Breaking the Fourth Wall: Revolte im St. Louis-Gefängnis

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Übersetzung eines Crimethinc-Artikels


Im Jahr der COVID-19-Pandemie gab es heftige Kämpfe gegen Gefängnisse, die die ohnehin schon starke Bewegung gegen Haftanstalten und Abschiebeknäste sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Mauern verstärkten. Im folgenden Bericht aus St. Louis reflektiert ein Anarchist über die Bedeutung der Revolte vom 6. Februar im Kontext der Bemühungen von vielen verschiedenen Seiten, das zu vertreten und zu bewältigen, was man sich als Interessen der Gefangenen vorstellt.


In den frühen Morgenstunden des 6. Februar brach ein Aufstand innerhalb des Gefängnisses in der Innenstadt von St. Louis aus. Dies folgte auf zwei andere Aufstände innerhalb der letzten drei Wochen. Wir wissen nur wenig über die ersten beiden Aufstände, außer dass Aktivist:innen und Beamt:innen der Stadt sie als ›Unruhen‹ beschrieben, die durch das Fehlen von COVID-19-Sicherheitsmaßnahmen und Überbelegung ausgelöst wurden. Am 6. Februar jedoch gelang den Gefangenen ein Durchbruch.

Unternehmungslustige Gefangene fanden heraus, wie man sowohl die Zellentüren als auch die Sicherheitsschleusen im vierten Stockwerk aufhebeln kann. Später kam heraus, dass die Schlösser schon seit Monaten als fehlerhaft und leicht zu knacken galten. Nachdem sie die Wachen überwältigt hatten, begannen sie ein zerstörerisches Gelage – sie zerstörten das Gefängnis stundenlang, indem sie alles zerbrachen, was sie konnten, verstopften die Toiletten und überfluteten die Böden, legten Feuer und kämpften gegen die Wachen.

Schließlich erreichten sie den äußeren Korridor, der entlang ihrer Zellen verläuft und brachen durch die Fenster des Gefängnisses, um Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen. Arbeiter:innen, die zu ihrer Schicht in der City Hall auf der anderen Straßenseite ankamen, sahen eine Gruppe von Gefängnisrebell:innen am offenen Fenster, die Feuer entfachten und Gefängnistrümmer aus den Fenstern warfen. Die Arbeiter:innen begannen mit dem Livestreaming; das zog mehr Menschen in die Innenstadt, die die Rebell:innen anfeuerten und gemeinsam mit ihnen vom Bürgersteig aus Lieder gegen die Polizei anstimmten.

Unterstützende vor dem Gefängnis türmten den Schutt auf, den die Gefangenen hinausgeworfen hatten, um eine behelfsmäßige Barrikade zu errichten, die die Tür des Gefängnisses blockierte.

Der Direktor für öffentliche Sicherheit der Stadt, Jimmie Edwards, behauptet, dass die Gefangenen keine Forderungen gestellt haben, sondern nur ›Chaos‹ anrichten wollten. Verständnisvollere Kommentator:innen, darunter auch Aktivistengruppen, führten wieder einmal COVID-19 oder Überbelegung als Erklärung für den Ausbruch an. Wieder andere behaupten, dass der Aufruhr auch dadurch verursacht wurde, dass Staatsanwält:innen Verhaftete auf unbestimmte Zeit weggesperrt hielten, als Folge der Aussetzung von Prozessen wegen der Pandemie. Aus unserer Sicht ist es anmaßend, für die Insassen zu sprechen. Einen nachvollziehbaren Grund für einen Aufstand zu präsentieren – oder zu behaupten, dass er unerklärlich ist oder einfach ein Weg, um ›Chaos‹ zu stiften – ist eine Art, auf die Politik genutzt wird, um die Handlungsfähigkeit der Inhaftierten zu zu managen und klein zu reden. In solchen Situationen können die Gefangenen nie wirklich gehört werden – nicht nur wegen der eingeschränkten Kommunikationsformen, die ihnen zur Verfügung stehen, sondern auch als Folge der Machtungleichgewichte, die jeden entstehenden Diskurs prägen.

Seit Jahren fordern die Menschen von der Regierung die Schließung des anderen Gefängnisses der Stadt, dem Workhouse. Das Workhouse war auch schon Schauplatz vieler Demonstrationen, darunter eine, die 2017 den Zaun durchbrach. Letzten Sommer stimmte die Stadtregierung überraschenderweise zu, das Workhouse bis Dezember 2020 zu schließen. Zu diesem Zeitpunkt war das Workhouse ziemlich entvölkert, was dazu beigetragen hat, dass die Argumente für eine Schließung nicht mehr stichhaltig waren. Aber wenn man sich anschaut, wie die Stadtregierung die Schließung umsetzen würde, ist es klar, dass es kaum einen Unterschied in der Erfahrung der Eingeschlossenen machen würde. Die Stadtregierung schlug vor, die im Workhouse verbliebenen Gefangenen in das Downtown-Gefängnis zu verlegen, was von den Organisationen der Community bis zu einem gewissen Grad akzeptiert wurde. Die Stadtregierung schlug auch vor, die Gefangenen in Gefängnisse in anderen Städten zu schicken, einige bis zu vier Stunden entfernt, obwohl dies Gerichtsverfahren und Familien, die ihre Lieben besuchen wollen, behindern würde.

Der Dezember 2020 ist längst vorbei und das Workhouse ist immer noch geöffnet. Jetzt benutzt die Stadt diesen Aufstand als Rechtfertigung, um es offen zu halten. Es scheint, dass die Regierung nie die Absicht hatte, das Workhouse zu schließen und nur Ausreden sucht, um es nicht zu tun. Nach der Revolte wurden Dutzende Gefangenen aus dem Gefängnis in der Innenstadt in das Workhouse verlegt. Gleichzeitig nutzen aktivistische Organisationen die Ereignisse vom 6. Februar als Munition für ihre Kampagne zur Schließung des Workhouse.

Ein Unterstützer vor dem Gefängnis, der ein Shirt trägt, das von den Rebell:innen im Inneren raus geworfen wurde.

Es sieht so aus, als würde das Workhouse nicht so bald geschlossen werden. Selbst wenn es geschlossen wird, werden der Kapitalismus und die verschiedenen komplementären und konkurrierenden Regierungsmächte, die die Bedingungen für ›Kriminalität‹ schaffen und definieren, was sie ausmacht, weiter bestehen, zusammen mit ihren Strategien, die Ergebnisse zu verwalten. All dieses Definieren und Verwalten tendiert dazu, sich entlang von Klassen- und Racelinien abzuspielen, aber das bedeutet nicht, dass es notwendigerweise eine Art von impliziter Solidarität innerhalb dieser Klassifizierungen gibt, die von Natur aus gegen dieses Definieren und Verwalten ist. Außerhalb der Blase des Aktivismus für soziale Gerechtigkeit gibt es Druck von verschiedenen großmäuligen Gruppen in St. Louis mehr ›Recht und Ordnung‹ durchzusetzen, vor allem als Reaktion auf den dramatischen Anstieg der Zahl der Morde in den letzten paar Jahren. Einige fordern Überwachungsflugzeuge, um uns vom Himmel aus zu überwachen; andere haben die Nationalgarde angefleht, in ihre Nachbarschaften zu kommen, um die täglichen Schießereien zu stoppen. Die wunderbare und schreckliche Dynamik des Lebens in einer gesetzlosen Stadt und die verschiedenen Definitionen dessen, was Sicherheit ausmacht, sind hier alle im Spiel. Der Appell an die Regierung, die Dinge zu verbessern, hat die Situation nur noch verschärft.

Am Ende verfehlt dieses Klassifizieren und Verwalten und Kontrollieren immer seinen Zweck. Das ist die Ursache für die Konflikte, die immer wieder durch die dünne Fassade der Ordnung brechen, wie die Gefangenen, die durch die Fenster des Gefängnisses brachen. Jeden Tag kommen Politiker:innen mit neuen Lösungen für die Probleme, die durch das von ihnen aufrechterhaltene System geschaffen werden – und jeden Tag scheitern ihre Lösungen. Jeden Tag engagieren sich Menschen in persönlichen und kollektiven Gesten gegen den Status Quo, und diese Ausbrüche passen nicht einfach in eine politisierte Beschreibung, warum Menschen tun, was sie tun. Die meisten dieser Explosionen bleiben ungesehen und werden nicht beachtet, aber manchmal gibt es eine Explosion – wie die am 6. Februar – die nicht verheimlicht werden kann, und die Menschen beeilen sich, sie in eine Art von erholsamer Erzählung zu integrieren.

Revolte ist keine Agenda, die es zu vertreten gilt, sondern eine Handlungsfähigkeit, die es zu erweitern gilt. Solidarität mit den Rebell:innen im Gefängnis von St. Louis.


Das folgende Gedicht stammt von einem Anarchisten aus St. Louis, der die Revolte von der Straße aus miterlebt hat.


ich hätte nie gedacht, dass ich die ausgebrochenen Fenster eines Gefängnisses sehen würde
ein kaltes, verrottetes — wie sie alle —
wo du in einer Zelle 40 tief gestapelt bist
oder in einer Zelle eingesperrt bist und schimmelige Sandwiches isst
um die Mülltüte mit Saftkartons kämpfst, die die Wärter in deine Zelle werfen

das direkt gegenüber dem Rathaus liegt
wo sie das Gesetz und die Ordnung des täglichen Elends machen
das eine neben dem Gerichtsgebäude
wo sie über das Elend urteilen
das, was ›Justizzentrum‹ genannt wird
oder mit den Worten eines Mitgefangenen
den ich vor Jahren kurz in einer überfüllten Zelle traf
Amerika

Ich hätte nie gedacht, dass ich Gefangene sehen würde, die ihre maskierten Köpfe
aus den zerbrochenen Fenstern stecken
zusammen singen, sprichwörtlich BEFREI MICH schreien
auf alle Arten von Wegen
Signalfeuer setzen, die wir unten sehen können,
sie werfen Knastteile, die sie von innen zerlegt haben, nach draußen
Türgriffe, Ramen-Nudeln, Sandwiches, Seifenstücke, Federn, unbequeme Plastikstühle, Metallteile, klebrige Matratzen, Besen, Kissen, Bettwäsche, Spiegel

ich hätte nie gedacht, dass
wir jubeln würden
schreien nach mehr
mehr!
ich hätte nie gedacht, dass wir in der Lage sein würden, frei zu kommunizieren
durch zerbrochene Fenster
anstelle von unzerbrechlichem Plexiglas

ich hätte nie gedacht, dass ich ausgeworfene Knastkomponenten sehen würde, die von
einem alten Mann in der Menge
getrieben von einer Sturheit
wütend über seine vergangenen Erfahrungen im Gefängnis nachdenkend
er bindet alle Federn und andere Metallteile an die Griffe des Gefängniseingangs und stapelt den Rest der Artefakte vor den Türen
die Wachen zu verhöhnen, die ihn anschreien zu STOPPEN

ich hätte nie gedacht, dass ich mal Leute sehen würde die eingesperrt sind
ihre Gefängnisuniformen ausziehen
und sie rausschmeißen
ich hätte nie gedacht, dass ich sie geschändet sehen würde
ein machtloser Stoff
sich der Schwerkraft unterwirft
und den Boden für uns erreicht, um sie zu bergen
als Souvenirs

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