Deutungshoheit und elitäre Zirkel im anarchistischen Diskurs: Spiel nicht mit den Schmuddelkindern!

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Gerichtet an autoritären Anarchist:innen, die die ultimative Wahrheit für sich gepachtet haben und den antiautoritären Diskurs mit ihrer Deutungshoheit verpesten.

Das Internet hat Anarchist:innen heute neue Möglichkeiten der Vernetzung, der Mobilisierung, der Debatte und Wege des Kampfes ermöglicht. Einer dieser Kämpfe sticht jedoch besonders hervor: die Verpestung anarchistischer Debatten von elitären Zirkeln mit ihrer Deutungshoheit der ultimativen Wahrheit. Widersprüche und Meinungsverschiedenheiten unerwünscht.

Es ist kein Geheimnis: Der Anarchismus hat viele Gesichter. Allein die unzähligen Farben in unserem Logo, welche allesamt für unterschiedliche Theorien des Anarchismus stehen, zeigen wie breitgefächert die anarchistische Idee ist. Doch auch wenn jede der Theorien eine andere Zukunftsvision aufweist, haben alle Anarchismen das selbe Ziel: die Zerschlagung jeder Form von Herrschaft und aufgezwungener Hierarchie.

Es ist jedoch auch kein Geheimnis, dass es eine Gruppe von Anarchist:innen gibt, die den Anarchismus als eine homogene Ideologie ansehen, bei der jede abweichende Meinung der Norm unerwünscht ist. „Mein Anarchismus ist besser als dein Anarchismus! No real anarchism, when es nicht GENAU SO abläuft, wie ICH es mir wünsche!“ Sich mal mit den einzelnen Positionen der anderen Anarchismen auseinandersetzen? Wäre doch viel zu leicht, wenn man stattdessen abweichende Anarchismen auf eine solche Ebene angreifen kann, bei der klar wird, dass man die dahinterstehenden Ideen nicht verstanden hat, geschweige denn sich überhaupt mit diesen beschäftigt hat.

Wie sieht die anarchistische Vision der Zukunft denn aus?
Ist sie kommunistisch?
Ist sie individualistisch? (Hilfe! Das heißt jede:r für sich!)
Ist sie mutualistisch und geprägt von befreiten Märkten? (Bitte was? Märkte sind das pure Böse!)
Ist sie primitivistisch/antizivilisatorisch? (Wer gegen die Zivilisation ist, ist menschenfeindlich!)
Ist sie transhumanistisch oder pazifistisch oder agoristisch oder egoistisch oder oder oder?

Ja. Die einzig richtige Antwort auf diese Frage ist ein simples Ja.
Geht es nach der Meinung der elitären Zirkel gibt es nur einen einzig wahren Anarchismus. Doch Herrschaftsfreiheit bedeutet, dass es jedem Mensch frei steht das eigene Leben so zu leben wie er*sie es sich wünscht. Einem Menschen eine Lebensform aufzuzwingen widerspricht der Idee des Anarchismus.

Die anarchistische Vision der Zukunft ist somit alles. Sie ist kommunistisch und individualistisch. Sie ist primitivistisch und transhumanistisch. Wenn sie es nicht ist, ist sie auch nicht anarchistisch. Ein „einzig wahrer Anarchismus“ bedeutet, dem Menschen ein System aufzuzwingen.

Manche Anarchismen funktionieren unter- und miteinander, andere nur nebeneinander. Und mit Sicherheit wird die Vielfalt der Zukunftsvorstellungen zu einigen Spannungen führen. Doch die Anarchie ist keine Utopie. Wenn du glaubst, dass alle Menschen sich nach „der großen Revolution“ einander an die Hand nehmen und durchgehend die Sonne scheint, wird es Zeit aus deinem Traum zu erwachen.

Die Deutungshoheit, bei der es nur einen einzig wahren Anarchismus gibt, verpestet den gesamten anarchistischen Diskurs. Lasst uns bequemerweise die Tatsache ignorieren, dass individualistische Anarchist:innen neben Anarcho-Kommunist:innen in der Ersten Internationale waren. Lasst uns ignorieren, dass die anarcho-syndikalistische Glasgow Anarchist Group die Ideen Stirners zur Grundlage ihrer Organisierung nahm und den Syndikalismus als angewandten Egoismus erklärten. Auch die beliebte Denkerin Emma Goldman wurde tiefgreifend von Stirners Ideen beeinflusst. Lasst uns auch ignorieren, dass in einigen Teilen Spaniens 36 Elemente des linken Marktanarchismus ein wichtiger Bestandteil waren oder die heute gefeierten Zapatista – wenn auch nicht anarchistisch – sich dem Mutualismus bedienen.

Auch wenn es schon immer Spannungen unter Anarchist:innen unterschiedlicher Richtungen gab, existierte nie wirklich eine richtige Kluft. Heute ist diese Kluft kaum zu übersehen, für welche einige Bookchin verantwortlich machen, dessen Werk „Social Anarchism or Lifestyle Anarchism“ als der bemerkenswerteste Fall von ideologischer Sabotage gegen den Anarchismus gewertet wird. Das Internet hat diese Kluft scheinbar nur vergrößert anstatt diese zu schließen.

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass Anarchist:innen untereinander Debatten über ihre Ideen, Wege und Ziele führen sollten und müssen. Doch explizite Verurteilungen von Ideen – bei denen man sich nicht einmal die Mühe gemacht hat sich mit diesen Ideen näher zu beschäftigen – und dem Aufzwingen eigener Ideale haben nichts mit einer Debatte zu tun.

Das ist bedauerlich, denn unterschiedliche Ideen und Ideale bieten neben Spannungen auch interessante Perspektiven. In unserer Assoziation treffen Individualismus, Mutualismus, Kommunismus, Egoismus und Anti-Civ-Ideen aufeinander. Es ist bemerkenswert, dass sich unsere Assoziation bis heute gehalten hat – aber vielleicht kommt die Kluft ja noch.

Wer sich aber die Mühe macht, sich mit all den Ideen und Idealen der unzähligen Anarchismen näher zu beschäftigen, anstatt diese von vornherein zu verurteilen, wird feststellen: Individualismus und Egoismus bedeuten nicht jede:r für sich. Linke Marktanarchist:innen hassen den Kapitalismus genau so sehr wie Anarcho-Kommunist:innen. Primmies wollen nicht zurück in die Höhlen. Auch wenn jede Person ihre eigenen Ideale hat, bieten all diese unterschiedlichen Perspektiven eine wertvolle Inspiration, von denen man gegebenenfalls lernen kann.

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