Das alternative Sicherheitsmodell Rojavas

Für E-Reader:

In den letzten Wochen sind nach dem Mord an George Floyd durch die Polizei Hunderttausende von Menschen auf die Straße gegangen um gegen Polizeigewalt und Rassismus zu demonstrieren. Der Mord löste eine riesige Protestwelle und eine Diskussion um die Reformierbarkeit und Existenzberechtigung der Polizei aus.
Die Polizei reagierte auf diese Proteste mit noch mehr Polizeigewalt. Es kam zu unzähligen Verletzten, zahlreichen Verhaftungen und weiteren Toten. Dies wirft die Frage auf, wie ein politisches System, welches auf einer blutigen Geschichte weißer Vorherrschaft, des Kolonialismus und des Kapitalismus beruht, jemals wahre Gerechtigkeit schaffen kann.

Manche Menschen setzen sich für Reformen der Polizei ein. Andere Stimmen fordern wiederum eine vollständige Auflösung und Abschaffung der Polizei. Viele Menschen können sich jedoch ein solches System, welches ohne eine staatlich privilegierte Gewalt, auskommt, nur schwer vorstellen.
Unser Artikel Eine Welt ohne Polizei hat deutlich gemacht, warum eine Reform der Polizei nicht möglich ist, und mit den Modellen in Cherán und bei den Zapatista haben wir zwei Beispiele aufgezeigt für ein gesellschaftliches Zusammenleben ohne die uns bekannte Polizei. Ein weiteres solches Modell existiert auch in Rojava, der autonomen Region in Nordsyrien.


Nachbarschaftsschutz

In Rojava arbeiten die Asayish (Streitkräfte für innere Sicherheit) und die HPC (Zivilschutzkräfte) in einer symbiotischen Beziehung zusammen, um der Gemeinschaft Sicherheit und Geborgenheit zu bieten.

Die Asayish arbeiten als Verkehrslotsen, verhaften Kriminelle, schützen Opfer häuslicher Gewalt, dienen als Sicherheitswache an den wichtigsten Regierungsgebäuden und kontrollieren den Personen- und Warenverkehr von einem Kanton zum anderen. Die HPC hingegen sind in der grundlegenden Sicherheit ausgebildete Personen, die nur in ihrer eigenen Nachbarschaft patrouillieren. Der Zweck beider Kräfte besteht ausdrücklich darin, die Menschen vor Bedrohungen von außen, wie zum Beispiel terroristischen Kräften, zu schützen. Es sind immer die HPC, die eine Nachbarschaft schützen, niemals die Asayish. Die Asayish schützen die Stadt, während die HPC die Gemeinschaft schützt. Beide Organisationen haben eine Geschlechterquote von mindestens 40 Prozent Frauen, wenn nicht sogar mehr.

Durch diese alternative Methode wird die Möglichkeit, Macht- und Autoritätshierarchien zu etablieren, erheblich eingeschränkt. Die Menschen schützen sich selbst. Die Sicherheitskräfte schützen diejenigen, mit denen sie in der Nachbarschaft leben und mit denen sie täglich interagieren. Diese Nähe stellt sicher, dass Verstöße nur selten vorkommen. Wenn sie doch vorkommen, aktivieren die Nachbarschaftskommunen sofort gemeinschaftliche Mechanismen der Gerechtigkeit, Ehre und Wiederherstellung.

Die Chancen, dass eine Gruppe eine Monopolstellung in diesem Prozess erlangt, werden weiter verringert, wenn jede Person in der Gemeinschaft ermutigt wird, sich an einem Dienstplansystem zu beteiligen. Jede Person kann sich freiwillig melden. Dies schließt ausdrücklich auch die älteren Menschen ein, die mehr Verantwortung übernehmen müssen, da die meisten jungen Männer und Frauen im Krieg gegen ISIS, das Assad-Regime und die Türkei an der Front kämpfen. Vor allem Frauen sind im Zivilschutz aktiv. Nichts gibt der Seele einer traumatisierten, vom Krieg zerrissenen Gemeinschaft mehr Kraft und Stärke, als zu sehen, wie die Matriarchen eines Viertels selbstbewusst an Straßenecken stehen und zum Schutz der Menschen mit AK-47-Gewehren bewaffnet sind. Diese Bilder erwecken keine Angst und Schrecken; sie erwecken Vertrauen in die Gemeinschaft, Stolz, Würde, Selbstachtung und Zugehörigkeit.

Die soziale Ökologie dieses Systems wird durch die Förderung der Teilhabe von Frauen, einen tiefen Respekt für den Multikulturalismus und die Anerkennung der Heiligkeit der Natur geschützt. Es reicht nicht aus, ohne erhebliche aufklärerische Anstrengungen alternative Institutionen zu schaffen, um patriarchalische, soziopolitische, wirtschaftliche und kulturelle Hierarchien aufzulösen. Dieses System wird durch konzertierte Bemühungen um Demokratisierung, Bildung und Verlernen alter Strukturen innerhalb der Gesellschaft aufgebaut. Nur so kann ein sinnvoller, langfristiger und organischer Wandel stattfinden.

Um die Gesellschaft umzuerziehen, besuchen die Menschen in Rojava Akademien für jeweils ein, zwei oder sogar drei Monate. Dies geschieht auf freiwilliger Basis, bezieht aber auch Regierungsinstitutionen mit ein. Das Bildungsministerium rekrutiert zum Beispiel Gruppen von bis zu dreißig Lehrer:innen, die an Akademien teilnehmen. Während dieses Prozesses werden die Arbeiter:innen weiterhin bezahlt. Frauen mit Kindern können ihre Kinder mitnehmen und erhalten kostenlose Kinderbetreuung, während sie wochenlang über bürgerliche Pflichten, demokratische Rechte, Geschlechterbefreiung, ökologische Nachhaltigkeit, die Geschichte des Kapitalismus und mehr lernen.
Diese Menschen kehren dann in ihre Gemeinschaften zurück und schließen sich den Asayish, den HPC, sowie den Kommunen, Kooperativen und Gemeinderäten an.


Die HPC

Wie oben angemerkt sind es die HPC, welche die grundlegende Aufgabe des Nachbarschaftsschutzes erfüllen.
In diesem von uns übersetzten Interview erklären zwei Kommandeurinnen der HPC, wie und warum ihre Organisation gegründet wurde, wie sie mit den Asayish zusammenarbeitet, sich zu ihnen verhält und sich von ihnen unterscheidet, welche Rollen sie in ihrer Gemeinschaft ausfüllen und wie sie ein neues Modell der Polizeiarbeit in einer Region aufbauen wollen, die jahrzehntelang unter dem Sicherheitsapparat des Assad-Regimes gelitten hat und die bis heute mit einer kritischen Sicherheitslage konfrontiert ist.

Zibeda Eli kommandiert die Zivilverteidigungskräfte in Qamishlo und der Region Jazira, während Samira Mihemed die Kommandantin der rein weiblichen Zivilverteidigungskräfte für Frauen (HPC-Jin) in Qamishlo ist.

Kannst du mehr über die Geschichte der HPC erzählen?

Zibeda Eli: Alles begann im Jahr 2014, als ISIS Sere Kaniye und die umliegenden Dörfer angriff. Die Kämpfe waren sehr heftig und wir sahen, dass eine andere Organisation für die Sicherheit in den Städten und Dörfern zuständig sein musste, da die anderen militärischen Strukturen damit beschäftigt waren, an der Front zu kämpfen.

Damals war der Krieg extrem schwierig und es gab einen großen Bedarf an Menschen, die lernen mussten, wie sie sich selbst und ihre Gesellschaften verteidigen konnten. Am Anfang war es sehr wichtig, dass alle lernten, wie man mit den Waffen umgehen muss, um sich selbst, ihr Land und ihre Lieben schützen zu können. Am Anfang haben wir uns sehr auf den militärischen Aspekt der Selbstverteidigung konzentriert. Nachdem die Kämpfe nachgelassen hatten, konnten wir uns den anderen Teilen der Selbstverteidigung widmen, wie zum Beispiel der Bildung.

So wurden die HPC ursprünglich in Qamishlo gegründet und verbreiteten sich später über ganz Rojava, und Schritt für Schritt begannen immer mehr Menschen, sich für den Schutz ihrer Nachbarschaften und Städte einzusetzen. Viele, die während des Krieges zu Flüchtlingen geworden waren, konnten mit Hilfe der YPG in ihre Heimat zurückkehren und wurden dann vom HPC beschützt.

Wie seid ihr heute organisiert?

ZE: Heute haben wir zwischen 13.000 und 15.000 Mitglieder:innen. Die HPC sind in allen Städten und in fast allen Dörfern in der Region Jazira vertreten. Wir arbeiten über die Kommunen in der Zivilgesellschaft.

Am Anfang, als die Organisation gegründet wurde, gab es hier viel Kriminalität und Drogenkonsum unter den Jugendlichen, aber das ist inzwischen deutlich weniger geworden.

Samira Mihemed: Für uns ist es sehr wichtig, dass wir an allen Orten präsent sind, um unsere Jugendlichen vor schlechten Entscheidungen zu bewahren und ihnen zu helfen, einen guten Weg im Leben zu wählen. Wir leben hier ein gemeinschaftliches Leben, wir sind alle füreinander verantwortlich und es ist unsere Pflicht, aufeinander aufzupassen und einander zu helfen.

Nord- und Ostsyrien hat auch eine professionelle Militärtruppe – die Syrischen Demokratischen Streitkräfte – und eine professionelle innere Sicherheitstruppe, die Asayish. Was ist der Unterschied zwischen der HPC und diesen Körperschaften?

SM: Die HPC ist an die Asayish gebunden, aber der Frauenzweig ist unabhängig, weil wir uns organisieren und die Männer uns keine Befehle geben oder in unsere Arbeit eingreifen können. Wenn ein Problem auftaucht, versuchen wir zuerst, es selbst zu lösen. Schlägt dies fehl, bringen wir das Problem zum Frauenzweig der Asayish.

Während des Krieges in Sere Kaniye [Türkische Invasion in Nord- und Ostsyrien 2019] schlossen sich andere Institutionen dem Kampf an – die Asayish, die Syrischen Demokratischen Streitkräfte und andere militärische Kräfte. Aber unsere Rolle ist anders. Unsere Aufgabe ist es, die Gesellschaft als Ganzes zu erhalten, die Gesellschaft von innen heraus zu verteidigen. Wir schützen die Gesellschaft vor allem, von Spionage bis hin zur Verhinderung des Eindringens von Drogen und verbotenen Substanzen.

ZE: Wir organisieren zusammen mit anderen Institutionen, zum Beispiel mit den Frauen der Asayish. Wir sind eine zivile Organisation, aber wir haben einige militärische Verantwortungen. Wir haben zum Beispiel das Recht, Leute festzunehmen, die das Gesetz gebrochen haben, aber wir sind verpflichtet, sie den Asayish zu übergeben, die den Fall von dort aus übernehmen. Wir selbst sind also Zivilist:innen, aber unsere Arbeit beinhaltet einige militärische Verantwortlichkeiten. Unsere Aufgabe ist es, die Asayish in zivilen Angelegenheiten zu unterstützen und ihnen zu helfen.

Was sind neben der Gewährleistung der Sicherheit in der Nachbarschaft die weiteren Aufgaben der HPC?

SM: Wir wollen den Frauen helfen, die unterdrückt werden und die Schwierigkeiten haben, ihre Lebensqualität zu verbessern. Als HPC-Jin haben wir das Recht, uns in alles einzumischen, was Frauen betrifft. Zum Beispiel, wenn eine Frau von ihrem Mann geschlagen oder misshandelt wird, oder wenn sie unterdrückt wird, haben wir das Recht einzugreifen, um die Misshandlung der Frau zu beenden. Wir besuchen auch Menschen in der Zivilgesellschaft und hören uns an, was sie zu sagen haben und sie können uns sagen, womit sie zu kämpfen haben.

Wir geben auch Seminare über die Rechte der Frauen. Zum Beispiel akzeptieren wir nicht, dass ein Mann zwei Frauen heiratet, oder dass minderjährige Mädchen heiraten. Normalerweise, wenn ein Mann ein Mädchen heiratet, das so jung ist, lassen sie sich am Ende ein oder zwei Jahre später scheiden, was dem Mädchen viel Schmerz bereitet. Das ist also der Punkt, an dem wir ein Machtwort sprechen. Unsere Pflicht ist es, die Gesellschaft zu schützen.

ZE: Der erste Schritt ist die Bildung. Haus für Haus, Nachbarschaft für Nachbarschaft, bis hinauf in die Städte und Dörfer. Die Menschen sind immer sehr glücklich und aufgeregt, wenn wir sie besuchen kommen, weil es ihnen die Möglichkeit gibt, uns und unsere Ideologie besser kennen zu lernen.

Eines unserer Hauptziele ist es, die Menschen über die Rechte der Frauen aufzuklären und die Frauen zu ermächtigen. Die Menschen in der Gesellschaft schauen zu den Frauen auf und bewundern sie, die sich der Bewegung angeschlossen haben und an der Front gegen den Feind gekämpft haben.

Könntest du den Unterschied zwischen der HPC und der Polizei des syrischen Regimes erklären, wie unterscheiden sie sich voneinander?

ZE: Die Unterschiede sind riesig. Wenn die Polizei des syrischen Regimes jemanden verhaftet, kann sie ihn missbrauchen und ihm Essen und Wasser und seine Grundrechte verweigern. Wir hingegen würden das nie tun.

Warum nicht? Weil die Leute, die sich freiwillig bei uns melden, aus freiem Willen mitmachen, weil sie mithelfen wollen, ihre Gesellschaft und die Menschen, die in ihr leben, zu schützen. Einige unserer Freiwilligen sind 18 Jahre alt, während andere 70 Jahre alt sind, und niemand arbeitet mit uns freiwillig für Geld. Die Leute im Regime sind nicht so. Sie arbeiten alle für Geld und haben nicht das Beste für die Menschen im Sinn.

Warum habt ihr eine autonome Frauenstruktur, HPC-Jin? Welche Rolle spielen Frauen in der Organisation?

SM: Es ist sehr wichtig für uns, Frauen zu helfen, sich selbst zu ermächtigen und zu verteidigen. Frauen sollten in alle Strukturen der Gesellschaft einbezogen werden und in ihnen eine Rolle spielen. Lange Zeit wurde auf die Frauen hier herabgeschaut und sie wurden nur als gut für die Ehe angesehen. Das ist etwas, was wir ändern wollen.

Deshalb geben wir Ausbildungen und Seminare für Frauen über Frauenrechte und Frauengeschichte, damit sie sich selbst und ihre Rechte kennenlernen und sich dadurch ermächtigen können. Und wir geben auch Ausbildungen, die mehr militärisch ausgerichtet sind, denn Selbstverteidigung ist ein großer Teil der Ermächtigung von Frauen. Alle Frauen sollten wissen, wie sie sich selbst verteidigen können.

Wenn nun jemand versucht, ein Mädchen oder eine Frau zu etwas zu zwingen, das sie nicht tun will, wird sie es nicht akzeptieren, weil sie die Möglichkeit hat, sich dem Militär oder einer anderen Institution anzuschließen, die sie beschützen wird. In dem System, das wir jetzt haben, gibt es Frauen in allen Institutionen und Führungspositionen. Männer und Frauen arbeiten jetzt zusammen. Die Frauen in der Zivilgesellschaft bekommen eine Menge Moral und Inspiration von uns, und wir bekommen viele Mädchen und Frauen, die sich uns anschließen wollen.

Was denkst du über den Aufstand, mit dem die Polizei in den USA nach dem Mord an George Floyd konfrontiert ist? Und was denkst du, wie unterscheidet sich deine Organisation von den Polizeikräften auf der ganzen Welt?

ZE: Die HPC unterscheiden sich darin, dass wir von den Menschen vor Ort unterstützt und zusammengesetzt werden. Bei uns arbeiten alle Rassen zusammen, um ihre Gesellschaften zu schützen und sicher zu halten. Es gibt keine Person, die als besser oder schlechter als jede andere angesehen wird, wir sind alle gleich. Zum Beispiel waren die türkischen Angriffe gegen uns Kurd:innen, aber wir Kurd:innen hatten Araber:innen, die Seite an Seite mit uns kämpften.

Die Rojava-Revolution ist für die Demokratie und ist für alle, nicht nur für die Kurd:innen. Wir wollen, dass alle, Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen, Armenier:innen und Turkmenen sich vereinen und sich gegenseitig helfen, um unsere Gesellschaften gemeinsam zu schützen.

SchwarzerPfeil
Folge uns!
Letzte Artikel von SchwarzerPfeil (Alle anzeigen)
Für E-Reader:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.