[Patriarchat und Geschlechteridentitäten Teil 5] Sicherheit ist eine Illusion

Download als eBook oder PDF:

Und noch einmal lohnt es sich, auf das Konzept des Safe-Spaces zurückzukommen. Während sich in den Konzepten Community Accountability und der hießigen Awareness Strategien zur Bekämpfung von Übergriffen zunehmend institutionalisieren, wird dabei oft die Frage danach zurückgestellt, inwiefern diese Institutionen überhaupt in der Lage sind, Unterstützung zu bieten. Ihre Infragestellung ist häufig ein Sakrileg und wird nicht selten „bestraft“ bzw. sanktioniert, als wäre die jeweils Kritik übende Person selbst übergriffig gewesen. Dabei mehren sich mit der Institutionalisierung von Safe-Spaces, die vor allem auf dem Papier, das sie proklamiert, zu bestehen scheinen auch die offensichtlichen Fälle des Missbrauchs. Es ist unbequem darüber zu sprechen, aber doch gibt es unzählige Fälle in denen Menschen alleine in den letzten Jahren fälschlicherweise und wie sich im Nachhinein manchmal herausstellte sogar mit bösartiger Absicht beschuldigt wurden, Täter*innen gewesen zu sein. Dieser Missbrauch entsprechender Safe-Space-Institutionen höhlt dieses Konzept so sehr aus, dass man es kaum wagt, diese Fälle in einer Offenheit zu diskutieren, mit der man sonst tatsächliche oder vermeintliche Täter*innen benennt. Da stellt sich die Frage: Inwiefern sind es nicht diese Safe-Space-Institutionen oder gar der Gedanke eines Safe-Spaces, die diese „Machtmissbräuche“ bedingen?

Der folgende Text erschien als eine Art Abrechnung einer langjährigen Befürworter*in solcher Konzepte und wirft die sicher unbequeme aber nichtsdestotrotz äußerst brisante Frage danach auf, ob man sich mit diesen Konzepten nicht die ganze Zeit über einer Illusion hingegeben hat.


Teil 1: Das Patriarchat verstehen
Teil 2: Gender Nihilismus – Ein Anti-Manifest
Teil 3: Negativität als Waffe: In Richtung des queersten aller Angriffe
Teil 4: Jenseits einer weiteren Geschlechteridentität
Teil 5: Sicherheit ist eine Illusion
Teil 6: Was ist Anarchafeminismus?


Sicherheit ist eine Illusion

Reflektionen zu Community Accountability

Ich wurde von einer*m lieben Freund*in gefragt, diesen Text über accountability in radikalen Communities zu schreiben – Einblicke zu geben, angesichts der Jahre, die wir gemeinsam damit verbracht haben, gegen Rape Culture zu kämpfen. Allerdings vertrete ich das Konzept von Accountability nicht länger. Ich will klar machen, dass meine Wut und meine Hoffnungslosigkeit über das derzeitige Modell ebenso groß ist, wie meine Hingabe, mit der ich es in der Vergangenheit befürwortet habe. Accountability ist für mich wie ein*e bittere*r Ex-Geliebte*r. In den letzten zehn Jahren habe ich versucht, diese Beziehung am Leben zu halten, aber weißt du was?

Es gibt soetwas wie Accountability in radikalen Communities nicht, weil es soetwas wie Community nicht gibt – nicht, wenn sexueller Missbrauch und sexuelle Übergriffe passieren. Mach doch gelegentlich mal eine ehrliche Umfrage und du wirst feststellen, dass wir uns nicht einig werden. Es gibt keinen Konsens. Community ist in dieser Hinsicht ein mystischer, oft genutzter und ziemlich missbrauchter Begriff. Ich will mit ihm nichts mehr zu tun haben.

Ich denke es ist an der Zeit, diese falschen sprachlichen Spiele, die wir spielen, zu beenden und zum alten Modell zurückzukehren. Ich vermisse die Tage, als es als angemessen galt, die Menschen schlicht halbtot zu prügeln und sie in den nächsten Zug aus der Stadt zu setzen – zumindest war dieser Austausch klar und ehrlich. Ich habe sowohl mit Überlebenden, als auch mit Täter*innen zu viel Zeit verbracht, in der sie in einer Flut von Worten ertranken, die weder Heilung bewirkten, noch eine verdammte Läuterung.

Ich bin es Leid, dass die Sprache der Accountability dazu genutzt wird, sich gegenseitig ausschließende Kategorien von “Scheißkerlen” und “Geschädigten” zu kreieren. Ich finde die Begriffe “Überlebende*r” und “Täter*in” abstoßend, da sie nicht im Ansatz geeignet sind, all die Arten zu beschreiben, auf die missbräuchliches Verhalten eine Dynamik zwischen zwei Parteien ist. (Dennoch werde ich diese Begriffe in diesem Text benutzen, weil sie der üblichen Sprachpraxis entsprechen.)

Wir können uns alle darauf einigen, dass Anarchist*innen nicht vor den Dynamiken missbräuchlichen Verhaltens gefeit sind, aber ich bin mehr und mehr zu der Erkenntnis gelangt, dass wir uns gegenseitig nicht schützen können. Über Konzepte gegenseitigen Einverständnisses zu reden mag ein guter Anfang sein, aber das wird niemals genug sein; die Sozialisierung von Geschlecht, Monogamie – die Lügen der Exklusivität und die Berufung auf “Liebe” als Angemessenheit sind zu stark. Die Menschen entscheiden sich für diesen Grad an Intensität, wenn eine Liebesaffäre frisch ist, wenn sich diese obsessive Intimität gut anfühlt und wissen später nicht, wie sie ein Umschlagen der Zuwendung verhindern können.

So ist das mit dem Patriarchat, es ist verdammt nochmal allgegenwärtig, und so ist das ein*e Anarchist*in zu sein, oder mit dem Versuch frei, wild und ohne Reue zu leben – nichts davon schützt dich vor Gewalt. Es gibt keinen Ort, den wir in einer beschädigten Welt wie der in der wir leben, schaffen könnten, in dem es keine Gewalt gibt. Dass wir überhaupt denken, dass das möglich sei, sagt mehr über unsere Priviligeien aus, als über irgendetwas anderes. Unsere einzige Autonomie liegt darin, wie wir Macht und Gewalt unsererseits vermeiden und gebrauchen.

Ich will folgendes besonders betonen: Es gibt nicht soetwas wie einen Safe Space unter dem Patriarchat, dem Kapitalismus, angesichts all der sexistischen, hetero-normativen, rassistischen, klassistischen, usw. Vorherrschaft, unter der wir leben. Je mehr wir vorzugeben versuchen, dass Sicherheit innerhalb einer Community existieren könne, desto enttäuschter und verratener werden unsere Freund*innen und Liebhaber*innen sein, wenn sie Gewalt erfahren und keine Unterstützung erhalten. In diesem Moment sprechen wir von einem guten Spiel, aber die Ergebnisse stellen sich nicht ein.

Es gibt eine Vielzahl von Problemen mit dem derzeitigen Modell – die sehr verschiedenen Erfahrungen von sexuellen Übergriffen und missbräuchlichen Beziehungen werden miteinander vermischt. Accountability-Prozesse befördern Trangulation anstatt direkter Kommunikation – und weil der Konflikt nicht angeschoben wird, wird die aufrichtigste Kommunikation vermieden. Direkte Konfrontation ist eine gute Sache! Sie zu vermeiden ermöglicht keine neuen Verständnisse, läuternde Befreiungen oder eine eventuelle Vergebung, zu denen der Austausch von Person zu Person führen kann.

Wir haben ein Modell geschaffen, in dem alle Parteien ermutigt werden, lediglich darüber zu verhandeln, wie sie sich nie wieder sehen oder den gleichen Raum teilen müssen. Einige unmögliche Forderungen/Versprechungen werden ausgeteilt und im Namen der Vertraulichkeit werden aufgrund von Allgemeinplätzen Linien im Sand gezogen. Findet einen Umgang mit euren Problemen, aber sprecht nicht über die Details dessen, was schief gegangen ist und sprecht nicht miteinander. Das derzeitige Modell schafft tatsächlich mehr Schweigen – nur wenige, spezialisierte Personen erhalten Informationen darüber, was geschehen ist, aber von allen anderen wird dennoch erwartet sich ein Urteil zu bilden. Es gibt nur wenig Transparenz in diesen Prozessen.

In dem nachvollziehbaren Versuch, keinen weiteren Schmerz zu triggern oder zu schaffen, reden wir uns in immer abstraktere Kreise, wobei ein Ereignis oder eine Dynamik zwischen zwei Menschen kristallisiert wird und sich weder verändert oder weiterentwickelt. “Täter*innen” werden zur Summe ihrer schlechtesten Momente. “Überlebende” schaffen sich eine Identität um Erfahrungen von Gewalt, die sie häufig in diesen emotionalen Momenten stecken bleiben lässt. Die vorsichtige, nicht-gewaltsame Kommunikation der Accountability führt nicht zur Heilung. Ich habe diese Prozesse eine Vielzahl von Szenen spalten sehen, aber ich habe sie niemals Menschen dabei helfen gesehen, Unterstützung zu bekommen, Macht wiederzuerlangen oder sich wieder sicher zu fühlen.

Vergewaltigung zerbricht dich – der Verlust der Kontrolle über deinen Körper, wie dieses Gefühl der Machtlosigkeit dich heimsucht, wie es dirt jede Illusion von Sicherheit oder Vernünftigkeit raubt. Wir brauchen Modelle, die Menschen dabei helfen, die Macht zurückzuerlangen und wir müssen die Vergeltung, Kontrolle und Verbannung des derzeitigen Modells beim Namen nennen: Rache. Rache ist in Ordnung, aber lasst uns nicht so tun, als ginge es dabei nicht um Macht! Wenn Anprangerung und vergeltende Gewalt das ist, mit dem wir arbeiten wollen, dann lasst uns diesbezüglich ehrlich sein. Lasst uns diese Mittel nur dann wählen, wenn wir aufrichtig sagen können, dass es das ist, was wir tun wollen. Inmitten dieses Krieges müssen wir besser darin werden, in Konflikt zu leben.

Missbrauch und Vergewaltigung sind unvermeidbare Konsequenzen der kranken Gesellschaft, in der wir zu leben gezwungen sind. Wir müssen sie vernichten und zerstören, aber in der Zwischenzeit können wir uns nicht vor ihr verstecken – oder davor, wie sie unsere persönlichsten Beziehungen beeinflusst. Ich erinnere mich noch daran, was für ein großer Fortschritt es in meinem Kampf um Befreiung war, meinen Frieden mit den schlimmsten Konsequenzen meines persönlichen Angriffs auf das Patriarcht zu schließen. Damit klarzukommen, vergewaltigt zu werden, war ein wichtiger Bestandteil darin, zu verstehen, was es bedeutet, sich im Krieg mit dieser Gesellschaft zu befinden.

Vergewaltigung wurde schon immer als dieses Werkzeug der Kontrolle genutzt – dargeboten als Drohung was passieren würde, wenn ich in meiner queerness und geschlechtlichen Uneindeutigkeit weiter auf die Art und weise, die ich gewählt hatte, leben, arbeiten, mich kleiden, reisen, lieben oder mich wiedersetzen würde. Diese Warnungen hatten für mich keinerlei Hand und Fuß – in meinem Herzen wusste ich, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, unabhängig davon, welche Art von Leben ich wählen würde, da mein sozial vorgegebenes Geschlecht mich einem beständigen Risiko der Vergewaltigung aussetzen würde. Ich wurde in der Arbeit vergewaltigt und es brauchte eine ganze Weile, um diesen Übergriff wirklich als Vergewaltigung zu benennen. Nachdem es passiert war, war das was ich vor allem fühlte, nachdem der Schmerz, die Wut und der Ärger abgeklungen waren, Erleichterung. Erleichterung, dass es endlich passiert war. Ich hatte mein gesamtes Leben darauf gewartet, dass es passieren würde, es war ein paar Mal beinahe geschehen und endlich wusste ich, wie es sich anfühlte und ich wusste, dass ich es überstehen konnte.

Ich brauchte diesen faulen Trick. Ich brauchte einen konkreten Anlass für das gehetzte Gefühl, das aus der einige Jahre zurückliegenden Vergewaltigung, Ermordung und Verstümmelung einer*s Freund*in von mit stammte. Ich brauchte es, dass mich jemand verletzte und ich erkannte, dass ich sowohl das Verlangen hatte, ihn*sie zu töten, als auch die persönliche Kontrolle, mich davon abzuhalten. Ich musste nach Hilfe suchen und enttäuscht werden. Das ist wie es läuft – Frag die Überlebenden, die du kennst, die meisten Menschen, die das durchleben, fühlen sich nicht unterstützt. Wir haben Erwartungen geweckt, aber die Erfahrung des echten Lebens ist immer noch beschissen.

Ich war auf Reisen im Ausland, als es passierte. Die einzige Person, der ich davon erzählte, rief gegen meinen Wunsch die Bullen. Sie durchsuchten den Ort des “Verbrechens” ohne meine Einwilligung und stellten DNA-Beweise sicher, da ich sie nicht beseitigt hatte. Zu wissen, dass ich mich in einem Moment der Verletzlichkeit unter Druck setzen und zwingen ließ, gegen meinen politischen Willen am Prozess der Polizei teilzunehmen, fühlte sich sogar noch schlechter an, als vergewaltigt worden zu sein. Ich verließ die Stadt kurz darauf, damit ich von meiner*m “Freund*in” nicht weiter unter Druck gesetzt werden konnte, mit den Bullen mehr als ich es ohnehin schon hatte, zusammenzuarbeiten. Der einzige Weg, auf dem ich irgendeine pseudo-balance der Kontrolle in dieser Periode empfand, war als ich die Rache an meinem Vergewaltiger in die eigenen Hände nahm.

Ich begriff, dass auch ich Bedrohungen, Wut und implizite Gewalt als Waffe gebrauchen konnte. Nach meiner ersten Erfahrung der “Unterstützung” entschied ich, das alleine zu tun. Ich konnte in diesem Moment keine*n um Unterstützung bitte, aber das war in Ordnung, weil ich begriff, dass ich es selbst tun konnte. An den meisten anderen Orten, denke ich, hätte ich einige meiner Freund*innen um Hilfe bitten können. Die Kultur der Nicht-Gewalt durchdringt nicht alle Communities, in denen ich mich bewege. Das Fehlen von Affinität, das ich empfand, war dem geschuldet, dass ich nur vorrübergehend in dieser Stadt war, aber ich glaube nicht, dass meine Erfahrung, Mediation statt Konfrontation angeboten zu bekommen besonders einzigartig ist.

Ich denke im Falle eines sexuellen Übergriffs ist rächende Gewalt angemessen und ich denke nicht, dass es darüber irgendeinen Konsens geben müsse. Modelle zu fördern, die Vermittlung versprechen, anstatt Konfrontation zu erlauben ist vereinzelnd und entfremdend. Ich wollte keine Mediation, weder durch legale Kanäle oder auf irgendeine andere Weise. Ich wollte Rache. Ich wollte, dass er sich ebenso machtlos, verängstigt und verletzlich fühlte, wie er mich fühlen ließ. Es gibt wirklich keine Sicherheit nach einem sexuellen Übergriff, aber es kann Konsequenzen geben.

Wir können Überlebenden keinen Safe Space bieten – Safe Spaces in einem allgemeinen Sinne, außerhalb enger Freundschaften, einigen Familien und gelegentlichen Affinitäten existieren einfach nicht. Unsere derzeitigen Modelle von Accountability leiden unter einer Überfülle an Hoffnung. Fick die falschen Versprechen von Safe Spaces – wir werden niemals jede*n auf die gleiche Seite diesbezüglich bringen. Lasst uns damit zurechtkommen, wie schwer Heilung ist und wie wahnhaft jede Erwartung einer radikalen Veränderung des Verhaltens im Falle von Übergriffen ist. Wir müssen zwischen physischen Übergriffen und emotionalem Missbrauch unterscheiden – sie unter der allgemeinen Rubrik interpersoneller Gewalt zusammenzuwerfen hilft nicht.

Zyklische Muster des Missbrauchs verschwinden nicht einfach. Dieser Scheiß sitzt wirklich, wirklich tief – viele Missbraucher wurden selbst missbraucht und viele missbrauchte werden zu Missbrauchern. Die letzten paar Jahre habe ich mit Schrecken beobachtet, wie die Sprache der Accountability zu einem leichten Angriffspounkt einer neuen Generation emotionaler Manipulator*innen wurde. Sie wurde genutzt, um eine neue Form von raubtierhaftem Querdenker zu perfektionieren – denjenigen, der*die in der Sprache der Sensibilität geschult ist –, indem sie die Illusion von Accountability als Sozialkapital nutzt.

Also woher kommt echte Sicherheit? Wie können wir sie messen? Sicherheit kommt von Vertrauen und Vertrauen ist etwas persönliches. Es kann nicht vermittelt oder von einer Community abgestempelt werden. Mein*e “sichere*r” Liebhaber*in kann dein*e geheime*r Missbraucher*in sein und mein*e ätzende*r Koabhängige*r Ex kann dein*e gesunde*r, erprobte*r und wahre*r Vertraute*r sein. Rape Culture kann nicht einfach gelöst werden, aber sie ist kontextabhängig.

Menschen in Beziehung zueinander schaffen einen gesunden oder ungesunden Austausch. Es gibt kein universelles “beschissen”, “geheilt” oder “sicher” – es verändert sich mit der Zeit, den Lebensumständen und jeder neuen Liebesbeziehung. Ich habe mit Unbehagen beobachtet, wie das Dammbruchargument des “emotionalen” Missbrauchs zu einem gängigen Grund wurde, um einen Accountability-Prozess anzustoßen.

Das Problem dabei, dieses Modell für emotionalen Missbrauch zu gebrauchen ist, dass es sich dabei um eine ungesunde Dynamik zwischen zwei Personen handelt. Also wer hat das Recht sie anzuprangern? Wer erhält diese Macht in der Community? (Und lasst uns ehrlich sein: Es liegt Macht darin, jemand zu einem Accountability-Prozess einzubestellen.) Personen in ungesunden Beziehungen benötigen einen Weg, aus diesen rauszukommen, ohne dass dies ein Urteil der Community gegen die*denjenige*n, wer auch immer unglücklich genug war, eine ungute Dynamik nicht zu bemerken oder sie nicht zuerst missbräuchlich zu nennen, beinhaltet. Diese Prozesse verschärfen häufig nur die gegenseitigen ungesunden Machtspiele zwischen verletzten Parteien. Die Menschen werden ermutigt, eine Seite zu wählen und dennoch bringt kein direkter Konflikt diese Art der Verstrickungen zu irgendeiner Lösung.

Accountability-Modelle zu nutzen, die Jahre zuvor entwickelt wurden, um mit Serienvergewaltigern in der radikalen Szene umzugehen, hat nicht gerade geholten, Menschen aus dem Treibsand beschädigter und koabhängiger Beziehungen zu befreien. Emotionaler Missbrauch ist ein verdammt vager und schwer zu definierender Begriff. Er hat für jede Person eine unterschiedliche Bedeutung.

Wenn dich jemand verletzt und du sie*ihn zurück verletzen willst – dann tue es, aber tue nicht so, als ob es dabei um gegenseitige Heilung ginge. Nenne einen Machtwechsel beim Namen. Es ist in Ordnung, die Macht zurückzuwollen und es ist in Ordnung, sie sich zu nehmen, aber tue niemals jemand anderem etwas an, von dem du es nicht verdauen könntest, wenn diese Person es dir antun würde, wenn die Seiten vertauscht wären.

Diejenigen, die dazu neigen, physische Brutalität zu gebrauchen, um Macht zu erlangen, müssen eine Lektion in einer Sprache erteilt bekommen, die sie verstehen. Der Sprache der physischen Gewalt. Diejenigen, die unter ungesunden Beziehungen leiden, benötigen Hilfe dabei, eine wechselseitige Dynamik zu erforschen und daraus auszubrechen – nicht dabei, Schuldzuweisungen auszusprechen. Keine*r kann entscheiden, wer Mitgefühl verdient und wer nicht, außer denjenigen, die direkt involviert sind.

Es gibt keinen Weg, Rape Culture durch nicht-gewaltsame Kommunikation zu zerstören, weil es keinen Weg gibt, Rape Culture zu zerstören, ohne die Gesellschaft zu zerstören. In der Zwischenzeit lasst uns damit aufhören, von Menschen das Beste oder das Schlimmste zu erwarten.

Ich habe Accountability und seine fehlende Transparenz satt.

Ich habe es satt, zu Trangulieren.

Ich habe es Satt, einen Machtwechsel zu verschleiern.

Ich habe die Hoffnung satt.

Ich wurde vergewaltigt.

Ich war ein*e unfaire*r Manipulator*in der Macht In einigen meiner intimen Beziehungen.

Ich hatte sexuellen Austausch, der Teil einer Lernkurve für besseren Konsens war.

Ich habe in mir das Potenzial beides zu sein, Überlebende*r und Täter*in – Missbrauchte*r und Missbraucher*in –, so wie wir alle.

Diese essentialistischen Kategorien bringen uns nicht weiter. Es gibt Menschen, die vergewaltigen – die wenigsten Menschen sind Vergewaltiger*innen in jedem sexuellen Austausch. Menschen missbrauchen einander – dieser Missbrauch ist oft wechselseitig und zyklisch – aus Kreisläufen ist nur schwer, waber nicht unmöglich auszubrechen. Diese Verhaltensweisen verändern sich je nach Kontext. Daher gibt es soetwas wie einen Safe Space nicht.

Ich will, dass wir uns eingestehen, dass wir uns im Krieg befinden – mit uns selbst, mit unseren Liebhaber*innen und mit unserer “radikalen” Community, weil wir uns im Krieg mit der Welt als Ganzes befinden und diese Ranken der Herrschaft in uns existieren und sie so vieles von dem was wir berühren, denjenigen, die wir lieben und denjenigen, die wir verletzen betreffen. Aber wir sind nicht nur der Schmerz, den wir anderen zufügen oder die Gewalt, die uns angetan wird.

Wir brauchen mehr direkte Kommunikation und wenn das nicht hilft brauchen wir direktes Engagement in all seiner schrecklichen chaotischen Pracht. Solange wir uns selbst anderen gegenüber verletzlich machen, werden wir niemals sicher im absoluten Sinne des Wortes sein.

Es bleibt nur Affinität und Vertrauen übrig.

Es gibt nur gebrochenes Vertrauen und Konfrontation.

Der Krieg wird nicht bald vorbei sein

Lasst uns besser darin werden, in Konflikt zu sein.

Download als eBook oder PDF:

2 Gedanken zu „[Patriarchat und Geschlechteridentitäten Teil 5] Sicherheit ist eine Illusion

  • 9. März 2021 um 13:34
    Permalink

    Alleine die Tatsache, dass die Übersetzung dieses Textes wohl aus einer so antifeministischen Broschüre stammt, dass ich ihren Namen hier lieber nicht aussprechen will zeigt mir, was ich von diesem Beitrag halten kann: Ein rundum gutes und erfolgreiches Konzept soll hier diskreditiert werden, weil es Männlichkeit bedroht.

    Antwort
  • 9. März 2021 um 14:31
    Permalink

    Was genau ist für dich antifeministisch? Wenn Kritik an einem Konzept geübt wird, das du für feministisch hältst? Ich denke die Diskreditierung geht hier eher von deiner Seite aus, aber da soll sich doch am besten jede*r ihr*sein eigenes Bild machen.

    Die Broschüre deren Namen du nicht nennen willst heißt „I survived Awareness“ und kann hier bezogen werden (leider nur in Print): https://maschinenstuermerdistro.noblogs.org/post/2020/11/09/i-survived-awareness/

    In seiner englischen Originalfassung fand der Text übrigens Einzug in „The Broken Teapot“, einem Zine, das den gleichen Wandel von Accountability-Prozessen hin zu deren Ablehnung aufgrund derer Wirkungslosigkeit auf der einen und deren anhaltendem Missbrauch durch Personen, die die Sprache des Safe Space besser zu sprechen vermögen als andere, auf der anderen Seite, durchlief, wie auch die Autorin des Textes. Selbst aus deiner Sichtweise wäre doch eine solche Äußerung wenigstens nicht die Perspektive „bedrohter Männlichkeit“, oder?

    Aber wahrscheinlich weißt du das alles bereits und es geht dir vielmehr darum, unbequeme Positionen deinerseits zu diskreditieren, weil sie eben bestimmte Praxen in Frage stellen.

    Antwort

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.