Kategorien
Alle Beiträge

Ausbeutung im Spargelhof Ritter: Die Arbeiter streiken

Auf dem Erdbeer- und Spargelhof Ritter in Bornheim haben am vergangenen Wochenende rund 150 Erntehelfer:innen ihre Arbeit niedergelegt und gestreikt. Grund sind Lohnausfälle und katastrophale Zustände in den Unterkünften, gerade mit Blick auf die erforderlichen Hygiene-Maßnahmen durch das Coronavirus.

Die Arbeiter:innen sind überwiegend Saisonarbeiter:innen aus Rumänien, die in einem Containerdorf untergebracht wurden. Die Zustände in den Sanitäranlagen sind katastrophal, die Unterkünfte dreckig und nicht beheizt. Die Zimmer müssen sich bis zu fünf Personen teilen und nicht alle haben einen Mund-Nasen-Schutz. Auch berichten die Arbeiter:innen davon, dass sie teils abgelaufenes oder sogar verschimmeltes Essen ausgeteilt bekommen haben.
Das Gesundheitsamt des Rhein-Sieg-Kreises hat die Zustände in den Toiletten bei einer Begehung am vergangenen Freitag beanstandet.

Containerdorf der Arbeiter:innen, Bild: FAU Bonn

Laut Generalanzeiger berichtet ein Erntehelfer, er habe lediglich 250 Euro für einen Monat Arbeit erhalten, weit weniger als versprochen. Andere Erntehelfer:innen haben bislang gar keinen Lohn erhalten.

Seit heute Morgen findet erneut eine Demonstration statt mit dem Ziel, dass alle Arbeiter:innen ihre Löhne ausbezahlt bekommen. Organisiert wurde der Protest von der Basisgewerkschaft FAU Bonn, welche bundesweit mit anderen Syndikaten zur anarchosyndikalistischen FAU zusammengeschlossen ist. Unterstützung erhalten sie zudem unter anderem von die plattform und einigen Mitgliedern der Linkspartei.

Bild: FAU Bonn

Ihr Ärger richtet sich dabei nicht gegen Familie Ritter vom Spargelhof Ritter, sondern gegen den Insolvenzverwalter Andreas Schulte-Beckhausen, welcher seit einiger Zeit den Betrieb leitet. Aufgrund der Corona-Krise brach der Absatz von Spargel ein, sodass es Anfang des Jahres zu einem Insolvenzverfahren kam. Die Gläubigerversammlung hatte beschlossen die Spargelernte abzubrechen, wegen welcher viele Saisonarbeiter:innen aus Rumänien vorher angereist waren.
Die FAU sieht den Insolvenzverwalter unter dringendem Handlungsbedarf die ausstehenden Löhne umgehend zu begleichen. Familie Ritter unterstützt die Forderungen.

Bild: die plattform

Verlauf der Montag-Kundgebung

Die FAU Bonn teilt regelmäßig ihre Eindrücke zur Demonstration auf Twitter. Das Wichtigste hier für euch zusammengefasst:

9:14 Uhr: Drohung des Insolvenzverwalters: wer weiter streikt kriegt keinen Lohn für bereits geleistete Arbeit. Rechtlich unhaltbar.

9:32 Uhr: Den Arbeiter*innen in Bornheim fehlen Coronaschutzmasken. Das ist generell Scheiße und evtl. können sie wegen Infektionsschutzauflagen nicht an der Kundgebung teilnehmen. Wenn ihr noch auf dem weg seid, bringt bitte welche mit.

9:39 Uhr: ArbeiterInnen berichten aufgebracht, dass sie um Lohn betrogen wurden. Für 2 Wochen haben sie nur ~350€ bekommen, deutlich weniger als was sie laut Vertrag für die Arbeit bekommen sollten. Ihnen wurde gesagt, dass nicht mehr geleistete Stunden im System vermerkt wären.

10:42 Uhr: Eine Arbeiterin berichtet, das sie für 2 Wochen schufterei nur 50 Euro bekam. Es ist unerträglich das sich solche mittelalterlichen Zustände unter unseren Augen abspielen.

11:19 Uhr: Die Schergen des sogenannten „Anwalts“ Schulte-Beckhausen hindern uns weiterhin daran die Unterkünfte der Arbeiter zu begehen. Damit verstoßen sie gegen §2 BetrVG.

12:15 Uhr: Ca. 60 Spargelbäuer*innen haben heute auf dem Feld gearbeitet und würden gerne zu den Unterkünften zurückkehren um sich der Demo anzuschließen. Die Security weigert sich sie zurück zu bringen.
Sie wissen nicht wo sie sind, weil sie mit Bussen zu ihrem Arbeitsort gefahren werden. Man sagt ihnen das man sie nicht zurück zur Unterkunft bringt, sondern irgendwo anders hin.

12:30 Uhr: Wir haben gerade erfahren das in den Wohncontainern in Bornheim eine Schwerverletzte Person liegt. Die Person wurde kürzlich Operiert, ist nicht Reisefähig und kann sich kaum bewegen. Auch sie soll morgen auf die Straße gesetzt werden.

12:41 Uhr: 100 bis 200 Arbeiter*innen werden gerade auf einem Feld in Wesseling festgehalten. Sie wollen an der Demo Teilnehmen, werden aber nicht zurück gebracht. Sie wissen nicht wo sie sind.

12:54 Uhr: Den 200 Arbeiter*innen die auf dem Feld festgehalten werden wird die Fahrt zu Kantine verweigert. Man hat ihnen jetzt angeboten das man ihnen jeweils einen Döner holen kann. Den sie selber bezahlen müssen.

13:45 Uhr: Der Klassenfeind hat angekündigt das die Lohnauszahlungen die es heute Morgen nicht gab nun in den Unterkünften stattfinden, weil die Security uns davon abhält da rein zu kommen. Feudalismus 2020.

15:20 Uhr: Die Lohnauszahlung beginnt, wir sind vor Ort. Mehr Infos gleich.

15:27 Uhr: Die Lohnauszahlungslisten sind wohl immer noch nicht aktuell. Die Lohnauszahlung beginnt trotzdem. Wir versuchen reinzukommen. Weiteres gleich.

15:36 Uhr: Wir versuchen die Arbeiter*innen mit Vollmachten eines Anwalts auszustatten bevor sie zur Lohnauszahlung gehen. Wie es aussieht kriegen wir das Begehungsrecht juristisch durchgesetzt. Der Security Stiernacken macht aber immer noch Faxen.

15:38 Uhr: Einer unserer Dolmetscher wird von der Polizei festgehalten, warum ist unklar. Anscheinend Vorwürfe der Security.

16:15 Uhr: Der RockerAtzen Security sagt wir können nicht mit unserem Anwalt bei der Lohnauszahlung dabei sein, weil da läge viel Geld rum und wir oder unser Anwalt könnten das ja klauen.

16:22 Uhr: Es werden jetzt Arbeiter*innen einzeln in ein Büro gebeten, wo sie ihren Lohn erhalten und ein Schriftstück unterschreiben sollen. Unser Anwalt kommt mit.

16:35 Uhr: Die Arbeiter*innen sollen nur etwa 600 Euro ausgezahlt bekommen. Sie sind sehr unzufrieden.

18:08 Uhr: Leute Klappen zusammen weil kein Trinkwasser. Keine Versorgung durch den Arbeitgeber bei der Lohnauszahlung.

18:23 Uhr: Lohnauszahlungen variieren Stark. Eine Person hat wohl nur 5 Euro bekommen. Leute brechen zusammen weil kein Trinkwasser, Aufregung und Sonne.

18:25 Uhr: Die Vermutung liegt nahe das es die Strategie des Insolvenzverwalters ist die Arbeitnehmer*innen gegeneinander aufzuhetzen, in dem den einen 600 Euro bezahlt und anderen nur 50 oder 70.

18:49 Uhr: Nur um das noch einmal zu verdeutlichen: die Leute die gerade mit kleinstbeträgen abgespeist wurden, können sich nun nicht einmal die Heimreise nach Rumänien leisten.
Sie stehen vor dem Nichts.

Fortsetzung des Arbeitskampfes

19. Mai: Der Streik wird fortgesetzt. Es findet eine Kundgebung vor der Kanzlei des Insolvenzverwalters statt. Jedoch ist die Kanzlei verwaist und von Schulte-Beckhausen gibt es keinerlei Statement.
Es stellt sich zudem heraus, dass bei SpargelRitter auch deutsche Erdbeerpflücker eingestellt wurden, natürlich zu sehr viel besseren Konditionen. Deren Arbeit wurde aufgrund des „hitzigen Tages gestern“ abgesagt.
Einige Zeit später lief die Demo den Rhein entlang zum Rumänischen Konsulat. Die FAU Bonn hatte ein produktives Gespräch mit dem Konsul in Bonn.
Morgen ist der Stichtag an dem die Arbeiter:innen aus der Unterkunft verwiesen werden sollen.

20. Mai: Die rumänische Ministerin Alexandru hat sich angekündigt. Gleichzeitig wird den Arbeiter:innen gedroht die Unterkunft zu verlassen. Nach Bekanntgabe der bald anreisenden Ministerin wird das vermüllte Gelände vor der Unterkunft der Arbeiter:innen mit schweren Geräten aufgeräumt. Offenbar soll die Ministerin keinen falschen Eindruck der Zustände bekommen.
Gegen 13 Uhr hat Alexandru das Gelände betreten und den Kontakt zu den Arbeiter:innen vor Ort aufgenommen. Gewerkschaftliche Vertreter:innen sind bei dieser Zusammenkunft nicht anwesend, da die Security ihnen derzeit den Zutritt verwehrt.
Laut Übersetzer wurde zugesichert, dass entsprechend dem gearbeiteten Pensum ausgezahlt werden soll. Die FAU Bonn fordert nach wie vor die vertraglich zugesicherte Entlohnung nach Mindestlohn, mindestens für die vertraulich festgelegte Stundenanzahl.
Ministerin Alexandru verspricht den Arbeiter:innen organisierte kostenlose Rückflüge in 2-3 Tagen für diejenigen, die keine andere Rückkehrmöglichkeiten haben. Alternativ soll eine Weitervermittlung an andere Höfe durch den Bauernverband erfolgen. Sie habe mit dem Insolvenzverwalter gesprochen, der zusichert, dass alle Löhne korrekt ausgezahlt werden sollen – allerdings über das Ministerium.

21. Mai: Der Kampf geht weiter. Noch immer wurden nicht alle Arbeiter:innen korrekt ausbezahlt.
16 Erntehelfer:innen wurden am gestrigen Tag Stellen auf einem anderen Hof angeboten. Die Arbeiter:innen wollen sich allerdings nicht weiter verarschen lassen und fragten sofort nach Lohn, Unterkunft und Rückreise und schickten einen Kollegen zur Betriebsbesichtigung. Diese ergab, dass der Spargelhof Ritter kein Einzelfall ist. Die Unterkünfte sind auch dort katastrophal, sodass die Arbeiter:innen sich dagegen entschieden haben dort zu arbeiten. Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen sind für Erntehelfer:innen an der Tagesordnung, wie auch die Streiks bei HasciendasBio (Spanien) oder bei Sciopero (Italien) zeigen.

22. Mai: Ein Bus mit rund zehn Arbeiter:innen fährt aus Bornheim Richtung Heimat los. Vorher sagten die Arbeiter:innen Folgendes zu den Unterstützer:innen des Streiks: „Wir werden euch sehr vermissen! Ohne euch hätten wir nicht so lange durchgehalten. Wir werden keinen Tag vergessen und noch unseren Kindern davon erzählen.“

23. Mai: Gewerkschafter:innen der FAU Bonn haben mit Unterstützung eines Anwalts gegen die Räumung der Unterkünfte interveniert. Außerdem wurde das Konsulat und die Stadtverwaltung informiert. Die Räumung ist ausgesetzt und die Arbeiter dürfen bis Montag in den Unterkünften bleiben.


Ein großes Dankeschön geht an die FAU Bonn und die plattform für die Erlaubnis die Bilder hier zu teilen.

Webseite der FAU Bonn
FAU Bonn auf Twitter
Webseite von die plattform
die plattform auf Twitter