Zorn über Stolz: Ein Aufruf an „radikale“ cis (het) Männer und ihre Unzulänglichkeit in Gender-Kämpfen

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Ich möchte über Genderfragen in „progressiven/radikalen/revolutionären Räumen“ sprechen, bevor der Pride Month endet, weil es so wichtig ist. Ich muss cis (het) Männer[1] in radikalen/progressiven Räumen ansprechen – besonders die anarchistischen, marxistischen oder allgemein progressiven Männer, die ich sehe oder kenne.

Ich verstehe, dass cis(het)-Männer in radikalen Räumen, wenn es um Gender-Themen geht, nicht über Themen sprechen wollen, in denen sie keine Expertise oder Erfahrung haben. Es hat seinen Wert, nicht über Frauen und LGBTQIA+ sprechen zu wollen. Aber euer Schweigen schadet auch uns. Euer Schweigen ist Gewalt gegen uns.

Ich spreche schon seit Jahren darüber, dass mehr Männer ihre Stimme erheben müssen, wenn Frauen und LGBTQIA+ belästigt oder diskriminiert werden. Trotzdem gab es keinen einzigen Mann, der sich lautstark auf die Seite der Frauen und der LGBTQIA+ in meinen Räumen gestellt hat. Kein „radikaler“ cis (het) Mann hat Misogynie oder Vergewaltigungskultur angeprangert und diese Realitäten damit verbunden, dass unsere radikalen Räume immer noch Arenen des Kampfes in Bezug auf Geschlecht sind. Kein „radikaler“ cis (het) Mann hat über Transfeindlichkeit gesprochen, besonders wenn sie in den Nachrichten auftaucht. Kein „radikaler“ Cis-Het-Mann hat auch nur ein Wort zur Unterstützung oder in Allyship von Frauen- und LGBTQIA+-Rechten gesagt, besonders während der Pride. Nicht einmal ein einziges Wort in dem Meer von Protesten gegen Polizeibrutalität – obwohl es so einfach ist, Pride und Anti-Polizei-Haltung miteinander zu verbinden, wegen dem verdammten Stonewall.

„Radikale“ cis (het) Männer haben sich nicht der Verantwortung gestellt, proaktivere Verbündete und Unterstützende im Geschlechterkampf zu werden, noch haben sie irgendeine Art von Initiative ergriffen, um mehr zu lernen, sei es, indem sie diejenigen fragen, die diese Realitäten erleben oder indem sie selbst etwas lesen und die Suchmaschine bedienen.

Als queere Frau habe ich die Schnauze voll. „Radikale“ cis (het) Männer sind so verdammt privilegiert, dass sie in der Lage sind, zu schweigen und uns und unsere Realitäten zu ignorieren, weil sie es sich leisten können, sich als etwas anderes als ihr Geschlecht zu sehen. Sie können sich entscheiden, das Label „Aktivist“ oder „Organisator“ oder „Sozialist“ zu bevorzugen, bis hin zu den Namen der toten alten Männer, mit denen sie sich politisch identifizieren, aber sie werden sich selbst nie als „Mann“ sehen, weil sie ignorieren können, dass sie cis (het) Männer sind – weil ihr cis(het)-Menschsein für sie nie ihre politischen Überzeugungen und Erfahrungen geprägt hat. Ihr Dasein als Cis(het)-Männer ist nicht Teil ihres Kampfes und kann daher nicht propagiert werden.

In der Zwischenzeit wird die Radikalität und Politik von Frauen und LGBTQIA+ immer, immer, immer tief mit ihrer Weiblichkeit oder Queerness verwoben sein. Der Grund, warum wir radikal sind, ist, dass die Welt scheiße zu uns ist, weil wir Frauen und LGBTQIA+ sind und dazu noch arm, PoC, indigen oder behindert sind. Der Grund, warum wir uns in der Politik engagieren, ist, weil wir uns selbst daran beteiligen wollen, die Unterdrückung abzubauen, die in dem Moment entsteht, in dem wir als Frauen geboren werden oder uns als LGBTQIA+ identifizieren.

Der Grund, warum wir als Frauen und LGBTQIA+ in radikalen Räumen radikal sind, ist, dass wir wissen und verstehen, dass wir die verschiedenen Teile von uns nicht voneinander trennen können – deshalb muss unsere Politik unser Frausein, unsere Queerness, unsere Armut, unsere Hautfarbe, unsere Indigenität und unsere Behinderung zusammen nehmen – weil das alles verschiedene Linien sind, die sich überschneiden und unser Leben unter einem System unterdrückt machen, das besagt, dass jedes dieser Merkmale allein bedeutet, dass du ein Untermensch bist, und dass jede Kombination dieser Merkmale bedeutet, dass du in der Kategorie Untermensch weiter nach unten kommst.

Wir werden bereits täglich direkt unterdrückt, egal ob wir uns in politischen Räumen befinden oder nicht. Wir werden nicht nur diskriminiert, beschimpft oder zum Schweigen gebracht, sondern auch belästigt, missbraucht, vergewaltigt, angegriffen und sogar ermordet, weil wir Frauen und/oder LGBTQIA+ sind. Aber die Tatsache, dass wir uns mit diesem Scheiß auseinandersetzen müssen – mit „radikalen“ Cis(het)-Männern, die entweder direkt Müll uns gegenüber sind oder denken, dass sie gut genug sind, weil sie keinen Müll uns gegenüber sind, während sie absolut nichts tun, um beschissene Situationen zu korrigieren oder Strukturen abzubauen, die uns unterdrücken – ist in unseren eigenen politischen Räumen anstrengend.

Das gilt besonders für anarchistische und marxistische Männer, die, wie ich festgestellt habe, die schlimmsten Widersprüche haben können, wenn es um ihren erklärten Radikalismus geht.

Anarchistische Räume hier sind männerdominiert. Es tut immer wieder weh zu sehen, wie sie sich für „Befreiung und Gleichheit für alle“ einsetzen und mit Marxist:innen kämpfen, wenn sie nicht einmal anarchistische Männer aussprechen können, die scheiße zu Frauen und LGBTQIA+ sind. Nicht ein einziger anarchistischer Mann in meinem Bekanntenkreis hat diesen Typen namens Sid ausgerufen, als er anfing, frauenfeindlichen und homofeindlichen Müll über mich zu verbreiten. Es war nur eine andere Frau, die mir Hilfe in Situationen mit ihm anbot.

Tatsächlich weiß ich nicht einmal, ob es überhaupt eine Haltung gegen Frauenfeindlichkeit, Sexismus, Homo- und Transfeindlichkeit in anarchistischen Räumen gibt.

Es bringt mich dazu, mich zu fragen, für welche Art von Befreiung anarchistische cis (het) Männer wirklich kämpfen, wenn sie nicht einmal einen Standpunkt gegen die Unterdrückung einnehmen können, die andere erfahren. Ehrlich gesagt, ist es keine Befreiung, die ich will. Ich würde lieber sterben und die Befreiung selbst neu definieren, als mit einer so engen Definition zu arbeiten, die mich und andere Frauen und LGBTQIA+ nur als Fußnoten oder Anhängsel zurücklässt, anstatt als grundlegende Aspekte des Kampfes.

In der Zwischenzeit gibt es zu viele Fälle von Belästigung, Homofeindlichkeit und sogar Vergewaltigung, die ich entweder persönlich erlebt habe oder von Überlebenden und Freund:innen von Überlebenden aus marxistischen und anderen allgemein progressiven Räumen gehört habe. Überlebende werden entweder geächtet oder müssen sich anpassen, indem sie sich bedeckt halten oder sich von ihren Gruppen, Gemeinschaften oder Organisationen distanzieren, weil die Täter, Belästiger oder Vergewaltiger „gute und effektive Redner/Community Organizer/etc.“ sind.

Kurz gefasst: „Radikale“ cis (het) Männer – ihr tut nicht genug, wenn ihr denn überhaupt etwas tut. Um zu wiederholen, was mein:e beste:r Freund:in, selbst ein:e nicht-binäre:r Anarchist:in, sagte: Selbst wenn du nicht das Problem bist, bedeutet das nicht, dass du Teil der Lösung bist.

Nicht transfeindlich oder frauenfeindlich oder ein Belästiger zu sein, lässt dich nicht vom Haken. Das sollte von vornherein die Norm sein. Wenn du wirklich radikal wärst, würdest du aufstehen und dabei helfen, all dies nieder zu reißen. Das absolute Minimum ist, dass du deine Abneigung gegen oder deine Weigerung, andere zu unterstützen, die frauenfeindlich, sexistisch, homo- oder transfeindlich sind, lautstark zum Ausdruck bringst und dich gegen sie stellst, bis sie aufhören, frauenfeindlich, sexistisch, homo- oder transfeindlich zu sein.

Für die anarchistischen cis (het) Männer da draußen: Unterstützt nicht einfach Leute, nur weil sie verdammte Anarchist:innen sind. Habt ein paar Standards. Wenn diese Anarchist:innen Werte vertreten, die für andere schädlich sind, dann sind sie SCHÄDLICH. Bewegungen, die Zugeständnisse bei den Dingen machen, die wir zu bekämpfen versuchen, erliegen letztendlich und werden (mehr wie) das System, gegen das wir kämpfen. Wir können und sollten keine Zugeständnisse machen, wenn Menschenleben und -würde auf dem Spiel stehen, denn das eröffnet mehr Möglichkeiten für verstärkte Repression und Unterdrückung.

Das ist ein Grund, warum es so wenige Frauen und LGBTQIA+-Anarchist:innen in euren Räumen gibt und warum wir uns entscheiden, unsere eigenen Räume selbst zu schaffen – weil eure Werte scheiße sind und eure Räume und Reden nicht auf unsere Bedürfnisse eingehen. Wenn wir mit euch über unsere Bedürfnisse sprechen, passiert praktisch NICHTS. Bei all dem Machismo, den ihr im Kampf mit Marxist:innen an den Tag legt, habt ihr NULL Fähigkeit, andere anarchistische Männer mit beschissenen Verhaltensweisen zu konfrontieren. Ich weiß, dass wir diese Dinge konstruktiver ansprechen müssen, aber der Vorbehalt dazu ist, dass du diese Dinge tatsächlich zuerst ansprechen musst. Du kannst nicht ständig sagen, dass du diese Dinge den Frauen und den LGBTQIA+ überlässt, denn:

Frauen und LGBTQIA+ können nicht weiterhin die einzigen sein, die darauf reagieren. Wir beschäftigen uns bereits mit der Beschissenheit des Systems in unserem eigenen und alltäglichen Leben – zwingt uns nicht dazu, cis (het) Männer zu erziehen und uns um sie zu kümmern, besonders wenn Männer, die uns Schaden zufügen, kein Anrecht auf unsere emotionale Energie und unser Sicherheitsrisiko haben (Und ja! Ihr setzt uns buchstäblich einem Risiko aus, indem ihr uns mit frauenfeindlichen, sexistischen, homo- oder transfeindlichen Männern alleine umgehen lasst!);

Du musst dich einmischen und andere Männer wissen lassen, dass widerliches Verhalten und Ideen nicht toleriert werden, denn wenn du nichts sagst, können widerliche Männer weiterhin widerliches Verhalten zeigen; und

Es gibt kaum Frauen, geschweige denn LGBTQIA+, in euren Räumen. Wie könnt ihr erwarten, dass Leute, die nicht da sind, ihre Meinung sagen? Und wie könnt ihr erwarten, dass eure Räume radikal und revolutionär sind, wenn ihr nicht die notwendigen radikalen Werte fördert, die echte Inklusivität und Pluralität und Befreiung ermöglichen?

Für alle „radikalen“ cis (het) Männer jeglicher Couleur, Ideologie oder Lebensweise: Nur weil du dich selbst als radikal bezeichnest, heißt das nicht, dass du es auch bist, und nur weil du deinen Raum radikal nennst, heißt das nicht, dass er es auch ist. Es ist Teil eurer Verantwortung als Radikale, frauenfeindliches, sexistisches, homo- oder transfeindliches Verhalten anzuprangern, wenn ihr davon wisst. Wie kannst du wissen, dass Ungerechtigkeit existiert und nicht dagegen oder darüber sprechen? Du musst die Ungerechtigkeiten des Systems ansprechen, während du dich um deinen eigenen Hinterhof kümmerst – sonst bist du nichts weiter als ein Heuchler, der seinen Radikalismus benutzt, um sein Ego zu füttern.

„Radikale“ cis (het) Männer – ihr müsst verdammt nochmal einen Schritt nach vorne machen. Euer Schweigen schadet uns buchstäblich. Wenn ihr wirklich für die Befreiung seid, müsst ihr auch aktiv für unsere Befreiung als Frauen und LGBTQIA+ sein, denn Befreiung ist kein Monolith, von dem eins annimmt, dass es für alle das Gleiche ist; es ist nuanciert und auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Wünsche der verschiedenen Menschen abgestimmt.

Wir sind nur dann wirklich befreit, wenn wir alle – die Armen, die People of Color, die Indigenen, die Behinderten, die LGBTQIA+, die Frauen – wenn jede:r einzelne von uns von den unterdrückenden Realitäten, die wir erleben, befreit ist. Ihr, „radikale“ Cis(het)-Männer, seid nur so frei wie wir es sind. Oder, wie Fannie Lou Hamer es prägnanter ausgedrückt hat: Niemand ist frei, bis alle frei sind.

Und das ist eine Bedrohung für „radikale“ cis(het)-Männer und ihre Räume: Wir können Räume der wahren Befreiung ohne euch schaffen, aber ihr könnt keine Räume der wahren Befreiung ohne uns schaffen. Der Grund, warum wir von euch verlangen, aufzustehen und als cis (het) Männer Verantwortung zu übernehmen, ist, dass wir die dominanten Positionen kennen, die ihr in radikalen Räumen habt, die wir besser machen wollen. Aber wenn sich die Dinge nicht ändern – wenn ihr weiterhin geschlechtsspezifische Gewalt ausübt oder im Angesicht unserer Unterdrückung schweigt – können und werden wir weiterhin Räume und ganze Welten ohne euch schaffen, und ihr werdet mit euren patriarchalen Vorstellungen von Freiheit zurückbleiben, ohne jemals zu wissen, was Befreiung sein könnte.

[1] Für diejenigen, die es vielleicht nicht wissen: cis ist die Abkürzung für „cisgendered“, was bedeutet, dass dein Geschlecht deinem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht entspricht, während het die Abkürzung für „heterosexuell“ ist. Ich setze het in Klammern, weil die Verhaltensweisen, die ich anspreche, nicht nur bei cisgendered heterosexuellen Männern vorkommen, sondern manchmal auch bei cisgendered homosexuellen oder bisexuellen Männern; allerdings sind die Verhaltensweisen oft bei cis het Männern zu beobachten. Diese Spezifizierung ist wichtig, weil cis Männer in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die ihre Erfahrungen und Realitäten privilegiert und alle anderen Erfahrungen und Realitäten als falsch, abweichend oder untermenschlich behandelt.


Geschrieben von Adrienne Onday und im Englischen veröffentlicht auf friendship anarchy.

Elany
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Elany

anarchist*queer*vegan* ~ Burn this world to build a new. ~ Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen

4 Gedanken zu „Zorn über Stolz: Ein Aufruf an „radikale“ cis (het) Männer und ihre Unzulänglichkeit in Gender-Kämpfen

  • 4. März 2021 um 7:53
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    Abgrenzung ist das Gegenteil von Freiheit.

    In den letzten Jahrzehnten weht ein diktatorischer Wind durch die Reihen der anarchistischen Bewegung. Persönliche Bedürfnisse werden zu allgemeinen aufgebauscht und die persönlichen Entscheidungen sollen von allen Anderen unterstützt werden. Wer das nicht macht, wird zum Feind erklärt. Das Individuum soll sich den kollektiven Vorstellungen beugen. Ich sehe da immer weniger Unterschiede zu den Scheuklappensichtweisen der Rechten.
    Mir ist Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft oder was auch immer, scheissegal. Für mich steht das Individuum, sei es nun Mensch, Tier, Pflanze, Pilz oder was auch immer, und das auf Augenhöhe, im Mittelpunkt. Niemand hat das Recht an andere Wesen Forderungen zu stellen, zumindest nicht, solange Herrschaft kein Ziel ist.
    Niemand hat das Recht sich über Andere zu stellen. Niemand stellt die Wahrheit., denn Wahrheit ist immer Produkt einer individuellen Sichtweise. Anarchie schafft mensch nicht, Anarchie ist nur gelebt real. Und jedes Leben steht für sich und nicht als Teil eines kollektiven Traums.
    Und Missionieren, egal zu welchem Thema, ist eine Form des Missbrauchs.
    Mir persönlich reicht es mich als Mensch zu bezeichnen. All diese zusätzlichen Aufsplitterungen sind eher Teil des Problems und nicht der Lösung. Akzeptanz und Solidarität sind keine Kinder der Trennung.
    Dies ist meine persönliche Meinung.
    Mir ist es scheissegal ob sie dir gefällt.
    Sie ist nur genauso viel “wert” wie jede andere. Sie ist genauso einseitig und begrenzt wie jede andere. Darum sollte sie, wie jede andere auch, auf keinen Fall übernommen werden. Nur was selbst gedacht, erfahren und gelebt ist, ist auch echt 😉

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  • 4. März 2021 um 10:02
    Permalink

    @zVen: Zu sagen, dass alle Menschen gleich sind, ist immer ein wunderbares Feigenblatt, dass gerne von Menschen, die nicht selbst von Unterdrückung betroffen sind, benutzt wird, um sich nicht mit dem Thema auseinanderzusetzen.

    Mit deinem Kommentar bestätigst du direkt das Problem, dass der Text anspricht.

    Deine „persönliche Meinung“ als nicht Betroffener kann hier weitgehend ignoriert werden.

    Und wenn du es nicht schaffst, dich mit denen zu solidarisieren die von Unterdrückung, Diskriminierung und sexueller Gewalt betroffen sind, solltest du dir echt überlegen, ob du in die Szene passt.

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    • 4. März 2021 um 16:14
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      @Buetti: Und du wiederum bestätigst die von @zVen geäußerte Kritik, indem du eine (wohlgemerkt von dir zugewiesene) scheinbare Identität als „nicht Betroffener“ zum „ignorieren“ freigibst.

      Auch wenn ich durchaus anerkennen würde, dass der Text ein Problem anspricht, das ich persönlich wo es denn in meinem Umfeld auftritt adressiere, ist die Art und Weise dieser Ansprache eben nur allzu sehr an Identitäten gebunden. Zudem erweckt eine Übersetzung dieses ursprünglich sehr kontextspezifisch verfassten Textes außerhlb dieses Kontextes und in Ermangelung der Benennung eines spezifischen neuen Kontextes den dringenden Eindruck einer Pauschalisierung von Individualitäten unter diesen Identitäten. Das lässt sich natürlich auch mal schlucken, kann aber durchaus auch kritisiert werden, denn beispielsweise in meinem Kontext, in dem die im Text beschriebene Ausgangssituation kein bisschen gegeben ist, wirkt ein solcher Text letztlich einfach lächerlich, platt und billig.

      Eine Solidarisierung besteht zudem keineswegs darin, irgendwelche Texte abzunicken oder unkommentiert zu lassen und eine Kritik an bestimmten Positionen ist keine Entsolidarisierung von „Unterdrückung, Diskriminierung und sexueller Gewalt“. Wer immer das wie du in einem solchen Kontext ins Spiel bringt, begeht damit den Versuch einer Delegitimierung des Gegenübers bei gleichzeitiger Victimisierung der (eigenen) Gegen-Perspektive.

      Ich verspüre hier nun keine besondere Lust, tiefer darauf einzugehen, dass selbstverständlich das einfache hinweggehen über bestimmte Formen von Diskriminierung unter Behauptung, dass es keinen Unterschied gäbe, ein wenig einfach ist, aber ich denke auch, dass das möglicherweise auch nicht einfach so gemeint war. Was mit Aufsplittung nun im Detail gemeint gewesen sein mag, vermag ich nicht zu sagen, aber wer wie im Text eine so deutliche Überbetonung von Identitäten begeht, muss sich gegebenenfalls auch gefallen lassen, dass die Trennung der Menschen in unterschiedliche Geschlechter, die sicherlich ein Instrument der Herrschaft ist und die eigene Reproduktion dessen, dann auch einmal kritisiert werden.

      Und dass du nun gegen Ende wirklich eine implizite „Szene“-Normativität aufzustellen suchst, lässt einen wesentlichen Teil der ursprünglichen Kritik nur umso plastischer hervortreten. Es ist diese Form der kollektiven Normierung, die verständlicherweise WIderstand hervorruft. Denn wenn man hier auf den ursprünglichen Text zurückkommt stellt sich doch implizit auf jeden Fall die Frage, warum hier so intensiv mit einer Drohung „Wenn nicht …, dann gründen wir eigene Räume“ gearbeitet wird. Immerhin könnte man ja auch eigene Räume gründen, wenn man diese Konsequenz zieht. So wirkt das Ganze aber vielmehr wie ein Versuch des Policings der bestehenden Räume. Und das erregt eben eine gewisse Art der Abneigung, zumindest bei jenen, die sehr genau wissen, dass die gleiche Masche – und diesmal spreche ich über den recht spezifischen Kontext der deutschsprachigen linken Szeneräume – immer und immer wieder zur Anwendung kommt und regelmäßig auch davor nicht Halt macht, persönliche Konflikte absichtlich verzerrt darzustellen, um politisches Kapital aus ihnen zu schlagen und eine gewisse Hegemonie innerhalb dieser Räume zu erlangen.

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  • 4. März 2021 um 10:12
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    Was für ein trauriges, neoliberales Kommentar als erstes hier unter dem Text. Oder ist das eine Übung, den Appell des Textes umzusetzen? Nagut. @zVen. Freiheit geht nur in Verbundenheit. Wir sind aufeinander verwiesen. Vor allem Menschen. Uns in unserer Differenz anzuerkennen, ist keine Trennung. Das verstehst du – ich weiß nicht warum – falsch. Es stimmt, wie eine Person die Welt erfährt, ist individuell unterschiedlich. Wahrheit ist – wie du sagst – so gesehen individuell. Aber all diese Wahrheiten beziehen sich auf eine Welt. Und in dieser einen Welt gibt es in bestimmten Gruppen gravierende Unterschiede, wie sie diese erfahren. Die Welt gestalten wir gemeinsam und wenn sie schön sein soll, kann das nicht auf Kosten anderer gehn. Oder zumindest müssen alle Erfahrungen eingezogen werden. Das ist genau das Gegenteil von Trennung. Oder wie du eingangs schreibst „Abgrenzung ist das Gegenteil von Freiheit“. Damit hast du den Text absolut missverstanden. Denn es geht darum, die unterschiedliche Erfahrung zu sehen, empathisch zu sein und dann solidarisch. Die Welt soll ein Wohlfühlort für alle werden. Das ist die Intention des Textes bzw. der Autor*In.

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