Die Doppelmoral der Gepanzerten*

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Beitrag von: anonym eingereicht, Diskussionsbeitrag

Zahlenspiele haben derzeit Hochkonjunktur. Nicht nur die Medien und Regierenden bombadieren eine*n mit irgendwelchen Todeszahlen, Ansteckungsraten, Sterberaten, und was eben sonst so irgendwelche ihrer Zwecke erfüllen mag. Aber nicht nur die Herrschenden lieben das Spiel mit den Zahlen. Auch all diejenigen, die die globale Einsperrung mit all ihren Folgen aus welchen Gründen auch immer gutheißen oder vielleicht sogar gerne noch ein wenig intensivieren würden, machen munter mit. Ich will gar keinen Hehl daraus machen, dass ich solche Zahlenspiele für nichts anderes als ein Herrschaftsinstrument halte. Und doch werde auch ich mich in diesem Beitrag für einen Moment an diesem Spiel beteiligen. Und zwar weil ich auf manche Argumente mittlerweile nur noch mit dem selben Zynismus antworten kann – und will –, der mir in ihnen entgegenschlägt.

Natürlich ist #ZeroCovid Anlass dieses Textes, jene Unterschriftenkampagne, mit der so viele derjenigen, die im letzten Jahr wohl ein paar Mal zu oft zuhause geblieben sind, eine der größten Hinrissigkeiten fordern, die mir je untergekommen ist: Solange alle einsperren, pardon, sich selbst einsperren (jaja, wer’s glaubt), bis das Virus ausgerottet ist. Eines der liebsten Argumente dabei: Jede_r die an Corona stirbt ist eine zu viel. Und genau darum wird es nun gehen.

Wenn jede_r Coronatote eine_r zu viel sein soll, dann können wir uns hoffentlich darauf einigen, dass dann auch jede_r Tote eine_r zu viel wäre, oder? Und an genau dieser Stelle setzt nun mein Verständnis für diese Position aus. Wann gab es zuletzt die Haltung – und wenn auch nur als eine Petition –, dass die Produktion von Mobiltelefonen, Computern und allen anderen Geräten mit Mikrochip umgehend gestoppt werden müsse, weil diese den Tod und die Erkrankung tausender Menschen bedinge? Wann forderte zuletzt jemand von denen, die nun #ZeroCovid in die Leere des Cyberspace zwitschern, dass auf der Stelle die Produktion von Kleidung gestoppt werden müsste? Wann wurde zuletzt gefordert, umgehend sämtliche Autos, Züge, Flugzeuge oder Schiffe abzuschaffen? Die Liste wäre endlos. Aber das ist es ja: Wer von denjenigen, die #ZeroCovid unterstützen ist überhaupt gegen die Zivilisation? Die Todesursache Nummer 1. Weltweit. Seit dem Aufkommen der sumerischen Zivilisationen. Und übrigens auch – ganz zufällig – verantwortlich für so günstige Verbreitungsbedingungen eines Virus.

Wenn also jede_r Coronatote eine_r zu viel ist, wie kommt es dann, dass jede_r Zivilisationstote – wenn es nicht zufällig auch ein_e Coronatote_r ist – billigend in Kauf genommen wird und schon immer wurde? Und nicht nur auf dieser Ebene kann man eine Doppelmoral der linken Heuchler_innen feststellen. Darf man die Tatsache, dass die Toten in Folge von Rohstoffminen wie Lithiumminen oder Coltanminen von den gleichen Leuten (in den letzten Jahren) nie mit so weitreichenden Forderungen – und die wären noch realistisch gewesen im Vergleich zu #ZeroCovid – behandelt wurde, dann so deuten, dass wir es hier mit kolonialen Rassist_innen zu tun haben, denen das Leben des deutschen Nazi-Opas eben einfach mehr bedeutet, als das – um hier mal übertrieben plakativ zu werden – des 10-jährigen Coltan-Minenarbeiters im Kongo, der dort entweder verhungert, massakriert wird oder an einer der zahlreichen Seuchen verreckt, die sich regelmäßig in den Lagern unter den ausgelaugten Minenarbeiter_innen ausbreiten?

Oder kommen wir zur Umsetzung von #ZeroCovid. Ich möchte hier ein neues Zahlenverhältnis einführen, nämlich die Anzahl niedergeschossener Lockdownverweigerer pro verhinderter Infektion. Welche Rate halten hier die Befürworter*innen für angemessen. Ist der Wert 1 hier noch in Ordnung? Oder soll lieber nur jede zweite Infektion durch das Niederschießen eines Lockdownverweigerers verhindert werden? Jaja, ich weiß, in eurer Wahnvorstellung, wie soll man das sonst nennen, bleiben ohnehin alle freiwillig zu Hause. Aber das ist nun einmal falsch. Von mir aus können wir die Frage auch umdrehen: Erschießt ihr mich gleich das erste Mal, wenn ich das Haus verlasse oder sind zweimal noch im Toleranzbereich? Oder habt ihr hier vielleicht andere Vorschläge? Ich bin gespannt!

 

 

* Der Begriff Gepanzerte ist dem Essay Against History, Against Leviathan! von Fredy Perlman entlehnt. Gepanzerte sind für ihn darin die von der Zivilisation gefangenen Menschen. Ihr Panzer schützt sie vor irgendwelchen Gefühlen, Empfindungen und Emotionen die der Kontakt mit der Natur bei ihnen auslösen könnte. Auf einer geistigen Ebene kann man diese Panzer auch als einen Schutz vor Geschichten jenseits der Ideologie der Zivilisation betrachten. Und genau daran fühle ich mich auch momentan erinnert, wo ein unsichtbarer Panzer so viele Menschen davor zu beschützen scheint, den Kritiken zu lauschen, die ihre Argumente möglicherweise als Ideologie entlarven könnten.

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4 comments on Die Doppelmoral der Gepanzerten*

  1. Ich verstehe nicht, warum man einen Beitrag veröffentlicht, wenn man sich so offen davon distanzieren muss. Ich meine der Beitrag ist ohnehin in ich Form verfasst, das muss ja jeder auffallen, gerade weil ja sonst so oft im Pluralis Majestatis gesprochen wird, in der Linken Szene. Aber wenn ihr den Beitrag so schlimm findet, dass ihr dennoch nochmal klarstellen müsst, dass das nicht eure Meinung ist, dann verstehe ich ehrlich gesagt nicht, warum ihr ihn überhaupt veröffentlicht.
    Oder umgekehrt ausgedrückt: Wenn ihr den Beitrag doch interessant genug fandet, um ihn zu veröffentlichen und er nicht in Widerspruch zu euren Positionen steht, warum dann dieser Kniefall vor denjenigen, die mit ihren Angriffen nun genau soetwas erreichen wollen, nämlich dass andere Meinungen nicht mehr wirklich zur Diskussion gestellt werden dürfen. Eine Distanzierung wie von euch zu Beginn eines Artikels ruft zumindest bei mir genau solche Assoziationen hervor.

    1. Sollte eine partizipative Seite denn eine Meinungshoheit haben? Stell dir vor, das Team hinter Indy, Emrawi, Kontrapolis oder Barrikade hätte eine solche Meinungshoheit und löscht wahllos Artikel, weil sie einer Person nicht passen. Es ist ja auch nicht so, dass wir alles veröffentlichen. Wir haben in der Vergangenheit bereits eingereichte Artikel abgelehnt, weil sie ziemlich autoritär waren oder in anderer Hinsicht mehr als kritisch waren.

      Hinzu käme auch wer am Ende diese Meinungshoheit haben sollte. Alexej hätte zB ein Problem mit anti-kollektivistischen Beiträgen (wie Fuck Your Red Revolution), während Fox ein Problem mit anti-individualistischen Beiträgen hätte. Schon allein in unserer Assoziation gibt es keine homogene Meinung – und das ist auch gut so. Nur so können wir auch unterschiedliche Meinungen vertreten und unseren „Ethos“ aufrecht erhalten, dass das Mag für die gesamte antiautoritäre Bewegung da ist und nicht nur für eine bestimmte Gruppe.

      Diesen Beitrag hier haben wir als Diskussionsbeitrag veröffentlichen lassen, ähnlich wie die sämtlichen anderen Diskussionsbeiträge zu Zerocovid auf auf den weiteren partizipativen Seiten. Davon müssen wir selbst nicht viel halten (und da wäre dann auch wieder das wir – wie verfährt man, wenn eine Person den Beitrag komplett ablehnt, eine andere Person jedoch teils zustimmt?).
      Diskussionsbeiträge leben von Diskussionen und das hat dieser Beitrag auch erreicht. Manche stimmen den Aussagen des Autors zu, andere kritisieren das Geschriebene komplett.

  2. Was ich eine absolute Scheiß-Argumentation in diesem Artikel finde ist, dass unterstellt wird, man wolle Lockdownverweigerer niederschießen!
    Ich vertraue eigentlich darauf, dass es jedem vernünftigen Menschen möglich ist, zu begreifen, dass eine zweiwöchige Selbstquarantänisierung nun einmal notwendig ist und genau vor einem autoritären Lockdown schützt. Aber so Leute wie der Autor hier scheinen dieses bisschen Verstand nicht aufzubringen. Da muss man dann natürlich sehen, was diese Leute für einen Schaden anrichten, aber sicherlich würde niemand befürworten, sie „niederzuschießen“. Ich denke Quarantäneverweigerer für zwei Wochen unter Bewachung zu stellen wäre ein adäquates Mittel, um dem beizukommen, ich glaube aber kaum, dass es viel mehr bedürfte.

    1. HAHAHA, das ist nicht dein Ernst?! Hast du gerade wirklich Knast für Quarantäneverweigerer vorgeschlagen?!!! Es soll ja Anarchisten gegeben haben, die die Ansicht vertraten, dass Herrschaft dort begann, wo die Menschen angefangen haben, ihre Feinde statt zu töten gefangen zu nehmen. Denk mal darüber nach.

      Aber auf jeden Fall hast du mit diesem Kommentar gerade klar gemacht, wie wenig übertrieben die Provokation des ursprünglichen Artikels zumindest im Hinblick auf Leute ist, die ticken wie du!

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