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Liebe & Wut: Der Eros-Effekt und spontaner Aufruhr

Ein Blick auf das Konzept des „Eros-Effekts“ (Eros = Lebenstrieb) und welche Einblicke es in die aktuelle Dynamik von Widerstand und Revolution bietet. Ursprünglich veröffentlicht vom Institute for Anarchist Studies.

Es gibt Momente in der Geschichte, in denen sich das revolutionäre Feuer in der Welt zu entzünden scheint und Proteste von einem Land zum nächsten ausbrechen. Die demokratischen Revolutionen von 1848, die Bakunin und Marx inspirierten. Die gegenkulturellen Jugendrebellionen, Antikriegsdemonstrationen und Black Power Bewegungen von 1968. Die Bewegung zur Veränderung der Globalisierung, die 1994 mit den Zapatista begann, sich durch Massenmobilisierungen in Orten wie Seattle, Washington 1999 und Genua, Italien 2001 wandelte und 2003 in einem der größten globalen Proteste der Geschichte gegen die bevorstehende US-Invasion im Irak gipfelte. Und natürlich, in jüngerer Zeit, die Mobilisierungen von 2011, einschließlich des Arabischen Frühlings, der spanischen Indignados und der Occupy-Bewegungen, die schließlich jeden Winkel der Welt erreichten. Tatsächlich kann man sagen, dass wir uns in einer weiteren Periode der Revolte befinden, mit einem riesigen Aufschwung an Protesten – von den 26 Millionen, die letzten Sommer in den USA für raciale Gerechtigkeit auf die Straße gegangen sind, bis hin zum jüngsten Bauernaufstand und dem massiven Generalstreik in Indien mit 250 Millionen Menschen.

Für diejenigen von uns, die versuchen, die Dynamik von Revolution und Widerstand zu verstehen, wirft dies zwangsläufig die Frage auf, warum und wie dies geschieht, wenn es geschieht. Bewegungswissenschaftler*innen haben eine Reihe von Gedanken dazu angeboten, darunter George Katsiaficas „Eros-Effekt“, der auf Herbert Marcuses Ideen des „politischen Eros“ aufbaut und die entscheidende Rolle der menschlichen Verbindung und der erotischen Dimensionen im politischen Aktivismus betont. Im Gegensatz zu anderen soziologischen Konzepten wie „Diffusion“, „Schneeballeffekt“, „Ansteckung“ und der „Domino-Theorie“, die alle die Ausbreitung von Bewegungen betonen, ist für Katsiaficas das Hauptanliegen, die „Spontaneität“ und „Gleichzeitigkeit“ von Protesten während dieser Mobilisierungsphasen zu erklären.

Der Eros-Effekt bietet auch einen Einblick in die Natur unserer politischen Erfahrungen, indem er diesem berauschenden Gefühl von Verbindung, Liebe, Euphorie und Potential, das man erfährt, wenn man sich gemeinsam im Kampf für kollektive Befreiung engagiert, Sprache und Bedeutung verleiht. Tatsächlich sind es für viele von uns diese Momente, in denen wir uns am freiesten, ermächtigtesten und mit anderen durch intime Solidarität verbunden fühlen, oder das, was man als eine Erotik des politischen Handelns bezeichnen kann. Dies erweitert nicht nur unseren Sinn für das Machbare und Wünschenswerte, sondern auch unser Verständnis davon, wer wir in der Welt sind und wie wir uns zueinander verhalten. Zweifelsohne ist dies ein Teil dessen, was uns immer wieder zurückkommen lässt – sowohl wegen der Anziehungskraft dieses berauschenden Gefühls als auch weil es uns in engagierte Aktivist_innen verwandelt, die langfristig an ihre Kampfgefährt:innen gebunden sind und den nächsten Aufschwung erwarten.

Katsiaficas ist selbst ein langjähriger Aktivist und seit der Blütezeit der 1960er Jahre tief in die Organisierung involviert. Seine Arbeit und seine Schriften waren eine Inspiration für Generationen von Anarchist*innen und radikalen Aktivist_innen, die seitdem gekommen sind. Zusammen mit seiner Arbeit über soziale Bewegungen war Katsiaficas‘ Eros-Effekt besonders einflussreich. Im Jahr 2017, inmitten des nachhallenden Echos der globalen Rebellion von 2011 und dem Aufkommen einer neuen Protestwelle während der frühen Phasen des Movement for Black Lives, erschien eine Sammlung von Essays, die die Bedeutung und den Sinn von Katsiaficas‘ Arbeit neu beleuchtet. Spontaneous Combustion: The Eros Effect and Global Revolution, herausgegeben von Jason Del Gandio und AK Thompson, hat das Interesse an seinen Theorien neu entfacht und einen kritischen Dialog vor allem zwischen Katsiaficas und Thompson ausgelöst. Was folgt, ist der Kontext für diese Debatte, einschließlich einer biographischen Skizze von Katsiaficas‘ Leben, Arbeit und intellektuellen Einflüssen.

Als sich die revolutionären Bewegungen zurückzogen, kehrte Katsiaficas von San Diego nach Boston zurück und begann am Wentworth Institute of Technology, einem College der Arbeiter_innenklasse, zu unterrichten. In den 1980er Jahren verbrachte er Zeit mit den Autonomen in Deutschland und schrieb über seine Erfahrungen mit ihnen unter anderem im Z Magazine. Katsiaficas‘ Schriften über die deutsche autonome Bewegung, mit ihrem Schwerpunkt auf revolutionärer Politik, besetzten Häusern und kulturellen Räumen, und Straßenmilitanz einschließlich der Taktik des schwarzen Blocks, waren für viele Anarchist*innen und andere in den USA lebende Radikale zu dieser Zeit sehr einflussreich. Die Protesttaktik des schwarzen Blocks, bei der sich alle Demonstrierenden schwarz kleiden, ihre Gesichter bedecken und sich als koordinierte Gruppe bewegen, um die Überwachung und Angriffe der Polizei zu neutralisieren, wurde in den USA erstmals in den frühen 1990er Jahren bei der Earth Day Wall Street Action und dem Marsch in DC gegen den ersten US-Golfkrieg angewandt. Katsiaficas‘ Arbeit mit den Autonomen wurde anschließend in seinem Buch The Subversion of Politics: European Autonomous Social Movements and the Decolonization of Everyday Life (1997), wo er die Linie von 1968 über den italienischen Feminismus, die Anti-Atom-Bewegungen und den Antifaschismus bis hin zu ihrer konfrontativen Politik nachzeichnet. Er zieht auch die (Anti-)Politik und die Theorie der Autonomie aus seinen Bewegungsuntersuchungen heraus.

Katsiaficas‘ Forschungen und Schriften haben konsequent eurozentrische und traditionelle Ansätze der Gesellschaftstheorie herausgefordert. Wenn er über Bewegungen schreibt, ist sein Blick nicht nur auf den Westen beschränkt. Sein früheres Buch über die 1960er Jahre, The Imagination of the New Left: A Global Analysis of 1968 (1987), war einzigartig darin, wie es die Bewegungen als global darstellte und sich nicht darauf beschränkte, nur die Ereignisse in den USA und Europa zu untersuchen. Er verbrachte auch fünf Jahre in Korea, um asiatische soziale Bewegungen und Aufstände zu studieren und schrieb darüber in dem zweibändigen Werk Asia’s Unknown Uprisings (2012), das u.a. Volksbewegungen aus Korea, China, Thailand und Tibet behandelt. Katsiaficas unterscheidet sich von vielen Akademiker:innen darin, dass er auch ein engagierter Organisator war. Er geht über den teilnehmenden Beobachter hinaus und wird zum kämpferischen Forscher, jemand, der inmitten der Menschen lebt und mit ihnen zusammenarbeitet, über die er schreibt, und der seine Forschung als Förderung des globalen Aktivismus sieht, anstatt ihn einfach nur zu beschreiben oder zu analysieren. Das macht ihn jedoch nicht unvoreingenommen gegenüber Abstraktion und Analyse, sondern begründet seine theoretische Arbeit in der Praxis des Kampfes um die Veränderung der Welt. Es ist diese Geschichte der sozialen und politischen Revolte und sein persönliches Engagement für radikale Politik, die er in seine Arbeit einbringt.

Von Marcuses „politischem Eros“ zu Katsiaficas „Eros-Effekt“

All dies fließt in Katsiaficas‘ Konzept des Eros-Effekts ein, einem seiner wichtigsten Beiträge zur Bewegungstheorie und -praxis. Als Erweiterung von Marcuses Ideen zum „politischen Eros“ hilft der Eros-Effekt zu erklären, warum scheinbar spontane Bewegungen entstehen, wenn sie es tun. Marcuse sah es so, dass in fortgeschrittenen Industriegesellschaften unser Instinkt für Eros oder Lebenstrieb durch repressive Mechanismen der sozialen Kontrolle und Herrschaft sublimiert (in gesellschaftlich akzeptable Aktivitäten kanalisiert) wird. Dennoch „brodelt der Widerstand unter der Oberfläche eines reduzierten Bewusstseins, das schließlich in einer revolutionären Aktion überkochen kann“, da Eros niemals vollständig unterdrückt werden kann.

Politischer Eros ist also der Schlüssel zur kulturellen Transformation und zur Schaffung einer freien Gesellschaft, indem er die Individuen dazu zwingt, an der „Großen Ablehnung“ teilzunehmen. Dies beinhaltet die Ablehnung des „eindimensionalen Denkens“ und die Umarmung der erotischen Seite der menschlichen Natur, die es den Menschen ermöglicht, „Freundschaft … das Streben nach Wissen … die Schaffung einer angenehmen Umgebung … das Schöne und das Gute … über destruktive und konkurrierende Instinkte“ zu erleben und sich dadurch zu befreien. Marcuse erklärt diesen Prozess und die zentrale Rolle des Jugendaktivismus dafür in seinem „politischen Vorwort“ zu Eros and Civilization von 1966:

„Die intellektuelle Verweigerung kann Unterstützung in einem anderen Katalysator finden – der instinktiven Verweigerung der protestierenden Jugend. Es ist ihr Leben, das auf dem Spiel steht, und wenn nicht ihr Leben, so doch ihre geistige Gesundheit und ihre Fähigkeit, als unverstümmelte Menschen zu funktionieren. Ihr Protest wird weitergehen, weil es eine biologische Notwendigkeit ist. ‚Von Natur aus‘ stehen die Jungen an der Spitze derer, die leben und für den Eros gegen den Tod kämpfen… Aber in der verwalteten Gesellschaft mündet die biologische Notwendigkeit nicht sofort in Aktion; die Organisation verlangt nach Gegen-Organisation. Heute ist der Kampf für das Leben, der Kampf für den Eros, der politische Kampf.“

Nach einem Jahrzehnt der Forschung über die Bewegungen und das Revolutionsjahr 1968 und mit der Ermutigung von Marcuse, baute Katsiaficas auf diesen Ideen über den politischen Eros auf und formte seine Theorie, die er den Eros-Effekt nannte. Durchdrungen von seinen eigenen Beobachtungen über das gleichzeitige Auftreten von Aufständen und Rebellionen, sowie dem Jung’schen Verständnis eines kollektiven Unbewussten, konzentriert er sich nicht auf individuelle Erfahrungen von Eros, sondern erweitert das Konzept auf das kollektive Ganze der Menschheit.

Wie Katsiaficas argumentiert, ist der Eros-Effekt „ein Schlüsselmerkmal des historischen Prozesses und des Kampfes um Freiheit“. Das liegt an unserem angeborenen – und vor allem rationalen – menschlichen Drang nach Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung. In Anbetracht dieser Natur gibt es hin und wieder ein globales kollektives Erwachen – oder einen Prozess der Entsublimierung – als Antwort auf die tägliche Unterdrückung, der zu diesen katastrophalen Momenten des revolutionären Aufstands führt. Dies erklärt, warum spontane Bewegungen scheinbar gleichzeitig entstehen, wie es 1968, während des Arabischen Frühlings und zuletzt mit der Black Lives Matter Bewegung geschah. Kurzum, laut seiner Zusammenfassung:

„Solche spontanen Sprünge mögen zum Teil ein Produkt langfristiger sozialer Prozesse sein, in denen organisierte Gruppen und bewusste Individuen den Boden bereiten, aber wenn der politische Kampf Millionen von Menschen einbezieht, ist es möglich, ein seltenes historisches Ereignis zu sehen: das Auftreten des Eros-Effekts, das massive Erwachen des instinktiven menschlichen Bedürfnisses nach Gerechtigkeit und Freiheit. Wenn der Eros-Effekt auftritt, wird klar, dass das Gefüge des Status Quo zerrissen ist und die Formen der sozialen Kontrolle zerbrochen sind.“

Wenn dies geschieht, ist das, was wir sehen, nichts Geringeres als ein kultureller Wandel, ein neues gemeinsames kollektives Verständnis. Durch den Eros-Effekt gehen Hunderttausende – wenn nicht sogar Millionen – von Menschen über nationale, ethnische und raciale Grenzen hinweg auf die Straße und „menschliche Liebe zueinander und Solidarität miteinander ersetzen plötzlich die zuvor dominierenden Werte und Normen, [und] Konkurrenz weicht Kooperation, Hierarchie der Gleichheit, Macht der Wahrheit“.

Spontaner Aufruhr[1]: Ein fortlaufender Dialog über den Eros-Effekt

Beeinflusst von den revolutionären Mobilisierungen des Jahres 2011 und zahlreichen Aufständen in den darauffolgenden Jahren, erweitert und hinterfragt Del Gandio und Thompsons Sammelband Spontaneous Combustion die Ideen Katsiaficas (und im weiteren Sinne auch Marcuses), während er sich mit breiteren Fragen zur sozialen und politischen Rebellion auseinandersetzt. Der Band enthält Essays von einem Dutzend Autor*innen und berührt Themen, die von Fallstudien in Japan, Korea und Oakland bis hin zu Themen des Feminismus, des „verkörperten Geistes“ und der Vernunft als Revolte reichen. Die Sammlung enthält auch ein Interview mit Katsiaficas, das von Thompson geführt wurde, zwei Essays von Katsiaficas und ein Nachwort von Douglas Kellner. Einige Essays bauen auf dem Rahmen des Eros-Effekts auf, während andere, wie der von AK Thompson, dessen grundlegende Prämissen in Frage stellen.

Diese Diskussion wirft essentielle Fragen auf, die für diejenigen von uns relevant sind, die eine andere Welt schaffen wollen — Wie geschehen Aufstände und Revolutionen? Was ist die Beziehung zwischen Organisation und Spontaneität? Welche Rolle spielen Emotionen, Wünsche und unerfüllte Bedürfnisse gegenüber rationalen Debatten und politischen Programmen im sozialen und politischen Wandel? Was führt letztlich dazu, dass sich Menschen auf der Straße mobilisieren und ihr Leben riskieren?

Die Unterschiede zwischen Katsiaficas‘ Ansatz und insbesondere dem von AK Thompson sind ziemlich scharf. Katsiaficas argumentiert in erster Linie, dass die Menschen eher durch Liebe motiviert sind – für Menschlichkeit, für Freiheit, für Vergnügen – während Thompson dafür plädiert, dass die treibende Kraft für revolutionäre Veränderungen eigentlich die Wut über Ungerechtigkeit und kollektive Erfahrungen von „Mangel“ unter der „unerträglichen Natur der Gegenwart“ ist.

In seinem Kapitel „Eros-Effekt oder biologischer Hass“ erklärt Thompson, dass er Katsiaficas‘ Theorie zwar zustimmt, dass sie erklärt, wie „revolutionäre Aktivität ansteckend wird“, aber er ist nicht davon überzeugt, dass sie „den Zwang richtig beschreibt, der Menschen überhaupt zu revolutionärem Handeln führt“. Auf der Suche nach einer Antwort auf das, was er „die Motivationsfrage“ nennt, oder den Grund, „warum wir kämpfen“, schlägt Thompson vor, dass wir uns an Freud, Marx, Lacan und andere Theoretiker_innen wenden, die unseren Wunsch unterstreichen, die Gesellschaft zu verändern, um das zu erreichen, was wir uns vorstellen und erhoffen, was aber derzeit nicht Realität ist. Mit anderen Worten, was uns zur Revolte antreibt, ist „die Erfahrung des Mangels, die von den Unzulänglichkeiten der Gegenwart ausgeht“, etwas, von dem er glaubt, dass wir es vorsätzlich erweitern und in Richtung revolutionärer Ziele kanalisieren können. Außerdem spiegelt dies eher einen universellen biologischen Hass auf die Erfahrung des Mangels wider, als eine grundlegende „Güte“ in der menschlichen Natur.

Es ist diese Divergenz der Perspektiven, die zu einem fortlaufenden Dialog zwischen Katsiaficas und Thompson geführt hat. Beide stimmen darin überein, dass ihre unterschiedlichen Positionen strategische Implikationen haben – kann der Eros-Effekt taktisch genutzt werden, um Mobilisierungen zu entfachen, und wenn ja, wie? Zunächst einmal überlegen sie, ob der Eros-Effekt etwas ist, das Revolutionen verursacht oder aus ihnen hervorgeht, und ob er gefördert werden kann oder nur spontan und unerwartet auftritt. Außerdem, wenn wir tatsächlich in der Lage sind, den revolutionären Geist der Rebellion zu fördern, sollten wir uns dann auf die Förderung menschlicher Verbindungen und Solidarität konzentrieren, oder ist es besser, über Missstände zu agitieren? In der Tat ist vielleicht weder das eine noch das andere richtig (oder besser gesagt, beide sind es bis zu einem gewissen Grad). Könnte es sein, dass der Eros-Effekt sowohl durch den Kampf auf der Straße kultiviert wird, als auch das ist, was uns überhaupt erst dorthin führt? Vielleicht sind es sowohl Liebe als auch Wut, die uns zum Handeln antreiben – eine Kombination aus Liebe und tiefer Solidarität füreinander und Wut über die Grausamkeit, Gleichgültigkeit und Gewalt unseres derzeitigen Systems. Schließlich nennt Marcuse selbst, wie Thompson hervorhebt, neben dem politischen Eros auch den „biologischen Hass“ als grundlegend für die „Große Ablehnung“.

Wir können zum Beispiel über viele Bewegungen heute nachdenken. Es ist sowohl Liebe als auch Wut, die die Bemühungen um racialer Gerechtigkeit antreibt – Liebe und Wertschätzung für das Leben der Schwarzen und tiefe Wut über unsere Gesellschaft, die auf Rassismus, Hass und Tod aufgebaut ist. Bei der Organisation von Klimafragen ist es sowohl die Liebe zur Erde und zur Menschheit als auch die Anerkennung unserer gegenseitigen Abhängigkeit mit der nicht-menschlichen Natur und die Wut über die zerstörerische Natur des racialen Kapitalismus. Während der Pandemie waren es Liebe und Fürsorge für andere, die Zehntausende von gegenseitigen Hilfsprojekten katalysierten und es waren auch Angst und Wut über das Versagen des Staates, Millionen vor dem Tod zu bewahren. Und obwohl die Empörung über den Faschismus den antifaschistischen Widerstand antreibt, wird diese Arbeit auch von der kämpferischen Liebe füreinander angetrieben, die sich durch gemeinschaftliche Selbstverteidigung und Solidarität ausdrückt.

Wie auch immer, es ist klar, dass Katsiaficas – und Marcuses – Arbeit in dieser Zeit der Verzweiflung besonders nützlich ist. Wir sind konfrontiert mit institutionellem Rassismus, Polizeigewalt, unerbittlichem Patriarchat und Anti-trans-Gewalt, während faschistische Kräfte auf den Straßen weiter wachsen. All dies geschieht vor dem Hintergrund zunehmender klimatischer Instabilität, des Artensterbens und der anhaltenden ökologischen Krise. Die Macht des politischen Eros wieder einzuführen und zu verstehen, wie der Eros-Effekt die besten der historischen Bewegungen der Menschen in Richtung Freiheit und Glück beseelt, kann uns helfen, besser zu verstehen, wie sozialer Wandel geschieht und uns eine Basis für Hoffnung geben. Wenn wir auf Marcuse zurückgehen, können wir sehen, wie seine Ideen über politischen Eros und die Politik der Ablehnung bei radikalen Denker_innen heute mitschwingen, wie z.B. Adrienne Maree Brown und Walidah Imarisha, die Radikale dazu aufrufen, eine befreiende Vorstellungskraft zu entwickeln und eine Politik des Vergnügens und des Überflusses zu fordern, um dem Autoritarismus und den Tendenzen in der Gesellschaft zu trotzen, die uns in Richtung Faschismus führen.

Inzwischen ist der Eros-Effekt besonders hilfreich, um dem aktuellen politischen Moment einen Sinn zu geben. Man weiß nie, wo der nächste Aufschwung stattfinden wird. Ein paar Jahre nach der Finanzkrise im Jahr 2008 erlebten wir plötzlich den Arabischen Frühling, gefolgt von der Occupy-Bewegung. Im Jahr 2016, nach den Morden an Trayvon Martin und Mike Brown, wurde die Black Lives Matter Bewegung geboren, nur um dann wieder zu schwinden und nach dem Mord an George Floyd durch die Polizei mit historischer Wucht zurückzukehren. Die Bewegung für Schwarze Leben von 2020 ist vielleicht die größte soziale Bewegung in der Geschichte der USA. Wenn man sich die vielen jüngsten und laufenden Aufstände ansieht – von den Protesten gegen die Abtreibungsgesetze in Polen und Honduras bis hin zu den pro-demokratischen Bewegungen in Myanmar und davor in Hongkong, Frankreich, Brasilien und dem Libanon, um nur einige zu nennen – leben wir vielleicht gerade in einer neuen Periode globaler Revolte, die zum Teil durch den Eros-Effekt motiviert ist.

Es gibt noch eine Reihe anderer Gründe, Katsiaficas‘ Arbeit über Eros wieder aufzugreifen. Sie hat sehr praktische Implikationen für den Aufbau von Bewegungen, indem sie die Wichtigkeit der Stärkung von Vertrauen und Solidarität über Trennlinien hinweg unterstreicht, die „als leitende Kraft und als lebensbejahendes Prinzip wirken kann, wenn sich Menschen in politischen Aktivismus … in Momenten der Krise vereinen“. Natürlich hilft es auch, die übergreifende Frage zu erklären, die so viele von uns gestellt haben: „Warum und wie reagieren Menschen auf Unterdrückung und kämpfen für Befreiung?“ Es gibt Einblick in die erotische Erfahrung des gemeinsamen Kampfes auf der Straße, die uns mit unseren Gefährt:innen verbindet und uns verändert, wer wir sind. Wie Katsiaficas uns daran erinnert, können revolutionäre Momente des Eros-Effekts zwar flüchtig sein, aber sie „können Menschen auf tiefgreifende und dauerhafte Weise verändern“. Und es gibt noch mehr theoretische und praxisbezogene Gründe, den Eros-Effekt kritisch zu reflektieren, die die Debatte und die Diskussionen mit Thompson und anderen in Spontaneous Combustion verdeutlichen. Doch vielleicht ist es vor allem ein günstiger Zeitpunkt, die Arbeit von Katsiaficas, und Marcuse vor ihm, wieder aufzugreifen, da sie uns Hoffnung und einen Sinn für Möglichkeiten bieten, die wesentlich sind, um unseren langen Kampf für eine freie Gesellschaft aufrecht zu erhalten.


[1] Spontaneous Combustion bedeutet wörtlich übersetzt spontane Selbstentzündung und ist ein Wortspiel mit der „spontanen menschlichen Selbstentzündung“, eine Bezeichnung für einen modernen Mythos, nach dem menschliche Körper ohne Anlass Feuer fangen können. Hier ist die Selbstentzündung in einem revoltierenden Kontext gemeint, daher haben wir uns entschieden es mit spontanem Aufruhr zu übersetzen.