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Hör auf, alles Schlechte auf Anarchist:innen zu schieben

In Portland wurde der Einsatz der Bundesgeheimpolizei gerechtfertigt, um den Aufstand niederzuschlagen. In dem veröffentlichtem Memo wird insgesamt 47mal der Ausdruck „gewalttätige Anarchist:innen“ erwähnt.
Schon früh, mit Beginn der jüngsten BLM-Proteste in Amerika, sprach Präsident Trump von „gewalttätigen Anarchist:innen“ und beflügelte das Narrativ von den gefährlichen Anarchist:innen, die nur Unruhe und Chaos stiften wollen.

Dazu veröffentlichte Kim Kelly einen Artikel in der Washington Post, um über Anarchist:innen, und die Idee des Anarchismus, aufzuklären. Diesen Artikel übersetzen wir an dieser Stelle.

Kim Kelly ist eine freiberufliche Schriftstellerin und Arbeitsorganisatorin mit Sitz in Brooklyn, deren Artikel über Arbeit, radikale Politik und Kultur in der New York Times, dem Guardian, der New Republic, Teen Vogue, Pacific Standard und anderen Publikationen erschienen sind.


Hör auf, alles Schlechte auf Anarchist:innen zu schieben

Sie sind bei den Protesten, weil ein:e Anarchist:in zu sein bedeutet, von einer freundlicheren, gerechteren Gesellschaft zu träumen

Während die Proteste weiterhin die Nation überschwemmen, ist eine Erzählung aufgetaucht, die angebliche „Anarchist:innen“ beschuldigt, die Sache am Kochen zu halten. Sie sind, so die Geschichte, aus dem Nichts aufgetaucht, um Chaos zu säen, marginalisierte Menschen in Gefahr zu bringen und generell friedlichere Demonstrierende schlecht aussehen zu lassen.
Am 1. Juni retweetete Präsident Trump ein Video, in dem er andeutete, dass ein Mann, der später erklärte, dass er anderen Demonstrierenden beim Kauf von medizinischen Hilfsgütern hilft, diese stattdessen dafür bezahlt, zu Gewalt anzustiften. In seinem Tweet fügte Trump hinzu: „Anarchist:innen, wir sehen euch!“

Nachdem er die Schäden an Stadteigentum begutachtet hatte, erklärte John Wiley Price, Kommissar von Dallas County, „Das ist kein Protest, das ist Anarchie“. Am nächsten Tag schrieb die Meinungsforscherin Helaine Olen, dass Trump „der wahre Anarchist“ sei. Ihre einzige Grundlage für diese Behauptung schien der allgemeine Gebrauch von „Anarchie“ als ein fehlerhaftes Synonym für „Chaos“ zu sein.

Dieser reflexartige Tick, Anarchismus mit gedankenloser Zwietracht zu assoziieren, verrät eine tiefe Ignoranz gegenüber der linken Ideologie. Das Problem ist, dass niemand zu verstehen scheint, was Anarchismus ist oder was seine Anhänger:innen zu erreichen versuchen – und dieser Mangel an Verständnis wird am Ende viele Menschen in Gefahr bringen.
Wir nähern uns rapide einem Punkt, an dem Dissens weiter kriminalisiert wird, die berechtigte Wut und der Schmerz, der diese Proteste nährt, weiter delegitimiert wird und jede Person, die sich an irgendeiner Form von Protest außerhalb der vorab genehmigten liberalen Vorlage beteiligt, zur Zielscheibe von Überwachung oder Schlimmerem wird.

Am 3. Juni schrieb der Twitter-Account des Weißen Hauses mit null Beweisen für seine Behauptung: „Antifa und professionelle Anarchist:innen dringen in unsere Gemeinschaften ein, inszenieren Ziegelsteine und Waffen, um Gewalt anzuzetteln. Das sind Akte des inländischen Terrors“. Mindestens einer der angeblichen Waffenverstecke scheint Teil einer Sicherheitsbarrikade vor einem jüdischen Gemeindezentrum gewesen zu sein.

Gibt es da draußen auf den Straßen Anarchist:innen, die sich mit Black Lives Matter und gegen die Brutalität der Polizei solidarisieren? Auf jeden Fall. Verhält sich jede:r Einzelne von ihnen in einer Weise, die alle als „friedlich“ bezeichnen würden? Vielleicht nicht. Aber es gibt kein verachtenswertes anarchistisches Komplott, um absichtlich Schwarze Demonstrierende oder andere gefährdete Menschen in Gefahr zu bringen. Tatsächlich wäre dies ein Gräuel für den Anarchismus selbst.

Die Schwarzen Anarchist:innen und Anarchist:innen of Color, die durch diese Erzählung ausgelöscht wurden, haben sich auch über ihre eigene Sicht der Situation klar geäußert. William C. Anderson, Co-Autor von „As Black as Resistance: Finding the Conditions for Liberation“, bemerkte auf Twitter: „Konzentriere Wut und Frustration auf die Menschen an der Macht, die töten und unterdrücken. Glaube nicht diesen ganzen Quatsch über Anarchist:innen, vor allem wenn du nicht einmal weißt, was Anarchismus eigentlich ist“.

Was ist also Anarchismus? Wie ich schon erklärt habe, ist es eine radikale, revolutionäre linke politische Ideologie, die für die Abschaffung der Regierung und aller anderen ungleichen Machtsysteme zugunsten einer Gesellschaft eintritt, die auf direkter Demokratie und freiwilliger Vereinigung basiert. Obwohl sie viele Denkschulen umfasst, sind die meisten Anarchist:innen einem grundlegenden Glaubenssatz verpflichtet.

Zu den wichtigsten anarchistischen Prinzipien gehören die gegenseitige Hilfe (eine gegenseitige Annäherung an die Gemeinschaftspflege, bei der die Menschen ihre Ressourcen teilen), die direkte Aktion (der Einsatz von politischem Protest, um ein Ziel zu erreichen) und der Horizontalismus (ein nicht-hierarchisches Organisationssystem, in dem Entscheidungen im Konsens getroffen werden). Anarchist:innen befürworten die Abschaffung von Institutionen wie Gefängnisse, Polizei und Militär, die sie von Natur aus unterdrückend finden.

Anarchist:innen sind per Definition antikapitalistisch, antirassistisch und stehen in direktem Gegensatz zu allen anderen Formen von Bigotterie und Unterdrückung. Sie sind antifaschistisch (obwohl nicht alle Antifaschist:innen Anarchist:innen sind!), was einen weiteren potentiellen Weg zur Unterdrückung eröffnet, jetzt, da der Präsident auf Antifaschist:innen oder „Antifa“ fixiert ist und die Strafverfolgung weiterhin linke Aktivist:innen überwacht und ins Visier nimmt.

In der Praxis bedeutet Anarchist:in zu sein, von einer freundlicheren und gerechteren Gesellschaft zu träumen und sein Bestes zu tun, um uns diesem Traum näher zu bringen. Für jede Minute Protestmaterial, das Anarchist:innen auf der Straße zeigt, werden unzählige Stunden damit verbracht, an endlosen Treffen teilzunehmen (Anarchist:innen lieben Treffen), zu kochen und Essen und Vorräte an diejenigen zu liefern, die es brauchen, über rechtsextreme Gruppen zu recherchieren, Demonstrationen zu planen, Kinderbetreuung und andere Unterstützung für Genoss:innen bereitzustellen und an anderen gemeinschaftlich orientierten Projekten teilzunehmen. Es mag vielleicht kitschig klingen, aber im Anarchismus geht es genauso sehr um Liebe wie um Wut; es steckt eine gewisse utopische Romantik dahinter.

Anarchismus ist auch gut geeignet, um mit Katastrophen wie der Coronavirus-Pandemie fertig zu werden und bietet einen Weg nach vorne für diejenigen, die die Nase voll haben von Fehlverhalten der Regierung, liberaler Untätigkeit und den grausamen Machenschaften eines Reality-Show-Königs.

Wie wir während der Nachwirkungen von Hurrikan Katrina und Supersturm Sandy gesehen haben, können in autonomen Zonen wie Chiapas und Rojava schöne, notwendige, lebenserhaltende Welten um die freiwillige Arbeit derjenigen entstehen, die danach streben, die Dinge gemeinsam zu verbessern. Wir haben bereits unzählige gegenseitige Hilfsprojekte gesehen, die den Menschen helfen, mit dem Coronavirus fertig zu werden, und die Idee selbst – die auf den anarchistischen Philosophen Peter Kropotkin aus dem 20. Jahrhundert zurückgeht – ist zum Mainstream geworden.
Wenn man bedenkt, wie wertvoll solche Bemühungen sein können, ist es für alle gefährlich, die Anarchist:innen, die solche Bemühungen verfolgen, leichtfertig falsch darzustellen, da ihre Strategien genau das sind, was wir brauchen, um diese Krise zu überstehen.

Anarchismus als solcher hat nichts mit Gewalt, Chaos oder willkürlichen Störungen zu tun. Ja, Anarchist:innen haben manchmal gewalttätige Taktiken angewandt: Präsident William McKinley wurde am 6. September 1901 vom Anarchisten Leon Frank Czolgosz ermordet, und der Molotow-Cocktail ist bei Aufständen in Europa und Südamerika zu einem vertrauten Anblick geworden.
Aber es geht nicht um Gewalt. „Der Anarchismus hat nur ein unfehlbares, unveränderliches Motto – Freiheit“, schrieb die anarchistische Schriftstellerin und Mitbegründerin der Industrial Workers of the World, Lucy Parsons, die in die Sklaverei geboren wurde, einmal. „Die Freiheit, jede Wahrheit zu entdecken, die Freiheit, sich zu entwickeln, natürlich und vollständig zu leben“.

Trotz alledem werden Anarchist:innen immer noch zu kurz geschoren, und es gibt viele falsche Vorstellungen, Gerüchte, Propaganda und offene Lügen über Anarchismus und Anarchist:innen selbst.
Senator Tom Cotton (R-Ark.) fordert, dass das Militär gezielt gegen sie (und damit gegen Demonstrierende im Allgemeinen) vorgehen soll, zuletzt in einer viel kritisierten Kolumne der New York Times. Der leitende CNN-Medienkorrespondent Brian Stelter bezeichnete die Eigentumszerstörung in Manhattan als „Anarchie auf den Straßen“ (während echte „Anarchie auf den Straßen“ meistens wie ein Food Not Bombs-Tisch oder eine Gefängnis-Supportgruppe aussieht).

Trump hat sich wiederholt auf „professionelle Anarchist:innen“ bezogen, ein Konzept, das so absurd ist, dass es in der radikalen Gemeinschaft schon lange ein Meme ist. Und, was auch immer du vielleicht gehört hast, weder die Demokrat:innen noch der Milliardär George Soros finanzieren irgendwelche anarchistischen Gruppen. (Kein:e Anarchist:in würde sich jemals als Demokrat:in (Anhänger:innen der Partei) identifizieren, genauso wenig wie man jemals Geld von einem kapitalistischen Plutokraten wie Soros annehmen würde). Anarchistische Gruppen sind autonom und selbstfinanziert, und als eine überwiegend arme und arbeitende Gemeinschaft sind sie nicht gerade dafür bekannt, tiefe Taschen zu haben.

All diese Verschleierung und Fehlinformation ist eine Schande, denn der Anarchismus hat viele Lektionen über die Fürsorge für unsere Gemeinschaften und all die Bedürftigen zu bieten. Die Konzepte, die seinen Kern ausmachen, sind immer beliebter geworden, auch wenn der Anarchismus selbst als bloßer Durst nach Zerstörung abgetan wurde. Wie das seit langem bestehende anarchistische Kollektiv Crimethinc in ihrer Anthologie „Expect Resistance: A Field Manual“, schrieb: „Niemand ist qualifizierter als du, um zu entscheiden, wie du lebst; niemand sollte darüber abstimmen können, was du mit deiner Zeit und deinem Potential machst, es sei denn, du lädst sie dazu ein.“

Während andere die schwelenden Ruinen des amerikanischen Traums begutachten und die Politiker:innen anflehen, Gnade mit den Schwächsten zu haben, lohnt es sich, die Menschen daran zu erinnern, dass das Leben nicht so sein muss. Die Regierung hat gezeigt, dass sie uns nicht retten wird. Wir wissen, dass die Reichen uns nicht retten werden. Aber wenn wir den wahren Geist der Anarchie annehmen, vielleicht, nur vielleicht, können wir uns selbst retten.


Bildquelle: Janek Skarzynski/AFP/Getty Images