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Antagonismus in Pandemiezeiten

Ein kurzer Kommentar zum antagonistischen Diskurs zum Ausnahmezustand während der Pandemie, zur Querfront und zu antiautoritären Perspektiven.

Anmerkung: In Ermangelung eines passenderen Begriffs, welches Anarchist_innen und Linke mitmeint, verwenden wir den Begriff „Antagonistische“.

Im Oktober und November letzten Jahres verfasste unsere Gefährtin Fox zwei Beiträge zur Situation der Antagonistischen im deutschen Raum hinsichtlich der Corona-Pandemie. Beide Beiträge stießen überraschenderweise auf viel positive Resonanz — überraschend deshalb, weil der antagonistische Diskurs zu dieser Zeit weiterhin weitestgehend das staatliche Narrativ verfolgte und antiautoritäre Perspektiven Mangelware waren.
Ursprünglich war eine ganze Serie an Pandemie-Beiträgen geplant. Daraus ist leider nichts geworden, da Fox Ende Dezember aufgrund persönlicher Umstände eine Auszeit nahm und sich auch weiterhin in einer Auszeit befindet. Nach all diesen Monaten wollen wir nun also einen erneuten Blick auf antiautoritäre Perspektiven in der Pandemie werfen und reflektieren, was sich geändert hat und was gleich geblieben ist.

„Die antiautoritäre Bewegung in Deutschland war bereits vor der Pandemie geschwächt. Nun muss man sich so langsam die Frage stellen, ob sie nicht bereits im Sterben liegt.“

Dieser Satz wurde im November 2020 verfasst. Und es ist erschreckend festzustellen, dass dieser Satz heute umso mehr seine Gültigkeit behält. Nein, die antagonistischen Bewegungen im deutschen Raum liegen nicht einfach nur im Sterben, sie sind in die völlige Bedeutungslosigkeit gesunken.

#AlleRausHier im Zuge der Debatten um Ausgangssperren war für viele ein Hoffnungsschimmer, uns eingeschlossen, aber was können wir festhalten? Die Ausgangssperre ist da — in Bayern übrigens seit etlichen Monaten ohne jeglichen nennenswerten Widerstand — und obwohl es den Eindruck erweckt hat, dass viele Antagonistische endlich aus ihrer langen Resignation erwacht sind, schaffen es bundesweit nur 1000 Menschen gegen die Ausgangssperre zu demonstrieren. Diese Zahl muss man erstmal auf sich einwirken lassen. 1000 Menschen. Bundesweit. Damit kann man es wohl nun wirklich offiziell machen: wenn Anarchist_innen und Linke jetzt immer noch nicht die Straßen zurückerobern, welche sie über ein Jahr lang freiwillig Querdenken überlassen haben, wird sich auch in nächster Zeit nicht mehr viel ändern. Der Widerstand ist tot.

Wenn die Pandemie eins gezeigt hat, dann, dass viele Linke, und erschreckenderweise auch viele Anarchist_innen, sich kein Leben ohne Staat vorstellen können. Antiautoritäre Perspektiven? Pandemiebekämpfung von unten? Kritische Debatten um den Ausnahmezustand? Lösungsansätze, die ohne Vater Staat auskommen? Fehlanzeige.

Heute wie gestern ist das Narrativ kaum verändert. Ein Teil der Linken fühlt sich hoffnungslos verloren, dass sie eigene Ideale verraten und sich einer Querfront anschließen [um hier wieder Fox zu zitieren: Man marschiert nicht mit Nazis!], ein weiterer Teil der Linken und Anarchist_innen resigniert weiterhin und verschließt die Augen vor der dystopischen Realität, in welcher wir uns bereits längst befinden, und ein mikroskopisch kleiner Teil im antagonistischen Diskurs lässt nicht nach und diskutiert tatsächlich den Ausnahmezustand — allerdings nicht ohne von Linken angegriffen zu werden und in eine Ecke mit der Querfront positioniert zu werden anstatt Kräfte gegen die tatsächliche Querfront zu mobilisieren.

Das Virus ist fucking real und tötet unzählige Menschen, die Pandemie ist kein geplanter Great Reset, und die Gefahr von Querdenken wächst von Tag zu Tag, aber das größte Problem im antagonistischen Diskurs bleibt die Diffamierung, sämtliche Kritik am Ausnahmezustand im Keim zu ersticken, sich weiter zu schwächen und das Feld den Rechten zu überlassen.

Doch das ist nichts Neues: Unter Linken wie auch unter Anarchist_innen ist es hierzulande zu einem selbstmörderischen Trend geworden, jede Position zu verwerfen, welche Rechte plötzlich für sich entdecken. Anstatt Stärke zu zeigen und entschlossen dafür zu kämpfen, dass antiautoritäre Perspektiven sichtbar bleiben, wird das Feld freiwillig geräumt. Dass es auch anders geht, zeigt zB Frankreich mit den Gilet Jaunes. Und so abstrus die Vorstellung nun auch klingen mag, aber diesen Alman-Linken (scheint uns der passende Begriff für eine Vielzahl der antagonistischen Stimmen hierzulande zu sein) ist es mittlerweile einfach nur noch zuzutrauen plötzlich eine reaktionäre Haltung einzunehmen, sollten Rechte progressive Positionen für sich entdecken. Polemisch? Vielleicht.

Und natürlich dürfen wir unsere Augen auch nicht davor verschließen, dass es tatsächlich wichtige Diskussionen (guter Witz) hinsichtlich verschiedener Positionen zur pandemischen Situation braucht. Aber alles, was nicht dem staatlichen Narrativ entspricht, als querdenkernah zu positionieren, verkennt die bittere Lage, in welcher wir uns befinden. Auch hier hat es Fox bereits vor etlichen Monaten richtig erkannt: die eigene Unfähigkeit ist die neue Stärke der Rechten. Querdenken wächst, weil „wir“ resignieren.

„Schon früh warnte Edward Snowden davor, dass ein Überwachungsstaat aufgebaut wird, welcher das Virus überstehen wird. Die Regierungen aller Länder nutzen die Pandemie um eine Architektur der Unterdrückung zu errichten. Und einen solchen Ausbau autoritärer Strukturen und Massenüberwachung wird man so schnell nicht wieder los.“

Und auch das ist genau so real wie die Gefährlichkeit der Pandemie und der Querfront. Willkommen in der neuen Dystopie der Zukunft. Willkommen in der neuen Normalität. Der Ausbau autoritärer Strukturen geht stetig voran, natürlich nur zum Schutz vor dem Virus! Widerstand von anarchistischer und linker Seite? Verhallt im Wind.

Genau das wird den antagonistischen Bewegungen den endgültigen Todesstoß versetzen. Wir befinden uns in einem Zeitalter der Umweltzerstörung, der Klimakatastrophe und der Pandemien. Covid-19 ist erst der Anfang. Zoonosen werden aufgrund der Entwicklung auf dieser Welt immer häufiger auftreten. Immer mehr Menschen werden an diesen leiden und sterben. Für Antagonistische ist es daher essentiell bereits jetzt (vor über einem fucking Jahr!) auf diese zu reagieren, sich auszutauschen, die Straßen zurückzuerobern. Davon ist jedoch kaum etwas zu sehen. Und es ist zweifelhaft ob „wir“ in der nächsten Pandemie eine weitere „Chance“ erhalten werden.

„Die antiautoritäre Präsenz hinsichtlich einer eigenen Antwort auf die Pandemie ist – milde ausgedrückt – ernüchternd. Seit den ersten großen Maßnahmen im März sind 8 Monate vergangen und die antiautoritäre Bewegung in Deutschland hat kaum etwas auf die Beine gestellt. Es dürfte mittlerweile schwierig werden aus dieser Lage herauszukommen – wenn auch nicht völlig unmöglich. Bei all den Trauerspielen der letzten Zeit habe ich doch tatsächlich noch Hoffnung.“

Sehen wir es doch ein: Es gibt keinen Grund mehr Hoffnung zu haben. Wir glauben zwar weiterhin, dass einzelne Individuen aus dem Zustand der Resignation ausbrechen werden und sind mit vollem Herzen bei ihnen (außer ihre Resignation schlägt in eine Querfront über — in dem Falle haben wir nur eins zu sagen: Verpisst euch!), aber für eine größere Bewegung ist es wohl längst zu spät. Die Brüche sind bereits zu stark. Die Querfront freut sich über „unser“ Versagen. Wer Querdenken angreift (richtig und wichtig!), sollte nicht die Augen davor verschließen, dass „wir“ dabei kräftig geholfen haben diese groß zu machen.

Doch was erwartet man auch schon? Diskriminierungen wie Antisemitismus und Sexismus sind bis heute Probleme in eigenen Reihen. Widerstand gegen den Staat und alles Autoritäre sind längst an einem Tiefpunkt angelangt. Die aktuelle Entwicklung in Pandemiezeiten, die Resignation, das Abdriften in eine Querfront wie auch das Diffamieren jeglicher Stimme, die nicht dem autoritären Narrativ folgt, passt da doch nur zu gut zu bisherigen Verhältnissen. Aber bleibt ruhig #StayHome, wartet auf das Ende der jetzigen Pandemie und einer Rückkehr zur Normalität. Die Normalität war schon vorher eine beschissene Realität, insbesondere für die am stärksten Marginalisierten. [Hier ist es auch sinnvoll anzumerken, dass der größte Widerstand gegen die Ausgangssperre von der insbesondere migrantischen Jugend kommt, aber das bekommt die weiße #Stayhome-Fraktion ohnehin nicht mit]

Ein deprimierender und niederschmetternder Kommentar zum Zeitgeschehen? Mit Sicherheit. Alle Achtung, wer heute noch einen Schimmer der Hoffnung am Horizont sieht. Wir lassen uns aber gerne eines Besseren belehren. Vielleicht schafft es irgendwann ein Beitrag tatsächlich ein Weckruf zu werden oder zumindest eine sinnvolle Debatte anzustoßen. Was diesen Beitrag anbelangt, so wird dieser wahrscheinlich direkt in der Luft zerrissen werden.

Was bleibt noch viel zu sagen? Viel Liebe für alle Widerständischen, welche allen autoritären Narrativen [die der Querfront wie auch der des Staates] trotzen und für eine antiautoritäre Perspektive kämpfen. Viel Liebe für alle Gefährt_innen, die sich gegen die Ausgangssperre und anderen autoritären Maßnahmen erheben, versuchen sich Gehör zu verschaffen, diskutieren und auf der Straße sind. Und natürlich viel Liebe an alle, die am stärksten vom Ausnahmezustand betroffen sind und welche von vielen Antagonistischen vergessen wurden. Diese geben zwar gerne vor besonders an die am stärksten Unterdrückten, den Armen, den Marginalisierten — d.h. überwiegend Migrantische —, zu denken, wissen sie aber ausschließlich in einer Opferrolle, während gleichzeitig nach einem harten Lockdown gelechzt wird. Die Realität, nach welcher es eben diese „Opfer“ sind, welche am ehesten Kontaktbeschränkungen missachten (und warum), wird einfach ignoriert — bzw weiße Antagonistische bekommen es nicht mit, weil ihnen der Bezug zu migrantischen und anderen Communities fehlt. Dazu scheint uns folgende Textstelle aus diesem Artikel passend:

Anzeichen dafür, dass vielen Proleten ein Leben, das von Angst vor Tod und Krankheit bestimmt ist, nicht so lebenswert erscheint wie ein Leben, das riskanter, aber eben auch angstfreier ist, gab es im vergangenen Jahr immer wieder: Umfragen in Frankreich, wonach der Anteil der Lockdown- und Isolationsbefürworter unter Menschen mit geringem Einkommen signifikant niedriger ist; Jugend- und Vorstadtrandale in Frankreich, Brüssel, Stuttgart und jüngst in Spanien. Das sind heterogene Phänomene, aber ihnen ist gemeinsam, dass viele Menschen im Aufstand oder, nüchterner, in der Ver­weigerung von Gesetzeskonformität, mehr Sinn sehen als darin, dem herrschenden Hygienediskurs zu folgen. Beharrt die Linke darauf, Arme und Proletarisierte zu Opfern der Pandemie zu erklären, nimmt sie – im besten Fall unfreiwillig, aber in vielen Fällen eben auch bewusst – den Standpunkt des Staates ein. Damit gibt sie ihre Eigenständigkeit auf. Aus Staatsperspektive sind die Leute »unten« Betreuungsobjekte, denen geholfen werden muss, und das heißt immer auch: Sie müssen in Schach gehalten werden; Fürsorge und Repression sind verschränkt.

Quellen für die genannten Umfragen in Frankreich werden zwar nicht geliefert, sind aber auch nicht notwendig, denn das Selbe können wir auch hierzulande aus unseren Umfeldern beobachten. Nicht dass es den Autoritätsarschkriechenden aber auch interessieren würde.

Den Antagonistischen, die in einer Querfront „Zuflucht“ suchen, weil es „ja nicht anders geht“, wie auch denen, die uns nun auch gerne diffamieren möchten, folgende Worte zum Abschluss (so nett wie möglich ausgedrückt): Fickt euch.