Ljubljana, Slowenien: Sie haben unser Rog genommen, wir werden die Stadt nehmen!

Download als eBook oder PDF:

Ljubljana. Slowenien. Diese Woche würden wir den 15. Geburtstag der Autonomen Fabrik Rog feiern. Aber da wir nirgendwo hingehen können, werden wir in der ganzen Stadt feiern.

Ursprünglich veröffentlicht auf Komunal.

Im letzten Jahr hat uns die Pandemie genau gezeigt, wie schädlich und unsozial die Politik des Neoliberalismus ist, die sowohl auf staatlicher als auch auf lokaler Ebene umgesetzt wird, da sie zur immer größeren Not der Mehrheit der Menschen beiträgt. Für eine Handvoll Entscheidungstragenden und ihre Netzwerke erwies sich die Krise jedoch als eine große Chance, ihre privaten Interessen zu fördern. Nach einem vollen Jahr der Corona-Pandemie ist somit klar geworden, dass trotz der Wirtschaftskrise das politische und finanzielle Establishment gediehen ist, noch mehr Macht und Unterstützung des Repressionsapparates gewonnen hat, um Proteste und Massenrebellionen zu ersticken.

Zudem schätzte die Stadtverwaltung von Ljubljana, dass sie im Schulterschluss mit der rechten Regierung und der ihr unterstellten Polizei endlich die Auslöschung der von der Staats- und Stadtregierung wegen ihrer kritischen Ansichten und ihres Nonkonformismus verachteten Autonomen Fabrik Rog vollziehen konnte. Eine Krise, sei es die Corona-Pandemie oder eine andere, bietet den Machthabenden immer die Gelegenheit, hinterhältige Manöver durchzuführen, von denen sie hoffen, dass sie im Schatten der allgemeinen sozialen Notlage unentdeckt bleiben. Aber trotzdem oder gerade deswegen wollen wir weiterhin auf die destruktive kapitalistische Regierungsführung des Bürgermeisters Zoran Janković und der Gemeinde hinweisen, die sich als riskant und ziellos erwiesen hat.

Erinnern wir uns daran, wie das Stadtzentrum von Ljubljana während der ersten Coronavirus-Welle aussah – ein Gebiet ohne Menschen, da es weder Tourist:innen noch Angestellte gab, die sie bedienen konnten. Diese Geisterstadt-Erfahrung verdeutlichte die Nutzlosigkeit des Aufbaus einer touristischen Infrastruktur, die nicht auf die einheimischen Bürger:innen ausgerichtet ist, auch wenn sie mit öffentlichen Mitteln errichtet wurde. Es wurde deutlich, dass die Abhängigkeit Ljubljanas vom Tourismus eine falsche Strategie ist, da eine solche Ausrichtung zu Unsicherheit, dem Verweilen von einer Krise zur nächsten, zunehmender Unterbezahlung und Arbeitslosigkeit sowie der Ausbeutung prekärer Arbeit führt.

Trotz alledem verfolgt die Stadtregierung weiterhin ihre Vision der Elitisierung und „Säuberung“ der Stadt. Jede noch so kleine Fläche wird für den Bau von elitären Blöcken mit luxuriösen Wohnungen genutzt, während die Mehrheit der Bürger:innen aufgrund von explodierenden Mieten, unterbezahlten Jobs und Arbeitslosigkeit kaum noch über die Runden kommt. Viele Menschen mussten sogar wieder bei ihren Eltern einziehen, die in einer anderen Zeit bessere Möglichkeiten hatten, einen angemessenen Lebensstandard zu erreichen. Riesige Mengen an öffentlichen Geldern fließen in die „Säuberung“ der Stadt und die Auslöschung jeglicher Äußerung von Uneinigkeit mit dieser Politik, zu der auch die Autonome Fabrik Rog gehörte. Doch der Stadtverwaltung geht es nur um den Schein des Wohlstands – es muss unbedingt gebaut werden. Aber für wen? Um Geschäfte mit „treuen“ Firmen und Bauspekulant:innen zu machen und um Investor:innen zu bereichern, was zu einer zunehmenden Gentrifizierung der Stadtgebiete führt, aus denen die normalen Bürger:innen aggressiv verdrängt werden. Sie behandeln uns wie Müllcontainer: Sie entfernen uns und positionieren uns außer Sichtweite der reichen Besuchenden – sei es im Untergrund oder in den Vororten.

Es wird auch immer deutlicher, dass sich das Leben in Ljubljana in diesem Jahr in eine permanente Krise verwandelt hat, die durch den Griff des Repressionsapparates und seiner Tentakel noch schlimmer wird. Nie zuvor gab es so viele Bullen, Agent:innen, Inspektor:innen, Sicherheitsleute und Türsteher auf den Straßen, die die institutionelle Gewalt sanktionieren und normalisieren und sich um jede Opposition zur Stadt- oder Staatsregierung kümmern. Noch nie war die Kontrolle über unser Leben und Verhalten so weit verbreitet und tiefgreifend. Es ist unmöglich geworden, sich ihr zu entziehen, da sich die Regeln des „angemessenen“ oder „verantwortungsvollen“ Verhaltens täglich ändern. Für viele Bürger:innen ist Ljubljana unerträglich geworden. Diese Einschränkung der Freiheit und die zunehmende Zuständigkeit der Regierung, die Wirtschafts- und Wohnungskrise, die Zerstörung des öffentlichen Raums, die Kontrolle und Bestrafung auf den Straßen, die Disziplinierung und Repression müssen aufhören.

Freiheit und Gerechtigkeit sind nicht einfach ein Geschenk, das man erhält, deshalb müssen wir Mut finden und neue kreative Wege erfinden, um sie zurückzugewinnen. Der Zugang zur Stadt und das freudige Verweilen in ihr ist unser gemeinsamer Kampf. Die Rog-Mitglieder bleiben in der Frontlinie, trotz der Gewalt der Regierung, die in den letzten zwei Monaten auf uns losgelassen wurde. Wir haben beschlossen, auch die Justiz erneut auf die Probe zu stellen, während wir auf den Straßen von Ljubljana und anderen Städten mit all jenen bleiben, die das Bedürfnis haben, der scheinbar normalisierten alltäglichen Tyrannei der Machthabenden zu widerstehen. Wir lassen uns die Freude am Leben in einer Stadt der Vielfalt, des Regenbogens und der andersartigen Menschen nicht nehmen. Nur vereint können wir diesen Kampf für die Gleichheit aller, für eine Gemeinschaft ohne repressive Verhältnisse und für grenzenlose Kreativität des Arbeitens und Wohnens führen.

Vereint im Widerstand!

Rogovke_ci

SchwarzerPfeil
Folge uns!
Download als eBook oder PDF:

SchwarzerPfeil

Artikel und Übersetzungen von der Gruppe SchwarzerPfeil Übersetzungen bedeuten nicht automatisch Zustimmung mit dem Inhalt. Folge uns auf Mastodon: @schwarzerpfeil@antinetzwerk.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.