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Behindert, Schwarz, trans und ein*e Primitivist*in? Warum ich das prozivilisatorische Narrativ nicht ausstehen kann

von Black Luddite

[Der folgende Text stammt aus der deutschen Übersetzung der Broschüre An Iconoclastic Monstrocity: Disability Against Civilization, die unter dem Titel Eine ikonoklastische Ungeheurlichkeit: Behinderung gegen die Zivilisation ganz frisch beim Maschinenstürmer Distro erschienen ist.

Hier scheint er mir thematisch gerade wunderbar in derzeit stattfindende Debatten reinzupassen.]


Ich vertrete die Auffassung, dass die Zivilisation und ihre Begleiterscheinungen notwendigerweise einschränkend sind. Als eine*r, die*der ich von der modernen Welt als behindert etikettiert werde, verachte ich die Zivilisation und was sie Menschen wie mir angetan hat. Die Linke würde mich Faschist*in nennen, sagen, dass ich Eugenik, Transfeindlichkeit und sozialen Konservationismus vertreten würde, auch wenn das des Letzte ist, was ich vertrete. Die anti-linke, anti-technologische, anti-zivilisatorische primitivistische Bewegung ist Befreiung für diejenigen, die bloß als vordefinierte metaphysische Gefäße betrachtet werden: der Müll der Gesellschaft, die Sünder*innen, die Luzifers dieser Welt! Diese Anschuldigungen basieren auf der Übersozialisierung linker Räume, die von einer extrem unkritischen Moral begleitet wird. Ted Kaczinsky prägte den Begriff Übersozialisierung; er beschreibt ihren Ausdruck als “[eine] Person, die nicht einmal Gedanken oder Gefühle ohne Schuldgefühle empfinden kann, die der anerkannten Moral entgegengesetzt sind; die keine ‘unreinen’ Gedanken denken kann” [2]. In diesem Fall denken die Linken, dass, indem sie versuchen Minderheiten zu verteidigen (trans Personen, behinderte Menschen, People of Color), sie sich auf dem hohen Ross befinden. Allerdings ist dieses hohe Ross nicht unfehlbar.

Die Anfänge der Zivilisation beginnen mit der Weiterentwicklung der Landwirtschaft von der Nahrungssuche der Jäger*innen/Sammler*innen bis zur neolithischen Revolution in Mesopotamien um rund 10.000 vor Christus [3]. Dieser Wandel markiert den Kern dessen, von dem ich glaube, dass mit ihm die Probleme der Menschen beginnen.

Christopher Ryan, Autor von Civilized to Death schrieb, “wir neigen dazu, beispielsweise Fortschritt mit Anpassung zu verwechseln. Anpassung – und in der Folge Evolution – setzt nicht voraus, dass eine Spezies “besser” wird, wenn sie sich entwickelt, sondern bloß, dass sie sich ihrer Umgebung besser anpasst …”, und in dieser Verschiebung stürzt Fortschritt die Menschheit ins Unglück [4]. Geschlecht wird zu einem bestimmenden Faktor, weil sich das Sozialleben rund um sesshafte Landwirtschaft bildet, während prä-zivilisierte Gesellschaften zu größerer Gleichberechtigung neigten. Frauen wurden als “niederer” betrachtet, weil ihre Aufgaben nicht so physisch anstrengend waren wie die der Männer [5]; sie wurden aus einer egalitäreren freien Gemeinschaft dazu degradiert, abhängig zu sein und als sexuelle Wesen betrachtet zu werden, um den metaphysischen Konzepten wie Land- und Geld-Erblinien Nachkommen zu gebären. Zusätzlich markiert diese Ära den Beginn systematischer Unterdrückung(en). Soziale Klassen bilden sich aufgrund der Spezialisierung und der Akkumulation wesentlicher Ressourcen (Nahrung und Wasser). Man kann feststellen, dass es bereits ein unglaubliches Maß an Stress gab, das aus der Anpassung an die neue, aufreibende Umgebung resultierte.

Es gab auch “Positives”, das als Ergebnis der Zivilisation entstand. Es gab hilfreiche medizinische Fortschritte darin, denen mit einst unheilbaren Krankheiten zu helfen oder technologische Fortschritte, die es erlauben bequemer zu reisen oder kommunizieren, aber zu welchem Preis? Millionen brauner und schwarzer Menschen überall auf der Welt, die von weißen Unternehmen wie Dreck behandelt werden? Oder was ist mit den tausenden schwarzer Menschen, die im Süden ohne ihre Einwilligung für medizinische Experimente missbraucht wurden? Die Impfung, die du dir in den Arm spritzen lässt, ist ohne das Blutvergießen meiner Vorfahren undenkbar.

Viele Linke weigern sich einzugestehen, dass sie von privilegierten Orten kommen und nicht das ganze Bild betrachten; was geschehen musste, um diese Luxusgüter zu erlangen. Sie können ihre Betonung von Gleichberechtigung noch so oft ausrufen, aber vergessen doch meist, dass diejenigen, für die sie streiten, ausgebeutet werden. Und das umfasst noch nicht einmal annähernd die Umwelt. Denken die Linken, dass ihr “vollautomatisierter Luxus-Kommunismus” einfach magisch erscheint, indem der Kapitalismus gestürzt wird? Nein, das ist idealistisch. Der einzige Weg, auf dem ihre Hirngespinste Wirklichkeit werden können, ist die totale ökologische Zerstörung. Den Planeten zerstören, um in den Weltraum zu gelangen?

Mein Hintergrund ermöglicht mir eine interessante kritische Betrachtung der Zivilisation und der Ereignisse, die in ihrer Folge geschahen. Ich könnte sagen, dass die Versklavung von 10 Millionen Afrikaner*innen durch christliche weiße Rassist*innen, die Vorstellung der Hierarchisierung dessen, wer aufgrund von etwas Künstlichem wie Hautfarbe “überlegen” ist, sehr wohl ein Resultat der Zivilisation ist. Ich kann von der ableistischen Vorstellung sprechen, dass bestimmte mentale Gesundheitsabweichungen eine Krankheit oder eine Störung sind, die behoben werden müsse, damit ich funktionieren kann, wie das von außen von mir erwartet wird. Meine traumatischen Erfahrungen mögen nicht die gleichen sein wie die anderer, aber ist es nicht besorgniserregend, dass es so gewöhnlich ist, dass Minderheitengruppen als Bürger*innen zweiter Klasse betrachtet werden? Wie kommt es, dass “Bürger*innen zweiter Klasse” überhaupt einen Ausgangspunkt bildet?

Die Vorstellungen davon, ein*e überlegene*r Bürger*in zu sein, weil [füge hier einen Grund ein], sind lächerlich und beinahe ausschließlich in der Zivilisation zu beobachten.

Ich erlebe seit über einem Jahrzehnt eine Psychose, ich bin schwarz und transgender. Ich werde kritisch gegenüber der Zivilisation und ihrem Fluch, mit dem sie meine Existenz belegte und weiterhin belegen wird, bleiben.

Die beständigen Ängste, die damit einhergehen als ich selbst zu leben und die Wahrscheinlichkeit missbraucht oder angegriffen zu werden, suchem meinen Verstand heim. Ich bin es leid, mich zu fühlen, als müsste ich in einem so beschränkten Gehege leben, wie es die kapitalistischen, christlichen, cisheterosexuellen Weißen gerne hätten. Meine Psychose ist nicht nur eine medizinische Abweichung von “Normalität”; Ich mache mir dieses Label zu eigen und weigere mich von einem medizinischen System medikamentiert zu werden, das außer finanziellen Interessen keinerlei Interesse an meiner Existenz hat. Meine anti-psychiatrische Haltung resultiert aus der Perspektive, dass Menschen nicht einfach medikamentiert werden sollten, um ihre Probleme zu beheben, wenn die Probleme tiefer reichen als das. Mein Trauma förderte meine Psychose, aber ich bin der Ansicht, dass die Dinge, die mir passiert sind, das Resultat davon sind, in einer Welt des Stresses, der Überbevölkerung, der systematischen Unterdrückung, usw. zu leben. All das sind eindeutig Folgen der Zivilisation und diese wären in einem vorzivilisierten Leben undenkbar. Meine Geschlechteridentität ebenso wie das bloße Konzept von Geschlecht hätten keine so große Rolle in der Struktur von Jäger*innen/Sammler*innen-Gemeinschaften gespielt. Das Christentum zwang durch Kolonisierung und Herrschaft Millionen von Menschen, die keine klare binäre Vorstellung von den Kategorien Mann und Frau hatten, seine Vorstellung von Geschlecht und Sexualität zu übernehmen. Und mein Schwarzsein? Ich habe die Welt gegen mich wegen etwas, das nichts anderes als ein genetischer Zufall war.

Die*den Kommunist*in, die*der die Zivilisation und den Fortschritt als nützlich betrachtet, frage ich: Warum glaubst du, dass der Sozialismus irgendwie anders sein wird? Es mag einen Wandel des Ökonomischen geben, aber das ändert nicht die Struktur der Zivilisation und was sie herbeiführen kann. Ich bin gegen das alles, weil ich weiß, dass der Stress rund um meine unveränderbaren Eigenschaften minimal wäre, wenn ich nicht in einer solchen Umgebung leben würde. Meine Vorfahren waren in der Lage relativ friedliche Leben zu führen, frei von der faschistoiden Höllenlandschaft, die die Welt heute ist. Ich werde die Zivilisation immer als einen Rückschlag oder ironisch rückschrittlich betrachten, verglichen mit dem Leben, das einst von frühen Homo Sapiens gelebt wurde.

Tod dem Fortschritt! Lang leben die ungewollten Minderheiten dieser Welt; wir begrüßen die Anarchie und nehmen unser Leben in die eigenen Hände!

Endnoten

[2] Ted Kaczinsky, Industrial Society and Its Future, S. 24.

[3] “Neolithische Revolution” in History https://www.history.com/topics/pre-history/neolithic-revolution (23. August 2019)

[4] Christopher Ryan, Civilized to Death: The Price of Progress, S. 10.

[5] Casper Worm Hansen et al., Gender Roles and Agricultural History: The Neolithic Inheritance, S. 2.