Snowden: Das Zeitalter der Massenüberwachung wird nicht ewig dauern

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Das Zeitalter der Massenüberwachung wird nicht ewig dauern

Die Macht, es zu beenden, liegt in euren Händen.

Snowden: Während ich bei der CIA arbeitete – wenn du mir gesagt hättest, dass bald eine Jugendrebellion kommen würde, die sich auf Laser und Verkehrskegel als Schwert und Schild verlässt, und dass sie eine der reichsten und mächtigsten Regierungen der Welt lähmen würde – hätte ich (geringstenfalls) eine Augenbraue hochgezogen. Und doch, während ich fast ein Jahrzehnt später diese Worte schreibe, geschieht genau das in Hongkong, der Stadt, in der ich mich mit Journalist:innen traf, um das Geheimnis zu lüften, das mich von einem Regierungsagenten in einen der meistgesuchten Männer der Welt verwandeln würde. Als es geschah, lag genau das Buch, das du jetzt in deinen Händen hältst, auf dem Schreibtisch, dem Schreibtisch des letzten Hotelzimmers, das ich jemals mit einer Kreditkarte bezahlen würde.

Was ich diesen Journalist:innen zeigte, war der Beweis in Form von Geheimdokumenten der Regierung, dass die selbsternannten „Five Eyes“ – die Staatssicherheitsorgane der Vereinigten Staaten, des Vereinigten Königreichs, Australiens, Neuseelands und Kanadas – sich zusammen verschworen hatten, um ihre Gesetze zu schwächen. Sie hatten den heimlichen Zugang zu den Netzwerken ihrer größten Telekommunikations- und Internet-Titanen erzwungen (von denen einige nicht viel brauchten, um sich den Arm zu verdrehen), um ein einziges Ziel zu verfolgen: die Umwandlung des freien und fragmentierten Internets in das erste zentralisierte Mittel der Geschichte zur globalen Massenüberwachung. Diese Verletzung unserer grundlegenden Privatsphäre geschah ohne unser Wissen oder unsere Zustimmung, oder sogar ohne das Wissen und die Zustimmung unserer Gerichte und der meisten Gesetzgeber:innen.

Die Sache ist die: Obwohl die globale Reaktion auf diese Verletzung wütend war und den größten Geheimdienstskandal der Neuzeit hervorrief, funktioniert die Massenüberwachung selbst heute noch praktisch ungehindert. Fast alles, was du tust, und fast jede Person, die du liebst, wird von einem System überwacht und aufgezeichnet, dessen Reichweite unbegrenzt ist, dessen Sicherheitsvorkehrungen aber nicht.

Aber während das System selbst nicht wesentlich verändert wurde – in der Regel sind die Regierungen weniger daran interessiert, ihr eigenes Verhalten zu reformieren, als vielmehr das Verhalten und die Rechte ihrer Bürger:innen einzuschränken -, hat sich das öffentliche Bewusstsein geändert.

Die Vorstellung, dass die Regierung die Mitteilungen derer sammelte, die nichts Falsches getan hatten, war einst als paranoide Verschwörungstheorie behandelt worden (oder als Gegenstand lehrreicher Fiktion, wie das Werk, das du gleich lesen wirst). Plötzlich war diese Aussicht allzu real geworden – die Art von allgemein anerkannter Wahrheit, die durch das korrupte Holz unserer politischen Akteur:innen so schnell als offensichtlich und unbeachtlich abgetan werden kann.

Währenddessen verdauten die Konzerne der Welt die Erkenntnis, dass ihre dunkelste Schande – ihre vorsätzliche Komplizenschaft bei Verbrechen gegen die Öffentlichkeit – nicht bestraft worden war. Vielmehr waren diese Kollaborateur:innen aktiv belohnt worden, entweder mit explizit rückwirkender Immunität oder informellen Garantien fortwährender Straffreiheit. Sie wurden zu unserem neuesten Big Brother und strebten danach, perfekte Aufzeichnungen des Privatlebens für Profit und Macht zusammenzustellen. Daraus entstand die heutige Korruption unseres einst freien Internets, die man Überwachungskapitalismus nennt.

Wir sehen nur allzu deutlich, dass es beim Aufbau dieser Systeme weniger um Verbindung als vielmehr um Kontrolle ging: Die Ausbreitung der Massenüberwachung hat genau mit der Zerstörung der öffentlichen Macht Schritt gehalten.

Und doch finde ich trotz dieser düsteren Lektüre aus meinen sieben Jahren im Exil mehr Grund zur Hoffnung als zur Verzweiflung, nicht zuletzt dank dieser Laser und Verkehrskegel in Hongkong. Meine Zuversicht entspringt nicht der Art und Weise, wie sie eingesetzt werden, um Kameras zu blenden und mit ein wenig Wasser die Gasgranaten eines schief gelaufenen Staates einzudämmen und zu löschen, sondern in dem, was sie ausdrücken: dem unbändigen menschlichen Wunsch, frei zu sein.

Die Probleme, vor denen wir heute stehen, die Enteignung durch Oligarchen und ihre Monopole und die Entrechtung durch Autoritäre und ihre bequem gefangene politische Klasse, sind alles andere als neu. Die Neuheit liegt in den technologischen Mitteln, mit denen diese Probleme verschanzt wurden – einfach gesagt, die bösen Leute haben bessere Werkzeuge.

Ihr habt gehört, dass, wenn man nur einen Hammer hat, jedes Problem wie ein Nagel aussieht. Hierin liegt die Torheit jedes Herrschaftssystems, dessen Zukunft mehr von der Allmacht seiner Methoden als von der Popularität seines Mandats abhängt. Es gab Zeiten, in denen Imperien durch Bronze und Boote und Pulver gewonnen wurden. Keines überlebte. Was jede vergessene Flagge überdauert, ist unsere größte Technologie, die Sprache: das Imperium des Geistes.

Es ist wahr, dass wir, wie Marcus Yallow und seine Freund:innen, in eine ungleiche Schlacht gestoßen wurden. Aber kein noch so perfektes Maß an Überwachung, kein Maß an Unterdrückung oder Mietwucher kann oder wird ändern, wer wir sind. Von mutigen Student:innen in Hongkong bis hin zu brillanten Cypherpunks in San Francisco vergeht kein Tag, an dem nicht Einzelne nach den Mitteln suchen, um die Systeme, die unser Leben regieren, wiederherzustellen und zu verbessern. Wir haben gesehen, wie Einfallsreichtum und Erfindungsreichtum Systeme hervorgebracht haben, die unsere Geheimnisse und vielleicht auch unsere Seelen bewahren; Systeme, die in einer Welt geschaffen wurden, in der es sich wie ein Verbrechen anfühlt, die Mittel für ein Privatleben zu besitzen. Wir haben gesehen, wie einsame Individuen neue Werkzeuge geschaffen haben – bessere Werkzeuge – als selbst die größten Staaten produzieren können. Aber keine Technologie und keine einzelne Person wird je allein ausreichen, um die Missbräuche unserer müden Riesen mit ihrer Politik der Ausgrenzung und ihren Protokollen der Gewalt für lange Zeit einzudämmen. Dies ist der Teil der Geschichte, auf den es ankommt: dass das, was mit dem Individuum beginnt, in der Gemeinschaft fortbesteht.

Die Veränderung eines Zeitalters braucht mehr als Laser und Verkehrskegel: es braucht die Hände, die sie halten.

Es braucht dich.


Aus der Neuauflage des Buches „Little brother & homeland“ mit einem Vorwort von Edward Snowden (deutsche Übersetzung von uns)

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