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„Revolutionärer Tourismus“ auf Gran Canaria

Eine bittere Tatsache: Sich als Anarchist*innen verstehende Tourist*innen reisen trotz wiederholter Bitten, dies nicht zu tun, auf die Kanaren, um dort in besetzten und selbstverwalteten Räumen Lebenden Vorträge über Fleischkonsum, Umweltschutz und den reaktionären Fussball zu halten.

Begonnen hatte die FAGC vor 10 Jahren als typische Anarchokleintruppe in schwarzen Kapuzis bei Kundgebungen — und änderte dann ihre Herangehensweise komplett. Das Ergebnis: Die „Kleintruppe“ und die von ihr initierte Mieter*innengewerkschaft förderte seitdem die Enteignung von 400 Liegenschaften, half bei der Wohnraumbeschaffung für hunderte Familien, intervenierte in 1.000 Zwangsräumungen, stellte 10 selbstverwaltete Gemeinschaften und zwei Flüchtlingsprojekte auf die Beine, initiierte ein Gesundheitsnetzwerk, mehrere autarke landwirtschaftliche Flächen und ein Beratungsbüro für Präkarisierte und Sexarbeiter*innen. 

Die Gemeinschaften entstanden aus Not und Wohnungslosigkeit und nicht als subkultureller Bespaßungsort einer Anarcho-Subkultur. In ihnen wohnen unterschiedlichste Menschen und Familien zusammen, oft auch zahlreiche Kinder und Minderjährige. Gerade kämpfen sie um den Erhalt von “La Marisma”, einem Projekt mit 70 Bewohner*innen, davon 30 Kinder – die Caixa Bank will räumen lassen. Bei diesen Leuten geht es um ihre Existenz und nicht um einen radikalen Lifestyle. 

Gran Canaria ist aber auch ein schöner Urlaubsort — Sonne, Strand und Meer. Und so sahen sich die Projekte der FAGC zunehmend mit „revolutionären Tourist*innen“ aus den linksradikalen Szenen Westeuropas konfrontiert. 2019 war es dann genug und die FAGC wendete sich gegen diesen „Auf Gran Canaria haben wir viel ertragen, bis wir „unangenehm“ werden mussten. Viele Leute von der Halbinsel, aus England, Deutschland, Italien, Schweden, Griechenland usw. kommen jeden Sommer auf die Insel, um uns zu „treffen“. Machen sie das, um zu sehen, wie wir arbeiten, um Ideen auszutauschen, an Versammlungen teilzunehmen, ein paar Stunden zu plaudern? Eine Minderheit. Der Rest kommt wegen etwas anderem. Viele tauchen ohne Vorwarnung auf, schicken uns eine E-Mail oder eine Nachricht über Soziale Netzwerke und kommunizieren uns, ohne dass wir sie überhaupt kennen: „Wir sind hier“. 

Das erste, was uns viele von ihnen fragen, ist „in welcher Gemeinschaft wir sie aufnehmen werden“. Es ist schwierig, ihnen zu erklären, dass wir keine Immobilienagentur sind. Wenn wir ihnen erklären, dass unser „Squatting“-Modell hier anders ist, dass es Sozialwohnungen für Menschen ohne Ressourcen sind, fragen sie: „Habt ihr nichts für Reisende?“. Uns wurde gesagt, „ob wir nichts Zentraleres oder Strandnäheres haben“, ob wir „keine Häuser mit Terrasse haben“ – dazu Gesicht mit rollenden Augen (100% echt). 

Die Haltung in den Wohnprojekten ist nicht viel besser. Die Gemeinschaften, die die FAGC zu errichten hilft, sind keine Gemeinschaften „von Anarchist*innen für Anarchist*innen“. Es sind Gemeinschaften von Nachbarn, jeder mit eigenen Ideen, die ihren Lebensunterhalt so gut wie möglich verdienen und die Selbstverwaltung durch Effizienz und nicht durch Ideologie erfahren. 

Viele „revolutionäre Tourist*innen“ besuchen die Gemeinschaften im Sinne einer „Safari“. Sie sind empört, wenn sie sehen, wie die Leute ihren Lebensunterhalt verdienen, in einer Versammlung schreien, mit Bier in der Hand Fußball schauen und nicht im idyllischen Arkadien leben. 

Und das Schlimmste ist, wenn die „Tourist*innen“ einen „Vortrag“ beginnen. Sie zeigen keinerlei Demut, um Vorurteile loszuwerden oder die Leute nicht zu be/verurteilen. „Eurozentrismus“, „Moralismus“, „Klassenprivilegien“ bleiben erhalten. Sie hinterfragen die Bewohner*innen – was sie essen, wie sie leben oder wie sie sprechen – und hinterlassen ein schreckliches „libertäres“ Bild. 

„Du organisierst dich schlecht“, „Das ist Chaos“, „Warum sind Kinder in den Versammlungen?“, „Warum gibt es hier so junge Mütter?“, „Warum hast du so viele Kinder?“, „Warum verwendet ihr Dieselmotoren statt Sonnenkollektoren?“,“Warum kaufst du in Einkaufszentren ein?“, „Was essen deine Kinder?“… Wenn es für die Nachbarn jemals eine Gelegenheit gab, sich für Anarchismus jenseits der FAGC zu interessieren, so ging sie mit den ganzen ethischen Urteilen, der Invasivität und der Zensur über unsere vielfältige, arme, prekäre Realität verloren. 

Es geht den „Tourist*innen“ nicht darum, zu teilen, zu lernen, Meinungen zu diskutieren, Hilfswerkzeuge anzubieten oder zu wissen, wie man sie empfängt. Sie betreiben eine Art ideologischen Kolonialismus, sehr aggressiv, der sich nicht ändert, egal ob er das eingekreiste A, Hammer und Sichel oder die Flagge des britischen Empire trägt. 

Und manchmal schauen sie sich einen Ort an und sagen: „Wie schön! Wir sollten hierher ziehen.“ Und wir sagen ihnen: „Wisst ihr, warum die Preise in dieser Gegend immer teurer werden? Weil Leute wie ihr hierher gezogen sind.“ Ideologie befreit Sie nicht von Gentrifizierung. 

Wir wollen niemanden beleidigen. Wir haben auch gute Erfahrungen gemacht und viel gelernt. Aber die Realität, über die wir sprechen, kann nicht ignoriert werden. „Touristifizierung“ ist es auch, wenn „Revolutionäre“ Ressourcen und Räume missbrauchen und mit der Mentalität von Siedler*innen kommen.“

Um mehr über die FAGC zu erfahren: FAGC — Rückblick auf ein Jahrzehnt des Kampfes

Text zur Verfügung gestellt von Peter Kropotkin