[Patriarchat und Geschlechteridentitäten Teil 4] Jenseits einer weiteren Geschlechteridentität

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Wo die Probleme der Fortschreibung vergeschlechtlicher Identitäten offenbar werden, lässt sich immer wieder auch die Bildung neuer Identitätsbezeichnungen, die dann inklusiver als die alten sein sollen, beobachten. Statt weibliche Identitäten als unterdrückte des Patriarchats zu betrachten, wählt man etwa die inklusiveren Begriffe FLINT, FLINTA, usw. Allerdings führen solche vereinfachten Betrachtungsweisen, die wiederum eine Unterdrücker*innen und eine Unterdrückte Identität zu schaffen anstreben, häufig zu einer neuen Binarität, zu einer neuen Grenze zwischen Identitäten, die Schauplatz einer entsprechenden Polizierung ist. Der folgende Beitrag von Lena Kafka beschreibt dieses Problem.


Teil 1: Das Patriarchat verstehen
Teil 2: Gender Nihilismus – Ein Anti-Manifest
Teil 3: Negativität als Waffe: In Richtung des queersten aller Angriffe
Teil 4: Jenseits einer weiteren Geschlechteridentität
Teil 5: Sicherheit ist eine Illusion
Teil 6: Was ist Anarchafeminismus?


Jenseits einer weiteren Geschlechterbinarität

Ich gebrauche die Begriffe Patriarchat und Gender in einem austauschbaren Sinne, da ich Gender als einen Herrschafts- und Unterdrückungsapparat betrachte, der sich mit dem Apparat des Patriarchats überlappt und untrennbar mit ihm verbunden ist. Um mehr über diese Betrachtungsweise zu erfahren, empfehle ich die Lektüre von Gender-Nihilismus – Ein Anti-Manifest und Destroy Gender.

Gegen Femme, Gegen Gender, Gegen alle Binaritäten

In den letzten Jahren war innerhalb radikaler Millieus der Trend zu beobachten, den Begriff Femme anstelle von Frau zu gebrauchen. Die Gründe für diese Veränderung der Sprache variieren von Person zu Person, je nachdem wen du fragst, aber der allgemeine Grund für diese Veränderung ist es, „unser“ Verständnis von Patriarchat inklusiver zu machen, um all diejenigen zu integrieren, die sich nicht exakt als Frauen definieren. Wikipedia definiert Femme folgendermaßen:

„Femme ist eine Identität, die von Frauen (inklusive trans Frauen) und nichtbinären Menschen in Bezug auf ihre Weiblichkeit gebraucht wird. Als Gender-Identität markiert sie üblicherweise ein Individuum, das ’nichtbinär ist oder queeren femme Geschlechts und adressiert ganz besonders und in sich feminitätsfeindlichkeit [femmephobia] und die systematische Abwertung von Weiblichkeit als Teil ihrer Politik‘. Die Bezeichnung wird ausschließlich für queere Personen benutzt, unabhängig davon, ob diese sich als weiblich definieren oder nicht.“

Dieser [begriffliche] Austausch ist nicht nur semantischer Natur. Er ist das Ergebnis davon, dass nicht mehr nur Frauen als die unterdrückten Subjekte des Patriarchats gesehen werden, sondern alle femme oder weiblichen Personen. Er ist auch Ausdruck davon, dass Unterdrückung nicht länger nur als die eigene Beziehung zu vergeschlechtlichter Gewalt, sondern auch als die eigene Beziehung zu Ästhetik, Weiblichkeit, Verhaltensweisen und sozialen Normen gesehen wird.

Zuvor bestand „unser“ Verständnis von Patriarchat darin, dass nur Frauen vom Patriarchat und (ver)geschlecht(lichter Gewalt) unterdrückt werden konnten. Das heißt, dass unser Verständnis von Patriarchat niemals tief genug ging, um zu verstehen, dass es eine Vielzahl von Erfahrungen und Subjektivitäten gibt, die nicht einfach in eine von zwei Kategorien (Unterdrückte und Unterdrücker*innen, Männlich oder Weiblich, etc.) gepresst werden können. Für jede*n, die*der solche Ideen vertrat, ist es eine positive Entwicklung von dieser strohdummen Analyse des Patriarchats und des Apparats von Geschlecht [Gender] hin zu einer Interpretation, die mehr Erfahrungen als diese beinhaltet. Aber wie alle Interpretationen und Theorien, greift auch diese in ihren Zielen und ihrer Analyse zu kurz. Zu der Bezeichnung femme überzugehen bewirkt wenig, wenn nicht nichts, im Hinblick auf patriarchale Kategorisierung/Identifikation/Normalisierung, Binaritäten, die Reproduktion des Patriarchats oder seiner ökonomischen Grundlagen und es schafft nicht wirklich eine Theorie von Unterdrückung, die alle Subjektivitäteten/Erfahrung einzubeziehen vermag.

Was bedeutet es, Femme zu sein?

Wer ist femme? Wer ist tatsächlich unterdrückt? Wer ist femme genung, um als unterdrückt zu gelten? Sind alle Frauen femme?

Wie bei allen Theorien der Unterdrückung gilt auch hier: wenn es ein/e unterdrückte/s Subjekt/Klasse gibt, dann muss es auch ein/e unterdrückende/s Subjekt/Klasse geben (wie weiße, die nicht-weiße unterdrücken oder die Reichen/Bourgeoisie, die die Armen/das Proletariat unterdrücken). Unter dem vorherigen Verständnis von Patriarchat, in dem Frauen die einzige Klasse bildeten, die von Gender unterdrückt wurden, wurden Männer als die unterdrückende Klasse betrachtet. Dem gegenwärtigen Verständnis von Patriarchat zufolge sind Femme die unterdrückte Klasse und Mascs die Unterdrücker*innen. Alle Identitäten werden dadurch definiert, wer von anderen für wen gehalten wird.

Der Webseite everydayfeminism.com zufolge ist femme „eine explizit queere Bezeichnung, eine Gender-Expression die eine große Bandbreite an Identitäten umfasst. Homosexuelle und queere cis-Männer, trans Männer und genderqueere Leute werden oft als femme identifiziert. Zu sagen, dass Femme nur Frauen wären, transportiert eine vergeschlechtlichte Binarität, die viele Menschen ausschließt.“ Neben der fragwürdigen Verwendung des Begriffs queer als Sammelbegriff versucht diese Definition von femme die Erfahrungen vieler einzubeziehen, die sich nicht als Frauen definieren. Während sie einige femme homosexuelle/trans Männer und nichtbinäre Personen einschließt, schließt sie andererseits Frauen, die nicht femme sind, aus. Frauen, die nicht femme sind, wie butch Frauen und trans Frauen, die ihr Geschlecht verbergen, werden beiseite gelassen, entweder um sie vollständig zu ignorieren oder um als „männlich“ und somit Unterdrücker*innen klassifiziert zu werden. Als ob butch Frauen für die Kämpfe von femmes verantwortlich wären, als ob eine*r als femme homosexueller Mann nicht ein Verfechter patriarchaler Kontrolle sein könne, als ob unsere realen Erfahrungen mit Gender und Gewalt unseren persönlichen Bezeichnungen untergeordnet wären.

Weder Masc, noch Femme, sondern Einzigartig

Dieser Gedankengang bricht nicht damit, eine „Geschlechterbinarität“ zu transportieren, sondern erfindet diese neu, durch die Einteilung der Menschen entlang der Grenzen zwischen Unterdrückt/Femme und Unterdrücker*in/Masc, auch wenn diese Einteilung nicht so strikt auf Gender und Biologismen basiert wie die vorherige (und noch immer dominante) Geschlechterbinarität. Er teilt die Menschen basierend auf Ästhetik und Verhaltensweisen statt basierend auf Biologismen oder Selbstverortung in Kategorien ein. Beinahe alles ist eine Verbesserung zu biologischem Determinismus, aber diese Veränderung geht nicht weit genug, um binäres Denken zu beenden. Bevor mich irgendwer in der Szene nach meinem Namen und meinem Pronomen fragt, werde ich als „Masc“ eingestuft wegen meiner Gesichtsbehaarung und aufgrund der Art und Weise wie ich mich kleide. Meine persönlichen Erfahrungen mit vergeschlechtlichter Gewalt werden nur dann ernst genommen, wenn ich mich als als trans Frau oute. Unsere Theorien sollten vom Ausgangspunkt dessen starten, wie wir vergeschlechtlichte Gewalt in unseren alltäglichen Leben erlebt haben, nicht von Identitäten. Unsere Beziehungen zueinander sollten auf unseren Affinitäten und Ähnlichkeiten zueinander bassieren, anstatt auf den Kategorien einer kleinster-gemeinsamer-Nenner-Politik. Das alltägliche Leben ist viel zu kompliziert, um in zwei Kategorien reduziert zu werden.

Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte

Einige Jahre zuvor, bevor die Bezeichnung Femme die allgemein gebräuchliche inklusive Form der Benennung von Personen, die vom Patriarchat unterdrückt werden, wurde, war in radikalen Millieus die Bezeichnung „nicht-Männer“ gebräuchlich. Die theoretischen Mängel von nicht-Männern sind ähnlich zu denen des Begriffs Femme. Baedan, ein antizivilisatorisches, nihilistisches und anarchistisches Magazin, das die Themen Gender, Queerness und Domestizierung behandelt, hat diese theoretischen Mängel herausgearbeitet. Sie kritisieren die Bezeichnung nicht-männer dafür, dass sie nicht die Art von inklusiver Bezeichnung sei, die sie vorgibt zu sein, da sie nicht über binäre Kategorien hinausgeht und sie das Policing der Kategorisierung fortsetzt.

„Eine jüngere Antwort auf diese Kritiken war die Einführung des Konzepts nicht-Männer. Die meisten Versuche, diese Kategorie zu definieren, sind extrem unbeholfen. Manchmal soll dieser Begriff nicht-cismänner bezeichnen, manchmal bedeutet er, dass Schwule bei bestimmten Treffen nicht erwünscht sind. Manchmal bedeutet er schlicht Frauen plus trans Personen. Einige Feminist*innen haben sogar gesagt, dass die Kategorie manchmal ‚emaskulierte Männer of Color‘ umfasse. Für gewöhnlich ist der Begriff nur eine postmoderne Umschreibung für Frauen [1]. Wie andere Kategorien funktioniert auch diese nur dann, wenn sie eine klare Grenze hat und diese Grenze wird immer Schauplatz von Policing sein. Auf jeder Ebene ist dies ununterbrochen problematisch. Die am wenigsten problematischen Definitionen […] sind so vage, dass sie keinerlei praktischen Nutzen haben. Und in der praktischen Anwendung entfalten diese Theorien immer ihre Gewalt. Die Aussicht, dass eine politische Organisation aus vorrangig cisgeschlechtlichen Frauen bestimmen, welche genderqueeren oder transfemininen Individuen nicht-männlich genug sind, um Teil ihrer Gruppen zu werden ist geradezu ekelerregend. Dieses kategoriale Policing spiegelt all die anderen wider. Lerne die neue Binarität kennen, sie ist die gleiche wie die alte. Ein Weg aus diesem Dilemma könnte sein, nicht von Identitäten auszugehen, sondern vielmehr von Erfahrungen. Sich die Mitverschwörer*innen aufgrund geteilter Erfahrungen einer Bandbreite an vergeschlechtlichter Gewalt auszusuchen. Einige Befürworter*innen der Bezeichnung nicht-Männer haben das ähnlich definiert („die, die vergewaltigt werden“, „die, die die Carearbeit leisten“), aber keine dieser Erfahrungen sind auf die Identität beschränkt und ein phänomenologisches oder empirisches Bezugssystem zu akzeptieren würde die Nützlichkeit dieser Kategorie vollkommen zunichte machen. Wenn das Konzept aber entweder nutzlos oder problematisch ist, warum wurde/wird dann so viel Aufwand in den Versuch, das Konzept zu bewahren gesteckt? Was wir hier tatsächlich sehen ist der verzweifelte Versuch, binäre Kategorien zu bewahren, in einer Welt, in der diese längst begonnen haben, zu zerfallen.“

Against the gendered Nightmare, Beadan 2: A Queer Journal of Heresy.

Egal ob es sich um Männer/Frauen, männlich/weiblich, afab/amab, nicht-Männer/Männer oder femme/masc handelt, alle Binaritäten erfordern Policing und Ausschluss um aufrechterhalten und definiert zu werden. Binäre Kategorisierung ist nur eine Methode, die vom Apparat des Genders genutzt wird, um zu herrschen. Binäre Kategorien erfordern Policing, Ausschluss, Regulierung, Normalisierung und Hierarchie.

Kein dritter Weg

„Die Revolution zielte auf neue Einrichtungen, die Empörung führt dahin, Uns nicht mehr einrichten zu lassen, sondern Uns selbst einzurichten, und setzt auf »Institutionen« keine glänzende Hoffnung.“ [2]Der Einzige und sein Eigentum, Max Stirner

Die Probleme hinter der Femme/Masc-Binarität beginnen weder mit ihrer Verbreitung in dem Millieu, noch werden sie damit enden, dass eine andere Begrifflichkeit an ihre Stelle tritt. Ich schlage keine Alternativen oder Erweiterungen dieser Kategorien vor, sondern ihre totale Aufgabe. Das kann nur durch einen aufständischen Bruch mit Gender passieren. Aufstand wäre die totale Untergrabung der Steuerung: Den Apparat der Steuerung aufzugeben und zu zerstören und unsere Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen.

„Um konkreter zu werden, bedeutet das, dass wir Communities und Räume haben, die nicht nur sicher sind, sondern gefährlich für diejenigen, die unseren Verlangen und unseren Räumen im Wege stehen. Nicht nur ein Lesekreis Safespace, sondern zurückgewonnenen Territorien, in denen die Bedürfnisse der Arbeiter*innen/Frauen/der Ausgeschlossenen (frei von Geschlecht/vergeschlechtlichter Gewalt) erfüllt werden können. Diese Räume können uns nicht einfach durch eine höhere Macht gegeben werden. Durch Besetzungen von Grenzregionen und Produktionsstätten oder weniger formelle Territorien des Widerstands, wie Freund*innen, die einander den Rücken freihalten, werden wir  die Gemeingüter schaffen oder sie zurückerobern.“

Destroy Gender

Anmerkungen

[1] Ich denke in vielen anarchistischen Kontexten des deutschsprachigen Raums lässt sich diese Kritik guten Gewissens auf die Bezeichnung „FLINT*“ übertragen bzw. zuweilen auch auf das vielerorts gebräuchliche „Frauen*“, auch wenn beide Begriffe vielleicht leicht abweichende Besonderheiten mit sich bringen. (Anm. d. Übers.)

[2] Dieses Zitat ist der ursprüngliche Wortlaut aus dem Einzigen und sein Eigentum. Im englischen Artikel ist eine recht ungenaue Übersetzung zitiert, die sich etwa folgendermaßen ins Deutsche rückübersetzen lässt und die den Unterschied, den Stirner zwischen Revolution und Empörung macht, außen vor lässt: „Der Aufstand verlangt von uns, uns nicht länger einrichten zu lassen, sondern uns selbst einzurichten und keine glänzenden Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ (Anm. d. Übers.)

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