Anmerkungen zu post-linkem Anarchismus

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Deutsche Übersetzung des Essays <Notes on „post-left anarchism“> von Bob Black, Autor von Werken wie Anarchy after Leftism und The Abolition of Work. Das nachfolgende Essay setzt zumindest ein Grundverständnis von post-linker Anarchie voraus. Falls dir der Begriff neu ist, lies vorher dieses Essay.


Es ist klar, dass das Ziel der Revolution heute die Befreiung des täglichen Lebens sein muss – Murray Bookchin[1]

Was ist postlinker Anarchismus? Ich bin mir nicht sicher, wer den Ausdruck geprägt hat, aber es sieht so aus, als hätte ich es getan. Irgendwann habe ich einige der Leute gefragt, die den Begriff am ehesten kennen (darunter John Zerzan, Lawrence Jarach und Jason McQuinn), und niemand wusste vor mir, dass jemand diesen Ausdruck benutzt hat. Jason McQuinn bestätigt dies in einem kürzlich erschienenen Schreiben.[2] Der erste bekannte Gebrauch des Satzes findet sich im letzten Satz meines Buches Anarchy after Leftism,[3] das 1996 geschrieben und 1997 veröffentlicht wurde. Dies ist der letzte Absatz des Buches: „Es gibt ein Leben nach der Linken. Und es gibt Anarchie nach dem Anarchismus. Postlinke Anarchisten schlagen in viele Richtungen los. Einige finden vielleicht den Weg – besser noch, die Wege – in eine freie Zukunft.“[4] Damals ging ich davon aus, dass postlinker Anarchismus eine geläufigere Phrase ist.

Wie dem auch sei, die Phrase wurde hier und da von verschiedenen radikalen Anarchist:innen aufgegriffen. Jason schreibt mir, „dass ich, inspiriert von deinem Text Anarchy after Leftism, deinen Text als Teil einer theoretischen und praktischen anarchistischen Kritik charakterisiert habe, die aus historischen anarchistischen Praktiken, den Rebellionen der 1960er-Jahre und situationistischen Einflüssen entstand (und das war die ursprüngliche Inspiration für AJODA [Anarchy: A Journal of Desire Armed]), als postlinks-anarchistisch, als ich um Beiträge für die ‚Post-Left Anarchy‘-Ausgabe des Anarchy-Magazins bat [no. 48 (Herbst/Winter 2001-2002].“[5].

Was folgt, sind teils Memoiren, teils Geschichte und teils Kritik. Der Memoirenteil, der als Teil des Geschichtsteils betrachtet wird, würde meine persönliche Rolle übertreiben. Das Essay sollte in diesem Sinne gelesen werden. Und, so wie es aus meiner engstirnigen Perspektive geschrieben ist, konzentriert es sich fast ausschließlich auf Nordamerika, obwohl die Phänomene, die ich beschreibe, ihre Entsprechungen in Großbritannien, den Niederlanden, Indien und anderswo haben und hatten.

Der Ausdruck postlinker Anarchismus (oder Anarchie) genießt nun die zweifelhafte Auszeichnung eines Wikipedia-Eintrags, was auf ein ontologisches Gütesiegel hinausläuft. Bis zum Zusammenbruch der Zivilisation wird es niemals verschwinden. Ich konnte nun die ursprüngliche Bedeutung eines Ausdrucks, den ich nicht für originell hielt, für mich nicht mehr vollständig rekonstruieren. Stattdessen werde ich damit beginnen, es auf eine kleine Art und Weise zu dekonstruieren.

„Post-“ ist ursprünglich ein zeitlicher Signifikant. Es bedeutet „nach“. Postlinker Anarchismus, was auch immer es bedeutet, bezieht sich auf einen Anarchismus, der im Großen und Ganzen nach dem Anarcho-Linkstum gekommen und größtenteils aus ihm herausgekommen ist.[6] In meinem Fall war ich empfänglich für genau die Einflüsse, die Jason McQuinn erwähnt. Wenn ich den Ausdruck benutze (ich benutze ihn nicht oft), dann denke ich an Anarchist:innen, die in den letzten 40 oder 50 Jahren Dinge aufgegriffen oder übernommen haben, die die traditionellen Anarcho-Linken nie in Betracht gezogen haben; oder wenn sie sie gelegentlich in Betracht gezogen haben, dann riefen ihre Reaktionen – klischeehaft, oberflächlich, spöttisch und abweisend – nach Kritik.

Unter den Leuten, an die ich als postlinke Anarchist:innen dachte, waren Fredy Perlman, John Zerzan, Dan Todd, Hakim Bey, Max Cafard, Michael William, John Moore, die Fifth Estate-Autor:innen der 70er und 80er Jahre (wie George Bradford/David Watson und Peter Werbe), Wolfi Landstreicher (er hatte damals andere Namen), die Green-Anarchism-Schriftsteller:innen (besonders John Connor) und einige regelmäßige Mitwirkende an Anarchy: A Journal of Desire mit seinem Herausgeber Jason McQuinn (damals bekannt als Lev Chernyi), Lawrence Jarach und Aragorn. Einige von ihnen würden die Ehre ablehnen. John Zerzan würder eher als Anti-Linker denn als Post-Linker angesehen werden. Einige von ihnen sind besser bekannt (oder würden gerne besser bekannt sein) als Nihilist:innen, Grüne, Primitivist:innen, Queers, Insurrektionalist:innen, Egoist:innen, etc. Einige wurden – wie ich – merklich von den politisierten Avantgarde-Kunst/Anti-Kunst[7]-Strömungen beeinflusst: Dada, Surrealismus, und besonders die Situationist:innen. Keiner von ihnen war übrigens anarchistisch oder hat jemals das Linkstum völlig verdrängt. Was lebendig war, d.h. was nicht tot (nicht links) war, z.B. im „Situationismus“ (die Situationist:innen prangerten das Wort an), ist unter den post-linken Anarchist:innen zu finden und fast nirgendwo sonst.

Aus Gründen, die im Dunkeln bleiben, begannen die Mainstream-Verleger:innen gerade zu dem Zeitpunkt, als die 60er der Neuen Linken ausliefen, einige der anarchistischen Klassiker zu veröffentlichen oder neu herauszugeben.[8] Drei Charles-Fourier-Anthologien (zwei davon original) wurden von Doubleday, Schocken Books und der Harvard University Press herausgegeben. Dover Books veröffentlichte Bakunin, Kropotkin, Goldman und Berkman.

Grove Press veröffentlichte eine Bakunin-Anthologie. Vintage Books veröffentlichte auch Goldman. Doubleday veröffentlichte eine Proudhon-Anthologie. Beacon Press veröffentlichte Herbert Read. Harper & Row veröffentlichte Robert Paul Wolff und Max Stirner, wenn auch im letzteren Fall in einem skurrilen Kontext.[9] Auch die Verlage der Mainstream- und Universitätspresse erhöhten ihren Output an anarchistischer Geschichte und Biographie durch akademische Gelehrte wie Paul Avrich.

Aber warum? Wegen einer vage gefühlten Wahrnehmung, dass die 60er Jahre anarchistisch waren, und so könnten vielleicht tatsächlich anarchistische Theoretiker:innen helfen zu erklären, worum es dabei ging? Was auch immer der Grund sein mag, anarchistische Bücher wurden viel weiter verbreitet als seit dem Zweiten Weltkrieg oder sogar seit dem Ersten Weltkrieg. Viele zukünftige Anarchist:innen, ob links oder anfänglich post-links, lasen sie.

Der Hintergrund des heutigen nicht-traditionellen Anarchismus sind die 60er Jahre – die 60er Jahre der Neuen Linken und die Yippies, aber noch mehr die Ideen und Aktionen vom Mai 1968. [10] Der unmittelbare Vorläufer des postlinken Anarchismus war die – zunächst eher lokalisierte – intellektuelle Gärung der 1970er Jahre, besonders wie sie in Detroit durch Fredy Perlmans Black & Red-Verlagsprojekt und wenig später durch die Fifth Estate nach der anarchistischen Übernahme angeregt wurde.[11] Wir wurden mit einer theoretischen oder historischen oder anthropologischen Neuheit nach der anderen konfrontiert. Wir lernten Foucault, Camatte, Sahlins, Debord, Mumford, Ellul, Vaneigem, Barrot, Clastres, Debord, Fredric Turner und den frühen Baudrillard kennen. Wir lernten die verborgene Geschichte der russischen Revolution von Arshinov und Voline.

Ironischerweise lesen wir auch Murray Bookchins Essays aus den 1970er Jahren, wie zum Beispiel „Spontaneität und Organisation“[13], die das Wesen dessen zum Ausdruck brachten, was er später als Lifestyle-Anarchismus karikierte. Das war reichhaltige Kost, die manchmal hochgekotzt wurde, ohne vollständig verdaut worden zu sein. Aber es gab nichts Vergleichbares auf Seiten der Anarcho-Linken, von der wir uns mit verschiedenen Geschwindigkeiten entfernten. Dort schlossen sich College-Student:innen und Baristas in kleiner Zahl den Industrial Workers of the World an, gründeten selbstzerstörerische anarchistische Mitgliederorganisationen und/oder befehdeten sich untereinander.

Der Aufstieg des post-linken Anarchismus fiel mit der Blütezeit dessen zusammen, was ich das marginale Milieu nenne: die Zine-Subkultur, die Do-it-yourself-Subkultur, um die es in meinem Buch Beneath the Underground geht.[13] Jede Person, die Zugang zu Kopiergeräten und Taschengeld für Briefmarken hatte, konnte mitmachen. „Plakatist:innen“ wie Upshot (John und Paula Zerzan) und The Last International (ich selbst) fanden Plätze, um Plakate zu veröffentlichen, die ursprünglich die Form von Plakaten angenommen hatten, die zusammengeheftet werden sollten, in der Annahme, dass das, was sie zu sagen hatten, unveröffentlichbar war.

Die Herausgebenden von Zine mochten die Poster, weil sie kurz, auf den Punkt gebracht, oft witzig und gute Druckvorlagen waren. Die Collagekunst erwies sich als besonders kongenial zu Zines. Einige der Zine-Künstler:innen waren sich sogar bewusst, dass das, was sie taten, das ist, was die Situationist:innen Umleitung (Détournement) nannten, „Kurz für Umgehung bereits vorhandener ästhetischer Elemente.“[14]

Mail-Artist:innen wie Al Ackerman, die die Mails schon seit langem für die Verbreitung individualisierter Kunst nutzten, passten ebenfalls genau in das marginale Milieu, und sie konnten mit Fug und Recht behaupten, dies vorweggenommen zu haben. Das Zine-Format (kurz für „Fanzine“) selbst war in den späten 1930er Jahren vom Science-Fiction-Fandom erfunden worden, das in den 1980er Jahren auch das marginale Milieu überlagerte. Die Verbindung zwischen Punk und Anarchismus, die in den 1970er Jahren geschmiedet wurde und immer noch nicht ganz unterbrochen ist, würde einen eigenen Artikel oder ein eigenes Buch erfordern, um sie zu diskutieren.[15]

Es gab auch Boulevardzeitungen wie Popular Reality und Fotokopiezeitschriften wie Dharma Combat und Feh! und Demolition Derby, um nur einige der besten zu nennen, und viele Pamphleteure (einschließlich „Pro-Situ“-Gruppen wie Negation, Contradiction, Point Blank und For Ourselves, die Anfang der 70er Jahre am aktivsten waren[16]). Die Zine-Membranen waren in der Regel durchlässig, und Anarchismus, besonders die nicht-traditionellen Tendenzen, durchdrangen das marginale Milieu. Das Milieu selbst war insofern von Natur aus anarchistisch, als es radikal dezentralisiert, individualistisch, aber eng vernetzt, und leidenschaftlich in der Praxis der Pressefreiheit war.

Murray Bookchin sollte später über die Herausgabe von Zines spotten,[17] aber er selbst veröffentlichte eines (im Newsletter-Format): Comment, aus dem sein bestes Buch, Toward an Ecological Society, entnommen ist.

Von seinem Höhepunkt in den Jahren 1985-1990 schrumpfte die Szene allmählich, obwohl sie nicht ganz verschwunden ist. Bis 1996 oder so war die Zine-Subkultur größtenteils entweder verkümmert oder ins Internet abgewandert. So sehr ich ihren Untergang bedauerte, so sehr entsprach ihr Ableben ihrem eigenen Ethos, wie auch meinem. Alle autonomen Zonen sind notwendigerweise temporär, selbst in einer Welt, in der es nur autonome Zonen gibt. Sie sollten immer noch vergänglich sein, wie die Konstruktion von Situationen.[18] Die Do-it-yourself-Subkultur war eine Leiter, die man erklimmen und dann wegtreten musste [19]. Aber es hat uns auch einen Kick gegeben.

Im Nachhinein fällt mir auf, dass ich den post-linken Anarchismus auf satirische Weise in „Elementary Watsonianism“ vorweggenommen habe, der zu meinem Erstaunen in der Centennial-Ausgabe (1986) der ehrwürdigen Londoner Anarchisten-Zeitschrift Freedom veröffentlicht wurde. Unter ihren Gründer:innen war auch Kropotkin. Nicht allen traditionalistischen Anarchist:innen fehlt der Sinn für Humor, wie es bei den Linken üblich ist. Ich schrieb über „watsonianistischen“ oder „Typ 3“-Anarchismus: „Weder ein individualistischer, kapitalistischer, rechtsstehender Anarchist vom „Typ 1“ noch ein sozialistischer, kollektivistischer, linksstehender Anarchist vom „Typ 2“, er ist ein Anarchist vom Typ 3 und lässt sich von niemandem etwas vormachen.“[20] Typ 3 war der Typ des Atypischen.

Der unmittelbare Anlass für Anarchy after Leftism war die Veröffentlichung des Werks Social Anarchism or Lifestyle Anarchism: An Unbridgeable Chasm von Murray Bookchin. Sein Buch kann nicht einmal Originalität beanspruchen. In den 1980er Jahren nahmen sich einige Anarcho-Linke eine Auszeit von ihrem kollektiven Narzissmus und ihren vernichtenden Fehden, um zu merken, dass etwas los war, nicht zu ihrer Linken, sondern darüber hinaus. Sie erfanden die meisten der sich gegenseitig widersprechenden Epitheta (wie kann jemand gleichzeitig ein:e „Individualist:in“ und ein:e „Faschist:in“ sein? oder bürgerlich und lumpenproletarisch?), die Bookchin später um sich warf.[21]

Wegen der Marktmacht des Verlegers, AK Press; und weil es den kurzfristigen ideologischen Interessen der Anarcho-Linken diente, erhielt das Traktat weit mehr Aufmerksamkeit und Zustimmung, als es verdiente. Ich brauche hier nicht all die vielen Arten zu wiederholen, in denen es falsch, unehrlich, heuchlerisch und unhöflich bis hin zum Punkt der Dummheit ist. Das würde ein ganzes Buch erfordern. Zufällig habe ich dieses Buch geschrieben: Anarchy after Leftism. Die Anarcho-Linken handelten als krasse Opportunist:innen. Das tun sie immer noch.

Bookchin begann den Ausdruck „sozialer Anarchismus“ für sein eigenes kultisches Glaubensbekenntnis zu kapern, obwohl der Ausdruck schon immer eine viel breitere Anwendung fand.[22] Das störte seine neuen anarcho-linken Fans nicht, die nie bemerkten, dass Bookchins späte Politik, wie auch seine frühe Politik, mit den üblichen anarcho-linken Doktrinen wie dem Syndikalismus unvereinbar ist. Es störte die Anarchist:innen des Klassenkampfes nicht, dass Bookchin in den 1960er Jahren den Klassenkampf ablehnte[23], und es störte die Organisationalist:innen nicht, dass Bookchin in den 1970er Jahren die anarchistische Organisation als von Natur aus avantgardistisch ablehnte[24]. Der späte Bookchinismus verunglimpfte die Primitivist:innen, aber sein angebliches Meisterwerk The Ecology of Freedom[25] pries die Tugenden der „organischen“ primitiven Gesellschaften. (In der sehr langen Einleitung zu einer zweiten Auflage des Buches lehnte Bookchin das Buch faktisch ab). Genau zu der Zeit, als Bookchin seine Tafel der anarchistischen Orthodoxie übergab, teilte er seinem inneren Kreis privat mit, dass er kein Anarchist sei[26]. Aber als ich früher nicht nur behauptete, sondern bewies, dass er kein Anarchist war,[27] wurde ich als Purist, Dogmatiker, Sektierer, Verrückter usw. abgetan.

Der post-linke Anarchismus hatte, zu der Zeit, als ich ihn zum ersten Mal benutzte, für mich eine historische Konnotation. Ich dachte, dass fast jede Person, die ich als post-links betrachtete, vorher links gewesen war – mich eingeschlossen. Das stellte sich in mehreren Fällen als falsch heraus. Aber alle waren mit dem Linkstum vertraut und mit ihm unzufrieden. Und ich habe immer Wert auf die Geschichte gelegt. Heutzutage ist es üblich, dass post-linke Anarchist:innen direkt zu dieser Perspektive kommen, ohne selbst links gewesen zu sein. Für manche Leute hatte ich etwas damit zu tun. Das ist gut.

Noch eine andere Phrase, die irgendwann einmal die Runde machte, war „The New Anarchists“, der Titel eines Artikels von Professor David Graeber in der New Left Review[28] Er behauptet, dass dies nicht sein Titel für den Artikel war. Es war jedenfalls nicht seine Prägung: es war meine. 1997 bezog ich mich auf „den Neuen Anarchismus oder, besser noch, die Neuen Anarchismen““[29] – aber ich bin mir ziemlich sicher, dass die Herausgebenden der New Left Review nie Anarchy after Leftism gelesen haben. Für Graeber sind die Neuen Anarchist:innen Aktivist:innen, wie zum Beispiel die in den Anti-Globalisierungs-Protesten. Das war Selbstdarstellung, denn bis dahin hatten die Medien Graeber bereits zum Star dieser Show gemacht, und dann zum Star der nächsten Show, Occupy. Er ist nicht nur ein Neuer Anarchist, er ist der neue Daniel Cohn-Bendit (der gesagt hatte: „Ich bin einfach ein Sprachrohr, ein Megafon“).[30] Es sieht immer gut aus, Bescheidenheit zu bekennen, nachdem man schon im Rampenlicht steht. Es würde noch besser aussehen, das Rampenlicht abzulehnen.

Mein Schwerpunkt lag auf der Theorie. Graeber ignorierte die zeitgenössische anarchistische Theorie. Er mag sehr wenig darüber gewusst haben. Oder, wenn er etwas wusste, hatte er seine Gründe, es für sich zu behalten. Graeber schrieb für Linke – das stand immerhin in der New Left Review![31] – und versuchte, sie dazu zu bringen, die Neuen Anarchist:innen als Genoss:innen willkommen zu heißen (und, wie er andeutete, für ihre Nützlichkeit: Stiefel auf dem Boden bereitzustellen). Ich schrieb für Anarchist:innen und schlug vor, dass sie aus der Linken herauskommen sollten, nicht hinein. Wegen Graebers erklärter Loyalität zur Linken und seiner Verwechslung von Anarchie mit direkter Demokratie – wenn er ein Neuer Anarchist ist, bin ich es nicht. Er ist kein post-linker Anarchist: soviel ist sicher. Soweit es mich betrifft, ist er überhaupt kein Anarchist.

Was ist denn dann Linkstum? Diese Frage wurde mir gelegentlich gestellt. Ich habe manchmal mit dem geantwortet, was Wittgenstein und andere Philosoph:innen eine vordergründige Definition nennen: das (zeigend) ist „rot“: du (im übertragenen Sinne, zeigend) bist ein Roter, ein „Linker“. Nur Linke fragen jemals. Sie scheinen keine Definition für ihre eigenen Zwecke zu brauchen, und ich brauche keine für meine. Ich habe nie eine Definition von „links“ konstruiert, denn dann würden sich die Linken über meine Definition beschweren, nicht über meine Kritik. Sie wissen, von wem ich spreche. Ich spreche über sie. Das Linkstum ist das, was selbstidentifizierte Linke predigen. Wenn das nicht alles von einer autoritativen Definition erfasst werden kann, um so schlimmer für die Linke, oder für eine autoritative Definition.

Niemand hat, soweit ich weiß, versucht, das Linkstum zu definieren,[32] zumindest nicht in Bezug auf ihre Kriterien: die notwendigen und ausreichenden Bedingungen, um etwas als links zu identifizieren.

Es mag solche Kriterien nicht geben. Ich kenne keine Behauptungen, dass Linkstum dies oder jenes beinhalten muss, obwohl es Positionen geben kann (wie Rassismus[33] oder Konzernkapitalismus[34]), die ausgeschlossen werden müssen. Vielleicht ist „Gleichheit“ ein wesentlicher Wert des Linkstums, aber dieses Wort kann fast alles bedeuten, noch ist es einzigartig für das Linkstum. Protestantismus, Liberalismus und Marktkapitalismus verfechten Versionen der Gleichheit. Vielleicht „Freiheit“, aber fast jede:r tritt auch dafür ein.[35] Auch wenn es modisch oder faul erscheinen mag, bin ich geneigt, Wittgensteins Vorstellung von Familienähnlichkeit einzubringen: „Wir stellen fest, dass das, was alle Fälle von Vergleichen verbindet, eine riesige Anzahl sich überschneidender Ähnlichkeiten ist, und sobald wir dies sehen, fühlen wir uns nicht mehr gezwungen zu sagen, dass es irgendein Merkmal geben muss, das sie alle gemeinsam haben.“[36] Ich habe diesen Zwang nie gespürt.

Dann ist da noch der genealogische Ansatz. Das Linkstum hat einen gut dokumentierten Stammbaum, beginnend mit dem 18. Jahrhundert. Die „Linke“ bezog sich ursprünglich auf die Sitzordnung in der französischen Versammlung während der Revolution. Fast jede moderne linke Ideologie, vom Liberalismus bis zum Staatskommunismus, tauchte zwischen 1789 und 1795 in Paris auf. Nur der Anarchismus ist abwesend. Könnte das daran liegen, dass der Anarchismus keine linke Ideologie ist?[37]

Der Ausdruck postlinker Anarchismus ist implizit linkskritisch. Sicherlich habe ich es so gemeint. Linkstum ist etwas, das es zu übertreffen gilt. „Post-linke Anarchie“, schrieb ich, „ist bereit zu artikulieren – kein Programm – sondern eine Reihe von revolutionären Themen mit zeitgenössischer Relevanz und Resonanz.“[38] Als ich gegen Bookchin schrieb, habe ich eine kurze, nicht exklusive Liste von Unterschieden erstellt. Ich schlug vor, dass der post-linke Anarchismus (1) „eindeutig antipolitisch“ sei – keine Abstimmung, zum Beispiel; (2) hedonistisch („Viele Leute fragen sich, was falsch daran ist, glücklich sein zu wollen“); und (3) wenn schon nicht unbedingt ablehnend, so doch zumindest misstrauisch gegenüber der modernen Technologie und den extravaganten Befreiungsansprüchen, die dafür erhoben werden.[39]

Aber es gab noch andere Punkte, die auf dieser speziellen Liste nicht erwähnt wurden, wie die Ablehnung des anarchistischen Organisationismus im Sinne der Rekrutierung der Arbeiterklasse in Gewerkschaften (Anarchosyndikalismus), und auch im Sinne der Rekrutierung aller Anarchist:innen in eine disziplinierte programmatische Avantgardeorganisation (Neoplatformismus). Beides ist unmöglich, beides ist unerwünscht und beides ist absurd. Und beides ist zutiefst antianarchistisch. Ich kritisiere die Syndikalist:innen seit vielen Jahren, wie auch in meinem letzten Buch, im Umgang mit Noam Chomsky.[40] Ich habe auch den Neo-Platformismus (Anarcho-Leninismus) kritisiert.[41] Wenn diese Doktrinen linksanarchistisch sind und als anarchistisch vermarktet werden (wie sie es werden), dann müssen alle echten Anarchist:innen post-linke, oder zumindest nicht-linke, Anarchist:innen sein. Mit ein paar Ausnahmen unter den Nihilist:innen und Individualist:innen ist der post-linke Anarchismus ein sozialer Anarchismus. Ich spreche lieber von „freier Assoziation“ als von Organisation, weil die Organisationslinken das Wort „Organisation“ mit Assoziationen von Hierarchie, Mitgliederexklusivität und doktrinärer Orthodoxie befrachtet haben. Max Stirners „Union of Egoists“ gefällt mir besser, vorausgesetzt, man versteht, dass er sich nicht auf One Big Union oder auf Gewerkschaften bezog, sondern auf eine Basis der Vereinigungsfreiheit[43].

Ich hätte auch, als eine weit verbreitete, wenn nicht gar universelle linke Lehre, den „Produktivismus“ erwähnen können, der den Menschen im Wesentlichen als Produzenten begreift und davon ausgeht, dass die soziale Revolution und die Selbstverwirklichung des Menschen darin besteht und sich darin erschöpft, dass die Arbeiter:innen den Kapitalist:innen das Eigentum und die Kontrolle über die Produktionsmittel wegnehmen. [44] Dann gibt es die verwandte Doktrin des „Arbeitertums“, die typischerweise die Feier der Arbeiter:innen als Arbeiter:innen mit der Glorifizierung der Arbeit verbindet, und mit der Vorstellung, dass die Arbeiterklasse oder ein Teil davon die notwendige und privilegierte Instanz der sozialen Revolution ist. Das Versprechen des Arbeitertums ist selbstverwaltete Knechtschaft – und die Pflicht, viele Versammlungen zu besuchen.[44] Diese Dogmen sind konterrevolutionärer Unsinn. Nur sehr wenige Arbeiter:innen sind Workerist:innen (Anm. d. Ü.: Der Workerismus ist eine politische Theorie, die die Bedeutung der Arbeiterklasse hervorhebt oder sie glorifiziert), und du wirst weit mehr Workerist:innen in Klassenzimmern oder Cafés finden als in Fabriken oder Büros. Und selbst an diesen privilegierten Orten wirst du nur wenige Arbeiter:innen finden. Arbeiter:innen sind öfter in Bars oder bei Baseballspielen anzutreffen.

Viele, wenn auch nicht alle, post-linken Anarchist:innen lehnen den Moralismus ab. Einige würden die Ethik von der Moral unterscheiden; ich denke, das widerspricht zu sehr der gängigen Praxis. Dies ist nicht der Ort, um eine nachhaltige Moralismuskritik anzubringen: diese sind leicht erhältlich bei Benjamin Tucker, Friedrich Nietzsche, Max Stirner, Emma Goldman[45] und, auf der zeitgenössischen Seite, bei Wolfi Landstreicher und Jason McQuinn. Aber ich werde mich selbst ein wenig über diese modische Ableitung der Moral, die „Menschenrechte“, zitieren: „Meine eigene Ansicht ist, dass das, was man Rechte-Gerede genannt hat, für Anarchist:innen obskurantistisch ist. Es ist nur eine umständliche Art und Weise, Vorlieben auszudrücken, die vielleicht ehrlicher und ökonomischer direkt ausgedrückt werden könnten.“[46]

Die reflexartige Erwiderung der dogmatischen, doktrinären, puristischen und sektiererischen Anarcho-Linken ist, dass die post-linken Anarchist:innen „dogmatisch“, „doktrinär“, „puristisch“ und „sektiererisch“ sind. Dies ist genau das Vokabular des Missbrauchs, das die Marxist:innen auf alle Anarchist:innen anwenden, sich selbst eingeschlossen. Und wie der (selbst sehr dogmatische) linke Kommunist Amadeo Bordiga bemerkte: „Verdammt seien alle, die über Dogmen reden! Es hat noch keinen Abtrünnigen gegeben, der dieses Wort nicht benutzt hat.“[47]

Dieses erste Beiwort, „dogmatisch“, ist ein amüsantes bisschen Doppeldenken und doppeldeutiges Gerede. Ankläger:innen des Dogmatismus wissen anscheinend nicht, was das Wort „Dogma“ bedeutet. Es hat einen religiösen, christlichen Ursprung. Dogmen sind autoritative, Glaube-es-oder-sonst-Lehren (wie die Heilige Dreifaltigkeit, die Erbsünde und die Unfehlbarkeit des Papstes). Es sind Linke wie die Neoplatformist:innen, die feierlich verbindliche Kodexe verkünden – die „Plattform“ selbst zum Beispiel.[48] Einer der schlimmsten der Anarcho-Linken, und vielleicht der dümmste, ist Chaz Bufe, der einst (wenn du es glauben kannst) Zehn Gebote – zehn moralische Gebote – für Anarchist:innen überliefert hat,[49] von denen er und seine marxistischen Freund:innen dann einige sichtbar verletzt haben. [50] „Du sollst kein falsches Zeugnis gegen deinen Nächsten ablegen“,[51] aus einer früheren Version der Zehn Gebote, ist dasjenige, mit dem Bufe und viele Anarcho-Linke die größten Schwierigkeiten haben. Marxist:innen benutzen Anarcho-Linke wie Bufe routinemäßig als ihre Werkzeuge. Amoralist:innen neigen dazu, moralischer zu sein als Moralist:innen, genauso wie Atheist:innen dazu neigen, sich besser zu benehmen als Christ:innen.

Ich fordere alle Linken heraus irgendeine post-linke Plattform oder Credo zu identifizieren. Während man in den Schriften der Post-Linken Fälle von Dogmatismus finden kann, sind Credos und Katechismen dort nirgends zu Hause. Und was ich hier gerade geschrieben habe, ist keines von beiden. Ein Vorzug des Begriffs der Familienähnlichkeit ist seine Flexibilität. Jede Person, die das meiste oder alles von dem hat, was ich als die typischen Attribute des Linkstums betrachte, ist jemand, den ich wahrscheinlich einen Linken nennen würde, oder vielleicht noch etwas Schlimmeres, wenn es einen Anlass dafür gäbe. Aber es könnte ein besonderer Fall sein. Weil ich versuche, für das Besondere sensibel zu sein, neige ich dazu, aufgeschlossen zu sein. Bis zu dem Punkt, wo „aufgeschlossen“ in „leichtgläubig“ übergeht.

Linke, wenn die Sache zur Sprache kommt, leugnen selten, dass sie links sind. Eine Ausnahme mögen einige von denen sein, die sich selbst „progressiv“ nennen. Das sind Leute, die dieses Wort angenommen haben, um nicht als Radikale stigmatisiert zu werden, aber ohne zuzugeben, dass sie Liberale sind. [52] Ihre Klassenbasis sind die Yuppies („Young Urban Professionals“ – viele von ihnen nähern sich jedoch dem Rentenalter)[53] – plus die Akademiker:innen und Hochschulabsolvent:innen in den Geisteswissenschaften und den weichen (sehr weichen) Sozialwissenschaften, von denen die weichsten die Cultural Studies, Women’s Studies, African-American Studies, Queer Studies (das New Kid on the Block), Critical Race Theory, usw. sind, bis zum Abwinken.

Eine andere Tendenz, die von den post-linken Anarchist:innen weit verbreitet, aber nicht universell geteilt wird, ist eine existenzielle Vorliebe für das Konkrete und das Besondere und ein entsprechendes Misstrauen gegenüber großen Erzählungen und vermeintlich universellen Wahrheiten.[54] Neoliberalismus und Marxismus sind Beispiele für große Erzählungen, die Anarchist:innen ablehnen sollten und meistens auch tun. Der Postmodernismus ist eine große Erzählung, die vorgibt, die Ablehnung der großen Erzählungen zu sein. Die menschliche Natur und ihre angebliche Ableitung, die Menschenrechte, sind universelle Wahrheiten, die Anarchist:innen ablehnen sollten, nicht nur, weil sie einfach nicht existieren, sondern auch, weil ihre politische Tendenz liberal oder konservativ ist (eine zunehmend schwer fassbare Unterscheidung).

Diese Vorliebe (oder dieses Vorurteil) – Murray Bookchin nannte sie, als ob dies eine schlechte Sache wäre, „personalistisch“[55] – stammt letztlich aus den 60er Jahren: aus der Kritik des Alltags (Henri Lefebvre und die Situationist:innen) und aus „das Persönliche ist das Politische“ (die Feminist:innen), und vielleicht ein wenig aus etwas früherem, dem Existentialismus – neben anderen Quellen. Die ultimative Quelle ist die Romantik. Selbst wenn es nur eine Stimmung ist, spüre ich sie hier und da, und ich spüre sie selbst. Ich mag, wie es sich anfühlt.

Wenn ich die Epitheta aus der Ordnung bringe – mein ganzes Leben lang fühlte ich mich selbst aus der Ordnung ausgeschlossen – wie wäre es mit „sektiererisch“[56]? Das hier ist so dumm, dass es die anderen dummen Adjektive fast intelligent aussehen lässt. Sektierer:innen sind per Definition Organisationist:innen. Sekten sind Organisationen. Diejenigen, die danach streben, Menschen in Organisationen mit doktrinären („dogmatischen“) Aufnahmevoraussetzungen zu „organisieren“ (das heißt, sie anzuwerben), sind Sektenmitglieder. Es gibt keine post-linken anarchistischen Gegenstücke zu dieser Art von Sektierertum. Es gibt nur Affinitätsgruppen, Kommunikationsnetzwerke, Verlagsprojekte und (der Horror!) Einzelpersonen. Ich habe mich noch nie in meinem Leben einer anarchistischen Organisation angeschlossen. Wie kann ich also ein Sektierer sein?

„Doktrinär“ ist eher das Gleiche, und es verdient auch nicht viel Aufmerksamkeit. Es war ein Liebling von V.I. Lenin (wie in seiner Anprangerung der „Linken Doktrinäre“ im Jahre 1920). [57] George Woodcock, der Autor der besten allgemeinen Geschichte des Anarchismus in englischer Sprache,[58] kritisierte Noam Chomsky und Daniel Guérin dafür, nicht, wie sie behaupteten, Anarchist:innen zu sein, sondern eher linke Marxist:innen, die den Anarchismus stibitzen, um ihren Marxismus aufzupeppen.[59] Ich habe die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, was ein Chomsky-Laufbursche, Milan Rai, dazu zu sagen hatte: „Das ist ein gutes Beispiel für das, was man den doktrinären Ansatz zum Anarchismus nennen könnte, vielleicht auch den dominanten Ansatz.“[60] Meine Antwort: „Was Rai ‚den doktrinären Ansatz zum Anarchismus‘ nennt, ist das, was Anarchist:innen ‚Anarchismus‘ nennen.“[61]

Und schließlich der verdammende Vorwurf des „Purismus“.[62] Nur weil du glaubst, was du glaubst, und nicht glaubst, was du nicht glaubst, macht dich das noch lange nicht zum Puristen, denn dann wäre jede:r in allem ein:e Purist:in, wenn auch nur vorläufig.[63] Es ist nichts bigottes oder autoritäres daran, sich zu entscheiden. Urteilen ist nicht unbedingt vorurteilsfrei. Ein offener Geist ist kein leerer Geist, sondern er ist zum Füllen verfügbar. Fast immer wird dieses „puristische“ Epitheton wie Schlamm gegen eine Wand geworfen, auf jede Person, mit der der Werfende nicht einverstanden ist, in der Hoffnung, dass es haften bleibt. Es klebt nicht, aber es stinkt. Ich bin prinzipientreu, und du bist ein:e Purist:in, und er ist ein Dogmatiker, je nachdem, wer spricht. Die Bedeutung, die Bezeichnung, ist die gleiche. Der Bezug und die Konnotation sind die einzigen Unterschiede. Aber diese Unterschiede machen den ganzen Unterschied aus.

Ich könnte „Individualismus“ hinzufügen, was für Bookchin und die Marxist:innen und die Anarcho-Linken ein Schimpfwort ist. Oft wird er in die abgedroschene Phrase „schroffer Individualismus“ eingearbeitet, um Max Stirner oder Henry David Thoreau oder Renzo Novatore oder mich mit Raubritter:innen des Vergoldeten Zeitalters wie Andrew Carnegie und John D. Rockefeller in Einklang zu bringen. Da sie ihn nicht gelesen haben, wissen die Linken nicht, dass Stirner antikapitalistisch war.[64] Eigentlich sind die meisten post-linken Anarchist:innen, die ich kenne, besser als schroffe Kollektivist:innen zu bezeichnen. Jede Person, die sich für eine:n Anarchist:en/in hält, aber den Individualismus anprangert, ist kein:e Anarchist:in. Es gibt „einen individualistischen Aspekt des Anarchismus, der in allen seinen Formen existiert.“[65]

Bedeutet ein Wort wie „Anarchismus“ irgendetwas? Es ist keine einschränkende Perspektive. Es ist das am wenigsten einschränkende Prinzip – grundsätzlich – von allen politischen Prinzipien. In seiner Geschichte wurde es jedoch manchmal zu restriktiv ausgelegt. So wollen es die Anarcho-Linken jetzt haben. Aber solange der Anarchismus nicht irgendeine Kernbedeutung hat – und ich würde das auf ein Minimum beschränken (und immer offen für ein Überdenken) – kann jede:r behaupten, ein:e Anarchist:in zu sein oder beschuldigt werden, eine:r zu sein. Von diesem Punkt sind wir nicht weit entfernt. Laut Senator Harry Reid ist die Tea Party „anarchistisch“. Das ist doch lächerlich. Aber es ist nicht viel lächerlicher, als zu sagen, dass Murray Bookchin ein Anarchist war oder dass Noam Chomsky oder Ramsey Kanaan ein Anarchist ist.

Historisch gesehen ist es manchmal vorgekommen, dass sogar einige der großen Anarchist:innen ihre Prinzipien verraten haben, als eine Krise aufkam. So haben Peter Kropotkin und Jean Grave und einige andere ihrem Antimilitarismus und Internationalismus abgeschworen, indem sie die Alliierten im Ersten Weltkrieg unterstützten. Ihre anarchistischen Kritiker:innen – die Purist:innen wie Errico Malatesta – nannten das „Anarcho-Trenchismus“[66]). Als die Armee 1936 in Spanien einen Putschversuch unternahm, unterstützten Funktionäre der anarchosyndikalistischen CNT (und sogar der anarchopuristischen FAI) die loyalistische Regierung und beteiligten sich sogar an ihr. Auch sie hatten ihre puristischen Kritiker:innen, wie zum Beispiel die Freund:innen von Durruti. Die Kritiker:innen hatten recht. Und sie waren die besseren Anarchist:innen. Die Liberalen und Marxist:innen unterdrückten bald die Anarchist:innen (und verloren den Krieg).

Gibt es etwas, was Anarchist:innen einfach nicht als anarchistisch akzeptieren können? Ich habe lange Zeit so viel angenommen, aber jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Ich dachte, die Stimmenthaltung sei Teil des minimalistischen Programms.

Aber Noam Chomsky, der vorgibt, ein Anarchist zu sein, stimmt regelmäßig ab.[67] Noam Chomsky hat nur ein paar anarchistische Zitate zur Verfügung, also recycelt er sie. Eines davon ist: „Anarchismus hat einen breiten Rücken.“[68] Er benutzt es, um nicht auf Fragen über seine eigene anarchistische Aufrichtigkeit zu antworten (wie z.B. seine Stimmabgabe). Das Zitat stammt von Octave Mirbeau. Mirbeau ist der französische Anarchist des 19. Jahrhunderts, der die geistreiche Anti-Voting-Polemik „Wählerstreik!“[69] verfasst hat, die Chomsky sicher nicht gelesen hat. Chomsky hat das Zitat aus einer sekundären Quelle gepflückt, wie er es mit den meisten seiner anarchistischen Zitate macht.[70]

Mirbeau dachte nicht, dass der Rücken der Anarchie so breit ist, dass er Wahlen unterstützt. Aber im Jahr 2008, als die Vereinigten Staaten einen Schwarzen Präsidenten wählten, stimmte Chomsky für ihn. Die anarcho-linken Unterstützenden des designierten Präsidenten Barack Obama (hauptsächlich College-Professor:innen wie Dana Ward und Cindy Milstein) schlugen vor, als „Hope Bloc“, als weiße Büßer:innen, an der Eröffnungsparade teilzunehmen. Ich vermute, dass sie ausgelacht wurden. Sie reden nicht mehr darüber.

Warum die Anarcho-Linken am Linkstum festhalten, wenn die meisten Menschen, und besonders die Arbeiter:innen, es meiden, ist ein Rätsel. Man könnte eine materialistische Interpretation versuchen: Folge dem Geld. In den späten 1980er Jahren gründete Ramsey Kanaan, ein Ex-Punk, mit Familiengeld die AK Press in Edinburgh, Schottland. Das sollte ein anarchistischer Verlag sein. Das Geschäft florierte, und ein paar Jahre später eröffnete er eine Filiale in San Francisco und zog dorthin um. AK Press veröffentlichte (und verkaufte: es war zur gleichen Zeit AK Distribution) – Bücher mit, viele Jahre lang, schlechten Produktionswerten – viele Bücher, ganz zu schweigen von CDs, DVDs und T-Shirts. Die überwiegende Mehrheit dieser Bücher war nicht von Anarchist:innen oder über Anarchismus. Stattdessen waren sie allgemeine linke Standardkost: Nationale Befreiungsbewegungen der Dritten Welt, raciale Identitätspolitik, Marxismus, Feminismus, Punk-Mode-Anarchismus (der T-Shirt-Markt), Vegetarismus, Schwulenrechte und verschiedene reformistische Linkstümlichkeiten.

Das Timing – die frühen 1990er Jahre – war perfekt, wenn auch zufällig (oder war es das?). Viele Linke, darunter auch Linke, die sich nie als Marxist:innen betrachteten – jedenfalls nicht genau – waren nach dem Zusammenbruch des europäischen Kommunismus in Aufruhr. Jetzt waren sie an der Reihe, nirgendwo zu Hause zu sein. AK Press bot ihnen einen einfachen Weg in den Anarchismus, der zur selben Zeit nach der Schlacht von Seattle und anderen Anti-Globalisierungsaktionen in Mode kam. Für diese heimatlosen Linken war der AK-Press-Anarchismus so vertraut und bequem wie ein alter Schuh (aber kein Holzschuh). Abgesehen davon, dass sie ein paar neue Schlagworte aufgriffen – wie „gegenseitige Hilfe“ und „direkte Aktion“ – und ein paar alten abschwörten (die Vorhutpartei, die Diktatur des Proletariats usw.), passen sie genau zum AK-Press-Anarchismus. Die Linken könnten sogar weiterhin Noam Chomsky lesen und vergöttern – veröffentlicht von AK Press – der, wie sie zu ihrer Überraschung und Erleichterung erfahren haben, ein Anarchist ist! Wenn Chomsky ein Anarchist ist, kann fast jede:r Linke diesseits von Nordkorea Anarchist:in sein und im reflektierten Glanz der Anti-Globalisierung, der Neo-Zapatistas, des argentinischen „Horizontalismus“ und Occupy glänzen. Zu der Zeit, als AK Press aufkam, gingen Chomsky die Verleger aus. Sie waren „gerade noch rechtzeitig“ füreinander.

Es kann sein, dass Chomsky die Veröffentlichung seiner eigenen Bücher nicht subventionieren muss (wie ich einmal spekulierte). Ich war schockiert, als ich vor etwa anderthalb Jahren erfuhr, dass Chomskys Werk „On Anarchism“ sich über 27.000 Mal verkauft hat. Die Verkäufe sind Berichten zufolge inzwischen viel höher.[71] Aber ich bin mir sicher, dass Chomsky die Veröffentlichung von anderem Material von AK Press subventioniert. So wie angeblich auch die anarcho-linke Band Chumbawamba. Und das Geld von Ramsey Kanaans Familie ist vielleicht noch nicht aufgebraucht. Irgendwann wurde das von ihm gegründete AK Press-Kollektiv, das auf hochtönenden Prinzipien des Egalitarianismus beruht, für Ramsey ärgerlich, weil es nicht immer, sondern nur meistens, das tat, was er wollte. Also gründete er – wahrscheinlich mit mehr Familiengeld – PM Press, dessen Kollektiv immer das macht, was er will. Wenn es das jemals nicht tut, kann er sich jederzeit ein neues kaufen. Für post-linke Anarchist:innen sind die Veröffentlichungsagenden von AK und PM nicht zu unterscheiden.

Aus der Perspektive von postlinken Anarchist:innen gibt es viel in der aktuellen anarchistischen Szene, mit dem man unzufrieden sein kann:

Dass die Bandbreite der Anarchist:innen [jetzt] die Clowns aus der Protestgasse, mikrometergenaue Spezialist:innen der Unterdrückungs-Identifikation und Marxist:innen, die schwarze Flaggen tragen, umfasst, ist keine Verurteilung anarchistischer Ideen, aber ein wichtiger Grund zum Innehalten. In dieser Pause müssen wir unsere Annahmen über Anarchie in Frage stellen. Was teilen wir wirklich mit anderen in dem großen Zelt (oder sollte man es Zirkuszelt nennen) des Anarchismus?[72]

Aber post-linke Anarchist:innen setzen die Waffen der Kritik ein. Im Gegensatz zum AK Press/PM Press-Kartell besteigt LBC Books eine große Herausforderung sowohl was die Veröffentlichung als auch die Verteilung betrifft. Andere Verlage, wie C.A.L. Press und Eberhardt Press, publizieren immer noch, trotz der wirtschaftlichen Bedingungen, die für kleine Presseverlage im Allgemeinen und anarchistische Verlage im Besonderen ungünstig sind. Als Kontrapunkt zur jährlichen anarcho-linken Buchmesse in San Francisco (was ich die „anarchistische T-Shirt-Messe“ nenne) gibt es jetzt eine jährliche, überwiegend post-linke anarchistische Buchmesse in Berkeley. Der Kampf der Bücher hat begonnen.

Wo wir gerade von Büchern sprechen, immer mehr Bücher mit einer post-linken Tendenz, oder ergänzend dazu, finden ihren Weg in den Druck. Green Anarchism hat eine Anthologie[73]. Ebenso wie die queer nihilistische Tendenz, Bash Back.[74] Eine Anthologie von Post-Left Anarchy erscheint in Kürze bei C.A.L. Press. Es besteht sogar die Möglichkeit, dass so etwas wie Zerowork: The Antiwork Anthology, die ich Anfang der 1990er Jahre zusammengestellt habe – die aber vom Verlag Autonomedia aus nie erklärten Gründen vernichtet wurde – neu aufgelegt und veröffentlicht werden könnte. Die ursprüngliche Version wurde mit Spannung erwartet. Eine neue, verbesserte Version – denn es gibt inzwischen viel neues, oder neu verfügbares Material – könnte populärer sein, als Linken lieb ist.[75]

Manche Ausdrücke haben ihren Nutzen, für ihre Zeit, und werden dann nicht mehr gebraucht. „Post-linker Anarchismus“ könnte sich als einer dieser Ausdrücke herausstellen. Ich würde sein Ableben nicht betrauern. Was er jedoch zusammenfasst, ist anarchistische Kritik am Linkstum, die niemals verschwinden wird, bis der Anarcho-Linkstum verschwindet, oder der Anarchismus wird es tun. Das Linkstum ist die einzige Ideologie, die auf intellektueller Ebene eine Bedrohung für den Anarchismus bleibt – und umgekehrt.

Der post-linke Anarchismus ist die einzige – Theorie, Ideologie, such dir etwas aus – die die Dümmlichkeiten des traditionellen Konservatismus, des Marktlibertarismus und (das ist das einzige, was zählt) des Neoliberalismus – und des Linkstums – entlarvt. Es ist, jedenfalls bis jetzt, die einzig mögliche revolutionäre Politik nach dem Verlassen des 20. Jahrhunderts. Die Neoliberalen und die Neokonservativen können die Torheiten des Linkstums abschütteln und tun es auch, aber sie können nicht auf die post-linken Anarchismen antworten, außer mit Schweigen: oder mit Waffenkritik. Mit denen sie gut versorgt sind. Aber wir sind mit den Waffen der Kritik gut versorgt. Im Gegensatz zu den Linken, die weder Waffen noch Kritik haben. Die Tea Party hat zumindest Waffen, wenn nicht Rosen, so doch zumindest Neurosen.

Wir hatten einige moderne Revolutionen, wie zum Beispiel in Frankreich im Mai-Juni 1968, die iranische Revolution von 1979, Nicaragua auch in diesem Jahr, die Samtenen Revolutionen in Osteuropa und dann in der U.D.S.S.R., und den arabischen Frühling. Dass es keine Revolutionen ganz nach dem Geschmack der Anarchist:innen waren, ist nebensächlich. Jede Person, die immer noch Francis Fukuyamas wahnsinnige These vom „Ende der Geschichte“ unterschreibt, ist einfach nur dumm. Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem es nicht revolutionäre Ausbrüche geben könnte. Nicht einmal in den Vereinigten Staaten! Wie so oft hat Fredy Perlman es genau richtig verstanden: alles kann passieren.[76] Aber diese Revolutionen werden sich nicht an leninistische oder syndikalistische oder plattformistische Szenarien anpassen – das haben sie nie getan. Sie werden nicht von linken Organisationen begonnen oder kontrolliert werden: am allerwenigsten von zahlenmäßig zu vernachlässigenden anarcho-linken Organisationen, deren Haltbarkeitsdauer kurz ist. Mit Ausnahme der aktuellen Campus- und Café-Karikatur, die sich IWW nennt. Sie bleibt bestehen, ein lebendes Fossil, wenn man das leben nennt.

In der Vergangenheit war das Linkstum vielleicht eine gute Sache, oder zumindest ein notwendiges Übel. Niemand ist in der Lage, eine solche Behauptung zu verifizieren. Ich habe Zweifel. Inzwischen ist in der Geschichte der Linken so vieles schmutzig, dass ich nicht verstehe, warum jemand einen verfluchten Anteil davon haben will. Nun, in gewisser Weise verstehe ich es. Die Identifikation mit der Linken ist eine Möglichkeit für unbedeutende Leute, sich wichtig zu fühlen, ohne etwas Wichtiges zu tun.


Das originale Essay im Englischen inklusive des Quellenverzeichnisses findest du hier.

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