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Angst und Schmerz — treibende Kraft des Faschismus und Katalysator der Veränderung

Schmerz und Angst haben mehrere politische Möglichkeiten. Die Politik des Schmerzes und der Angst ist eine treibende Kraft des Autoritarismus und des Faschismus. Sie können Menschen niederdrücken, aber sie können auch dringend benötigte Veränderungen katalysieren, die letztendlich die Welt zu einem besseren Ort machen.

„Fear is the mind-killer.“ So lautet ein berühmtes Zitat aus dem Science-Fiction-Klassiker Dune. Psychologisch gesehen ist da viel Wahres dran. Wir leben in einer Welt, die von Angst belagert wird, einer Welt, die mit einer Welle des Autoritarismus konfrontiert ist, einer modernen Pest, einer Epidemie von wirtschaftlicher Ungleichheit und Unsicherheit und einer Kaskade von Klimakatastrophen.

Angst und Schmerz gehören zu den zuverlässigsten Werkzeugen im Arsenal eines aufstrebenden Autokraten. Sie sind Schocktruppen, die Unruhen unterdrücken und alle Einwände der entschlossensten Gegner:innen zerstreuen. Um die Gelegenheit, die wir jetzt haben, um die Autokratie zu entwaffnen, voll auszunutzen, müssen wir die inneren psychischen Mechanismen der Politik der Angst untersuchen. Dies wird uns erlauben, die faschistische Angstmacherei zu entmystifizieren und zu entschärfen und besser zu verstehen, wie wir den weit verbreiteten Schmerz, den die Menschen während der Pandemie erleben, in eine Politik der Empathie umwandeln können.

DIE PSYCHOLOGIE DER ANGST

Angst macht uns zu misstrauischen Menschen. Sie verengt unseren Fokus. Ängste können hochgradig sozial motiviert sein: Die Furcht vor Schmach, Peinlichkeit, Spott, Ächtung und Enttäuschung unserer Liebsten und Freund:innen beruht auf der Art und Weise, wie andere uns sehen, ebenso wie unsere Ängste, zu verlieren, was wir haben, zurückzufallen, Opfer zu werden und etwas zu verpassen. Trotz der scheinbar sozialen Natur dieser Ängste, versetzen sie uns in eine Position, in der wir sehr selbstbewusst sind und andere Menschen in erster Linie als Bedrohung, potentielle Quellen der Demütigung oder Schlimmeres betrachten.

Die Angst, die wir gegenüber der Aussicht auf körperlichen Schmerz empfinden, ist nicht sozial motiviert, auch wenn wir ermutigt werden, andere als mögliche Quellen von Gefahr oder Schaden zu betrachten. Stattdessen ist sie primär biologisch, sie hypersensibilisiert uns für unsere zerbrechlichen Körper. Vieles in der Politik beruht auf Fragen der Psychologie, und im Bereich der Psychologie regiert die Wahrnehmung an erster Stelle. Ob die Bedrohung echt ist oder nur wahrgenommen wird, ist unerheblich. Die Wahrnehmung einer Bedrohung löst eine Kampf- oder Fluchtreaktion aus; sie hetzt die Menschen gegeneinander auf und spornt zur Suche nach Feind:innen an.

Carl Schmitt, der Nazi, dessen Denken sich immer noch einer gewissen Beliebtheit in angloamerikanischen politikwissenschaftlichen Abteilungen erfreut, glaubte, dass die grundlegende politische Unterscheidung die zwischen „Freund:in“ und „Feind:in“ ist. Schmitts Nationalsozialismus war kein Zufall. Eine wir-gegen-sie, Freund:in-Feind:in-Mentalität ist eine Form des katastrophalen Denkens, und Faschist:innen – alte und neue – sehnen sich nach Katastrophen.

In den frühen Tagen des Krieges der Vereinigten Staaten gegen den Terrorismus erklärte George W. Bush, ganz nach Schmitts Lehrbuch: „Im Kampf gegen den Terror seid ihr entweder mit uns oder gegen uns.“ In ähnlicher Weise versuchte die Trump-Administration, China zu dämonisieren und nutzte eine Wir-gegen-die-Mentalität, um die Bewohner:innen ihrer imaginären „schweigenden Mehrheit“ der Mittelamerikaner:innen gegen die anderen auszuspielen. In weiten Teilen Europas hetzen Nationalist:innen gegen Migrant:innen und versuchen, islamfeindliche, homofeindliche, antisemitische und romafeindliche Stimmungen zu schüren.

Tribalismus verengt die eigene Sichtweise und ermutigt zu summarischen, binären Urteilen, die neue Möglichkeiten verwerfen und nützliche Alternativen ausschließen. Er verflacht die Wahrnehmung der Realität, vereinfacht die Gedanken und betäubt die Kraft der Analyse. Diese gedankenabtötende Fähigkeit ist in den sozialen Medien und in der Berichterstattung der Mainstream-Medien über Politik nur allzu sichtbar. Erwartungen und Etiketten konditionieren die soziale Realität. Jemanden als unzuverlässig oder als Feind:in zu brandmarken, macht die Person eher geneigt, feindselig zu sein. Misstrauen erzeugt Misstrauen. Misstrauen ist oft eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, die Feindschaft und Unheil beschleunigt.

In Situationen, in denen wir dazu manipuliert werden, unsere Mitmenschen als Bedrohung zu betrachten, sind die Menschen eine leichte Beute für Herrschsüchtige. Einmal geschürt, erzeugen Ängste Misstrauen, das die alltägliche Freundlichkeit und Solidarität zerstört. Dies erhöht die Einsamkeit. Die destabilisierende Erfahrung der Einsamkeit, gepaart mit der Angst vor Ablehnung, kann die Bereitschaft der Menschen verringern, Barrieren zu überwinden und sich mit anderen anzufreunden, wodurch ein Teufelskreis aus sinkendem sozialen Vertrauen und steigender Anomie entsteht. Einsamkeit und Isolation verwirren den Geist, lösen unseren Sinn für Vernunft auf und erzeugen den Drang, Gemeinschaft zu finden, wo auch immer sie sein mag, selbst wenn es in dem verzerrten, falschen Versprechen der Faschist:innen von Gemeinschaft ist, das auf rassistischen, sexistischen, antisemitischen und homofeindlichen Versuchen beruht, „uns“ zu definieren.

DIE SEHNSUCHT NACH KONTROLLE

Unter autoritären Regimen bedeutet Selbsterhaltung oft, nicht das Boot zu schaukeln. Vergeltungsmaßnahmen gegen sich selbst oder die eigene Familie zu verhindern, bedeutet in der Regel, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen und übermäßige Aufmerksamkeit der Behörden zu vermeiden. Nach der Terror-Management-Theorie macht die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit die Menschen tendenziell rechtslastiger. Angst versetzt Menschen in einen Zustand, in dem sie bereit sind, zuvor undenkbare Vorstellungen zu unterhalten.

In einem Moment tiefer Angst – Angst vor der Zukunft, Ungewissheit oder Versagen – neigen wir dazu, unser Unbehagen auf jeden zukünftigen Moment zu projizieren, den wir in Erwägung ziehen, was uns in einer selbstzerstörerischen, selbstgefährdenden Denkweise gefangen hält, die uns anfällig für die Verlockungen der Autoritären macht, die uns Sicherheit, Ordnung und wiedergewonnene Handlungsfähigkeit in einer gefährlichen Welt versprechen.

Die Geschichte des politischen Denkens bestätigt, dass Autoritarismus unter Umständen attraktiv wird, in denen wir einen Kontrollverlust erleben. Thomas Hobbes, Han Feizi und Niccolò Machiavelli lebten oder wuchsen in stürmischen Zeiten auf, und jeder von ihnen vertrat harsche autoritäre, auf Angst basierende Methoden der sozialen Disziplinierung: Hobbes mit dem tyrannischen Leviathan, Han Feizi mit strengen legalistischen Methoden der Bestrafung und einem mächtigen Kaiser und Machiavelli mit seiner berüchtigten Weisheit, dass „es besser ist, gefürchtet als geliebt zu werden.“

Thukydides und Aristoteles waren keine Verfechter des Autoritarismus, aber Thukydides‘ Geschichte und Aristoteles‘ Politik zeigen, dass Tyranneien in politisch und wirtschaftlich unruhigen Zeiten entstehen. Wie wir heute unter anderem mit Viktor Orbán in Ungarn, der Partei Recht und Gerechtigkeit in Polen, Narendra Modi in Indien, der Goldenen Morgenröte in Griechenland, Marine Le Pen in Frankreich, Donald Trump in den USA und Erdoğan in der Türkei gesehen haben, treiben Konflikte und Instabilität autoritäre Kräfte an die Macht: Konkurrenz passt gut zu einem kriegerischen Paradigma, das Stärke, Krieg und Männlichkeit privilegiert. Instabilität entfacht raciale, religiöse, kulturelle und sexuelle Spaltungen innerhalb einer Bevölkerung, was einer „Teile und herrsche“-Strategie zum Erfolg verhilft.

VON DER VERWUNDBARKEIT ZUR VEREINIGUNG

Aber Schmerz und Angst können auch eine positive Politik anregen, die uns vereint. Menschen leiden oft im Stillen, schmachten in Isolation und Selbstvorwürfen. Sie geben sich selbst die Schuld für ihre Ängste. Obwohl Schmerz zu den zutiefst persönlichen Phänomenen zu gehören scheint, kann er artikuliert werden. Wir können uns den Schmerz anderer vorstellen, besonders wenn er akut und leicht nachvollziehbar ist, weil der Träger*die Trägerin des Schmerzes uns ähnelt.

Unsere Fähigkeit zur Empathie ist unvollkommen, aber sie ist fundamental: Spiegelneuronen sind biologische Symbole dafür, wie tief Empathie verankert ist. Wenn Menschen ergreifende Geschichten erzählen, können wir uns leichter einfühlen. Und die Erfahrungen von Schmerz und Angst sind universell. Der Kampf um die Selbsterhaltung kann auch gegenseitige Hilfsbemühungen motivieren, wie wir auf der ganzen Welt während der COVID-19-Pandemie gesehen haben, und wie wir es regelmäßig bei den Überschwemmungen der Unterstützung von normalen Menschen sehen, die nach jeder Naturkatastrophe entstehen.

Antiautoritäre Bewusstseinsbildung macht sich diese Wahrheiten zunutze. In dem Prozess, ihren Schmerz öffentlich mitzuteilen, ihren täglichen Stress und ihre Sorgen in Gruppen zu teilen, kommen die Menschen zu der Erkenntnis, dass ihre Probleme keine isolierten Fälle von persönlichem Versagen sind, die Gefühle von Scham und Schuld verdienen. Stattdessen sind sie Ereignisse, die systematisch in großen Teilen der Bevölkerung passieren. Sie sind keine Unfälle; sie sind die unvermeidlichen Produkte eines ungerechten Systems.

Diese Erkenntnis befreit die Menschen von Gefühlen der Unzulänglichkeit und Scham. Kurzfristig inspiriert es sie, Gemeinschaften aufzubauen, um den Schmerz der anderen durch Freundschaft und gegenseitige Hilfe zu lindern. Im Idealfall motiviert es die Menschen längerfristig, sich zusammenzuschließen, um ihre wirtschaftliche und soziale Notlage vollständig zu beseitigen.

Schmerz und Kummer können unseren Horizont erweitern, unsere empathischen und phantasievollen Gaben ausbauen und uns lehren, jeder Person, der wir begegnen, Nachsicht und Milde entgegenzubringen. Sie können uns dazu motivieren, Fremde als potentielle Verbündete, Partner:innen und Freund:innen zu sehen und uns dazu befähigen, uns für politische Veränderungen einzusetzen, die das Leben weniger tragisch und schmerzhaft machen.

AKTIVISMUS IM ANGESICHT DER TRAGÖDIE

In den 1790er und frühen 1800er Jahren nutzten Gruppen haitianischer Sklav:innen den Schmerz und das Leid, das sie in den Händen brutaler Herren ertragen hatten, als Treibstoff für die haitianische Revolution und gründeten den ersten postkolonialen Staat, der von ehemals versklavten Menschen regiert wurde. In den Vereinigten Staaten fanden trotz der totalitären Brutalität des südlichen Sklavereiregimes über 250 Rebellionen statt. Im New York des frühen 20. Jahrhunderts und in den USA löste die Tragödie des Feuers in der Triangle Shirtwaist Fabrik 1911 einen öffentlichen Aufschrei und Organisierungsbemühungen aus, die zu großen Arbeitsrechtsreformen führten.

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert spornten die Verluste im Angesicht der staatlichen und unternehmerischen Gewalt, die gegen die gewerkschaftliche Organisierung entfesselt wurde, die Entschlossenheit zum Aufbau von Gewerkschaften auf der ganzen Welt erneut an. In den 1950er und 1960er Jahren nahm die Bürgerrechtsbewegung das unermessliche Leid der Afroamerikaner:innen unter Jim Crow auf und erzwang dank der konzertierten, anhaltenden Bemühungen von standhaften Mitgliedern der Bewegung die Aufhebung der sogenannten Rassentrennung.

1977, während der dunkelsten Tage des Schmutzigen Krieges der argentinischen Militärdiktatur, begann eine Gruppe von 14 mutigen Müttern, die ihre Kinder durch das häufige „Verschwindenlassen“ von Student:innen und politischen Gegner:innen durch das Regime verloren hatten, vor dem Präsidentenpalast zu marschieren, um Antworten von der Regierung zu fordern. Trotz der Gefahr, selbst zu verschwinden und getötet zu werden (ein Schicksal, das einige der Anführenden der Gruppe tatsächlich erlitten), kämpften Las Madres de La Plaza de Mayo weiter für Gerechtigkeit. Sie nahmen ihre Qualen und verwandelten sie in eine mächtige Forderung nach Rechenschaft. Ihre Zahl wuchs, die öffentliche Unterstützung wendete sich zu ihren Gunsten, und nach mehr als 2000 Märschen wurden 1000 Mitglieder der Militärdiktatur vor Gericht gestellt und 700 verurteilt. In El Salvador und Mexiko haben sich ähnliche Müttergruppen gebildet, darunter die Madres Activistas de Xalapa, die heute im mexikanischen Bundesstaat Veracruz aktiv sind und Gerechtigkeit für ihre Kinder fordern, die von einer nicht reagierenden Justizbürokratie verschluckt wurden.

In Indien kämpfen heute hart bedrängte Bauern*Bäuerinnen, die die Hauptlast des Klimawandels und der wirtschaftlichen Ungleichheit zu tragen haben, mutig gegen die Vorherrschaft der Konzerne in der Landwirtschaft und die Versuche des protofaschistischen Modi-Regimes, einen Großteil der indischen Wirtschaft zu privatisieren. Bislang haben sie Hunderttausende mobilisiert – sowie eine atemberaubende Zahl von 250 Millionen Menschen für einen eintägigen Solidaritätsstreik am 26. November 2020 – und haben teilweise Zugeständnisse erreicht. Diese Proteste, die sich nun schon über Monate hinziehen, bieten uns ein inspirierendes Beispiel dafür, wie Leiden eine befreiende Politik katalysieren kann.

EIN NEUES „NORMAL“ SCHAFFEN

Die Geschichte der Menschheit bietet unzählige Beispiele dafür, wie sich Menschen zusammenschließen und ihr Leid in eine starke Kraft für die Emanzipation oder Selbstbefreiung verwandeln. Tragödie und Solidarität müssen nicht zwangsläufig zusammenpassen: Es ist möglich, dass ein tiefes Trauma jemanden einmauert, die Person in ihrem Privatleben einschließt, wo es das Leid stillt, bis es gerinnt. Der entscheidende Faktor ist das politische und wirtschaftliche Klima: Wo sich Menschen machtlos, hoffnungslos, stimmlos, einsam und in Angst vor dem wirtschaftlichen Ruin fühlen, folgt bald der Autoritarismus. Unter „normalen“ Bedingungen bietet die kapitalistische Moderne nur wenige Möglichkeiten, echte Gemeinschaft zu erleben, und zwingt Menschen dazu, unter Androhung von Strafe zu konkurrieren, nur um zu überleben.

Wir müssen daher eine neue „Normalität“ schaffen: Gesellschaften, die warme, egalitäre Gemeinschaften fördern, die die Menschen vor wirtschaftlicher Not und psychischer Wurzellosigkeit schützen. Solche Gesellschaften würden die nagende Angst vor Armut, Zwangsräumung, Hunger, Bankrott oder Krankheit beseitigen, die Angst, dafür bestraft zu werden, dass man am Arbeitsplatz seine Meinung sagt oder sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt, die quälende Einsamkeit, wenn man die Menschen um sich herum als Konkurrenz oder Bedrohung betrachtet, die Traurigkeit, wenn man sich politisch sprachlos fühlt, den Schmerz, wenn man inmitten des Überflusses Entbehrungen und Schulden ertragen muss.

Wie die Philosophin Hannah Arendt 1950 in ihrer klassischen Analyse The Origins of Totalitarianism abschreckend warnte: „Totalitäre Lösungen können den Fall totalitärer Regime in Form von starken Versuchungen überleben, die immer dann auftauchen werden, wenn es unmöglich erscheint, politisches, soziales oder wirtschaftliches Elend auf eine menschenwürdige Weise zu lindern.“ Um unsere Welt gegen das Gespenst des Faschismus zu impfen und die Politik der Angst zu einem Artefakt der Vergangenheit zu machen, ist es notwendig den Schmerz und die Angst für etwas Schönes zu nutzen und sich zu erheben.


Dieser Beitrag basiert auf dem Essay „Moving beyond the politics of pain and fear„. Essay wurde an mehreren Stellen gekürzt bis hinzu verändert, weil er eine abartige „Demokratie ist Liebe“-Mentalität enthielt.