Heraus zum 1. Mai!

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Für die meisten Menschen ist der 1. Mai heute ein gewöhnlicher Feiertag, welchen man mit der Familie verbringt. Für andere ist der 1. Mai nach wie vor ein Tag, an welchem man auf soziale Ungerechtigkeit, schlechte Arbeitsbedingungen und andere systemische Missstände aufmerksam macht und dafür auf die Straße geht. Die Geschichte des 1. Mai als Kampftag und was Anarchist_innen damit zu tun haben ist vielen bedauerlicherweise unbekannt.

Sozialdemokrat_innen, etablierte Gewerkschaften wie auch Sozialist_innen gehen am 1. Mai auf die Straße und erinnern an den Kampf für den 8-Stunden-Tag. Doch zumeist haben die Demonstrierenden jedoch nur wenig Kenntnis von der Vorgeschichte, dass der Tag der Arbeit im Wesentlichen auf die Kämpfe von Anarchist_innen zurückgeht.

Die Forderung für den 8-Stunden-Tag existiert bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts.
In den USA wurde der 8-Stunden-Tag nach einem Generalstreik in Philadelphia im Jahr 1835 erhoben. In einigen Staaten wurde der 8-Stunden-Tag gesetzlich anerkannt. Der Hauptkampf um den 8-Stunden-Tag fand allerdings in Chicago statt. Der Staat Illinois verabschiedete im Jahr 1867 das Gesetz für den 8-Stunden-Tag, doch hatte das Gesetz diverse Schlupflöcher.

Im Jahr 1881 gründeten Anarchist_innen die International Working People’s Association, kurz IWPA. Die Anarchist_innen wollten damals wie heute eine friedliche und freie Gesellschaft ohne Herrschaft des Menschen über den Menschen aufbauen und sie wurden zur treibenden Kraft der Arbeiter_innenbewegung – nicht nur in Chicago, sondern weltweit. Zur damaligen Zeit hatten Anarchist_innen einen größeren Einfluss auf soziale Bewegungen als die Kommunist_innen und Sozialist_innen. Viele Gewerkschaften und Zeitungen wurden von ihnen ins Leben gerufen und sie waren stets an erster Stelle, wenn es darum ging gegen systemische Missstände vorzugehen.

1884 forderten die Föderierten Gewerkschaften und Arbeitervereine der USA und Kanadas, dass ab dem 1. Mai 1886 der Arbeitstag nicht mehr als 8 Stunden zu betragen hat. Am besagten Tag traten in den Vereinigten Staaten von Amerika etwa 340.000 Arbeiter_innen in den Streik, in Chicago allein waren es 40.000. Der Streik auf dem Haymarket in Chicago wurde zum entscheidenden Schlüsselmoment des 1. Mai als Tag der Arbeit.
Der 1. Mai blieb friedlich, doch am 3. Mai töteten Polizei und Pinkerton-Detektive zwei Arbeiter_innen beim Versuch den Streik aufzulösen. Bei einer anschließenden Demonstration detonierte eine Bombe, woraufhin die Polizei in die Menge schoss. Mehrere Cops wurden von eigenen Kugeln getroffen, 6 starben, ebenso wie mehrere Arbeiter_innen.


Als Reaktion auf die brutale Auseinandersetzung folgten Versammlungs- und Zeitungsverbote sowie Verhaftungswellen gegen die anarchistische Bewegung. Nach dem Täter wurde nie wirklich gesucht. Dem Staat war es viel wichtiger die Aktivist_innen auszuschalten, die über die Jahre hinweg als Redner_innen, Redakteur_innen und Organisator_innen von Veranstaltungen öffentlich aufgetreten waren.
Es folgten Hunderte von Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Am Ende wurden 31 Personen angeklagt, obwohl keine_r von ihnen etwas mit der Bombe zu tun hatte. Der Staatsanwaltschaft ging es weniger um die erfolgte Tat, viel mehr sollte dem Anarchismus ein Schauprozess gemacht werden.


Pinkerton-Detektive traten als Zeugen auf, doch aufgrund des Mangels an Beweisen mussten Falschaussagen die Tat belegen. Entlastungszeug_innen wurden gar nicht erst vor Gericht geladen. Dennoch konnte keinem der Angeklagten das Attentat nachgewiesen werden – die meisten waren nicht einmal am Tatort und alle hatten ein Alibi.
Die Staatsanwaltschaft und Richter hatten sich allerdings längst festgelegt, sodass es keine Rolle mehr spielte wer der eigentliche Attentäter und wie der Tathergang war. Über die unzähligen verletzen Cops sprach man im Prozess auch nicht mehr, vermutlich weil sich herausgestellt hatte, dass viele von ihnen vom eigenen Gewehrfeuer verletzt worden waren.


Sieben Angeklagte wurden schließlich als Anstifter des Mordes zum Tode verurteilt. Die anderen Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Einige Jahre später erklärte der neue Gouverneur die Angeklagten für unschuldig und die Hingerichteten zu Opfern eines Justizmordes.


Auf dem Gründungskongress der Zweiten Internationale im Jahr 1889 wurde zum Gedenken an die Opfer der 1. Mai als Kampftag der Arbeiter_innenbewegung ausgerufen. Im darauffolgendem Jahr wurde er zum ersten Mal mit Massenstreiks und – demonstrationen weltweit begangen.


In Deutschland versuchten die Sozialdemokrat_innen den 1. Mai als Streiktag stets zu sabotieren. Der 8-Stunden-Tag sollte durch Verhandlungen erreicht werden und nicht durch einen Generalstreik.
Die Drückeberger_innen von der SPD versuchten immer wieder Arbeitsniederlegungen am 1. Mai zu verhindern, mit der Begründung, dass die ökonomische Lage dagegen spreche. Dennoch fanden jedes Jahr Demonstrationen und Streiks statt.
Die reformistischen Gewerkschaften hatten nie ihren Teil dazu beigetragen aus dem 1. Mai einen wirklichen Kampftag der Arbeiter_innenklasse zu machen und das sich der DGB heute diesen Tag auf die Fahnen schreibt kann man nur als blanken Hohn bezeichnen.

Heute ist der 1. Mai ein offizieller Feiertag, der von den Gewerkschaften für müde Kundgebungen genutzt wird. Viele nutzen den Tag um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen oder besaufen sich. Dabei ist der 1. Mai in erster Linie ein Gedenktag. Wir gedenken den Anarchisten, die hingerichtet wurden, weil sie für bessere Arbeitsbedingungen und eine bessere Welt gekämpft haben.

Lasst den Widerstand wieder aufblühen, der in der Pandemie umso wichtiger geworden ist. Heraus zum 1. Mai! Für ein Feuer der Revolte, für eine starke Rebellion. Wir sehen uns auf den Straßen!

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