[Fluchtpunkte einer radikalen Kritik an der Genetik] Teil 1: Der Anschlag der Roten Zora auf das Humangenetische Institut Münster im August 1986

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Ein Brand im Humangenetischen Institut Münster vernichtet 1986 eine gigantische Sammlung an Forschungsmaterialien und wirft nicht nur die Münsteraner Genetiker um Jahre zurück. Kurz nach dem Brand wird sich herausstellen, dass das Feuer von der Roten Zora gelegt wurde, die ihre Gründe für diesen erfolgreichen Angriff auf die Genetik in einer Erklärung darlegt, die im folgenden reproduziert ist.


Aktion gegen das Humangenetische Institut Münster

Wir waren am 5.8. im Humangenetischen Institut in Münster, um uns einige Akten anzueignen und um möglichst viel durch Feuer zu zerstören.

Abschaffung aller humangenetischen Institute und Beratungsstellen! Stop der Bio- und Gentechnologie!

Die Bio- und Gentechnologie ist eine entscheidende Schlüsseltechnologie im gegenwärtigen imperialistischen Umstrukturierungsprozeß. Ihre Anwendung in der Nahrungsmittelproduktion (Hungerpolitik), Kriegsforschung, für neue Produktionsverfahren und als soziales Kontroll- und Steuerungsmittel dient allein der Profit- und Herrschaftssicherung. Es geht den HERRschenden nicht um qualitative Verbesserungen der Lebensbedingungen, sondern darum, sämtliche menschlichen Lebensbereiche den Interesssen der Verwertbarkeit, Kontrolle, Machtsicherung und technischer Machbarkeit zu unterwerfen.

Selbst die Katastrophe von Tschernobyl wird die Bio- und Gentechnologie nutzen, ihren Anteil an der Planung einer katastrophalen Normalität akzeptabel und profitabel zu machen: die genetische Aussonderung der Menschen gemäß vergifteter Umwelt und miserabler Arbeitsbedingungen, für den quantitativen und qualitativen Bedarf dieses Systems. Studien zur Prüfung erhöhter genetischer Empfindlichkeit gegenüber Radioaktivität werden am HUMANGENETISCHEN INSTITUT in MÜNSTER seit einigen Jahren durchgeführt.

Dieses Institut ist ein Baustein für die in der BRD angestrebten flächendeckenden genetischen und sozialen Kontrollen über menschliches Leben und Reproduktion. Nach der Kosten-Nutzen-Analyse wird die Verminderung der Fortpflanzung von behinderten, nicht verwertbaren, nicht angepaßten Menschen (z.B. die Bewohner von sog. Asozialen- Siedlungen/W. Lenz vom Institut) und die Steigerung der Geburtenrate von wünschenswertem, leistungsfähigem, ökologisch weniger anfälligem Menschenmaterial propagiert.

Die Nähe zur faschistischen Auslese-Ausmerze-Politik ist nicht weit hergeholt, sie personifiziert sich in Münster in dem führenden NS- Rassehygieniker v. Verschuer, der ab 51 Direktor des Instituts war. Als solcher hat er eine umfassende Erhebung (2 Millionen Personen) über krankhafte Erbmerkmale durchgeführt, Grundlage für ein Machwerk über den Nutzen frühkindlicher Euthanasie (1958): 16.000 Kinder kamen zur Vernichtung in Betracht. Diese Forschungen sind im Genetik- Register des Instituts festgehalten, werden weiter ausgebaut und verarbeitet.

Verschuer­s Nachfolger haben die traditionellen Ziele nicht aufgegeben, die faschistische Ideologie ist durch die wissenschaftlich untermauerte Sorge um „die drohende Verschlechterung des Erbgutes“ (Tünte) und eine „Eugenik der Gesundheitspolitik“ weiterentwickelt worden.

Als Erforschung genetisch bedingter Krankheiten ausgewiesen, wird in den aktuellen Schwerpunkten des Instituts Grundlagenforschung betrieben, die die Voraussetzung schafft für eine umfassende genetische Selektionspolitik, die bisher in den Bereichen pränatale Diagnostik (vorgeburtliche Aussonderung/Vernichtung) und Arbeitnehmer/innen- Screening (Aussonderung bzgl. der Schadstoffbelastbarkeit am Arbeitsplatz) praktisch betrieben wird.

Geforscht und gearbeitet wird in Münster an der Lokalisierung von Genen und Chromosomen (Genkartierung), an der möglichst weitreichenden Erfassung genetischer Merkmale, an der Entwicklung technischer Verfahren zur Erfassung und Manipulierbarkeit erblicher Defekte, an der Herstellung des Zusammenhangs zwischen genetischer Abweichung und Sozialstruktur und an der EDV- gerechten Verarbeitung des erhobenen Datenmaterials.

Überregional fließt das gesammelte Datenmaterial in verschiedene Zentralregister ein und wird weiterkoordiniert mit dem bereits bestehenden Gesundheitskontrollapparat. Es wird hiermit die Basis geschaffen für eine aggressive Sozialpolitik, die entlang der Kosten- Nutzen- Analyse die Vernicht sog. „unwerten“ Lebens offensiv betreibt … (in der Vorlage unleserlich) … wird über die Zusammenarbeit mit der Uni- Frauenklinik sichergestellt. Zudem (???) eine Beratung Mittel zur Durchsetzung der Normalität genetischer Nachwuchsplanung, Akzeptanzstudien werden gleich mitbetrieben.

Das Ganze wird verkauft als individuelle Lebens- und Gesundheitsfürsorge. Unter dem verinnerlichten Druck, Normen zu erfüllen – verbunden mit Angst, die von oben bewußt geschürt wird, oder Hoffnung auf individuelles Lebensglück – liefern die ratsuchenden Frauen das Material für eine Forschung, die sich gegen die Frauen selbst richtet: weitere Enteignung der Frauen von ihrem Körper, die gesamte menschliche Reproduktion soll ausschließlich unter den Zugriff und der Kontrolle medizinischer Techniker stattfinden, damit die Frauen für Mann/Staat/Kapital gesunde und leistungsfähige Kinder produzieren. Anderssein, das den herrschenden Interessen widerspricht, wird zum genetischen Defekt. Die Verantwortung, diesen Defekt zu vermeiden, wird jeder einzelnen Frau zugeschoben.

Daß sich diese Politik vor allem gegen Ausländerinnen, Frauen der unteren sozialen Klasse und Behinderte richtet, zeigt sich an den sozialhygienischen Zwangsmaßnahmen, denen sie durch Abtreibungs- und Sterilisations“empfehlungen“ unterworfen sind und von denen sie in der Zukunft durch die Verweigerung der Kostenübernahme im Falle einer Behinderung betroffen sein werden – wie schon heute in den USA.

Der Bevölkerungspolitik hier nach den Kriterien der Verwertbarkeit entspricht auf brutalste und mörderische Weise die Vernichtung breiter Teile der Bevölkerung in den drei Kontinenten.

Frauen müssen sich dieses Gesamtzusammenhangs und ihrer Verantwortung bewußt sein, wenn sie die „Dienste“ dieser Institute in Anspruch nehmen.

Mit der genetischen Klassifizierung der Menschen schaffen sich die HERRschenden ein Instrumentarium, die Menschen in ihren sozialen Zusammenhängen zu erfassen und zu kontrollieren, sie den Bedingungen von Ausbeutung und Verwertung zu unterwerfen und so die patriarchale Klassenherrschaft erneut zu festigen.

Wir bekämpfen diese Technologie nicht wegen ihrer Nichtberechenbarkeit oder unabsehbarer Folgen, wie oft argumentiert wird, sondern wir kämpfen gegen die beabsichtigte und tagtäglich praktizierte Normalität dieser Technologie, die die Vernichtung, Unterdrückung und Unterwerfung von Menschen sehr berechnend plant und durchführen hilft. Nicht die Katastrophe ist das, was uns bedroht, sondern daß es einfach so weitergeht.

Kampf dem imperialistisch- patriarchalen Normalzustand!

Rote Zora


Dieser Beitrag ist Teil einer mehrteiligen Artikelreihe.

Teil 1: Der Anschlag der Roten Zora auf das Humangenetische Institut Münster im August 1986

Teil 2: Auswertung der gestohlenen Akten aus dem Humangenetischen Institut Münster durch die Rote Zora

Teil 3: Eugenismus im weißen Kittel

Teil 4: Brandstiftung bei Gentech-Futterlieferant 2015

Teil 5: Sabotage an Forschungsfeld von Agroscope 2017

Teil 6: Brandanschlag auf das DuPont Pioneer GMO-Forschungszentrum in Pessina (Italien) 2018

Teil 7: Genetisch korrekt

Teil 8: Eine kleine Ampulle Genetik, bitte?

(Teil 9): Eine Nachbemerkung

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