Ein Jahr seit der türkischen Invasion in Rojava: Interview mit Tekoşîna Anarşîst (Teil 3)

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Zur anarchistischen Beteiligung am revolutionären Experiment in Nordost-Syrien


Vor einem Jahr, mit dem Segen von Donald Trump, drangen türkische Streitkräfte in Rojava. Mittels ethnischen Säuberungen, Hinrichtungen im Schnellverfahren und der Vertreibung Hunderttausender versuchten sie das Gebiet neu zu strukturieren. Seit 2012 findet in der autonomen Region Rojava ein Experiment der Selbstbestimmung und der Autonomie der Frauen (unter Beteiligung sämtlicher Bevölkerungsgruppen) statt – und das während sie gegen den Islamischen Staat (ISIS) kämpften. Anarchist:innen beteiligten sich am Widerstand gegen die türkische Invasion, einige als Sanitäter:innen vor Ort in Syrien und andere im Rahmen einer internationalen Solidaritätskampagne. Bis zum heutigen Tag besetzen die türkischen Streitkräfte weiterhin einen Teil des syrischen Territoriums, von der Eroberung der gesamten Region wurden sie jedoch abgehalten.

Anarchist:innen aus der ganzen Welt beteiligen sich seit vielen Jahren an dem Experiment in Rojava. Sie schlossen sich zur Zeit der Verteidigung von Kobanê gegen den Islamischen Staat den YPJ und YPG (»Volksverteidigungseinheiten«) an und gründeten später ihre eigenen Organisationen, darunter die Internationalen Revolutionären Volksguerillakräfte (IRPGF, International Revolutionary People’s Guerrilla Forces) und zuletzt Tekoşîna Anarşîst (»Anarchistischer Kampf« oder TA), die im Herbst 2017 gegründet wurde. Im folgenden ausführlichen Interview vergleichen mehrere Teilnehmende der TA ihre Erfahrungen im Kampf gegen den Islamischen Staat und im Kampf gegen die Türkei, erkunden, was in Syrien seit der Invasion geschehen ist, bewerten die Wirksamkeit der anarchistischen Interventionen in Rojava und diskutieren, was andere auf der ganzen Welt aus den Kämpfen in der Region lernen können.

Dies ist ein wichtiges historisches Dokument, das sich auf mehrere Jahre Erfahrung und Reflexion stützt. Für Anarchist:innen, die sich jeder Form von Hierarchie und zentralisierter Gewalt widersetzen, wirft die Gründung bewaffneter Selbstverteidigungsorganisationen viele heikle Fragen auf. Das folgende Interview beantwortet sie zwar nicht abschließend, aber es wird jede Diskussion über diese Fragen bereichern.

Teil 3 des Interviews mit TA. Hier geht es zum ersten Teil. Hier geht es zum zweiten Teil.


-Inwieweit haben eure Bemühungen dazu beigetragen, die Horizontalität und Autonomie der Gesellschaft in Rojava zu fördern?

Garzan: Zuerst müssen wir hervorheben, dass wir eine kleine und junge Organisation sind, verglichen mit der Größe und Geschichte der kurdischen Befreiungsbewegung, und wir müssen bescheiden sein, was unsere Kapazität und unseren Einfluss auf das, was um uns herum passiert, betrifft. Außerdem hat uns unser Fokus als militärische Organisation anfangs von der Zivilgesellschaft ferngehalten, außerdem sind Streitkräfte nicht der beste Ort für Horizontalität. Mit der Zeit wurden wir mehr mit der Zivilgesellschaft verbunden, trafen Familien, Nachbar:innen und lokale Organisationen, besonders nachdem wir Kurmanci gelernt hatten.

Wir verstehen Autonomie als Selbstverwaltung, als die Fähigkeit, auf verschiedene Bedürfnisse und Probleme einzugehen, ohne sich äußeren Faktoren Abhängig zu machen. Im medizinischen Bereich arbeiten wir an der Unterstützung von Krankenhäusern und medizinischer Infrastruktur, und wir lernen die Ärzt:innen, Krankenpflegekräfte, Fahrer:innen, Köch:innen kennen. Jetzt arbeiten wir an der Ausbildung, um das zu teilen, was wir hier in den letzten Jahren gelernt haben, sowie an einem Projekt, um in Koordination mit dem Gesundheitskomitee DIY-Druckverbände serienmäßig herzustellen. Wir haben auch gelernt, dass nur sehr wenige Leute über Anarchismus Bescheid wissen, nur die politisierteren, die neugierig auf andere politische Bewegungen sind. Aber Horizontalität und Autonomie sind nicht nur im Anarchismus zu finden. Viele Freund:innen, die wir hier getroffen haben, sind diesen Werten verpflichtet.

Seit einigen Jahren erlangen wir hier eine bessere Vorstellung davon wie die Zivilgesellschaft hier funktioniert. Die patriarchale Dynamik und die Familien-Clan-Strukturen sind sehr präsent und die hierarchische Dynamik ist oft mit einem Gefühl des Respekts und der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft verbunden. Gleichzeitig haben der Krieg, die Revolution und der Befreiungskampf jede:n dazu gebracht über Politik und Gesellschaft nachzudenken. Für die Kurd:innen hat die Möglichkeit, ihre eigene Identität auszudrücken, offen zu sagen, dass sie Kurd:innen sind, ihre Sprache in der Schule zu lernen, ihnen die zuvor erlebte Unterdrückung bewusster gemacht. Für andere Minderheiten können ähnliche Geschichten erzählt werden, auch wenn einige nur das Gefühl haben, dass die arabische Hegemonie nun ohne größere Veränderungen durch die kurdische Hegemonie ersetzt worden ist.

Bei den Araber:innen ist das ein sehr großes Thema, denn es gibt viele verschiedene Clans und Gruppen unter der arabischen Bevölkerung und die meisten von ihnen haben auch unter der schweren Repression des Baath-Regimes gelitten. Diejenigen, die sich aktiv an den Bemühungen und Strukturen der Selbstverwaltung beteiligen, bringen eine Menge Motivation und Hoffnung auf eine selbstorganisierte Zukunft mit, die sie sich vorher nicht vorstellen konnten. Und für sie ist es immer eine Quelle des Spaßes und der Neugierde, Internationale wie uns zu sehen. Sie fragen uns, warum wir hierher gekommen sind, warum wir nicht in unsere Heimat zurückkehren, ob Syrien netter ist als unsere Länder. Wenn wir über Politik reden, hören sie oft zu, als ob wir ihnen Geschichten aus anderen Orten erzählen würden. Manchmal frage ich mich, ob sie uns zuhören, weil sie interessiert sind oder einfach nur, weil wir exotisch aussehen. Aber mit jenen, die uns kennen und vertrauen lernen, mit denen wir langfristige Beziehungen entwickeln, können wir Freundschaften und Verbindungen aufbauen.

Ceren: Um ehrlich zu sein, sehe ich nicht, dass unsere Bemühungen der Förderung von Horizontalität und Autonomie in der gesamten Gesellschaft hier entweder geholfen oder geschadet haben. Aber ich kann sehen, wie die Gesellschaft hier unser Verständnis für diese Dinge vertieft hat. Das sind hier keineswegs neue Ideen. Die Prinzipien von Autonomie und Selbstbestimmung sind im Demokratischen Konföderalismus eingebunden, der in der Praxis jeden Tag von den Menschen entwickelt wird, die sich auf vielen verschiedenen Ebenen in der Selbstverwaltung ihrer Gemeinschaften engagiert haben.Wir lernen viel von den Methoden, die die Bewegung benutzt, um die Menschen in diesen Prozess einzubinden, und auch von den Problemen und Fehlern, die dabei auftreten. Wir haben festgestellt, dass die Praktiken, die wir hier von der Bewegung gelernt haben, wie z.B. tekmil [eine Form der kollektiven Kritik], hilfreich waren, um informelle Hierarchien bis zu einem gewissen Grad aufzubrechen und um zwanghafte Elemente von Hierarchien, die in Zeiten als sie notwendig waren entstanden sind, abzuschwächen und dafür zu sorgen, dass sie sich nicht weiter ausdehnen als nötig.

In Baghouz Fawqani, März 2019.

-Welche Faktoren haben dazu beigetragen, dass hierarchische Strukturen die Kontrolle behalten in Rojava? Welche Elemente der Gesellschaft waren am widerstandsfähigsten bei der Aufrechterhaltung oder Verteidigung einer echten Horizontalität?

Mahir: Einige Teile der Gesellschaft hier haben auch eine sehr feudal-patriarchale Mentalität; das bedeutet, dass die Gesellschaft auf strengen Hierarchien und Dogmatismus basiert. Der Mann ist der Unterdrücker in der Familie, während die Frau und die Kinder unter ihm stehen und sich darauf konzentrieren, seine Wünsche zu ›befriedigen‹. In den Stämmen gibt es auch eine hierarchische Struktur… Hier haben die Menschen ihr ganzes Leben unter staatlicher Unterdrückung gelebt. Sie haben viel Repression erlebt bei dem Versuch andere Organisationsformen zu etablieren.. Es war ihnen nicht erlaubt, sich zusammenzuschließen und kleine Unternehmen zu gründen, Land zu kaufen oder gar zu bebauen, oder ihre eigenen Häuser zu bauen. Es war ihnen nur erlaubt, Weizen zu ernten und an den Staat zu verkaufen. Das bedeutet also, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und Minderheiten daran gehindert wurden, sich kooperativ zu organisieren, was das Wesen aller Gesellschaften ist. Das schafft einige Probleme in Bezug auf die Selbstorganisation und die Zusammenarbeit.

Auf der anderen Seite, gegen diese Hierarchien, haben wir die Vorreiterinnen dieser Revolution, die Frauen. Sie sind der Hierarchien und der patriarchalen Herrschaft überdrüssig. Sie sind diejenigen, die mehr Energie haben, um die Revolution fortzusetzen und voranzutreiben, aber sie sind nicht allein. Die Arbeiterinnen und Bäuerinnen kämpfen darum, mehr Kooperativen zu gründen und die bereits existierenden zu entwickeln, um in der Lage zu sein, selbst Entscheidungen über die Ernten und den Umgang mit ihnen zu treffen. Der Wirtschaftsausschuss gründet viele Genossenschaften für Gemüse, Anti-Corona-Masken und Pharmazeutika. Das Hevserok-System (ein Co-Vorsitz-System, das voraussetzt, dass mindestens ein Mann und eine Frau jede Organisation vertreten) funktioniert in jeder Struktur der autonomen Verwaltung. Es gibt große Anstrengungen, um den Aufbau eines Machtmonopols mit einem System von unten nach oben zu vermeiden, das verschiedene Kräfte für verschiedene ›ethnische‹ Gruppen schafft, wie z.B. Sutoro [die Sicherheitskräfte der assyrischen und syrischen christlichen Gemeinden] oder HPC [zivile Selbstverteidigungseinheiten der Stadtviertel, die auf kommunaler Ebene in Koordination mit YPG und YPJ organisiert sind].

Hier ist die tekmil-Methode erwähnenswert: Kritik und Selbstkritik, die auf einem horizontalen Ansatz basiert, der von der Philosophie des ›Hevaltî‹ ausgeht. Eine revolutionäre Herangehensweise an die Verbundenheit unter Gefährt:innen, eine Art und Weise, nicht nur danach zu streben, sich selbst zu entwickeln, sondern immer die Freund:innen in ihrer Entwicklung zu unterstützen, zu glauben, dass jede:r die Fähigkeit zur Veränderung hat. Du legst Wert auf jede Kritik, die du von jedem Heval (Freund:in) erhältst, und du bist dafür verantwortlich, jeden Freund oder jede Freundin nach den gleichen Prinzipien und den gleichen Werten zu kritisieren. Du gibst niemandem mehr oder weniger Kritik, je nachdem, ob du ihn magst oder nicht. Unabhängig von der Verantwortung oder deiner Position sind im Tekmil alle gleich – wir teilen die gleichen Werte und Ziele und nutzen Kritik und Selbstkritik, um voranzukommen.

Şahîn: Der Hauptfaktor ist immer Freundschaft und Vertrauen unter den Gefährt:innen, wodurch ein gesundes Umfeld gewährleistet ist, in dem Kritik und Selbstkritik geübt werden kann, wenn sich eine hierarchische Dynamik entwickelt. Mit einem Wort: Hevaltî. Um unsere Heval unterstützen zu können, brauchen wir Einfühlungsvermögen, die Perspektive der anderen zu hören und die Gefühle der anderen zu verstehen, bereit zu sein zu lernen und Lösungen statt Hindernisse zu finden. Um diese Lösungen finden zu können, brauchen wir auch die Neugier auf das, was wir tun; wir müssen uns davon entfernen, die politische Organisation als ein Leiden zu sehen, das wir ertragen müssen, bis wir Freiheit haben. Wir sollten danach streben, das Leben zu erschaffen, das wir jetzt leben wollen. Wir müssen uns nicht nur in einem Gefühl der Selbstdisziplin engagieren, sondern auch unseren Freund:innen und dem, wofür wir kämpfen, verpflichtet sein, Verantwortung zu übernehmen und die organisatorische Integrität zu erhalten. Kollektiv zu denken und zu handeln bedeutet auch, sich der Dynamik in der Gruppe oder Organisation bewusst zu sein und nicht vor Widersprüchen zurückzuschrecken, die sich unweigerlich auftun werden, und in diesen Momenten unseren Freund:innen und ihrer Arbeit Wert zu geben und die Moral aufrechtzuerhalten, besonders in den Zeiten, in denen dies am schwierigsten ist. Wie wir uns anderen gegenüber verhalten, kann unsere Möglichkeiten verändern wie wir uns weiterbewegen.

Graffiti in Rojava zum Internationalen Frauentag – 8. März 2019.

-Heute wird in den Vereinigten Staaten viel über den drohenden Bürgerkrieg gesprochen. Was können Menschen auf der ganzen Welt von der syrischen Erfahrung des Bürgerkriegs lernen?

Botan: In den USA wird seit einigen Jahren über einen möglichen Bürgerkrieg geredet und es scheint, das ein Siedepunkt erreicht wurde. Ich denke, es ist unrealistisch, einen Kampf um Land zu erwarten, so wie du es in Syrien siehst – die Menschen in den USA haben im Allgemeinen nicht die gleiche Verbindung zu dem Land und die Faschist:innen an der Macht haben bereits die Kontrolle über das gesamte Gebiet. Es ist wahrscheinlicher, dass, wenn es in den USA zu bewaffnetem Widerstand von unten kommt, es in Bezug auf die Mehrheit der Bevölkerung eher so etwas wie die Irische Republikanische Armee in den Städten Irlands im vergangenen Jahrhundert sein wird. Die Gemeinschaften mit den stärksten Bindungen an das Land in den USA und mit starker Identität und Netzwerken sind jedoch die der Gemeinschaften der Native Americans. Sie haben eine Geschichte des Widerstandes und das revolutionäre Potential, eine wahre Transformation der Gesellschaft im sogenannten Nordamerika anzuführen.

Şahîn: Eine der wichtigsten Lektionen ist, sich nicht unnötig Feind:innen zu machen. Suche nach Punkten der Konvergenz, nicht des Konflikts, wenn du dich mit Menschen triffst und dich mit ihnen organisierst. Ich glaube, es ist ein Fehler, die eigene Politik auf das Hassen desselben Feindes zu gründen. Sei dir bewusst, was die Essenz deines politischen Ziels ist. Nicht nur aus einem strategischen Blickwinkel, sondern auch, in Ermangelung eines besseren Wortes, aus einem philosophischen. Am Ende läuft alles auf die Frage hinaus, ›wie man das Leben lebt›, und ob wir dies mit jedem teilen, mit dem wir leben und untereinander organisieren und von dem wir lernen. Wir müssen etwas mit mehr Substanz haben als »Wir sind hier zusammen, weil wir Erdoğan, Trump, Nazis, Patriarchat, Rassismus hassen…«. Die Dinge zu suchen, die uns mit den Menschen verbinden, mit denen wir unser Leben teilen, außerhalb hohler Konzepte wie ›amerikanisch‹ oder ›weiß‹, und diesen tieferen Sinn und die Freude am Leben (und am Kampf) jeden Tag zu leben, kann die Menschen dazu befähigen, zu erkennen, dass die Dinge, für die sie andere gehasst haben, nicht wichtig sind.

Immer wieder zeigt uns die Geschichte, dass wir vielleicht nie alle Karten in der Hand haben, um einen Bürgerkrieg zu verhindern. Aber wir sollten ihn nicht romantisieren; wir sollten handeln, um seine Auswirkungen und die Stärke und Größe der Kräfte, gegen die wir vielleicht kämpfen müssen, zu minimieren. Es ist gut, bereit zu sein, aber unterschätze nicht die Bedeutung der sozialen Organisation und des Aufbaus von Untergrundnetzwerken – und romantisiere den Krieg auf keinen Fall.

Ceren: Krieg ist der ultimative Ausdruck des Patriarchats. Er ist ein Spiel, in dem die primäre Methode, Figuren zu bewegen, Zwang ist. Manchmal erschafft der Feind eine solche Realität, dass es notwendig ist, in den Krieg einzutreten, aber es ist nicht etwas, das wir lieben oder als Ziel sehen, es ist etwas, das manchmal auf dem Weg zu unserem Ziel, ein freies Leben aufzubauen, geschieht. Wir sind nicht ängstlich, beschämt, zögerlich oder unsicher, was die Notwendigkeit der Selbstverteidigung betrifft. Unser Hass auf den Krieg macht uns nicht weniger bereit oder willens, für die Freiheit und das Leben zu kämpfen; in der Tat schärft er unser Verständnis für das, was wir tun. Unsere Klarheit und unsere Liebe zum Leben und zur Freiheit unterscheiden uns von unserem Feind; sie sind etwas Heiliges und eine Quelle der Kraft. Abdullah Öcalan beobachtete, dass jedes Lebewesen einen Selbstverteidigungsmechanismus hat, und die Genoss:innen in den Bergen leben nahe an der Natur und achten darauf, von allem Leben um sie herum zu lernen. Viel Wissen über Selbstverteidigung kommt von Pflanzen und Tieren. Woran wir uns beteiligen, ist die Selbstverteidigung, die ein weitreichendes Konzept ist, das Teil des eigentlichen Gefüges der Gesellschaft ist.

Ein Bürgerkrieg ist notwendigerweise ein Chaos, und er ist nicht notwendigerweise eine Revolution. Ein Bürgerkrieg ist etwas, das wir kämpfen, um die Revolution zu verteidigen, aber einen Krieg zu gewinnen befreit eine Gesellschaft nicht von Kolonialisierung, Patriarchat und Kapitalismus. Diese Arbeit ist ein ständiger Kampf in uns selbst und in der Gesellschaft, und es ist eine Situation, in der alle an einem Strang ziehen. Ehrlich gesagt mache ich mir Sorgen über die Art und Weise, wie diese Revolution oft dort verstanden wird, wo ich herkomme – als eine Sache, die glorreich, gewalttätig und einzigartig ist. Eine Revolution ist ein Prozess der Heilung, etwas, das durch ständige Angriffe viel schwieriger gemacht wird. In Zeiten, in denen es einen Waffenstillstand gibt, sind die Fortschritte, die wir in der Revolution machen, massiv, und in Zeiten großer Bedrohung und Gewalt erleben wir die meisten Rückschläge und finden uns dabei wieder, einige ziemlich wichtige Dinge zu kompromittieren. Ich würde den Freund:innen empfehlen, sich über den Aufbau von Dingen, die es wert sind, verteidigt zu werden, genauso zu begeistern, wie über die Ästhetik des bewaffneten Kampfes. Die Wahrheit ist, dass der Krieg die Menschen zermürben kann, und wenn er lange genug andauert, werden die Menschen immer müder und werden Dinge akzeptieren, die sie vorher nicht akzeptiert hätten, in der Hoffnung, dass der Krieg zu Ende geht. Es gibt hier Menschen, die darüber nachdenken zu gehen, einfach weil sie wollen, dass ihre Kinder einen Teil ihrer Kindheit ohne Krieg leben. Es braucht starke soziale Bindungen und ein tiefes ethisches Fundament, damit eine Gesellschaft dem Feind gegenübersteht und sich weigert, die Herrschaft zu akzeptieren. Das ist es, was wir über den Bürgerkrieg gelernt haben.

So weit wie es realistisch ist – wir werden ein freies Leben aufbauen. Wie wir dorthin gelangen werden, ist etwas, das wir alle zusammen jeden Tag herausfinden. Es ist unrealistisch, Methoden und Herangehensweisen zu wählen, die nicht in Bezug auf das ultimative Ziel des Aufbaus eines freien Lebens formuliert sind, und dann zu erwarten, dass diese Methoden und Herangehensweisen den Kampf für ein freies Leben voranbringen. Wenn wir den Sieg wollen, müssen wir uns von unserem Ziel leiten lassen, nicht von unseren Impulsen oder von dem, was vertraut ist, aber noch nicht funktioniert hat. Das ist auch etwas, was wir von der Bewegung hier lernen. Wir müssen offen sein, neue Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Darüber hinaus kümmere ich mich nicht darum, was realistisch oder unrealistisch ist, denn unsere Fähigkeit, diese Dinge zu verstehen, ist durch unsere Sozialisation in einem System verändert worden, das unsere Fähigkeit zerstören will, uns Möglichkeiten außerhalb davon vorzustellen und an sie zu glauben.

Ich denke, alle Revolutionäre müssen auf diese Weise ein wenig verrückt sein – wir glauben an das Unmögliche, also ändern wir das, was möglich ist.

Eine Gedenkveranstaltung am Grab von Mikhail Bakunin in der Schweiz zum Gedenken an den TA-Kämpfer Şevger Makhno, ein Genosse aus der Türkei, der bei der Verteidigung von Afrin im März 2018 gefallen ist.

-In den vergangenen Jahren des Kampfes: was habt ihr darüber gelernt, was man mit Waffen erreichen kann, und was Waffen nicht erreichen können? Was sind die Vor- und Nachteile der Organisation von bewaffneten Gruppen, die neben anderen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens und Kampfes eine besondere Rolle spielen?

Şahîn: Das kommt wieder auf die Frage nach den Beispielen und Lehren, die wir aus der YPG, der YPJ und der Rojava-Revolution ziehen. Es ist leicht, sich die Befreiung als etwas vorzustellen, das nur in heroischen Momenten auf dem Schlachtfeld stattfindet. Es ist wichtig sich daran zu erinnern, aber es steckt noch viel mehr dahinter. Einer der wichtigsten Aspekte des Kampfes, dem die Menschen eher wenig Aufmerksamkeit schenken, ist das soziale Gefüge, das die Grundlage für die Verteidigung jedes Aufstandes oder Befreiungskampfes bildet. Wenn wir uns nur auf die Ausbildung für den bewaffneten Konflikt konzentrieren, wenn wir Siege nur nach einer militärischen Perspektive analysieren, werden wir keine tieferen Veränderungen erreichen.

Für jede:n Kämpfer:in in der YPG und YPJ gibt es eine Familie, die bereit ist, eine Tür zu öffnen, ein Dach zu teilen, Decken, Essen, alles was sie haben, anzubieten. Für jede militärische Ausbildung gibt es auch eine ideologische Erziehung. Nicht nur in den Militärakademien, sondern auch in der Gesellschaft im Allgemeinen und in den autonomen Frauenräumen. Das kommt nicht von heute auf morgen und es ist kein Zufall. Es gibt so viel, was wir in unser Denken einbeziehen müssen, wenn wir über Freiheit und gemeinschaftliche Selbstverteidigung sprechen. Einige dieser Dinge stehen im Widerspruch zueinander, was noch mehr ein Grund dafür ist, sicherzustellen, dass wir nach Werkzeugen suchen, um toxische Männlichkeit zu verhindern, wenn wir taktische Fertigkeiten praktizieren.

Erfolg erfordert ein vollständiges und langfristiges Engagement für die Neudefinition der Kultur, was nicht in einem einzigen Training erreicht werden kann. Viele erfahrene (oder Möchtegern-) Soldat:innen von außerhalb Syriens sind hierher gekommen und haben sich über die »schlechte militärische Organisation« der SDF beschwert. Nun, niemand glaubt, dass es nichts zu verbessern gibt und vom technischen Standpunkt aus gesehen, könnten einige dieser Kritiken richtig sein. Aber dennoch sind sie nicht konstruktiv, weil sie keinen Willen zeigen, tiefer in das Verständnis zu gehen, worauf die Befreiung hier tatsächlich basiert. Sie kommen aus einer typischen kolonialen weißen ›Besserwisser-/Retter-/Mansplaining‹-Mentalität.

Wir würden jedem raten, tiefer in das einzutauchen, worauf die Rojava-Revolution und das Selbstverteidigungsparadigma basiert, besonders für Genoss:innen, die an bewaffnetem und taktischem Training oder Selbstverteidigung interessiert sind oder diese praktizieren.

Botan: Es ist wichtig für jede Person, die versucht, die Rolle der Waffen zu verstehen, zu verstehen, wie die Drohnen die Natur des Krieges hier grundlegend verändert haben. Wenn man sein Verständnis der taktischen Situation hier auf die Bilder aus der Zeit des Konflikts in Raqqa stützt, entsteht zum Beispiel der Eindruck, dass der Kampf hauptsächlich mit Handfeuerwaffen geführt wird. Tatsächlich war bis zum amerikanischen Rückzug ein großer Faktor zu unseren Gunsten die Luftdeckung. Mit dem Wechsel von den Amerikaner:innen als Verbündete und Daesh als Hauptaggressor zur Türkei als größte Bedrohung, hat sich auch die Art des physischen Kampfes hier immens verändert. Das macht Strategie, Zusammenhalt und all die Dinge, die in den vorherigen Abschnitten erwähnt wurden, umso wichtiger. Es gibt immer weniger Platz für die Figur des harten Kerls mit einer Kalaschnikow, der auf einfache, medienwirksame Art und Weise »das Böse bekämpfen« will – ein Bild, das immer eine zu starke Vereinfachung war.

Ceren: Eine Waffe kann dich nicht lehren, wie man liebt. Es ist einfacher, einem Revolutionär das Schießen beizubringen, als es für einen Mann ist, der Waffen, Krieg und Kämpfen liebt, zu lernen, wie man eine Revolution macht, unabhängig davon, ob er ein guter Schütze ist. An jedem Tag der Woche würde ich lieber mit einem Revolutionär an der Front sein, der noch nie geschossen hat, aber mit völliger Klarheit versteht, warum wir kämpfen und was wir verteidigen, als mit dem militärisch fähigsten Menschen ohne Ideologie. Waffen und die ganze militärische Ausbildung in der Welt machen die Menschen nicht bereit, das zu tun, was nötig ist, nicht wenn wir eine Revolution verteidigen. Vielleicht sind in einem imperialistischen Militär Waffen und militärische Ausbildung genug, aber wir sind kein imperialistisches Militär und wir haben nicht die Ressourcen, die sie haben – wir haben Hevaltî. Waffen bauen keine Revolution auf. Obwohl sie sicherlich nützlich sind, um bei der Verteidigung einer Revolution zu helfen, sind sie nur ein Teil der Verteidigung. Ohne die Zusammenarbeit aller Teile des Selbstverteidigungssystems würde Rojava nicht existieren.

Eine interessante Sache an einem Gewehr ist, dass es einen gewissen ausgleichenden Effekt haben kann. Die meisten Frauen können von mindestens einem Mann in unserem Leben körperlich überwältigt werden. Aber eine Frau oder ein Nicht-Mann mit einer AK-47 und dem Wissen und Selbstvertrauen, sie zu benutzen, in einem System, das sie dabei unterstützt, Selbstbestimmung zu entwickeln – nun, das ändert die Dinge. Es ist nicht genug, aber es ist etwas.

Was die Nachteile der Organisation von bewaffneten Gruppen angeht… ein Nachteil sind die Leute, die dazu neigen, aufzutauchen. Bewaffnete Gruppen ziehen im Allgemeinen andere Arten von Menschen an als andere Arten von Gruppen. Männer werden sozialisiert, um eine Beziehung zur Gewalt zu haben, die letztendlich destruktiv ist. Sie müssen dies in sich selbst umstürzen. Sogar viele anarchistische Männer haben diese Arbeit nicht getan, bevor sie bei einer bewaffneten Gruppe auftauchen. Viele Frauen und nicht-männliche Genoss:innen werden durch patriarchale Dynamiken aus diesen Gruppen herausgedrängt oder tauchen gar nicht erst auf, weil so viele andere Projekte ohne die unsichtbare Arbeit, die sie tun, auseinander fallen würden;Arbeiten, die Männer oft nicht aufnehmen, weil sie nicht sexy oder glorreichsind. Oder sie tauchen nicht auf, weil sie keinen Zugang zu einem Lernprozess im Umgang mit Waffen haben, der ihnen tatsächlich weiterhilft, anstatt sie niederzuschmettern. Aus all diesen Gründen sind autonome Strukturen unerlässlich. Für Männer ist es auch wichtig, sich ernsthaft mit den Grundlagen ihrer Politik auseinanderzusetzen. Bewaffnete linke Gruppen können nicht einfach eine ›wachere‹ Version von LARPing sein, oder eine Möglichkeit, all die gleichen Dinge zu tun, die rechte Milizmitglieder machen, aber mit einer anderen ästhetischen Fassade. Bewaffnete Aspekte der Selbstverteidigung dürfen niemals von anderen Teilen des revolutionären Kampfes getrennt werden.

Politische Bildung und Praxis, die Liebe zur Freiheit und zum Leben und ein tiefer Respekt für die Freiheit der Frauen ist für absolut jeden bewaffneten Kämpfenden unerlässlich. Was machen wir sonst hier?

Diyar: Es ist auch wichtig, die Verbindung, die die Kämpfer:innen in Rojava mit der lokalen Gesellschaft haben, so sehr dass die beiden unzertrennlich erscheinen können, mit der Situation in den ›USA‹ und in weiten Teilen des Westens gegenüber zu stellen. Viele anarchistische Räume in den ›USA‹ sind hauptsächlich weiß und mittelständisch, oft außerhalb der Schwarzen und indigenen Gemeinschaften angesiedelt, aus denen der Widerstand gegen den amerikanischen Staat organisch und historisch entstanden ist. In der Praxis verteidigen viele anarchistische ›Selbstverteidigungsprojekte‹ nichts, was über ihre Subkultur hinausgeht. Dies führt zu einer Zunahme von spezialisierten Projekten und nicht zu einem tatsächlichen Mittel der ›Gemeinschaftsverteidigung‹. Dies manifestiert sich nicht nur in ›racialisierten‹ Dynamiken – die Entwicklung spezialisierter Gruppen dient auch dazu, andere Anarchist:innen und Mitglieder dieser Gemeinschaft zu isolieren. Anstatt sich in der Taktik der Selbstverteidigung zu üben oder diese in unseren Kreisen zu einer gängigen Fähigkeit zu machen, ›schließen‹ sich viele, die sich auf diese Taktik einlassen, einer bewaffneten Organisation an oder machen dies zu ihrer primären oder einzigen Art der politischen Beteiligung.

Die Konzentration in den ›USA‹ auf den Aufbau einer ›linken Waffenkultur‹ hat nicht zu einer Kultur der Selbstverteidigung geführt, sondern zu einem weiteren Zweig des politischen Aktivismus, der oft von Männern dominiert wird. Um dies zu überwinden, ist es wichtig zu verstehen, was genau wir verteidigen. Zu welcher Gemeinschaft gehören wir? Solange wir diese Frage nicht in Theorie und Praxis beantworten, können wir keine sinnvollen Fortschritte machen. Wir dürfen nicht darauf warten, dass die Krise sich vertieft, um diese Widersprüche aufzulösen. Das soll nicht heißen: »nicht trainieren, sich nicht vorbereiten«, bis dies gelöst ist, aber wir sollten immer versuchen, die Lösung dieses Widerspruchs zu etwas zu machen, das wegen unserer Methoden der Ausbildung und Vorbereitung geschieht, nicht trotz dieser.

Lorenzo Orsetti. Unter allem anderen werden wir ihn für immer wegen seiner großen Liebe zu Hunden in Erinnerung behalten. Şehîd namirin!

-Zum Abschluss, habt ihr irgendeine Anleitung für Menschen, die traumatische Ereignisse im Laufe von bewaffneten Konflikten erlebt haben und versuchen, sich wieder in ihre Gemeinschaften zu integrieren? Was habt ihr von Menschen gelernt, die sich in Rojava organisiert oder gekämpft haben und dann nach Hause zurückgekehrt sind?

Botan: Es ist wichtig, dass Freund:innen, die zurückkehren, mit Gefährt:innen in Verbindung bleiben und gegenseitig aufeinander Acht geben. Es gab Selbstmorde unter Menschen, die in den Westen zurückkehrten, nicht nur wegen der Auswirkungen der traumatischen Ereignisse, sondern auch wegen des Rückzugs aus der hier erlebten Lebensweise. Die kapitalistische Moderne ist grausam und isolierend. Die Verbindung zu anderen Menschen und den Raum zu haben, offene Fragen über die geistige Gesundheit ohne Scham zu behandeln, sind Schlüsselfaktoren, um mit diesen Themen umzugehen. Es gibt einen Mythos, dass Krieg wie ein Goldstandard ist, um andere Arten von Trauma zu messen. Dies kann eine Hierarchie des Leidens schaffen.

Ceren: Etwas, was wir von Freund:innen in der Frauenbewegung gelernt haben, ist, dass ein gesundes Leben ein freies Leben ist, und dass wir in unseren Visionen vom freien Leben Initiative ergreifen müssen. Wir finden uns oft in Situationen wieder, in denen wir reagieren müssen, eine Antwort geben müssen. Trotzdem ist es eine Verantwortung, die wir nicht vernachlässigen dürfen, proaktiv Lebensformen zu entwickeln, die nicht eine Reaktion auf das gegenwärtige System oder die Umstände sind, sondern auf Fundamenten außerhalb des hegemonialen Systems aufbauen. Wir brauchen ein tieferes Verständnis dessen, was wir zu beschreiben versuchen, wenn wir Worte wie Trauma benutzen. Wir brauchen Gemeinschaften, die mit dem revolutionären Leben kompatibel sind. Offen gesagt, Individualismus und Formen des Liberalismus entfremden die Freund:innen, die aus Rojava zurückkommen, wegen dem, was sie gelernt haben, als sie mit den Freund:innen hier lebten. Unsere Gemeinschaften müssen sich in den revolutionären Freiheitskampf integrieren. Was wir brauchen, ist nicht, dass die Freund:innen, die nach Hause zurückkehren, sich wieder in eine Gemeinschaft eingliedern, die so ist wie die, der sie angehörten, bevor sie nach Rojava kamen; was wir brauchen, ist ein Treffen dieser Gemeinschaft und der Freund:innen, wie sie jetzt sind, und eine gegenseitige Entwicklung.

Wir können uns nicht ändern, ohne die sozialen Systeme zu verändern, von denen wir ein Teil sind. Keine individuelle Lösung wird Probleme lösen, die so tiefgreifend sind wie die, mit denen wir konfrontiert sind. Es ist immer am nachhaltigsten und revolutionärsten, kollektive Lösungen aufzubauen, und der Umgang mit schweren Ereignissen ist keine Ausnahme. Hier haben wir gesehen, dass es für uns möglich ist, Dinge zu durchleben, die für uns in anderen Zusammenhängen aufgrund der Art und Weise, wie wir miteinander leben, unvorstellbar gewesen wären. Um den schwierigsten Dingen zu begegnen, brauchen wir Kraft und Widerstandskraft, und wir sind am stärksten und widerstandsfähigsten, wenn wir mit anderen verbunden sind und ein kollektives Leben teilen, das auf der Liebe zueinander und zum Freiheitskampf basiert. Ganze Bücher könnten über Hevalti, oder Freundschaft, geschrieben werden, ohne auch nur an der Oberfläche zu kratzen, was es bedeutet, die Freund:innen in den schwierigsten Momenten anzuschauen und zu wissen, dass man bis zum Ende miteinander kämpft und aneinander glaubt. Wir stellen uns allem gemeinsam – also können die Dinge manchmal etwas chaotisch sein, aber schwere Dinge werden leichter, wenn wir sie zusammen tragen.

Es gibt auch dieses Konzept des ›Sinngebens‹. Wenn Freund:innen fallen – Şehîd – ist es eine schwere Sache, ihren Verlust zu spüren, aber der Sinn, den wir ihrem Opfer und dem, wofür sie gekämpft haben, geben, treibt uns voran und gibt uns Kraft. Wir können uns niemals hilflos fühlen oder zulassen, dass wir zu Objekten werden, denen die Dinge passieren – wenn wir unser Handeln in die Hand nehmen, wenn wir uns als revolutionäre Subjekte sehen, sind wir befähigt, Dinge zu verändern, und so können wir in unserem Glauben leben. Je nachdem, welche Bedeutung du gibst, kann jede Person, die du kennst und die fällt, ein fundamentaler persönlicher Verlust sein, der die Fähigkeit zerstört, zu kämpfen und sich mit dem Leben zu verbinden, oder ein weiterer Grund sein, für die Freiheit zu kämpfen. Wenn wir an unsere gefallenen Freund:innen denken, werden wir an die Heiligkeit jedes Augenblicks mit Freund:innen erinnert, und dann können wir vielleicht ein bisschen mehr die Menschen um uns herum wahrnehmen, und unsere eigene Rolle in ihrem Leben und unsere Verantwortung ihnen und der şehîd gegenüber sehen.

Wir ehren unsere Freund:innen, indem wir ihren Kampf aufnehmen. Freude und Schmerz existieren in jedem Moment, Hoffnung und Verzweiflung, Anwesenheit und Abwesenheit – für welche dieser Dinge sensibilisieren wir uns? Was honorieren wir und wofür schaffen wir Platz? Die Herangehensweise, die wir wählen, wirkt sich auch auf unsere Freund:innen aus, denn unsere Freude und unser Schmerz werden geteilt. Wenn wir unseren Schmerz am meisten fühlen, fühlen auch unsere Freund:innen ihn, und er wird reflektiert und vervielfältigt und wird viel schwerer. Wenn wir in Panik geraten, kann er sich in Wellenform auf jede Person ausbreiten, mit der wir in Kontakt kommen. Wenn wir unsere Freude am meisten spüren, vervielfacht sich die Moral unter den Freund:innen und wir werden alle stärker.

Im Wesentlichen raten wir, dass kein:e Freund:in versuchen sollte, sich diesen Dingen allein zu stellen. Wir brauchen Liebe, wir brauchen einen Sinn, und wir brauchen ein Gemeinschaftsleben mit einem starken Fundament im Freiheitskampf. Diese Dinge geben uns eine Grundlage, um alles zu überwinden.

-Tekoşîna Anarşîst, 9. Oktober 2020


»Wir feierten den 1. Mai in einem Kreis von Freund:innen, teilten Essen, Geschichten und erinnerten uns an Orso [Lorenzo Orsetti]. Wir alle tragen das Vermächtnis des Kampfes aus vergangenen Zeiten. Unsere Verbindung zu unserer Geschichte und zu gefallenen Freund:innen zu erkennen, gibt uns Kraft in der Gegenwart.«


Glossar

Einige der kurdischen Akronyme und Begriffe, die in diesem Interview verwendet werden.

Daesh, ISIS, ISIL – Islamischer Staat des Irak und des Morgenlandes (ad-Dawlah al-Islāmiyah fī ‚l-ʿIrāq wa-sh-Shām)

FSA – (›Free Syrian Army/Freie Syrische Armee‹), ein Schirm für die verschiedenen Streitkräfte, die in Opposition zur SAA kämpfen.

Heval – Menschen, die gemeinsam einen revolutionären Weg gehen. Wörtlich übersetzt heißt das ›Freund:in‹, hat aber mit der Zeit eine tiefere Bedeutung entwickelt. Im Englischen ist das nahe an ›Comrade‹ – ein:e enge:r Freund:in, auf den/die man sich verlassen kann. ›Heval‹ bezeichnet (einheimische) Freund:innen in Kurdistan (besonders Nordost-Syrien), die an der Revolution teilnehmen.

Hevserok – In Kurmanji, ›Co-Vorsitz‹. Das Wort bezieht sich auf die Personen, die verantwortliche Positionen in den Organisationsstrukturen im Nordosten Syriens einnehmen. Die Regel ist, zwei Co-Vorsitzende zu haben – einen Mann und eine Frau, einen Kurden oder eine Kurdin und einen Araber oder eine Araberin und so weiter. Ein Mittel, um die Berücksichtigung der Frauenbefreiung bei der Darstellung jeglicher sozialer Fragen zu gewährleisten.

HPC – Hêzên Parastina Civakî (›Zivile Verteidigungskräfte‹). Hierbei handelt es sich um zivile Selbstverteidigungseinheiten der Stadtviertel, die auf kommunaler Ebene in Koordination mit der YPG und YPJ organisiert sind. Sie führen Nacht- und Tagwachschichten durch und intervenieren bei gewaltsamen Konflikten. HPC fungieren als Sicherheit bei öffentlichen Veranstaltungen wie Protesten und Feiertagsfeiern und bewachen öffentliche Gebäude wie Krankenhäuser. Zu HPC gehört HPC Jin, eine Frauenabteilung, die hauptsächlich aus älteren Müttern und Großmüttern, aber auch aus einigen jungen Frauen besteht. HPC Jin gelten als besser geeignet für die Intervention bei häuslichen Streitigkeiten, bei denen sich eine Frau in einer sensiblen oder gefährdeten Position befinden könnte.

PDK-Syrien – Partiya Demokrat a Kurdistanê li Sûriyê (›Kurdische Demokratische Partei Syriens‹), eine politische Partei, die mit der PDK des Irak verbunden ist, der einflussreichsten Partei in der Regionalregierung Kurdistans im Irak.

PYD – Partiya Yekitiya Democratic (›Partei der Demokratischen Union‹), eine politische Partei, die den Ideen des demokratischen Konföderalismus mit einem diplomatischen Ansatz verpflichtet ist. Die YPJ/YPG gilt als ihr bewaffneter Flügel.

Şehîd – Ein oder mehrere Heval, die im Laufe des revolutionären Kampfes gestorben sind.

Sutoro – Sicherheitskräfte der assyrischen und syrischen christlichen Gemeinschaft.

SAA – Syrisch-Arabische Armee, die militärische Kraft des syrischen Staates.

SDF – (›Syrian Democratic Forces‹), die Dachstruktur für die verschiedenen Streitkräfte, die zur Verteidigung der autonomen Selbstverwaltung Nordost-Syriens kämpfen.

TFSA, SNA – von der Türkei unterstützte Freie Syrische Armee / Syrische Nationalarmee – Akronyme für die von der Türkei unterstützten Dschihadistengruppen bei der Besetzung Nordsyriens.

Xweser – Von der Kurmancî xweserî, ›Autonomie‹. Bezieht sich in der Regel auf die autonomen Frauenräume, Prozesse und Strukturen in Nordost-Syrien und die kurdische Befreiungsbewegung.

YPG, YPJ – Yekîneyên Parastina Gel (YPG, ›Volksverteidigungseinheiten‹) und Yekîneyên Parastina Jin (YPJ, ›Frauenverteidigungseinheiten‹) sind Milizen, die hauptsächlich aus Kurd:innen, aber auch aus Araber:innen und Menschen anderer ›ethnischer‹ Gruppen im Nordosten Syriens bestehen. YPJ ist eine rein weibliche Miliz. Beide sind Teil der SDF.


Eine Ausbildung, die von der TA angeboten wird, um die medizinischen Kapazitäten der Kämpfer:innen in den syrischen Demokratischen Streitkräften zu erweitern, indem sie den kurdischen und arabischen Kämpfer:innen grundlegende medizinische Hilfe wie z.B. Druckverbände beibringt.

An der Front in As Susah, Deir Ezzor. Februar 2019.


Aufgrund der Länge des Interviews teilen wir den Beitrag in drei Teile. Hier geht es zum ersten Teil. Hier geht es zum zweiten Teil.

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Ein Gedanke zu „Ein Jahr seit der türkischen Invasion in Rojava: Interview mit Tekoşîna Anarşîst (Teil 3)

  • 28. November 2020 um 16:10
    Permalink

    Eine berührende, tiefgehende und weiterführende Interview-Reihe, vielen Dank für diese Arbeit und das Engagement der Beteiligten!

    Antwort

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