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Unser persönlicher Jahresrückblick 2020

Das Jahr 2020 geht zu Ende und es wird Zeit für einen kleinen Jahresrückblick.
SchwarzerPfeil wurde Ende April dieses Jahres gegründet, als ein Mag, welches von und für die antiautoritäre Bewegung ist. Ein partizipatives Mag, welches allen Anarchist:innen und Antiautoritären ein Zuhause bietet, unabhängig ihres persönlichen Labels. Ersteres haben wir ganz klar gemeistert: in diesem Jahr wurden insgesamt 185 Artikel veröffentlicht, wovon 112 von uns selbst veröffentlicht wurden. Mit anderen Worten: 40% aller bisher geschriebenen Artikel sind von euch.
Bei Zweiterem hängt es allerdings noch etwas – auch wenn wir uns als Mag für die gesamte anarchistische Bewegung verstehen (übrigens auch der Sinn hinter all den Farben in unserem Logo!), sind einzelne Richtungen nicht ausreichend oder sogar gar nicht vertreten gewesen. Etwas, was wir für das kommende Jahr definitiv ändern müssen, um unserem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Doch abgesehen davon übertraf das erste Jahr unseren Erwartungen. 40% Partizipation ist eine ordentliche Nummer für ein neues Mag, vor allem da wir es erst nach einigen Monaten so leicht gemacht hatten, dass andere Personen ihre Beiträge bei uns veröffentlichen können. Die täglichen Besuchszahlen liegen meist im dreistelligen Bereich[1]. Einige unserer Artikel werden zudem von großen Mags und Organisationen verlinkt und zitiert.
Im Dezember organisierten wir noch zusätzlich eine Übersetzungskoordination und erstellten unsere eigene Mastodon-Instanz: AntiNetzwerk. Nachdem wir auch bereits gefragt wurden ob wir noch weitere Projekte planen: Definitiv, solange der Support vorhanden ist. Fürs kommende Jahr haben wir auch bereits Pläne, die wir aber erstmal noch geheim halten.

An dieser Stelle möchten wir uns bei allen Leser:innen und Unterstützenden bedanken. Ohne euch wäre so einiges nicht möglich gewesen.
Nachfolgend möchten wir einen kleinen Jahresrückblick präsentieren – was ist 2020 passiert und worüber haben wir geschrieben? Aufgrund der großen Anzahl an Beiträgen werden wir uns allerdings nur auf einige wenige konzentrieren, damit dieser Artikel nicht zu lang wird. Vielleicht findet der eine oder die andere bisher verpasste und interessante Artikel.


Mai: 6 Artikel

Der 1. Mai ist allen als Tag der Arbeit bekannt. Was jedoch nur die Wenigsten wissen: den 1. Mai kann man vielmehr als anarchistischen Feiertag ansehen, denn erst die Ereignisse vom Haymarket machten den 1. Mai zu dem was er heute ist. Dieser Artikel erzählt die Geschichte des 1. Mai in kurzer Form.

Auf dem Erdbeer- und Spargelhof Ritter in Bornheim haben in der zweiten Hälfte des Monats Mai rund 150 Erntehelfer:innen ihre Arbeit niedergelegt und gestreikt. Grund sind Lohnausfälle und katastrophale Zustände in den Unterkünften, gerade mit Blick auf die erforderlichen Hygiene-Maßnahmen durch das Coronavirus.
Die FAU hat sich für die Streikenden eingesetzt und ausführlich berichtet.


Juni: 9 Artikel

Der Polizeistaat, die USA, steht in Flammen. Der Mord an George Floyd durch die Polizei Ende Mai schlägt Wellen – überall auf der Welt kommt es zu Protesten gegen rassistische Polizeigewalt. Der Sommer steht im Zeichen von Black Lives Matter und Forderungen zur Definanzierung bis hin zur Abschaffung der Polizei werden nicht mehr nur von radikalen Stimmen geäußert.
In Minneapolis, wo sich der Mord abspielte, wird die Polizeistation von Demonstrierenden angezündet. Das Foto der lichterloh brennenden Polizeistation wird für viele zum Bild des Jahres.

Nach zwei Wochen Aufständen gegen Polizeigewalt und systematischem Rassismus haben am 08.06. die Polizist:innen die Polizeistation in Capitol Hill in Seattle aufgegeben und verlassen. Die Demonstrierenden errichteten daraufhin Barrikaden, besetzten die Polizeistation und die umliegenden sechs Blöcke, und erklärten den Stadtteil für autonom. Dieses unabhängige Gebiet wurde zu Capitol Hills Autonomous Zone (CHAZ).

Am 20. Juni, zum Todestag von Voltairine de Cleyre, erschien unsere erste Übersetzung, unter dem Titel: Perle der Anarchie Die radikale Poesie von Voltairine de Cleyre ist aktueller denn je
Es erzählt die Geschichte von de Cleyres Leben und ihrem Lebenswerk.

Nachdem der Sommer ganz im Zeichen von ACAB stand, darf natürlich Eine Welt ohne Polizei nicht fehlen. Keine noch so umfangreiche Reform kann die grundlegende Gewalt dieser Institution ändern. Der einzige Weg, der Polizeigewalt ein Ende zu setzen, ist die vollständige Abschaffung der Polizei. Die Gesellschaft benötigt eine revolutionäre Umgestaltung, durch die Wohlstand und Ressourcen für alle verfügbar sind und nicht nur für eine privilegierte Minderheit.

Auf diesen Artikel aufbauend schrieben wir einen kurzen Artikel über die Gemeinde Cheran in Mexiko, in welcher am 15. April 2011 eine Gruppe mutiger Frauen sich mit Steinen bewaffnet der Avocado-Mafia entgegenstellt hat und schließlich nicht nur die Kartelle, sondern auch die Politiker:innen und die Polizei aus ihrer Gemeinde vertrieben haben.

Ebenfalls auf Eine Welt ohne Polizei aufbauend, folgte ein Artikel über die Zapatista, ihre Geschichte des Austandes und wie die Zapatista heute leben. Ein kurzer Einblick in Politik, Gesundheitswesen, Bildung, Wirtschaft, Sicherheit und Justiz und dem Beweis: Eine bessere Welt ist möglich.


Juli: 36 Artikel

CHOP ist tot, lang lebe CHOP! Die autonome Zone CHAZ, einige Zeit später in CHOP umbenannt worden, ist gefallen. Der Historiker Micheal Reagan schreibt über die Kraft, Bedeutung und wichtigen Schwächen dieser Bewegung.

Am 3. Juli übersetzten wir eine Studie, die aufzeigt wie die Konsumgesellschaft und das kapitalistische System für die meisten negativen Umweltauswirkungen verantwortlich sind, und stellt Lösungsansätze dar, die von reformistischen Ansätzen bis hin zu radikalen Ansätzen des Öko-Sozialismus und Öko-Anarchismus reichen.

Am 7. Juli erschien die allererste Lyrik-Ecke von Black Lavender. Seitdem erscheint jede Woche ein Artikel, welches zwei bis drei lyrische Werke enthält.

Die BLM-Proteste haben einen ersten Teilsieg erreicht: Eine Mehrheit der Mitglieder:innen des Stadtrats von Seattle hat nun zugestimmt, das Budget des Seattle Police Department um 50% zu kürzen. Das Geld soll für andere Bedürfnisse der Gemeinschaft genutzt werden.

Zum Jahrestag der Revolution in Rojava, am 19. Juni, veröffentlichten wir mehrere Artikel über Rojava, wie zB eine Einführung in die politischen und sozialen Strukturen, über die Frauenrevolution, der Wirtschaft Rojavas, oder warum unsere Solidarität mit Rojava eine kritische sein muss. Wenn du in die Suche Rojava eingibst, erhälst du übrigens noch einige weitere Artikel.

Portland erwacht:„Am Anfang waren wir viele. Wir waren Tausende. Wir explodierten auf die Straße, nachdem wir ein Video des Schreckens gesehen hatten, das sowohl seltsam als auch allzu vertraut war: ein Video eines neunminütigen Mordes, eines Mörders, dem die Bitten des gefesselten Mannes, den er erwürgte und zu Tode zermalmte, gleichgültig waren. Am helllichten Tag, gefilmt, unverfolgt. Ein weiterer Mord durch die Polizei. Ein weiterer Schwarzer tot.“

In Portland kommt es zu den wohl stärksten BLM-Protesten, nachdem die Demonstrierenden dort Nacht für Nacht auf die Straße gingen – über mehrere Wochen, ja sogar Monate, hinweg. Präsident Trump beginnt damit die Bundesgeheimpolizei nach Portland zu schicken.

Am 27. Juli folgte einer unserer bis heute beliebtesten Artikel: der Microsoft-Polizeistaat, über Microsofts Verstrickungen mit der Staatsgewalt und wie insbesondere MS den Polizeistaat nicht nur in den USA befeuert.

Ende Juli folgte unsere erste CrimethInc-Übersetzung, über die Gemeinsamkeiten von Stonewall und BLM. Mit diesem Artikel legten wir einen Startschuss für mehrere weitere CrimethInc-Übersetzungen – und um es genau zu sagen: seit diesem Tag sind alle deutschen Übersetzungen auf CrimethInc von uns, mit bisher einer Ausnahme (etwas angeben ist zum Jahresende hoffentlich erlaubt).


August: 25 Artikel

Vom 26. Mai bis zum 1. Juni 2020 brannte eine von Schwarzen angeführte, multiraciale proletarische Rebellion Polizeistationen nieder, zerstörte Polizeiautos, griff die Polizei an, verteilte Güter um und rächte sich für die Ermordung unzähliger Schwarzer und Nichtschwarzer durch die Polizei. Doch schnell schien sich alles geändert zu haben. Jede Person schien vergessen zu haben, dass all dies geschehen war, und stattdessen wurden wir gute Demonstrierende, wir wurden gewaltlos und wir wurden Reformist:innen. Anstatt die Polizei anzugreifen, ertrugen wir unzählige Aufmärsche, die keinen anderen Sinn hatten, als weiterzumarschieren. Von revolutionären Abolitionist:innen wurden wir zu reformistischen Abolitionist:innen. Was geschah? Dieser Artikel erzählt die Geschichte der Schwarzen Aufstandsbekämpfung und macht deutlich: Auf lange Sicht ist die Schwarze Mittelschicht der Feind des Schwarzen Proletariats.

In der Nacht zum Sonntag, dem 9. August, ist als Reaktion auf eine Wahl, die weithin als manipuliert gilt, in Belarus eine massive Protestbewegung gegen Aleksandr Lukaschenko, den starken Mann, der das Land seit über einem Vierteljahrhundert regiert, ausgebrochen. Die Polizei hat Tausende von Menschen festgenommen, scharfe Schüsse abgegeben und Demonstrierende ermordet. Die anarchistische Gruppe Pramen aus Belarus erzählt wie Belarus zur Rebellion gegen die Diktatur gekommen ist.

Sehr ans Herz legen möchten wir euch definitiv auch dieses Interview.

Während der inzwischen mehr als zweimonatigen Proteste in Portland haben Demonstrierende mit einer Vielzahl von Taktiken und Strategien experimentiert. In der folgenden Übersicht beschreiben die Teilnehmenden an den Demonstrationen in Portland einige der Werkzeuge und Taktiken, die sie dort eingesetzt gesehen haben, von Laubbläsern und Regenschirmen bis hin zu Lasern, Ballons und Elektrowerkzeugen.

Am 15. August veröffentlichte Chaosprinzessin eine Übersetzung über das Problem der Skalierbarkeit im Anarchismus anhand einer Fallstudie für kybernetischen Kommunismus. Historisch gesehen war eine der häufigsten Formen der Kritik am Anarchismus, dass er keine überzeugende Theorie darüber liefert, wie eine dezentralisierte, nicht-hierarchische Form der Organisation so skaliert werden kann, dass sie „im großen Maßstab“ effizient arbeitet.
Vorsicht: langer Artikel, welcher im späteren Verlauf sehr wissenschaftlich wird!


September: 23 Artikel

Im September übersetzten wir zwei Leitfäden für Demonstrierende von CrimethInc, einen Helm-Leitfaden sowie einen Leitfaden zu Gasmasken und Schutzbrillen
Diese Leitfäden beschreiben ausführlich mit welcher Ausrüstung man sich vor Polizeigewalt schützen kann und wie effektiv diese sind. An dieser Stelle sei allerdings nochmal angemerkt, dass es in Deutschland verboten ist, sich mit Ausrüstung vor Polizeigewalt zu schützen. Sofern es euch interessiert.

Am 2. September ist David Graeber verstorben. Ihm zu Ehren übersetzten wir sein Essay „Shock of victory“, in welchem er untersucht wie Anarchist:innen sich langfristige Ziele setzen können, um nicht von unseren Siegen überrascht zu werden.
Das Essay wurde 2008 aufgesetzt und ist heute aktueller denn je. Die Vorstellung der Abschaffung der Polizei und der Gefängnisse ist so populär wie nie zuvor, insbesondere in den USA, und obwohl wir bereits einige Ziele erreicht und Siege davon getragen haben, haben viele das Gefühl, dass wir verlieren. Die Frage ist, wie wir uns auf einen ausreichend langen Zeitrahmen stützen können, um das Beste aus unseren Siegen zu machen, anstatt angesichts der verzweifelten Schläge der Reaktion in Verzweiflung zusammenzubrechen.

Am 7. September übersetzten wir einen Text des Psychologen Bruce Levine, welcher sich der Frage widmet warum Antiautoritäre häufig mit einer Verhaltensstörung diagnostiziert werden und wie diese „Therapie“ einer zunehmend autoritären Gesellschaft dabei hilft den Status Quo aufrecht zu erhalten.

Zwischendurch muss auch etwas Positives daher: Daher sagen wir DANKE ANTIFA!

Ein anarchafeministisches Kollektiv hat das Hauptquartier der Nationalen Menschenrechtskommission (CNDH) in Mexiko-Stadt übernommen und zu einem Zufluchtsort für Opfer von geschlechtsspezifischer Gewalt gemacht.

Im September ereignete sich ein weiterer Mord durch die Polizei. Der 43-jährige Javier Ordóñez wurde in Kolumbien ermordet. Ordóñez trank friedlich auf der Straße vor der Wohnung seiner Freund:innen, als die Polizei eintraf und ihn ohne Provokation schlug und 11 Mal mit einem Elektroschocker angriff. Als er im Krankenhaus ankam, nach einer weiteren Prügelei auf dem Polizeirevier, war er bereits tot. Ein Bericht und Interview über die Hintergründe der darauffolgenden Revolte.

Angesichts von rechtsradikalen Milizen, Ausgangssperren, die von der Bereitschaftspolizei und der Nationalgarde verhängt wurden, und Angriffen von Bürgerwehrlern, sind Ende September Tausende von Menschen aus den USA und der ganzen Welt in Solidarität mit Breonna Taylor auf die Straße gegangen, nachdem eine Grand Jury es abgelehnt hatte, Anklage gegen die Polizei zu erheben, die sie ermordet hat. Taylor, eine 26-jährige afro-amerikanische Bewohnerin von Louisville, Medizinstudentin und Rettungssanitäterin, wurde von drei weißen Polizeibeamten bei einer verpfuschten Drogenrazzia erschossen und getötet, bei der die Beamten nach einem Verdächtigen Ausschau hielten, der nicht einmal in Breonnas Wohnung lebte.

Ende September begann zudem noch eine dreiteilige Übersetzung über die dreifache Krise im Ozean: Die Wissenschaftler:innen nennen sie ein ‚tödliches Trio‘. Wenn die Versäuerung, der Sauerstoffverlust und die Überhitzung nicht bald beendet werden, kann ein massives Absterben des Meereslebens nicht mehr aufgehalten werden.


Oktober: 25 Artikel

Am 9. Oktober erschien ein Interview mit der Panthifa, welches von Elany durchgeführt wurde. Die Panthifa ist eine neue radikal linke Gruppe für Schwarze Selbstermächtigung und Organisation in Deutschland und sieht eine Notwendigkeit für antikapitalistische, antikoloniale und intersektionale Strukturen, die sich exklusiv an Schwarze Menschen richten. Die Panthifa will einen Raum für Community, gemeinsame und gegenseitig antirassistische und antikoloniale Bildung und einen Safe Space zum Austausch mit dem Endziel Schwarzer Strukturen, die zu eigenem Aktivismus fähig sind, erschaffen und organisieren.

Zum Jahrestag der Black Panther Party schrieb sie zudem einen kleinen Artikel über die BPP.
PS: Auch wenn nach drei Artikeln bisher nichts mehr von Elany kam, möchten wir an dieser Stelle anmerken, dass ihr im nächsten Jahr wieder von Elany hören werdet – im Zuge von Plänen, welche wir für das kommendes Jahr haben.

Das Interview mit Tekoşîna Anarşîst darf an dieser Stelle ebenfalls nicht fehlen. In diesem Interview vergleichen mehrere Teilnehmende der TA ihre Erfahrungen im Kampf gegen den Islamischen Staat und im Kampf gegen die Türkei, erkunden, was in Syrien seit der Invasion geschehen ist, bewerten die Wirksamkeit der anarchistischen Interventionen in Rojava und diskutieren, was andere auf der ganzen Welt aus den Kämpfen in der Region lernen können.

Während der Aufstand in Portland Teil der allgemeinen US-BLM-Bewegung war, war er auch in vielerlei Hinsicht einzigartig. Zu seinen besonderen Merkmalen gehören sein fortwährendes Engagement für nächtliche Aktionen, der Grad der Unterstützung der Bevölkerung, den er von den normalen Portlander:innen genießt, das reichhaltige neue Ökosystem von Bewegungsgruppen, die ihm seine verschiedenen Funktionen zur Verfügung stellen, und das Aufkommen einer populären, konfrontativen, hitzigen, aber begrenzten Reihe von Taktiken. Trotz dieser beeindruckenden Stärken hat der Aufstand damit zu kämpfen gehabt, eine klare abolitionistische Vision oder Praxis der Gemeinschaftssicherheit zu entwickeln, eine Tatsache, die zu einer Reihe von Problemen geführt hat. Eine Analyse über die Protestbewegung in Portland.

Am 18. Oktober 2020 jährte sich der Aufstand in Chile zum ersten Mal seit einem Jahr. In Chile, den USA und darüber hinaus, stehen wir am Schnittpunkt einer Pandemie, einer Wirtschaftskrise und wachsenden Aufständen gegen die Polizei. In dieser verworrenen Situation brechen die Forderungen nach Abschaffung der Polizei in einem Kontext aus, in dem sich viele Menschen vorstellen, dass nur ein verstärktes Eingreifen der Polizei diesen Moment der Krise bewältigen kann. Ein Rückblick auf ein Jahr des Aufstandes in Chile.

Doch nicht nur in Chile, sondern auch im Irak jährte sich der Aufstand. Am Jahrestag der Oktoberrevolution von 2019 zeigen die irakischen Demonstrierenden eine erneuerte Entschlossenheit, ihre eigene Geschichte zu schaffen und ihre eigene Zukunft zu gestalten.

„auf meiner letzten mission haben wir geholfen 3773 menschen zu retten. in zehn tagen. ich hab mich auf dem schiff oft gefragt, wie ich da eigentlich gelandet bin.“ – ein Artikel von NoBordersNavy über Seenotrettung.

„Wir steuern geradewegs in einen Pandemie-Totalitarismus zu und vermeintliche Radikale offenbaren ihre absolute Hilflosigkeit mit der Situation umzugehen. Zur Arbeit gehen, zur Schule gehen, heimkommen, fressen, schlafen. Wiederholen. Eine schöne neue Welt. Die Vorstellung, dass unsere Welt nach Corona unfreier, ärmer und undemokratischer sein wird, ist kein Horrorszenario, sondern Realität.“
Ende September schrieb Fox ihren Artikel Covid-1984 Mit Vollgas in den Pandemie-Totalitarismus, welcher schnell zu den meistgelesenen Artikel bei uns wurde.

Vor mehr als neun Jahren, am 15. April 2011, erhoben sich die Einwohner:innen von Cherán und vertrieben illegale Holzfäller, die mit Kartellen, den Gemeindebehörden und der Polizei in Verbindung standen, aus ihrer Gemeinde. In der Zwischenzeit schufen sie eine autonome kommunale Regierung, in der die politische Macht in den Händen der Gemeinde liegt und die auf die Bedürfnisse der mehr als 20.000 Einwohner:innen von Cherán ausgerichtet ist. – Eine Übersetzung eines Interviews mit einem Gemeindemitglied von Sasha Maijan: Rebellion, Autonomie und kommunale Selbstverwaltung der indigenen Gemeinschaft von Cherán, Michoacán


November: 28 Artikel

In Nigeria beginnen die #EndSARS-Proteste. Am 3. Oktober wurde ein Video auf Social-Media-Plattformen ins Netz gestellt, das zeigt, wie die berüchtigte Spezialeinheit SARS (Special Anti-Robbery Squad) der nigerianischen Polizei einen jungen Mann erschoss, ihn am Straßenrand liegen ließ und sein Auto stahl.

Zweite Welle: Ein weiterer Lockdown, eine weitere Rebellion: In dieser Sammlung berichten Anarchist:innen, die rund um das Mittelmeer positioniert sind – aus Spanien, Süd- und Norditalien, Slowenien und Griechenland – darüber, wie sich die Politik als Reaktion auf die Pandemie auf ihre Gemeinschaften ausgewirkt hat und beschreiben, wie die Menschen darauf reagiert haben.

Eine Übersicht und Analyse der anarchistischen und feministischen Strömungen im Kampf gegen Femizide in Mexiko: Dieser Artikel untersucht die jüngste Welle von feministischen Protesten und Aktionen in ganz Mexiko und die Rolle des Anarchismus inmitten dieser Mobilisierungen. Der zweite Teil des Textes bietet zudem wertvolle Einblicke für eine Selbstreflexion, welche für alle Anarchist:innen weltweit gilt.

Fox präsentiert Ende Oktober den Nachfolger zu ihrem Artikel Covid-1984, welcher erneut Wellen schlägt: „Dass Linke zum Abnickdackel staatlicher Maßnahmen mutieren ist für mich keine überraschende Angelegenheit. Doch wenn Anarchist:innen und Antiautoritäre (merke: antiautoritär und links sind keine Synonyme!) den selben Weg einschlagen, stellt sich nur noch eine Frage: Wie konnte das passieren? Resignation? Ein besonderes Maß an Naivität, dass es dem Staat tatsächlich in erster Linie um Rettung von Menschenleben geht? Falsch verstandene Solidarität? Oder die „Erkenntnis“, dass in einer tödlichen Pandemie andere Regeln gelten und wir auf Big Daddy angewiesen ist?“


Dezember: 33 Artikel


Am 4. Dezember berichteten wir über den größten Generalstreik der Welt. Über 250 Millionen Arbeiter:innen hielten einen eintägigen Generalstreik in Indien ab. Dieser massive Aktionstag wurde von 10 Gewerkschaften und über 250 Bauernorganisationen ausgerufen und von massiven Protesten und eines fast vollständigen Shutdowns einiger indischer Bundesstaaten begleitet. Dem Aufruf der Gewerkschaften zufolge wurde der Generalstreik gegen „die volks- und arbeiterfeindliche und zerstörerische Politik der BJP-Regierung unter Premierminister Narendra Modi“ organisiert.

Am diesjährigen 6. Dezember sind 12 Jahre seit dem kaltblütigen Mord durch die griechische Polizei an dem 15-jährigen Alexis Grigoropoulos in der Nachbarschaft von Exarcheia vergangen. Eine lange Zeit, in der der Gerechtigkeit, gelinde gesagt, nicht Genüge getan wurde. Schlimmer noch, im letzten Jahr erreichte der Zynismus der Behörden ein ungesehenes Ausmaß – Alexis‘ Mörder Epaminondas Korkoneas, der nie Reue für seine Tat geäußert hat, wurde nach nur 11 Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen.

Don’t hate the media – become the media!
Was ist dieser Spruch eigentlich noch wert, wenn so viele Gruppen und Individuen auf Twitter, Facebook und Instagram setzen, obwohl die freien und dezentralen Alternativen bereits vorhanden sind? Hauptsache, die Empörung ist hinterher wieder groß, dass Corporate Social Media sie zensiert.
Am 8. Dezember veröffentlichte Fox ihren Mastodon-Guide, welcher der nun ausführlichste Leitfaden zu Mastodon in deutscher Sprache ist. Mehrere Personen meldeten sich daraufhin bei Mastodon an. Es bleibt zu hoffen, dass diese Zahl in der nächsten Zeit noch weiter steigen wird.

Portland bleibt stabil: Anfang Dezember haben sich Mitglieder der Portland-Community erfolgreich schwer bewaffnete und militarisierte Multnomah County Sheriffs widersetzt, welche von Portland-Polizeibeamt:innen unterstützt wurden, die versuchten, die afro-indigene Familie Kinney, die seit 65 Jahren im „Roten Haus am Mississippi“ in der Nachbarschaft von Nordportland lebt, zu vertreiben.

Im Oktober verurteilte das Nürnberger Amtsgericht zwei linke Aktivisten zu 18 bzw. 15 Monaten Haft ohne Bewährung. Der Grund: Sie sollen im Sommer 2019 auf dem Jamnitzer Platz in Nürnberg PolizeibeamtInnen angeschrien haben.
Im Februar soll der Berufungsprozess vor dem Landgericht stattfinden. Solidarität ist gefragt! – Ein Bericht von der Nürnberger Gruppe Prolos

Im November gingen in den Nachrichten und sozialen Medien Fotos von thailändischen Demonstrierenden um sich, die sich mit riesigen Gummienten vor den mit Chemikalien gespickten Wasserwerfern der Bereitschaftspolizei schützen. Diese bizarren und spektakulären Bilder konkurrierten mit dem besten Straßentheater der Demonstrierenden rund um den Globus und erhielten entsprechenden Applaus im Internet. Dennoch bleibt der thailändische Aufstand mit den Gummienten – einige haben sogar begonnen es „die Gummienten-Revolution“ zu nennen – für viele außerhalb Südostasiens obskur. – Hier erfahrt ihr mehr über die Hintergründe der Aufstände in Thailand.

Immer wenn Menschen zum ersten Mal auf anarchistische Ideen stoßen, gibt es eine bestimmte Art Mensch, die immer eine klare Vorlage sehen will. Als Antwort darauf gibt es hier ein anarchistisches Programm – eine Reihe von Vorschlägen, die im Laufe einer Revolution in die Tat umgesetzt werden könnten – als eine phantasievolle Übung, um sich leichter vorstellen zu können, welche Art von praktischen Veränderungen Anarchist:innen anstreben könnten.

„Es ist wichtig, dem Leben dieser Personen, die zur Polizei gegangen sind, weil sie in der Schule versagt haben, wieder einen Sinn zu geben.“ – Das Manifest für die Abschaffung der Polizei darf auf keinen Fall fehlen.

„„Es gibt keinen ethischen Konsum im Kapitalismus“ ist ein ermüdendes Mem, von dem ich mir wünsche, dass es sterben würde. So oft wird dieser Slogan von den Roten benutzt, um diejenigen von uns zu verunglimpfen, die sich bemühen, Lebensentscheidungen zu treffen, die zur Schadensreduzierung in unseren Gemeinschaften und unserer natürlichen Umgebung beitragen.“
Das Essay Fuck Your Red Revolution, welches am 23. Dezember veröffentlicht wurde, provoziert und polarisiert. Besonders auf Mastodon kam es zu mehreren Diskussionen. Das Essay erhielt viel Zustimmung in den Kommentaren, bei Mastodon und anderswo, doch auch einiges an Gegenwehr. Schon allein aus diesem Grund darf dieses Essay im Jahresrückblick nicht fehlen. (Anmerkung: Wie so ziemlich alle Übersetzungen gibt dieses Essay nicht unsere Meinung wider – was schon allein deshalb nicht möglich ist, weil unsere freie Assoziation Personen mit völlig unterschiedlichen (anti-)politischen Richtungen enthält.)

„diese texte und diskussionen für die gebildete mittelschicht sind zum kotzen!
überlegt doch mal, wen ihr bitte erreichen wollt.
ich für meinen teil hab kein bock auf ne revolution aus mittelstands-kids und student:innen. ihr dürft gerne mitmachen, aber das niveau auf dem wir reden ist doch bitte eins, bei dem auch der/die methjunkie noch mitkommt, oder die neu hier lebende person, für die deutsch noch ne fremdsprache ist, oder oder oder.“ – Der Artikel ein paar gedanken zu linkssprech/anarchosprech von dublinstinkt erhält eine ganze Menge Zuspruch – und wenn man nur nach den Datenaufzeichnungen von Twitter geht, dürfte dieser Artikel bald zu den meistgelesenen Artikel gehören.

Und zum Abschluss noch: die Vorstellung unserer eigenen Mastodon-Instanz AntiNetzwerk. Tretet bei, wenn ihr Lust auf ein besseres Social Media habt. Mehr gibts eigentlich nicht mehr zu sagen.


Was wünscht ihr euch für das kommende Jahr? Was können wir noch verbessern, woran sollten wir arbeiten, welche Projekte sollten wir uns mal näher ansehen? Schreibt es hier in den Kommentaren, auf Mastodon, auf Twitter, per Mail oder per Signal.

Auf ein hierarchiefreies 2021! (Man wird ja wohl noch träumen dürfen)


[1] Von Juni bis Oktober hatten wir mit Matomo, eine datenschutzfreundliche Alternative zu Goolag Analytics, die Besuchszahlen erfasst – zumindest der Besucher:innen, die eine Erfassung auch zulassen. An Tagen, an welchen ein neuer Artikel veröffentlicht wurde, lagen die Besuchszahlen meist stets im dreistelligen Bereich. Inzwischen wurde Matomo aber wieder deaktiviert – einerseits um die Seite schlanker zu machen, andererseits weil uns die Zahlen egal sind. Wir werden auch dann noch schreiben, sollte es nur eine handvoll Leser:innen geben (auch wenn man sich natürlich über jede weitere Person freut).