YPJ in Rojava – warum sie existiert

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Zusammen mit der YPG (Volksverteidigungseinheiten) kontrolliert die YPJ (Frauenverteidigungseinheiten) heute den größten Teil der revolutionären Region Rojava in Nordsyrien. 2013 wurde sie gegründet und zählt laut Schätzungen 22.000 bis 26.000 Mitgliederinnen.


Die Befreiung der Frau ist eines der wesentlichen Hauptpfeiler des Demokratischen Konföderalismus. Nach Abdullah Öcalan kann eine Gesellschaft nur dann frei sein, wenn die Frau frei ist.
Öcalan prägte den Begriff Jineologie – die Wissenschaft der Frauen – eine Form des Feminismus und der Gleichberechtigung der Geschlechter.

Das Ausmaß, in dem die Gesellschaft durchgreifend transformiert werden kann, wird durch das Ausmaß der von Frauen erreichten Transformation bestimmt. In ähnlicher Weise bestimmt der Grad der Freiheit und Gleichheit der Frau die Freiheit und Gleichheit aller Teile der Gesellschaft. Auch für eine demokratische Nation ist die Freiheit der Frau von großer Bedeutung, da die befreite Frau eine befreite Gesellschaft darstellt. Die befreite Gesellschaft wiederum stellt eine demokratische Nation dar.
Darüber hinaus ist die Notwendigkeit, die Rolle des Mannes umzukehren, von revolutionärer Bedeutung. Wenn eine Gesellschaft um Frauen herum aufgebaut wird, erschreckt das die reaktionären Kräfte des patriarchalen Systems am meisten. Aus diesem Grund bemüht sich Rojava um eine Frauenquote von 40 Prozent – nicht nur in politischen und sozialen Angelegenheiten, sondern auch in militärischen.


In einer Botschaft erklärte die Sprecherin der YPJ, Nesrin Abdullah, warum die YPJ existiert, ihr Festhalten am demokratischen Konföderalismus und ihr Engagement für die Gleichstellung der Geschlechter. Diese Botschaft haben wir hier übersetzt:

„Die Menschheit erlebt eine ernste Krise auf der ganzen Welt, sowohl im Osten als auch im Westen. Symptome dieser Krise sind im Nahen Osten zu sehen. Diese Krisen wurzeln im Mangel an Gerechtigkeit, im Mangel an Demokratie, und wenn die moralischen Werte der Völker mit Füßen getreten worden sind. Letztendlich spaltet sie die Gesellschaft, in der Frauen und Kinder am meisten betroffen sind.

Die Kräfte, die die Welt anführen – obwohl sie den Einfluss haben, eine Lösung herbeizuführen – haben dazu beigetragen, diese Krisen zu vertiefen und haben im Namen der politischen Gleichgewichte und der kapitalistischen Interessen immer neue Katastrophen verursacht. Als Folge dieser Politik sind Millionen von Menschen vertrieben und Millionen getötet worden. Auch hier haben die Frauen die Last am meisten bezahlt.

Unter Ausnutzung religiöser Unterschiede und sektiererischer Faktoren führte das kapitalistische System zu einer Situation, in der sich die Völker einander gegenüberstanden. Es war schon ein kritischer Zustand, als es vorher Armeen waren, die einander gegenüberstanden, aber im 21. Jahrhundert sind die Völker der Welt gegeneinander angetreten. Auf der Grundlage eines großen Maßes an Unwissenheit hat sich ein internationaler Terrorismus über die Religion oder andere Faktoren ausgebreitet, und terroristische Gruppen wurden benutzt, um weitere Krisen zu verursachen. Heute ist ein Ort, der aus diesen Gründen leidet, Syrien. Das Syrien, das heute viele verschiedene Ethnien umfasst, hat sich in eine Wüste verwandelt, in der es unmöglich geworden ist, frei zu leben.

Autoritäre Kräfte haben in den letzten 5000 Jahren viele Methoden im Namen der Rasse, Religion, Wissenschaft, Philosophie angewandt, um ihre Autorität über das Volk zu schützen; so ist die Menschheit heute von einem kolossalen Elend bedroht. Die Lösung liegt jedoch weiterhin darin, dass die Menschen selbst entscheiden, wie sie weiterleben wollen.

Aus den genannten Gründen sind viele Systeme zerbrochen und haben große Verwüstungen angerichtet. Dennoch hat sich der demokratische Konföderalismus als ein vernünftiges und objektives Projekt für die Menschen herauskristallisiert. Er ist eine Alternative, in der sich die Menschen organisieren und selbst über ihr Schicksal entscheiden; diese Alternative garantiert Demokratie, soziale Gerechtigkeit und Gleichheit. Er hat auch die Geschwisterlichkeit der Völker garantiert, indem er sie trotz der Versuche feindlicher Akteur:innen, sich zu spalten und Blut zu vergießen, vereint hält.

Wir, die Mitglieder:innen der Rojava-Revolution, haben den demokratischen Konföderalismus als das objektivste Projekt für unsere Zukunft gewählt; unser Kampf geht im selben Rahmen weiter. Heute organisiert sich die Gesellschaft in Rojava und Nordsyrien selbst, wobei Mann und Frau gemeinsam führen und Entscheidungen treffen. In politischer, sozialer und verteidigungstechnischer Hinsicht hat diese Lebensweise positive Ergebnisse gebracht.

Im Bereich der Selbstverteidigung haben wir uns als Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) auf die Bildung unserer Einheiten geeinigt. Denn wir wussten, dass wir uns organisieren müssen, wenn wir eine gerechte und demokratische Gesellschaft aufbauen wollen, in der die Frauen geschützt sind und der Kampf um den Aufbau neuer Frauen und Männer geregelt ist. Unsere Hauptaufgaben waren der Schutz unseres Volkes und die Errichtung eines demokratischen Systems in unseren Ländern. Und auch, eine bahnbrechende Kraft der Frauen zu schaffen, die den Sieg der Revolution garantiert.

Auf dieser Grundlage haben wir uns heute in einem unerbittlichen Bemühen um die Befreiung der Unterdrückten befunden, und wir befinden uns heute auf dem Weg nach Raqqa. Auch die YPJ hat sich in die Hoffnung verwandelt, alle Frauen in unseren Ländern zu beschützen. Wir glauben, dass es immer die Selbstverteidigungskräfte der Menschen und Frauen geben sollte, nicht nur militärisch, sondern in einer intellektuellen, psychologischen und spirituellen Form. Wir sagen: ‚Erkenne dich selbst, verteidige dich selbst‘.

Wenn die Hauptstadt von ISIS in Raqqa befreit wird, bedeutet das nicht, dass der Krieg im Nahen Osten vorbei ist – es gibt immer noch Auswirkungen dieses Terrorismus. Deshalb müssen wir auf die Wurzeln des Problems schauen und anfangen, unsere Aktionen für eine demokratische Lösung für unsere Region und mit denen für die ganze Welt zu verbinden. Eine der Lösungen besteht darin, die Probleme der Menschen zu lösen – solange es eine Basis für den Terrorismus gibt, wird es eine Krise geben. Von diesen Problemen ist das kurdische Volk und sein Kampf für seine Rechte eines der offensichtlichsten.

Als die YPJ – Frauen, die seit Beginn der Revolution auf der Linie der Selbstverteidigung und des Friedens leben – werden wir den Kampf für eine Philosophie weiterführen, die Besatzung und Despotismus ablehnt, aber daran arbeitet, eine demokratische Gesellschaft aufzubauen und die wahre Frau und den wahren Mann befähigt, in Gleichheit zu leben. Unser Kampf wird so lange weitergehen, bis nicht nur unsere Länder, sondern auch unsere Gesellschaft von den traditionellen Formen der Unterdrückung befreit ist. Bis dahin werden wir bei jedem Schritt die Fahne des Kampfes hissen und die Frauen auffordern, sich diesem ehrenvollen Kampf für die Freiheit anzuschließen.“

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