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Wissen oder „Empowerment für Utopien“? Freyas vom Knall wertvolle Geständnisse

Im „Gai Dao“ #111 plädiert Freya vom Knall im Text „Anarchistische Wissenschaft?“ für ein Überdenken der verbreiteten anarchistischen Skepsis gegenüber der akademischen Wissenschaft.

Man sollte Freya vom Knall dankbar dafür sein, dass sie so offen formuliert, dass für viele anarchistische Politik mit einer „Mischung aus subjektiven Bauchgefühlen, Wahrscheinlichkeit eines Computer-Modells und intrinsischen Weltverbesserungs-Motiv[en]“ begründet wird. Auch die Idee, „gefühlte Wahrheiten“ einer Revision zu unterziehen, ist sowohl fruchtbar, als auch, vermutlich unfreiwillig, äusserst kritisch gegenüber den aktuellen anarchistischen Theorien. Sich auf „gefühlte Wahrheiten“ zu verlassen, ist nichts anderes als Dogmatismus.

Das etwas, was woher schon für richtig befunden war, durch Forschung bestätigt wird, mag erfreulich sein, aber wäre auch eine umgekehrte Reihenfolge denkbar? Also, dass die anarchistische Politik als Resultat wissenschaftlicher Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse fungiert und nicht als Expression des eigenen Gemütszustandes („um unsere Wut zu zeigen, haben wir was angezündet“) oder moralistischen Vergleich der Realität mit eigenen Idealvorstellungen?

Freya vom Knall empfiehlt in der Wissenschaft nach der Begründung von „Möglichkeit der anarchistischen Organisation der Gesellschaft“ zu suchen. Wäre der erste, naheliegende Schritt nicht die theoretische Durchdringung von der bestehenden sozialen Ordnung? Nichts gegen die Erforschung der „explizit nicht-hierarchischen Lebensformen“ – aber wie schaut es mit der Erklärung der scheinbar wesentlich verbreiteten hierarchischen aus? Wenn Freya vom Knall von „Lebensformen“ spricht, scheint sie soziale Lebensformen von allem was in der Natur so lebt nicht zu trennen. Womit schon die Frage fällig wird, ob in der Erforschung der Gesellschaft Erkenntnisse genauso möglich seien, wie in der Erforschung der Natur.

Die Antwort auf diese Frage hat immer weitreichende Konsequenzen und anarchistische Theoretiker gaben darauf höchst widersprüchliche Antworten. Bakunin, der den Positivismus feierte, Kropotkin der die Gesellschaft durch die Naturwissenschaften erklären wollte, Postanarchismus, der die Erkenntnismöglichkeiten grundsätzlich in Frage stellt, haben allesamt miteinander in vielen Punkten weniger zu tun, als mit nichtanarchistischen Strömungen, die jeweils ähnliche Argumentationen vertreten. Insofern sind die Unterschiede zum Beispiel zwischen Positivismus und Poststrukturalismus relevanter, als zwischen anarchistischen und nichtanarchistischen Wissenschaften.

Als Anarchismus entstand, wurden die Fragen der politischen Ökonomie, der Funktionen des Staates, die Gründe für seine Existenz, noch hart diskutiert. Etliche Anarchisten der damaligen Zeit waren sich bei aller Differenzen zu Marx nicht zu schade, seine Erklärung des Kapitalismus zu studieren und sogar zu popularisieren. Andere hielten seine Erklärung für grundsätzlich falsch und unterzogen ihn, so wie die bürgerlichen Ökonomen, der Kritik. Obwohl der Kapitalismus inzwischen die ganze Welt unterworfen hat, gehört die Ignoranz gegenüber der politischen Ökonomie in weiten Teilen der anarchistischen Szene geradezu zum guten Ton.

Die Frage, ob Proudhon oder Marx Recht hatten wird mit dem Verweis auf die dringende Notwendigkeit der Praxis beiseite gewischt. Zumal Theorie Lernen erfordert, und Lernen eine zeitweilige, funktionale Hierarchie, bedingt durch unterschiedlichen Wissenstand, hervorbringt, was von vielen als ein Affront gegen die anarchistischen Prinzipien wahrgenommen wird.

Ohne das Wissen über die Verhältnisse, in denen man agiert, richtet sich die Praxis nur noch gegen wahllos zusammengetragene, irgendwie negativ bewertete Erscheinungen. Das ist eben der Zustand der selbstverschuldeten Begriffslosigkeit, von der die Autorin scheinbar wegkommen will, was selbst im Rahmen des Textes nicht immer gelingt. Ob Freya vom Knall sich bewusst ist, dass sich durch ihre benutzte Formulierung „ökonomische Pluralität“ die Frage aufwirft, ob kapitalistische Ökonomie neben einer sozialistischen, pluralistisch koexistieren kann?

Wenn der Wissenschaft die Aufgabe zugeteilt wird, „vertretenen und gefühlten Wahrheiten“ oder auch für „Utopien“, sprich Wünsche „Empowerment“ zu leisten, dann wird die Theorie die Funktion der Legitimation von bereits stattfindender Praxis „abkommandiert“. Das wissenschaftliche Denken ist schon dem Begriff nach negativer Stellung zur existenten Praxis. Wer sich erkennend zur Welt stellt, tritt zurück vom bisherigen, gewohnten praktischen Umgang mit den natürlichen und gesellschaftlichen Gegenständen. Wer diesen Schritt macht, verhält sich explizit kritisch gegenüber eigenen bisherigen Gedanken, die gewohntes Tun begleiten und leiten.

Ein Entschluss zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Welt ist eine Quittung, die man dem bisherigen praktischen Handeln und Denken ausstellt, sozusagen ein „Ausdruck“ der eigenen Unzufriedenheit mit der Praxis. Für notwendig wird Wissenschaft aufgrund der Probleme befunden, die sich im praktischen Umgang mit den Gegenständen in der Natur und der Gesellschaft einstellen, wenn der Mensch diese entsprechend seinen Zwecken verändern will und dabei der Unkenntnis über deren immanente Gesetze scheitert. Wer die Existenz oder Erkennbarkeit solcher Gesetze leugnet, nimmt von wissenschaftlicher Praxis Abstand.

Der praktische, verändernde Umgang mit der Objektivität erfordert die theoretische Erkenntnis. Das erarbeitete Wissen um die objektiven Gesetzmässigkeiten ermöglicht es, die bisherige Praxis zu kritisieren und den praktischen Umgang mit den natürlichen und gesellschaftlichen Gegenständen so einzurichten, dass es ihren Gesetzmässigkeiten folgt und sie darüber zum Material der eigener Zwecke macht.

Gönnerhafter Gestus, die Theorie sei ja auch irgendwie wichtig neben der Praxis, die scheinbar unabhängig davon stattfindet, ist daher wenig angebracht. Denn sollte die Praxis nicht einfach freudebringende Selbstbeschäftigung sein, sondern kollektive Gesellschaftsveränderung erreichen, reichen keine Minimalkonsense und willkürliche „Synthesen“ von sich ausschliessenden „Ansätzen“. Wissenschaft ist kein Extraluxus, sondern Notwendigkeit.

Hyman Roth

Von Hyman Roth

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