Ein Jahr seit der türkischen Invasion in Rojava: Interview mit Tekoşîna Anarşîst (Teil 2)

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Zur anarchistischen Beteiligung am revolutionären Experiment in Nordost-Syrien


Vor einem Jahr, mit dem Segen von Donald Trump, drangen türkische Streitkräfte in Rojava. Mittels ethnischen Säuberungen, Hinrichtungen im Schnellverfahren und der Vertreibung Hunderttausender versuchten sie das Gebiet neu zu strukturieren. Seit 2012 findet in der autonomen Region Rojava ein Experiment der Selbstbestimmung und der Autonomie der Frauen (unter Beteiligung sämtlicher Bevölkerungsgruppen) statt – und das während sie gegen den Islamischen Staat (ISIS) kämpften. Anarchist:innen beteiligten sich am Widerstand gegen die türkische Invasion, einige als Sanitäter:innen vor Ort in Syrien und andere im Rahmen einer internationalen Solidaritätskampagne. Bis zum heutigen Tag besetzen die türkischen Streitkräfte weiterhin einen Teil des syrischen Territoriums, von der Eroberung der gesamten Region wurden sie jedoch abgehalten.

Anarchist:innen aus der ganzen Welt beteiligen sich seit vielen Jahren an dem Experiment in Rojava. Sie schlossen sich zur Zeit der Verteidigung von Kobanê gegen den Islamischen Staat den YPJ und YPG (»Volksverteidigungseinheiten«) an und gründeten später ihre eigenen Organisationen, darunter die Internationalen Revolutionären Volksguerillakräfte (IRPGF, International Revolutionary People’s Guerrilla Forces) und zuletzt Tekoşîna Anarşîst (»Anarchistischer Kampf« oder TA), die im Herbst 2017 gegründet wurde. Im folgenden ausführlichen Interview vergleichen mehrere Teilnehmende der TA ihre Erfahrungen im Kampf gegen den Islamischen Staat und im Kampf gegen die Türkei, erkunden, was in Syrien seit der Invasion geschehen ist, bewerten die Wirksamkeit der anarchistischen Interventionen in Rojava und diskutieren, was andere auf der ganzen Welt aus den Kämpfen in der Region lernen können.

Dies ist ein wichtiges historisches Dokument, das sich auf mehrere Jahre Erfahrung und Reflexion stützt. Für Anarchist:innen, die sich jeder Form von Hierarchie und zentralisierter Gewalt widersetzen, wirft die Gründung bewaffneter Selbstverteidigungsorganisationen viele heikle Fragen auf. Das folgende Interview beantwortet sie zwar nicht abschließend, aber es wird jede Diskussion über diese Fragen bereichern.

Teil 2 des Interviews mit TA. Hier geht es zum ersten Teil. Hier geht es zum dritten Teil.


-Rückblickend auf die erste Phase der syrischen Revolution aus diesem Blickwinkel – gab es irgendwelche verpassten Gelegenheiten zu Beginn des Prozesses?

Garzan: Es ist sehr interessant, über die ersten Jahre der Revolution, den sogenannten arabischen Frühling, nachzudenken, um zu analysieren, wie die Ereignisse aufeinander folgten und uns dorthin brachten, wo wir heute sind. In dieser Zeit, vor fast zehn Jahren, haben sich viele verschiedene Kräfte gegen die Hegemonie von Assads Regime gestellt. Kurz gesagt, wir können sagen, dass die erste Welle der demokratischen Aufstände zusammenbrach, als die Situation zu einem bewaffneten Konflikt eskalierte – aber die Geschichte ist komplizierter als das. Diese Welle der demokratischen Aufstände war vielfältig und organisch, wie die in verschiedenen Städten organisierten Gemeinderäte mit einer revolutionären Perspektive. Es entstand ein Netzwerk von Gemeinderäten, beeinflusst durch das Leben und die Arbeit von Omar Aziz, einem syrischen Anarchisten, der aktiv an den Aufständen teilnahm, bis er verhaftet wurde und in den Gefängnissen von Damaskus starb. Diese Aufstände wurden von den westlichen Gesellschaften unterstützt, und das Regime wusste, wie gefährlich eine Bewegung sein kann, wenn sie die Unterstützung der westlichen öffentlichen Meinung gewinnt.

Auf der militärischen Seite markierte die Gründung der FSA (Freie Syrische Armee) in Opposition zur SAA (Syrisch-Arabische Armee) den Beginn des Bürgerkriegs. Das Assad-Regime bemühte sich, die revolutionären Kräfte zu zerschlagen und es anderen Strömungen zu ermöglichen, die Kontrolle über die Aufstände zu erlangen, was den salafistischen und anderen islamistischen Gruppen die Tür zur Machtübernahme öffnete. Sie ließen islamische Fundamentalisten aus den Gefängnissen frei, um Platz für die Aktivist:innen zu schaffen, die die Aufstände organisierten. Die militärische Eskalation schadete den demokratischen, sozialistischen und säkularen Bewegungen, während die salafistischen Gruppen eher daran gewöhnt waren, im Verborgenen und nicht als eine aufständische Kraft zu operieren. Als Daesh 2013 begann, nach Syrien einzudringen, spalteten sich mehrere islamistische Fraktionen von der FSA ab und schlossen sich ISIS an. Als al-Baghdadi 2014 das Kalifat in Mosul ausrief und ihre Truppen aus dem Irak nach Syrien zogen, begannen sie an den hinteren Linien der FSA vorzurücken. Mit dem Regime auf der einen Seite und ISIS auf der anderen wurden die Gebiete, die unter der Kontrolle der Opposition standen, unter den Flaggen des Kalifats zerschlagen.

In Rojava war die Situation anders. Die Erfahrung des langjährigen Widerstandes der kurdischen Bewegung, besonders in den letzten dreißig Jahren des Krieges gegen den türkischen Staat, hat sie gerüstet, die krampfhaften Wellen der Ereignisse zu meistern. Am Anfang gelang es der kurdischen Bewegung, die Vertreter des Assad-Regimes mit minimalem Einsatz von Gewalt zu verdrängen, indem sie einfach den Regimesoldaten zahlenmäßig überlegen waren und sie zwangen zu gehen. Die Kurd:innen nutzten die Gelegenheit in diesen konvulsiven Zeiten eine Revolution zu beginnen, aber sie hielten sich aus Misstrauen und Vorsicht von der arabischen Opposition fern. Wir sollten die Unterdrückung nicht vergessen, die die Kurd:innen als Minderheit erlebt hat – ihre Sprache wurde nicht anerkannt, ihre Nationalität in Frage gestellt und die Wahrscheinlichkeit, im Gefängnis zu landen oder in Armut zu leben war viel höher als bei den Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft.

Und selbstverständlich gab es auch Spaltungen innerhalb der kurdischen Bevölkerung. Bewaffnete kurdische Milizen waren gespalten zwischen der YPJ/YPG, die der PYD [eine politische Partei, die den Ideen des demokratischen Konföderalismus verpflichtet ist] loyal ist, Milizen, die mit der PDK-Syrien verbunden sind [eine politische Partei, die mit der PDK des Irak verbunden ist, der einflussreichsten Partei in der Regionalregierung Kurdistans im Irak], und anderen Milizen ohne klare Zugehörigkeit. Kurdische Milizen waren an einigen Zusammenstößen gegen das Regime beteiligt, aber die ersten größeren Zusammenstöße fanden statt, als die YPJ/YPG begann, gegen islamistische Gruppen wie Jabhat al-Nusra, den syrischen Zweig der al-Qaida, zu kämpfen. Als die Kämpfe eskalierten und sich der Krieg verschärfte, wurden schwächere Fraktionen von stärkeren Fraktionen absorbiert oder lösten sich einfach auf. Als ISIS 2013 begann, nach Syrien einzudringen, mussten sich die oppositionellen Fraktionen für eine Seite entscheiden – für Daesh oder gegen sie. Zu dieser Zeit begann eine Koordination zwischen der YPJ/YPG und anderen revolutionären Oppositionsgruppen unter dem Namen Euphrates Volcano. ISIS gewann an Boden und Stärke und begann mit der Belagerung von Kobanê, wo es schließlich besiegt wurde. Die SDF formierte sich und begann die Offensive gegen das Kalifat. Dieses Video bietet einen vollständigen Überblick darüber, wie sich das Territorium während des Konflikts verschoben hat.

Es ist schwierig zu bestimmen, was anders hätte verlaufen können. Wir können uns verschiedene Szenarien vorstellen, aber das wäre eine rein subjektive Spekulation.

Der erste Gedanke, der uns in den Sinn kommt, ist, dass, wenn Bashar al-Assad in den ersten Monaten des Aufstandes mit der Opposition verhandelt hätte, wir uns einen Übergangsprozess vorstellen können, in dem einige Reformen im syrischen Staat begonnen hätten, einige Zugeständnisse an die Opposition gemacht worden wären und Teile der Opposition nach einer Strategie von Teilen und Herrschen in den Staat integriert worden wären. Dies hätte die Bewegungen, die auf eine radikale Transformation drängen, isoliert – auf der einen Seite die kurdische revolutionäre Bewegung und auf der anderen Seite die salafistischen Gruppen wie al-Nusra. In diesem Szenario können wir uns eine kurdische politische Opposition vorstellen, die versucht, ihre Forderungen an die Übergangsregierung zu bringen; aller Wahrscheinlichkeit nach wären ihre Forderungen abgewiesen worden. Jeder Versuch einer revolutionären Bewegung in den kurdischen Gebieten wäre von der syrisch-arabischen Armee zerschlagen worden, die in diesem Szenario nicht damit beschäftigt gewesen wäre, die großen Städte zu verteidigen. Dieses Szenario beinhaltet keine Möglichkeiten, die revolutionäre Situation zu verbessern.

Ein zweites Szenario hätte eine organischere Koordination zwischen der revolutionären Opposition und der kurdischen Bewegung beinhalten können, in der eine breitere Revolution das Regime zu Fall bringen würde, bevor es die Unterstützung aus Russland festigen hätte können. Ich glaube, dies war das Szenario, das Bashar al-Assad am meisten gefürchtet hat, und deshalb hat er sich so sehr bemüht, die Opposition zu zerschlagen, die Mobilisierungen zu bombardieren und die Islamisten aus dem Gefängnis zu entlassen, um sicherzustellen, dass die Opposition von salafistischen Gruppen kontrolliert wird. Ein weiterer Faktor, der dieses Szenario schwierig machte, war das Fehlen einer bereits existierenden organisierten revolutionären arabischen Bewegung in Syrien, die vor der Revolution organische Verbindungen mit der kurdischen revolutionären Bewegung entwickeln konnte. Sobald der erste Schuss gefallen ist, machen es die Notfälle des Krieges sehr schwierig, neue Brücken zu bauen. Der bereits erwähnte »Euphrates Volcano« war ein guter Schritt in diese Richtung. Vielleicht hätte es schon früher passieren können, aber die Opposition war ein Mosaik aus verschiedenen Gruppen und Fraktionen, was es schwierig machte, eine Koordination mit einer formellen Organisation wie der kurdischen Befreiungsbewegung herzustellen. Nun können wir der kurdischen Bewegung vorwerfen, dass sie sich nicht mehr für dieses Szenario einsetzt, aber wir müssen verstehen, dass die erste große Begegnung zwischen der YPG und der FSA in der Schlacht von Aleppo stattfand, während Al-Nusra wiederholt das kurdische Viertel von Scheich Maqssod bombardierte. Diese Zusammenstöße erschwerten die Koordination mit der Opposition. Aber in einem Szenario mit besserer Koordination wäre Bashar al-Assad gefallen.

In einem dritten möglichen Szenario, in dem die Dinge anders hätten verlaufen können, hätte Kobanê 2014 an ISIS fallen können. In diesem Fall wäre die Revolution zerschlagen worden, Erdoğan wäre erleichtert und das Kalifat wäre immer stärker und stärker geworden. Das Spiel wäre vorbei. Dies hätte erhebliche geopolitische Auswirkungen haben können. Es gibt keine revolutionären Möglichkeiten in diesem Szenario.

In einem anderen potentiellen Szenario, von dem die kurdischen Ungterstützer:innen träumten, hätten die drei Kantone entlang der türkischen Grenze, die eine beträchtliche kurdische Bevölkerung haben, miteinander verbunden werden müssen. Nach der Befreiung von Kobanê starteten die YPJ/YPG die Kampagne, die Serêkaniye und Tal Abyad befreite und die Kantone Kobanê und Cizire miteinander verband. Die Operationen zur Verbindung mit dem letzten Kanton, Afrin, begannen aus beiden Richtungen. Dies war das Szenario, das die Türkei am meisten fürchtete: eine ganze Grenze unter der Kontrolle kurdischer revolutionärer Kräfte hätte ein Alptraum für das Regime von Erdoğan sein können. Als Manbij an der Kobanê-Front befreit wurde und sich die Afrin-Front über den Tal Rifat zu verlagern begann, startete die Türkei die Operation »Euphrats Schild«, ein verzweifelter Versuch, die Einrichtung eines vollständigen Korridors unter kurdischer Kontrolle entlang der Grenze zu blockieren. Das Rennen um Al-Bab wurde zu einer verrückten Situation von großer Bedeutung. Die Zusammenarbeit zwischen dem türkischen Staat und dem Islamischen Staat spielte eine entscheidende Rolle, wobei ISIS sich zurückzog, damit die türkische Armee diese Gebiete übernehmen konnte. Als die türkischen Soldaten die Tore von Al-Bab erreichten, war der Traum, die Kantone zu verbinden, vorbei.

Zum Schluss ist noch etwas über die Gründung der SDF zu erwähnen. Die SDF war ein militärischer Schirm, der zum Teil geschaffen wurde, um es der von den USA geführten Internationalen Koalition zu ermöglichen, die kurdischen Kräfte zu unterstützen, ohne mit der Türkei zu kollidieren. Die Türkei hat den Vereinigten Staaten gedroht, dass sie aus der NATO austreten würden, wenn die USA die YPJ/YPG unterstützen würden, also haben die USA den Schirm der SDF genutzt, anstatt die YPJ/YPG direkt zu unterstützen. Für die kurdische Befreiungsbewegung war dieser Schritt notwendig um das Überleben von Rojava zu sichern, um ISIS zu bekämpfen, ohne die Türkei die Revolution zerschlagen zu lassen. Gleichzeitig schuf er eine Abhängigkeit von der globalen imperialistischen Hegemonie, mit allen Widersprüchen und Problemen, die das mit sich bringt. Hätte es damals eine starke internationale revolutionäre Bewegung gegeben, hätten die Dinge ganz anders laufen können.

Heute sind wir aufgrund dessen, was vorher passiert ist, da, wo wir sind, und wir müssen daraus lernen. Als Internationalist:innen können wir sehen, dass unsere Rolle, auch wenn sie in einigen Medien weithin bekannt gemacht wurde, kaum mehr als symbolisch war. Wir sind weit davon entfernt, so etwas wie die 50.000 Internationalist:innen mobilisieren zu können, die im spanischen Bürgerkrieg gekämpft haben, und die meisten von uns waren keine sehr erfahrenen Revolutionäre, als wir hier ankamen. Aber wir haben die Gelegenheit, aus dem Kampf in Syrien zu lernen und die Pflicht, diese Erfahrungen auf andere revolutionäre Bewegungen zu übertragen. Eine klare Lektion ist, dass revolutionäre Bewegungen Zeit und Erfahrung brauchen, um darauf vorbereitet zu sein, eine bedeutende Rolle in jedem Konflikt zu spielen, denn der einzige Weg, wie wir es tun können, ist, eine Organisation zu entwickeln und eine Massenbewegung zu werden, die mit der Gesellschaft verbunden ist.

Eine Ausbildung, die von der TA angeboten wird, um die medizinischen Kapazitäten der Kämpfer:innen in den Syrischen Demokratischen Streitkräften zu erweitern, indem sie den kurdischen und arabischen Kämpfer:innen grundlegende medizinische Hilfe wie z.B. Druckverbände beibringt.

-Welche verschiedenen Szenarien könnt ihr euch vorstellen, was als nächstes in der Region passieren könnte? Wie können Aktionen oder Entwicklungen außerhalb der Region bestimmen, welches dieser Szenarien sich ereignen wird?

Garzan: Es ist schwierig, sich positive Szenarien vorzustellen. Es gibt eine Menge äußerer Faktoren, die die Entwicklung der Situation beeinflussen werden, aber ich kann mir drei wahrscheinliche Szenarien vorstellen.

1) Erstens könnten wir eine fortschreitende Deeskalation des Konflikts und eine Stabilisierung der Region sehen. Dies würde Verhandlungen zwischen der Selbstverwaltung und dem syrischen Staat mit der Vermittlung Russlands beinhalten, um eine Art formalen Status der Autonomie zu erreichen. Dies würde wahrscheinlich dazu führen, dass die politische Oppositionspartei, die mit der MSD (Meclîsa Sûrîya Demokratîk, das Organ der auf syrisch-nationaler Ebene arbeitenden autonomen Verwaltung) verbunden ist, bei den Wahlen in Syrien kandidiert, auf eine gewisse Demokratisierung und Reformen drängt, um Kurd:innen und andere Minderheiten anzuerkennen, und ein gewisses Maß an Selbstverwaltung für Nordost-Syrien formalisiert.

2) Alternativ könnten wir die Fortsetzung der türkischen Invasion sehen. Dies könnte passieren, wenn die Türkei grünes Licht bekommt, Kobanê anzugreifen und die Stadt zu besetzen, die ISIS aufgehalten hat, oder vielleicht eine andere Grenzstadt wie Dirbesiye oder Derik. Die Selbstverwaltung kann der Türkei nicht erlauben, mehr Territorium zu besetzen, also würde dieses Szenario wahrscheinlich zu einem »All-In« letzten Widerstand gegen die Invasion führen. Dies würde auch zu einer Neuorganisation des Daesh führen, wenn die Besatzungstruppen die Gefängnisse erreichen, in denen gefangen genommene ISIS-Kämpfer festgehalten werden, was die Destabilisierung der Region vertiefen würde.

3) In einem dritten Szenario, dem von den Revolutionären am meisten erwünschten, bricht das Regime von Erdoğan zusammen. Es ist möglich, dass Kämpfe an zu vielen offenen Fronten zu einer Krise des türkischen Staates führen könnten. Im Idealfall könnte die Rojava-Revolution zum Bauplan für Revolutionen in der Türkei und im Mittleren Osten werden und die Möglichkeit einer breiteren revolutionären Bewegung eröffnen.

Die verschiedenen Konflikte und Machtdynamiken im Mittleren Osten könnten für die Selbstverwaltung Nordost-Syriens Möglichkeiten eröffnen oder schließen mit verschiedenen Akteuren in der Region zusammenzuarbeiten. Die Staaten, die eine bedeutende kurdische Bevölkerung haben – die Türkei, der Iran, der Irak und Syrien, aber auch der Libanon und Armenien – werden diese Entwicklungen ebenso beeinflussen wie die geopolitischen Mächte, die Einfluss auf Syrien haben:Russland und die USA. Die nächsten Präsidentschaftswahlen in den USA könnten eine Veränderung für ihre externe Agenda bedeuten; es ist kein Geheimnis, dass Trump und Erdoğan nicht nur persönliche Beziehungen, sondern auch geschäftliche Interessen haben. Natürlich kann auch die öffentliche Meinung eine einflussreiche Rolle spielen. Der Widerstand des kurdischen Volkes hat weltweit die Aufmerksamkeit und Sympathie der Medien gewonnen.

Eine Ausbildung, die von der TA angeboten wird, um die medizinischen Kapazitäten von Kämpfer:innen in den syrischen demokratischen Streitkräften zu erweitern, indem kurdischen und arabischen Kämpfer:innen grundlegende medizinische Hilfe wie z.B. Druckverbände gelehrt wird.

Şahîn: Viele der oben genannten Faktoren sind Dinge, über die wir keine Kontrolle haben. Deshalb ist es sehr wichtig, darüber nachzudenken, wie wir uns in verschiedenen Szenarien positionieren würden und was dies für die heutige Organisation, Vernetzung und Vorbereitung bedeutet. Der Blick nach vorne kann uns helfen, unsere Schritte heute zu bestimmen, um gute Entscheidungen über die Dinge zu treffen, die wir kontrollieren können.

Es ist wichtig, über die Möglichkeiten dieser Region hinaus zu sehen und international zu handeln. Kein Ort auf der Welt, der es wagt, das Grundgerüst des Nationalstaates, des Kapitalismus und des Patriarchats in Frage zu stellen, kann in Isolation erfolgreich sein. Der Kampf der Menschen inRojava ist etwas, das wir in verschiedene Kontexte übersetzen müssen. Nicht kopieren und einfügen, sondern übersetzen. Unsere Şehîd – unsere Genoss:innen, die gefallen sind – sind eine große Inspiration für uns und wenn wir über dieses Thema sprechen, hallen die Worte von ş. Helîn Qaraçox (Anna Campbell) wirklich nach:

»Wenn wir siegreich sein wollen, müssen wir zugeben, dass unser Kampf heute ein Kampf um alles oder nichts ist, es ist die Zeit der Tapferkeit und der Entscheidung, die Zeit der Koordination und der Organisation, es ist die Zeit des Handelns.«

Wir wünschen uns mehr Menschen, die sagen, dass sie z.B. Rojava oder die YPJ unterstützen, um zu lernen, was das in der Tiefe bedeutet, um sich umzuschauen und ihre eigenen Kobanês anzustreben. Nicht im wörtlichen Sinne, sondern im Hinblick auf die Werte, die wir kollektiv aufbauen und die Notwendigkeit, sie zu verteidigen. Wir können ähnliche Herausforderungen in vielen Aspekten unseres Lebens finden. Wir brauchen nur den Willen zur Veränderung (The will to change – nebenbei bemerkt eines unserer Lieblingsbücher). Rojava kann nicht alleine überleben, trotz all der Unterstützung, die es bekommt. Ein starkes revolutionäres Engagement muss sich parallel auf globaler Ebene entwickeln.

Einsatznachfotos des Krankenwagens der TA-Sanitäter:innen an der Front. März 2019, Baghouz Fawqani.

-Wie hat sich die anarchistische Präsenz in Syrien im Laufe der Jahre verändert, von ihren Anfängen bis hin zur IRPGF und TA? Welche Entwicklungen oder Bedrängnisse haben diese Veränderungen verursacht?

Garzan: Die Anarchist:innen kamen nach Rojava, inspiriert von den Ideen der revolutionären Bewegung, dem Geist der internationalen Solidarität und dem Willen zur Schaffung einer staatenlosen Gesellschaft beizutragen. Am Anfang war jede:r Internationalist:in in die YPJ/YPG integriert, aber mit der Zeit wurden einige autonome Gruppen gebildet. Die IRPGF war die erste anarchistische Gruppe, die öffentlich ihre Anwesenheit in Rojava verkündete. Sie konzentrierten sich auf die militärischen Bemühungen, den Kampf gegen ISIS und auch auf die Produktion von Propagandamaterial, um die Welt wissen zu lassen, dass Anarchist:innen in Rojava kämpfen. Das war ein wichtiger Schritt, um Anarchist:innen, die an der Revolution teilnehmen, sichtbar zu machen. Doch die IRPGF war nicht in der Lage, eine solide Struktur zu entwickeln, die sie aufrechterhalten konnte und nach einem Jahr der Aktivität und einem weiteren Jahr der Inaktivität wurde sie offiziell aufgelöst.

Tekoşîna Anarşîst entstand mit der Absicht, die Revolution aus einer anarchistischen Perspektive kennen zu lernen und diese Erfahrungen auf unsere Bewegungen zu übertragen, nicht nur auf militärischer Ebene, sondern auch auf ideologischer, politischer und sozialer Ebene.

Die Interaktion mit anderen revolutionären Gruppen in Rojava zwang uns dazu, gründlicher darüber nachzudenken, was es bedeutet, eine revolutionäre Organisation zu sein, wie wir verstehen, was Engagement bedeutet, wie wir Strategie und langfristige Ziele konzipieren…

Eine Gedenkfeier für Lorenzo Orsetti (Tekoşer Piling), einem TA-Kämpfer, der beim letzten Vorstoß gegen die verbliebenen Daesh-Kräfte am Fluss Tigris in Baghuz Fawqani gefallen ist. Mai 2019.

Şahîn: Viele Anarchist:innen, die hier ankommen, haben bereits Kritik am identitätsbasierendem, liberalen oder subkulturellen Charakter von Teilen des Anarchismus im Westen geübt. Aber wenn du hier bist, spielen sich diese Kritiken jeden Tag auf einer persönlichen Ebene ab. Es ist eine ganz andere Kultur und es gibt viele Menschen und Strukturen mit einer langen Erinnerung an den Kampf. Also ist unsere eher kleine Gruppe hier nicht außergewöhnlich. Wir sind gezwungen, konservativer zu sein, wie wir uns selbst führen, die lokalen sozialen und revolutionären Codes und Konventionen zu lernen, einschließlich der lokalen Sprachen, und Beziehungen aufzubauen, die auf Vertrauen und nicht auf dem Lebensstil basieren. Das ist nicht immer einfach, aber es lohnt sich. Es spielt keine Rolle, was auf deinem T-Shirt steht (da wir nicht in T-Shirts herumlaufen und die Leute kein Englisch sprechen können), sondern wie du im Alltag nach deinen Werten handelst. Das bringt eine Tiefe und Aufrichtigkeit, die wir gesucht haben, aber oft an den Orten, von denen wir kommen, nicht finden konnten. Jede Herausforderung bringt Reflexionen und neue Perspektiven mit sich, und wir gehen hier in vielerlei Hinsicht durch Veränderungen. Eine der Aufgaben der Organisation ist es, eine gemeinsame Plattform für diese Reflexionen und Erfahrungen anzubieten, damit die Lektion, die eine Person lernt, zu einer Lektion für alle werden kann, damit wir uns gemeinsam auf eine kollektivere Art und Weise entwickeln können.

Dasselbe gilt für unsere Herangehensweise an Wissen, Fähigkeiten und Analysen. Unsere Mitglieder, die mit der Frauenbewegung arbeiten, tun dies nicht, um selbst Spezialist:innen zu werden, sondern um die Entwicklung aller zu erleichtern, genau wie die Genoss:innen, die neue Erfahrungen oder fortgeschrittene Kenntnisse auf dem Gebiet der Kampfmedizin haben. Sie müssen dafür sorgen, dass das Kollektiv zumindest auf einem grundlegenden Niveau aufholen kann. Mit Ideologie, Philosophie und anderen Perspektiven im Allgemeinen versuchen wir sicherzustellen, dass jede:r Zugang hat. Bei praktischen Projekten werden die Leute in den Arbeitsgruppen unweigerlich spezialisierter, dennoch sollten wir neuen Genoss:innen gegenüber inklusiv und offen sein Bildung anzubieten.

Wir halten es für wichtig, eine Organisation zu haben, die jeden Tag mit den Einheimischen und anderen Gruppen interagiert – einige Mitglieder gehen für Monate weg, um an verschiedenen Orten zu arbeiten – und die dennoch als Basis dient, um unsere Perspektiven und zukünftigen Ziele gemeinsam festzulegen. Wir sollten auch erwähnen, dass viele Anarchist:innen nach Nordost-Syrien kommen, ohne sich der TA anzuschließen, und sich anderen Strukturen anschließen. TA vertritt nicht alle Anarchist:innen und andere revolutionäre Internationalist:innen in der Region.

Ceren: Während der gesamten Rojava-Revolution hat sich eine Sache nicht geändert: nämlich dass die Mehrheit der anarchistischen Frauen und Nichtmänner, die nach Rojava kommen, sich nicht unserer spezifisch anarchistischen Struktur anschließen, sondern stattdessen der YPJ, der Frauenbewegung, oder einem anderen Teil der Bewegung hier beitreten. Viele Genoss:innen haben die Ansätze der Frauenbewegung als sehr kompatibel mit ihrer anarchistischen Politik gesehen. Ich denke, das ist etwas, was Anarchist:innen in den Orten, aus denen wir kommen, oft übersehen – dass es hier Anarchist:innen gibt, besonders Frauen, deren anarchistische Politik sie dazu bringt, sich anders zu organisieren als wir. TA ist eine anarchistische Struktur in Rojava, aber sie repräsentiert nicht die gesamte anarchistische Präsenz in Rojava. Anarchistische Tendenzen und Genoss:innen sind in der Bewegung selbst präsent. Viele der größten Veränderungen, die wir gesehen haben, haben in uns selbst stattgefunden. Unser Kollektiv hat sehr darum gekämpft, ein tieferes Verständnis für unsere eigene Politik und auch für die Ideen und Praktiken der Bewegung hier zu entwickeln, und wir sind der Bewegung hier in einigen Punkten näher gekommen, obwohl wir immer noch Unterschiede haben. Ich glaube, die Bewegung kommt auch dazu, uns besser zu verstehen.

Eine Gedenkfeier für Lorenzo Orsetti (Tekoşer Piling), ein TA-Kämpfer, der in Baghuz Fawqani während des letzten Vorstoßes gegen die verbliebenen Daesh-Kräfte am Tigris-Fluss gefallen ist. Mai 2019.

-Reflektiert über eure Erfahrungen mit TA als ein Experiment der anarchistischen Intervention und Solidarität.

Şahîn: Ich denke, die Art und Weise, wie wir hierher gekommen sind und hier handeln, ist ein Experiment anarchistischer Intervention und Solidarität. Unsere Kommentare weiter oben sollten den Unterschied zwischen Nächstenliebe und der Solidarität, die wir hier zu leben versuchen, verdeutlichen. Innerhalb dieser Solidarität gibt es auch Raum für kritische Standpunkte und den Raum, um nach einigen Misserfolgen voranzukommen. Ein vielleicht greifbares Beispiel ist die Annäherung an nicht-binäre, schwule und transsexuelle Genoss:innen. Wir halten es für wesentlich, dass trans- und nicht-binäre Freund:innen kommen und sich dem Kampf hier anschließen können; gleichzeitig ist es entscheidend zu verstehen, wie sensibel das Thema hier ist. Auf der Grundlage der Lehren aus der Vergangenheit versuchen wir, unterstützend zu wirken und ein integratives Umfeld zu schaffen, während wir uns mit den besonderen Bedingungen dieser Region auseinandersetzen, die manchmal sehr heikel sein können und von einigen Internationalist:innen nicht immer auf die vernünftigste Art und Weise angegangen wurden.

Botan: Wir bleiben militant in unserer Verpflichtung, uns mit Stolz als unser wahres Selbst zu zeigen, aber wir haben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt: der beste Weg, das hier zu tun, ist der Aufbau von Beziehungen. Es ist auch wichtig, sich nicht vorzustellen, dass die westlichen LGBTQ-Leute die einzigen sind, die sich ernsthaft und in gutem Glauben mit diesen Themen beschäftigen. Jineolojî und andere Strukturen, die sich mit der Frauenbefreiung befassen, greifen auch Gender-Themen auf, die über das hinausgehen, was wir uns als ausschließlich für Frauen vorstellen können. Diese Fragen sind hier noch lange nicht geklärt. Mit diesem Aspekt unserer revolutionären Aufgabe, wie auch mit anderen, haben wir gelernt, dass die Verbindung mit unseren Genoss:innen, auch mit denen, die nicht mit uns übereinstimmen, wichtig ist. Diese Ideen existieren nicht, es sei denn, sie existieren für uns in unserem täglichen Leben.

Es gibt hier viele queere Internationalist:innen, einige nichtbinäre Menschen und sogar einige Menschen, die einen medizinischen Wandel durchgemacht haben oder sich in einem medizinischen Wandel befinden. Es ist schwierig, aber nicht unmöglich, auf diese Weise als Internationalist:in hier zu existieren. Eine sichtlich transsexuelle Person, die hierher kommt, muss in Betracht ziehen ihren Kampf innerhalb dieser Gesellschaft als Teil ihrer Militanz zu sehen Wir haben aus der Erfahrung einiger TA-Mitglieder gesehen, dass manchmal Einheimische, die einen schlechten Blick auf Transsexuelle oder Schwule haben, immer noch bereit sind, mit uns als Genoss:innen zu arbeiten und mit der Zeit ihre Ansichten zu ändern, wenn sie uns als Menschen kennen lernen und unser Engagement für unsere gemeinsame Aufgabe sehen.

Şahîn: Ein weiteres besonderes Beispiel für anarchistische Intervention und Solidarität könnte die Analyse des Bedarfs an Kampfmedizin sein. Wir haben gesehen, dass es im Kampf der Bevölkerung, aus dem wir jeden Tag lernen, eine kleine Lücke gibt, bei der wir helfen können, sie zu füllen. Wir haben dies in einem früheren Interview näher erläutert:

»Unsere Teams waren definitiv nicht die ersten und auch nicht die einzigen, die in Nordost-Syrien als Kampfmediziner:innen arbeiteten, aber vor allem am Anfang war es eher selten. Wenn wir zurückblicken, sehen wir, dass es drei Ziele innerhalb dieser Arbeit gab. Erstens, diese Arbeit tun zu können, zu lernen und bereit zu sein, wann immer es nötig ist, durch unsere Arbeit Vertrauen zu gewinnen und den verletzten Genoss:innen so schnell wie möglich Hilfe zu leisten. Zweitens, mit den lokalen Kräften auf eine Art und Weise zu kooperieren, die durch die Praxis zeigt, dass dies eine sehr wichtige Arbeit ist, und darauf zu drängen, diese Rolle in den Reihen der SDF zu entwickeln. Und drittens, um zu sehen, wie wir das Wissen und die Fähigkeiten mit einigen interessierten Genoss:innen teilen können, um diejenigen, die diese Arbeit tun, zu vermehren, indem wir die Ausbildung für andere Gruppen organisieren, um mehr Hilfe an der Front zu leisten. Wir sahen, dass es nicht genug ist, eine Gruppe von Kampfmediziner:innen zu sein, und dass jede Person in der Lage sein sollte, ihren Genoss:innen zu helfen, wenn sie verletzt sind, und auch sich selbst zu behandeln. Wir haben uns selbst und Genoss:innen von anderen internationalistischen revolutionären Strukturen ausgebildet, und erst kürzlich haben wir zum ersten Mal eine Ersthelfer:innen-Ausbildung für SDF-Kräfte gegeben, was ein sehr wichtiger Schritt und auch eine angenehme Erfahrung war. Hier ist jeder ein:e Schüler:in und ein:e Lehrer:in zur gleichen Zeit; was wir lernen, geben wir einander weiter.«

Eine Gedenkfeier für Lorenzo Orsetti (Tekoşer Piling), ein TA-Kämpfer, der in Baghuz Fawqani während des letzten Vorstoßes gegen die verbliebenen Daesh-Kräfte am Tigris-Fluss gefallen ist. Mai 2019.

-Als Anarchist:innen, wie würdet ihr die Ziele beschreiben, die euch nach Rojava brachten? Wie meßt ihr das Ausmaß, in dem ihr diese Ziele erreicht oder nicht erreicht habt? Habt ihr in der Zeit, in der ihr dort gewesen seid, irgendeine Art von schleichender Ausweitung des Einsatzes bemerkt?

Garzan: TA setzt sich aus Anarchist:innen aus verschiedenen Teilen der Welt und mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen, aber das Hauptziel war immer, diese Revolution zu unterstützen und von ihr zu lernen, und fähiger zu werden, revolutionäre Bewegungen an unseren eigenen Orten zu organisieren. Dieses Unterstützen und Lernen gehört zu den kurzfristigen Zielen und es ist etwas, das Tag für Tag passiert, und wir können sagen, dass wir unseren bescheidenen Beitragan dieser Revolution leisten. Die eher langfristigen Ziele müssen mit der Zeit bewertet werden. Im Moment sind wir eine gefestigtere Struktur in Rojava. Es ist hier und außerhalb bekannt, dass Anarchist:innen zusammen mit anderen revolutionären Bewegungen und Organisationen Teil dieser Revolution sind. Aber die Ideen, die diese Revolution inspiriert haben, gehen weit über Rojava hinaus und bringen all diese verschiedenen revolutionären Bewegungen zusammen, um eine gemeinsame Front gegen die kapitalistische Moderne zu bilden.

Bei all dem ist die ursprüngliche Idee des Kommens, Lernens und Zurückgehens für einige von uns die gleiche geblieben. Für andere führten die Freund:innen, die wir hier trafen, die Verbindung mit dieser Gesellschaft, mit dem revolutionären Projekt, zu einem längerfristigen Engagement für dieses Land und die Menschen. Ein Ort wie dieser, ein autonomes Territorium, in dem sich Revolutionäre aus der ganzen Welt treffen und frei diskutieren können, bietet die Möglichkeit, die Idee des Aufbaus einer revolutionären Gesellschaft – mit all den Widersprüchen, die damit verbunden sind – in die Tat umzusetzen, ein Ort, an dem wir gemeinsam lernen und die Gesellschaft entwickeln können, von der wir geträumt hatten.

Botan: Viele Internationale kommen hierher, um zu erfahren, wie eine Revolution im wirklichen Leben aussieht. Viele von uns fühlen, dass es wichtig ist, anarchistische Prinzipien zu bringen und zu erheben, von denen wir sehen, dass diese Revolution Raum für sie hat und davon profitieren kann. Viele Leute kommen hierher, weil sie den Genozid an Kurd:innen, Armenier:innen und anderen nicht aus der Ferne beobachten wollen. Und natürlich werden die Rolle der Frauen in der Revolution und der Fokus auf die soziale Ökologie weithin respektiert und ziehen Teilnehmende aus dem Westen an.

Wir feiern Newroz und die militärische Niederlage des Daesh. März 2019, Baghouz Fawqani.

Şahîn: Mit dem Wachsen des Kollektivs, mit anderen Worten, mit all den Fehlern, die wir in den letzten drei Jahren gemacht haben, und dem Reflektieren darüber, hat sich eine Art Veränderung der Ziele vollzogen. Das kommt mit den Erfahrungen, die wir gemacht haben, und mit den Fähigkeiten und dem Vertrauen, daswir aufgebaut haben – und mit den Möglichkeiten, die es möglich machen, sich das vorzustellen. Es gibt Momente in unserer Vergangenheit, auf die wir nicht so stolz sind, aber auch Errungenschaften, die wir uns vor zwei oder drei Jahren nicht vorstellen konnten.

Wenn einige unserer Ziele eine konkretere Form annehmen, bringen sie kurzfristigere Herausforderungen mit sich. Zum Beispiel ist eines unserer Ziele als Anarchist:innen die Befreiung der Geschlechter, also ist die Befreiung der Frauen hier eines der Themen, von denen wir uns inspirieren lassen wollten. Es ist eine Sache, das zu sagen; es in die Praxis umzusetzen, ist eine ganz andere Sache. Das ist die Herausforderung, vor der wir jetzt stehen – den nicht-männlichen Teil der Organisation zahlenmäßig noch stärker zu machen, um den männlichen Teil auszugleichen (oder in der Überzahl zu haben), und um sicherzustellen, dass der »xweser« (autonome) Frauen- und nicht-männliche Teil in gewisser Weise zur treibenden Kraft der Organisation wird. Wir sprechen nicht von identitätsbasiertem Separatismus wie im Westen; vielmehr sehen wir die Integrität und Solidarität von Frauen und Nicht-Männern als ein Gegengewicht zu der Trägheit von Tausenden von Jahren toxischer Männlichkeit, die jeden Aspekt unseres Lebens und die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere sehen, beeinflusst. Zur Überraschung vieler mag dies einer der besten Orte auf der Welt sein, um dies herauszufinden. Nicht in einer geschlossenen anarchistischen Blase, sondern im Gegenteil, im alltäglichen Leben und im Organisieren mit den Menschen hier.

Das bezieht sich auf viele unserer Diskussionen. Als Anarchist:innen sind wir gegen den Staat, den Kapitalismus, das Patriarchat, etc. Aber wir sind mehr daran interessiert zu diskutieren, wofür wir sind, wie man dorthin kommt, wie man es verteidigt, was die Selbstverteidigung der Menschen in einem tieferen und weiteren Sinne beinhaltet. Mit Zeit und Erfahrung, sowohl positiv als auch negativ, versuchen wir, gemeinsame Perspektiven und Richtungen zu destillieren. Das bedeutet, einen Fahrplan rückwärts zu erstellen – mit dem Ziel, die weit entfernten Ziele, die Utopie, anzustreben, zu sehen, wo wir uns annähern (wie auch zu lernen, wo wir uns entfernen) und aus den Erfahrungen, die wir aus unseren Hintergründen haben, gemischt mit den Lektionen aus unserem Leben hier, gemeinsame Analysen zu erstellen, um gemeinsam herauszufinden, welche näheren Meilensteine wir anstreben müssen. Das hilft uns herauszufinden, wie wir uns konzentrieren und bestimmte Strategien und Taktiken wählen können. Nicht unbedingt einen Bauplan, aber mit der Zeit kamen wir zu dem Schluss, dass es uns helfen kann, ›unsichtbare‹ informelle Hierarchien und Stagnation zu benennen und ihnen entgegenzuwirken, wenn wir einige Formalitäten und gemeinsame Prinzipien für die Art und Weise, wie wir uns organisieren, haben. Ich schätze, das ist eine ziemliche »schleichende Ausweitung des Einsatzes« von den Zielen, mit denen viele von uns angekommen sind.

Ein Training, das von der TA angeboten wird, um die medizinischen Kapazitäten der Kämpfer:innen in den syrischen demokratischen Streitkräften zu erweitern, indem sie den kurdischen und arabischen Kämpfer:innen grundlegende medizinische Hilfe wie z.B. Druckverbände beibringt.

Aufgrund der Länge des Interviews teilen wir den Beitrag in drei Teile. Hier geht es zum ersten Teil. Hier geht es zum dritten Teil.

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