Des Einzigen Deutungshoheit liegt doch bei mir, oder nicht?

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Beitrag von: schwarzmaler

Eine Vertiefung der Gedanken um das Spiel mit den Schmuddelkindern und eine De-Identifizierung der “unzähligen Farben des Anarchismus”

Es mag vielleicht verwundern, aber aufrichtiges Anliegen dieses Beitrags ist die Debatte. Und doch möchte ich gleich zu Beginn eines zur Disposition stellen: Ob nämlich die “Deutungshoheit”, man könnte genausogut sagen, die Möglichkeit und der Wille zur Zensur auf institutionalisierter Ebene – so nenne ich das in Ermangelung eines besseren Ausdrucks – oder der Anspruch, zumindest näher an der Wahrheit dran zu sein, als das debattierende Gegenüber auf einer individuellen Ebene, nicht überhaupt die Grundlage für eine Debatte ist, die sich nicht in Beliebigkeit zu verlieren droht.

Ich antworte in diesem Beitrag offensichtlich auf eine Stellungnahme der Assoziation Schwarzer Pfeil, die sich damit wiederum an “autoritäre Anarchist:innen” richtet. Davon fühle ich mich explizit nicht angesprochen und ich behaupte ich bin es auch nicht, wobei ich in diesem speziellen Fall davon absehen will, die Deutungshoheit darüber für mich zu beanspruchen. Trotzdem empfinde ich es als spannend, mich in eine Debatte mit den in dieser Stellungnahme geäußerten Positionen zu begeben, nicht weil ich hier irgendjemanden belehren wollen würde oder gar irgendjemandem vorschreiben wollen würde, wie sie*er seine*ihre eigenen Projekte zu führen hat, sondern weil ich selbst, auch wenn ich in meinen Projekten mittlerweile einen beinahe umgekehrten Ansatz verfolge, immer wieder über ähnliche Fragen stolpere, wie sie im Beitrag vom Schwarzen Pfeil beleuchtet werden.

Die Grundlage einer anarchistischen Diskussion: Antiautoritäre Positionen
Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, was mir Unbehagen bereitet, wenn von einer Deutungshoheit, die man nicht für sich beanspruchen möchte, die Rede ist. Und es geht mir hier nicht um den Begriff in einem engeren Sinne, in dem vielleicht irgendwelche tatsächlich elitären Zirkel oder autoritären Leute von sich behaupten, sie hätten nun den Masterplan und das Fußvolk solle diesem doch nun bitte Folge leisten. Aber auch wenn das viel zu oft vorkommt, ist es ja nicht immer dieser Grund, aus dem heraus der eine oder andere beitrag zu einer Debatte von der*dem eine*n oder anderen als Nicht-Anarchistisch bezeichnet wird. Zugegeben, das ist natürlich ein existenzieller Vorwurf für eine Person, die sich selbst als Anarchist*in bezeichnet, aber sollten wir uns deshalb scheuen, ihn gegen autoritäre Positionen zu erheben. Es ist ja nicht so, dass ein*e Anarchist*in, die einmal oder auch mehrmals etwas autoritäres sagt, durch den Angriff auf diese Positionen in allem was sie*er davor gesagt hat oder vielleicht zukünftig sagen wird, delegitimiert wäre. Wer eine solche Meinung vertritt, die*der scheint offensichtlich nicht an einer Debatte interessiert zu sein, sondern von rhetorischer Selbstprofilierung bis hin zu dem was man heute vielleicht Trolling nennt, ganz andere Interessen zu verfolgen. Aber wenn dieser Vorwurf des Autoritären in einer Debatte unter Anarchist*innen legitim sein soll, dann braucht es eben auch eine Deutungshoheit, die sich jede*r selbst ermächtigen muss, einzunehmen.

Eine andere Frage scheint mir das freilich bei Belangen zu sein, in denen die Grundbedingung einer anarchistischen Debatte, dass nämlich keine autoritären Positionen im Spiel sind, erfüllt ist. Hier geht es häufig um Erfahrungen, aber auch um Strategien und Einschätzungen. Hier sind Widersprüche und Meinungsverschiedenheiten an der Tagesordnung und der Umgang mit ihnen recht divers. Ich habe nichts gegen eine Debatte, die emotional ist, bei der es hoch hergeht und die auch einmal polemisch und beleidigend wird. Zumindest jenseits der Gefilde des Cyberspaces haben mir gerade solche Debatten oft die prägenderen Einsichten beschert. Dennoch ist es natürlich begrüßenswert, wenn man ein Minimum an Rücksicht aufeinander nimmt und natürlich im Gegenzug auch versucht, nicht gleich alles in den falschen Hals zu bekommen. Denn kaum etwas ist ermüdender und hemmt eine Debatte mehr, als Leute, die auch ohne beleidigt worden zu sein gerne einmal in Tränen ausbrechen – wobei ich das schon noch ok finde – und dann vor allem von anderen Rücksicht auf ihre Sensibilität einfordern. Manchmal sind Debatten eben hitzig, manchmal sind sie auch beleidigend, manchmal war es am Ende gar nicht so gemeint, manchmal schon. Manchmal ist es nötig, eine Debatte abzubrechen, manchmal mag es sogar hilfreich sein, sich zu prügeln, um sich anschließend wieder mit Respekt begegnen zu können. Ebensowenig wie ich irgendetwas des genannten befürworte, verfechte ich eine um jeden Preis “friedliche”, einvernehmliche Debatte, denn wenn sich keine*r mehr irgendetwas zu sagen traut, wenn man Kritik lieber nicht anspricht, weil man Angst vor der Reaktion hat, dann ist schließlich auch nichts gewonnen.

Was bei all dem jedoch niemals einer anarchistischen Debatte würdig erscheint ist, wenn man sein Gegenüber nicht als auf einer Ebene stehend betrachtet. Weder die scheinbare Überlegenheit der eigenen Theorie/Analyse, noch der Chauvinismus des Älteren/Erfahreneren sollte sich hier einschleichen. Und wenn doch? Nun, dann ist die Debatte doch gerade wieder eines nicht: Anarchistisch. Und ich denke hier geht es vor allem um den eigenen Anspruch, denn was interessiert mich schon, was mein Gegenüber vielleicht so herablassend von mir denkt.
Der Anarchismus hat viele Gesichter
Und doch möchte ich eigentlich keine Farben des Anarchismus sehen. Die Farben stammen nämlich – und genau das ist damit im übertragenen Sinne ja auch gemeint – von den Bannern der Kriegsbattalione, der Staaten und all den anderen Ideologien ab, die einer Fahne folgen. “Ich werde doch genug finden, die sich mit mir vereinigen, ohne zu meiner Fahne zu schwören,” sollte das nicht ein Motto jeder*s Anarchist*in sein? Wenn man also sagt, der Anarchismus habe viele Gesichter, so stimme ich damit nur überein, wenn damit die Gesichter der individuellen Anarchist*innen gemeint sind. Die identitäre Ausdifferenzierung des Anarchismus in die so viel gelobten Strömungen scheinen mir dagegen weniger einen Pluralismus aufzuzeigen, als vielmehr unnötige Grabenkämpfe und eine dabei manchmal verloren gehende Gemeinsamkeit des Antiautoritären.

Die Plattform etwa, eine jüngere Organisation, die den deutschsprachigen Plattformismus groß machen will und die sich dafür zu Recht schon so einiges an Kritik gefallen lassen musste, kann meiner Meinung nach als Versinnbildlichung der Problematiken eines solchen Strömungsdenkens begriffen werden. Aus der plausiblen und meinerseits ebenfalls vertretenen Haltung, dass ein gemeinsames Projekt nur dann Sinn macht, wenn man sich hinsichtlich des Ziels einig ist, ziehen die Plattformist*innen und ich gegensätzliche Schlüsse: Während ich ein Projekt lieber nur für mich in Angriff nehme, wenn ich keine Mitstreiter*innen mit gleichem Ziel finde – was übrigens entgegen der immer wieder herausposaunten Stereotype der Organisationsfetischist*innen ziemlich selten vorkommt – und mich auch ansonsten nur in informellen Organisationen sammle, die dieses spezielle Ziel zu einer bestimmten Zeit und oft auch noch eine bestimmte Taktik eint, versuchen die Plattformist*innen das Pferd von hinten aufzuzäumen. Sie suchen nach Wegen, das, was sie “theoretische Einheit” nennen zu gewährleisten, entwickeln also – drückt man es mal polemisch aus –, einen Apparat zur Polizierung ihrer Mitglieder in eine bestimmte Denkweise noch bevor sie überhaupt irgendein Ziel in Angriff nehmen. Und so kommt es, dass dabei wiederum andere Anarchist*innen den Eindruck gewinnen, bei den Plattformist*innen könne es sich möglicherweise gar nicht um Anarchist*innen handeln, eben weil die Grundvoraussetzung eines für eine*n selbst bedeutsamen Anarchismus das Antiautoritäre ist. Wenngleich weniger formalisiert und institutionalisiert lässt sich eine solche Tendenz meines Erachtens auch dort beobachten, wo die vielbesagten “Strömungen des Anarchismus” in den Vordergrund treten, anstatt dass die jeweiligen Meinungen, Analysen, Taktiken und Erfahrungen von Individuen unabhängig von einer solchen Etikettierung gewürdigt werden und – sofern dazu beiderseitiges Interesse besteht – in einen Austausch miteinander treten.

In einer solchen Tendenz sehe ich das Gegenteil eines pluralistischen Anarchismus, zumindest das Gegenteil eines pluralistischen Anarchismus, dem ich einen positiven Gehalt abgewinnen kann. Vielmehr erkenne ich in diesem Prozess der Ausdifferenzierung nicht von Analysen, sondern vorrangig von Strömungen einen Prozess, der die Anarchist*innen als Individuen selbst zurückwirft in eine Welt der Identitäten, in der sie zu allem Überdruss auch noch zunehmend verwaltbar und gegeneinander ausspielbar werden.

Wann wird eine Debatte beliebig? Wann zum Selbstzweck?
Ich habe oben bereits angedeutet, dass ich eine gewisse Form von Deutungshoheit, die jede*r für sich beansprucht, für die Grundlage einer Debatte halte, die nicht zu ihrem Selbstzweck betrieben wird. Dabei ist vielleicht die wichtigste Frage, ob man eine Debatte überhaupt zu einem bestimmten Zweck außer dem der Debatte selbst führt. Ich zumindest führe Debatten unter Anarchist*innen in der Regel durchaus zu einem Zweck. Etwa um Analysen zu entwickeln oder zu schärfen oder Strategien gegeneinander abzuwägen. Oft führe ich auch Debatten, um Affinitäten und/oder Feindschaften – oder wenn man es freundlicher ausdrücken will, Inkompatibilitäten – zu schüren. Es liegt nicht in meinem Interesse anderen zu sagen, was sie denken oder tun sollen. Das bedeutet aber auch unmittelbar, dass wenn ich selbst keinen Wert im Sinne eines solchen Zwecks aus einer Debatte ziehe und nicht eine andere Person explizit Interesse an dieser Debatte äußert und ich aus irgendeinem eigensinnigen Grund geneigt bin, diesem Interesse nachzukommen, eine Debatte für mich sinnlos ist. Das scheint zwar unmittelbar einleuchtend und ein Allgemeinplatz zu sein, hat für mich aber weitreichende Implikationen.

Beispielsweise schreibe ich diesen Debattenbeitrag weil ich in letzter Zeit hier beim Schwarzen Pfeil einige (für mich) interessante Beiträge gelesen habe und ich es demnach für spannend halte, mit Leuten in Diskussion zu kommen – wenn auch vorerst nur Online –, die möglicherweise ähnliche Interessen, Analysen, Strategien, usw. teilen. Hätte ich beispielsweise in letzter Zeit hier nur irgendwelche anarchistisch pazifistischen Pamphlete gelesen, hätte ich an einer Diskussion keinerlei Interesse. Und nicht weil ich meinen Anarchismus, bzw. meine Strategien für den/die besseren hielte, sondern weil ich schlicht kein Interesse an pazifistischen Strategien habe. Man mag das vielleicht nicht unbedingt als Deutungshoheit bezeichnen und doch geht es vielleicht in eine ähnliche Richtung, denn würde beispielsweise ich eine Webseite betreiben, ich würde darauf keinen pazifistischen Beitrag, auch dann nicht, wenn er anarchistisch ist, veröffentlichen. Übrigens verwende ich den Begriff pazifistisch hier nicht im Sinne einer Strömung, das ist mir egal, sondern in dem Sinne, in dem explizit Gewalt als Mittel des Widerstands verworfen oder gar kritisiert wird.

Warum würde ich das nicht tun? Weil ich eben die Diskussion zum Selbstzweck unspannend finde, bei der man sich am Ende wahrscheinlich häufig, außer in den wirklich wenigen Situationen, in denen man dabei wirklich etwas mitnimmt, mehr Deutungshoheit verschafft, als wenn man sie gar nicht erst führt. Und deshalb zensiere ich also die anarchistischen Pazifisten? So würde ich das nicht sehen. Ich halte ja keine*n davon ab, eine eigene Webseite zu betreiben und wo ich der Meinung wäre, Gatekeeper der notwendigen Ressourcen zum Betrieb einer Webseite zu sein, würde ich auch anarchistischen Pazifist*innen diese freilich zugänglich machen. Es ist auch gar nicht so, dass ich Angst hätte, irgendeiner von mir nicht befürworteten Meinung eine Plattform zu bieten, wie das ansonsten manchmal vorgeworfen wird. Ich bin der Meinung, dass ja jede*r für sich selbst denken kann. Es ist vielmehr so, dass ich das Gefühl habe, meine eigenen Debatten, also diejenigen, an denen ich Interesse habe, in einer Beliebigkeit der vielen anderen Debatten drumherum untergehen zu sehen. Denn auch wenn ich durchaus differenzieren kann und vernommen habe, dass zum Beispiel der Schwarze Pfeil unterschiedliche, naja, das ist bei Individuen ohnehin logisch, sagen wir grundverschiedene anarchistischen Analysen vereint, kann ich mir zum Beispiel durchaus vorstellen, dass ich ebenso wie andere zuweilen spannende Beiträge dadurch übersehe(n), dass man diese eben aus einer Vielzahl von Artikeln, die man mäßig bis gar nicht spannend findet, herausfiltern muss. Insofern erscheint mir das das gleiche Problem wie beispielsweise bei Indymedia zu sein, vielleicht mit dem Unterschied, dass hier nicht der ganze autoritäre Quatsch landet.
Das Internet und der “verpestete Diskurs”
Sehr schmunzeln – und zwar abgesehen der oben aufgeworfenen Fragen im zustimmenden Sinne – musste ich über das vom Schwarzen Pfeil aufgeworfene Bild, dass jene, die die ultimative Wahrheit für sich gepachtet haben, den antiautoritären Diskurs verpesten und die Einschätzung, dass das Internet dabei irgendwie eine Rolle zu spielen scheint. Auch wenn ich nicht mit der Einschätzung übereinstimme, dass es vor Bookchins autoritärer “Sabotage”, von der man zumindest sagen muss, dass sie ja auf einen fruchtbaren Boden gefallen sein muss, wenn es offensichtlich Anarchist*innen gegeben hat, die “Social Anarchism or Lifestyle Anarchism” eben nicht angewidert zur Seite gelegt haben, keine Kluft zwischen Anarchist*innen unterschiedlicher Richtungen gegeben hätte1, so sehe ich das Internet und die darin stattfindenden Debatten, so sie denn von irgendwelcher Bedeutung für die anarchistische Debatte sind, auf jeden Fall in der Rolle den anarchistischen Diskurs zu verpesten. Kein Wunder, dass sich zahlreiche Anarchist*innen beharrlich weigern, ihre Debatten ins Internet zu verlegen, auch wenn das natürlich nicht der einzige Grund ist. Eine der Erfahrungen, die sich durch die meisten erfolglosen Versuche der letzten Jahre und Jahrzehnte zieht, ist eben, dass sich die Beziehungen, von denen man sich in der Regel verspricht, dass eine Debatte diese anbahnt und/oder vertieft, über das Internet einfach nicht zustande zu kommen scheinen.

Insofern stellt sich mir manchmal die Frage, inwiefern das Internet als ein Ort der Debatte unter Anarchist*innen überhaupt in Frage kommt. Und damit will ich keine Konsumkritik elaborieren, die die Veröffentlichung solcher Debattenbeiträge im Internet kritisiert, sondern bin aufrichtig und ehrlich interessiert daran, für wen eine solche Debatte und aus welchen Gründen tatsächlich von Nutzen ist. Ich beispielsweise habe durchaus wahrgenommen, dass es in letzter Zeit vermehrt anarchistische Online-Magazine gibt, die in der realen Welt (ja, auf dieser Unterscheidung insistiere ich) gar nicht mehr zu beziehen sind oder einer*m dort nur durch den Ausdruck von internetaffinen Gefährt*innen unter die Nase kommen. Und da ich den Macher*innen dieser Magazine unterstelle, dass sie sich aus einem bestimmten Grund dafür entschieden haben, auf eine Print-Zirkulation ihrer Publikationen zu verzichten, frage ich mich tatsächlich, was die Erfahrungen damit sind, anarchistische Debatten ausschließlich online zu führen. Entstehen hier Beziehungen, die auch jenseits des Cyberspaces von Relevanz sind? Ist das das überhaupt das Anliegen dieser Debatten?

1 Zu verschiedenen Zeiten entwickelten sich innerhalb des Anarchismus durchaus verschiedene Klüfte. Eine solche Kluft ist etwa die Ausdifferenzierung eines spezifisch aufständischen Anarchismus, dem etwa bestimmte Formen des Illegalismus und der Propaganda der Tat voran gingen. Spätestens mit der Abgrenzung derjenigen Anarchist*innen, die der Meinung waren, dass Anarchist*innen, die Bombenanschläge verübten oder Banken ausraubten der Bewegung schaden würden und der daraus resultierenden Abgrenzung derer, die einen Anarchismus ohne eine aufständische Praxis im Gegenzug für keine Option hielten, muss man von einer Kluft sprechen, die übrigens bis heute weitestgehend erhalten geblieben ist und von derer beiden Seiten wir uns hier vielleicht gerade einander annähern. Und das ist nur ein Beispiel.

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