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Myanmar: ‚Die Polizei hat einfach geschossen‘

Zeug:innen sind erschüttert von der Brutalität der Sicherheitskräfte, bleiben aber entschlossen im Kampf gegen den Militärputsch

Am frühen Mittwochmorgen schienen die Proteste, die sich in North Okkalapa in Yangon, Myanmar, bildeten, friedlich zu sein. „Ich sah etwa drei oder vier Bullen entlang der Straße, aber es war ruhig“, sagte Khin, die wie alle Demonstrierenden, mit denen The Guardian sprach, darum bat, ihren richtigen Namen nicht zu nennen. Außenstehende jubelten, als die Menschenmassen vorbeizogen.

Etwa 1000 Menschen, schätzte sie, hatten sich dem Protest angeschlossen. Viele waren in der Hoffnung gekommen, die Polizei unter Druck zu setzen und sie zu zwingen, sich dünner zu verteilen, um schließlich die Demonstrierenden anderswo in der Stadt zu schützen. Nach Wochen herausfordernder Massenproteste gegen den Militärputsch setzten die Sicherheitskräfte zunehmend Gewalt ein, einschließlich scharfer Munition, um die Kundgebungen aufzulösen.

Am Abend war klar, dass die Reaktion der Polizei und des Militärs an diesem Tag die tödlichste war, seit die Armee die Macht übernommen hat. Insgesamt wurden 38 Menschen von Sicherheitskräften getötet, so die UN-Sonderbeauftragte für Myanmar, Christine Schraner Burgener. (Siehe dazu auch unseren gestrigen Bericht hier)

Die Gewalt hat internationale Empörung hervorgerufen. Die Menschenrechtsbeauftragte der UN, Michelle Bachelet, sagte, dass das Militär „aufhören muss, Demonstrierende zu ermorden und zu inhaftieren“ und das US-Außenministerium sagte, dass es „entsetzt“ sei. Der UN-Sicherheitsrat wird sich am Freitag treffen, um die Krise zu diskutieren, obwohl es unwahrscheinlich ist, dass China und Russland einem koordinierten Vorgehen zustimmen werden.

Die Reaktion der Sicherheitskräfte in Nord Okkalapa eskalierte gegen Mittag, sagte Khin. Die Polizei begann Tränengas zu verschießen und Demonstrierende festzuhalten. Soldat:innen schienen etwa zur gleichen Zeit einzutreffen, sagte sie.

Khin flüchtete sich in ein nahegelegenes Haus. „Die Polizei ging herum und verhaftete Leute und ich konnte sie von meinem Versteck aus hören. Es war zu gefährlich für mich rauszugehen“, sagte sie. Schließlich ging sie durch eine Gasse zu einem anderen Nachbarhaus, wo sie wieder wartete. Zwei Stunden später verhaftete die Polizei immer noch Menschen. Im Inneren des Hauses, in dem Khin Zuflucht suchte, schloss der Besitzer, ein völlig Fremder, alle Türen und sagte ihr, sie solle nicht gehen. „Ich habe Schüsse auf der Straße gehört, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie tatsächlich jemanden verletzt haben“, fügte sie hinzu.

Ein Video, das offenbar von Anwohner:innen im Township aufgenommen wurde, scheint zu zeigen, wie Sicherheitskräfte einen Mann nur wenige Meter entfernt erschießen, während sie in der Gegend patrouillieren. Auf den Aufnahmen ziehen Sicherheitskräfte einen Zivilisten aus einem Gebäude. Er wird von den Beamt:innen umringt und leistet keinen Widerstand. Ein Schuss ertönt, und er fällt zu Boden. Zwei Mitglieder der Sicherheitskräfte schleifen ihn dann an den Armen weg.

Getrennt davon zeigten erschütternde Videoaufnahmen, die von Radio Free Asia veröffentlicht wurden, wie die Polizei einen Krankenwagen anhielt und drei Sanitäter:innen festhielt. Die Bullen griffen sie an, traten und schlugen sie mit Gewehrkolben.

Dutzende von Menschen wurden in Nord-Okkalapa zusammengetrieben und von der Polizei vor einem nahegelegenen Spielzeugladen festgehalten, bevor sie in Lieferwagen verladen wurden, wie Zeug:innen berichten. Es ist nicht möglich zu bestätigen, wie viele in der Gegend festgenommen wurden. Seit dem Putsch wurden in ganz Myanmar mehr als 1700 Menschen verhaftet, darunter 29 Journalist:innen.

Am späten Nachmittag forderten die Demonstrierenden die Freilassung der Festgenommenen und blockierten die Straßen, damit die Transporter sie nicht wegfahren konnten. „Die Männer standen vorne an der Front, und wir Frauen standen hinten“, sagte Hnin, eine weitere Demonstrantin, die ihr Haus gegen 15 Uhr verließ. „Viele Leute kamen aus den Schulen und aus den umliegenden Vierteln, also kannten wir uns gegenseitig. Wir haben uns gegenseitig überredet, ruhig und zivil zu bleiben“, sagte sie.

Mehr Menschen aus dem Township schienen sich angeschlossen zu haben, sagte sie. „Wir haben gesagt, dass wir vorhaben, uns bis 17 Uhr aufzulösen und dass wir wollen, dass sie die Inhaftierten vorher freilassen.“

Zuerst reagierte die Polizei mit Tränengas. Dann hörte sie eine Reihe von lauten Geräuschen, von denen sie glaubt, dass es Maschinengewehre und Schallbomben waren. Es wurde ununterbrochen geschossen, sagte sie. „Viele Leute vorne wurden getroffen. Einige Leute wurden in den Kopf getroffen. Wir standen unter Schock und mussten rennen“, sagte sie.

„Die meisten Menschen fühlten sich um diese Zeit völlig verloren und verwirrt. Die Polizei schoss einfach, sie rückte nicht vor – es gab zu viele Menschen und Barrikaden.

„Ich konnte sehen, wie Leute halfen, die Verwundeten zu tragen – meistens waren es die Männer, die sie trugen. Ich traute mich nicht, mich umzusehen, für den Fall, dass mir in den Kopf geschossen würde“, sagte sie. Sie rannte, bis sie eine Gasse in der Nähe ihres Hauses erreichte.

Zaw, ein weiterer Demonstrant, hatte bis zum Nachmittag in einem nahe gelegenen Haus Schutz gesucht. Er war am Morgen von einer Rauchbombe getroffen worden, sagte er, und kämpfte darum, seine Augen zu öffnen. Er beschrieb auch, dass er kontinuierlichen Beschuss hörte. Als er versuchte, in die Menge zurückzukehren, sah er Schüsse vor sich. Die Luft war dick mit Tränengas, aber er konnte sehen, dass Gefangene weggebracht wurden.

„Wir haben viele verlorene Personen, aber wir können nicht bestätigen, wer verhaftet ist, wer verletzt ist“, sagte Aung, ebenfalls ein Demonstrant. Er sah vier Menschen, die erschossen worden waren.

Aung saß bis 4 Uhr morgens auf der Straße in seiner Nachbarschaft, bereit, andere zu alarmieren, falls das Militär zurückkehrte, um ihre Häuser in der Nacht zu stürmen – ein mittlerweile alltägliches Ereignis.

Am Donnerstag versammelte sich die Menge erneut und blockierte die Straßen mit behelfsmäßigen Barrikaden. Die Proteste waren friedlich, sagte Hnin. „Das hat meine Ängste gemildert“, sagte sie: „Aber es ist ein Muster, dass es an einem Tag viele Tote gibt und an den nächsten zwei Tagen Ruhe. Also habe ich jetzt wirklich Angst.“

Trotzdem, so sagte sie, wird sie weiter protestieren: „Ich glaube, dass wir gewinnen werden. Ich glaube, dass wir die Demokratie verdient haben.“


Quelle: The Guardian