Ein Jahr seit der türkischen Invasion in Rojava: Interview mit Tekoşîna Anarşîst (Teil 1)

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Zur anarchistischen Beteiligung am revolutionären Experiment in Nordost-Syrien

Vor einem Jahr, mit dem Segen von Donald Trump, drangen türkische Streitkräfte in Rojava. Mittels ethnischen Säuberungen, Hinrichtungen im Schnellverfahren und der Vertreibung Hunderttausender versuchten sie das Gebiet neu zu strukturieren. Seit 2012 findet in der autonomen Region Rojava ein Experiment der Selbstbestimmung und der Autonomie der Frauen (unter Beteiligung sämtlicher Bevölkerungsgruppen) statt – und das während sie gegen den Islamischen Staat (ISIS) kämpften. Anarchist:innen beteiligten sich am Widerstand gegen die türkische Invasion, einige als Sanitäter:innen vor Ort in Syrien und andere im Rahmen einer internationalen Solidaritätskampagne. Bis zum heutigen Tag besetzen die türkischen Streitkräfte weiterhin einen Teil des syrischen Territoriums, von der Eroberung der gesamten Region wurden sie jedoch abgehalten.

Anarchist:innen aus der ganzen Welt beteiligen sich seit vielen Jahren an dem Experiment in Rojava. Sie schlossen sich zur Zeit der Verteidigung von Kobanê gegen den Islamischen Staat den YPJ und YPG (»Volksverteidigungseinheiten«) an und gründeten später ihre eigenen Organisationen, darunter die Internationalen Revolutionären Volksguerillakräfte (IRPGF, International Revolutionary People’s Guerrilla Forces) und zuletzt Tekoşîna Anarşîst (»Anarchistischer Kampf« oder TA), die im Herbst 2017 gegründet wurde. Im folgenden ausführlichen Interview vergleichen mehrere Teilnehmende der TA ihre Erfahrungen im Kampf gegen den Islamischen Staat und im Kampf gegen die Türkei, erkunden, was in Syrien seit der Invasion geschehen ist, bewerten die Wirksamkeit der anarchistischen Interventionen in Rojava und diskutieren, was andere auf der ganzen Welt aus den Kämpfen in der Region lernen können.

Dies ist ein wichtiges historisches Dokument, das sich auf mehrere Jahre Erfahrung und Reflexion stützt. Für Anarchist:innen, die sich jeder Form von Hierarchie und zentralisierter Gewalt widersetzen, wirft die Gründung bewaffneter Selbstverteidigungsorganisationen viele heikle Fragen auf. Das folgende Interview beantwortet sie zwar nicht abschließend, aber es wird jede Diskussion über diese Fragen bereichern.


Für mehr Hintergrundinformationen über die türkische Invasion in Rojava, lies »The Threat to Rojava« und »Why the Turkish Invasion Matters«; für Hintergrundinformationen über die Agenda der türkischen Regierung in der Region, lies »The Roots of Turkish Fascism«, verfasst von türkischen Anarchist:innen.

Ein Glossar mit Akronymen und kurdischen Begriffen, die in diesem Interview verwendet werden, erscheint als Anhang.

Deutsche Übersetzung des Interviews mit Tekoşîna Anarşîst von CrimethInc


TA-Solidaritätsfoto für Black Lives Matter.


-Was ist seit dem Angriff der Türkei auf Rojava im Oktober 2019 geschehen?

Garzan: Wir haben in unserem letzten Interview über die humanitäre Krise nach der türkischen Besetzung gesprochen. Seit dieser Invasion hat Rojava die längste Periode ohne aktive Frontkämpfe erlebt, die wir mitbekommen haben. Es gibt immer noch Operationen gegen die ISIS-Schläferzellen in Deir Ezzor und gelegentliche Angriffe der türkischen Armee an der Front bei Ain Issa, Manbij und Til Temir, aber die SDF (»Syrian Democratic Forces«, die Dachorganisation der Streitkräfte, die zur Verteidigung der Autonomen Selbstverwaltung Nordost-Syriens kämpfen) nimmt sich diese Zeit, um sich auf den nächsten großen türkischen Angriff vorzubereiten. Die Militärakademien bilden neue Kräfte aus; die Städte in der Nähe der Front bereiten ihre Verteidigungssysteme vor, graben Tunnel und schaffen andere Infrastrukturen zur Selbstverteidigung. Die diplomatischen Organe der Selbstverwaltung arbeiten daran, Vereinbarungen mit verschiedenen Kräften innerhalb und außerhalb Syriens zu treffen und drängen auf politische Lösungen, denn diese Revolution sucht den Frieden, weiß aber, dass wir für den Krieg bereit sein müssen.

Mazlum: Die militärische Invasion der Türkei und ihrer Proxies im Nordosten Syriens ist ein fortlaufender Prozess, der bis heute andauert. Der Angriff auf diese Region umfasst alle Bomben und Raketen, die auf die Häuser der Menschen abgeworfen wurden, alle verbrannten Ernten, alle Menschen, die getötet wurden, einschließlich unserer Genoss:innen und unzähliger Kinder, jede Kugel, die auf dieses Land geschossen wurde, jedes verlorene Haus, alle Menschen, die jetzt Flüchtlinge in ihrem eigenen Land sind. Aber all das ist nur ein Teil von dem, was geschieht. Der türkische Staat führt auch spezialisierte Kriegsführung in den Bereichen Information und Propaganda, Geheimdienst und Spionage durch – er schränkt die Freiheit der Frauen ein, blockiert den Zugang zu Wasser und anderen lebenswichtigen Ressourcen, löscht die Kultur aus, sabotiert die Wirtschaft und untergräbt die Ökologie. Sie spielen Kriegsdiplomatie im großen Stil. Zum Beispiel hat die Türkei nach der Eroberung von Serêkaniye im Jahr 2020 den SDF-Friedhof der Stadt – auf dem die Menschen, die im Kampf gegen Daesh [den Islamischen Staat] getötet wurden, begraben sind – in eine Militärbasis für die dschihadistischen Fraktionen der SNA verwandelt. Dies veranschaulicht, wie diese Kriegsführung durchgeführt wird.

Stellt euch einen intensiven Kfampf an der Front vor. Stellt euch dann das Äquivalent zu dem vor, was täglich in allen Bereichen außer dem physischen Kampf mit Waffen stattfindet. Das ist es, was seit dem Beginn der Invasion im Jahr 2018 in Afrin und nun nach der Einnahme von Serêkaniye im Jahr 2019 geschieht. Die Invasion hat nie aufgehört. Es ist ein Krieg mit geringer Intensität, in dem die Spannung konstant ist, aber Zusammenstöße kommen selten vor. Die Hauptbewegungen finden auf einer anderen Ebene statt, indem sie die geopolitischen Bedingungen in der Region festlegen und den Weg für die nächste militärische Offensive vorbereiten.

Botan: Es hat auch Probleme mit den Daesh-Gefangenen gegeben – Gefängnisaufstände und Gefängnisausbrüche. Die Selbstverwaltung bekommt wenig oder gar keine Unterstützung dafür, die Fälle der gefangenen Daesh gerichtlich zu bearbeiten, und trägt weiterhin die Last, sie unterzubringen, während sie sich auf die Verteidigung gegen weitere türkische Angriffe vorbereitet. Die Türkei hat auch Revolutionäre im Rahmen von Drohnenangriffen auf zivile Gebiete ins Visier genommen – zum Beispiel die Ermordung von drei Frauen von Kongra Star in Kobanê im Juni.

Der Blick aus dem Krankenhaus von Serêkaniye während der Kämpfe und der Bombardierung der Stadt während der türkischen Invasion.

-Wie haben die türkische Invasion und COVID-19 das Leben der Menschen in Rojava beeinflusst?

Garzan: Wir haben in unserem letzten Interview auch besprochen, wie sich COVID-19 auf Nordost-Syrien ausgewirkt hat. Die erste Welle im März infizierte weniger als 50 Menschen, zum Teil dank der schnellen präventiven Reaktion der Selbstverwaltung und zum Teil wegen des Embargos und der Blockade, die es sehr schwierig machen, ein- und auszureisen. Unglücklicherweise fand im September ein zweiter Ausbruch statt, der vom Flughafen Qamişlo ausging (der vom syrischen Staat kontrolliert wird) und sich über die wichtigsten Städte im Nordosten Syriens ausbreitete. Im Moment haben wir etwa 1800 bestätigte Fälle und 70 Todesfälle, aber aufgrund des Mangels an medizinischen Einrichtungen, die Tests durchführen können, ist es möglich, dass die Zahlen höher liegen. Die Selbstverwaltung erließ zu Beginn vorbeugende Maßnahmen, verbot Reisen zwischen den Städten und ermutigte zur Verwendung von Masken. Es gab auch eine Sperrstunde für Geschäfte und andere öffentliche Orte, ausgenommen Lebensmittelgeschäfte und Apotheken, die nur einige Stunden am Morgen öffnen durften. Im Allgemeinen nahmen die Menschen das Virus in dieser zweiten Welle etwas ernster, aber nach Jahren des Krieges ist es für die Bevölkerung schwierig, eine unsichtbare Bedrohung ernst zu nehmen, und soziale Distanzierungsmaßnahmen sind in einer Gesellschaft, die so stark auf Gemeinschaft, auf dem gemeinsamen Leben basiert, schwer zu befolgen.

Eine detaillierte Diskussion von zwei internationalistischen medizinischen Freiwilligen , wie Nordost-Syrien mit der Coronavirus-Pandemie umgeht, kannst du hier auf Russisch lesen. Updates zu diesem Thema sind im Rojava Information Center erhältlich.

Der Blick aus dem Krankenhaus von Serêkaniye während der Kämpfe und der Bombardierung der Stadt während der türkischen Invasion.

-Beschreibe die Unterschiede zwischen dem Kampf gegen ISIS und dem Kampf gegen das türkische Militär. Was waren die verschiedenen Herausforderungen, taktisch, politisch und auch emotional?

Garzan: Der offensichtlichste Unterschied ist die Militärtechnologie, die der Feind benutzt. ISIS kämpfte mit Gewehren und kleiner Artillerie; sie spezialisierten sich auf Autobomben, Selbstmordattentate und gut gemachte IEDs (improvisierte Sprengsätze). Der türkische Staat kämpft mit Proxy-Milizen, die über Panzer und Luftunterstützung durch Drohnen und Kampfflugzeuge verfügen. Es sind jedoch nicht viele türkische Soldaten an der Front; am Boden ist der Feind derselbe wie vorher. Es ist weithin dokumentiert, wie die ISIS-Kämpfer die schwarzen Flaggen des Islamischen Staates weggeräumt haben, um unter der roten Flagge des türkischen Staates zu kämpfen, so dass sie jetzt Luftunterstützung von einer Armee haben, die in die NATO involviert ist. Dies zwang uns, die Taktik zu ändern – wie wir uns bewegen, wie wir sowohl militärische Kräfte als auch Zivilist:innen verteidigen. Die Fronten sind nicht mehr die Schützengräben, in denen die YPJ/YPG gekämpft haben, und auch nicht die Wüsten, welche die SDF von ISIS befreit hat. Jetzt ist die Front überall dort, wo türkische Flugzeuge und Drohnen fliegen können.

Politisch ist es auch eine große Herausforderung. Als wir gegen ISIS kämpften, verstand jede:r, dass es ein Kampf für die ganze Menschheit war, um eine Form des theokratischen Faschismus zu stoppen, der mit brutale Folter und Hinrichtungen Propaganda machte. Aber jetzt, wo der türkische Staat das fortsetzt, was ISIS nicht erreichen konnte, sind die Herausforderungen viel größer. Nicht nur sind die militärischen Kräfte und die Technologie des türkischen Staates viel fortschrittlicher als die des Islamischen Staates, ihre politische und mediale Kriegsführung ist stärker, was die SDF und die Selbstverwaltung zwingt, sich sehr um diplomatische Beziehungen mit anderen Mächten zu bemühen, um das befreite Territorium zu verteidigen. Diplomatische Beziehungen aufrechtzuerhalten bedeutet auch, eine Erzählung zu entwerfen, die von anderen Kräften unterstützt werden kann, denn wenn die Selbstverwaltung offen über einen revolutionären Horizont des demokratischen Konföderalismus spricht – d.h. über die Überwindung der Nationalstaaten und den Sturz des Kapitalismus und des Patriarchats – wird es für Erdoğan einfach sein, von den Supermächten grünes Licht für die Auslöschung dieses befreiten Territoriums zu bekommen.

TA-Sanitätseinheit in Baghouz Fawqani, Februar 2019.

Şahîn: Es gibt ein erhöhtes Risiko für die Internationalen, besonders für diejenigen, die mit Waffen an der Front kämpfen. Mehrere Staaten, die nicht hinter »ihren Bürger:innen« her waren, weil sie hierher gekommen sind, um gegen ISIS zu kämpfen, haben ihre Politik geändert oder aufgehört wegzuschauen und verfolgen nun Leute, die zurückkehren viel härter. Und nicht nur Kämpfer:innen. Dies sollte die Entscheidung, hierher zu kommen, nicht beeinflussen, aber es ist wichtig, die Risiken zu verstehen und uns so zu positionieren, dass wir sie minimieren können, ohne unseren Kampfwillen zu verringern.

Ein anderer Unterschied, und für mich war das ein großer Unterschied, war ein emotionaler. Die letzten Jahre gegen Daesh waren wir in der Offensive – auf der befreienden Seite. Wie gefährlich der Feind auch war, es gab Wege, den Kampf zu führen. Im Kampf gegen die Türkei waren wir auf der verteidigenden Seite, in einer Situation, in der manchmal die Front hinter uns war und wir nicht sicher sein konnten, wie die Dinge ausgehen würden. Es ist wichtig zu glauben, dass es wieder Wege nach vorne geben wird, dass wir dieses Land verteidigen und befreien werden, was verloren ging; doch inmitten dieser Realität fordert dieser Prozess seinen Tribut. Es ist eine der härtesten mentalen Prüfungen, die man durchmachen kann. Aber wenn wir die Möglichkeit des Sieges nicht wahrnehmen können, können wir niemals gewinnen. Das bedeutet, dass wir einen starken Glauben haben und klüger sein müssen, um die Achillesferse des Feindes zu erkennen. Es mag gut versteckt sein, aber es wäre ein großer Fehler zu sagen, dass sie, nur weil sie stärker und größer sind, unschlagbar sein müssen.

Mazlum: Die emotionale Herausforderung, die mir auffällt, ist, militärische Disziplin in Situationen anwenden zu müssen, in denen das Leben von Menschen direkt auf dem Spiel stand und wir ihnen helfen konnten, aber auf Befehl der Befehlskette konnten wir nicht das tun, was wir nach unserem eigenen Urteil für notwendig erachteten. Es gab viele Situationen wie diese. Zum Beispiel erfuhren wir einmal, dass einige Kilometer weiter unten auf der Straße mehrere Genoss:innen von einem Drohnenangriff getroffen worden waren. Wir wussten, dass sie verwundet waren, aber immer noch lebten. Wir wussten auch, dass eine Drohne die Gegend umkreiste und darauf wartete, dass Leute kamen, um den Verwundeten zu helfen, damit sie wieder zuschlagen konnten. Aus diesem Grund gab es einen strikten Befehl, sich nirgendwo hin zu bewegen – und wir konnten einen solchen Befehl verstehen, nachdem wir mit eigenen Augen gesehen hatten, wie andere Genoss:innen bombardiert und getötet wurden, weil es ihnen an Disziplin mangelte und sie sich zu der Zeit bewegten, als ihnen gesagt wurde, sich unter keinen Umständen zu bewegen. Gleichzeitig wussten wir, dass unsere Genoss:innen bluteten und dass der Unterschied zwischen Leben und Tod in einem solchen Fall in Sekunden berechnet wird. Wir wussten, dass die Wahl zwischen dem fast sicheren Tod mehrerer Genoss:innen und der Entsendung eines Sanitäter:innenteams bestand, um sie zu retten, das wahrscheinlich ebenfalls bombardiert und getötet werden würde. In solchen Momenten kann man sich nur vorstellen, was in den Köpfen der verwundeten Genoss:innen vor sich geht und was man fühlen und denken würde, wenn man verbrannt und blutend am Boden liegen würde und sich bewusst wäre, dass man als Falle benutzt wird. Das ist eine spezifische psychologische und taktische Situation, mit der wir zu tun hatten. Diese Strategie wird vom türkischen Militär bewusst eingesetzt, indem es sich die psychologischen Auswirkungen von Luftangriffen, Drohnenüberwachung und Raketen zunutze macht.

SDF hatte dies bereits in den Jahren 2016-2017 bei Zusammenstößen um Al-Bab erlebt, als die Türkei Drohnen und Luftangriffe einsetzte. Im Krieg gegen Daesh konnten wir die Positionen der Dschihadisten sehen, die von Luftangriffen getroffen wurden. Jetzt sind wir die Ziele, die von den ausgebildeten Operatoren der zweitgrößten Armee der NATO kalt beobachtet werden.

Das Krankenhaus von Serêkaniye während der Kämpfe und der Bombardierung der Stadt während der türkischen Invasion.

-Wie hat sich das Verhältnis zwischen der Selbstverwaltung und den Vereinigten Staaten im letzten Jahr verändert? Was scheinen die aktuellen Prioritäten der Vereinigten Staaten in der Region zu sein?

Şahîn: Man konnte dem US-Militär an der Front im Kampf gegen Daesh in Feldlazaretten, Artilleriepunkten und durch Luftunterstützung begegnen. Das passiert nicht an den Fronten gegen die Türkei.

Die Türkei begann ihre Offensive ein paar Tage nachdem Trump den Rückzug der USA aus Syrien angekündigt hatte. Das war alles inszeniert; die USA würden die Ölfelder nicht so einfach verlassen – und das haben sie auch nicht. In den Monaten vor der Invasion positionierte sich die US-Armee als Vermittler und schloss verschiedene Vereinbarungen mit der Türkei und der SDF unter dem Vorwand, eine ›friedliche‹ Lösung sicherzustellen. Am Ende kooperierte die SDF zur Frustration vieler, indem sie mehrere Verteidigungspositionen aufgaben, schwere Waffen 30 Kilometer vor der Grenze zurückzog, das Personal an den militärischen Grenzpunkten verringerte und türkische bewaffnete Fahrzeuge zusammen mit US-Fahrzeugen innerhalb der befreiten Zone patrouillieren ließ.

Nichts davon war von Bedeutung. Trump traf seine rücksichtslose Entscheidung. Am Ende schwächten all diese Schritte nur die Verteidigung und erleichterten die Invasion von Erdoğan und seinen Dschihadisten-Proxies.

Nicht jede:r in Nordost-Syrien ist ein:e Revolutionär:in. Einige sahen die USA als eine positive Kraft, angesichts der Tatsache, dass sie dabei halfen, Daesh zu verjagen und auf der Seite der Heval [»Freund:innen« in Rojava] standen, die eine echte Alternative zu Kräften wie Bashar Assads Regime, ISIS oder TFSA [die von der Türkei unterstützte Freie Syrische Armee – die von der Türkei unterstützten Dschihadistengruppen bei der Besetzung Nordsyriens] darstellen. Nach diesem Verrat verstand jede:r in der Region die andere Seite des Schwertes der US-Politik. In der ganzen Gesellschaft wurden schnell Gefühle des Misstrauens deutlich.

Die SDF verstehen, dass der Bürgerkrieg in Syrien komplexe Herausforderungen mit sich bringt. Daher haben sie nicht den Weg der Vergeltung eingeschlagen, sondern versuchen, sich so zu positionieren, dass sie die Verteidigung der Bevölkerung so weit wie möglich sicherstellen. Auf dem Feld bedeutet dies, dass die Zusammenarbeit mit der US-Armee an einigen Orten weitergeht, obwohl die SDF voll und ganz versteht, dass die USA ihre Waffen nicht gegen die Türkei richten würden, um Nordost-Syrien zu verteidigen. Diese Widersprüche sind schwer zu verstehen und die SDF trägt Verantwortung gegenüber vielen verschiedenen Gruppen, die sehr schwer zu erfüllen sind.

Garzan: Was die Prioritäten der USA betrifft, können wir Henry Kissinger zitieren: »Amerika hat keine Freunde oder Feinde, nur Interessen.« Es gibt verschiedene Agenden hinter der US-Politik, und manchmal passen sie nicht einmal zueinander. Die Widersprüche zwischen dem Weißen Haus und dem Pentagon waren bei mehreren Gelegenheiten sichtbar. Als Trump erklärte, dass die US-Truppen in Syrien bleiben würden, um die Kontrolle über die Ölreserven zu behalten, und sich von den Grenzpositionen entfernten, wo die Türkei im Begriff war einzumarschieren, war das ein Hinweis auf unterschiedliche Prioritäten. Auf der einen Seite wollte das Weiße Haus Erdoğan gefallen, der Russland zu nahe kam und die Stabilität der NATO bedrohte. Auf der anderen Seite wollte das Pentagon die Ausbreitung des iranischen Einflusses des Schiitischen Halbmondes kontrollieren und die Fortschritte der schiitischen Milizen im Kampf gegen ISIS im Irak und in Syrien eindämmen. Ostsyrien verfügt über eine Reihe von Öl- und Gasvorkommen, und die US-Regierung wollte verhindern, dass die schiitischen Milizen die Kontrolle über sie erlangen und den Iran davon abhalten, einen vollständigen schiitischen Korridor zum Mittelmeer einzurichten, der den Iran, den Irak, Syrien und den Libanon verbindet.

Auf dem Boden sieht das aus, dass große gepanzerte Fahrzeuge mit US-Flaggen auf den Straßen austauschbarer Dörfer umherfahren und und Süßigkeiten an Kinder verteilen. Sie tauschten Bilder davon in sozialen Netzwerken aus und versuchten, sich von den Bildern von vor einem Jahr zu entfernen, als Kurd:innen nach dem Verrat, der zur türkischen Invasion führte, Steine und Tomaten auf ihre Autos warfen. Die Koalition [d.h. die SDF] führt Operationen gegen ISIS durch und unterstützt die Razzien der Antiterrortruppen gegen die Schläferzellen, aber sie führt auch Operationen in türkisch kontrollierten Gebieten durch, wie die, die scheinbar Abu Bakr Al-Bagdadi, den Führer des Islamischen Staates, getötet hat. Diese Operation wurde weltweit publik gemacht, wobei manchmal auch die nachrichtendienstliche Unterstützung durch die SDF erwähnt wurde.

-Rückblickend, wie sehen die Kämpfer:innen in Rojava die Beziehungen mit der US-Regierung, die zu der türkischen Invasion geführt haben?

Mazlum: Nur sechs Monate vor der türkischen Invasion, im Oktober 2019, hat die SDF Daesh in der Schlacht von Baghuz Fawqani militärisch besiegt, nach mehreren Jahren des Kampfes, der im Allgemeinen von der ›internationalen Gemeinschaft‹ unterstützt wurde. In diesem Zusammenhang gab es eine gewisse Vermutung, oder vielleicht besser gesagt eine Hoffnung, dass die internationale Gemeinschaft aus diesem Grund eine Invasion, die zum Abschlachten von Menschen im Nordosten Syriens führen würde, nicht zulassen würde. Daran hielten die Leute nicht bis zum letzten Moment fest, aber es war eine Frage, die sich jede:r stellte. Jetzt können wir zurückblicken und fragen: Was ist die internationale Gemeinschaft? Verstehen wir das als all die Menschen, Institutionen und Medien auf der ganzen Welt, die eine aktive internationale politische Haltung einnehmen und sich zu diesem Thema äußern? Oder ist es die Gruppe der Staatsoberhäupter mit ihren Ministerien und geopolitischen Interessen? Wenn letztere, dann können wir nichts anderes erwarten als die Entitäten, die heute Waffen an die Türkei verkaufen, morgen den Krieg verurteilen und übermorgen die Bedeutung und Unterstützung des NATO-Bündnisses bekräftigen, während sie gleichzeitig Wellen der Repression gegen die kurdische Befreiungsbewegung in ihren eigenen Ländern durchführen. Ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment und den Staaten ist etwas, das Anarchist:innen mit vielen Menschen im Nordosten Syriens teilen. »Es gibt keine Freunde außer den Bergen« (Ji bilî çiya hevalên me tune ne), wie das kurdische Sprichwort sagt.

Und wenn wir unter der ›internationalen Gemeinschaft‹ all die Menschen, Institutionen und Medien auf der ganzen Welt verstehen, können wir uns einig sein, dass es wichtig ist, dass die Menschen über das, was geschieht, sprechen und es verbreiten. Aber ehrlich gesagt, wenn wir darauf hoffen wollen, dass die internationale Gemeinschaft die Invasion stoppt, müsste sie nicht nur gegen die Invasion protestieren, sondern vielmehr dagegen kämpfen und die türkische Kriegswirtschaft stören. Außerdem können wir sehen, dass wir als Anarchist:innen keine starke revolutionäre Bewegung haben, die stark genug ist, um ein Beispiel zu geben, dem man folgen könnte.

Die Frage an uns ist dann: wie sehr können wir uns auf den vagen Begriff ›die internationale Gemeinschaft‹ verlassen, wenn wir unsere Gesellschaften gerade jetzt verteidigen und verändern müssen? Und was ist es, das wir aufbauen und auf das wir uns verlassen können, damit wir nicht allein sind, wenn die Bomben auf unsere Köpfe fallen? Nicht nur im Hinblick darauf, dass wir in diesen Momenten physisch an der Seite unserer Genoss:innen sind, sondern vielmehr auf der Ebene des aufrichtigen Gefühls mit unseren Herzen, dass das, was wir verteidigen und wofür wir kämpfen, mit anderen Menschen und Orten auf der ganzen Welt verbunden ist?




Şehîd-Zeremonie für Kämpfer:innen der SDF und kommunistischen revolutionären Parteien aus der Türkei, die im Kampf gegen die türkische Besatzung gefallen sind.


-Wie hat sich das Verhältnis zwischen der Selbstverwaltung und Russland verändert?


Garzan: Die Beziehungen zu Russland waren schwierig seit sie Afrin 2018 an die türkische Invasion übergeben haben. Das war ein großer Verrat. Es führte dazu, dass die Selbstverwaltung sich mehr auf die USA verließ, bis sie das Gleiche taten und Serêkaniye und Gire Spi der türkischen Besatzung übergaben. Seit dem können wir beobachten, wie die Selbstverwaltung mehr Initiative in den diplomatischen Beziehungen mit der Russischen Föderation ergriff und versuchte, das Regime zu übergehen, um mit denjenigen zu verhandeln, die wirklich die Entscheidungen in Syrien treffen. Es ist wichtig, sich die große Zahl der Kurd:innen vor Augen zu halten, die in Russland leben – viel mehr als in den USA – was in Bezug auf die Diplomatie hilft.

Ihre Politik scheint immer ein Gleichgewicht zwischen den Beziehungen zu den USA und Russland zu finden. Zum Beispiel besuchte Ilham Ahmed, Vertreter des Syrischen Demokratischen Rates, Moskau einige Monate nach einer Konferenz im Weißen Haus. Nach der Vereinbarung über die Ölfelder in Deir Ezzor mit der undurchsichtigen amerikanischen Firma Delta Crescent wurden die Verhandlungen über die Gasfelder mit Gazprom, dem wichtigsten Energieunternehmen, das mit dem russischen Staat verbunden ist, eröffnet. Russland ist ein sehr pragmatischer Staat, was die Diplomatie betrifft – aber Russland konzentriert sich mehr auf die Türkei, nicht nur bei den Verhandlungen über Waffenverkäufe und andere wirtschaftliche Interessen, sondern auch, um sie von der NATO wegzubringen und die Vormachtstellung der USA zu schwächen.



Einsatznachfotos des Krankenwagens der TA-Sanitäter:innen an der Frontlinie. März 2019, Baghouz Fawqani.



-Wie ist das Machtverhältnissmomentan zwischen Assads Regierung und der Selbstverwaltung?

Şahîn: Die SAA [syrisch-arabische Armee, die militärische Kraft des syrischen Staates] ist an einigen der Fronten mit der Türkei präsent, obwohl dies eher eine Frage der Diplomatie ihrerseits ist. Es gibt einen gemeinsamen Feind, aber sehr unterschiedliche Ziele. Folglich haben sie viel weniger den Willen, gegen die Türkei zu kämpfen und ein anderes Verhältnis zu den Verbündeten.

Der Konflikt mit dem Assad-Regime ist eher politischer und wirtschaftlicher Natur. Genoss:innen verschwenden keine Energie und Ressourcen, um die SAA anzufechten und es wäre nicht die beste Wahl. Die Verhandlungen scheiterten, weil die Positionen zu unterschiedlich und zu hartnäckig waren, um einen gemeinsamen Weg zu finden. Assad versucht, die Revolution zu untergraben, indem er den Bäuer:innen bessere Preise anbietet, den Strom kappt und ähnliche Taktiken anwendet. Er hat keine Unterstützung bei der kurdischen Bevölkerung im Nordosten Syriens, aber bei der arabischen und assyrischen Bevölkerung ist es komplexer. Er versucht, das Spiel von Teilen und Herrschen zu spielen. Genoss:innen wissen das. Es ist bereits eines der Ziele der Revolution – demokratischer Konföderalismus – nicht, die neue Gesellschaft auf eine einzige nationale oder ›ethnische‹ Identität zu gründen, sondern Wege zu finden, wie verschiedene Gemeinschaften zusammenleben können, vielleicht mit semi-autonomen Gebieten auf demselben Land. Dies ist einer der Schlüsselpunkte der staatenlosen Lösung, die auf Öcalans Vorschlag basiert.

Garzan: Assads Regierung basiert auf der Logik des Nationalstaates. Sie überlebten den Krieg durch den äußeren Einfluss Russlands, aber auch durch den inneren Einfluss harter nationalistischer Fraktionen, wie der nationalen sozialistischen Partei Syriens. Dies macht es ihnen unmöglich, den Vorschlag der demokratischen Nation und das von der Selbstverwaltung vorgeschlagene konföderale Modell zu akzeptieren. Wenn die Verhandlungen nicht vorankommen, kehrt das Regime zu den Strategien zurück, die alle Staaten anwenden, um ihre Hegemonie – Gewalt und Unterdrückung – zu sichern. Im Sommer 2019 zerstörte eine Welle von Bränden die Erntefelder im Nordosten Syriens. Weizen ist eine der Hauptressourcen Nordost-Syriens, so dass dies ein harter Schlag für die Wirtschaft der Selbstverwaltung war. Anfangs vermuteten die Leute, dass Daesh dahinter steckte, aber die meisten Leute, die beim Anzünden der Feuer verhaftet wurden, stellten sich als Mitglieder der Geheimdienste des Assad-Regimes heraus. Im November, als Folge der türkischen Invasion, gab die gemeinsame Bedrohung der syrischen territorialen Integrität Anlass zu Verhandlungen, die zu einem Abkommen über einen gemeinsamen Einsatz an der türkischen Grenze führten. Beide Streitkräfte sind an vorderster Front im Kampf gegen die TFSA, aber die politischen Verhandlungen kamen nicht voran. Nun beginnt Russland einen Vermittlungsprozess und unterstützt öffentlich einige der Forderungen der Selbstverwaltung, darunter ein gewisses Maß an Autonomie, politische Vertretung im Verfassungskomitee und den Genfer Friedensgesprächen, und der Wandlung Syriens zu einem föderalen System. Das Regime ist darüber nicht sehr glücklich, aber ihre Abhängigkeit von russischer Unterstützung macht es ihnen schwer, sich den Entscheidungen Russlands zu widersetzen.



Einsatznachfotos des Krankenwagens der TA-Sanitäter:innen an der Front. März 2019, Baghouz Fawqani.

Aufgrund der Länge des Interviews teilen wir den Beitrag in drei Teile. Hier geht es zum zweiten Teil. Hier geht es zum dritten Teil.

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