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O’Keeffe: Meine Erfahrung in Rojava


Der nachfolgende Artikel ist eine Übersetzung eines Kurzberichts von Philip Argeș O’Keeffe, der auf Komun Academy einen Erfahrungsbericht während seiner Zeit bei der YPG und in Rojava verfasst hat.


Meine Erfahrung mit Rojava begann mit sechs Monaten in der YPG während des Einsatzes, Raqqa vom Daesh (Islamischer Staat) zu befreien. Während dieser sechs Monate hatte ich das Glück, die Kameradschaft zu verstehen, die in der YPG/YPJ gedeiht. Es war erstaunlich zu sehen, wie die Ideologie wirklich in jedem Aspekt des täglichen Lebens zu sehen ist. Mit jedem Tag rückten wir weiter in Raqqa vor und mit jedem Schritt waren wir in der Lage zu sehen, wie die Menschen in ihre neu befreite Stadt zurückkehrten. Es war an diesem Punkt, dass ich begann, die ernsthafte Freude und die wilde Hingabe zu sehen, den die Menschen für ihre hart verdiente Freiheit hatten. Mit der erfolgreichen Befreiung von Raqqa hatte ich die Gelegenheit, mit der Arbeit an der zivilen Seite der Rojava-Revolution zu beginnen.

Ende Oktober kam ich nach Qamishlo, um mit Saziya Yekiti u Pistgiriya Gelan (SYPG), der Vereinigung für die Einheit und Solidarität der Völker, zu arbeiten. Das Institut war an einer Reihe von Projekten beteiligt, von der Organisation politischer Veranstaltungen bis hin zur Organisation von Gemeinschaften innerhalb des Kommunensystems. Der Hauptschwerpunkt meiner Arbeit lag in der Nachbarschaft von Heliliye. In Heliliye konnte ich das Kommunensystem aus erster Hand erleben.

Das Kommunensystem (komun) ist wirklich das schlagende Herz der Rojava-Revolution. Es basiert auf der Prämisse des Demokratischen Konföderalismus, dass die Macht von der Basis ausgeht. Auf der ersten Ebene des Systems ist die Kommune. Jede Nachbarschaft wird eine Anzahl von Kommunen haben, basierend auf ihrer Größe. Eine Kommune hat typischerweise ein kleines Gemeinschaftszentrum, welches mehrere Blöcke innerhalb des Viertels versorgt.

In der Kommune gibt es zwei Co-Vorsitzende, die von der Kommune kommen und von ihr ernannt werden. Es ist obligatorisch, dass eine der beiden Co-Vorsitzenden eine Frau ist. Neben den Co-Vorsitzenden arbeitet das Komitee, das aus Freiwilligen aus der Gemeinschaft besteht, die von der Gemeinschaft ernannt werden. Jedes Komiteemitglied ist für eine bestimmte Aufgabe zuständig: Verteidigung, Ökologie, Wirtschaft, Gesundheit, usw. Die Bereiche, die das Komitee abdeckt, können unterschiedlich sein, je nachdem, was die Menschen in den einzelnen Kommunen entscheiden. Schließlich werden die Kommunen oft von so genannten Berufsrevolutionär:innen unterstützt, die der Bewegung ihr Leben anvertraut haben.


Co-Vorsitzende:

Die Co-Vorsitzenden sind für den täglichen Unterhalt der Kommune verantwortlich. Sie bleiben in der Kommune, um sich mit den Menschen zu treffen, die die Kommune täglich besuchen. Die Co-Vorsitzenden organisieren auch formelle und informelle Treffen mit den Komiteemitgliedern, den Fachleuten und den Leuten der Kommune. Während der Treffen werden sie helfen, Diskussionen zu erleichtern, die Tagesordnung durchzugehen, Kritiken, Bedürfnisse, Wünsche und Anregungen aufzunehmen und anzusprechen. In den Fällen, in denen ein Problem nicht auf dem kleineren Hebel gelöst werden kann oder eine Anfrage einen größeren Koordinierungsaufwand erfordert, bringen die Co-Vorsitzenden sie zur Meclisa Taxa (Nachbarschaftsversammlung/Rat) in das Mala Gel (Haus des Volkes). Die Co-Vorsitzenden können jederzeit von den Leuten der Kommune entfernt werden, wenn sie als untauglich erachtet werden.


Komitees:

Die Komiteemitglieder besuchen jedes der Häuser, die zur Kommune gehören. Sie führen Diskussionen mit dem Volk, um zu verstehen, was die Kritiken, Bedürfnisse oder Vorschläge mit dem Thema, für das sie zuständig sind, zu tun haben. Anschließend leiten sie alle Kritiken, Bedürfnisse oder Vorschläge an die Co-Vorsitzenden weiter.

Zum Beispiel wurde in einer Kommune das Mitglied des Gesundheitskomitees von einer Familie darüber informiert, dass eines ihrer Familienmitglieder weiterhin an Bauchschmerzen leidet, obwohl es die vorgeschriebene Diät eingehalten und die ihm verabreichten Medikamente eingenommen hat. Da der Mann seine Wohnung nicht verlassen konnte, fuhr das Komiteemitglied für ihn ins Krankenhaus und sprach die Angelegenheit mit dem/r Ärzt:in an, der daraufhin feststellte, dass dem Mann die falschen Medikamente gegeben worden waren. Das Komiteemitglied arbeitete mit dem/r Ärzt:in zusammen, um die richtigen Medikamente zu beschaffen und brachte sie dem Mann zurück.

All diese Aspekte arbeiten mit den Menschen der Gemeinschaft zusammen, um ein System der gegenseitigen Kontrolle zu schaffen, das eine Bürokratisierung verhindert, Stagnation verhindert und sicherstellt, dass der Wille des Volkes ausgeführt wird.

Innerhalb des Systems des Demokratischen Konföderalismus ist die Kommune die kritischste Komponente, alles fließt von der Basis zu den größeren Strukturen hinauf. Der Fluss von Ideen, Kritiken, Vorschlägen und Mobilisierungen ist wie folgt;

Komun (Kommune)

Meclîsa Taxa (Nachbarschaftsversammlung)

Melclîsa Bajarê (stadtweite Versammlung)

Meclîsa Kantonê (Kantonsversammlung)

Meclisa Suriya Demokratik (Syrischer Demokratischer Rat)

Während meiner Arbeit in den Kommunen habe ich gesehen, wie sie zu einem wesentlichen Bestandteil des täglichen Lebens jeder Gemeinschaft geworden sind. Die Menschen besuchten die Kommunen jeden Tag, sei es, um einfach nur einen Tee zu trinken und zu plaudern oder um heftige Diskussionen über die globale geopolitische Situation zu führen. Das Niveau des bürgerschaftlichen Engagements übertraf bei weitem alles, was ich im Westen gesehen hatte. Bei jedem Treffen, an dem ich teilnahm, war das Haus voll und oft gab es gründliche Debatten und Diskussionen über alle Angelegenheiten. Die Leute zeigten kontinuierlich eine zähe, unermüdliche Hingabe an jeden Aspekt des gemeinschaftlichen und politischen Lebens.


Im Westen ist das bürgerschaftliche Engagement, besonders im Wahlprozess, ein ständiger Kampf. Oft aus der Erkenntnis heraus, dass wir als Individuen nicht in der Lage sind, das System zu ändern, oder dass das System schon lange nicht mehr wirklich den Willen des Volkes repräsentiert. Außerdem ist die westliche Gesellschaft und Kultur überwiegend individualistisch geworden. Die kapitalistische Moderne hat die Menschen weiter von der einen und der anderen Person isoliert, was oft die Privatisierung von oberflächlichen Statusmarkern fördert. Mit den Fortschritten in der Technologie und dem Aufkommen der sozialen Medien ist bedeutungsvolle menschliche Interaktion von Angesicht zu Angesicht immer seltener geworden.

Trotz der überwältigenden Präsenz dieser Faktoren hat es das System in Rojava geschafft, nicht nur an die Spitze aufzusteigen, sondern zu gedeihen. Das Kommunensystem und die Ideen des Demokratischen Konföderalismus haben eine synergistische Realisierung mit der bereits existierenden kollektiven Gesellschaft innerhalb der Region gebildet, wodurch die Rojava-Revolution eine lebensfähige Alternative zum Kapitalismus hervorgebracht hat. In dieser Revolution wurden und werden wir, als Menschen, mit Lektionen begabt, die uns zweifellos in die nächste Phase unserer Evolution führen werden, sollten wir es zulassen.