Gegenseitige Hilfe vs staatliche Programme

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Gegenseitige Hilfe bewirkt nichts allein: Eine Gegendarstellung zu Joanna Wuest

Englische Erstveröffentlichung in The Commoner


In ihrem Artikel „Mutual Aid Can’t Do It Alone“ behauptet die The Nation-Autorin Dr. Joanna Wuest, dass gegenseitige Hilfe nicht ausreicht, um Menschen in (und aus) einer Krise zu unterstützen. Sie behauptet, dass gegenseitige Hilfe zwar ein nützliches Werkzeug ist, aber im Vergleich zu staatlichen Programmen verblasst. Doch Wuest versäumt es, sich mit den Argumenten der Begründer:innen und Befürworter:innen der gegenseitigen Hilfe auseinanderzusetzen. Das Ergebnis ist eine verwirrende und potentiell schädliche Perspektive auf ein zentrales anarchistisches Prinzip, das die Menschen seit Generationen unterstützt hat.

Gegenseitige Hilfe und Anarchismus

Gegenseitige Hilfe bezieht sich auf die Zusammenarbeit von Individuen für das größere Wohl der Gemeinschaft. Es ist eine Idee, die es seit tausenden von Jahren gibt, obwohl ihre moderne Version in den 1800er Jahren aufkam. Der Naturalist und Anarchist Peter Kropotkin übernahm das „Gesetz der gegenseitigen Hilfe“ aus einer Vorlesung über die Evolution des russischen Zoologen Dr. Karl Kessler aus dem Jahr 1880. Kropotkin machte sich das „kursorisch skizzierte“ Konzept sofort zu eigen und erweiterte die Idee in seinem bahnbrechenden Werk Mutual Aid: A Factor of Evolution (1880). Kessler verstarb im nächsten Jahr, aber Kropotkin entwickelte die Theorie zusammen mit anderen Wissenschaftler:innen, darunter die Anarchistin Dr. Marie Goldsmith, in den folgenden Jahrzehnten weiter.

Wuest berührt einige dieser Punkte in ihrem Artikel, um den historischen Kontext zu verdeutlichen. Allerdings geht sie nicht auf die Gesamtheit von Kropotkins Anarchismus ein, was entscheidend ist, um zu verstehen, warum die gegenseitige Hilfe zu einem kulturellen Phänomen wurde. Zum Beispiel umgeht sie Kropotkins Behauptung, dass die Regierung in direkter Opposition zur gegenseitigen Hilfe steht, um ihren Standpunkt zu vertreten, dass die gegenseitige Hilfe im Gegenteil dem Staat dienen kann. Infolgedessen präsentiert ihre Version eher eine gebrochene Erzählung zwischen dem, was jemand vor über einem Jahrhundert gesagt hat und dem, was wir während der COVID-19-Pandemie gesehen haben.

In Mutual Aid beschreibt Kropotkin, wie Gesellschaften in ganz Europa über Hunderte von Jahren auf der Grundlage von gegenseitiger Hilfe durch gemeinnützige Organisationen funktionierten. Er argumentierte, dass das Aufkommen des Staates im 15. und 16. Jahrhundert zur Zerstörung dieser gemeinschaftlichen Institutionen führte. Wie er schreibt:

‚Während der nächsten drei Jahrhunderte haben die Staaten, sowohl auf dem Kontinent als auch auf diesen Inseln, systematisch alle Institutionen ausgemerzt, in denen die Tendenz zur gegenseitigen Hilfe früher ihren Ausdruck gefunden hatte. … Die politische Bildung, die Wissenschaft und das Recht wurden der Idee der staatlichen Zentralisierung untergeordnet. An den Universitäten und von der Kanzel wurde gelehrt, dass die Institutionen, in denen die Menschen früher ihre Bedürfnisse nach gegenseitiger Unterstützung verkörperten, in einem richtig organisierten Staat nicht geduldet werden könnten; dass der Staat allein die Bande der Einheit zwischen seinen Untertanen darstellen könne; dass Föderalismus und „Partikularismus“ die Feinde des Fortschritts seien und der Staat der einzig richtige Initiator der weiteren Entwicklung. … Das ganze System unserer staatlichen Erziehung war so beschaffen, dass bis in die heutige Zeit, selbst in diesem Land, ein beachtlicher Teil der Gesellschaft das Zugeständnis solcher Rechte, die jeder, ob Freier oder Leibeigener, vor fünfhundert Jahren in der dörflichen Folkmote, der Gilde, der Gemeinde und der Stadt ausübte, als eine revolutionäre Maßnahme betrachten würde.‘

Nach Kropotkin setzte der Staat dort an, wo es bereits ein bestehendes System gab, das den Bedürfnissen des Volkes diente. Die Abhängigkeit vom Staat als ultimativem Versorger war zerstörerisch für wichtige gemeinschaftlich geführte Organisationen und löschte jeden Sinn für sinnvollen Fortschritt aus, was die Gesellschaft so weit zurückwarf, dass ihre Bevölkerung nicht einmal mehr von der Freiheit träumen konnte, die zuvor in der staatenlosen Ära erreicht wurde. Das Vermeiden dieses zentralen Arguments erlaubt es Wuest, mit einem Artikel fortzufahren, der den Staat als förderlich für die gegenseitige Hilfe und ihre Ziele darstellt, anstatt sie zu zerstören.

Gegenseitige Hilfe als Stütze des Staates?

Wuest argumentiert mit diesem rudimentären Verständnis von gegenseitiger Hilfe, um eine verblüffende These aufzustellen. Die Stoßrichtung ihrer Argumentation scheint eine zweifache zu sein. Erstens plädiert sie dafür, dass gegenseitige Hilfe zur Stärkung des Staates eingesetzt werden sollte. Dann behauptet sie, dass Initiativen der gegenseitigen Hilfe historisch nicht skaliert haben und daher staatlichen Programmen unterlegen sind.

Gegenseitige Hilfe ist eine Methode, mit der Anarchist:innen versuchen, den Staat zu umgehen und tatsächlich die Ohnmacht des Staates im Vergleich zur kollektiven Organisation zu demonstrieren. In Übereinstimmung mit Kropotkins Modell der gegenseitigen Hilfe als Widerspruch zur staatlichen Zentralisierung argumentierte der italienische Anarchist Errico Malatesta lautstark, dass der Staat ein Hindernis für Solidarität und Kooperation ist, während gegenseitige Hilfe und Anarchismus ein Tor sind. Die gegenseitige Hilfe als ein Werkzeug zu bezeichnen, das zur Stärkung des Staates eingesetzt werden sollte, ist daher aus anarchistischer Sicht unsinnig.

Aber lass uns die Unannehmlichkeiten dieser Fakten für einen Moment ignorieren: Wuests Argument untergräbt sich immer noch selbst. Wenn, wie Wuest behauptet, gegenseitige Hilfsprogramme dem Staat tatsächlich unterlegen sind, weil sie nicht skalieren, dann muss man ihre Nützlichkeit bei der Durchsetzung der eigenen Agenda des Staates in Frage stellen. Schließlich zahlt es sich beim Bau eines Hauses aus, ein Fundament zu legen, das stärker ist als die Struktur, die es trägt.

Wuest liefert das perfekte Beispiel für diese Unvereinbarkeit in ihrer Diskussion über das Free Breakfast for School Children-Programm der Black Panthers. Wie sie erwähnt, wurde das kostenlose Frühstücksprogramm letztendlich vom Staat übernommen, was ein Beweis für seine bemerkenswerte Effektivität ist. Es war ein offensichtliches Beispiel dafür, dass der Staat das Potenzial der gegenseitigen Hilfe erkannte und es als Bedrohung für die staatliche Autorität ansah. Der damalige FBI-Agent J. Edgar Hoover war in dieser Hinsicht explizit:

‚Eines unserer Hauptziele bei der Spionageabwehr in Bezug auf die [Black Panther Party] ist es, diese Gruppe von der gemäßigten Schwarzen und weißen Gemeinschaft, die sie unterstützen könnte, zu isolieren. Dies wird am nachdrücklichsten in ihrem „Frühstück für Kinder“-Programm deutlich, wo sie aktiv um Unterstützung von uninformierten Weißen und moderaten Schwarzen werben und diese auch erhalten…Ihr sagt, dass das Bureau unter dem [Counterintelligence Program] keine Programme von Gemeinschaftsinteresse wie das [Black Panther Party] „Frühstück für Kinder“ angreifen sollte. Ihr behauptet, dass dies so ist, weil viele prominente „Menschenfreunde“, sowohl Weiße als auch Schwarze, an dem Programm interessiert sind, ebenso wie Kirchen, die es aktiv unterstützen. Ihr habt offensichtlich den Punkt verfehlt.‘

Hoover ließ seiner Rhetorik zahlreiche Sabotageversuche als weiteren Teil von COINTELPRO folgen, was zu Erpressung, Infiltration, Inhaftierung und Ermordung von Black Panther-Anführenden führte. Trotz des Ansturms an Repressionen schafften es die Black Panther bis 1969, 20.000 Personen zu bedienen. Wuest gleitet an diesen Punkten vorbei, um fälschlicherweise die nationale Reichweite des Bundesprogramms mit den neu gegründeten und häufig belagerten gegenseitigen Hilfsinitiativen der Panther zu vergleichen.

Sowohl durch Sabotage als auch durch ein Bundesersatzprogramm war es nicht das Ziel des Staates, seinen Bürger:innen zu helfen, sondern vielmehr die gegenseitigen Hilfsbemühungen der Black Panthers zu unterdrücken und die Verzweiflung und das Vertrauen auf den Staat zu erhöhen. Wir wissen das, weil die Regierung bereits die Mittel besaß, Güter und Kapital nach Belieben umzuverteilen; dass sie es nicht tat, war eine Entscheidung und eine vernichtende Anklage gegen den angeblichen Grund ihrer Existenz.

Der Staat: Ein wankelmütiger Verbündeter im besten Fall

Wenn Wuest argumentiert, dass der Staat eine bessere Alternative zur gegenseitigen Hilfe darstellt, versäumt sie es wieder einmal, die anarchistische Kritik am Staat und Kapitalismus zu hinterfragen. Hätte sie das getan, hätte sie vielleicht erklären können, wie Anarchist:innen (und viele andere Denker:innen) Wirtschaftskrisen wie die Lange Depression (1873-1896) als eine unvermeidliche Folge des Kapitalismus ansehen, oder wie das letztendliche Scheitern des New Deal dem Staat selbst geschuldet ist. Wuest selbst hebt hervor, wie die Platzierung des Wohls der Vielen in den Händen der Wenigen im Süden als Ergebnis der New Deal-Koalition zum Ausschluss der Schwächsten führte – Schwarze Farmer:innen, arme weiße Farmer:innen und Frauen – und kommt dennoch zu dem Schluss, dass dies ein besseres System war als wohlwollende Gesellschaften, die explizit dieselben marginalisierten Gruppen unterstützten.

Wuest beklagt dann die anschließende Abkehr der Regierung von den sozialen Sicherheitsnetzen des New Deal. Wuest erinnert an die Prüfungen der amerikanischen Arbeiterbewegung und katalogisiert, wie die Gewerkschaften eine Reihe von wichtigen Errungenschaften für die amerikanischen Arbeiter:innen errungen haben, nur um zu sehen, wie diese Siege in den Kämpfen im Kongress zerbröckeln. Sie spielt munter auf die American Federation of Labor (AFL) an, die aus Angst vor einer Verwässerung ihrer Macht einer Gesetzesreform den Rücken zukehrte, bevor sie enthüllt, dass genau das geschah.

In seinem Buch Who Rules America stellt der Soziologe Dr. G. William Domhoff fest, dass die AFL in der Tat wenig gewonnen hat, indem sie sich von den anarchistischen und kommunistischen Radikalen distanzierte, in der Hoffnung, durch die Zusammenarbeit mit dem Staat Veränderungen zu erreichen. Im Gegensatz dazu skizziert er, wie die Basis der Gewerkschaft erfolgreich Streikdrohungen einsetzte, um die gemäßigte AFL-Führung und die Regierung zu zwingen, den Forderungen der Arbeiter:innen nachzugeben. Trotz des Widerstands von unten nach oben schwand die Unterstützung für die direkte Aktionstaktik von 1877 bis 1937, als immer repressivere Regime die Macht auf Bundesebene erlangten, und die Macht der Arbeiterbewegung erodierte zusammen mit dem Wohlfahrtsstaat, den sie mit geschaffen hatte.

Nirgends zieht Wuest in Betracht, dass die Natur von Regierungen, die natürlich den Willen der Mächtigsten unterstützen, notwendigerweise wankelmütig ist. Gewerkschaften und Solidaritätsbewegungen hingegen leben über den Wahlzyklus hinaus. Wie sie und Domhoff zeigen, kann sich der Staat im Handumdrehen gegen die Arbeiter:innen wenden, wenn er unter neuen wirtschaftlichen Druck oder ein weniger günstiges Management gerät. Diese Schwäche des Staates ist ein Punkt, vor dem Anarchist:innen seit über 100 Jahren gewarnt haben. Dies anzuerkennen, würde jedoch den Kern von Wuests These bedrohen.

Die Lüge der rechten „gegenseitigen Hilfe“

Wuests nächster und theatralischer Zug ist es, die gegenseitige Hilfe als Liebling der Rechten zu bezeichnen. Sie meint, dass die Autor:innen der Heritage Foundation und der National Review von einer Gesellschaft träumen, die auf dem sozialistischen System der gegenseitigen Hilfe basiert. Diese absurde Vorstellung macht nur Sinn, wenn man der konservativen Verschmelzung von gegenseitiger Hilfe und Wohltätigkeit zustimmt. Diese Verschmelzung ist, wie so vieles in der Rechten, nur eine Vernebelung, die von den Machthabenden aufrechterhalten wird.

Das erste Prinzip der gegenseitigen Hilfe ist, dass sie per Definition keine Nächstenliebe ist. Kurz gesagt, Wohltätigkeit ist unidirektional, freiwillig, atomisiert und hängt von einem System des Machtungleichgewichts ab. Gegenseitige Hilfe lehnt jede dieser Ideen in ihrer Art ab. Das Ergebnis ist, dass Wohltätigkeit und gegenseitige Hilfe versuchen, grundverschiedene Gesellschaften aufzubauen.

Wohltätigkeit bewegt sich immer von Menschen mit Mitteln zu Menschen ohne. Betrachte eine Person mit Wohnung, die einem Obdachlosen Essen und Geld gibt – Wohltätigkeit in ihrer einfachsten Form. Die Dynamik fließt in eine Richtung, ausgehend von dem Machtgefälle zwischen dem Individuum mit Ressourcen und dem Individuum ohne. Da die Person mit den Ressourcen die einzige ist, die die Macht hat zu geben, festigt diese Interaktion den höheren sozialen Status der Person mit Unterkunft. Der Transfer wird noch ungleicher, weil er nur für den Gebenden freiwillig ist; die gebende Person ist nicht verpflichtet, der anderen Person zu helfen, aber die andere Person ist möglicherweise auf Almosen angewiesen, um zu überleben. Auf der Makroebene versagt dieser Akt auch darin, die Ursachen zu bekämpfen, die überhaupt erst zum Wohnraummangel geführt haben. Das liegt daran, dass Wohltätigkeit ein atomisierter Prozess ist, der sich auf die beteiligten Individuen auswirkt, aber keine gemeinschaftliche oder systemische Veränderung bewirkt.

Diese Ideen sind orthogonal zur gegenseitigen Hilfe. Bei der gegenseitigen Hilfe ist es das Ziel, dass alle Mitglieder der Gemeinschaft gleichberechtigt sind und in dem Maße voneinander geben und nehmen, wie es ihnen möglich ist. Ein einfaches Beispiel dafür wäre eine Bibliothek, in der jede:r in der Gemeinschaft Bücher nach Bedarf gibt und nimmt, ohne Rücksicht auf den persönlichen Status oder die Mittel: von allen für das Wohlergehen aller. Gegenseitige Hilfe hängt also von Solidarität ab, nicht von individuellem Handeln; sie ist ein geteilter Aufwand und ein geteilter Nutzen statt eines bloßen Austauschs zwischen zwei Menschen; es ist notwendig, dass jede:r zum Wohle der Gemeinschaft teilnimmt; und indem sie sich auf die gemeinschaftliche Interdependenz stützt, verfestigt sie nicht die soziale Machtdynamik, sondern hilft vielmehr, sie zu untergraben. Es macht also Sinn, dass Wohltätigkeit das Konzept der Wahl für pro-kapitalistische Kräfte, wie die Heritage Foundation und TNR, ist, während diejenigen, die in eine horizontalistische, nicht-kapitalistische Gesellschaft investieren, gegenseitige Hilfe verfolgen.

Wuest spielt an einer Stelle auf die unausweichlichen Unterschiede zwischen gegenseitiger Hilfe und Wohltätigkeit an, aber sie artikuliert nicht, was genau diese Unterschiede sind. Ob sie den Unterschied versteht, wird gegen Ende des Stücks noch weniger klar. Um die Idee der gegenseitigen Hilfe als Basis für die gesellschaftliche Organisation zu widerlegen, sagt sie lapidar, dass „wohltätige Spenden während Rezessionen tatsächlich zurückgehen“ – wieder einmal wird gegenseitige Hilfe mit Wohltätigkeit gleichgesetzt, trotz früherer Beteuerungen. In der Tat, wenn man sich die Daten über gegenseitige Hilfe und nicht über Wohltätigkeit ansieht, haben sich allein in den Vereinigten Staaten mehr als 800 Gruppen für gegenseitige Hilfe im Zuge der Rezession infolge von COVID-19 registriert. Unabhängig von den Daten über Wohltätigkeitsorganisationen ist es klar, dass Hilfsorganisationen auf Gegenseitigkeit auftauchen, um denjenigen zu helfen, die aufgrund der Untätigkeit der Regierung in Not geraten sind.

Entlarvung des Mythos des rechtsstehenden Linkstums

Wuests zwei Beispiele von konservativer „gegenseitiger Hilfe“ können ihr Argument auch nicht auf ihre Weise bestätigen. Das erste, ein Artikel der konservativen Denkfabrik The Heritage Foundation, konzentriert sich auf den Kampf von Schwarzen und Jüd:innen gegen Rassismus und Antisemitismus. Es ist eine nette Gesinnung von einer niederträchtigen Organisation, aber sie gibt nicht einmal vor, dass es um gegenseitige Hilfe geht und ist es daher nicht wert, hier diskutiert zu werden. Der TNR-Artikel des selbsternannten „Tory-Anarchisten“ Cameron Hilditch ist näher am Thema, offenbart aber die Taschenspielertricks des rechten Flügels, wenn es um ihre Kritik an der Regierung geht. Es stimmt, dass Hilditch in seinem Fiebertraum über die Privatisierung von Bildung kurz die gegenseitige Hilfe erwähnt. Aber wie in anderen Fällen des sogenannten „libertären“ Denkens, werden die Worte ohne ihren Kontext im Dienst von grässlichen Idealen präsentiert.

Gegenseitige Hilfe als Mittel der revolutionären Veränderung ist explizit antikapitalistisch, weil sie Hierarchie ablehnt; Wohltätigkeit ist ein natürlicher Auswuchs des Kapitalismus. Gegenseitige Hilfe fördert auch, wie bereits erwähnt, die Gemeinschaft, anstatt dem Einzelnen alles zu Füßen zu legen. Hilditch, der für TNR schreibt, ist offensichtlich nicht an diesen Ideen interessiert. Stattdessen geht es in der Überschrift seines Artikels explizit um die Zerschlagung der Lehrergewerkschaften. Hilditch argumentiert, dass Lehrergewerkschaften, wie „andere Gewerkschaften des öffentlichen Sektors“, antidemokratisch und bösartig sind. In seiner Fantasie würde er „private kooperative Schulen“ errichten, in denen es Lehrer:innen und Mitarbeiter:innen verboten ist, Tarifverhandlungen für sich oder die Schüler:innen zu führen. Die Idee, dass irgendjemand dies durch gegenseitige Hilfe erreichen könnte, ist oxymoronisch: man kann keine Anti-Solidarität durch Solidarität herbeiführen. Wuest scheint die Prämisse von Hilditchs Argument trotzdem implizit zu akzeptieren.

Die offenkundig gewerkschaftsfeindliche Prämisse von Hilditchs Artikel offenbart auch eine weitere Inkonsistenz in Wuests Artikel. Sie assoziiert korrekt gegenseitige Hilfe und gewerkschaftliche Organisierung als ideologisch konsistente Formen der Solidarität. Aber wenn Hilditchs These explizit gewerkschaftsfeindlich ist, wie kann Wuest dann argumentieren, dass er gegenseitige Hilfe in irgendeiner erkennbaren Form unterstützt?

Es lohnt sich, kurz auf Cameron Hilditchs Anti-Etatismus und unehrliche Aneignung anarchistischer Ideen einzugehen. In seinem TNR-Artikel wettert Hilditch gegen den Staat, ohne die Gründe anzuerkennen, warum Anarchist:innen (wahre Libertäre) die Regierung ablehnen. Die vielleicht prägnanteste Kritik kommt von Malatesta, der seine Themen wie folgt darlegte:

‚In dem jahrhundertelangen Kampf zwischen Freiheit und Autorität geht es also nicht wirklich darum, die Beziehungen zwischen der Gesellschaft und dem Individuum zu verändern; es geht auch nicht darum, die Unabhängigkeit des Individuums auf Kosten der gesellschaftlichen Einmischung zu erhöhen oder andersherum. Vielmehr geht es darum, einige Individuen daran zu hindern, andere zu unterdrücken; allen Individuen die gleichen Rechte und die gleichen Handlungsmöglichkeiten zu geben; und die Initiative der Wenigen zu ersetzen, die unweigerlich zur Unterdrückung aller anderen führt. Es geht schließlich darum, die Beherrschung und Ausbeutung des Menschen durch den Menschen ein für alle Mal zu zerstören, so dass alle am Gemeinwohl teilhaben können und die individuellen Kräfte, anstatt zerstört zu werden oder sich untereinander zu bekämpfen oder voneinander abgeschnitten zu sein, die Möglichkeit der vollständigen Erfüllung finden und zum größeren Nutzen aller zusammenkommen.‘

Der rechte „Libertarismus“ verdreht den Anti-Etatismus in eine Rebellion gegen die Regierung, einfach weil sie die Regierung ist, anstatt weil sie ein Motor der Klassenherrschaft und Ausbeutung ist. Das erlaubt ihnen, weiterhin den Kapitalismus und die Kapitalistenklasse zu unterstützen, die auf der hierarchischen Ausübung von Macht aufgebaut ist.

Anarchist:innen haben sich im Laufe der Geschichte gegen alle Hierarchien gewehrt und versuchen aktiv, diese Systeme abzuschaffen. Kapitalistische „Libertäre“ lehnen die Regierung ab, weil sie sich nach einer „freien“ Gesellschaft sehnen, in der wichtige Entscheidungen von denen getroffen werden, die die meiste Macht und den größten Reichtum haben. Daher ist ihre Version von „gegenseitiger Hilfe“ Wohltätigkeit und ihre Idee, Arbeiter:innen und Schüler:innen zu schützen, ist die Zerschlagung der Gewerkschaften, die für beide kämpfen, während ihre „Freiheit“ kleinlaut unter dem Stiefel eines Konzerns hervorlugt.

Wenn Wuest das TNR-Stück als Beispiel für die Rechte anführt, die gegenseitige Hilfe fördert, gibt sie sich der falschen Legitimität des „Libertarianismus“ als ernsthafte politische Philosophie hin. Wenn Wuest Betrüger:innen wie Hilditch als Sprecher:innen des Anarchismus und der gegenseitigen Hilfe ansieht, hat sie Recht, wenn sie sich auf eine Hobbes’sche Sorge beruft: ihre Philosophien werden in der Tat zu einer feudalistischen, Mad Max-artigen Höllenlandschaft führen. Aber das ist nichts im Vergleich zu der Gesellschaft, für die Anarchist:innen eintreten. In seinem Pamphlet „Anarchie“ von 1891 widerspricht Malatesta Wuests Standpunkt direkt:

‚…die Abschaffung der Regierung bedeutet nicht und kann nicht den Zusammenbruch der sozialen Verbindung bedeuten. Ganz im Gegenteil, die Zusammenarbeit, die heute aufgezwungen und auf den Nutzen einiger weniger gerichtet ist, würde frei, freiwillig und auf die Interessen aller gerichtet sein; und deshalb würde sie umso mehr verbreitet und wirksam werden.
Der soziale Instinkt, das Gefühl der Solidarität, würde in höchstem Maße entwickelt werden; und jeder Mensch würde danach streben, sein Bestes für jeden anderen zu tun, sowohl um seine intimen Gefühle zu befriedigen als auch für sein klar verstandenes Interesse.‘

Hilditchs Weltanschauung als Anarchismus zu akzeptieren, bedeutet, den Boden an die Österreichische Schule als Standardträger des freien sozialistischen Denkens abzutreten. Diese Ideen sollten als das erkannt werden, was sie wirklich sind: finstere Umkehrungen, die mit Doppeldeutigkeit maskiert werden.

Um es klar zu sagen, es gibt sinnvolle Kritiken, wie Anarchie funktionieren könnte, wie z.B. wie die Gesellschaft sich international koordinieren wird, um komplexe Güter zu produzieren, und Wuest mag vorgeschlagen haben, diese Probleme mit einer Regierung zu lösen. Da Wuest jedoch die Kernargumente der Anarchist:innen gar nicht erst erwähnt, kann sie sie nicht einmal ansatzweise widerlegen. Stattdessen tut sie das Einzige, was sie tun kann: Sie tut deren Wünsche als bloße „Romantik“ und „Wahnvorstellung“ ab, den Stoff von „Pamphleten, die über Klapptische gestreut werden“.

Fazit

Selbst ein gut gemeinter Aufsatz kann zerstörerisch sein, wenn er seine zentralen Konzepte falsch darstellt. Es ist klar, dass Wuest im Großen und Ganzen am Wohlergehen aller interessiert ist, besonders an dem der Schwächsten. Es ist daher frustrierend, ihr Essay zu lesen; wir können es uns nicht leisten, in unserem Streben nach einer gerechten und freien Gesellschaft Zeit damit zu verschwenden, die Ansichten der anderen zu verzerren. Wir sollten uns sicherlich nicht von den Rechten inspirieren lassen, wie sie sich linke und antiautoritäre Ideale aneignen und falsch informieren. Unser Ziel sollte es sein, zusammenzuarbeiten, um Unterdrückung zu reduzieren, Kooperation zu fördern und für alle zu sorgen, besonders für die Schwächsten unter uns. Gegenseitige Hilfe ist eines der besten Werkzeuge, die wir haben, um genau das zu tun. Wir dürfen sie nicht beiseite schieben.

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