Belarus: Interview mit dem Anarchisten Vlad M. nach 30 Tagen Haft

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Das anarchistische Kollektiv Pramen in Belarus kontaktierte den Genossen und Anarchisten Vlad M. nach 30 Tagen, die er im Gefängnis verbrachte. Sie sprachen über die Haft und interessante Leute, die man während der Zeit in Haft treffen kann sowie über seinen Hungerstreik und der Situation mit dem Coronavirus im Gefängnis.

Pramen: Vlad, hallo und willkommen zurück! Wie geht es dir?!

Vlad M: Hallo! Ich danke euch. Mir geht es mehr oder weniger gut, auf jeden Fall könnte es viel schlimmer sein.

Pramen: Heute werden viele Prinzipien der anarchistischen Organisation von normalen Menschen benutzt, um das Regime zu bekämpfen. Wie macht das die belarusische Gesellschaft anarchistisch und wie wichtig ist die Dezentralisierung in den aktuellen Protesten?

Vlad: Nun, diese Prinzipien machen die belarusische Gesellschaft noch nicht einmal annähernd anarchistisch, aber zweifellos geht diese Bewegung in die richtige Richtung und das gefällt mir. Ja, jetzt ist der Protest dezentralisiert und sie hat keinen Führenden. Es gibt keine solche Person, die inhaftiert werden kann und der Protest würde sich sofort entleeren. Früher war alles anders: die Behörden haben zum Beispiel Statkewitsch oder Severinets präventiv inhaftiert und die Leute gingen raus, ohne zu wissen, was sie tun sollen, und das war das Ende davon. Heute ist alles anders und eine solche Repression funktioniert nicht mehr. Jede:r Protestierende ist ein:e Führende, und damit die Proteste verschwinden, müssen die Behörden alle einsperren, was unmöglich ist. Ich glaube, dank dieser Tatsache dauern die Proteste jetzt schon seit 4 Monaten an.

Pramen: Viele Liberale bestatten Lukaschenko bereits auf politischer Ebene und glauben, dass, egal was heute passiert, Lukaschenko sowieso nicht mehr Präsident sein wird. Was denkst du darüber?

Vlad: Lukaschenko wird sowieso aufhören Präsident zu sein, das ist unbestreitbar. Der heutige Protest hat etwas an Umfang verloren, aber dafür gibt es vernünftige Erklärungen, von der Kälte auf der Straße bis zur Covid-Epidemie. Es wäre naiv zu erwarten, dass die Zahl der Demonstrierenden mit der Kälte zunimmt und eine große Zahl von Menschen wurde gleichzeitig krank. Sehr bald werden hier wirtschaftliche Probleme hinzukommen, und dann werden alle auf die Straße kommen, auch diejenigen, die heute kaltes Wetter haben.

Pramen: In den letzten Monaten warst du 45 Tage lang unter Verwaltungshaft. Du hast diese Strafen nie direkt nach dem Marsch erhalten – die Verhaftungen wurden von Strafvollzugsbeamt:innen der GUBOPiKa durchgeführt. Was denkst du, ist der Grund für ein so großes Interesse an dir und anderen Aktivist:innen in der anarchistischen Bewegung?

Vlad: Das Interesse an der anarchistischen Bewegung für GUBOPiKa ist darauf zurückzuführen, dass die Anarchist:innen im Wesentlichen die einzige organisierte Gruppe auf den Straßen blieben. Keine Partei, Bewegung oder Organisation protestiert heute auf organisierte Weise, weil sie einst besiegt und ihre Führenden unterdrückt wurden. Die Menschen in Belarus, die an Protesten teilnehmen, gehen entweder allein oder in kleinen Gruppen von Freund:innen oder Kolleg:innen hinaus. Es gibt auch die Option, dass Menschen bezirklich hinausgehen, aber das sind immer noch Personen, die kein gewisses Maß an Vertrauen untereinander haben und die sich in bestimmten Situationen ganz anders verhalten können. Es ist viel schwieriger, eine Gruppe, die nahe beieinander steht, zu trennen und festzunehmen, also je mehr solche Gruppen auf der Straße sind, desto schwieriger wird es für die Cops sein, den Protest zu erwürgen. Für sie ist die ideale Option das völlige Fehlen solcher Gruppen, deshalb wird den Anarchist:innen meiner Meinung nach so viel Aufmerksamkeit geschenkt.

Pramen: Kannst du uns ein wenig über das letzte Mal erzählen, als die Festnahme stattfand? Wie wurdest du gefunden?

Vlad: Wir trafen einen Freund von uns, der direkt an seinem Arbeitsplatz festgenommen und zu 15 Tagen administrativer Verhaftung verurteilt wurde. Mehrere Leute näherten sich der Haftanstalt selbst, während andere in einem Cafe auf sie warteten. Etwa eine Stunde, nachdem wir uns alle zu Kaffee und Snacks versammelt hatten, brachen mehr als ein Dutzend aggressive maskierte Individuen in die Einrichtung ein. Sie warfen irgendwas in die Luft, bei der es einfach unmöglich war, etwas zu sehen, und wir boten an, ihnen zu folgen. Offensichtlich wurden diejenigen, die ihren Genossen in der Nähe der Haftanstalt trafen, verfolgt, was sie zu unserem gemeinsamen Treffpunkt führte.

Pramen: Wurde während der Inhaftierung Gewalt gegenüber dir ausgeübt? Oder anderen Anarchist:innen?

Vlad: Diesmal wurde keine körperliche Gewalt auf mich persönlich ausgeübt, nur meine Hände wurden hinter den Rücken gezwungen und Handschellen angelegt (die dann durch Plastikbänder ersetzt wurden). Nichtsdestotrotz wurde ein Genosse, der erneut für weitere 15 Tage verhaftet wurde, auf dem Territorium der Polizeistation geschlagen und mit Tränengas besprüht. Für diese Aktionen brachten ihn die Beamt:innen der GUBOPIK zum Dienstwagen, damit ihre Aktionen nicht von einer Kamera aufgenommen werden konnten.

Pramen: Nach den ersten 15 Tagen wurdet ihr zurückgehalten. Wir hörten, dass die Offiziere der Minsker GUBOPIK persönlich nach Baranovichi gekommen waren. Stimmt das? Und wenn ja, warum eine solche Aufmerksamkeit für deine Gruppe von Gefangenen?

Vlad: Ja, ich hatte einen GUBOPIK-Angestellten im Gericht anwesend, der persönlich zum Gericht kommen musste, um gegen uns auszusagen. Anscheinend gibt es in der Untersuchungshaftanstalt in Baranovichi aus technischen Gründen keine Möglichkeit, die so genannten Gerichte per Videokommunikation zu organisieren, so dass die so genannten Richter:innen vom Gerichtsgebäude auf das Gelände der Untersuchungshaftanstalt gehen müssen, und der Cop hatte, wie wir sehen können, weniger Glück – er musste auf eine Geschäftsreise gehen, um gegen die Anarchist:innen auszusagen. Es ist erwähnenswert, dass die Worte dieses Polizisten der einzige „Beweis“ für unsere „Vergehen“ waren. Das heißt, ohne seine Anwesenheit wäre es schwierig gewesen, uns zu verurteilen, obwohl es mich nicht überrascht hätte, wenn seine Worte einfach von einem Blatt Papier vorgelesen worden wären und der Antrag, den Zeugen ins Verhör zu nehmen, abgelehnt worden wäre…

Pramen: Wer saß mit dir in der Zelle? Worüber hast du mit deinen Nachbar:innen gesprochen?

Vlad: Von 30 Tagen habe ich die ersten 5 in Minsk auf Okrestin verbracht, und die restlichen 25 in der Arrestzelle-6 in Baranovichi. Dort, so wie ich es verstehe, sind 100% der Inhaftierten aus politischen Gründen eingesperrt, also kann man in jeder Zelle auf gute Gesellschaft zählen. Die Leute sind ein Querschnitt der gesamten Gesellschaft, Vertreter:innen verschiedener Altersgruppen (von 18 bis 60) und verschiedener Berufe (vom Maurer bis zum CEO, vom Arzt bis zum Ingenieur, vom Bergarbeiter bis zur IT). Die Gespräche drehen sich natürlich in erster Linie um die Proteste und die Politik: wer inhaftiert wurde, wer vor Gericht gestellt wurde, wer geschlagen wurde, Streitigkeiten über den Zeitpunkt des endgültigen Zusammenbruchs des Regimes, über die Wirksamkeit der Sanktionen, die Angemessenheit des Koordinierungsrates und so weiter. Aufgrund der Informationsisolation müssen die Häftlinge, die später als die anderen kommen, über die Nachrichten berichten, die sie in den letzten Tagen vor der Inhaftierung gelesen haben, während die anderen bereits hier saßen. Ich erinnere mich besonders daran, wie Mitglieder des Streikkomitees von Belaruskali einen Vortrag über den Kalibergbau und die Kaliproduktion hielten, mit Zeichnungen und Plänen, alles wie es sein sollte.

Pramen: Das Coronavirus wütet jetzt im Gefängnissystem von Belarus. Kannst du uns ein bisschen über deine Haftbedingungen erzählen? Gab es Patient:innen in deiner Zelle? Wie hat die Verwaltung sie behandelt?

Vlad: Während des zweiten Teils meines Aufenthalts in der Haftanstalt in Baranovichi brach eine richtige Epidemie aus. Zuerst fanden wir heraus, dass ein Junge in einer Nachbarszelle Fieber hatte (und weiterhin in der Zelle verbleiben musste, unter gesunden Zellengenoss:innen). 3-4 Tage später zogen wir in ein anderes Gebäude um, und als Ergebnis wurden unsere Zellen zusammengelegt. Der Junge fühlte sich bereits wieder normal, aber er verlor völlig seinen Geruchssinn. Noch ein paar Tage später, nachdem wir in eine neue Zelle umgezogen waren, fragten uns die Leute nach unserem Wohlbefinden und sagten uns, dass sie bereits über alles hinweggekommen waren. Und auch über die Tatsache, dass ein paar kürzlich entlassene Leute ihnen in einem Brief schrieben, dass sie Covid-Tests machten, die alle positiv waren. Nach 2 Tagen bekam ich Halsschmerzen und Fieber und nach einer Weile verlor ich auch den Geruchssinn (der sich noch nicht erholt hat). Die Einstellung der Verwaltung zu dieser Situation ist die Anweisung, Masken zu tragen, wenn sich die Zellentür öffnet, sowie nur mit einer Maske die Zellen zu verlassen, zum Duschen oder beim Ausgang (ein- oder zweimal pro Woche statt täglich). Dies ist das Ende aller Aktivitäten zur Bekämpfung von Covid. Die Höchsttemperatur der berührungsloses Thermometers des Sanitäters, das er in meiner Gegenwart aufzeichnete, betrug 36,8 Grad. In den meisten Fällen erreichten die Messwerte nicht einmal 36,0 Grad.

Pramen: Nachdem du erneut verhaftet wurdest, bist du in den Hungerstreik getreten. Kannst du ein wenig erklären, warum du dich zu einem so radikalen Schritt entschlossen hast? Wie haben sich die Gefängniswärter:innen und deine Nachbar:innen in der Haftanstalt selbst darüber gefühlt?

Vlad: In Haft, wenn du ständig inhaftiert wirst, du in einem geschlossenen Regime mit vielen Verfahrensverstößen vor Gericht gestellt wirst, wenn ein Cop gegen dich aussagt und der Richter leicht eine Entscheidung trifft, ohne absolute Beweise gegen dich zu haben, ist es schwierig, nichts zu tun. Ich befand mich in einer Situation, in der die GUBOPIK die volle Kontrolle über mein Leben hatte, also hatte ich nur noch ein Werkzeug in meinem Arsenal, um es zu beeinflussen. Deshalb habe ich, sobald der Richter das Urteil zu Ende gelesen hatte, sofort erklärt, dass ich mich aus Protest gegen das ungerechte Urteil des Gerichts und im Zusammenhang mit politischer Verfolgung im Hungerstreik befinde. So gab es mir das Gefühl zurück, dass ich auch während der Haft mein Leben und meinen Tod in gewissem Maße beeinflussen konnte. Die Gefängniswärter:innen antworteten darauf zunächst mit völliger Missachtung und dann mit kleinkarierten Aktionen, wie z.B. ein an mich adressiertes Päckchen an den Absender zurückzuschicken oder die Annahme von Briefen zum Versenden zu verweigern. Einmal gab es auch Drohungen mit Zwangsernährung. Die Nachbar:innen behandelten mich mit Respekt und Unterstützung, wofür ich ihnen sehr dankbar bin. Sie wachten ständig über meine körperliche Verfassung, sogar die Nachbarszelle fragte mich jeden Morgen, wie es mir ging.

Pramen: Wie war der Hungerstreik für 15 Tage und was kannst du deinen Freund:innen und Kolleg:innen raten, die daran denken, die gleichen Maßnahmen zu ergreifen?

Vlad: Nicht genau 15 Tage, sondern nur 12 Tage, weil ich den Hungerstreik erst vor Gericht erklärt habe, 3 Tage nach meiner „zweiten“ Verhaftung. Ich möchte anderen raten, eine solche Entscheidung zumindest auf ausgewogene Weise zu treffen, und nicht nur aufgrund von Emotionen, denn eine solche Aktion ist schwieriger, als es auf den ersten Blick scheint. Nach der Verweigerung des Essens wird es viel schwieriger im Gefängnis zu sein: das Gefühl des Hungers und des Unwohlseins erlauben es einem nicht, sich auf Dinge zu konzentrieren, die eine große Hilfe sind, um sich die Zeit zu vertreiben (z.B. Lesen). Deshalb dauert die Zeit viel länger – um eine wesentliche Größenordnung länger. Erwarte auch keine sofortigen Ergebnisse davon, diese Ergebnisse werden wahrscheinlich überhaupt nicht vorhanden oder vor dir verborgen sein. Wenn du dich für einen Hungerstreik entscheidest, lohnt es sich, so viel wie möglich darüber zu reden: eine Erklärung vor Gericht, die Weitergabe von Informationen an die Freiheit, eine schriftliche Erklärung an den Leitenden der Untersuchungshaftanstalt über deinen Hungerstreik, und um bei jeder Kontrolle, vor jeder Mahlzeit und generell in jedem geeigneten Fall daran zu erinnern. Auf der anderen Seite ist es eine großartige Gelegenheit, sich selbst auf Festigkeit und Willenskraft zu testen, aber es lohnt sich zu bedenken, dass dieser Test auch nicht bestanden werden kann und dich dadurch demoralisiert.

Pramen: Hast du während der 30 Tage der Haft irgendwelche Briefe oder Postkarten erhalten? Wie haben die Nachrichten dein „Zuhause“ erreicht?

Vlad: Ja, ich habe Briefe von einigen Genoss:innen bekommen, aber im Moment weiß ich, dass mich zumindest ein paar Briefe nicht erreicht haben. Das kommt daher, dass sich die Leute selbst gefragt haben, ob ihre Nachrichten angekommen sind. Es ist unmöglich, den Gesamtanteil der verpassten Briefe und Postkarten zu berechnen. Alle Nachrichten haben wir mehr von Leuten erfahren, die später inhaftiert wurden. Ich hörte von all den wichtigen Ereignissen, die während meiner Verhaftung passierten, während ich dort war. Obwohl diese Nachrichten natürlich mit einer gewissen Verzögerung zu mir kamen.

Pramen: Alle Gefangenen werden pro Tag berechnet. Hast du einen Rabatt für die Tage des Hungerstreiks bekommen?

Vlad: Eine Stunde vor dem Ende meiner Verhaftung wurde ich in ein Zimmer gebracht und mir wurde ein Dokument über die Kosten gezeigt, in dem die vollen Kosten für „Dienstleistungen“ angegeben waren und ich wurde gefragt, ob ich es trotz der Verweigerung des Essens unterschreiben würde. Der Wärter, der mir das Dokument zeigte, wusste nicht, wie sich die Ereignisse entwickeln würden, wenn ich mich weigerte, es zu unterschreiben, aber es war offensichtlich, dass dies ein Hindernis für meine rechtzeitige Freilassung sein würde. Ich beschloss, meine Unterschrift unter das Dokument zu setzen und eine Stunde später war ich bereits frei. Aber selbst jetzt weiß ich nicht, ob ich es richtig gemacht habe oder nicht. Auf jeden Fall habe ich die Zahlung noch nicht getätigt.

Pramen: Wie fühlst du dich jetzt? Hattest du nach 24 Stunden irgendwelche Probleme?

Vlad: Nach heutigem Stand (dem dritten Tag nach meiner Entlassung) fühle ich mich viel besser, obwohl ich noch einen langen Weg bis zur vollständigen Genesung vor mir habe. Jeden Tag nimmt die Kraft zu, aber ich bin immer noch auf einer harten Diät. Der Prozess, um aus dem Hungerstreik herauszukommen, ist nicht weniger kompliziert und zeitlich entspricht er der Dauer des Hungerstreiks. Viele lebenswichtige Organe haben während dieser Zeitspanne in einen anderen Modus gewechselt und brauchen nun Zeit, um reibungslos in den normalen Modus zurückzukehren. Zusätzlich zu all dem ist der Geruchssinn noch nicht zurückgekehrt.

Pramen: Abschließend, was möchtest du deinen Genoss:innen auf der Straße sagen oder wünschen?

Vlad: Ich würde gerne sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind und alles richtig machen. Die Repression gegen uns ist ein weiterer Beweis dafür. Wir dürfen nicht aufgeben, jede:r muss weiterhin das tun, was er tut.

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