Der multiraciale Antifaschismus der Black Panther Party

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ELANY – Interview erschienen bei Roar Mag. Deutsche Übersetzung mit anschließenden persönlichen Gedanken zu einer Perspektive für eine Black Panther Party im deutschsprachigen Raum und der neuen Panthifa


In den späten 60er- und 70er-Jahren verkörperte die Black Panther Party (BPP) die Vorhut der Revolution und antifaschistische, antirassistische Aktionen in den Vereinigten Staaten. Die BPP bildete ein einschließendes, klassenbasiertes Manifest, förderte die bewaffnete Selbstverteidigung und schuf eine Reihe von gemeinschaftlichen Überlebensprogrammen und -diensten, die eine hochentwickelte Bildungsplattform, kostenlose Gesundheitskliniken, Frühstück für Schulkinder, Teach-ins und mehr beinhalteten. Darüber hinaus nutzte die BPP Kunst und Musik, über ihre Zeitung und Band, um ihre revolutionäre Agenda zu verbreiten.

1969 erkannte die BPP die dringende Notwendigkeit von Allianzen zwischen revolutionären Gruppen, um der allgegenwärtigen Kraft des amerikanischen Kapitalismus und Imperialismus entgegenzutreten. In der Ausgabe vom 31. Mai der Zeitung „The Black Panther“ veröffentlichte sie einen Aufruf dazu: „…eine Front, die eine gemeinsame revolutionäre Ideologie und ein politisches Programm hat, das den grundlegenden Wünschen und Bedürfnissen aller Menschen im faschistischen, kapitalistischen und rassistischen Amerika entspricht“.

Vom 18.-21. Juli 1969 sponserte die BPP eine Konferenz, die zu einer „Vereinigten Front gegen den Faschismus“ (UFAF = United Front Against Fascism) aufrief; ein integratives, multiraciales Netzwerk gegen den amerikanischen Kapitalismus, Rassismus und Imperialismus. Die Konferenz brachte ungefähr 5000 Menschen aus Hunderten von radikalen Organisationen zusammen, die Schwarze, Braune, Latinx, Asiatisch-amerikanische und andere marginalisierte Gemeinschaften vertreten, zusätzlich zu vielen weißen Teilnehmer:innen.

Der UFAF-Gipfel forderte die Entwicklung von Nationalen Komitees zur Bekämpfung des Faschismus (NCCF); ein multiraciales Netzwerk unter der Leitung der BPP-Führung als Mittel zur Förderung der Überlebensprogramme der BPP-Gemeinschaften, einschließlich der „Gemeinschaftskontrolle der Polizei“. 1970 änderte BPP-Verteidigungsminister Huey Newton den Namen des NCCF in Interkommunale Überlebenskomitees zur Bekämpfung des Faschismus (ISCCF), in Übereinstimmung mit seiner Theorie des Interkommunalismus.

Im folgenden Interview spricht Yoav Litvin mit den Ärzt:innen David Levinson und Gail Shaw, Veteranenmitgliedern des ersten weißen NCCF/ISCCF in Berkeley, Kalifornien. Levinson, Sohn der NCCF-Gründer:innen Saul und Cec Levinson, tourte und trat als weißes Mitglied der Band The Lumpen der BPP auf, ein Beispiel für die antirassistische Natur der BPP. Shaw ist die Haupt-Archivarin von Its About Time – dem offiziellen Archiv der BPP – zusammen mit BPP-Veteran-Mitglied Billy X Jennings.

Shaw und Levinson sprechen über die wenig erforschte und höchst relevante Geschichte der multiracialen Zusammenarbeit und antirassistischen Allianzen zwischen der Black Panther Party und Arbeiter:innen aller ethnischen Hintergründe, die täglichen Aktivitäten des NCCF/ISCCF von Berkeley und ihre Beziehung zur BPP, Lehren für die heutigen Kämpfe gegen den Kapitalismus und die Vorherrschaft der Weißen, einschließlich der rücksichtslosen Zielauswahl der BPP durch den Staat, und die bahnbrechenden Beiträge der BPP im Bereich der Medizin, die sowohl Shaw als auch Levinson in ihrer Arbeit als Ärzt:innen inspiriert haben.


Yoav Litvin: Was ist dein persönlicher Hintergrund und deine Vertrautheit mit Unterdrückung?

Gail Shaw: Meine beiden Eltern waren die erste Generation in diesem Land. Die Familie meiner Mutter waren Jüd:innen aus Polen und die meisten von ihnen wurden in Auschwitz ermordet. Mein Großvater kam als junger Mann vor dem Krieg in die USA. Die Familie meines Vaters emigrierte während der Pogrome kurz vor der bolschewistischen Revolution von Kiew nach Amerika. Ich wuchs in einem kulturell jüdischen Haushalt auf und wurde gelehrt, immer gegen Ungerechtigkeit aufzustehen. Meine Eltern unterstützten mich dabei, das zu tun, woran ich glaubte, auch wenn das Dinge waren, die ihnen Angst machten.

Ich bin im segregierten Miami aufgewachsen. Ich erinnere mich, als ich 6 Jahre alt war, kam mein russischer Großvater zu Besuch aus New York. Er sprach Jiddisch und konnte kein Englisch lesen. Er war ein sehr freundlicher, kontaktfreudiger Typ. Wir gingen zum Lebensmittelladen in unserer Nachbarschaft, und ich hatte Durst. Es gab zwei Wasserbrunnen, die mit „weiß“ und „farbig“ markiert waren, und er hob mich hoch und ich trank aus dem „farbigen“ Brunnen. Er kannte den Unterschied nicht. Ein Fremder kam auf ihn zu und begann ihn anzuschreien. Ich verstand nicht, was zu der Zeit vor sich ging – aber das war meine erste bewusste Erfahrung mit Rassismus.

David Levinson: Ich wurde in Brooklyn, New York, geboren und wuchs in Berkeley, Kalifornien, auf. Meine beiden Eltern waren progressiv und sehr politisch aktiv. Sie waren in viele der progressiven Bewegungen in den Vereinigten Staaten involviert – Arbeitskämpfe in den 40er-Jahren, antifaschistische Kämpfe um die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die Bürgerrechtsbewegung einschließlich des Mississippi-Sommerprojekts (aka Freedom Summer), die Kämpfe der Farmarbeiter:innen in Kalifornien um gewerkschaftliche Organisierung und den Delano-Traubenstreik und -boykott und Aktivitäten gegen den Vietnamkrieg.

Mein eigener Aktivismus war eine natürliche Folge des Aktivismus meiner Eltern.
Meine Eltern waren beide jüdisch. Mein Vater wuchs in Spring Valley, NY, auf, das zu dieser Zeit eine Gemeinschaft von hauptsächlich armen und arbeitenden jüdischen und Schwarzen Menschen war. Meine Eltern versuchten immer, ihren Kindern die Perspektive zu vermitteln, dass Jüd:innen historisch gesehen ein unterdrücktes Volk waren und dass wir als Jüd:innen immer so handeln sollten, als kämen wir gerade erst aus der Sklaverei, dass wir immer gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit kämpfen sollten. Mein Vater widersetzte sich vehement der Politik Israels gegenüber den Palästinenser:innen, die er als unterdrückend und daher als widersprüchlich zu unserer Geschichte als Jüd:innen ansah.

Sprich über deine Aktivitäten mit der NCCF/ISCFF.

Levinson: Die Arbeit mit der Black Panther Party war ein Familienprojekt. Die Beteiligung meiner Familie begann mit meiner Mutter, die das Huey Newton Defense Committee gründete, das sich organisierte, um Hueys Verteidigung zu unterstützen, das Bewusstsein über seinen Fall zu erhöhen und für seine Freilassung zu kämpfen. Durch diese Arbeit wurden wir sehr eng mit der BPP-Führung verbunden.

Die Konferenz der Vereinigten Front gegen den Faschismus (UFAF) rief zur Gründung von „Nationalen Komitees zur Bekämpfung des Faschismus“ (NCCF) auf, um konkrete Programme gegen den beginnenden Faschismus zu organisieren.

Meine Familie gründete das erste weiße NCCF in Berkeley. Wir waren Weiße, die in einem vorwiegend weißen Armen- und Arbeiterviertel arbeiteten. Wir fungierten als ein Teil der Black Panther Party; wir nahmen an BPP-Aktivitäten teil und halfen, diese zu organisieren, besuchten politische Bildungskurse der BPP, verkauften die BPP-Zeitung und arbeiteten Seite an Seite mit BPP-Mitgliedern. Gleichzeitig versuchten wir, Programme zu entwickeln, die speziell auf die Bedürfnisse unserer Gemeinschaft zugeschnitten waren.

Wir hatten ein rund um die Uhr geöffnetes Gemeindezentrum, in dem wir kollektiv arbeiteten und lebten und von dem aus wir eine Reihe von „Überlebensprogrammen“ im Geiste der BPP durchführten. Diese Programme sollten dazu beitragen, die spezifischen Bedürfnisse der Gemeinschaft zu lindern und den Weg für eine revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu ebnen; eine Gesellschaft, die auf sozialer und ökologischer Gerechtigkeit basiert.

Eines der Hauptprogramme, das gefordert wurde, war die „Gemeinschaftskontrolle der Polizei“, um die Polizeidienststellen unter die Kontrolle der Gemeinschaften zu stellen, um die Brutalität der Polizei zu bekämpfen und zu verhindern, dass die Polizeidienststellen zu Werkzeugen staatlicher Gewalt werden.

In unserem Zentrum hatten wir eine medizinische Notfallklinik, einen Krankenwagen, einen Klempner- und Fensterersatzdienst, Kinderbetreuung, Nachhilfeunterricht nach der Schule und Gemeindeversammlungen. All diese Programme waren kostenlos und betrafen viele Gemeindemitglieder.

Wie wurde das BPP von den Mainstream-Medien in den USA dargestellt? Was war eure Funktion als weiße Verbündete?

Shaw: Die Medien porträtierten die BPP als eine Hassgruppe, eine Schwarze nationalistische Hassgruppe, eine Gefahr für Weiße etc. Die bloße Existenz von weißen NCCFs unter der Schirmherrschaft der BPP wirkte dieser Darstellung entgegen. Außerdem hatte die BPP Koalitionen mit vielen nicht-Schwarzen Gruppen, zum Beispiel mit der Peace and Freedom Party, den Brown Berets, der Vietnam Moratorium-Gruppe und anderen.

Die Black Panther Party organisierte, verteidigte und erhob die Gemeinschaft der Schwarzen mit einer linken Klassenanalyse, die die gemeinsamen Probleme der armen und unterdrückten Gemeinschaften erkannte.

Die Leute merken auch nicht, dass es Fred Hampton war, der die Rainbow Coalition in Chicago gegründet hat und dass Jesse Jackson diesen Begriff später kooptiert hat. Hampton brachte die Appalachen-Gemeinschaft, die Schwarze Gemeinschaft, die puertoricanische Gemeinschaft und andere zusammen. Die NCCF/ISCCF in Chicago blieb bis 1980 aktiv. Zusätzlich zu den erwähnten Überlebensprogrammen hatte es ein Gefängnisprogramm und ihr eigenes Magazin – Keep Strong.

Als weiße Verbündete gab es Orte, an die wir gehen konnten und Dinge, die wir tun konnten, die viel weniger Misstrauen erregten. Zum Beispiel – den Transport von technischer Ausrüstung zu Veranstaltungen zu Verteidigungszwecken.

Wie inspiriert deine Mitgliedschaft in The Lumpen, der Musikband der Black Panther Party, über den ideologischen Antirassismus der BPP?

Levinson: Der Kulturminister der BPP, Emory Douglas, war der Visionär hinter The Lumpen und unser Mentor. Er beaufsichtigte The Lumpen und war der Motor hinter der Nutzung von Kunst und Musik als Vehikel, um die antirassistische, klassenbasierte Botschaft der BPP zu verbreiten.

Wir alle in The Lumpen sahen unsere kulturelle Arbeit als einen Weg, die Botschaft und die Arbeit der BPP zu verbreiten. Es ging nie um persönlichen Ruhm oder finanziellen Gewinn. Aufzutreten war eine der vielen Aufgaben, die wir als engagierte Kader übernahmen.

Ich trat mit The Lumpen für die Dauer des Bestehens der Gruppe auf. Wir hatten einen guten, straffen Sound und eine zeitgemäße Botschaft – wir sprachen direkt über die Kämpfe der normalen Leute. Wir traten an vielen verschiedenen Orten auf; in Turnhallen auf dem College-Campus, in Kirchenkellern in armen Schwarzen Vierteln, in Gemeindezentren, professionellen Clubs und Musikhallen. The Lumpen brachten einen exzellenten Auftritt im Stil der Rhythm and Blues-Gruppen dieser Zeit – z.B. Temptations, Smokey Robinson und die Miracles.

Während einer Tournee mit The Lumpen wurden wir von einer Schwarzen Studentenvereinigung eingeladen, an einer Universität in Minnesota aufzutreten. Auf dieser Tour waren zwei weiße Jungs in der Band, ich selbst am Saxophon und ein Gitarrist, der für den Auftritt angeheuert wurde. Wir traten in der Turnhalle der Schule vor einem beachtlichen Publikum auf.

Während des Auftritts entwickelte sich ein heftiger Schneesturm. Wir waren weit vom Auftrittsort entfernt untergebracht und an diesem Abend zurückzukehren, hätte bedeutet, unter gefährlichen Bedingungen durch den Sturm zu fahren. Die Schwarze Studentenvereinigung, die zu dieser Zeit von kulturell-nationalistischen Trends beeinflusst war, bot den Schwarzen Mitgliedern der Band The Lumpen an, zu bleiben und den Sturm abzuwarten, aber sie wollte uns zwei, die wir weiß waren, nicht unterbringen; wir müssten eine alternative Unterkunft finden. Die Mitglieder von The Lumpen lehnten das Angebot ab und sagten: „Darum geht es uns bei der BPP nicht. Wenn sie nicht bleiben, dann bleibt keiner von uns“. Wir fuhren alle dorthin zurück, wo wir zusammen untergebracht waren.

Was können die Führungspersonen heute aus dem Untergang der Black Panther Party lernen? Wie hat der Staat eure Organisation sabotiert?

Shaw: Die BPP unterschätzte die feindliche Opposition und wie viel Kraft sie gegen eine friedliche Gruppe ausüben würde, die versucht, ihr Volk zu erheben; Gemeinschaften zur Selbstversorgung zu organisieren, Gesundheitsfürsorge in eigens dafür vorgesehenen Zentren und Bildung in Schulen und Teach-ins anzubieten und sich gegenseitig zu ernähren.

Ich denke, dass einige der Dinge, die zum Untergang der BPP und der damaligen Bewegung führten, natürlich das Gegenspionageprogramm des FBI (COINTELPRO) waren und Misstrauen unter den Leuten säen. Mangelndes Vertrauen ist einer der einfachsten Wege, eine Gruppe zu zerstören.

Es gab ständige FBI-Überwachung und Schikane bei allen. Es konnte draußen 27 Grad heiß sein und immer waren zwei Typen mit Anzügen und Sonnenbrille vor dem Haus geparkt, fuhren vorbei und provozierten uns. Jede:r wurde zu dieser Zeit abgehört.

Drogen brachten unsere Gemeinschaften zu Fall. Der Zustrom von Drogen wurde auf einer viel höheren Ebene von der Regierung organisiert, wie in Gary Webbs Buch „Dark Alliance“ beschrieben, das zu einem Film mit dem Titel „Kill the Messenger“ gedreht wurde. Er beschrieb detailliert, wie die CIA ihren Krieg in Nicaragua finanzierte, indem sie Waffen gegen Drogen tauschte, was im Grunde zu der Crack-Kokain-Verwüstung der Gemeinschaften of Color hier in Amerika führte. Drogen waren ein großes Problem und trugen zum Untergang der BPP bei.

Wie prägen dich deine Bemühungen hinsichtlich der heutigen Protestbewegung?

Levinson: Es war damals eine ganz andere Art von Realität, obwohl die Probleme, mit denen wir konfrontiert waren, die gleichen waren wie die, mit denen wir heute konfrontiert sind. Die Black Panther Party war eine disziplinierte Organisation mit einem Programm, einer Plattform und einem engagierten Kader von Leuten, die uns angesprochen haben. Wir hatten das Gefühl, dass wir uns für ein Ziel und eine Agenda engagierten. Wir reagierten nicht einfach nur auf Ereignisse; die unmittelbaren Realitäten der täglichen Unterdrückung, Polizeibrutalität, wirtschaftliche Ausbeutung und institutionalisierten Rassismus, sondern wir nutzten unseren Aktivismus für den größeren Zweck, die Gesellschaft zu transformieren und wir hatten eine Struktur, innerhalb derer wir das tun konnten.

Die Realitäten, mit denen arme Menschen und besonders People of Color heute konfrontiert sind, haben sich verschärft. Eine erstaunliche Unruhe reaktiver Energie ist nach dem brutalen Mord an George Floyd zusammengekommen und hat die Probleme des institutionalisierten Rassismus und der Polizeibrutalität auf eine nationale Ebene katapultiert. Diese Proteste haben einen phänomenalen nationalen Diskurs hervorgerufen.

Ich möchte jüngere Menschen, die zu Recht verärgert sind, ermutigen, die BPP zu betrachten – nicht unbedingt als ein Modell, das es zu kopieren gilt oder als eine perfekte Organisation, sondern als ein Stück Geschichte, das vielleicht etwas zu bieten hat, eine Organisation mit einem Programm und einer Plattform, mit der Absicht, die Gesellschaft durch konkrete Aktionen und Organisieren zu transformieren.

Ich möchte die Menschen auch dazu ermutigen, jetzt die Notwendigkeit einer vereinten Front gegen den Faschismus zu bedenken. Ich glaube nicht, dass das Risiko des Faschismus in diesem Land jemals größer war, als es heute unter der Trump-Administration ist.

Wie hat die BPP zur Medizin in den USA und der Welt beigetragen?

Shaw: Die BPP hat die Öffentlichkeit über die Sichelzellenanämie (SCA) aufmerksam gemacht und dann weitreichende Tests durchgeführt. Viele Menschen, einschließlich der Gesundheitsdienstleister:innen, wussten nichts von dieser Krankheit. Das Testprogramm und das gestiegene öffentliche Bewusstsein führten dazu, dass die Regierung Geld in Forschung und Behandlung investierte und die Ärzt:innen über die Krankheit aufklärte.

Die Gesundheitskliniken versorgten die unterversorgten Gebiete mit dringend benötigten Vorsorgeuntersuchungen und medizinischer Grundversorgung. Zwei von ihnen, in Seattle und Portland, wurden von den Countys übernommen und sind heute noch geöffnet. North Carolina hatte einen kostenlosen Krankenwagendienst, da die Krankenwagenfirmen nicht in bestimmte Stadtteile fahren wollten. Sie erhielten eine EMT-Ausbildung und waren lizenziert.

Levinson: Die Black Panther Party betrachtete die Gesundheitsfürsorge als ein Recht und nicht als Privileg. Die BPP war sich der großen Diskrepanzen und Ungleichheiten bewusst, die arme Menschen, insbesondere People of Color, beim Zugang zu einer qualitativ hochwertigen Gesundheitsversorgung erleben. Als solche schufen mehrere BPP-Chapter freie Gesundheitskliniken, die als entscheidende Überlebensprogramme angesehen wurden.

Dr. Tolbert Small ist ein Arzt, der mit der BPP gearbeitet hat. Er leitete die George Jackson Free Medical Clinic, eine BPP-Klinik in Berkeley, CA.
Es war Dr. Smalls Vision für die BPP, die Sickle Cell Anemia Foundation zu gründen, die versuchte, das nationale Bewusstsein für SCA zu erhöhen; eine Krankheit, die hauptsächlich Schwarze betrifft und von der medizinischen Einrichtung weitgehend vernachlässigt worden war. Die BPP stellte kostenlose SCA-Tests zur Verfügung und organisierte die Verbreitung von Informationen über SCA. Diese Arbeit trug dazu bei, die nationale Aufmerksamkeit zu bündeln und war zu einem guten Teil dafür verantwortlich, dass die Regierung des Bundes Mittel für die SCA-Forschung zur Verfügung stellte.

Dr. Small wurde Zeuge der Anwendung von Akupunktur, als er 1972 als Teil einer BPP-Delegation nach China reiste (ich war auch Teil dieser Delegation). Danach studierte er Akupunktur auf eigene Faust und wandte sie ausgiebig als Teil seiner medizinischen Praxis an. BPP-Mitglieder gründeten 1970 zusammen mit Mitgliedern der Young Lords Party in NYC das erste Drogenentgiftungszentrum mittels Akupunktur im Lincoln Hospital. Diese Arbeit legte den Grundstein für Protokolle, die sich später mit Hilfe der Ohrakupunktur zur Behandlung von Rauschgiftsucht und Entzug entwickelten.

Eine persönliche Anmerkung: Unser Kader richtete ein kostenloses medizinisches Notfallprogramm in unserem Gemeindezentrum in Berkeley ein. Wir hatten auch einen kostenlosen Krankenwagendienst als eines unserer Überlebensprogramme in der Gemeinschaft. Ich arbeitete freiwillig in der George-Jackson-Klinik. Es war diese Erfahrung, die mich dazu brachte, auf das College zurückzukehren, um Medizin zu studieren, wofür ich vom Zentralkomitee der BPP ermutigt wurde und die Erlaubnis erhielt.

Wie kann eins den revolutionären Geist außerhalb von Organisationen wie der Black Panther Party aufrecht erhalten? Wie hat die BPP deinen persönlichen Werdegang beeinflusst?

Shaw: Viele Leute, die in der BPP aktiv waren, gingen in Berufe, die für die Gemeinschaften entscheidend sind, wie Sozialarbeit, Jura und Lehre. David Levinson und ich wurden beide Ärzt:innen. Es gab viele, die weiterhin ihren Gemeinschaften dienten und daran arbeiteten, unsere politischen Gefangenen zu unterstützen und zu befreien. Obwohl es eine Menge Unterdrückung gab, blühten viele Leute wirklich auf und lernten viel über das Organisieren und den Mut, den eins braucht, um alles zu erreichen, was eins sich vorgenommen hat. Diese Erfahrung hat sich nachhaltig auf unser Leben ausgewirkt.

Einfach nur die Black Panther-Zeitung jede Woche herauszubringen – nationale und internationale Nachrichten mit einer Auflage von über 200.000 war phänomenal. Vergiss nicht, die meisten von uns waren erst 19, 20 Jahre alt. So viel wurde von einer gut organisierten Gruppe von jungen Leuten mit wenig Mitteln erreicht, die BPP ist weiterhin eine Inspiration im Kampf für sozialen Wandel und soziale Gerechtigkeit.

Levinson: Bei allem, was du tust – Musik, Kunst, Medizin, Journalismus, Bildung – kannst du Teil eines größeren Bildes der Transformation der Gesellschaft sein.

Am Ende habe ich Medizin studiert, weil ich so inspiriert war von den kostenlosen medizinischen Programmen der BPP. Ich erinnere mich, wie ich zum Zentralkomitee der BPP ging und um Erlaubnis bat, an das College zurückzukehren, welches ich damals verließ, um politische Arbeit zu machen, und um eine medizinische Karriere zu machen. Ich wurde vom Zentralkomitee ermutigt und unterstützt. Bobby Seale, der Vorsitzende der BPP, sagte mir „wir brauchen Ärzt:innen“.

Meine Erfahrung mit der BPP im Besonderen und Aktivismus im Allgemeinen hat mir die Basis gegeben, von dem aus ich Entscheidungen über mein Leben und meine Karriere als Arzt getroffen habe – um zu versuchen, das, was ich tue, zu einem Teil von etwas Größerem und Weiterem zu machen. Es gibt Kraft, Schönheit und Demut, um mit einem zugrundeliegenden Drang zur positiven Transformation der Gesellschaft zu arbeiten.


Persönliche Gedanken zu einer Perspektive für eine Black Panther Party im deutschsprachigen Raum: Hätte eins mich vor ein paar Jahren gefragt ob ich eine BPP im deutschsprachigen Raum für möglich halte wäre meine Antwort gewesen „Nep! Wunschgedanke!“ Doch einiges hat sich geändert und während ich dieses Interview übersetzt habe wies mich eine Person aus dem Schwarzerpfeil Team darauf hin, dass es seit kurzem eine Panthifa in Deutschland gibt. Ich selbst bin übrigens aus der Schweiz und an mir ging diese aufregende News völlig vorbei. Noch vor ein paar Jahren hielt ich es für unmöglich. Die Schwarze Bewegung ist unterrepräsentiert, zumeist reformistisch anstelle von radikal und der linke Raum wird von weißen linken Mackern dominiert was ich auch bei vorherigen Besuchen in Deutschland so feststellen musste. Ist es also Zeit die Meinung zu ändern?

Zunächst einmal zur Selbstbeschreibung der Panthifa: Die Panthifa ist eine neue radikal linke Gruppe für Schwarze Selbstermächtigung und Organisation in Deutschland. Wir begrüßen den Erfolg der jungen Black Lives Matter Massenbewegung, die uns zusammengebracht hat, sehen jedoch die Notwendigkeit für radikal linke, antikapitalistische, antikoloniale und intersektionale Strukturen, die sich exklusiv an Schwarze Menschen richten. Wir wollen Black Lives Matter im Sinne der Diversity of Tactics jedoch nicht ersetzen, sondern ergänzen. Auch wenn wir ebenfalls in solchen Gruppen organisiert sind, so ist in Antifa- und Migrantifa-Bündnissen doch immer ein Machtgefälle zwischen Schwarzen und nicht-Schwarzen Mitgliedern gegeben, das sich ohne vorherige Schwarze Selbstermächtigung nicht überwinden lassen wird.

Die weiße deutsche Linke hat bis heute keinen Weg gefunden, die Ressourcen Schwarzer Aktivist*innen in ihrem Kampf zu nutzen. Wir fühlen uns als Schwarze in weißen Strukturen nicht willkommen oder gehört, weshalb wir einen Raum für uns selbst schaffen müssen, in dem wir uns aktivistisch entfalten können, ohne uns mit Bildungsarbeit für weiße Genoss*innen auszubrennen. Die Panthifa will einen Raum für Community, gemeinsame und gegenseitig antirassistische und antikoloniale Bildung und einen Safe Space zum Austausch mit dem Endziel Schwarzer Strukturen, die zu eigenem Aktivismus fähig sind, erschaffen und organisieren.

Hier fällt schon einmal der erste Unterschied auf. Die Panthifa richtet sich exklusiv an Schwarze was im Gegensatz zu der Black Panther Party steht. Doch die Gegebenheiten sind einfach andere. Im deutschsprachigen Raum gibt es deutlich weniger Schwarze und noch weniger haben überhaupt eine radikale Einstellung. Zudem sind die bisherigen linken Räume weiß dominiert und wir fühlen uns einfach nicht wirklich wahrgenommen. So wie cis males niemals die volle Macht des Patriarchats zu spüren bekommen so können Weiße niemals für Menschen sprechen, die von Rassismus betroffen sind. Sie können sich solidarisch zeigen. Sie können zuhören. Sie können uns Räume zur Verfügung stellen. Doch niemals können und sollten sie für uns sprechen wenn wir das auch selbst tun können sollen und müssen.

Viele Praktiken der Black Panther Party sind für Deutschland unpassend. Gesundheitskliniken wären wohl unsinnig. Eine bewaffnete Selbstverteidigung unmöglich. Dennoch gibt es viele Dinge die sich eine deutsche Black Panther Party abschauen kann, die auch dringend notwendig sind. Teach ins und Bildungsarbeit zum Aufräumen mit des noch immer bestehenden Kolonialismus und dem allgegenwärtigen Rassismus. Kunst, Kultur und Musik um eine revolutionäre Stimmung zu verbreiten. Radikale Aktionen um auf sich aufmerksam zu machen.

Leider vermisse ich jedoch weitere Informationen über die politische Gesinnung der Panthifa. Radikal links und antikapitalistisch schön und gut, aber das trifft sowohl auf die bottom left als auch die top left zu. Ist die Panthifa eher antiautoritär oder ist sie ein Bündnis aller linken Bewegungen welche auch einen Raum für Tankies bietet? Sind am Ende die Räume autoritär dominiert, mit weitestgehender ML-Haltung, so würde ich mich in einem solchen Raum genau so unwohl und unerhört fühlen wie in einem Raum voller weißer Macker. Hier wünsche ich mir mehr Infos.

Noch ist die Website der Panthifa ziemlich leer. Sie ist neu gegründet und rekrutiert. Ich hoffe in Zukunft über erste Aktionen lesen zu können und das sich eine solche Bewegung weiter ausweitet. Nicht nur in Deutschland.

Elany
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Elany

anarchist*queer*vegan* ~ Burn this world to build a new. ~ Übersetze und schreibe zu Black Anarchism & Empowerment, Feminismus, Zivilisations und Technologiekritik, indigene Kulturen

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