Back From Hell

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Black Power und der Verrat am Weißsein innerhalb der Gefängnismauern

Die Bundesstrafanstalt in Terre Haute, Indiana hatte den Ruf, das rassistischste und brutalste Gefängnis im gesamten Bundesgefängniswesen zu sein. Die Stadt Terre Haute selbst war dafür bekannt, in den 1920ern einer der stärksten Stützpunkte des Ku Klux Klans [(KKK)] im mittleren Westen gewesen zu sein. Wie ich später herausfand waren viele der Gefängniswärter*innen Mitglieder des Klans oder Sympathisant*innen. Als ich im Sommer 1970 in dieses Gefängnis kam, gab es keine schwarzen Wärter*innen.

Der berühmteste Insasse, der in den frühen 1960ern Zeit in diesem Gefängnis abgesessen hatte, war der Rock’n Roll Sänger der 50er-Jahre Chuck Berry und angeblich sprach er noch Jahre danach nur abfällig über den Staat Indiana und sagte er würde niemals ein Konzert in der Stadt Terre Haute geben. Ich weiß nicht, ob das stimmt.

Üblicherweise ist Rassismus eines der besten Werkzeuge des Gefängnispersonals, um unbeständige Gefängnispopulationen zu kontrollieren. Der Gefägnisdirektor und seine Wärter*innen halten rassistische Anfeindungen bewusst aufrecht, indem sie Gerüchte verbreiten und provozieren und sie lassen Gruppen wie dem KKK und der Aryan Brotherhood [1] im Gefängnis freie Hand, schwarze Gefangene zu verstümmeln oder zu ermorden. Sie nutzen die rassistischen weißen Gefangenen, die sich selbst und andere beschränken und bieten ihnen im Gegenzug Privilegien und das flüchtige Gefühl, „der weißen Rasse“ dabei zu „helfen“, die Kontrolle zu bewahren. Auf diese Weise sperrt das System weiße ein und nutzt sie zugleich für die eigene Unterdrückung. Die Gefängnisangestellten können sich in der Regel darauf verlassen, aus einem beständigen Vorrat rassistischer Mörder und Schergen der weißen Gefängnispopulation rekrutieren zu können. Aber ein wichtiger Teil des Plans ist es, antirassistische weiße kleinzuhalten oder zum Schweigen zu bringen, um sicherzustellen, dass alle weißen der faschistischen Linie folgen. Ohne diese Gleichförmigkeit würde der ganze Plan nicht funktionieren.

Jahrelang wurden zahlreiche schwarze Insassen in Terre Haute sowohl von weißen Gefängnisinsassen, als auch von Wärter*innen zusammengeschlagen oder getötet. Das weiß ich von Geschichten, die mir schwarze Gefangene in Atlanta erzählt hatten. Tatsächlich lebten die schwarzen Gefangenen in Terre Haute in ständiger Angst vor den weißen. Ich sage „lebten“, weil sich die Dinge zu ändern begonnen hatten, als ich dorthin kam.

Eine gruppe junger, militanter schwarzer Gefangener hatte eine Organisation namens Afro-American Cultural Studies Program (AACSP, [dt. etwa Afro-Amerikanisches Kulturwissenschafts-Programm, Anm. d. Übers.]) gegründet, die sich wöchentlich traf, um über schwarze Geschichte und Kultur und auch über aktuelle Ereignisse zu diskutieren. Die Gefängnisangestellten hassten diese Gruppe, aber mussten diese gewähren lassen, wegen einer Klage gegen den Gefängnisdirektor und das Bundesamt für Gefängnisse. Aber der Gefängnisdirektor, John Tucker, verkündete, dass er, wenn diese anfangen würden, „militant zu handeln“, die Gründung eines Ku Klux Klan Ablegers für die rassistischen weißen Insassen gewähren würde – als ob diese nicht längst heimlich einen gegründet hätten! Gefängnisdirektor Tucker hatte den wohlverdienten Ruf, äußerst brutal zu schwarzen Gefangenen zu sein. Die älteren Schwarzen erzählten uns „Jungspunden“ alle möglichen Horrorgeschichten über Tucker und über die Schwarzen, die über die Jahre von weißen Wärter*innen oder Insassen getötet oder verstümmelt worden waren. Schwarze Männer waren gehängt, niedergestochen, in eine Dreschmaschine geworfen, mit Kabeln ausgepeitscht, bei lebendigem Leibe in ihrer Zelle verbrannt und auf jede andere vorstellbare Art und Weise ermordet worden. Tucker hatte sogar eine Gruppe weißer Insassen, die als seine Schläger und Auftragskiller gegen weiße fungierten, die sich weigerten seine rassistische Linie zu verfolgen. Aber die „Jungspunde“ und besonders die schwarzen Gefangenen der AACSP ließen sich nicht einschüchtern und schworen, dass sie sich bis zu ihrem Tod verteidigen würden. Kurz nachdem ich im Gefängnis angekommen war, trat ich ihnen bei.

Auf einem ihrer Treffen, dass sie immer donnerstags abhielten, fragte ich, was ich tun müsse, um beizutreten. Der Mann, der das Treffen moderierte, ein kleiner, dunkler, kahlköpfiger Bruder aus Detroit, dessen Namen Nondu war, sagte zu mir, dass aktiv teilzunehmen alles ist, was nötig sei. Ich wurde allen Brüdern dort vorgestellt – insgesamt rund 50 – aber besonders Karenga, einem großen, aber freundlichen Bruder aus Cincinnati, zusammen mit seinem Gefängnisrap-Partner, einem relativ kleinen Bruder namens Desumba und dann Hassan und Nondu von Detroit, die alle die hauptsächlichen Anführer des AACSP waren. Sie und die anderen Mitglieder hießen mich alle in der Gruppe willkommen und behandelten mich, als ob ich zur Familie gehöre. Kerenga, der Vorsitzende der Gruppe wurde sogar mein bester Freund und rettete mir bei mehr als einer Gelegenheit das Leben.

Alle diese Brüder hatten rasierte Köpfe und waren beeinflusst von Ron Kerenga, der kulturellen nationalistischen Figur der 1960er und dem aus Cleveland, Ohio stammenden schwarzen Nationalisten Ahmed Evans (der mit Nondu Latham, seinem zweiten Kommandeur, eine lebenslange Haftstrafe im Staatsgefängnis von Ohio absaß, weil sie 1968 mehrere Polizisten getötet hatten), aber ihr größter Einfluss war Malcolm X. Ich war kein besonderer Fan von Ron Karenga, der Anführer einer Gruppe aus Los Angeles namens „US“ (United Slaves) war, die in die Morde zweier Black Panther Party Mitglieder im Jahr 1969 verwickelt war und angeblich an weiteren Fällen von sich gegenseitig zerstörender Gewalt gegen die Black Panther Party beteiligt war. Die Panther glaubten, dass Karenga ein Polizeiagent sei oder die Verbrechen aus irgendwelchen politischen, sektirerischen Gründen wissentlich zugelassen hatte. Aber meine ursprünglichen Zweifel hielten mich nicht davon ab, beim AACSP mitzumachen. Es wurde meine alles verzehrende Passion im Gefängnis und ich würde kämpfen und sterben um es zu verteidigen. Tatsächlich hätte ich fast dieses größte Opfer gebracht.

Wir mussten sowohl gegen die rassistischen Autoritäten, als auch gegen die weißen Gefangenen im Namen der schwarzen Gefängnispopulation kämpfen, von denen viele so eingeschüchtert waren, dass sie schwiegen. Wir waren unerschrocken und wagemutig und führten praktisch einen Guerillakrieg, um uns an den Mördern schwarzer Männer zu rächen, egal ob es sich dabei um Wärter*innen oder Insassen handelte. Die weißen hassten und fürchteten uns, weil wir uns gnadenlos verteidigten und Rassisten bestraften. Es gab keine Gnade. Unsere Vergeltung war immer prompt und blutig.

Revolutionäre Schwarze wie wir kannte man in Terre Haute nicht und es veränderte den status quo, als wir anfingen uns zur Wehr zu setzen. Viele der Gefangenen waren weiße Radikale, die für ihren Antimilitarismus im Gefängnis saßen und sie begannen daraufhin, andere weiße zu bilden. Die antirassistische Organisation durch weiße Radikale war wichtig, weil sie gewährleistete, dass weiße Gefangene nicht länger vom Klan indoktriniert und eingeschüchtert wurden, wie das in diesem Gefängnis 35 Jahre lang gewesen war. Diese Bildungsarbeit hätten die schwarzen Revolutionäre nicht in diesem Maße alleine leisten können; Gefangene begannen damit, Bücher von der Schwarzen Kultur Bibliothek auszuleihen und an gemeinsamen politischen Studiengruppen teilzunehmen, um theoretisch zu verstehen wie Rassismus uns alle unterdrückte: Schwarze und andere Nicht-Weiße als Unterdrückte, weiße als Unterdrücker. Sie verstanden nun, wie der Klan jahrelang die Befehle der Gefängniswärter*innen ausgeführt hatte, ebenso wie die weißen Arbeiter*innen in der Gesellschaft die Befehle der Kapitalist*innen befolgen. Faschistische Politik wurde nicht nur unpopulär, sondern auch unsicher.

Wärter*innen, die an das alte Regime gewöhnt waren, beschlossen plötzlich in „Ruhestand“ zu gehen und rassistische Insassen bettelten darum, in andere Gefängnisse verlegt zu werden. Der Gefängnisdirektor und sein Personal waren äußerst beunruhigt aber machtlos, irgendetwas zu unternehmen aus Angst davor, einen ausgewachsenen Aufstand auszulösen, der auch Wärter*innen und Personal in großer Anzahl töten würde. Die Gefängniswärter*innen realisierten, dass sie die Kontrolle verloren und verfielen in Panik. Allen Wärter*innen war klar, dass eine Revolte unvermeidlich sei, sobald der Rassismus überwunden wäre.

Dann, im September 1971 brach der Gefängnisaufstand von Attica im Hinterland von New York aus und richtete die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf das Gefängnissystem der USA. Revolutionäre Gefangene – Schwarze, Latinos und weiße – hatten das Gefängnis übernommen und Gefängniswärter*innen in Attica als Geiseln genommen. Das schüchterte das Gefängnispersonal überall in den Vereinigten Staaten ein. Es brachte auch die Gefängniskämpfe voran und machten sie zu einem brandaktuellen Thema.

Sogar nach der Repression von Attica brachen überall im Land Rebellionen in Sympathie mit dem Aufstand in Attica aus, auch in Terre Haute, wo zum ersten Mal Schwarze, weiße und Hispanische Gefangene gegen die Gefängniswärter*innen revoltierten. Gebäude wurden niedergebrannt oder in die Luft gesprengt, Menschen versuchten auszubrechen, Streiks und industrielle Sabotage fanden statt und im Hochsicherheits-L-Trakt brachen verzweifelte Faustkämpfe zwischen Wärter*innen und Gefangenen aus, zusammen mit anderen, beinahe täglichen Akten des Widerstands.

Gefängnisdirektor Tucker und sein Personal gerieten in Panik und beeilten sich, einen neuen Flügel von Hochsischerheitszellen im L-Trakt aufzubauen, um die „Störelemente“ seines Gefängnisses zu beherbergen. Außerdem versuchte er, eine Konfrontation, einen „Rassenkrieg“ unter den Insassen zu provozieren, aber das funktionierte nicht, weil wir die meisten Rassisten verjagt hatten und Allianzen mit den progressiven weißen und Latino-Gefangenen geschlossen hatten. Diese Gefangene, von denen viele in revolutionärer Politik geschult worden waren, fielen nicht auf diese alten Tricks herein.

Der Gefängnisdirektor konnte die weißen Gefangenen, die nun an unserer Seite gekämpft und gelitten hatten, nicht überzeugen, den alten rassistischen Hassköder zu schlucken. Sie wussten, dass sie Gefangene waren und sie würden weiße Privilegien nicht akzeptieren oder den Klan wiederauferstehen lassen, um dem Direktor zu helfen, das Gefängnis zu führen. Diese weißen Menschen erhoben sich gegen ihre Herren und waren völlig verändert. Sie sahen nicht länger irgendwelche Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und dem Gefängnisdirektor, nicht einmal ihr „Weißsein“. Die schwarze Gefängnispopu- lation hatte ihre Angst und Unsicherheit überwunden und war zur Spitze und zum Rückgrat einer ernsthaften Bedrohung für die organisierte rassistische Gewalt und Repression geworden, die so viele Jahre unangefochten geherrscht hatte.

Frustriert wies Tucker daraufhin seine Wärter*innen an die Anführer des AACSP auszumachen und in die neue Sicherheitsabteilung zu werfen. Aber wir hatten uns auf diese Eventualität vorbereitet und entschieden, nicht ohne zu kämpfen unterzugehen. Das erste Mal, als sie kamen, um unsere Anführer zu holen, verursachte das eine zwölf Stunden währende Pattsituation, als wir einen der Gefängnistrakte übernahmen, in dem die meisten von ihnen untergebracht waren, die Türen mit Sprengfallen aus Sprengstoff und anderen Fallen versahen und die Wärter*innen dieses Traktes als Geiseln nahmen. Die Gefangenen bewaffneten sich mit Speeren, Messern, hausgemachtem Dynamit und anderen Waffen.

Als Trucker erkannte, wie ernst die Situation geworden war, handelte er eine Waffenruhe mit uns aus, indem er uns versprach unsere sogenannten Grundrechte zu wahren und den Anführer*innen Anhörungen zu gewähren, anstatt sie kollektiv in Isolationshaft zu werfen und uns eine Amnestie für unseren Protest garantierte. Aber diese Vereinbarung für Amnestie und Anhörungen mit Rechtsbeistand von außerhalb wurde gebrochen, sobald die Autoritäten die Kontrolle über die Institution wiedererlangt hatten. Alle bekannten Anführer der AACSP und ihre weißen und Lateinamerikanischen Verbündeten wurden ergriffen und in Hochsicherheitszellen eingeschlossen. Die Wärter*innen waren bereits sehr zufrieden mit sich, dass sie die Gefahr gebannt hätten und dass die Abwesenheit der obersten Anführer die Gruppe zerschlagen würde. Aber im Gegenteil zögerte die Gruppe kein bisschen. Wir hatten AACSP als eine Organisation mit mehreren Ebenen von Anführern ins Leben gerufen; es gab keinen einzelnen Anführer. Sobald also die ursprünglichen Anführer weggesperrt worden waren, übernahm die zweite Ebene. Ich wurde Präsident und die anderen Posten wurden schnell mit einer neuen Welle an Anführern besetzt. Wir setzten den Kampf fort, trafen uns weiterhin wöchentlich und versandten einen montalichen Newsletter, um unseren Unterstützer*innen von draußen und der Presse mitzuteilen, was gerade vor sich ging.

Wir hatten immer einige Programme um Gefangenen zu helfen: Eine Bibliothek radikaler und schwarzer Bücher, politische Bildungskurse, Lese- und Schreibkurse und Berufsausbildungen und wir führten diese Angebote fort. Wir forderten sogar, dass uns die Wärter*innen erlaubten, unseren Anführern in den Isolationszellen Bücher und andere Materialien zukommen zu lassen. Die Wärter*innen mussten uns gewähren lassen, da sie sahen, dass sie zuvor gescheitert waren uns zu zerschlagen.

Schließlich, nach mehreren Monaten dieser Pattsituation, versuchten die Wärter*innen erneut, uns zu provozieren, indem sie einen der Anführer in Isolationshaft angriffen, Bruder Hassan. Er wurde heftig zusammengeschlagen, nachdem er sein Essen beanstandet hatte, in das einer der Wärter gespuckt und seine Nase geschnäutzt hatte. Wir forderten ein Ende dieser Belästigungen, ließen Petition herumgehen und klagten vor dem lokalen Gerichtssystem. Auch wenn wir die Wärter*innen nicht wie sie es sich vorgestellt hatten, angriffen, nahmen sie uns dennoch fest, indem sie behaupteten, wir würden „planen“ einen Tumult auszulösen. In Wahrheit hatten sich die Wärter*innen diese „Verschwörung“ ausgedacht, um zu versuchen unsere Organisation zu zerschlagen und diese harten Sicher- heitsvorkehrungen zu rechtfertigen.

Wir wurden alle in die speziellen Sicherheitszellen im L-Trakt geworfen und durften diese nur zum Duschen und wenn wir in die Rechtsbibliothek wollten, verlassen. 23 Stunden täglich waren wir in diese Zellen gesperrt, die ungefähr so groß sind, wie dein Badezimmer. Die Wärter*innen verspotteten uns, indem sie uns rassistisch beleidigten und ihre Nasen in unser Essen schnäutzten und hineinspukten. Sie taten das in deiner Anwesenheit in der Hoffnung, dass du dich beschweren würdest, um eine Entschuldigung zu haben, dich einen „Klugscheißer Nigger“ zu nennen und dich zusammenzuschlagen. Sie rotteten sich zusammen und schlugen Gefangene blutig, ganz besonders die, die sie nicht ausstehen konnten.

Nach einer Diskussion unter den Genossen im Trakt beschlossen wir gegen diese Zustände zu rebellieren, bevor die Dinge schlimmer würden und jemensch getötet werden würde. Hassan war so heftig verprügelt worden, dass er genäht werden musste und eine Rückenstütze benötigte. Eines Tages, als sie die Tür öffneten, um mich in die Rechtsbibliothek zu bringen, stieß ich die Handschellen zur Seite, sprang aus der Zelle, schlug einen der Wärter mit meiner Faust ins Gesicht und stach den anderen mit einem Messer in die Hüfte. Ich versuchte sie dazu zu zwingen, die Sicherheitstür zu öffnen, um alle Gefangenen raus zu lassen, aber der Wärter, der die Schlüssel hatte, rannte und warf diese aus dem Fenster in einen Gang. Also war ich mit ihnen gefangen und beschloss aus Frustration unsere Wärter*innen zu töten, die uns seit Wochen gepeinigt hatten.

Ich sprang auf den Wärter, den ich ins Gesicht geschlagen hatte und stach ihm mehrere Male in die Seite, bis das Messer zerbrach. Er schrie: „Töte mich nicht! Töte mich nicht! Ich habe eine Frau und drei Kinder.“ Ich schlug ihn wieder und wieder, bis er auf den Boden stürzte. Dann hob ich einen Auswringer auf, um ihm seinen Schädel zu zertrümmern, aber der andere Wärter griff mich von hinten an. Ich drehte mich um, um ihn in den Brustkorb zu schlagen und dann begannen wir zu ringen. Unterdessen sprang das Schwein vom Boden auf und sprühte mir Pfefferspray ins Gesicht. Ich hatte mir außerdem die Stirn an dem Auswringer aufgeschlagen und Blut schoss in meine Augen und nahm mir die Sicht. Ich kämpfte in blinder Wut weiter!

Unterdessen waren die anderen Wärter*innen auf dem Gang alamiert worden und rannten mit Riot-Equipment in den Trakt. Sie begannen auf mich einzuprügeln, aber die anderen Gefangenen im Trakt zerbrachen ihre Zellenfenster und begannen Kaffeetassen, Glasgefäße und andere Dinge auf die Riot-Gruppe zu werfen, als sie begannen, mich die Füße voran aus dem Trakt zu schleifen, als wäre ich ein lebloses Tier. Aber sie hatten mehr Angst als ich, diese Gegenstände durch die Luft auf sie zufliegen zu sehen, deshalb hielten sie sich zurück, mich vor den anderen Insassen zu verprügeln.

Ungefähr sechs Wärter*innen schleiften mich den Gang hinunter in die Krankenabteilung, wo sie mich in eine Zelle zur „psychischen Beobachtung“ im zweiten Stock warfen. Sie behandelten mich, asl ob ich „verrückt“ geworden wäre. Sie rissen mir alle meine Kleider vom Körper und warfen mich dann nackt in die Zelle. Es gab kein Bett, keine Laken, keine Toilette oder auch nur ein Waschbecken, an dem ich mir mein Gesicht hätte waschen können – nur eine Tür, ein Fenster und ein Loch in der Wand, in dem ich „mein Geschäft erledigen“ könne und der Boden und die Wände waren durchgehend gepolstert, entweder um die „verrückten“ Insassen abzufedern, wenn sie selbst versuchten, mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen oder um die Geräusche der Schläge der Wärter*innen zu dämpfen, wenn sie Gefangene verprügeln.

Für die Dauer einer Woche, die ich in dieser Zelle verbrachte, bekam ich weder Kleidung, noch Essen und außer zu den Gelegenheiten, zu denen sie die Zellentür öffneten, um mich mit einem Hochdruck-Wasserstrahl abzuspritzen und dann das Fenster zu öffnen, um mich in der frostigen Luft frieren zu lassen, war ich Tag und Nacht alleine. Ich fing mir infolgedessen eine Lungenetzündung ein und starb fast. Als sie sahen, dass ich ernsthaft krank war und dass die anderen Gafangenen im Falle meines Todes revoltieren würden, sahen sie zu, dass ich medizinische Behandlung bekam. Sie arrangierten es, mich in das Gefängniskrankenhaus in Springfield, Missouri zu bringen. Aber auch wenn die Wärter*innen, die meine Verlegung veranlasst hatten, gehofft hatten, die Aufstände zu beenden, ging dieser Plan nicht auf. Auch wenn die Wärter*innen schließlich die Kontrolle von den „Aufständischen“ zurückerlangten, war das Gefängnis nie wieder wie früher. Wegen der vereinten Gefangenenpopulation in Terre Haunt, gab es noch Jahre später immer wieder Streiks und gewalttätige Proteste im Gefängnis. Die Vereinigung der Gefangenen machte viele Dinge möglich: Die Gründung der Gefangenengewerkschaft von Indiana, die für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen kämpfte, ein Ende der rassistisch motivierten Morde und Organisation durch Gruppen wie den Klan und natürlich allgemein bessere Behandlung der Gefangenen. Einige der brutalsten Wärter*innen wurden entlassen oder verurteilt, nachdem sie Gefangene zusammengeschlagen oder gefoltert hatten; So etwas war noch nie zuvor passiert.

Auch wenn ich noch viele Jahre der Qualen in Springfield, Marion (Illinois) und anderen Gefängnissen erleben sollte, habe ich das alles überlebt. Ich erinnere mich an viele Dinge aus diesen 15 Jahren Gefängnis, aber der Kampf in Terre Haute und wie sogar weiße, die zuvor dem Klan gefolgt waren, viele Jahre lang mit den Schwarzen gegen die Gefängniswärter*innen revoltiert hatten, ist eine Sache, die ich niemals vergessen werde.

[1] Die Aryan Brotherhood (dt. „Arische Bruderschaft“) ist eine 1967 im San Quentin State Prison gegründete, rassistische und neonazistische Organisation, die heute in vielen Gefängnissen der USA existiert. Mitglieder der Aryan Brotherhood sollen für rund 18% der in US-Gefängnissen verübten Morde verantwortlich sein, fast ausschließlich aus rassistischen Motiven [Anm. d. Übers.].

Entnommen aus Ausbruch. In offener Feindschaft mit jeder Knastgesellschaft.

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