Rojava: Ein praktisches Beispiel für Öko-Sozialismus?

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Deutsche Übersetzung des Artikels Rojava – A practical example of ecosocialism?


Dieser Artikel, der von der Kampagne „Make Rojava Green Again“ bei C&C eingereicht wurde, stellt einen wichtigen Versuch vor, eine demokratische, feministische und ökologische Gesellschaft aufzubauen. Wir freuen uns auf weitere Diskussionen über das Rojava-Projekt.

Das Buch Make Rojava Green Again kann online gelesen (englisch) oder in gedruckter Form (auch deutsch) auf der MRGA-Website gekauft werden.


2011, im Zusammenhang mit dem arabischen Frühling, begann in Syrien ein Bürgerkrieg, in dem verschiedene bewaffnete Gruppen gegen das Regime von Bashar al-Assad kämpften. Rasch gründete eine von der Partei der Demokratischen Union (PYD) sowie anderen kurdischen, arabischen, syrischen, assyrischen und turkmenischen Parteien und Gruppen geführte Koalition mit kurdischer Mehrheit eine autonome Region im Norden Syriens: Rojava. Nach der Schaffung einer neuen Verfassung wurde 2016 schließlich die Demokratische Föderation von Nordsyrien gegründet.

Die internationale Aufmerksamkeit für Rojava nahm in den folgenden Jahren exponentiell zu, hauptsächlich wegen der entscheidenden Rolle, die die Volksverteidigungseinheiten (YPG) und die Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) im Kampf gegen die faschistischen Milizen des Daesh vor Ort spielten. In der Tat war es der heldenhafte Kampf der YPG/YPJ (mit Luftunterstützung der internationalen Koalition), der es möglich machte, Meter für Meter, Stadt für Stadt, das Terrorregime des Daesh in Syrien und Irak Anfang 2019 zu beenden.

Allerdings haben sich nur wenige westliche Medien für das gewaltige revolutionäre Projekt, das sich derzeit in Rojava entwickelt, interessiert. Seit 2012 ist dort eine neue Form einer selbstverwalteten Gesellschaft, frei von einem zentralisierten Staat, aufgebaut worden, die auf den Werten der Frauenbefreiung, Demokratie und Ökologie basiert. Basierend auf der Ideologie der kurdischen Befreiungsbewegung und den Schriften ihres Führers Abdullah Öcalan, ist dieses praktische Beispiel einer Gesellschaft mit sozialistischen Grundlagen eine Quelle der Inspiration und Hoffnung für alle linken Bewegungen. Mehr als das, Rojava zeigt, dass eine andere Gesellschaft möglich ist!


Die Internationalistische Kommune von Rojava

Die Rojava Internationalist Commune wurde 2017 von Internationalist:innen aus der ganzen Welt gegründet, unterstützt von der Jugendbewegung von Rojava (YCR/YJC). Das Ziel dieser Struktur ist es, Wissen, Fähigkeiten und Erfahrungen durch eine internationalistische Perspektive zu teilen, sowie Projekte und die Revolution in Rojava zu unterstützen. Die Kommune dient auch dazu, die Integration ausländischer Aktivist:innen in die Gesellschaft zu erleichtern. Einer der ersten Schritte war der Bau der ersten internationalistischen Akademie (benannt nach dem britischen YPJ-Freiwilligen Şehid Helîn Qereçox). Seitdem haben viele Internationalist:innen an Ausbildungskursen teilgenommen, um später an verschiedenen Arbeiten und Projekten mit der Zivilbevölkerung von Rojava teilzunehmen.

Als kollektives Lebensprojekt mit ökologischem Schwerpunkt gebaut, will die Internationalist Commune auch eine Akademie sein, um Internationalist:innen und die Bevölkerung von Rojava in Umweltbewusstsein und -praxis auszubilden. Sie dient als eine Art Laboratorium zum Aufbau einer ökologischen Gesellschaft.

Schließlich hat die Internationalist Commune in Zusammenarbeit mit dem ökologischen Komitee des Kantons Cizirê (eine der drei Regionen von Rojava : Cizirê, Kobane und Afrin) die Kampagne „Make Rojava Green Again“ ins Leben gerufen. Ziel der Kampagne ist es, Lösungen für die ökologischen Probleme der Revolution zu finden, wie z.B. Wasserknappheit, Wüstenbildung und Abhängigkeit von der Ölförderung.


Die Kampagne Make Rojava Green Again

Am Anfang war die Kampagne Make Rojava Green Again das Projekt einiger ausländischer Aktivist:innen. Heute hat sie sich über die ganze Welt verbreitet und hat mehrere lokale Zweigstellen in verschiedenen Ländern wie zum Beispiel in England, Deutschland, der Schweiz, Spanien, Italien und anderen Ländern. Auch ihre Ziele haben sich mit der Zeit weiterentwickelt und erweitert, aber drei Hauptziele haben die Kampagne von Anfang an geleitet.

Das erste Ziel war es, die Internationalistische Akademie von Rojava aufzubauen, die von einem ökologischen Ethos geleitet wird, um als funktionierendes Beispiel für ähnliche Projekte zu dienen und Ideen für die gesamte Gesellschaft zu entwickeln. Der Aufbau eines solchen Projekts ist natürlich ein langfristiger Prozess, und er ist noch nicht abgeschlossen. Aber die verschiedenen Gebäude der Akademie sind jetzt fertig gestellt und es haben bereits mehrere Ausbildungskurse für Internationalist:innen stattgefunden. Bei der Bevölkerung von Rojava konzentriert sich die Arbeit darauf, das Umweltbewusstsein zu stärken, um sich in Richtung einer ökologischen Gesellschaft zu bewegen.

Das zweite Ziel der Kampagne ist es, die ökologischen Projekte des Kantons Cizirê zu unterstützen, wobei der Schwerpunkt auf der Wiederaufforstung und dem Aufbau einer kooperativen Baumschule im Rahmen der Internationalistischen Akademie liegt. Damals gab es in Rojava noch kaum Baumschulen. Aber später wurden mehrere Baumschulen in den Städten um uns herum gegründet, und unsere wurde nicht mehr gebraucht. Wir unterstützen jedoch weiterhin finanziell und praktisch die Wiederherstellung des Hayaka-Naturreservats, das eines der letzten Naturgebiete in der Region ist. Die Wiederaufforstung dieses Gebietes ist auch heute noch im Gange.

Das endgültige Ziel ist es, materielle Unterstützung für bestehende und zukünftige ökologische Projekte der Demokratischen Selbstverwaltung zu gewinnen, einschließlich des Wissensaustausches zwischen Aktivist:innen, Wissenschaftler:innen und Expert:innen mit Komitees und Strukturen in Rojava, und eine langfristige Perspektive für eine ökologische Föderation Nordsyrien zu entwickeln. Tatsächlich fehlt es in Rojava wirklich an Ingenieur:innen aller Art, daher ist es unser Ziel, mit Spezialist:innen aus der ganzen Welt in Kontakt zu treten und sie einzuladen, um beim Aufbau dieser ökologischen Gesellschaft zu helfen.

Wir arbeiten jetzt mit verschiedenen Städten – wie z.B. Derik oder Kobane – an verschiedenen Themen zusammen, wie z.B. die Begrünung der Städte mit Bäumen oder die Konzentration auf Recyclingprojekte. An der Akademie haben wir auch hunderte von Bäumen gepflanzt und wir arbeiten derzeit an einem Pilot-Grauwasser- und Schwarzwasser-Managementsystem.


Unsere Philosophie

Wie oben beschrieben, besteht ein großer Teil unserer Kampagne darin, Projekte in Rojava im Geiste der Solidarität und des Internationalismus finanziell oder praktisch zu unterstützen. Aber unsere Arbeit hört damit nicht auf: wir beabsichtigen auch, die Ideologie der Revolution über Rojava hinaus zu verbreiten.

Die Ökologie ist – zusammen mit dem demokratischen Konföderalismus und der Frauenbefreiung – ein wesentlicher Pfeiler der Revolution in Rojava. Wie wir in unserem Buch „Make Rojava Green Again“ präsentieren, das dieses Jahr in mehreren Sprachen veröffentlicht wurde, glauben wir, dass Menschen, die der Natur entfremdet sind, von sich selbst entfremdet sind und deshalb selbstzerstörerisch sind. Unser Ziel ist es, eine „erneuerte, bewusste und erleuchtete Vereinigung hin zu einer natürlichen, organischen Gesellschaft“ (Abdullah Öcalan) zu schaffen. Bei dem, was in Rojava geschieht, geht es um mehr als nur darum, die Natur zu schützen, indem man den Schaden an ihr begrenzt; es geht darum, das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur wieder herzustellen.

Um dieses Ziel zu erreichen, stützen wir unsere Arbeit auf die Prinzipien der „sozialen Ökologie“, einer Theorie, die von dem amerikanischen libertären Theoretiker Murray Bookchin entwickelt und von Abdullah Öcalan weiterentwickelt wurde. Ihr Kernargument ist, dass die kapitalistische Moderne Umweltzerstörung und ökologische Krisen verursacht und dass sie mit Unterdrückung und Ausbeutung der Menschen einhergeht. Darüber hinaus hat die nutzlose Mentalität des Maximalprofits unseren Planeten an den Rand des Abgrunds gebracht und die Menschheit in einem Wirbelsturm aus Krieg, Hunger und sozialer Krise zurückgelassen.

Um diese Krise des Kapitalismus zu überwinden, fordert die soziale Ökologie die Schaffung einer politischen und moralischen Gesellschaft, in der die Menschheit ihre Verbindung zur Natur erneuert, indem sie sich selbst als Teil der Natur und nicht als getrennt betrachtet. Die Versöhnung zwischen Mensch und Natur beginnt damit, die Unterdrückung, Ausbeutung und Beherrschung der Natur durch den Menschen zu beenden: Wir müssen aufhören, die Natur als leblose und unendliche Ressource zu sehen. Um unseren Ansatz mit den Worten von Murray Bookchin zusammenzufassen:

„Die soziale Ökologie bringt eine Botschaft voran, die nicht nur eine Gesellschaft ohne Hierarchien und hierarchische Sensibilitäten fordert, sondern auch eine Ethik, die die Menschheit in der natürlichen Welt als ein Mittel einsetzt, um die Evolution sozial und natürlich vollständig selbstbewusst zu machen.“

Wir glauben, dass sich heute weltweit ein Wandel vollzieht und dass eine freie ökologische Gesellschaft möglich ist. Hier in Rojava arbeiten wir daran, die Widersprüche zu überwinden und eine neue demokratische, feministische und ökologische Gesellschaft aufzubauen. Lasst uns ihre Ideologie mehr und mehr verbreiten, damit sie der Menschheit überall zugute kommen kann!

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