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Die Bedeutung von Max Stirner für Anarcho-Kommunist:innen

Einführung

Seit der Veröffentlichung von Max Stirners Buch „Der Einzige und Sein Eigentum“ im Jahr 1844 reichten die Reaktionen von völliger Ablehnung bis zu totaler, unkritischer Akzeptanz. Viele seltsame und widersprüchliche Dinge sind über Stirner gesagt worden. Der angesehene syndikalistische Akademiker Noam Chomsky hat ihn als einen Einfluss auf die Anhänger:innen des extremen Laissez-faire-Kapitalismus bezeichnet, die in den Vereinigten Staaten fälschlicherweise als Libertäre bekannt sind. Es gibt jedoch auch diejenigen, die Stirners Ideen zur Grundlage ihrer anarchosyndikalistischen Organisation gemacht haben. Vielleicht sind solche unterschiedlichen Interpretationen unvermeidlich, wenn man mit einem Buch konfrontiert wird, das zuweilen fast absichtlich zu stören und zu verunsichern scheint.

Das Ziel dieses Pamphlets ist es, die Ideen des großen deutschen Denkers und ihren Wert für Anarchokommunist:innen zu untersuchen. Einige Leser:innen, die mit Stirners Werk vertraut sind, werden sich sofort sträuben und darauf hinweisen, dass Stirner ein unverblümter Kritiker des Kommunismus war. Das war er in der Tat. Aber der Kommunismus, den Stirner kritisierte, war die gleiche Variante des Kommunismus, die Anarchist:innen kritisieren – der autoritäre Kommunismus. Der Anarchokommunismus als entwickelte politische Theorie existierte zu Stirners Zeiten nicht wirklich, und der Kommunismus, den Stirner im Sinn hatte, war der Kommunismus des Klosters oder der Kaserne, ein Kommunismus der Selbstaufopferung und der allgemeinen Gleichmacherei. Wer stattdessen einen Kommunismus bevorzugt, der die Freiheit jeder einzelnen Person zur Entfaltung ihrer Einzigartigkeit garantiert, kann bei Stirner vieles finden, was wertvoll ist.

Stirners Ideen

Stirner beginnt sein Buch mit:

„Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein. „Pfui über den Egoisten, der nur an sich denkt!““

Die Person, die ihre eigene Sache zu ihrem Anliegen macht, ist eine selbstsüchtige Person. Stattdessen wird dem Individuum immer gesagt, dass es eine andere Sache über ihre eigene stellen soll. Wir sollen unermüdlich im Dienste eines anderen oder anderer arbeiten, niemals für uns selbst. Der Gedanke, etwas anderes zu tun, würde einen zu einem unmoralischen Egoisten machen. Moralisch sind wir nur, wenn wir selbstlos sind, wenn wir eine uns fremde Sache aufgreifen und ihr dienen.

Stirner will das nicht gelten lassen. Er fragt: Dient Gott einer anderen Sache als seiner eigenen? Nein, antworten die Gläubigen. Gott ist alles in allem, keine Sache kann jemals nicht die Seine sein. Dient die Menschheit einer Sache, die nicht ihre eigene ist? fragt Stirner, und die Humanist:innen antworten: Nein, die Menschheit dient nur den Interessen der Menschheit. Keine Sache kann jemals nicht die menschliche Sache sein.

Die Sachen Gottes und der Menschheit erweisen sich beide am Ende als rein egoistisch. Gott beschäftigt sich nur mit sich selbst, der Mensch ebenso. Stirner ermuntert also seine Leser:innen, dem Beispiel dieser großen Egoist:innen zu folgen und sich selbst ganz zur Hauptsache zu machen. Mit anderen Worten: zu bewussten Egoist:innen zu werden. Für Stirner sind alle Individuen absolut einzigartig, und wenn das Individuum sich ihres Egoismus einmal bewusst geworden ist, wird es jeden Versuch zurückweisen, ihre persönliche Einzigartigkeit zu fesseln oder ihre individuelle Autonomie einzuschränken. Dazu gehört natürlich auch die Aufforderung, nur im Dienste von etwas Höherem als dem eigenen Selbst zu handeln. Diejenigen, die sich aufopfern, um einem höheren Wesen oder einer höheren Sache zu dienen, sind verblendete oder unbewusste Egoist:innen, die ihr eigenes Vergnügen und ihre eigene Befriedigung im Namen der Sache suchen, der sie sich untergeordnet haben, sich aber weigern, dies zuzugeben. Sie sind Egoist:innen, die gerne keine Egoist:innen sein möchten:

„All euer Tun und Treiben ist uneingestandener, heimlicher, verdeckter und versteckter Egoismus. Aber weil Egoismus, den Ihr Euch nicht gestehen wollt, den Ihr Euch selbst verheimlicht, also nicht offenbarer und offenkundiger, mithin unbewußter Egoismus, darum ist er nicht Egoismus, sondern Knechtschaft, Dienst, Selbstverleugnung, Ihr seid Egoisten und Ihr seid es nicht, indem Ihr den Egoismus verleugnet.“

Stirner beginnt und beendet sein Buch mit dem Ausruf: „Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt.“ Dieses Goethe-Zitat wäre dem zeitgenössischen deutschen Publikum Stirners vertraut gewesen. Die unausgesprochene nächste Zeile des Gedichtes lautet: „Und die ganze Welt ist mein.“ Das Selbst ist für Stirner etwas Unbegreifliches, denn jede Person von uns ist ständig dabei, ihr Selbst zu konsumieren und neu zu erschaffen. Diesen Prozess der Selbstverzehrung und Selbsterschaffung bezeichnet Stirner als das schöpferische Nichts: „Nicht Nichts im Sinne von Leere, sondern Nichts in dem Sinne, dass ich als Schöpfer alles schaffe.“ Die äußeren Ursachen, die das Individuum immer dazu auffordern, sich selbst an die letzte Stelle zu setzen, die es behandeln, als wäre es ein Nichts, unterliegen nun der aktiven Aneignung und Verwendung durch den Egoisten, wie sie es für richtig hält.

Stirner war sehr kritisch gegenüber den Linkshegelianern, die zu dieser Zeit die deutsche Philosophie dominierten, und dem Liberalismus, der zur vorherrschenden Kraft im politischen und sozialen Denken aufstieg. Stirner gruppierte den Liberalismus in drei Typen: den politischen Liberalismus (das, was man heute als klassischen Liberalismus bezeichnen würde), den sozialen Liberalismus (Sozialismus) und den humanen Liberalismus (Humanismus). Der politische Liberalismus befasste sich mit dem Individuum als freiem Bürger innerhalb eines Staates, der soziale Liberalismus mit dem Individuum als Arbeiter und der humane Liberalismus mit dem Individuum als menschlichem Wesen – aber alle Spielarten des Liberalismus essentialisieren irgendeinen Aspekt des Individuums und stellen ihn als etwas, dem es sich unterzuordnen hat, über es. Für Stirner sind alle Individuen mehr als Bürger:innen, Arbeiter:innen oder gar Menschen. Die menschliche Natur oder das menschliche Wesen kann nicht vom Individuum getrennt und über es gesetzt werden. Für Stirner gibt es kein universelles menschliches Wesen, das über die Menschen gesetzt werden könnte, sondern nur Individuen, wie sie im Hier und Jetzt als Fleisch und Blut existieren.

Stirner fordert die Individuen auf, alle heiligen Ideen zu zerstören und sich von den Ketten der Autorität zu befreien. Diese Befreiung kann das Individuum nicht von jemand anderem für sich durchführen lassen. Stirner macht seine Position in einem der wortgewaltigsten anarchistischen Argumente für die Selbstbefreiung deutlich, die je verfasst wurden:

„Hier liegt der Unterschied zwischen Selbstbefreiung und Emanzipation (Freisprechung, Freilassung). Wer heutigen Tages „in der Opposition steht“, der lechzt und schreit nach „Freilassung“. Die Fürsten sollen ihre Völker für „mündig erklären“, d.h. emanzipieren! Betragt Euch als mündig, so seid Ihr’s ohne jene Mündigsprechung, und betragt Ihr Euch nicht darnach, so seid Ihr’s nicht wert, und wäret auch durch Mündigsprechung nimmermehr mündig. Die mündigen Griechen jagten ihre Tyrannen fort, und der mündige Sohn macht sich vom Vater unabhängig, Hätten jene gewartet, bis ihre Tyrannen ihnen die Mündigkeit gnädigst bewilligten: sie konnten lange warten. Den Sohn, der nicht mündig werden will, wirft ein verständiger Vater aus dem Hause und behält das Haus allein; dem Laffen geschieht Recht. ….. Der Freigegebene ist eben nichts als ein Freigelassener, ein libertinus, ein Hund, der ein Stück Kette mitschleppt: er ist ein Unfreier im Gewande der Freiheit, wie der Esel in der Löwenhaut.“

Wenn immer mehr Menschen zu bewussten Egoist:innen werden, werden sie Einschränkungen ihrer Individualität leugnen, egal ob diese Einschränkungen physischer oder geistiger Natur sind. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass sich Stirners Idee des Egoismus deutlich von anderen Philosophien unterscheidet, die manchmal als Egoismus bezeichnet werden. Stirner war ein Verfechter des Eigennutzes, sogar des Egoismus, aber er verwendete diese Begriffe nicht in der typischen engen Weise. Stirner war weder ein Apostel des nie endenden Profitstrebens, noch predigte er Isolation oder benutzte den Egoismus als Ausrede dafür, sich einen Dreck um andere Menschen zu scheren. Für Stirner bestand der Eigennutz darin, dass der einzelne Egoist sich die Welt um sich herum aktiv als sein Eigentum aneignet. Stirners Gebrauch des Wortes Eigentum hat viele Leser dazu veranlasst, ihn falsch zu interpretieren, aber er bezog sich nicht auf Eigentum in einem begrenzten, wirtschaftlichen Sinne. Vielmehr benutzte er das Wort, um sich auf alles zu beziehen, was dem Egoisten nicht entfremdet ist. Wenn ich also ein persönliches Interesse an einer Idee habe, greife ich nach dieser Idee und mache sie zu meinem eigenen, zu meinem Eigentum. Für den bewussten Egoisten ist der einzige entscheidende Faktor, um etwas als sein Eigentum zu erlangen, die Bereitschaft, danach zu greifen und es zu nehmen. Das Ziel dieser aktiven Aneignung des egoistischen Eigentums ist der Selbstgenuss. Auch andere Menschen sind für Stirner ein Mittel zum (gegenseitigen) Selbstgenuss:

„Du bist für Mich nichts als – meine Speise, gleichwie auch Ich von Dir verspeiset und verbraucht werde. Wir haben zueinander nur Eine Beziehung, die der Brauchbarkeit, der Nutzbarkeit, des Nutzens.“

Wer in Stirner einen Befürworter der Ausbeutung anderer sieht, liest nicht, was da steht. Als Beispiele für diese Art des gegenseitigen Selbstgenusses oder Konsums nannte Stirner Liebespaare, Freund:innen, die in ein Café gehen, und Kinder beim Spielen, Beziehungen, die er als Verein von Egoist:innen (Union of Egoists) bezeichnete. Die Vereinigung von Egoist:innen ist eine Beziehung, an der alle, die an ihr teilnehmen, dies frei und freiwillig aus Egoismus tun. Der Egoist benutzt die Vereinigung, die Vereinigung benutzt ihn nicht. Alle Teilnehmenden der Union erneuern die Beziehung ständig durch einen Willensakt; wenn einer der Teilnehmenden zu kurz kommt oder verliert, dann ist die Union zu etwas anderem degeneriert. Die Union war die von Stirner vorgeschlagene alternative Methode zur Organisation der Gesellschaft, ein Mittel, mit dem Egoist:innen „das Schiff des Staates versenken“ und einen Zustand herbeiführen könnten, in dem die individuelle Autonomie gedeihen würde.

Dies war notwendigerweise nur eine äußerst kurze Zusammenfassung von Stirners Ideen, die das Interesse wecken und den Kontext für die zweite Hälfte dieses Aufsatzes liefern soll. Die Breite und der Umfang von Stirners Denken machen es schwierig, ihn zusammenzufassen.

Stirners Relevanz für Anarcho-Kommunist:innen

Es ist eine Tatsache, dass bis vor relativ kurzer Zeit die meisten der von Stirner inspirierten Anarchist:innen keine Kommunist:innen waren. In den Vereinigten Staaten waren die bekanntesten Exponenten des Egoismus Benjamin Tucker und seine Gefährt:innen, die sich um die individualistische anarchistische Zeitschrift Liberty scharten. In der Tat war Tucker die treibende Kraft hinter der Veröffentlichung der ersten englischen Ausgabe von Stirners Buch. Er war jedoch auch ein bedeutender Einfluss auf Denker:innen, die eher in der anarchistischen Mainstream-Tradition stehen. In den 1940er Jahren machten die Anarcho-Syndikalist:innen der Glasgow Anarchist Group Stirners Ideen zur Grundlage ihrer Organisierung. Sie nahmen Stirners Idee des Zusammenschlusses von Egoist:innen wörtlich als eine Möglichkeit, sich in der Industrie frei zu organisieren, und erklärten den Syndikalismus daher als „angewandten Egoismus“. Der anarcho-kommunistische Aktivist und Karikaturist Donald Rooum wurde von Mitgliedern dieser Gruppe mit Stirner bekannt gemacht und hält seither am bewussten Egoismus fest. Emma Goldmans Anarchismus wurde von Denkern wie Stirner und Nietzsche tiefgreifend beeinflusst. In der Einleitung ihres Buches Anarchism and Other Essays verteidigt Goldman Stirner gegen oberflächliche und falsche Interpretationen und kommentiert, dass seine Philosophie „die größten sozialen Möglichkeiten“ enthält. Selbst der jüngere Murray Bookchin, dessen Haltung gegenüber dem deutschen Egoisten sich später erheblich verschlechterte, schrieb:

„Stirner schuf eine utopische Vision der Individualität, die einen neuen Ausgangspunkt für die Bejahung der Persönlichkeit in einer zunehmend unpersönlichen Welt markierte.“

Es ist klar, dass sozial orientierte Anarchist:innen an Stirners Ideen interessiert waren. Sie sind auch heute noch daran interessiert, und zwar aus gutem Grund. In einer Welt, in der sich selbst Revolutionär:innen zu oft zwischen Feinden des Individuums und Aufrufen zur Selbstaufopferung verlieren, ist der kompromisslose Egoismus Stirners ein Hauch frischer Luft. So viele Kommunist:innen lehnen Gott den Vater, Gott den Staat und Gott die Korporation ab und errichten stattdessen Gott die Gemeinschaft, eine furchterregende Gottheit, die Kropotkin „schrecklicher als irgendeine der vorhergehenden“ nannte. Für Stirner, wie für die egoistischen Kommunist:innen, sind das alles Gespenster.

Der kommunistische Egoist dient nicht dem Volk, der Masse oder irgendeinem anderen Gespenst. Er dient sich selbst, denn er ist Teil des Volkes, Teil der Masse. Wie kann die Menschheit glücklich sein, wenn du und ich traurig sind? Wie die selbsternannten Marxist-Stirnerist:innen der Bay Area-Gruppe For Ourselves beobachteten: „Jeder Revolutionär, auf den man sich verlassen kann, kann nur für sich selbst im Spiel sein; selbstlose Menschen können ihre Loyalität immer von einer Projektion zur anderen wechseln. Außerdem kann man sich nur auf die gierigsten Leute verlassen, die ihr revolutionäres Projekt durchziehen.“

Anarchist:innen, die die Autorität des Staates und des Kapitals zerstören wollen, aber die Autorität fester Ideen wie Moral, Menschlichkeit, Rechte oder Altruismus intakt lassen wollen, gehen nur den halben Weg. Für den Egoisten können diese Gespenster sogar noch bösartiger sein als die sichtbareren Formen der Autorität. Altruismus, das Leben, um anderen zu dienen, ist einer der bösartigsten Aberglauben, die es in unserer heutigen Zivilisation gibt. Arbeiter:innen begehen jeden Tag eine schreckliche altruistische Handlung, wenn sie arbeiten, um die Kapitalist:innen zu bereichern, die viel erhalten, einfach aufgrund der Tatsache, dass sie schon so viel haben. Frauen sind Opfer von Altruismus, wenn sie ihr Leben vergeuden, um einem Mann zu dienen, der nichts anderes ist als ein kleiner Tyrann über das Heim. Die anderen Verbrechen, die aus dem Altruismus hervorgehen, sind endlos, und es ist für bewusste Egoist:innen klar, dass der altruistische Sozialismus eine Farce ist, die nur in der Lage ist, die Autorität zu transformieren, aber nicht abzuschaffen. Der Egoismus ermutigt die Individuen, nicht länger langsam zu sterben, indem sie denen Geschenke machen, die nichts zurückgeben, und aus dieser Idee fließt der egoistische kommunistische Wunsch nach Aufstand und Enteignung.

Wenn man Stirners Begriff des Gespensts auf einen der heiligsten Götzen der Gesellschaft, das Privateigentum, anwendet, sind die Implikationen fast zwangsläufig kommunistisch. Wie viele Individuen haben ihre Eigenheit geopfert und ihr Leben durch diesen schrecklichen Moloch ruiniert? Stirner machte die Idee eines Rechts auf Eigentum lächerlich (wie er auch Rechte im Allgemeinen lächerlich machte), indem er darauf hinwies, dass Eigentum auf Macht basiert, oder auf der Macht, es zu bekommen und zu behalten. Privateigentum – fremdes Eigentum – ist nur ein weiteres Gespenst, denn die ganze Welt ist das Eigentum des Egoisten, das darauf wartet, genommen zu werden. Mit anderen Worten: Der kommunistische Egoist hat als Objekt seiner Aneignung die Totalität des Lebens. Stirner hat dies mit seinem denkwürdigen Zitat angedeutet:

„Von deinem und eurem Eigentum trete Ich nicht scheu zurück, sondern sehe es stets als mein Eigentum an, woran Ich nichts zu „respektieren“ brauche. Tuet doch desgleichen mit dem, was Ihr mein Eigentum nennt!“

Auch Stirner griff so grundlegende Aspekte des kapitalistischen Lebens wie die Arbeitsteilung und sogar die Arbeit selbst an:

„Hingegen jetzt, wo Jeder sich zum Menschen ausbilden soll, fällt die Bannung des Menschen an maschinenmäßige Arbeit zusammen mit der Sklaverei. Muß ein Fabrikarbeiter sich zwölf Stunden und mehr todmüde machen, so ist er um die Menschwerdung gebracht. Jedwede Arbeit soll den Zweck haben, daß der Mensch befriedigt werde. Deshalb muß er auch in ihr Meister werden, d.h. sie als eine Totalität schaffen können. Wer in einer Stecknadelfabrik nur die Knöpfe aufsetzt, nur den Draht zieht usw., der arbeitet wie mechanisch, wie eine Maschine: er bleibt ein Stümper, wird kein Meister: seine Arbeit kann ihn nicht befriedigen, sondern nur ermüden. Seine Arbeit ist, für sich genommen, nichts, hat keinen Zweck in sich, ist nichts für sich Fertiges: er arbeitet nur einem Andern in die Hand, und wird von diesem Andern benutzt (exploitiert).“

Der erzwungenen, entwürdigenden, reglementierten kapitalistischen Arbeit stellte Stirner die egoistische Arbeit gegenüber, an der sich die Menschen aus reinem Egoismus beteiligen würden und die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung und zum Selbstgenuss böte. Solche egoistische Arbeit könne allein oder in einer Vereinigung von Egoist:innen mit anderen geleistet werden, aber alle Teilnehmenden bleiben bewusst egoistisch. In der Tat erkannte Stirner, dass Kooperation oft befriedigender war als Konkurrenz:

„Das rastlose Werben läßt Uns nicht zu Atem, zu einem ruhigen Genussekommen: Wir werden unsers Besitzes nicht froh. ….. Es ist daher immer fördersam, daß Wir Uns über die menschlichen Arbeiten einigen, damit sie nicht, wie unter der Konkurrenz, alle unsere Zeit und Mühe in Anspruch nehmen.“

Stirners Hauptkritik an Sozialismus und Kommunismus, wie sie zu seiner Zeit bestanden, war, dass sie das Individuum ignorierten; sie zielten darauf ab, das Eigentum an die Abstraktion Gesellschaft zu übergeben, was bedeutete, dass keine existierende Person tatsächlich etwas besaß. Der autoritäre Sozialismus kuriert die Übel der freien Konkurrenz (die, wie Stirner richtig feststellte, nicht frei war), indem er alles von jedem entfremdet. Diese Art von Kommunismus basierte auf Gemeinschaft, auf die Gesellschaft, nicht auf der Vereinigung, die Stirner wünschte. Ein Kommunismus, der den Besitz in die Hände eines Phantoms legt, während dem Einzelnen nichts bleibt, kann nicht wirklich viel mehr sein als eine neue Tyrannei. Der Anarcho-Kommunismus kann von diesen egoistischen Einsichten profitieren, da sie als Erinnerung daran dienen, dass der Kommunismus nicht um seiner selbst willen angestrebt wird, sondern als Mittel, um jedem einzigartigen Individuum Selbstgenuss und Selbstverwirklichung zu garantieren.

Das Verständnis von Stirners Vereinigung der Egoist:innen ist entscheidend für das Verständnis seiner Ideen bezüglich des Aufstandes und wie sie mit den eher mainstream-anarchistischen Ansichten zur Revolution in Einklang gebracht werden können. Stirner lehnte die Revolution zugunsten der Insurrektion ab, im etymologischen Sinne von „sich erheben“. „Die Revolution zielte auf eine neue Ordnung. Die Insurrektion fordert uns auf, uns nicht mehr arrangieren zu lassen, sondern uns selbst zu arrangieren und keine glanzvollen Hoffnungen auf Institutionen zu setzen.“ Stirner erkannte jedoch das befreiende Potential der Gruppenaktion und die Verflechtung des persönlichen Aufstandes eines jeden Egoisten und äußerte sich sogar über den Wert des Streiks:

„Die Arbeiter haben die ungeheuerste Macht in den Händen, und wenn sie ihrer einmal recht inne würden und sie gebrauchten, so widerstände ihnen nichts: sie dürften nur die Arbeit einstellen und das Gearbeitete als das Ihrige ansehen und genießen. Dies ist der Sinn der hie und da auftauchenden Arbeiterunruhen.
Der Staat beruht auf der – Sklaverei der Arbeit. Wird die Arbeit frei, so ist der Staat verloren.“

Stirner forderte die Egoist:innen auf, sich zusammenzuschließen, nicht aus rührseliger Sentimentalität oder unangebrachtem Moralismus, sondern aus dem Wunsch heraus, den Egoismus zu verallgemeinern, damit jeder Egoist das Vergnügen kennen lernt, das er in anderen voll verwirklichten Individuen finden kann. Das wirklich egoistische Individuum wird sich niemals mit etwas weniger als einem verallgemeinerten Egoismus zufrieden geben. Der Egoist vereint sich mit denen, die sein Interesse teilen, und alle Ausgebeuteten und Unterdrückten haben sicherlich ein persönliches Interesse daran, ihrer Unterdrückung ein Ende zu setzen. Was andere Anarchist:innen die soziale Revolution genannt haben, ist für den bewussten Egoisten eine massive Verflechtung der persönlichen Insurrektion jedes Einzelnen, ein Zusammenkommen in einer Vereinigung von Egoist:innen, um das zu vollziehen, was Stirner als „ein ungeheures, rücksichtsloses, schamloses, gewissenloses, stolzes Verbrechen“ bezeichnete. Das Verbrechen der Insurrektion, der Enteignung, der Revolution!

Empfohlene Lektüre

Der Einzige und Sein Eigentum von Max Stirner. Stirners einziges Buch und magnum opus.

„The Individual, Society, and the State“ von Emma Goldman. Goldmans „stirnerianischster“ Essay.

„Victims of Morality“ von Emma Goldman. In diesem Essay greift Goldman das Gespenst der Moral als eine Lüge an, „die dem Wachstum abträglich ist und den Verstand und die Herzen der Menschen entnervt und lähmt.“

The Right to be Greedy: Theses on the Practical Necessity of Demanding Absolutely Everything von For Ourselves
Eine inspirierte Verschmelzung von Stirner und Marx durch diese kurzlebige, von den Situationist:innen beeinflusste Gruppe. For Ourselves argumentieren, dass „Gier in ihrem vollsten Sinne die einzig mögliche Grundlage einer kommunistischen Gesellschaft ist. Die gegenwärtigen Formen der Gier haben am Ende das Nachsehen, weil sie sich als nicht gierig genug erweisen.“

The Minimum Definition of Intelligence von For Ourselves
Eine Kritik der Ideologie und des starren Denkens, verbunden mit Thesen zur Konstruktion einer eigenen kritischen Selbsttheorie.

The Soul of Man [sic] Under Socialism von Oscar Wilde. Dieses wunderschöne Essay ist eine der eloquentesten egoistischen Verteidigungen des libertären Kommunismus, die je geschrieben wurden. Es ist nicht sicher bekannt, ob Wilde tatsächlich Stirner gelesen hat; er konnte jedoch Deutsch lesen, und Ähnlichkeiten im Stil zwischen diesem Text und Der Einzige lassen es wahrscheinlich erscheinen, dass er es tat.

Max Stirner’s Dialectical Egoism: A New Interpretation von John F. Welsh. Die gründlichste und kohärenteste Untersuchung von Stirners Denken, die in englischer Sprache verfügbar ist. Eine Erkundung von Stirners Philosophie, seines Einflusses auf die Denker:innen Benjamin Tucker, James L. Walker und Dora Marsden sowie eine Untersuchung der Beziehung zwischen Stirner und Nietzsche.


Deutsche Übersetzung eines Essays von Matty Thomas, leicht gekürzt