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Lucy Parsons — Ich bin eine Anarchistin

Lucy Parsons war eine führende Figur des amerikanischen Anarchismus und der radikalen Arbeiterbewegung. Als Sklavin in der Nähe von Waco, Texas, geboren, heiratete sie Albert R. Parsons, der ein weißer radikaler Republikaner geworden war, nachdem er zunächst als Soldat der Konföderierten gedient hatte. 1873 zogen Albert und Lucy nach Chicago, wo sie sich in der radikalen Arbeiterbewegung engagierten. Dreizehn Jahre später erlangte sie nationale Berühmtheit, als sie sich auf eine Vortragsreise begab, um Geld für ihren Mann zu sammeln, der einer von neun Männern war, die nach der Haymarket-Affäre angeklagt und zur Hinrichtung verurteilt wurden.

Lucy Parsons blieb auch nach der Hinrichtung Alberts eine Aktivistin und gründete 1892 die Zeitung Freedom, die Themen wie Arbeiterorganisation, Lynchjustiz und Schwarze Leibeigenschaft in den Südstaaten aufgriff. Im Jahr 1905 war Parsons die einzige Frau, die auf dem Gründungskongress der Industrial Workers of the World (IWW) sprach. In den frühen 1930er Jahren beteiligte sich Parsons an der Verteidigung der Scottsboro Boys und Angelo Herndon. Parsons starb 1942 in einem Unfall bei einem Hausbrand. Der Text einer ihrer Reden erschien im Kansas City Journal vom 21. Dezember 1886. Die Rede ist im Folgenden abgedruckt.


Ich bin eine Anarchistin

Ich bin eine Anarchistin. Ich nehme an, ihr seid hierher gekommen, die meisten von euch, um zu sehen, wie eine echte, lebende Anarchistin aussieht. Ich nehme an, einige von euch haben erwartet, mich mit einer Bombe in der einen und einer brennenden Fackel in der anderen Hand zu sehen, sind aber enttäuscht, keines von beidem zu sehen. Wenn das eure Vorstellungen von Anarchist:innen waren, habt ihr es verdient, enttäuscht zu werden. Anarchist:innen sind friedfertige Menschen. Was meinen Anarchist:innen, wenn sie von Anarchie sprechen? Webster gibt dem Begriff zwei Definitionen: „Chaos“ und „der Zustand ohne politische Herrschaft“. Wir klammern uns an die letztere Definition. Unsere Feind:innen behaupten, dass wir nur an die erste glauben.

Wundert es euch, dass es in diesem Land Anarchist:innen gibt, in diesem großen Land der Freiheit, wie ihr es so gerne nennt? Geht nach New York. Geht durch die Seitenstraßen und Gassen dieser großen Stadt. Zählt die Myriaden, die hungern; zählt die vielen Tausende, die obdachlos sind; zählt diejenigen, die härter arbeiten als Sklav:innen und von weniger leben und weniger Annehmlichkeiten haben als die niederträchtigsten Sklav:innen. Ihr werdet über eure Entdeckungen verblüfft sein, ihr, die ihr diesen Armen keine Aufmerksamkeit geschenkt habt, außer als Objekte der Almosen und des Mitleids. Sie sind keine Objekte der Almosen, sie sind die Opfer der großen Ungerechtigkeit, die das System der Regierung und der politischen Ökonomie durchdringt, das vom Atlantik bis zum Pazifik herrscht. Seine Unterdrückung, das Elend, das es verursacht, das Elend, das es gebiert, findet eins in New York in größerem Maße als anderswo. In New York, wo vor wenigen Tagen zwei Regierungen gemeinsam eine Freiheitsstatue enthüllten, wo hundert Musikkapellen die Hymne der Freiheit, die Marseillaise, spielten. Aber fast das Gleiche findet eins bei den Bergleuten des Westens, die im Elend leben und Lumpen tragen, damit die Kapitalist:innen, die die Erde beherrschen, die für alle frei sein sollte, ihre Millionen noch weiter vermehren können! Oh, es gibt viele Gründe für die Existenz von Anarchist:innen.

Aber in Chicago sind sie der Meinung, dass Anarchist:innen überhaupt kein Existenzrecht haben. Sie wollen sie dort aufhängen, legal oder illegal. Ihr habt von einem gewissen Haymarket-Treffen gehört. Ihr habt von einer Bombe gehört. Ihr habt von Verhaftungen gehört und von nachfolgenden Verhaftungen, die von Detektiven durchgeführt wurden. Diese Detektive! Es gibt eine Reihe von Männern, nein, Biestern für euch! Pinkerton-Detektive! Die würden alles tun. Die Kapitalist:innen wollten sicher, dass jemand die Bombe auf dem Haymarket wirft und die Anarchist:innen dafür verantwortlich macht. Pinkerton hätte das für sie bewerkstelligen können. Ihr habt schon viel über Bomben gehört. Ihr habt gehört, dass die Anarchist:innen viel über Dynamit gesprochen haben. Ihr habt gehört, dass Lingg Bomben gebaut hat. Er hat gegen kein Gesetz verstoßen. Dynamitbomben können töten, können morden, genauso wie Gatling-Repetiergeschütze. Angenommen, die Bombe wäre von einem Anarchisten*einer Anarchistin geworfen worden. Die Verfassung besagt, dass es bestimmte unveräußerliche Rechte gibt, darunter Presse-, Rede- und Versammlungsfreiheit. Den Bürger:innen dieses großartigen Landes gibt die Verfassung das Recht, den unrechtmäßigen Eingriff in diese Rechte abzuwehren. Die Versammlung am Haymarket Square war eine friedliche Versammlung. Angenommen, ein:e Anarchist:in hätte die Bombe geworfen, als er:sie sah, dass die Polizei mit Mordgedanken anrückte, um die Versammlung aufzulösen; er:sie hätte kein Gesetz verletzt. Das wird das Urteil eurer Kinder sein. Wäre ich dort gewesen, hätte ich diese mörderische Polizei herankommen sehen, hätte ich den unverschämten Befehl gehört, sich zu zerstreuen, hätte ich Fielden sagen hören: „Captain, dies ist eine friedliche Versammlung“, hätte ich gesehen, wie die Freiheiten meiner Landsleute mit Füßen getreten wurden, hätte ich die Bombe selbst geworfen. Ich hätte kein Gesetz gebrochen, sondern die Verfassung aufrechterhalten.

Wenn die Anarchist:innen geplant hatten, die Stadt Chicago zu zerstören und die Polizei zu mas¬sakrieren, warum hatten sie dann nur zwei oder drei Bomben in der Hand? Das war nicht ihre Absicht. Es war eine friedliche Versammlung. Carter Harrison, der Bürgermeister von Chicago, war dort. Er sagte, es sei ein ruhiges Treffen gewesen. Er wies Bonfield [Captain John Bonfield, Kommandant der Polizeistation Desplaines] an, die Polizei auf ihre verschiedenen Reviere zu schicken. Ich stehe nicht hier, um mich über den Mord an diesen Bullen zu freuen. Ich verabscheue Mord. Aber wenn eine Kugel aus dem Revolver eines Bullen tötet, ist das genauso ein Mord, wie wenn der Tod durch eine Bombe eintritt.

Die Polizei stürmte die Versammlung, als sie sich gerade auflösen wollte. Mr. Simonson sprach mit Bonfield über das Treffen. Bonfield sagte, er wolle die Anarchist:innen fertig machen. Parsons ging zu dem Treffen. Er nahm seine Frau, zwei Damen und seine zwei Kinder mit. Gegen Ende der Versammlung sagte er: ‚Ich glaube, es wird regnen. Lasst uns in Zephs Halle gehen.‘ Fielden sagte, er sei mit seiner Rede fast fertig und würde sie sofort schließen. Die Leute fingen an, sich zu zerstreuen, tausend der Begeisterten hielten sich trotz des Regens noch auf. Parsons und diejenigen, die ihn begleiteten, machten sich auf den Heimweg. Sie waren bis zur Polizeistation in der Desplaine Street gekommen, als sie sahen, wie die Polizei im Eiltempo losfuhr. Parsons hielt an, um zu sehen, was das Problem war. Die 200 Bullen stürmten los, um die Anarchist:innen zu erledigen. Dann gingen wir weiter. Ich war in Zephs Halle, als ich die schreckliche Detonation hörte. Eins hörte es auf der ganzen Welt. Die Tyrann:innen zitterten und spürten, dass etwas nicht stimmte.

Die Entdeckung des Dynamits und seine Verwendung durch Anarchist:innen ist eine Wiederholung der Geschichte. Als das Schießpulver entdeckt wurde, befand sich das Feudalsystem auf dem Höhepunkt seiner Macht. Seine Entdeckung und Verwendung machte das Bürgertum. Seine erste Entladung läutete die Totenglocke des Feudalsystems. Die Bombe in Chi¬cago läutete den Untergang des Lohnsystems des 19. Jahrhunderts ein. Und warum? Weil ich weiß, dass sich kein intelligentes Volk dem Despotismus unterwirft. Das erste Mittel ist die Verbreitung von Kraft. Ich sage niemandem, er:sie soll sie nutzen. Aber es war die Errungenschaft der Wissenschaft, nicht der Anarchie, und würde für die Massen reichen. Die Presse wird wohl sagen, ich hätte Hochverrat begangen. Wenn ich gegen ein Gesetz verstoßen habe, verhaftet mich, macht mir den Prozess und bestraft mich, aber lasst den nächsten Anarchisten, der daherkommt, seine Ansichten ungehindert äußern.

Nun, die Bombe explodierte, die Verhaftungen wurden vorgenommen und dann kam die große Justizfarce, die am 21. Juni begann. Die Geschworenen wurden geladen. Gibt es hier einen Ritter der Arbeit? Dann wisst ihr, dass ein Ritter der Arbeit nicht als kompetent genug angesehen wurde, um in der Jury zu sitzen. ‚Sind Sie ein Ritter der Arbeit?‘ ‚Haben Sie irgendwelche Sympathien für Arbeiterorganisationen?‘ waren die Fragen, die jedem gestellt wurden. Wurde eine bejahende Antwort gegeben, wurde derjenige geprellt. Die Frage lautete nicht: „Sind Sie ein Freimaurer, ein Tempelritter?“ Oh, nein! Ich sehe, ihr lest die Zeichen der Zeit an diesem Ausdruck. Der Henker Gary, auch Richter genannt, entschied, dass ein Mann, der gegen die Angeklagten voreingenommen ist, nicht unfähig ist, in der Jury zu sitzen. Denn ein solcher Mann, sagte Henker Gary, würde dem Gesetz und den Beweisen mehr Aufmerksamkeit schenken und wäre eher geneigt, ein Urteil für die Verteidigung zu fällen. Gibt es hier einen Anwalt? Wenn ja, dann weiß er, dass eine solche Entscheidung ohne Präzedenzfall ist und gegen jedes Gesetz, jede Vernunft und jeden gesunden Menschenverstand verstößt.

In der Hitze des Patriotismus vergießt der amerikanische Bürger manchmal eine Träne für den Nihilisten in Russland. Sie sagen, dass der Nihilist keine Gerechtigkeit bekommen kann, dass er ohne Prozess verurteilt wird. Wie viel mehr sollte er um seinen Nachbarn, den Anarchisten, weinen, der nach einem solchen Urteil die Form eines Prozesses erhält.

Es gab „Petzer“, die als Zeugen für die Anklage eingeführt wurden. Es waren drei von ihnen. Jeder einzelne musste zugeben, dass sie von der Staatsanwaltschaft gekauft und eingeschüchtert worden waren. Dennoch hielt Henker Gary ihre Aussagen für kompetent. Im Prozess stellte sich heraus, dass die Haymarket-Versammlung nicht das Ergebnis eines Komplotts war, sondern auf diese Weise verursacht wurde. Am Tag bevor die Lohnsklav:innen in McCormicks Fabrik für acht Stunden Arbeit gestreikt hatten, entließ McCormick von seinem luxuriösen Büro aus mit einem Federstrich seiner müßigen, beringten Finger 4000 Menschen aus der Arbeit. Einige versammelten sich und steinigten die Fabrik. Deshalb seien sie Anarchist:innen, sagte die Presse. Aber Anarchist:innen sind nicht närrisch; nur Narren steinigen Gebäude. Die Polizei wurde losgeschickt, und sie töteten sechs Lohnsklaven. Ihr wusstet das nicht. Die kapitalistische Presse hat es verschwiegen, aber sie hat eine große Aufregung über die Tötung einiger Bullen gemacht. Dann dachten diese verrückten Anarchist:innen, wie sie genannt werden, dass eine Versammlung abgehalten werden sollte, um die Tötung von sechs Brüdern zu berücksichtigen und die Acht-Stunden-Bewegung zu diskutieren. Die Versammlung wurde abgehalten. Sie verlief friedlich. Als Bonfield der Polizei befahl, diese friedlichen Anarchist:innen anzugreifen, riss er die amerikanische Flagge herunter und hätte auf der Stelle erschossen werden sollen.

Während der gerichtlichen Farce wurden die roten und schwarzen Fahnen ins Gericht gebracht, um zu beweisen, dass die Anarchist:innen die Bombe geworfen hatten. Sie wurden an den Wänden angebracht und hingen dort als schreckliche Gespenster vor den Geschworenen. Was bedeutet die schwarze Flagge? Wenn ein Überseetelegramm sagt, dass sie durch die Straßen einer europäischen Stadt getragen wurde, bedeutet das, dass das Volk leidet – dass die Männer ohne Arbeit sind, die Frauen hungern, die Kinder barfüßig sind. Aber, so sagt ihr, das ist in Europa. Wie sieht es in Amerika aus? Die Chicago Tribune sagte, dass es in dieser Stadt 30.000 Männer gibt, die nichts zu tun haben. Eine andere Behörde sprach von 10.000 barfüßigen Kindern mitten im Winter. Die Polizei sagte, dass Hunderte keinen Platz zum Schlafen oder Wärmen hatten. Dann gab Präsident Cleveland seine Thanksgiving-Proklamation heraus und die Anarchist:innen formierten sich in einer Prozession und trugen die schwarze Flagge, um zu zeigen, dass diese Tausende nichts hatten, wofür sie sich bedanken konnten. Als das Board of Trade, diese Spielhölle, mit einem Bankett eingeweiht wurde, 30 Dollar pro Teller, wurde wieder die schwarze Flagge getragen, um zu signalisieren, dass es Tausende gab, die nicht einmal ein 2-Cent-Essen genießen konnten.

Aber die rote Fahne, die schreckliche rote Fahne, was soll das bedeuten? Nicht, dass die Straßen mit Blut fließen sollten, sondern dass dasselbe rote Blut durch die Adern der ganzen menschlichen Spezies fließt. * Es bedeutet die Geschwisterlichkeit der Menschen. Wenn die rote Flagge über der Welt weht, werden die Unbeschäftigten zur Arbeit gerufen. Es wird ein Ende der Prostitution für Frauen, der Sklaverei für Männer, des Hungers für Kinder geben.

Die Freiheit wurde als Anarchie bezeichnet. Wenn dieses Urteil vollstreckt wird, ist das die Totenglocke für Amerikas Freiheit. Ihr und eure Kinder werdet Sklav:innen sein. Ihr werdet Freiheit haben, wenn ihr dafür bezahlen könnt. Wenn dieses Urteil vollstreckt wird, setzt die Flagge unseres Landes auf Halbmast und schreibt auf jede Falte „Schande“. Lasst unsere Flagge in den Staub fallen. Lasst die Kinder der Werktätigen Lorbeeren auf die Stirn dieser modernen Held:innen legen, denn sie haben kein Verbrechen begangen. Brecht das zweifache Joch. Brot ist Freiheit und Freiheit ist Brot.


Einleitung und Essay im Englischen zu finden auf BLACKPAST

Elany

Von Elany

anarchist*queer*vegan*

~ Burn this world to build a new. ~

Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen