrnehmenden Subjekts von seinem [mask.] Objekt (Natur), eine Durchtrennung der Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und der Natur, die genau das ist, was Wissenschaftler als notwendig beschreiben, um „Objektivität“ zu erlangen. In den 1660ern wurde dieser vergeschlechtlichte Unterschied sehr deutlich in den berühmten Experimenten zum Vakuum wiedergespiegelt, als die Wissenschaftler*innen einen Vogel in eine Glasglocke sperrten und dann die Luft absaugten und den Vogel dabei töteten. Gemäß zeitgenössischer Erzählungen protestierten weibliche Beobachter*innen vehement dagegen und zwangen die Männer, die Experimente in der tiefen Nacht durchzuführen, nachdem die Frauen zu Bett gegangen waren. Es ist diese Distanzierung des Subjekts vom Objekt, die die Frauenbewegung in ihrer zweiten Welle im späten 20. Jahrhundert als den „männlichen Blick“, durch den die Männer die Frauen objektifizieren, identifizierten.

Reproduktive Technologien

Dem technokratischen Projekt der Kontrolle über die Natur gelang es bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht, die menschliche Reproduktion in den Griff zu bekommen, bis es in Form der Eugenikbewegung auftrat. In dieser Periode war die Technokratie eine offen politische Bewegung von Wissenschaftlern und Ingenieuren, die argumentierten, dass die Probleme der Verwaltung der industriellen Gesellschaft zu komplex seien, um demokratischen Prozessen überlassen zu werden und dass die Verwaltung der Gesellschaft ihrer „apolitischen“ Führung anvertraut werden solle. Die Eugenikbewegung war eng mit der Technokratischen Bewegung verbunden und im Gegensatz zu der Vorstellung, die wir von Eugenik als einem extrem rechten Phänomen haben, betrachteten sich die meisten Eugeniker*innen als progressiv und humanitär. Die Eugenik war Teil einer allgemeinen managerhaften Tendenz in der Politik, die als Resultat des Scheiterns des laissez-faire-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts entstand, um mit dem sozialen Aufruhr der industriellen Massengesellschaft fertig zu werden. In ihrem Herzen stand das technokratische Konzept der sozialen Kontrolle durch die Kontrolle der Natur, insbesondere der Zufälligkeit und der Unordnung, die aus der menschlichen sexuellen Reproduktion entstanden. Eugeniker*innen würden immer damit beginnen, zu fragen: „Wie können wir der Zucht unserer Nutztiere so viel Aufmerksamkeit widmen und doch nichts für die menschliche Zucht tun?“ Aber ihr Ziel waren die weiblichen Körper und deren reproduktive Fähigkeiten, nicht die der Männer.

Die Geschlechterpolitik der Eugenik erscheint widersprüchlich, wenn man sie nicht als eine Form der Technokratie versteht, die grundlegend auf die rationale Kontrolle der Reproduktion abzielt. Einige ihrer Aspekte erscheinen sehr deutlich anti-feministisch und repressiv gegenüber Frauen, beispielsweise die Tendenz ledige Mütter zu sterilisieren. Es ist kein Zufall, dass in der klassischen eugenischen Studie über eine arme weiße US-Familie diejenige Jukes, die angeblich bewies, dass vier Generationen der Familie kriminelle, „schwachsinnige“, Prostituierte, etc. waren, die Vorfahrin, von der all diese Lasten der Gesellschaft abstammte, eine Frau war, Ada Jukes. Wenn sie nur sterilisiert worden wäre, argumentierten die Eugeniker*innen, wäre der Gesellschaft die Last der folgenden Generationen erspart geblieben. Ähnlich beinhaltete auch der Fall vor dem Obersten Gerichtshof, der das Recht der US-Staaten begründete, Personen zwangszusteriliseren, eine Frau, Carrie Buck.

Auf der anderen Seite bot die Eugenikbewegung (die immer auch aus einem großen Anteil von Frauen bestand) Frauen auch Vorteile: Es waren weibliche Eugenikerinnen, Margaret Sanger in den USA [2] und Marie Stopes in England, die die Pioniere der Geburtenkontrolle für Frauen waren und die beispielsweise die Family Planning Association gründeten. Stopes und Sanger argumentierten immer, dass sie die Frauen von der Bürde vielfacher Schwangerschaften und der Pflege großer Familien erlösen würden, und doch war ebenso klar, dass sich ihre Anstrengungen auf die „niederen“ Klassen richteten.

Die Integration der Eugenik in die Technologische-Kontrolle-Bewegung des 20. Jahrhunderts (Fordismus) wird am besten von Aldous Huxleys Roman Brave New World umrissen. Er ist am bekanntesten für seine Vision künstlicher Mutterleibe und künstlicher Klasseneinteilung durch die Dosierung von Alkohol, der den in Flaschen abgepackten Föten verabreicht wird. In dieser Welt ist der Begriff „Mutter“ eine Beleidigung, die etwas ekelerregendes beschreibt, während es den Frauen schlicht nicht erlaubt ist, Sex abzulehnen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Eugenik sich einen extrem schlechten Namen gemacht hatte, verlagerten sich die Anstrengungen der Eugenik auf die Bevölkerungskontrolle in der Dritten Welt. Abermals, auch wenn die Kontrolle ihrer Empfängnisfähigkeit für viele Frauen in diesen Ländern unzweifelhaft ein wahrer Vorteil war, enthült der Fokus auf die Reproduktion von schwarzen Frauen, die angeblich ein Weltbevölkerungsproblem verursachen würden und die zwanghafte Natur vieler Bevölkerungskontrollprogramme den eugenischen Charakter dieser Bewegung. In den 1970ern und 80ern setzt das Abzielen auf arme Frauen und Frauen of Color mit gefährlichen Langzeitverhütungsmitteln wie Norplant und Depo-Provera diese Politik fort. Auch wenn oft angenommen wird, dass rassistische und Zwangssterilisierungsprogramme ein Phänomen der Vergangenheit wären, zeigen jüngste Skandale in Israel [3] und den USA [4], dass dies nicht der Fall ist.

Während die unverhohlene Eugenik über das 20. Jahrhundert hinweg abnahm [– und bevor sie in versteckter Form als Transhumanismus im 21. Jahrhundert wiederkehrte –], wurde die menschliche Reproduktion zu einem zunehmend technologisierten Prozess, in dem Schwangerschaft und das Gebären zunehmend medikamentiert und hospitalisiert wurden und Geburtshilfe und Gynäkologie zu der Domäne von vorrangig männlichen Ärzten wurden, wobei Hebammen eine zunehmend untergeordnete Rolle spielen. Technologische Interventionen in die Reproduktion beinhalten hormonelle Verhütung und Fruchtbarkeitsmedikamente, sowie die katastrophalen Erfahrungen von Medikamenten wie DES und Thalidomid. Die Technologisierung der Reproduktion hat durch die Entwicklung des Ultraschalls und andere pränatale Screening-Programme ihre eigene Logik der Qualitätskontrolle erschaffen. Im Jahre 1979 gelang Robert Edwards, einem bekennenden Eugeniker und Vorstandsmitglied der British Eugenics Society, erstmals eine In-vitro-Fertilisation (IVF) [dt. etwa „Befruchtung im Reagenzglas“].

Die Antwort der Feminist*innen auf reproduktive Technologien fiel entsprechend ihrer Haltung zu Technokratie unterschiedlich aus. Beispielsweise versuchte die radikale Feministin Shulamith Firestone in den frühen 1970ern mit ihrem Buch The Dialectic of Sex eine Art marxistische Herangehensweise zu entwickeln, in dem sie für den Gebrauch der Technologie zur Befreiung von Frauen von der Bürde der Reproduktion als einzigen Weg Gleichheit für Frauen zu erlangen, argumentierte. Am meisten Bekanntheit erlangte Firestones Argument dafür, dass Wissenschaftler*innen wie in Huxleys Brave New World Ektogenese entwickelt sollten, d.h. künstliche Mutterleibe, in denen Babys außerhalb des Körpers heranwachsen können.

Im Gegensatz dazu entwickelte in den 1980ern ein internationales Netzwerk aus Feminist*innen namens The Feminist International Network for Resistance to Reproductive and Genetic Engineering (FINRRAGE) eine ökofeministische Kritik der Reproduktionstechnologie und argumentierte, dass diese Teil des patriarchalen Versuchs sei, sich die Körper von Frauen zu eigen zu machen und zu kontrollieren. Einige dieser Autor*innen theorisierten, dass dieser Trieb die weibliche Fruchtbarkeit zu kontrollieren aus den fundamentalen männlichen Unsicherheiten, die von ihrer marginalen Rolle im Reproduktionsprozess resultieren, stammten und argumentierten, dass die Technologisierung der Reproduktion zur Eliminierung der letzten weiblichen Domäne des menschlichen Lebens führe. Folgende Generationen feministischer Autor*innen und Redner*innen fuhren fort mit den Widersprüchen des technokratischen Prozesses, der Kontrolle vs. der Wahlfreiheit, zu kämpfen und Frauen kämpften gegen die Medikalisierung durch die natürliche Geburtenbewegung.

Einige derzeitige Geschlechterfragen der Reproduktiven Technologie

IVF: Obwohl In-Vitro-Fertilisation nun seit über 30 Jahren praktiziert wird und Millionen von Frauen diese durchführen ließen, gibt es noch immer eine Leerstelle in der Erforschung von Langzeitfolgen für Frauen. IVF ist eine stressige und invasive Prozedur mit beachtlichen kurzzeitigen Beeinträchtigungen der Gesundheit, besonders dem Ovariellen Überstimulationssyndrom. Dieser Zustand kann in seiner milden Ausprägung bis zu 30 % der Frauen beeinträchtigen und es gibt keine einhelligen Meinungen darüber, wie viele Frauen von den mittleren und schweren Formen betroffen sind, wobei die Zahlen von einem bis zu acht Prozent reichen. In diesen Fällen werden Blutgefäße undicht, was zu einer großen Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum führt. Obwohl die Zahlen uneindeutig sind, mag es wohl eine Tote pro Jahr durch OHSS im UK geben, aber es gibt keine systematische Auswertung dazu. Feministische Kritiken haben argumentiert, dass der Standard-Ansatz der In-Vitro-Fertilisation, der große Hormondosen nutzt, um 10 bis 15 Eizellen zu produzieren, von denen viele von schlechter Qualität sind, die Frauen unnötigen Risiken aussetzt. Es wird manchmal angenommen, dass diese hohen Dosen genutzt werden, um einen Vorrat überschüssiger Eizellen zu erzeugen, die dann in der Forschung genutzt werden können.

Eizellen-Spende: Diese Bedenken hinsichtlich Hormonbehandlungen sind besonders schwerwiegend für Frauen, die Eizellen für andere Frauen spenden, da sie nicht selbst beabsichtigen schwanger zu werden. Diese Frauen nehmen bedeutende Risiken auf sich und es hat große Kontroversen über die Ausbeutung von Frauen für Eizellenspenden gegeben. Beispielsweise existierte in den 1990ern und 2000ern ein Eizellenhandel in Europa, bei dem Frauen aus Osteuropa Eizellen im Gegenzug für geringe Zahlungen an „Fruchtbarkeits-Touristen“ aus westeuropäischen Ländern spendeten. In einigen Fällen machten die Kliniken große Profite aus diesem Handel, verabreichten den Spenderinnen extrem hohe Dosen an Hormonen, was zu Schäden der Gesundheit der Spenderinnen führte. Es gibt einige Hinweise auf Überlappungen zwischen den kriminellen Netzwerken, die illegal mit osteuropäischen Frauen handeln und dem Eizellen-Handel. 2009 änderte das UK seine Politik zu Eizellen-Spenden und erlaubte Zahlungen von bis zu 750 Pfund für Spenderinnen mit dem Ziel, dass Frauen aus dem UK die Versorgungsengpässe in den UK ausgleichen würden. Kritiken wie die No2Eggsploitation-Kampagne argumentierten, dass diese finanziellen Anreize vermutlich dazu führen würden, dass von Sozialhilfe lebende Frauen und Studentinnen mit großen Schulden die Risiken einer Eizellenspende aus rein finanziellen, statt aus altruistischen Gründen auf sich nehmen würden.

Leihmutterschaft: Im UK ist kommerzielle Leihmutterschaft nicht erlaubt (obwohl beträchtliche „Unkosten“-Zahlungen getätigt werden können). In der Folge hat sich ein internationaler Leihmutterschafts-Handel entwickelt, der sich auf Indien und die Ukraine konzentriert, wobei viele der gleichen Bedenken wie die von dem Handel mit Eizellen auch hier gelten. In Indien wird Leihmüttern nur ein kleiner Anteil der Gesamtgebühren bezahlt, während die Kliniken große Profite machen und oft müssen die Leihmütter Verträge unterzeichnen, die vereinbaren, dass die Klinik nicht für irgendwelche Schäden der Gesundheit der Frauen in Folge der Schwangerschaft und Geburt haftet. Die Frauen werden oft durch ihre Ehemänner oder Väter zur Leihmutterschaft als Einkommensquelle gezwungen (in Indien wird solche Arbeit als vergleichbar mit Prostitution betrachtet, und sie werden verpflichtet während ihrer Schwangerschaft in Schlafsälen der Befruchtungs-Klinik zu wohnen). Letztlich scheint sich diese Situation kaum von Babyzucht zu unterscheiden und ist ein besonders unschönes Beispiel der Ausbeutung von Menschen in Entwicklungsländern durch reiche Westliche.

Geschlechtauswahl: Die Entwicklung der Ultraschalluntersuchung in den 1980ern hat die weitverbreitete Abtreibung weiblicher Föten ermöglicht, besonders in Indien und China. Diese Praktiken, die aus der traditionellen patriarchalen Bevorzugung von Söhnen sowie komplexen sozialen Faktoren resultieren, haben das traditionelle Phänomen der weiblichen Kindstötung und den Tod junger Mädchen durch Vernachlässigung ausgeweitet. Das Ergebnis ist, dass in einigen Teilen Indiens das Verhältnis von Jungen zu Mädchen bis zu 125 Jungen auf 100 Mädchen betragen kann und es wird geschätzt, dass mehr als 100 Millionen Frauen in der Weltbevölkerung aufgrund geschlechtlicher Selektion fehlen. Umgekehrt führt das zu bedeutenden sozialen Problemen, inklusive einer großen Zahl von Männern, die nicht in der Lage sind, eine Ehefrau zu finden und der daraus resultierenden Zunahme des Frauenhandels in diesen Regionen. In den 1990ern erließ Indien ein Gesetz gegen pränatale Geschlechterselektion, aber das Gesetz wurde niemals geeignet umgesetzt und die großen Mengen an Geld, die in dieser Industrie verdient werden, zeigen, dass das Problem weiter wächst. Es scheint, dass die Praxis sich nun auch auf einige osteuropäische Länder wie Georgien ausgeweitet hat.

Schlussfolgerung

Anliegen dieses Beitrags war die Probleme der Reproduktionstechnologien in Beziehung zur allgemeinen Herrschaft der Technokratie zu setzen, die ein zentrales Element der kapitalistischen Moderne ist […]. Basierend auf Prinzipien der Kontrolle und Autorität über die widerspenstige Frau sind diese eng mit denen des traditionellen Patriarchats verwandt.

Diese fundamentalen Dynamiken der Technokratie kamen bei der Entwicklung der Reproduktionstechnologien unter dem Banner der Eugenik im 20. Jahrhundert zur Anwendung. Der allgemeine Trend in Richtung wachsender technologisch-medizinischer Kontrolle folgte aus der offensichtlichen Herausforderung, die ungeregelte menschliche Reproduktion für eine technokratische soziale Ordnung darstellt.

[…] Oft wird auch argumentiert, dass diese Technologien Frauen mehr Wahl ermöglichen (dieser große Slogan des marktorientierten Kapitalismus) und es kann nicht geleugnet werden, dass sie das auf gewisse Weise tun. Aber wie alle Technologien kontrollieren diese uns auch, indem sie kontrollieren, was die Optionen sind, ebenso wie durch den sozialen Druck einer Gesellschaft, die der Ansicht ist, dass Hightech und Kontrolle immer am besten wären. Keine*r muss vom Staat gezwungen werden, sich pränatalen Tests zu unterziehen und das Ergebnis – der Abbruch von 90 % aller Schwangerschaften, bei denen das Down-Syndrom festgestellt wurde, beispielsweise – ist eine vorhersehbare Folge, ohne dass irgendjemand dafür die Verantwortung tragen müsste. Eine Sache jedoch, die uns die Betrachtung dieser Entwicklungen in einem allgemeinen Rahmen der Technokratie zu verstehen ermöglicht, ist, dass diese Vorteile oft nur Techno-Flickwerk sind – technologische Lösungen für soziale/politische Probleme, die daran scheitern, die wahren Ursachen der Probleme anzugehen.

Die Bereitstellung von Verhütungsmitteln für Frauen in der Dritten Welt ist ein Paradebeispiel. Das Leiden der Frauen unter der Bürde so vieler Kinder wird durch eine Kombination aus Patriarchat – das Insistieren der Männer auf ihren sexuellen Rechten in der Ehe und dem Zeugen von Kindern – und Armut verursacht, die es zu einer rationalen Strategie macht, viele Kinder zu haben. Anstatt diese Probleme anzugehen, kam die Bevölkerungskontrollbewegung des Mitt-20. Jahrhunderts mit ihrer Technologie über diese Länder – Verhütung/Sterilisation, oft zwangsweise angewendet.

Eine beständige Eigenschaft von Techno-Flickwerk ist, dass es von innerhalb der technokratischen Ordnung für nützlich erachtet wird und so dazu beiträgt, diese Ordnung aufrecht zu erhalten, ebenso wie die Interessen, die hinter ihr stehen. Für Frauen in industrialisierten Ländern mag Verhütung das Risiko ungewollter Schwangerschaften reduziert haben und sie sexuell befreit haben, aber sie schuf auch eine Situation, in der von ihnen erwartet wurde, immer bereit zu sein Sex mit Männern zu haben, wenn diese es wünschten, anstatt den Frauen aufrichtig die Kontrolle über ihr sexuelles Leben und ihre Reproduktion zu verleihen.

Eine einfache Sache, die wir über den gesamten Prozess der Entwicklung dieser Technologie sagen können (wie das oft über die technologiegetriebene Entwicklung von Dritte-Welt-Ländern gesagt wurde), ist, dass sie schwerlich von den ausdrücklichen Wünschen ihrer beabsichtigten Nutznießer*innen angetrieben wird. Stattdessen wird sie von der Logik der Technokratie angetrieben, die Frauen auf bestimmte Weisen manchmal teilweise helfen mag.

Es gibt kaum Zweifel über den Verlauf fortwährender Reproduktionstechnologien und Technologien der genetischen Kontrolle – nicht bloß die freie-Märkte-Eugenik, die sich gerade entwickelt, sondern eine Welt, in der Sex vollständig von Reproduktion getrennt ist, so dass beide als Formen sozialer Kontrolle dienen, wie Huxley vorhergesagt hat. Schließlich mögen – wie die „Transhumanist*innen“ hoffen – beide vollkommen überflüssig werden, wenn die Menschen endlich den maskulinen Traum erreichen, der der Technokratie seit ihren Anfängen inhärent ist – die Flucht aus dem Materiellen, aus der körperlichen Existenz insgesamt, wenn wir zu Entitäten aus reinem Geist werden, die in Computern laufen. Diese Vision ist nicht bloß Anti-Weiblich, sondern Anti-Menschlich.

 

[1] Bacon betrachtete die Wissenschaft und den Kapitalismus als göttlich. Zusätzlich zu seiner Rolle bei den Hexenverfolgungen war er ein Verfechter der Kolonisation von Virginia und betrachtete Widerstand zu den Landumzäunungen, die in Großbritannien stattfanden, als Hochverrat; er folterte gefangen genommene Kämpfer*innen monatelang höchstpersönlich. Während er behauptete, danach zu streben, die „Grenzen des menschlichen Imperiums“ zu erweitern, um „alles möglich zu machen“, zerstörte er gewaltsam diejenigen, die nach einem anderen Leben strebten. [Anm. in Return Fire] [2] Tatsächlich wurden gemäß Barbara Ehrenreich und Deirdre Englisch „zu ungefähr der Zeit, als Margaret Sangers Mutter ein kleines Mädchen war, die Geburtenkontrolle durch einige Elemente des Popular Health Movement in den Vereinigten Staaten vorangetrieben“. Zudem äußerte sie sich rassistisch über Aborigines und sprach vor den weiblichen Helfern des Ku-Klux-Klans und unterstützte Immigrationsbeschränkungen. [Anm. in Return Fire] [3] Es wurde aufgedeckt, dass tausende äthiopische Immigrantinnen in Israel alle drei Monate routinemäßig mit Depo-Provera (ein „ultima ratio“ Verhütungsmittel, das andernfalls nicht verabreicht wird und das die Menstruation stoppt und mit Fruchtbarkeitsproblemen und Osteoporose in Verbindung gebracht wird) geimpft wurden, obwohl das zuvor vom Gesundheitsminister geleugnet wurde. Es wurde bereits in Transitlagern in Äthiopien damit begonnen, die Frauen zu impfen, einige ohne dass ihnen gesagt wurde, dass ihnen Verhütungsmittel verabreicht wurden und viele ohne dass sie von den Nebenwirkungen wussten. Diejnigen, die wussten, was ihnen verabreicht wurde, riskierten, dass ihre Immigration nach Israel verweigert werden würde, wenn sie sich weigerten und sie keine weitere medizinische Versorgung in den Camps bekommen würden. [Anm. in Return Fire] [4] Insassinnen kalifornischer Gefängnisse wurden zur Sterilisation gezwungen, was zwischen 2006 und 2010 aufgedeckt wurde. Schwarze und Braune Bevölkerungen mit unterschiedlichen Graden medizinischen und finanziellen Zwangs zu bewegen war in den USA eine verbreitete Praxis, wo zwischen 1970 und 1976 auch zwischen 25 und 50 Prozent der indigenen Frauen sterilisiert wurden (vorrangig danach ausgewählt, „Vollblütige Indianerfrauen“ zu sein), dabei mindestens ein Viertel ohne ihre Einwilligung. [Anm. in Return Fire]

Übersetzung aus dem Englischen: „Into her inner chambers“ aus Return Fire Vol. 3. Dort ist der Text als Reprint von David Kings Artikel Technocracy, Gender and Reproductive Technology abgedruckt.

Von anonym

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